{"id":12596,"date":"2023-02-10T09:46:04","date_gmt":"2023-02-10T07:46:04","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12596"},"modified":"2023-02-10T09:46:06","modified_gmt":"2023-02-10T07:46:06","slug":"was-ist-revolutionaerer-defaetismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12596","title":{"rendered":"<strong>Was ist revolution\u00e4rer Def\u00e4tismus?<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p>Def\u00e4tismus bedeutet Hoffnungslosigkeit, Resignation, nicht an den Sieg glauben. Eine Haltung der Ablehnung des Krieges wird oft als \u201edef\u00e4tistisch\u201c bezeichnet. In Diktaturen ist Def\u00e4tismus, v.a. in Form der Kriegsdienstverweigerung, im Kriegsfall ein Straftatbestand. Der Begriff \u201erevolution\u00e4rer Def\u00e4tismus\u201c bezeichnet die Taktik von Revolution\u00e4ren zum Krieg zwischen imperialistischen<!--more--> M\u00e4chten, wie es etwa der Erste Weltkrieg war. Er geht davon aus, dass alle Ziele und Methoden sowie die Ergebnisse imperialistischer Kriege reaktion\u00e4r sind und daher von Linken und der Arbeiterklasse nicht unterst\u00fctzt werden d\u00fcrfen, ja im Gegenteil strikt bek\u00e4mpft werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Als Paradebeispiel f\u00fcr eine solche Einstellung kann die Haltung der Marxistin Rosa Luxemburg gelten. Sie wandte sich gegen Militarisierung und Aufr\u00fcstung schon Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Sie betonte, dass die systemimmanenten Krisenpotentiale und Konflikte zwischen den imperialistischen Gro\u00dfm\u00e4chten letztlich zum Krieg f\u00fchren m\u00fcssen, weil der nationale Markt f\u00fcr die riesigen Produktionskapazit\u00e4ten der Konzerne zu eng wird. Wie alle Marxisten leitete Luxemburg den Krieg im Zeitalter des Kapitalismus aus dessen sozialen Verh\u00e4ltnissen ab: aus den Verwertungskrisen und der Konkurrenz um Marktanteile, Rohstoffquellen und Absatzm\u00e4rkte. Imperialismus ist f\u00fcr Marxisten nicht nur eine bestimmte aggressive Politik, sondern Ausdruck der Widerspr\u00fcche und der Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise.<\/p>\n<p>Rosa Luxemburg und die Spartakusgruppe, zu der u.a. Karl Liebknecht geh\u00f6rte, traten f\u00fcr Massenmobilisierungen der Arbeiterklasse gegen Aufr\u00fcstung und Krieg ein und kritisierten die sozialdemokratischen F\u00fchrer f\u00fcr deren Anpassungs- und Beschwichtigungspolitik. Doch der immer st\u00e4rkere Reformismus der Apparate der SPD und der Gewerkschaften f\u00fchrte dazu, dass es meist bei halbherzigen Proklamationen blieb, die Arbeiterklasse nicht wirklich mobilisiert wurde und nicht mehr die \u00dcberwindung des Kapitalismus, sondern nur noch dessen Reformierung angestrebt wurde. Im August 1914 schlie\u00dflich kapitulierten die SPD und die Gewerkschaften endg\u00fcltig, es gab keine Versuche der Mobilisierung der Klasse gegen den Krieg. Die reformistischen F\u00fchrer unterst\u00fctzten den Krieg \u201eihrer\u201c Bourgeoisie und opferten den Klassenkampf einer Burgfriedenspolitik. Somit waren sie mitverantwortlich f\u00fcr das millionenfache Sterben auf den Schlachtfeldern und das massenhafte Elend zu Hause. Als sich abzeichnete, dass Deutschland den Krieg nicht gewinnen w\u00fcrde und sich die soziale Lage der Massen dramatisch verschlechterte, kam es zu Protesten und Streiks gegen die Regierung und gegen den Krieg. Parallel dazu kam es 1916 auch zur Linksabspaltung der USPD von der SPD. Im November 1918 brach schlie\u00dflich die Revolution aus.<\/p>\n<p>Ab 1915 formierten sich auch die sozialistischen Kriegsgegner. Zu ihnen geh\u00f6rten u.a. Lenin und Trotzki (Luxemburg und Liebknecht, die bekanntesten deutschen Kriegsgegner, sa\u00dfen damals im Gef\u00e4ngnis). Sie wandten sich gegen die nationalistische, den Klassenkampf aufgebende Politik der Parteien der II. Internationale. Besonders Lenin betonte, dass der Krieg und seine sozialen Folgen zu revolution\u00e4ren Situationen f\u00fchren w\u00fcrden, die zum Sturz des Kapitalismus genutzt werden m\u00fcssten. Der imperialistische Krieg, so seine These, sollte in einen revolution\u00e4ren \u201eB\u00fcrgerkrieg\u201c umgewandelt werden. Das besagt auch die Losung \u201eDreht die Gewehre um!