{"id":12670,"date":"2023-02-23T10:18:39","date_gmt":"2023-02-23T08:18:39","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12670"},"modified":"2023-02-23T10:18:40","modified_gmt":"2023-02-23T08:18:40","slug":"manifest-fuer-frieden-buergerlicher-pazifismus-am-pranger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12670","title":{"rendered":"<strong>Manifest f\u00fcr Frieden: b\u00fcrgerlicher Pazifismus am Pranger<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Wilhelm Schulz. <\/em>Die Petition <a href=\"https:\/\/www.change.org\/p\/manifest-f%C3%BCr-frieden\">\u201eManifest f\u00fcr Frieden\u201c<\/a> wurde am 10. Februar von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer ver\u00f6ffentlicht. Sie stellt einen Aufruf f\u00fcr die sofortige Einstellung von Waffenlieferungen und Einleitung von Friedensverhandlungen dar. Der Text fordert die Bundesregierung und den Bundeskanzler auf, Verhandlungen einzuleiten, um \u201eSchaden<!--more--> vom deutschen Volke [zu] wenden\u201c. Der Entr\u00fcstungssturm \u00fcber die Petition zeigt jedoch weniger deren politische Begrenztheit auf als den Beweis, welche Anfeindungen selbst linksliberaler oder sozialchauvinistischer Pazifismus aktuell erf\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Auch wenn wir die Petition nicht unterst\u00fctzen, so halten wir sie doch f\u00fcr den momentan lautst\u00e4rksten Vorsto\u00df aus den Reihen der Friedensbewegung. Die Versammlung am 25. Februar wird rund um das bittere erste Jubil\u00e4um des russischen Angriffs auf die Ukraine vermutlich die gr\u00f6\u00dfte jener sein, die sich gegen den Aufr\u00fcstungs- und Eskalationskurs der deutschen Regierung stellen wollen. Auch wenn wir Pazifismus als Form b\u00fcrgerlicher Ideologie ablehnen, so ist der der Massen ein nachvollziehbarer Ansatz angesichts drohender Versch\u00e4rfung der Barbarei und des Mangels an einer fortschrittlichen Perspektive zu ihrer \u00dcberwindung. Aus diesem Grund werden wir an der Versammlung teilnehmen, w\u00e4hrend wir von den Organisator:innen fordern, sich vor Ort deutlich von etwaigen rechten Akteur:innen abzugrenzen und diese, falls sie anwesend sollten, durch Ordner:innen aus der Versammlung zu werfen.<\/p>\n<p>Die Petition verzeichnet mittlerweile fast 600.000 Unterst\u00fctzer:innen (Stand: 22.02.23). Neben den beiden Initiatorinnen gibt es noch 69 Erstunterzeichner:innen \u2013 eine breite Palette, die mit dem Begriff linksliberal nur verzerrt zusammengefasst werden kann.<\/p>\n<p>Auch wenn aufgrund des \u00f6ffentlichen Drucks einige wie die ehemalige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche (EKD), Margot K\u00e4\u00dfmann, ihre Unterschrift zur\u00fcckgezogen haben, so bleiben die meisten Unterzeichner:innen Wissenschaftler:innen und Kulturschaffende, die dem Spektrum von SPD, Linkspartei und Gr\u00fcnen nahestehen.<\/p>\n<p>Es ist aber bezeichnend f\u00fcr die politische Ausrichtung der Initiatorinnen Schwarzer und Wagenknecht, dass einige Prominente aus dem konservativen und rechten Spektrum, darunter Erich Vad, Brigadegeneral a. D. der Bundeswehr und von 2006 bis 2013 Milit\u00e4rpolitischer Berater von Angela Merkel im Kanzler:innenamt, dahinterstehen. Vad hat zudem in der Vergangenheit vor rechten Burschenschaftlern referiert und f\u00fcr die rechtspopulistische Junge Freiheit vor etwa 20 Jahren geschrieben.