{"id":12721,"date":"2023-02-28T11:46:58","date_gmt":"2023-02-28T09:46:58","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12721"},"modified":"2023-02-28T11:46:59","modified_gmt":"2023-02-28T09:46:59","slug":"china-der-alltaegliche-kollektivismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12721","title":{"rendered":"<strong>China: Der allt\u00e4gliche Kollektivismus<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Lorenza Colzato und Bernhard Hommel.<\/em> Die chinesische Gesellschaft ist eine kollektivistische, das sagen die Chinesen selbst und alle anderen sagen das auch. Auch objektivere Daten zeigen das deutlich: auf der bekannten <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Hofstede%27s_cultural_dimensions_theory\">Hofstede-Skala<\/a> f\u00fcr Individualismus (also dem Gegenteil von Kollektivismus) erhalten die USA 91 von 100 Punkten, Deutschland immerhin 67, aber China lediglich 20 Punkte. Viel<!--more--> kollektivistischer geht es also nicht.<\/p>\n<p>Aber was hei\u00dft das im Alltag, wie f\u00fchlt sich das an? Der Begriff des Kollektivismus wird vornehmlich in soziologischen Diskursen verwendet, doch welche Bedeutung hat er f\u00fcr das psychologische Verst\u00e4ndnis der Chinesen?<\/p>\n<p><strong>Nur auf den ersten Blick chaotisch<\/strong><\/p>\n<p>Diese Frage hat uns umgetrieben. Durchaus schon bevor wir nach China gezogen sind, als wir\u00a0 mithilfe von <a href=\"https:\/\/assets.zyrosite.com\/mjE00v40gJI3bQMZ\/god-do-i-have-your-attention-dWxGGXbDllHaQgbk.pdf\">Experimenten<\/a> die psychologischen Auswirkungen von individualistischen und kollektivistischen Religionen verglichen haben. Wie sich aber der kollektivistische Alltag konkret anf\u00fchlt, haben wir erst durch zwei Beobachtungen in China nachvollziehen k\u00f6nnen. Die erste bezieht sich auf den Verkehr. Wir leben in Jinan, der Hauptstadt der Provinz Shandong. Shandong hat mit \u00fcber 100 Millionen deutlich mehr Einwohner als Deutschland \u2013 und in Jinan wohnen ungef\u00e4hr 10 Prozent davon. Der Verkehr, so kann man sich leicht vorstellen, ist also betr\u00e4chtlich. Autos sind nicht ganz so popul\u00e4r wie in Deutschland (sehr wohl aber \u00f6fter als dort elektrifiziert!), sodass Elektroscooter einen un\u00fcbersehbaren Anteil am Verkehr haben. Die wesentlichen Verkehrswege beschr\u00e4nken sich interessanterweise auf Stra\u00dfen f\u00fcr Autos und Wege f\u00fcr Scooter, und die paar vereinzelten Fahrr\u00e4der, w\u00e4hrend B\u00fcrgersteige offenbar in der gesamten Stadt nicht vorgesehen sind.<\/p>\n<p>Auf Basis dieser Voraussetzungen entwickelt sich oft eine Verkehrsdynamik, die auf den ersten Blick chaotisch scheint: Fu\u00dfg\u00e4nger laufen teils auf der Stra\u00dfe, teils auf den Fahrrad- und Scooterwegen und teils in den Hauseing\u00e4ngen; Scooter fahren oft in die eine, gelegentlich aber auch in die Gegenrichtung; und Autos wechseln oft und \u00fcberraschend die Spur, f\u00e4deln unvermittelt ein, kreuzen Radwege, ohne den Verkehrsfluss abzuwarten, und vieles mehr. Unf\u00e4lle kommen vor, sind aber angesichts der Verkehrsdichte keineswegs auff\u00e4llig h\u00e4ufig.<\/p>\n<p><strong>Verkehr als Organismus<\/strong><\/p>\n<p>Der zweite Blick, aus einer Art geistigen Vogelperspektive, offenbart jedoch ein anderes Bild. Tats\u00e4chlich funktioniert der Verkehr wie ein Organismus, gesteuert von einer Art Schwarm-Intelligenz. Der zweite Blick zeigt auch, wie sich die individuellen Verhaltensweisen von denen unterscheiden, die wir aus Deutschland gew\u00f6hnt sind. So haben wir in all den Monaten niemanden erlebt, der sich \u00fcber das Verhalten anderer mokiert, der protestiert, geschimpft und andere auf ihre Regelverst\u00f6\u00dfe hingewiesen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Es wird viel gehupt, das ist wahr. Aber das ist kein \u201eWie kannst du Depp mir die Vorfahrt nehmen!\u201c-Gehupe, sondern ein \u201eVorsicht, ich fahre gerade in die Gegenrichtung, fahr bitte nicht in mich rein!