\u201c. Die Umgruppierung bzw. Neuformierung der internationalistisch-revolution\u00e4ren Linken m\u00fcndete schlie\u00dflich 1919 in die III. (kommunistische) Internationale (Komintern) und war mit der Entstehung etlicher kommunistischer Parteien in der Welt nach dem Sieg der Oktoberrevolution in Russland verbunden.<\/p>\n<p>Die Politik der russischen Bolschewiki (v.a. auf Betreiben Lenins) bestand darin, f\u00fcr die Beendigung des Krieges und einen Frieden ohne Annektionen und f\u00fcr die Achtung der Rechte der vom Imperialismus unterdr\u00fcckten Nationen einzutreten. Keine imperialistische Seite sollte unterst\u00fctzt werden. Die Bolschewiki betrieben intensive Propaganda in der Armee, was ihnen die zunehmende Unterst\u00fctzung der Soldaten sicherte.<\/p>\n<p>Der Pazifismus appelliert letztlich nur an den b\u00fcrgerlichen Staat oder die \u201eaufgekl\u00e4rten\u201c, \u201efriedlicheren\u201c Teile der Bourgeoisie, nicht aber an die (proletarischen) Massen, die einzig und allein die Macht haben, den Kriegstreibern in den Arm zu fallen. Revolution\u00e4rer Def\u00e4tismus hingegen ist nicht nur wie beim Pazifismus eine letztlich hilflose Ablehnung des Krieges, sondern bedeutet Kampf gegen ihn durch die Mobilisierung der Arbeiterklasse. Dazu geh\u00f6ren z.B. Streiks gegen die Unternehmer f\u00fcr h\u00f6here L\u00f6hne usw. \u2013 auch wenn das eigene Land im Krieg steht. Er bedeutet Blockaden von Milit\u00e4rst\u00fctzpunkten, H\u00e4fen und Bahnh\u00f6fen, um den Nachschub zu behindern u.a. Ma\u00dfnahmen. Revolution\u00e4re treten in allen L\u00e4ndern f\u00fcr ein solches Vorgehen ein. Diese Politik kann evtl. die milit\u00e4rische Niederlage des eigenen Landes \u2013 genauer: der eigenen Bourgeoisie \u2013 bef\u00f6rdern. Eine solche Niederlage w\u00e4re aber weniger schlimm als die Einstellung des Klassenkampfes, denn egal, welche imperialistische Seite auch gewinnt: die Massen werden von jeder Bourgeoisie ausgebeutet und ausgepl\u00fcndert. In diesem Sinn ist auch die Losung Karl Liebknechts \u201eDer Hauptfeind steht im eigenen Land\u201c zu verstehen. Dieselbe Haltung beziehen Revolution\u00e4re auch bei Konflikten zwischen halbkolonialen (kapitalistischen) L\u00e4ndern, die formal selbstst\u00e4ndig, aber vom Imperialismus abh\u00e4ngig sind.<\/p>\n<p>Jede politische Taktik wird auch von den jeweiligen Bedingungen bestimmt. Davon h\u00e4ngt ab, ob sie angewendet werden kann und wie. F\u00fcr Marxisten spielt es keine Rolle, welche Seite den Krieg begonnen hat. F\u00fcr sie ist bei milit\u00e4rischen Konflikten entscheidend, welchen Klassencharakter die Akteure repr\u00e4sentieren bzw. welche Rolle ein Land in der Weltordnung spielt. Entscheidend ist f\u00fcr Marxisten die Frage, welche Klasse aus dem Krieg einen Vorteil zieht und wessen Sieg den Prozess der Befreiung der Arbeit und der \u00dcberwindung des Kapitalismus n\u00fctzt. Auch Marxisten sind zwar generell gegen den Krieg, weil er eine inhumane L\u00f6sung von Konflikten darstellt und immer auf den Schultern der Massen ausgetragen wird und von ihnen die gr\u00f6\u00dften Opfer fordert. Doch es gibt Situationen, wo eine milit\u00e4rische Auseinandersetzung unvermeidlich ist bzw. der Krieg oder der B\u00fcrgerkrieg dem Proletariat aufgezwungen werden. In diesem Fall n\u00fctzt ein abstrakter Pazifismus nichts \u2013 der Konflikt kann nur durch den Sieg einer Seite beendet werden. Der Marxismus kennt daher auch gerechte Kriege, wo die fortschrittlichere Seite bzw. jene Seite, deren Sieg progressive Folgen hat, unterst\u00fctzt werden muss.<\/p>\n<p>Ein besonderer Fall ist ein Krieg zwischen einem nichtkapitalistischen \u201eArbeiterstaat\u201c und dem Imperialismus (oder einem vom Imperialismus abh\u00e4ngigen, von ihm hochger\u00fcsteten und instrumentalisierten Land). In diesem Fall k\u00e4mpfen Revolution\u00e4re f\u00fcr die Niederlage des Imperialismus, auch durch das Anfachen des internationalen Klassenkampfes gegen ihn.