{"id":12641,"date":"2023-02-18T11:12:15","date_gmt":"2023-02-18T09:12:15","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12641"},"modified":"2023-02-18T11:12:16","modified_gmt":"2023-02-18T09:12:16","slug":"usa-72-opfer-von-amoklaeufen-in-46-tagen-indizien-eines-sozialen-zerfalls","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12641","title":{"rendered":"<strong>USA: 72 Opfer von Amokl\u00e4ufen in 46 Tagen. Indizien eines sozialen Zerfalls<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>David Walsh. <\/em>In dieser Woche kam es in den Vereinigten Staaten erneut zu einer Reihe von Amokl\u00e4ufen. Am Mittwochabend wurden in der Cielo Vista Mall in El Paso (Texas) eine Person get\u00f6tet und drei verletzt. Dies folgt auf die t\u00f6dlichen Sch\u00fcsse an der Michigan State University (MSU) am Montagabend, bei der ein einzelner Sch\u00fctze drei Studenten t\u00f6tete und f\u00fcnf weitere schwer verletzte, bevor er sich selbst erschoss.<!--more--><\/p>\n<p>\u201eKeine Gefahr mehr f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit\u201c, erkl\u00e4rte das El Paso Police Department nach dem Amoklauf am Mittwoch. Wenn das nur der Fall w\u00e4re! Amokl\u00e4ufe sind in Amerika inzwischen mehr als allt\u00e4glich. Das Gun Violence Archive hat f\u00fcr das Jahr 2023 bisher 72 Amokl\u00e4ufe in den USA registriert &#8211; in 46 Tagen. Diese tragischen Vorf\u00e4lle haben sich in diesem Jahr in rund zwei Dutzend Bundesstaaten und im District of Columbia ereignet. Im Jahr 2022 traten sie in 37 Staaten auf.<\/p>\n<p>Das Tempo beschleunigt sich. Die Summe von 52 derartigen Vorf\u00e4llen im Januar war die bei weitem h\u00f6chste Zahl f\u00fcr diesen Monat seit Beginn der Aufzeichnungen \u00fcber derartige Vorf\u00e4lle. Der bisherige H\u00f6chststand im Januar lag bei 34, und zwar erst im vergangenen Jahr.<\/p>\n<p>Das meiste, was die \u00d6ffentlichkeit heute von Regierungsvertretern und den Medien zu h\u00f6ren bekommt, sind Lobeshymnen darauf, wie schnell Polizei, FBI und andere Strafverfolgungsbeh\u00f6rden nach der t\u00f6dlichen Tat an einem bestimmten blutigen Tatort aufgetaucht sind.<\/p>\n<p>Der Staatsanwalt von El Paso lobte beispielsweise die \u201efantastische Koordination aller\u201c Polizeiorganisationen. Der stellvertretende Polizeichef der MSU prahlte mit der \u201eabsolut \u00fcberw\u00e4ltigenden Reaktion der Polizei auf diesen ersten Anruf &#8230; Wir hatten innerhalb weniger Minuten Beamte in dem Geb\u00e4ude.\u201c<\/p>\n<p>Die Selbstbeweihr\u00e4ucherung von Politikern, Polizisten und Nachrichtensendern, die weder erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, was vor sich geht, noch die Sicherheit der \u00d6ffentlichkeit auch nur ann\u00e4hernd gew\u00e4hrleisten k\u00f6nnen, ist obsz\u00f6n.<\/p>\n<p>Gewalt in diesem Ausma\u00df muss als ein gesellschaftliches und nicht als ein individuelles Ph\u00e4nomen behandelt werden. Die Gesellschaft ist selbst vergiftet und gef\u00e4hrlich geworden.<\/p>\n<p>Zweifellos leidet eine gro\u00dfe Zahl von Menschen in den USA an psychischen Erkrankungen. Dies ist jedoch nicht in erster Linie ein biologisches, sondern vielmehr ein soziales Problem. Gewalt durchdringt die Gesellschaft. Nicht selten wendet sich eine Person, die Angst vor ihrer eigenen Instabilit\u00e4t hat, an die Polizei &#8211; und wird selbst niedergeschossen.