<\/p>\n<p>Die Unterst\u00fctzer:innenliste umfasst jedoch nicht nur Ex-Funktionstr\u00e4ger:innen und mehr oder weniger bekannten linke Pers\u00f6nlichkeiten, sondern auch Repr\u00e4sentant:innen der reformistischen Arbeiter:innenbewegung wie Christof Ostheimer, der ver.di-Bezirksvorsitzende S\u00fcdholsteins, oder Michael M\u00fcller, den Bundesvorsitzenden der sozialdemokratischen Naturfreunde. Daneben nat\u00fcrlich Wagenknecht, die Galionsfigur der Linken, die in den letzten Jahren der Klassenpolitik den R\u00fccken kehrte und ein linkspopulistisches Programm f\u00fcr DIE LINKE zu etablieren versucht. Und Schwarzer, eine b\u00fcrgerliche Feministin der zweiten Welle des Feminismus, die vor allem durch Transfeindlichkeit in den letzten Jahren bei neuen Generationen von Feminist:innen angeeckt ist.<\/p>\n<p>Insgesamt handelt es sich um ein volksfrontartiges, klassen\u00fcbergreifendes Personenb\u00fcndnis. Der Aufruf stellt keine Aufforderung zum aktiven Handeln dar, sondern letztlich nur den kleinsten gemeinsamen Nenner der Initiator:innen. Aber er hat hunderttausende Unterschriften erhalten, weil nicht zuletzt Millionen Lohnabh\u00e4ngige \u00fcber die Militarisierung und den Kriegskurs der Bundesregierung zu Recht beunruhigt sind.<\/p>\n<p><strong>Zum Inhalt<\/strong><\/p>\n<p>Das Manifest selbst spricht sich f\u00fcr die sofortige Einstellung von Kriegshandlungen aus. Es droht vor einer latenten Gefahr der Ausweitung \u00fcber ihre bisherigen Grenzen bis hin zum Weltkrieg. Der \u00dcberfall Russlands auf die Ukraine und die Notwendigkeit von Solidarit\u00e4t mit ihrer Bev\u00f6lkerung wird benannt. Dies bleibt allerdings letztlich ohne konkrete politische Folgen, weil nirgendwo das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine verteidigt oder als Ziel eines etwaigen Friedens benannt wird. Nirgendwo wird der R\u00fcckzug der russischen Invasionstruppen aus den seit Februar 2022 eroberten Gebieten gefordert.<\/p>\n<p>Der Text spricht sich im Anschluss nur gegen den Kriegskurs der Bundesregierung und des ukrainischen Pr\u00e4sidenten Selenskyj aus. Milit\u00e4rstrategisch sieht sich der Petitionstext vor einer Pattsituation. So schreiben die Initiatorinnen: \u201eDie Ukraine kann zwar \u2013 unterst\u00fctzt durch den Westen \u2013 einzelne Schlachten gewinnen. Aber sie kann gegen die gr\u00f6\u00dfte Atommacht der Welt keinen Krieg gewinnen.\u201c Aus dieser Erkenntnis folgt der Aufruf an die Bundesregierung, zwischen den USA und Russland zu vermitteln oder auf die europ\u00e4ischen Nachbar:innen einzuwirken. Demnach soll Olaf Scholz die Waffenlieferungen einstellen und eine \u201eAllianz f\u00fcr einen Waffenstillstand\u201c aufbauen.<\/p>\n<p>Die hier aufgeworfene Perspektive verbleibt vollst\u00e4ndig innerhalb des Horizonts b\u00fcrgerlicher Diplomatie. Den Krieg k\u00f6nnen anscheinend nur Diplomat:innen stoppen. So hei\u00dft es: \u201eWir B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger Deutschlands k\u00f6nnen nicht direkt auf Amerika und Russland oder auf unsere europ\u00e4ischen Nachbarn einwirken.\u201c Daher m\u00fcssten wir \u201eunsere Regierung\u201c in die Pflicht nehmen und Olaf Scholz zum Anf\u00fchrer einer \u201eFriedensallianz\u201c kr\u00f6nen.<\/p>\n<p>Doch die \u201eFriedensallianz\u201c, die keine eigenen Klasseninteressen vertritt, gibt es nicht und kann es nicht geben. So wie die deutsche Regierung mit Sanktionen und Waffenlieferungen ihre eigenen imperialistischen Interessen verfolgt, die Ukrainer:innen im Krieg f\u00fcr ihre eigenen geostrategischen und wirtschaftlichen Zwecke unterst\u00fctzt, wird sie das nat\u00fcrlich auch am Verhandlungstisch tun \u2013 und genauso werden das alle anderen Beteiligten auf dem R\u00fccken der ukrainischen Bev\u00f6lkerung versuchen.