{"id":12537,"date":"2023-02-01T10:14:19","date_gmt":"2023-02-01T08:14:19","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12537"},"modified":"2023-02-01T10:14:20","modified_gmt":"2023-02-01T08:14:20","slug":"unwuerdiges-und-luegnerisches-gedenken-an-die-ausschwitz-befreiung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12537","title":{"rendered":"<strong>Unw\u00fcrdiges und l\u00fcgnerisches Gedenken an die Ausschwitz-Befreiung<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Clara Weiss. <\/em>Die Gedenkveranstaltungen zum 78. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz fanden am 27. Januar unter unw\u00fcrdigen Bedingungen statt. Inmitten der Eskalation des Kriegs gegen Russland in der Ukraine wurde das Gedenken an die Befreiung v\u00f6llig von imperialistischer Kriegspropaganda und rechter Geschichtsf\u00e4lschung \u00fcberschattet.<!--more--><\/p>\n<p>Auschwitz ist in den Augen von Millionen Menschen auf der ganzen Welt das wichtigste Symbol der Verbrechen, die der Faschismus im 20.\u00a0Jahrhundert begangen hat. Das Lager Auschwitz-Birkenau wurde am 27. Januar 1945 von der Roten Armee der Sowjetunion befreit. Bei ihrer Ankunft fanden die Soldaten einen riesigen Komplex von Vernichtungs- und Arbeitslagern vor. Hier waren mehr als eine Million Menschen ermordet worden, darunter 900.000 europ\u00e4ische Juden.<\/p>\n<p>Insgesamt wurden w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen nach Auschwitz deportiert, darunter mindestens 140.000 Polen, 20.000 Sinti und Roma (von denen fast alle ermordet wurden) und 10.000 sowjetische Kriegsgefangene. Viele Tausende mussten in den Arbeitslagern f\u00fcr den deutschen Chemie- und Pharmakonzern IG Farben schuften. Das war der Vorg\u00e4nger von BASF und Bayer, die heute zu den gr\u00f6\u00dften und einflussreichsten Konzernen der Welt z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Aber diese historischen Fakten wurden bei den offiziellen Gedenkzeremonien systematisch in den Hintergrund gedr\u00e4ngt, und die Veranstaltungen wurden g\u00e4nzlich in den Dienst der imperialistischen Kriegspropaganda gegen Russland gestellt. Es ging nicht mehr darum, das Andenken an die Ermordeten und die wenigen heute noch verbliebenen \u00dcberlebenden des Holocaust zu ehren. Stattdessen wurde Kriegspropaganda betrieben, um neue Verbrechen des Imperialismus zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Von vorneherein war klar, dass Russland von allen Zeremonien ausgeladen w\u00fcrde, obwohl die Rote Armee vor 78 Jahren das Lager und einen Gro\u00dfteil Osteuropas befreit hatte.<\/p>\n<p>Der Direktor der Gedenkst\u00e4tte Auschwitz, Piotr Cywi\u0144ski, stellte nicht die Verurteilung der Verbrechen des Faschismus und des Nationalsozialismus in den Mittelpunkt seiner Rede, sondern er verharmloste bewusst die Verbrechen der Nazis, indem er den russischen Einmarsch in die Ukraine mit den Kriegen Hitlers und dem Holocaust gleichsetzte: \u201eAuschwitz ist aus Machtgier und Gr\u00f6\u00dfenwahn hervorgegangen\u201c, sagte Cywi\u0144ski. \u201e[Heute] existiert ein \u00e4hnlicher Gr\u00f6\u00dfenwahn, eine \u00e4hnliche Machtgier und \u00e4hnliche Mythen \u00fcber Einzigartigkeit, Gr\u00f6\u00dfe, \u00dcberlegenheit &#8230; blo\u00df in Russland geschrieben. Einmal mehr sterben in Europa massenhaft unschuldige Menschen.