<\/p>\n<p>Der allgemeine Rahmen f\u00fcr die Zunahme sozialer und individueller psychischer Probleme ist klar: Die m\u00f6rderische Corona-Pandemie, auf die die Beh\u00f6rden mit str\u00e4flicher Gleichg\u00fcltigkeit und Nachl\u00e4ssigkeit reagiert haben; enorme, anhaltende und b\u00f6sartige soziale Ungleichheit; jahrzehntelange Kriege und Gewalt, die von der US-Regierung und dem US-Milit\u00e4r gegen V\u00f6lker in der ganzen Welt ver\u00fcbt wurden; sinkender Lebensstandard f\u00fcr Dutzende von Millionen Menschen, einschlie\u00dflich des Verlusts von menschenw\u00fcrdigen Arbeitspl\u00e4tzen und Arbeitsplatzsicherheit; starke politische Instabilit\u00e4t und Turbulenzen; und das Aufkommen einer extremen Rechten, die entschlossen ist, eine autorit\u00e4re Herrschaft zu errichten.<\/p>\n<p>Das Leben in den USA war seit der Zeit vor dem B\u00fcrgerkrieg im 19. Jahrhundert nicht mehr so sehr von sozialen und politischen Spannungen, Unsicherheit und Bedrohung gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Von offizieller Seite wird inzwischen einger\u00e4umt, dass es f\u00fcr die m\u00f6rderische Explosion auch tiefere Ursachen geben k\u00f6nnte. Eine aktuelle Studie des Secret Service \u00fcber 173 Angriffe, die sich zwischen 2016 und 2020 an \u00f6ffentlichen oder halb\u00f6ffentlichen Orten ereigneten, ergab, dass fast alle Angreifer (93 Prozent) \u201emindestens einen bedeutenden Stressor in ihrem Leben innerhalb von f\u00fcnf Jahren vor dem Angriff\u201c erlebt hatten, und bei 77 Prozent \u201etrat der Stressor innerhalb eines Jahres auf.\u201c Zu diesen \u201eStressoren\u201c geh\u00f6ren gesundheitliche Probleme, Scheidungen, Zwangsr\u00e4umungen, Besch\u00e4ftigungsprobleme, Mobbing in der Schule oder am Arbeitsplatz, \u201eKontakt mit der Polizei\u201c, \u201eKontakt mit Zivilgerichten\u201c usw.<\/p>\n<p>72 Massenerschie\u00dfungen in den USA in diesem Jahr sind eine erschreckende Zahl, aber es ist eine Tatsache, dass die Zahl der Todesopfer durch die bewusste Politik der herrschenden Klasse weitaus h\u00f6her ist. Groteskerweise tun die Medien und die Regierung so, als ob der Tod von einer Million Menschen durch eine vermeidbare Pandemie mit ihren Folgen f\u00fcr Dutzende Millionen oder mehr keine Auswirkungen auf die Struktur der amerikanischen Gesellschaft gehabt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Es wurde bereits ein Zusammenhang zwischen dem Massensterben und dem j\u00fcngsten Anstieg der Selbstmordrate hergestellt. Letztere nehmen vor allem in den von der Pandemie besonders betroffenen Gemeinden zu. Dr. Sean Joe, Professor an der Brown School of Social Work an der Washington University, hat versucht, die hohe Zahl an Menschen, die sich das Leben nehmen, zu erkl\u00e4ren, und verweist auf den \u201ekumulativen Stress.\u201c<\/p>\n<p>Die allgemeinen sozialen H\u00e4rten, der \u201ekumulative Stress\u201c und ihre besondere Auspr\u00e4gung in individuellen \u201eStressoren\u201c wirken sich auf eine gro\u00dfe Zahl von Menschen aus. Aber nur ein verschwindend geringer (wenn auch relativ bedeutender und wachsender) Prozentsatz bricht angesichts dieser H\u00e4rten dramatisch zusammen.<\/p>\n<p>Bei der Betrachtung der Amokl\u00e4ufe m\u00fcssen die spezifischen politischen, sozialen und kulturellen Bedingungen in den USA ber\u00fccksichtigt werden. Die Mordserie ist, wie Marx einmal \u00fcber Russland sagte, ein Symptom f\u00fcr eine Gesellschaft, die sich wirtschaftlich, moralisch und intellektuell v\u00f6llig zersetzt.