<\/p>\n<p>Ein anderer Fall ist der Konflikt zwischen einer Kolonie oder Halbkolonie und dem Imperialismus. Auch hier treten Revolution\u00e4re f\u00fcr die Niederlage des Imperialismus ein \u2013 unabh\u00e4ngig davon, welcher Art das Regime der Halbkolonie ist. Sie tun das, weil eine Schlappe des Imperialismus seine Stellung und seinen Einfluss schw\u00e4cht und den Klassenkampf positiv beeinflusst. Doch die Unterst\u00fctzung des antiimperialistischen Kampfes bzw. der Regierung der Halbkolonie ist nur eine milit\u00e4rische, keine politische, weil die F\u00fchrung dieses Kampfes und das dort herrschende Regime selbst zumeist b\u00fcrgerlich-nationalistisch ist. Die schwache halbkoloniale Bourgeoisie strebt nach mehr Unabh\u00e4ngigkeit vom Imperialismus, will aber das Privateigentum und die Ausbeutung aufrechterhalten. Daher m\u00fcssen die Arbeiterklasse u.a. werkt\u00e4tige Schichten zugleich auch f\u00fcr ihre politischen und sozialen Rechte eintreten und diese nicht wegen des Krieges zur\u00fcckstellen. Sie m\u00fcssen darauf gefasst sein, dass ihre Regierung einen faulen Kompromiss mit dem Imperialismus schlie\u00dfen oder den Kampf sogar offen verraten kann. Sie sollten daf\u00fcr eintreten, m\u00f6glichst viel Einfluss auf den Kampf zu nehmen und eigene Formationen aufzustellen. Sie d\u00fcrfen ihre Politik und ihre Organisationen nicht den b\u00fcrgerlich-nationalistischen Kr\u00e4ften unterordnen. Der Sieg gegen den Imperialismus muss dazu genutzt werden, die eigene Bourgeoisie zu st\u00fcrzen. Beispiele f\u00fcr solche Konflikte sind etwa beide Kriege zwischen dem Irak und den USA bzw. der Nato oder der Kampf gegen die imperialistische Besatzung Afghanistans.<\/p>\n<p>Ein Sonderfall ist aktuell der Krieg in der Ukraine, wo sich mit der Ukraine und Russland eine Halbkolonie und eine imperialistische Macht gegen\u00fcberstehen. Hier kann trotzdem keine Unterst\u00fctzung der Ukraine erfolgen, weil diese die Rolle eines Vortrupps der USA, der Nato und des EU-Imperialismus spielt. Die Ukraine ist zwar in gewissem Sinn auch Opfer der Rivalit\u00e4t der Gro\u00dfm\u00e4chte, agiert aber zugleich als Teil des Westens, als dessen Speerspitze. Die Nato hat sich seit 1990 \u2013 entgegen den Zusicherungen an die UdSSR \u2013 nach Osten erweitert, st\u00f6rt somit das strategische Gleichgewicht und stellt f\u00fcr Russland objektiv eine Bedrohung dar, der es begegnen musste. Dieses Vorgehen ist Teil der US-Strategie der Einkreisung und Schw\u00e4chung Russlands durch Milit\u00e4rst\u00fctzpunkte und die Inszenierung von \u201eFarbenrevolutionen\u201c, um rings um Russland ihm feindliche, westlich orientierte Regime zu installieren. Deshalb bef\u00f6rderte der Westen in der Ukraine 2014 den Maidan-Putsch und unterst\u00fctzte anti-russische, reaktion\u00e4re, halb-faschistische Regime wie aktuell das unter Selensky. Diese unterdr\u00fccken die nationalen Minderheiten, v.a. die russische im Osten der Ukraine, und terrorisieren sie seit 2014, so dass dort bis Februar 2022 \u00fcber 14.000 Tote zu beklagen waren. Der Hauptaggressor ist der Westen, nicht Putin, obwohl er im Februar 2022 die Ukraine angegriffen hat.<\/p>\n<p>Weder der Sieg Putins, geschweige denn der des Westens bietet eine positive Perspektive \u2013 weder f\u00fcr die Ukraine noch f\u00fcr Russland oder den Westen. Daher treten Revolution\u00e4re f\u00fcr die schnellstm\u00f6gliche Beendigung dieses Krieges \u2013 m\u00f6glichst durch Klassenkampfaktionen der Arbeiterklasse \u2013 und gegen jede Waffenlieferung an eine imperialistische Seite sowie gegen Wirtschaftssanktionen ein. Letztlich kann der Frieden nur hergestellt und gesichert werden, wenn die Hauptursache von Kriegen \u2013 die imperialistische Weltordnung mit Privateigentum, Konkurrenz und Profitorientierung \u2013 gest\u00fcrzt wird.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/aufruhrgebiet.de\/2023\/01\/abc-des-marxismus-xlvi-was-ist-revolutionaerer-defaetismus\/#more-2018\"><em>aufruhrgebiet.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 10. Februar 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Def\u00e4tismus bedeutet Hoffnungslosigkeit, Resignation, nicht an den Sieg glauben. Eine Haltung der Ablehnung des Krieges wird oft als \u201edef\u00e4tistisch\u201c bezeichnet. In Diktaturen ist Def\u00e4tismus, v.a. in Form der Kriegsdienstverweigerung, im Kriegsfall ein Straftatbestand. 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