{"id":12579,"date":"2023-02-08T10:30:23","date_gmt":"2023-02-08T08:30:23","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12579"},"modified":"2023-02-08T10:30:24","modified_gmt":"2023-02-08T08:30:24","slug":"der-gaskrieg-der-usa-um-europas-suedosten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12579","title":{"rendered":"<strong>Der Gaskrieg der USA um Europas S\u00fcdosten<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Jens Berger. <\/em>Letzte Woche <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/business\/energy\/bulgaria-begins-work-serbia-gas-link-sees-operations-by-year-end-2023-02-01\/\">begannen<\/a> in Bulgarien die Bauarbeiten f\u00fcr eine Gasverbundleitung nach Serbien. Damit wird Serbien noch in diesem Jahr als einer der letzten europ\u00e4ischen Binnenstaaten an ein Verbundnetz angeschlossen, das in der Lage ist, das bisherige Versorgungsmonopol Russlands zu beenden. Nach dem Nordkorridor mit den Nord Stream Pipelines, dem Mittelkorridor<!--more--> mit den \u00fcber polnischen und ukrainischen Gebiet verlaufenden Pipelines ist der S\u00fcdkorridor das letzte umk\u00e4mpfte Schlachtfeld im <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42694\">Gaskrieg der USA gegen Russland<\/a>. Und wie es zur Zeit aussieht, sind die USA drauf und dran, diesen Krieg zu gewinnen.<\/p>\n<p>Wenn neue Pipelines geplant werden, geht es stets um eine Diversifikation der Versorgung und um Versorgungssicherheit \u2013 das behaupten zumindest die involvierten Regierungen. Auch die Verbundleitung zwischen Bulgarien und Serbien wird von der EU, die das Projekt <a href=\"https:\/\/balkangreenenergynews.com\/bulgaria-starts-building-second-gas-pipeline-interconnection-with-serbia\/\">mehr als zur H\u00e4lfte bezahlt<\/a>, unter diesem Gesichtspunkt <a href=\"https:\/\/energy.ec.europa.eu\/topics\/infrastructure\/trans-european-networks-energy_en\">gef\u00f6rdert<\/a>. Heute geht es um die Unabh\u00e4ngig von russischen Gasimporten, die durch die Sanktionen in den meisten EU-L\u00e4ndern zum Stillstand gekommen sind. Dies entbehrt nicht einer gewissen Ironie, da genau diese Pipeline <a href=\"https:\/\/www.hydrocarbons-technology.com\/projects\/gas-interconnection-bulgaria-serbia-ibs-pipeline\/\">2012 von den Regierungen Bulgariens und Serbiens<\/a> eigentlich geplant wurde, um unabh\u00e4ngiger vom Transitland Ukraine zu werden, das w\u00e4hrend des russisch-ukrainischen Gasstreits 2009 Bulgarien wochenlang von der Versorgung abgeschnitten hatte. Eigentlich sollte also Bulgarien \u00fcber Serbien mit russischem Gas versorgt werden \u2013 nun wird Serbien \u00fcber Bulgarien mit \u2026 ja womit soll Serbien eigentlich versorgt werden?<\/p>\n<p>Zur Zeit bezieht Serbien sein Gas nahezu ausschlie\u00dflich \u00fcber eine Pipeline namens Balkanstream \u2013 diese Pipeline, die von der T\u00fcrkei \u00fcber Bulgarien und Serbien bis nach Ungarn verl\u00e4uft und erst 2021 in Betrieb ging, ist eine Verl\u00e4ngerung der ebenfalls erst 2020 er\u00f6ffneten Turkstream-Pipeline, die russisches Erdgas durch das Schwarze Meer in den europ\u00e4ischen Teil der T\u00fcrkei transportiert. Urspr\u00fcnglich plante Russland diese Trasse bis nach \u00d6sterreich auszubauen, um so auch \u00d6sterreich und den s\u00fcddeutschen Raum mit russischem Gas zu