{"id":1272,"date":"2016-06-17T14:35:32","date_gmt":"2016-06-17T12:35:32","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1272"},"modified":"2018-01-19T19:30:04","modified_gmt":"2018-01-19T17:30:04","slug":"besuch-in-frankreich-drei-tage-generalstreik-und-die-gesetze-waeren-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1272","title":{"rendered":"Besuch in Frankreich: \u201eDrei Tage Generalstreik und die Gesetze w\u00e4ren weg\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Hans-Gerd \u00d6finger und<\/em> <em>Malte M\u00e4ckelburg.<\/em> Weil wir es satt waren, dass die Vorst\u00e4nde deutscher Gewerkschaften keinerlei Solidarit\u00e4t mit der aktuellen franz\u00f6sischen Streikbewegung gegen arbeiterfeindliche Gesetze zeigen, entschlossen wir uns<!--more--> zum Besuch bei streikenden KollegInnen der franz\u00f6sischen Eisenbahn SNCF. Paris ist f\u00fcr einen Tagesbesuch zu weit entfernt. Daher entschieden wir uns f\u00fcr Ostfrankreich. KollegInnen der linken Basisgewerkschaft SUD Rail in Paris vermittelten uns Kontakt zu den Streikenden in Nancy (Lothringen). Das liegt etwa drei Autostunden von Stuttgart oder Frankfurt entfernt. Auto war in diesem Fall in der Tat sicherer, weil die Bahn SNCF ja bestreikt wird und wir keine eventuellen Streikbrecherz\u00fcge benutzen wollten.<\/p>\n<p>Bei der Fahrt durch Ostfrankreich am fr\u00fchen Morgen deutete zun\u00e4chst nichts auf die Streikbewegung hin. Viele Tagespendler aus dem Elsass in Richtung Karlsruhe kamen uns entgegen. In franz\u00f6sischen Radiosendern wurde derweil kr\u00e4ftig Stimmung gegen die Streiks bei der Bahn, in H\u00e4fen, bei Kraftwerken, Raffinerien und anderswo gemacht. Regierungsmitglieder riefen zum Abbruch der Streiks auf, weil im Rahmen der Flutkatastrophe im Raum Paris die Seine und andere Fl\u00fcsse \u00fcber die Ufer getreten waren. Ein Sprecher des Bauernverbandes antwortete prompt: Nicht die Streikenden sind schuld an den \u00dcberschwemmungen, sondern die zunehmende Versiegelung der Landschaft.<\/p>\n<p>In Nancy angekommen fanden wir nach der Wegbeschreibung schlie\u00dflich die streikenden EisenbahnerInnen. Sie hatten sich unter einem gro\u00dfen Viadukt unweit des Hauptbahnhofs versammelt und waren sehr erfreut dar\u00fcber, dass wir zu dritt aus Deutschland angereist waren, um uns zu solidarisieren. Brennende Autoreifen, Nebelkerzen und B\u00f6ller \u2013 sie geh\u00f6ren zu jedem ordentlichen Streik in Frankreich \u2013 waren un\u00fcbersehbar und un\u00fcberh\u00f6rbar. Sofort waren wir in viele Gespr\u00e4che verwickelt.<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter gingen wir zusammen mit den KollegInnen in die Kantine, wo die Streikversammlung stattfand. Wie jeden Werktag seit Streikbeginn versammelten sich die Streikenden, h\u00f6rten von den Vertretern der drei am Streik beteiligten Gewerkschaften CGT, SUD Rail und FO aktuelle Informationen und stimmten einm\u00fctig ab, der Streik f\u00fcr weitere 24 Stunden fortzusetzen. Ein Beispiel gelebter Demokratie. Unsere Gru\u00dfworte wurden mit Interesse und Beifall aufgenommen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck unter dem Viadukt setzten wir die Gespr\u00e4che beim Imbiss aus dem Streikgrill fort. Eindrucksvoll war f\u00fcr uns, dass die Mitglieder der drei konkurrierenden linken Richtungsgewerkschaften, die die Mehrheit der SNCF-Belegschaft hinter sich haben, Schulter an Schulter k\u00e4mpfen. Die gem\u00e4\u00dfigte, sozialdemokratische und immer weiter nach rechts tendierende Gewerkschaft CFDT unterst\u00fctzt den Streik nicht. Die franz\u00f6sische Lokf\u00fchrergewerkschaft FGAAC hat sich mit der CFDT vereinigt und ist ebenfalls gegen den Streik. Zwei der vier Mitglieder von FGAAC in Lothringen seien aber aktiv am Streik beteiligt, berichteten uns die KollegInnen.<\/p>\n<p>Anders als bei offiziellen Streiks in Deutschland gibt es f\u00fcr die Streikenden in Frankreich keine Streikgelder. Das bedeutet: Streiken ist kein Zuckerschlecken, sondern ein gro\u00dfes Opfer. \u201eIch verliere hier vielleicht 80 Euro am Tag. Aber wenn sich die Regierung durchsetzt, dann verliere ich f\u00fcr den Rest meines Arbeitslebens 200 Euro im Monat\u201c, bringt es ein Kollege auf den Punkt. Viele Streikende sind in keiner Gewerkschaft organisiert, stehen aber genauso solidarisch bei den Streikposten wie die Organisierten und die ehrenamtlichen Funktion\u00e4re der \u00f6rtlichen Gewerkschaftsgliederungen. Im Hauptbahnhof Nancy springt die g\u00e4hnende Leere ins Auge. 80 Prozent der Z\u00fcge in Lothringen fallen streikbedingt aus. Aus Strasbourg wurden Streikbrecher herangekarrt, um einige Verbindungen aufrecht zu erhalten.<\/p>\n<p>Ein Problem, das uns auff\u00e4llt: Die Streikenden sind hochmotiviert. Viele junge KollegInnen machen engagiert mit. Aber Solidarit\u00e4t von au\u00dfen ist zumindest an diesem Tag zu gering. Au\u00dfer uns kommt in diesen vier Stunden augenscheinlich niemand sonst zu Besuch. In anderen Branchen wird weitergearbeitet. Offensichtlich setzt die Regierung auf Aushungern und Ermattung. In anderen Branchen warten die KollegInnen ab. Alles setzt auf den Aktionstag \u2013 wenige Tage sp\u00e4ter \u2013 am 14. Juni, der mit einer Beteiligung in Millionenh\u00f6he auch zum Erfolg wurde. Aber das reicht nicht aus. \u201eDrei Tage landesweiter Generalstreik und die Gesetze w\u00e4ren weg\u201c, sagt uns eine Kollegin in Nancy.<\/p>\n<p>Wir bleiben dran. Solidarit\u00e4t tut not! Franz\u00f6sisch lernen! Hoch die internationale Solidarit\u00e4t!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.bahnvonunten.de\/?p=922\"><em>www.bahnvonunten.de&#8230;<\/em><\/a> vom 15. Juni 2016<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans-Gerd \u00d6finger und Malte M\u00e4ckelburg. 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