{"id":12521,"date":"2023-01-30T09:26:45","date_gmt":"2023-01-30T07:26:45","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12521"},"modified":"2023-01-30T09:26:46","modified_gmt":"2023-01-30T07:26:46","slug":"90-jahre-seit-hitlers-machtuebernahme-ein-finsteres-jubilaeum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12521","title":{"rendered":"<strong>90 Jahre seit Hitlers Macht\u00fcbernahme \u2013 ein finsteres Jubil\u00e4um<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Schwarz. <\/em>Vor 90 Jahren, am 30. Januar 1933, ernannte Pr\u00e4sident Paul von Hindenburg den F\u00fchrer der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, Adolf Hitler, zum Kanzler des Deutschen Reiches. Die \u00dcbergabe der Macht an die Nazis hatte furchtbare Folgen. Hitler errichtete zwar nicht das angek\u00fcndigte Tausendj\u00e4hrige Reich, seine Herrschaft endete<!--more--> nach zw\u00f6lf Jahren. Doch die Verbrechen, die sein Regime in diesen zw\u00f6lf Jahren beging, \u00fcberstiegen alles bisher Vorstellbare und h\u00e4tten ausgereicht, tausend Jahre zu f\u00fcllen.<\/p>\n<p>Die Nazis errichteten innerhalb weniger Monate eine Terrorherrschaft, die modernste Mittel der Propaganda mit l\u00fcckenloser \u00dcberwachung und gnadenloser Unterdr\u00fcckung verband. Sie zerschlugen die Arbeiterorganisationen, ermordeten ihre F\u00fchrer und Mitglieder oder steckten sie in eigens zu diesem Zweck errichtete Konzentrationslager.<\/p>\n<p>Sie verwandelten Deutschland, das lange als Nation der Kultur und des industriellen Fortschritts galt, in eine barbarische Kampfmaschine. Sechseinhalb Jahre nach seiner Ernennung zum Reichskanzler er\u00f6ffneten Hitlers Armeen mit dem \u00dcberfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg. Im Sommer 1941 folgte der minuti\u00f6s geplante Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, durch den 27 Millionen Sowjetb\u00fcrger get\u00f6tet wurden.<\/p>\n<p>Ihren Gipfel erreichte die Barbarei der Nazis mit der industriellen Vernichtung von sechs Millionen Juden sowie von Hunderttausenden Sinti und Roma, die mit b\u00fcrokratischer Gr\u00fcndlichkeit registriert, gesammelt, in Vernichtungslager transportiert, selektiert, vergast und verbrannt wurden.<\/p>\n<p>Zehn Jahre nach Hitlers Macht\u00fcbernahme, am 2. Februar 1943, leitete die Niederlage der Wehrmacht in Stalingrad die Kriegswende ein. Nun fiel der Krieg auf Deutschland selbst zur\u00fcck. Hunderttausende starben im Bombenhagel der Alliierten. Als sich Hitler am 30. April 1945 eine Kugel durch den Kopf jagte und Deutschland kapitulierte, lag das Land in Tr\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Seither herrschte lange Zeit Konsens, dass sich derartige Verbrechen niemals wiederholen d\u00fcrfen. Inzwischen ist dies nicht mehr der Fall. Die deutsche Regierung feiert den 90. Jahrestag von Hitlers Macht\u00fcbernahme, indem sie deutsche Leopard-Kampfpanzer in Richtung Russland in Bewegung setzt. Sie r\u00e4cht sich f\u00fcr die Niederlage in Stalingrad vor 80 Jahren, indem sie die Eskalation des Ukrainekriegs bis zur milit\u00e4rischen Unterwerfung Russlands plant.<\/p>\n<p>Das Oberkommando der Nato l\u00e4sst seit Monaten \u201edrei regionale Operationspl\u00e4ne f\u00fcr das gesamte B\u00fcndnisgebiet ausarbeiten\u201c, berichtet der <em>Spiegel<\/em> in seiner j\u00fcngsten Ausgabe. In den \u201eTelefonbuch-dicken Pl\u00e4nen mit vielen Anh\u00e4ngen\u201c werde \u201edetailliert beschrieben, welche F\u00e4higkeiten in welchen milit\u00e4rischen Dimensionen von Cyber \u00fcber Weltraum bis hin zu Marine, Luftwaffe oder den Landstreitkr\u00e4ften zum Einsatz kommen k\u00f6nnten\u201c. US-Gener\u00e4le spekulieren mittlerweile dar\u00fcber, ob der Krieg gegen China \u2013 eine weitere Atommacht \u2013 in zwei oder vier Jahren beginnen soll.<\/p>\n<p>Hitler w\u00e4re begeistert. Er w\u00fcrde die Offensive der Nato uneingeschr\u00e4nkt unterst\u00fctzen und laut applaudieren, wenn jetzt auch der Einsatz von Kampfpanzern und U-Booten gefordert wird.