versorgen. \u00dcber einen zweiten Strang sollte zudem S\u00fcditalien \u00fcber eine durch die Adria verlaufende Nebenleitung versorgt werden. \u00c4hnlich wie bei den beiden Nord Stream Projekten wurde jedoch dieses unter dem Namen \u201eSouth Stream\u201c geplante Projekt durch massiven Widerstand der EU und sp\u00e4tere Sanktionen der USA und der EU verhindert. Aus dem gro\u00dfen Projekt \u201eSouth Stream\u201c wurde so das viel kleinere Projekt \u201eTurkstream\u201c, an dem neben der T\u00fcrkei vor allem die beiden vergleichsweise russlandfreundlichen Staaten Bulgarien und Serbien partizipieren.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Coup der EU war es jedoch nicht, die gro\u00dfe russische L\u00f6sung zu verhindern, sondern sie durch eine Alternative zu ersetzen. Die eigentlich \u00fcber South Stream geplante Versorgung findet n\u00e4mlich heute \u00fcber die TANAP (Transanatolische Pipeline) statt, die \u00fcber ihre Verl\u00e4ngerung TAP (Transadriatische Pipeline) nun in der Tat bis S\u00fcditalien reicht. Was fehlte war nur noch ein Anschluss an das Verbundnetz auf dem Balkan. Dieser letzte Stein im Puzzle wird nun mit der Verbundleitung von Bulgarien nach Serbien gesetzt. TANAP\/TAP transportiert Erdgas, das Aserbaidschan im Kaspischen Meer f\u00f6rdert \u00fcber das Staatsgebiet der T\u00fcrkei nach Europa.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen Bulgarien und Serbien also nun \u2013 finanziert von der EU \u2013 von Aserbaidschan versorgt werden? Nein! Das TANAP-System ist n\u00e4mlich \u00fcberhaupt nicht in dieser Gr\u00f6\u00dfe dimensioniert. Als 2003 die Planungen begannen und 2016 der erste Spatenstich erfolgte, konnten sich die Beteiligten wohl in ihren k\u00fchnsten Tr\u00e4umen nicht vorstellen, dass ausgerechnet Aserbaidschan den kompletten S\u00fcdosten Europas mit Erdgas versorgen soll. Zwar k\u00f6nnte man die Pipeline langfristig ausbauen, doch die aserbaidschanische Erdgasf\u00f6rderung l\u00e4uft <a href=\"https:\/\/www.atlanticcouncil.org\/blogs\/energysource\/europe-and-the-caspian-the-gas-supply-conundrum\/\">bereits am Anschlag<\/a> und ist nicht mehr ohne weiteres ausbaubar. Das hei\u00dft paradoxerweise jedoch nicht, dass Bulgarien und Serbien nicht mit Erdgas aus Aserbaidschan versorgt werden k\u00f6nnten. Doch der Reihe nach.<\/p>\n<p>Ein Drittel der Erdgasf\u00f6rderung Aserbaidschans wird im eigenen Land verbraucht. Bereits im letzten Jahr exportierte Aserbaidschan dank der neuen Energiepartnerschaft mit der EU so viel Gas, das es selbst Gas f\u00fcr den Eigenverbrauch importieren musste. Und das kam \u2013 welch \u00dcberraschung \u2013 aus Russland. Dieses Spiel lie\u00dfe sich fortf\u00fchren. Die Balkanstaate kaufen teures Gas aus Aserbaidschan, das selbst Gas zum Sonderpreis aus Russland einkauft. Ein lohnenswertes Gesch\u00e4ft. Die Transportkapazit\u00e4t der TANAP verhindert jedoch, dass man diese Dreiecksgesch\u00e4fte \u2013 die selbstverst\u00e4ndlich nebenbei auch dem Gedanken der Sanktionen vollkommen zuwider sind \u2013 im relevanten Ma\u00dfe ausbauen k\u00f6nnte. Als gro\u00dfer \u201eRetter\u201c der EU-Sanktionen k\u00f6nnte jedoch die T\u00fcrkei einspringen. Sie geh\u00f6rte 2022 n\u00e4mlich mit einer Abnahme von 8,5 Mrd. Kubikmetern zu den gr\u00f6\u00dften Kunden Aserbaidschans. Da