<\/p>\n<p>Letztlich soll der geforderte Frieden dem deutschen Interesse dienen. Demnach ist der Krieg einer zwischen den USA (im Aufruftext Amerika) und Russland. Eine Beteiligung oder genauer deren Fortsetzung entspr\u00e4chen nicht den Interessen Deutschlands bzw. denen des deutschen Kapitals. In diesem Sinne appelliert der Aufruf an die deutsche Bourgeoisie und ihren Staat, um diese f\u00fcr die Linie der vergangenen Jahrzehnte zur\u00fcckzugewinnen. Eben jene konnte den Kriegskurs aber nicht stoppen, weil sie keine oder nur wenige Anh\u00e4nger:innen unter der herrschenden Klasse in Deutschland besitzt. Das kann sich nat\u00fcrlich \u00e4ndern \u2013 und darauf hoffen letztlich Schwarzer und Wagenknecht.<\/p>\n<p>Es ist auch kein Wunder, dass daher Forderungen, die das direkte Interesse des deutschen Imperialismus auch in der Konkurrenz zu Russland ber\u00fchren, au\u00dfen vor bleiben. So werden weder die Abschaffung der Sanktionen noch der Stopp der Aufr\u00fcstung der Bundeswehr und NATO auch nur erw\u00e4hnt. Dabei befeuern die Sanktionen nicht nur die Inflation und Armut hierzulande, sondern vor allem auch den Hunger und Not in der Welt. Ihre Folgewirkungen bedrohen das Leben Hunderttausender.<\/p>\n<p>Das 100-Milliarden-Programm, die europ\u00e4ische R\u00fcstungsinitiative und die Aufstockung der schnellen NATO-Eingreiftruppe auf 300.000 Soldat:innen finden sich im Aufruf mit keinem Wort.<\/p>\n<p>Zu diesen Fragen gibt es unter den Initiator:innen entweder keine Einigkeit oder man m\u00f6chte konservative Gegner:innen des Ukrainekriegs nicht mit Abr\u00fcstungsforderungen an die deutsche Regierung \u201eabschrecken\u201c. So bleibt es beim allgemeinen Ruf nach Frieden \u2013 im deutschen Interesse. Der Sozialpazifismus wird als die beste Politik f\u00fcr \u201eunseren\u201c Imperialismus pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p><strong>Und wie wird dar\u00fcber gesprochen?<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00f6ffentliche Kritik am Aufruf l\u00e4sst sich in zwei Sto\u00dfrichtungen einteilen, wobei die eine die andere erkennbar bestimmt. Einerseits jene, die jedweden Bruch mit der konfrontativen Politik gegen\u00fcber dem russischen Imperialismus als reaktion\u00e4r abstempelt. Andererseits jene, die dem ausweicht und die Gefahr der Beteiligung reaktion\u00e4rer Anh\u00e4nger:innen \u00fcber die Notwendigkeit stellt, f\u00fcr eine internationalistische und klassenk\u00e4mpferische Ausrichtung der Opposition gegen die Kriegspolitik der Bundesregierung zu k\u00e4mpfen. Als Produkt kommt bei beiden Kritiken \u00e4hnliches raus: Passivit\u00e4t gegen\u00fcber der neuen Orientierung des deutschen Imperialismus.<\/p>\n<p>Die Petition ist in der Linken, aber vor allem in DIE LINKE, sehr umstritten. Der Parteivorstand der LINKEN hat am Donnerstag, dem 16.2, bekanntgegeben, den Protest zu unterst\u00fctzen, der sich f\u00fcr Frieden und Waffenstillstand einsetzt und von rechts abgrenzt \u2013 nicht aber die gr\u00f6\u00dfte Kundgebung gegen die Bundesregierung. Das Ausbleiben einer Erw\u00e4hnung des \u201eManifest f\u00fcr Frieden\u201c spricht hier B\u00e4nde, denn es ist aus den Reihen der Partei der aktuell bekannteste Ansatz. Die Stellungnahme stellt dementsprechend eine indirekte Distanzierung dar, die umgekehrt aber allen freistellt, doch hinzugehen oder den Aufruf zu unterzeichnen.