\u201c<\/p>\n<p>Nach wie vor ist Auschwitz vorwiegend als wichtiger Schauplatz des Holocaust bekannt: In den dortigen Gaskammern wurde ein Sechstel der sechs Millionen Opfer des Holocaust ermordet. Aber Cywi\u0144ski ignorierte in seiner Rede weitgehend den Holocaust und die Vernichtungslager der Nazis. Er erw\u00e4hnte Schaupl\u00e4tze von Nazi-Massakern an polnischen, franz\u00f6sischen und tschechischen Zivilisten, nicht jedoch den Massenmord an Juden, als er sagte: \u201eDer Wola-Bezirk in Warschau, Zamojszczyzna, Oradour und Lidice hei\u00dfen heute: Butscha, Irpin, Hostomel, Mariupol und Donezk.\u201c<\/p>\n<p>Was die von Cywi\u0144ski aufgez\u00e4hlten ukrainischen St\u00e4dte betrifft, so haben die imperialistischen M\u00e4chte bisher f\u00fcr die angeblich dort begangenen russischen Kriegsverbrechen keine \u00fcberzeugenden Beweise geliefert. Ganz anders die erw\u00e4hnten Verbrechen der Nationalsozialisten: Zweifelsfrei ist erwiesen, dass die Nazis bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstands 1944 im Bezirk Wola zwischen 40.000 und 50.000 Polen ermordet haben. Im Massaker von Lidice waren es 340 tschechische Zivilisten, und im franz\u00f6sischen Oradour-sur-Glane 643 franz\u00f6sische Zivilisten, die ermordet wurden. Die Deportation von mehr als 100.000 Polen aus der Region Zamojszczyzna war Teil der ethnischen S\u00e4uberungen des Generalplans Ost der Nazis, der die Vertreibung der slawischen Bev\u00f6lkerung und die Ansiedlung von Deutschen in Osteuropa vorsah.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Tatsache, dass der Leiter der Gedenkst\u00e4tte Auschwitz die erw\u00e4hnten Orte st\u00e4rker betonte als die St\u00e4tten des Holocaust, gibt es keine harmlose Erkl\u00e4rung. Diese Massaker werden seit langem instrumentalisiert \u2013 besonders von polnischen, aber auch von anderen europ\u00e4ischen Rechtsextremisten \u2013 um die Verbrechen der Nazis an der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerungen zu relativieren. Denn bei letzteren unterst\u00fctzten nationalistische und rechtsextreme Kr\u00e4fte die Nazis stillschweigend, wenn sie nicht sogar direkt daran beteiligt waren.<\/p>\n<p>Der polnische Ministerpr\u00e4sident Mateusz Morawiecki von der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) ging auf Facebook sogar noch weiter: \u201eWir sollten uns am Jahrestag der Befreiung des Nazi-Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau daran erinnern, dass Putin im Osten neue Lager baut.\u201c F\u00fcr diese au\u00dfergew\u00f6hnliche Behauptung nannte er keinerlei Beweise. Nur wenig sp\u00e4ter prahlte er auf Facebook mit der Rolle, die Polen dabei gespielt habe, Deutschland dazu zu bringen, Leopard-2-Panzer an die Ukraine f\u00fcr den Krieg gegen Russland zu liefern.<\/p>\n<p>Die Partei, der Morawiecki angeh\u00f6rt, hat eine Schl\u00fcsselrolle bei den Kriegsvorbereitungen der Nato gegen Russland gespielt. Sie ist von rechtsextremen und antisemitischen Kr\u00e4ften durchsetzt. Im Jahr 2018 verbot die polnische Regierung die Erforschung und \u00f6ffentliche Erw\u00e4hnung der Verbrechen polnischer Antisemiten w\u00e4hrend des Holocaust. Seitdem hat sie eine gro\u00dfe S\u00e4uberungsaktion in akademischen Institutionen und Museen durchgef\u00fchrt und Personen entlassen, die sich gegen den rechtsextremen Geschichtsrevisionismus der Regierung stellten. Im Jahr 2019 lie\u00df die PiS-Regierung tats\u00e4chlich zu, dass <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/02\/01\/pers-f01.html\">eine Bande Faschisten<\/a> am 74. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz im Lager aufmarschieren konnte.