<\/p>\n<p>Endlose Kriege haben die amerikanische Gesellschaft zutiefst und unwiderruflich verroht. Nach Jahrzehnten verw\u00fcsteter Gesellschaften im Nahen Osten und in Zentralasien, die Millionen von Toten und Verst\u00fcmmelten zur Folge hatten, steuert die amerikanische herrschende Klasse nun auf einen Krieg mit der Atommacht Russland zu &#8211; mit m\u00f6glicherweise unabsehbaren Folgen. <em>Hunderte von Millionen<\/em> k\u00f6nnten umkommen, und die amerikanischen Politiker zucken mit den Schultern und wiederholen ihre Entschlossenheit, sich von dieser M\u00f6glichkeit nicht \u201eabschrecken\u201c zu lassen. Was k\u00f6nnen die verletzlichsten Pers\u00f6nlichkeiten aus dieser kriminellen Leichtfertigkeit und R\u00fccksichtslosigkeit schlie\u00dfen? Das Leben ist unglaublich billig.<\/p>\n<p>Das politische System der USA steht voll und ganz im Dienste der Wohlhabenden. Alles f\u00fcr die Wall Street, die Konzernoligarchen und die wohlhabende obere Mittelschicht, nichts f\u00fcr den Rest der Bev\u00f6lkerung. Weite Teile der Bev\u00f6lkerung haben das Gef\u00fchl, dass sie nichts z\u00e4hlen, dass ihr Elend den Machthabern nichts bedeutet. Die beiden Parteien des Gro\u00dfkapitals und ihre Vertreter in Washington werden zu Recht mit Verachtung gestraft. Niemand erwartet von den f\u00fchrenden Institutionen der Gesellschaft etwas anderes als Schl\u00e4ge und Beschimpfungen.<\/p>\n<p>Die jahrzehntelange Unterdr\u00fcckung des Klassenkampfs &#8211; zu verdanken vor allem den Gewerkschaften, die sich bem\u00fchen, jede Kampfansage an die Unternehmen und die Regierung zu ersticken &#8211; war ein verh\u00e4ngnisvoller und zerst\u00f6rerischer Faktor im amerikanischen Leben. Die Vereitelung der Kampff\u00e4higkeit der Arbeiter, die die tats\u00e4chliche Physiognomie der modernen Gesellschaft aufzeigen und vor allem einen Weg aus der gegenw\u00e4rtigen wirtschaftlichen und politischen Sackgasse weisen w\u00fcrde, sch\u00e4digt und deformiert das \u00f6ffentliche Bewusstsein.<\/p>\n<p>Auch die schwache kulturelle Lage spielt eine wichtige Rolle. Anstatt den tats\u00e4chlichen Verh\u00e4ltnissen den Spiegel vorzuhalten, feiert die Popkultur vor allem Geld, Ber\u00fchmtheit, R\u00fcckst\u00e4ndigkeit und soziale Gleichg\u00fcltigkeit. Die plumpe Quasi-Pornografie, die einen gro\u00dfen Teil der Musik- und Unterhaltungswelt beherrscht, tr\u00e4gt dazu bei, die Atmosph\u00e4re zu verschmutzen, soziale Kritik zu \u00fcbert\u00f6nen oder auszublenden und die schlimmsten und niedersten Instinkte zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Doch als soziale Kraft tritt die Arbeiterklasse wieder kraftvoll in Erscheinung. Die \u201ekritische Masse\u201c der sich \u00fcberschneidenden Krisen &#8211; die Pandemie, die Eskalation des Krieges, die extreme Zunahme der sozialen Ungleichheit &#8211; hat eine starke Stimmung der Wut und des Widerstands hervorgerufen. Die Entwicklung des Klassenkampfs wird auch viele der gegenw\u00e4rtig Verzweifelten und Orientierungslosen inspirieren und ihnen einen Funken Licht geben.<\/p>\n<p>Die erschreckende H\u00e4ufung von Amokl\u00e4ufen offenbart eine immense gesellschaftliche Fehlfunktion. Der US-Kapitalismus und seine vom Reichtum besessene herrschende Elite sind die gr\u00f6\u00dfte, allgegenw\u00e4rtige \u201eGefahr f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit\u201c! Der einzige Ausweg aus dieser Situation sind Revolution und Sozialismus.<\/p>\n<p><em>#Bild: Mahnwache f\u00fcr Alexandria Verner auf dem Footballfeld der Clawson High School in Clawson, Michigan. Sie war am Montag auf dem Campus der Michigan State University get\u00f6tet worden.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/02\/17\/pers-f17.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 18. Februar 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Walsh. In dieser Woche kam es in den Vereinigten Staaten erneut zu einer Reihe von Amokl\u00e4ufen. 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