<\/p>\n<p>Das Manifest ist in seiner Perspektive weder neu noch innovativ. Es vertritt eine Form b\u00fcrgerlicher Politik, die mittels eines Appells an den Staat in Form von Bundesregierung und -kanzler zum Richtungswechsel in Fragen der Waffenlieferungen und Friedensverhandlungen dr\u00e4ngen m\u00f6chte und die alles mit dem Verweis auf deutsche Interessen begr\u00fcndet. Der Richtungsstreit wird im Milit\u00e4rjargon als jener zwischen Falken, den sogenannten Hardliner:innen, und Tauben, der Orientierung auf Verhandlungen, beschrieben. Die <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/sahra-wagenknecht-und-alice-schwarzer-manifest-fuer-frieden-18675923.html?premium\">Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ)<\/a> formuliert den Standpunkt der Hardliner:innen, aber auch ihren Punktsieg in der politischen Stimmung in Deutschland deutlich, wenn sie die Unterzeichner:innen des Manifests \u201ezu propagandistischen Helfern eines Kriegsverbrechers\u201c abstempelt.<\/p>\n<p>Dabei greift sie zwar gen\u00fcsslich wirkliche Schw\u00e4chen des Aufrufs auf und dessen Verharmlosung des russischen Imperialismus, aber die FAZ unterschl\u00e4gt dabei nat\u00fcrlich die imperialen Kriegsziele der NATO, der USA und auch Deutschlands.<\/p>\n<p><strong>Vorwurf der Querfront oder zumindest rechten Unterwanderung<\/strong><\/p>\n<p>Der AfD Co-Vorsitzende Tino Chrupalla hat \u00f6ffentlich verk\u00fcndet, das Manifest unterschrieben zu haben. Dies hat er nicht als einer der Erstunterzeichnenden getan, sondern einfach nur ein Kontaktformular auf einer Homepage unterschrieben. Chrupalla und das von J\u00fcrgen Els\u00e4sser gef\u00fchrte, neurechte Magazin Compact riefen dar\u00fcber hinaus zur Beteiligung an der Kundgebung am 25. Februar in Berlin auf. Wagenknecht distanzierte sich im Interview mit dem SPIEGEL \u00f6ffentlich davon und untersagte die Beteiligung von AfD und anderen Akteur:innen der Rechten. Oskar Lafontaine, der ehemalige Mitbegr\u00fcnder der LINKEN und Erstunterzeichner, riss diese Brandmauer kurz darauf erneut nieder, indem er die \u201eGesinnungspr\u00fcfung\u201c oder Parteibuchkontrolle bei Einlass zur Demonstration ausschloss. Eine politische Schmierenkom\u00f6die mit ungewissem Ausgang.<\/p>\n<p>Im Aufruf selbst wird die Abgrenzung nach rechts jedoch nicht deutlich formuliert. Auch wenn wir diese bereits im Petitionstext f\u00fcr notwendig erachtet h\u00e4tten, so fand die Distanzierung schlussendlich doch statt. Die konsequente Fortsetzung dessen m\u00fcsste eine eindeutige Abgrenzung im Rahmen der Versammlung und ein Rauswurf \u00f6ffentlich bekannter oder auftretender rechter Akteur:innen durch Ordner:innen bedeuten. Ob es dazu kommt, steht in den Sternen.<\/p>\n<p>Die AfD versucht mittels ihrer Kriegsposition, \u00e4hnlich wie das Manifest f\u00fcr Frieden, eine alternative Ausrichtung f\u00fcr das deutsche B\u00fcrger:innentum anzubieten. In diesem Sinne ist ihr Aufruf zur Unterst\u00fctzung nachvollziehbar, aber das hat noch einen zweiten positiven Punkt f\u00fcr die Rechten. Es ist ihren Akteur:innen vermutlich sehr deutlich klar, dass ein Mobilisierungsaufruf ihrerseits die Demobilisierung im Lager der Arbeiter:innenbewegung befeuern w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Sie w\u00fcrden damit sowohl die Verbitterung im Lager der Initiator:innen und ihrer Unterst\u00fctzer:innen anspornen, w\u00e4hrend sie ihre eigenen Mobilisierungen weiterhin als die relativ st\u00e4rksten verkaufen k\u00f6nnen. Notwendig w\u00e4re eine klassenk\u00e4mpferische Position, die die Schw\u00e4chung des eigenen Imperialismus, die Beendigung des Krieges durch Klassenkampf ins Zentrum stellt. Ein solcher Aufruf h\u00e4tte sich jedoch an den DGB und seine Mitgliedschaft richten sollen, eine Verbindung zu den das Jahr 2023 durchziehenden Arbeitsk\u00e4mpfen gebraucht. Eine solche Perspektive gilt es, auch in die Tarifauseinandersetzungen zu tragen.