<\/p>\n<p>Die Rehabilitierung Hitlers hat in Deutschland bereits vor Jahren begonnen. Als der Historiker Ernst Nolte in den 1980er Jahren den Nationalsozialismus als verst\u00e4ndliche Reaktion auf die russische Oktoberrevolution darstellte, war ihm im \u201eHistorikerstreit\u201c noch ein Sturm der Entr\u00fcstung entgegengeschlagen.<\/p>\n<p>Als Humboldt-Professor J\u00f6rg Baberowski 2014 Nolte im <em>Spiegel<\/em> rehabilitierte und verk\u00fcndete, \u201eHitler war nicht grausam\u201c, richtete sich die Entr\u00fcstung gegen die Sozialistische Gleichheitspartei (SGP), die Baberowski deshalb \u00f6ffentlich kritisierte. Wie die SGP damals erkl\u00e4rte, war die Rehabilitierung Hitlers untrennbar mit der Wiederbelebung des deutschen Militarismus verbunden.<\/p>\n<p>Das best\u00e4tigt sich nun im Ukrainekrieg. Er dient der deutschen Regierung als Vorwand f\u00fcr die gr\u00f6\u00dfte Aufr\u00fcstungsoffensive seit Hitler. Der Krieg wurde von der Nato durch ihr st\u00e4ndiges Vorr\u00fccken nach Osten und den Putsch von 2014 in Kiew gezielt provoziert. Er ist Bestandteil einer gewaltsamen Neuaufteilung der Welt unter den imperialistischen Gro\u00dfm\u00e4chten, angetrieben von der tiefen Krise des Kapitalismus. Sein Ziel ist die Zerschlagung Russlands, die Aufteilung seiner immensen nat\u00fcrlichen Ressourcen und die Einkreisung Chinas.<\/p>\n<p>Das rechtfertigt in keiner Weise den reaktion\u00e4ren russischen Einmarsch in der Ukraine. Das Putin-Regime verk\u00f6rpert die Interessen der russischen Oligarchen, die 1991 die Sowjetunion aufl\u00f6sten und das gesellschaftliche Eigentum pl\u00fcnderten. Die Offensive der Nato ist der Preis, den die russische Bev\u00f6lkerung nun f\u00fcr die Zerst\u00f6rung der Errungenschaften der Oktoberrevolution von 1917 zahlt. Was Hitlers Panzer 1943 nicht vollbringen konnten, versuchen Berlin und Washington mithilfe der Nato und ihrer Marionette in Kiew zu erreichen. Das kann nur eine gemeinsame Offensive der internationalen Arbeiterklasse verhindern.<\/p>\n<p><strong>Lehren aus Hitlers Aufstieg<\/strong><\/p>\n<p>Die historischen Lehren aus Hitlers Aufstieg sind hier von brennender Aktualit\u00e4t. Anders als oft behauptet, wurde er nicht durch eine Volksbewegung an die Macht getragen, gegen\u00fcber der sich die Verteidiger der Demokratie als machtlos erwiesen. Er musste die Staatsmacht nicht erobern, sie wurde ihm von den politischen, wirtschaftlichen und milit\u00e4rischen Eliten \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Als Hitler 1933 in die Reichskanzlei einzog, waren die demokratischen Institutionen der Weimarer Republik l\u00e4ngst zerst\u00f6rt. Seit drei Jahren regierten die Kanzler mit Notverordnungen, die der Reichspr\u00e4sident unterzeichnete.<\/p>\n<p>Hitlers NSDAP, die entt\u00e4uschte Weltkriegsoffiziere, durch Inflation und Depression ruinierte Kleinb\u00fcrger und andere deklassierte Elemente unter dem Banner von Rasse und Antikommunismus sammelte, erreichte im Sommer 1932 mit 37 Prozent ihr bestes Wahlergebnis. Danach zerfiel sie rasch. Als der Reichstag vier Monate sp\u00e4ter erneut gew\u00e4hlt wurde, erhielten die beiden Arbeiterparteien, SPD und KPD deutlich mehr Stimmen als die Nazis. Die Partei stand vor dem Bankrott, Hitler drohte mit Selbstmord.<\/p>\n<p>In dieser Krise fiel die Entscheidung zugunsten Hitlers in einem kleinen Verschw\u00f6rerkreis um Reichspr\u00e4sident von Hindenburg. Wirtschaft und Milit\u00e4r signalisierten ihre Zustimmung. Sie unterst\u00fctzten Hitler nicht, weil sie sich in seinen Absichten t\u00e4uschten, sondern weil sie genau wussten, was er vorhatte.