<\/p>\n<p>Die beispiellose Verbreitung von Kriegspropaganda und die bewusste Verharmlosung der Verbrechen des Nationalsozialismus, die den Auschwitz-Gedenktag \u00fcberschatteten, sind untrennbar mit der erneuten Explosion des imperialistischen Militarismus verbunden.<\/p>\n<p>Die Verbrechen von Auschwitz und des deutschen Faschismus im weiteren Sinn beruhten letzten Endes auf dem Zusammenbruch des kapitalistischen Systems. Die Nazi-Bewegung wurde von der deutschen herrschenden Klasse an die Macht gebracht, um die Arbeiterbewegung zu zerschlagen und die Hegemonie des deutschen Imperialismus in Europa zu etablieren. Der giftige Antisemitismus des Nationalsozialismus beruhte haupts\u00e4chlich auf der politischen und ideologischen Reaktion gegen die Arbeiterbewegung, die dem Internationalismus und Sozialismus verpflichtet war. Die Zerst\u00f6rung der Sowjetunion wurde zum strategischen Ziel des deutschen Imperialismus.<\/p>\n<p>Zum einen wollte Deutschland den deformierten Arbeiterstaat zerst\u00f6ren, der aus der Oktoberrevolution von 1917 hervorgegangen war, und der internationalen Arbeiterklasse damit einen schweren Schlag versetzen. Zum anderen strebte der deutsche Imperialismus danach, die immensen Rohstoffquellen der Region unter seine Kontrolle zu nehmen, um seine Position gegen\u00fcber seinen wichtigsten imperialistischen Rivalen, vor allem den USA, zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Diese Ziele bildeten die Grundlage f\u00fcr einen Krieg, der bis heute der blutigste in der Geschichte der Menschheit ist. Er basierte von Anfang an auf verbrecherischen Befehlen, die Deutschland au\u00dferhalb aller etablierten Normen der Kriegsf\u00fchrung stellten. In einem solchen kriminellen Befehl von Erich H\u00f6pner, dem Kommandanten der 4. Panzergruppe, vom 2. Mai 1941 hie\u00df es:<\/p>\n<p><em>Der Krieg gegen Russland ist ein wesentlicher Abschnitt im Daseinskampf des deutschen Volkes. Es ist der alte Kampf der Germanen gegen das Slawentum, die Verteidigung europ\u00e4ischer Kultur gegen moskowitisch-asiatische \u00dcberschwemmung, die Abwehr des j\u00fcdischen Bolschewismus. Dieser Kampf muss die Zertr\u00fcmmerung des heutigen Russland zum Ziele haben und deshalb mit unerh\u00f6rter H\u00e4rte gef\u00fchrt werden. Jede Kampfhandlung muss in Anlage und Durchf\u00fchrung von dem eisernen Willen zur erbarmungslosen, v\u00f6lligen Vernichtung des Feindes geleitet sein. Insbesondere gibt es keine Schonung f\u00fcr die Tr\u00e4ger des heutigen russisch-bolschewistischen Systems.<\/em><\/p>\n<p>Der \u00dcberfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 stellte nicht nur einen entscheidenden Wendepunkt im Krieg dar, sondern auch in der Entwicklung des Holocaust. Die Gaskammern von Auschwitz wurden nur wenige Monate sp\u00e4ter in Betrieb genommen, w\u00e4hrend derer die nationalsozialistische Wehrmacht die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung der besetzten Sowjetunion mit Massenerschie\u00dfungen ausl\u00f6schte. Die gro\u00dfe Mehrheit der Holocaust-Opfer wurde zwischen Sommer 1941 und Ende 1943 ermordet.<\/p>\n<p>Die Rote Armee k\u00e4mpfte gegen den Einmarsch der Nazis und spielte die zentrale Rolle im Sieg \u00fcber Hitler-Deutschland. Sie bestand aus Soldaten aller Nationalit\u00e4ten der Sowjetunion. Leo Trotzki hatte sie 1918 gegr\u00fcndet, um die Errungenschaften der Oktoberrevolution von 1917 gegen die imperialistischen Invasionsarmeen zu verteidigen. Trotz der schrecklichen Verbrechen des Stalinismus trug die Rote Armee auch in den 1940er Jahren noch immer den Geist der sozialistischen Revolution und des sozialen Fortschritts in sich.