<\/p>\n<p><strong>Begrenzter Pazifismus<\/strong><\/p>\n<p>Laut <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1171007.sahra-wagenknecht-gysi-unterschreibt-manifest-fuer-den-frieden.html\">Unterst\u00fctzer:innen der Petition in der LINKEN<\/a> unterst\u00fctze weiterhin eine Mehrheit der Parteimitglieder den Vorsto\u00df. Was jedoch deutlicher zu erkennen ist, ist die Kapitulation der Partei angesichts der aktuellen Herausforderungen. DIE LINKE versteht sich seit ihrer Entstehung als Antikriegspartei, eine Position auf dem Sand des Pazifismus gebaut. Beide Bewegungsrichtungen (Parteivorstand und Regierungssozialist:innen oder Wagenknechtlager), in die pazifistische Politik angesichts des Krieges taumelnd, zeigen deren Begrenztheit auf. Die Mehrheit des Parteivorstandes h\u00e4lt die F\u00fc\u00dfe still, da sie schlussendlich den Frieden nur durch einen milit\u00e4rischen Sieg der Ukraine f\u00fcr m\u00f6glich halten will und die Rolle der NATO herunterspielt. Der andere Teil sieht dies als unm\u00f6glich an und orientiert dementsprechend auf Verhandlungen zwischen jenen Akteur:innen, die sp\u00e4testens seit 2014 regelm\u00e4\u00dfig \u00d6l ins Feuer kippen.<\/p>\n<p>Beide Ans\u00e4tze verstehen den Krieg als externen Schock, den es zu beseitigen gilt, um die rechtm\u00e4\u00dfige (b\u00fcrgerliche) Ordnung wiederherzustellen. Dabei ist der Krieg dem Kapitalismus innerlich. Er bietet eine Chance, dessen \u00dcberakkumulationskrisen durch massive Vernichtung von Kapital und Arbeit, aber auch Verdr\u00e4ngung imperialistischer Konkurrenz im Kampf um die Neuaufteilung der Welt zu l\u00f6sen. Sowohl der Fokus der Hardliner:innen als auch jener der Verhandlungsbef\u00fcrworter:innen \u00fcberl\u00e4sst die Handlungsf\u00e4higkeit den Herrschenden. Beide bieten Arbeiter:innen und Unterdr\u00fcckten keine eigenst\u00e4ndige Handlungsperspektive.<\/p>\n<p>Insgesamt lehnen wir Verhandlungspredigten ab. Sie haben auf verschiedenen Ebenen einen passiven Charakter. Erstens erhoffen sie gerade von jenen imperialistischen Regierungen einen \u201egerechten Frieden\u201c, die selbst ma\u00dfgeblich den Krieg befeuert haben und befeuern. Zweitens unterstellen sie den Krieg als etwas Au\u00dferordentliches, in dem es nur um T\u00f6ten oder get\u00f6tet Werden geht. Das Zur\u00fcckholen der jeweiligen Staaten an den Verhandlungstisch, die den vorherigen \u201efriedlichen\u201c Zustand wiederherstellen sollen, bleibt die letzte waffenlose Form der Vaterlandsverteidigung.<\/p>\n<p><strong>Wer ist das Subjekt einer Antikriegsbewegung?<\/strong><\/p>\n<p>Der Aufruf f\u00fcr den 25. Februar macht dies ganz deutlich. Die deutsche Bev\u00f6lkerung \u2013 also auch die Arbeiter:innenklasse \u2013 k\u00f6nnen ihm zufolge nichts bewirken. Daher muss Olaf Scholz als Friedensarchitekt ran.<\/p>\n<p>Doch nicht nur die deutsche Bev\u00f6lkerung taucht als Subjekt nicht auf. In der Ukraine und in Russland gibt es anscheinend auch nur Herrschende. Die ukrainischen Massen, die die Hauptlast des Kriegs tragen m\u00fcssen, erscheinen nur als bedauernswerte Opfer. Ihre eigenen sozialen und demokratischen Rechte und Interessen gibt\u2019s anscheinend nur als Restgr\u00f6\u00dfe der Verhandlungen zwischen Putin und Biden, unter Vermittlung von Scholz und Macron. Die russische Arbeiter:innenklasse und die dortige Antikriegsbewegung werden erst gar nicht erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Als