<\/p>\n<p>Den f\u00fchrenden Vertretern der Wirtschaft hatte Hitler bereits im Januar 1932 in einer Rede vor dem Industrie-Club D\u00fcsseldorf versprochen, die Demokratie abzuschaffen, den Klassenkampf und den \u201eBolschewismus\u201c zu unterdr\u00fccken und neuen Lebensraum f\u00fcr Deutschland zu erobern. Er hatte sie beruhigt, dass die Nazis trotz gelegentlicher antikapitalistischer Rhetorik das Privateigentum und die Einkommensunterschiede im Volk nicht antasten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Mit den Spitzen der Reichswehr traf sich Hitler vier Tage nach seiner Regierungs\u00fcbernahme, um die letzten Zweifel auszur\u00e4umen. Nach einleitenden Ausf\u00fchrungen \u00fcber die Bedeutung der \u201eRasse\u201c versprach er ihnen eine \u201eAusweitung des Lebensraums des deutschen Volkes mit bewaffneter Hand\u201c. Als Voraussetzung m\u00fcsse \u201ejede zersetzende Meinung auf das Sch\u00e4rfste unterdr\u00fcckt\u201c und der \u201eMarxismus vollst\u00e4ndig vernichtet\u201c werden.<\/p>\n<p>Mit ihrer Entscheidung f\u00fcr Hitler reagierten Kapital und Milit\u00e4r auf die ausweglose Krise des Kapitalismus. Eingezw\u00e4ngt in der Mitte Europas konnte die dynamische deutsche Industrie nur durch gewaltsame Eroberung expandieren. Daf\u00fcr musste der Klassenkampf unterdr\u00fcckt und die Arbeiterbewegung zerschlagen werden.<\/p>\n<p>Aus demselben Grund werden auch heute wieder faschistische Kr\u00e4fte gef\u00f6rdert. Und das nicht nur in Deutschland, wo die AfD im Parlament sitzt und die Regierungslinie des Militarismus, der Durchseuchung und der Fl\u00fcchtlingshetze bestimmt. Trumps Republikaner in den USA und Bolsonaros Anh\u00e4nger in Brasilien weisen klare faschistische Z\u00fcge auf. In Italien stellen Mussolinis Erben die Regierungschefin.<\/p>\n<p>Die Bereicherungsorgie der vergangenen Jahre hat die Klassengegens\u00e4tze bis zur Explosion getrieben. Einige Dutzend Individuen besitzen mehr Verm\u00f6gen als die \u00e4rmere H\u00e4lfte der Menschheit. Auch wohlhabende Vertreter der Mittelklasse \u2013 die oberen zehn Prozent \u2013 haben sich bereichert. Sie bilden heute die wichtigste gesellschaftliche Basis des Militarismus. Der Lebensstandard der Arbeiterklasse ist dagegen massiv gesunken, die Arbeitsbedingungen werden zunehmend unertr\u00e4glich, Proteste und Streiks nehmen weltweit zu.<\/p>\n<p>Das bildet die objektive Grundlage f\u00fcr den Kampf gegen Krieg und Faschismus. 1933 h\u00e4tten die 13 Millionen W\u00e4hler von SPD und KPD Hitler stoppen k\u00f6nnen. Sie waren bereit zu k\u00e4mpfen, doch ihre F\u00fchrer versagten. Die SPD weigerte sich strikt zu k\u00e4mpfen und vertraute auf den Staat und Hindenburg. Die KPD verfolgte unter dem Einfluss Stalins eine ohnm\u00e4chtige, hirnlose Politik. Sie bezeichnete die SPD als \u201eSozialfaschisten\u201c und lehnte ein Defensivb\u00fcndnis gegen die Nazis ab.<\/p>\n<p>\u201eDas deutsche Proletariat war sowohl an Zahl wie an Kultur stark genug, sein Ziel zu erreichen, aber die F\u00fchrer der Arbeiterschaft haben sich als unf\u00e4hig erwiesen\u201c, bilanzierte Leo Trotzki, der unerm\u00fcdlich f\u00fcr eine Politik der Einheitsfront gek\u00e4mpft hatte.<\/p>\n<p>Wie damals kann auch heute nur eine unabh\u00e4ngige, sozialistische Bewegung der internationalen Arbeiterklasse den Vormarsch von Faschismus und Militarismus stoppen. Das Internationale Komitee der Vierten Internationale und seine deutsche Sektion, die Sozialistische Gleichheitspartei, bauen die politische Partei auf, die eine solche Bewegung f\u00fchren kann.<\/p>\n<p><em>#Bild: Adolf Hitler und Reichspr\u00e4sident Paul von Hindenburg am 21. M\u00e4rz 1933 in Potsdam [Photo by Bundesarchiv, Bild 183-S38324 \/ <\/em><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/\"><em>CC BY-SA 3.0<\/em><\/a><em>]<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/01\/29\/pers-j29.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. Januar 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Schwarz. Vor 90 Jahren, am 30. Januar 1933, ernannte Pr\u00e4sident Paul von Hindenburg den F\u00fchrer der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, Adolf Hitler, zum Kanzler des Deutschen Reiches. 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