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass die westlichen Regierungen Russland von den offiziellen Feierlichkeiten ausluden, war daher nicht nur eine schwere politische Provokation, sondern auch Teil der systematischen Bestrebungen, Antikommunismus zu verbreiten und die Geschichte zu f\u00e4lschen.<\/p>\n<p>Allerdings stellte Russlands Pr\u00e4sident Wladimir Putin der imperialistischen Kriegspropaganda seine eigenen Geschichtsf\u00e4lschungen und politischen L\u00fcgen entgegen. Als Reaktion auf die Ausladung Russlands von der offiziellen Gedenkveranstaltung stellte Putin eine falsche Analogie zwischen dem russischen Einmarsch in die Ukraine und der Rolle der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg her. Er behauptete, das Ziel seines Kriegs in der Ukraine sei die \u201eEntnazifizierung\u201c des Landes.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit sind sowohl der Ukraine-Krieg und das Wiederaufleben rechtsextremer Kr\u00e4fte als auch der imperialistische Krieg gegen Russland letzten Endes das Ergebnis der jahrzehntelangen stalinistischen Konterrevolution. Diese richtete sich gegen die sozialistische Oktoberrevolution von 1917 und gipfelte 1991 in der Zerst\u00f6rung der Sowjetunion durch die stalinistische B\u00fcrokratie. Das Putin-Regime, das f\u00fcr die Interessen einer winzigen Oligarchie spricht, hat sich in den letzten 30 Jahren auf Kosten der Massen bereichert. Es ist der Erbe dieser Konterrevolution.<\/p>\n<p>Die russische Armee, die sich gr\u00f6\u00dftenteils aus verzweifelten armen Menschen rekrutiert, ist nicht die Wiedergeburt der Roten Armee. Ihre Soldaten werden auf tragische Weise in dem Krieg verheizt. Das Oligarchen-Regime f\u00fchrt ihn im verzweifelten Bem\u00fchen, einen Krieg zur \u201enationalen Verteidigung\u201c zu inszenieren. Sein Hauptziel besteht darin, die Privilegien der Oligarchie zu sch\u00fctzen und einen Weg zu finden, um mit den imperialistischen M\u00e4chten in Verhandlung zu treten. Die reaktion\u00e4re Invasion der Ukraine durch das russische Oligarchen-Regime und die damit einhergehende Propagierung von russischem Chauvinismus \u2013 ebenfalls Geschichtsf\u00e4lschung \u2013 sind Wasser auf die M\u00fchlen der imperialistischen Kriegsmaschinerie und ihrer Propaganda. Sie dienen lediglich dazu, die Arbeiterklasse weiter zu spalten und die allgemeine Verwirrung zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n<p>Die Aufgabe, dem jetzigen imperialistischen Krieg ein Ende zu setzen und einen neuen Faschismus in Europa zu verhindern, f\u00e4llt der internationalen Arbeiterklasse zu. Sie muss die Lehren aus dem Verrat der stalinistischen B\u00fcrokratie an der Oktoberrevolution ziehen und den imperialistischen Kriegstreibern, sowie dem Nationalismus des Putin-Regimes, die Strategie eines vereinten Kampfs der Arbeiterklasse f\u00fcr Sozialismus in ganz Europa und auf der ganzen Welt entgegenstellen.<\/p>\n<p><em>#Bild: \u201eSelektion\u201c ungarischer Juden bei ihrer Ankunft in Auschwitz, Sommer 1944 (Fast alle 400.000 ungarischen Juden wurden dort vergast)<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/01\/31\/sqvj-j31.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 1. Februar 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Clara Weiss. Die Gedenkveranstaltungen zum 78. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz fanden am 27. Januar unter unw\u00fcrdigen Bedingungen statt. 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