Revolution\u00e4r:innen stellen wir im Kampf gegen diesen Krieg und seine Folgen den Klassenkampf, die Frontstellung zur herrschenden Klasse und zum \u201eeigenen\u201c Imperialismus in den Mittelpunkt. Zugleich solidarisieren wir uns mit den Arbeiter:innen in der Ukraine und Russland. So haben wir schon im Mai letzten Jahres folgende <a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2022\/04\/29\/krieg-dem-krieg-keinen-cent-fuer-die-imperialistische-politik\/\">Vorschl\u00e4ge f\u00fcr den Aufbau einer Antikriegsbewegung<\/a> in Deutschland erbracht, die in ihren Grundz\u00fcgen bis heute (leider) noch immer G\u00fcltigkeit haben:<\/p>\n<p><em>\u201e \u2013 Nein zu Putins Angriffskrieg! Solidarit\u00e4t mit der ukrainischen Bev\u00f6lkerung und Antikriegsbewegung in Russland!<\/em><\/p>\n<p><em>\u2013 Sofortiger Abzug der russischen Armee! Solidarit\u00e4t mit der ukrainischen Bev\u00f6lkerung, Anerkennung ihres Rechts auf Selbstverteidigung gegen die Invasion!<\/em><\/p>\n<p><em>\u2013 Solidarit\u00e4t mit der Antikriegsbewegung und der Arbeiter:innenklasse in Russland; Verbreitung der Aktionen gegen den Krieg; Freilassung aller Festgenommenen!<\/em><\/p>\n<p><em>\u2013 Aufnahme aller Gefl\u00fcchteten, Bleibe- und Staatsb\u00fcrger:innenrechte f\u00fcr alle \u2013 finanziert durch den Staat; Integration der Gefl\u00fcchteten in den Arbeitsmarkt, Aufnahme in die Gewerkschaften!<\/em><\/p>\n<p><em>\u2013 Nein zu jeder NATO-Intervention! Gegen alle Sanktionen, Aufr\u00fcstung, NATO-Truppenverlagerungen und Waffenlieferungen! Gegen NATO-Ausweitung, sofortiger Austritt aus der NATO!<\/em><\/p>\n<p><em>\u2013 Keinen Cent f\u00fcr die imperialistische Politik, f\u00fcr die Bundeswehr! Nein zum 100-Milliarden-Programm der Ampelkoalition!<\/em><\/p>\n<p><em>\u2013 Die Kosten f\u00fcr die Preissteigerung m\u00fcssen die Herrschenden zahlen! Enteignung des Energiesektors und anderer Preistreiber:innen unter Arbeiter:innenkontrolle! \u00dcbernahme gestiegener Lebenshaltungskosten der Arbeiter:innenklasse, der Rentner:innen, von Erwerbslosen durch Besteuerung des Kapitals! Verstaatlichung der R\u00fcstungsindustrie und Konversion unter Arbeiter:innenkontrolle!<\/em><\/p>\n<p><em>\u2013 Politischer Massenstreik und Massendemonstrationen gegen jede direkte NATO-Intervention!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Doch um diese Perspektive zu verbreiten, m\u00fcssen wir diese auch unter die Arbeiter:innen tragen \u2013 auch unter jene, die vom Pazifismus gepr\u00e4gt sind und aus diesem Grund den Aufruf unterzeichnet haben bzw. zur Kundgebung kommen. F\u00fcr sie erscheint die Verhandlung, ein Mittel zur Beendigung der Barbarei darzustellen, ohne dabei jedoch die Frage nach deren Ursprung und Wiederholungspotential aufzuwerfen. In diesem Sinne rufen wir alle linken und klassenk\u00e4mpferischen Organisationen dazu auf, sich an der Versammlung zu beteiligen und f\u00fcr eine Position des Klassenkampfes einzutreten.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2023\/02\/22\/manifest-fuer-frieden-buergerlicher-pazifismus-am-pranger\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 23. Februar 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wilhelm Schulz. Die Petition \u201eManifest f\u00fcr Frieden\u201c wurde am 10. Februar von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer ver\u00f6ffentlicht. Sie stellt einen Aufruf f\u00fcr die sofortige Einstellung von Waffenlieferungen und Einleitung von Friedensverhandlungen dar. 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