die T\u00fcrkei der neue \u201eErdgas-Hub\u201c f\u00fcr Europas S\u00fcdosten ist und mit der Turkstream ja einen nun beinahe exklusiven Zugang zu einer russischen Pipeline, die auf 31,5 Mrd. Kubikmeter pro Jahr ausgelegt ist, hat, k\u00f6nnte man seinen Eigenbedarf aus politischen oder wohl eher \u00f6konomischen Gr\u00fcnden durchaus diversifizieren. Die T\u00fcrkei kann mehr preiswertes russisches Gas kaufen und das teure Gas aus Aserbaidschan den Balkanstaaten und Italien \u00fcberlassen. Europa zahlt die Rechnung, Russland kann zumindest etwas Gas in den Westen bzw. S\u00fcden verkaufen und die T\u00fcrkei profitiert durch niedrige Energiepreise. Ein Deal, bei dem alle au\u00dfer Europa gewinnen \u2013 also ein sehr wahrscheinlicher Deal.<\/p>\n<p>Doch selbst das \u00e4ndert nichts an der Tatsache, dass selbst eine TANAP, die exklusiv Europa beliefert, den gesamten Gasbedarf S\u00fcdosteuropas gar nicht decken kann. Hier kommen nun die eigentlichen Gewinner ins Spiel \u2013 die USA. Das Verbundsystem aus TANAP\/TAP ist n\u00e4mlich \u00fcber genau diese \u201eInterkonnektoren\u201c genannten Verbundleitungen, wie sie jetzt zwischen Bulgarien und Serbien gebaut werden, auch an die LNG-H\u00e4fen der T\u00fcrkei und Griechenlands angeschlossen. Die neuen Volumina, mit denen der Balkan versorgt werden soll, stammen also weniger aus Aserbaidschan, sondern vor allem aus den Lieferl\u00e4ndern f\u00fcr LNG und hier sind die USA vor allem langfristig der Lieferant Nummer Eins.<\/p>\n<p>Wenn das Leitungsnetz erst einmal vollendet ist, haben die USA den Gaskrieg um Europa gewonnen. Selbst Bulgarien, Serbien und Ungarn, die bis heute mangels verf\u00fcgbarer alternativer Leitungskapazit\u00e4ten russisches Erdgas beziehen, k\u00f6nnen dann von den USA und anderen LNG-Exporteuren wie Katar versorgt werden. Russland verliert seinen letzten europ\u00e4ischen Markt \u2013 zumindest wenn man die T\u00fcrkei nicht als europ\u00e4ischen Staat bezeichnen will.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung ist nicht \u00fcberraschend und wurde seitens der EU und den USA bereits vor der Eskalation der Ukraine-Kriegs und den j\u00fcngeren Sanktionsrunden geplant. Die n\u00f6tigen Liefermengen stehen sp\u00e4testens bis 2030 zur Verf\u00fcgung. In einer <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42694\">Analyse aus dem Jahr 2018<\/a> kommentierte ich diese Pl\u00e4ne noch sehr verhalten, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass Europa \u201efreiwillig\u201c die deutlich h\u00f6heren Preise f\u00fcr LNG aus den USA zu zahlen bereit ist. Das hat sich durch den Ukraine-Krieg nun ge\u00e4ndert. Und nun sage bitte keiner, den USA ginge es im Ukraine-Krieg um so etwas wie Freiheit, Demokratie oder Selbstbestimmung. Einen ganzen Kontinent von sich abh\u00e4ngig zu machen und daf\u00fcr auch noch Billionen zu kassieren \u2013 das ist wohl der Hauptpreis und die USA sind drauf und dran, ihr Ziel zu erreichen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93501\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 8. Februar 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jens Berger. Letzte Woche begannen in Bulgarien die Bauarbeiten f\u00fcr eine Gasverbundleitung nach Serbien. 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