\u201c-Gehupe. Und es trifft auf Fahrer, die ungewohnte Verkehrssituationen und Regel\u00fcbertretungen systematisch erwarten und die gewohnt sind, flexibel mit ihnen umzugehen. Weil sie wissen, dass man sich anders in dieser Stadt nicht fortbewegen kann. Weil sie verstehen, dass sich die viel zu engen Stra\u00dfen durch die altert\u00fcmlicheren Teile der Stadt oft nur auf der falschen Fahrbahnseite passieren lassen, dass Anlieferungen oft nur durch Blockierung gleich mehrerer Verkehrswege m\u00f6glich sind. Und weil sie unentwegt alle anderen auf ihrem visuellen Radar haben. Die, die sie sehen, und die die da noch kommen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Dies alles verlangt beeindruckende Leistungen am Steuer, und tats\u00e4chlich erleben wir fast t\u00e4glich, was es bedeutet, auf den Millimeter genau zu fahren. Wenn das nicht reicht, kommt oft unerwartete Hilfe: Als wir mithilfe einer Kollegin versucht haben, uns unserem t\u00e4glichen Coronatest in einem Krankenhaus zu unterziehen, hatten wir uns in einem Moment sprichw\u00f6rtlich festgefahren. Am Ende ihrer Kr\u00e4fte verlie\u00df die Kollegin das Auto, worauf wie selbstverst\u00e4ndlich ein fremder Fahrer einstieg, um das Auto geschickt aus der Gefahrenzone zu fahren. Ohne vorherige Abkl\u00e4rung der Versicherungsverh\u00e4ltnis und m\u00f6glichen Schadensanspr\u00fcche. Das, so glauben wir, ist Kollektivismus im Alltag.<\/p>\n<p><strong>Liebe Kollegen<\/strong><\/p>\n<p>Die andere Beobachtung bezieht sich auf unser Forschungsteam und dessen administrativen Unterst\u00fctzer. Als Ausl\u00e4nder und vor allem als Nicht-Chinesisch-Sprechende sind wir oft im Alltag aufgeschmissen, jedenfalls wenn er mit Beh\u00f6rden zu tun hat. Praktisch alle Formulare sind nur in Chinesisch erh\u00e4ltlich, und kaum jemand spricht Englisch. Ohne Begleiter und vorbereitende Helfer sind also Beh\u00f6rdeng\u00e4nge, die Anmietung einer Wohnung und selbst der Erwerb einer Telefonnummer nicht m\u00f6glich. Die Universit\u00e4t, an der wir arbeiten, besch\u00e4ftigt dementsprechend mehrsprachige Angestellte, die uns bei all diesen Angelegenheiten helfen.<\/p>\n<p>Neben diesen offiziellen Angeboten, die man von einer Universit\u00e4t mit internationalen Ambitionen erwarten kann, gibt es aber viel mehr. Kollegen haben ohne Gegenleistung ihr Wochenende geopfert, um uns aus der Quarant\u00e4ne in Shanghai abzuholen. Hotelrechnungen f\u00fcr uns beglichen und uns (zinslos) Geld von ihrem pers\u00f6nlichen Konto f\u00fcr Eink\u00e4ufe vorgestreckt, als wir \u00fcber einen Monat auf unser erstes Gehalt warten mussten. (Westliche Kreditkarten werden hier kaum akzeptiert und der grenz\u00fcberschreitende Transfer von Geldbetr\u00e4gen ist nur nach aufwendiger Pr\u00fcfung durch das Steuerb\u00fcro gestattet.)<\/p>\n<p>In Zeiten der versch\u00e4rften Coronama\u00dfnahmen haben sie spontan (und ja: auf ihre eigenen Kosten) Lebensmittelpakete f\u00fcr uns im Hotel abgegeben. Und sogar ein Bundesliga-Abonnement bei einem chinesischen Fernsehsender f\u00fcr uns organisiert. Selbst unsere Chinesisch-Lehrerin arbeitet mit uns zweimal die Woche ohne jedes Entgelt, einfach weil sie die Erfahrung, mit derart hoffnungslosen F\u00e4llen umzugehen, interessant und lehrreich findet.<\/p>\n<p>Unser zunehmendes Erstaunen \u00fcber so viel Hilfe, Unterst\u00fctzung und Liebensw\u00fcrdigkeit fand seinen Kulminationspunkt w\u00e4hrend eines der vielen Abendessen, die nahe und entferntere Kollegen f\u00fcr uns organisiert haben. Bei vielen dieser Abendessen war viel Schnaps im Spiel, und viele Toasts, die einen willkommenen Anlass f\u00fcr dessen Genuss abgaben. In vielen dieser Toasts wurden wir willkommen gehei\u00dfen, aber zwei davon haben uns besonders beeindruckt und tats\u00e4chlich \u00fcberrascht: Kollegen stellten fest, dass es f\u00fcr sie kaum etwas Wichtigeres und Befriedigenderes g\u00e4be, als unsere W\u00fcnsche zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p><strong>Der Kollektivismus steckt in uns<\/strong><\/p>\n<p>Mit einem deutschen Hintergrund kommen einem S\u00e4tze dieser Art \u00fcberraschend, vielleicht befremdlich, oder sogar \u00fcbertrieben vor \u2013 aber wir haben bei aller H\u00f6flichkeit und aller Ber\u00fccksichtigung unseres privilegierten Status\u2018 keinen Anlass zu der Annahme, dass sie nicht authentisch waren. W\u00fcrden Deutsche so \u00fcber andere denken und so mit ihnen f\u00fchlen? Im Alltag k\u00f6nnen wir uns das einfach nicht vorstellen. Daf\u00fcr sind wir zu viel mit uns selbst besch\u00e4ftigt, sorgen uns viel zu sehr um die m\u00f6glichen pers\u00f6nlichen, geldwerten oder juristischen Konsequenzen unserer Handlungen, sind wir viel zu neidisch, viel zu emp\u00f6rt \u00fcber die Unzul\u00e4nglichkeiten und Fehler der anderen.<\/p>\n<p>Und doch steckt es in uns. Denn viele von uns sind es ja gew\u00f6hnt, viel f\u00fcr das erste Kollektiv zu tun, das wir kennengelernt haben: unsere Familie. Dies ist vielleicht noch offensichtlicher f\u00fcr die Italienerin in unserem Autorenteam als f\u00fcr den Deutschen, und es gilt vielleicht noch mehr f\u00fcr italienische Familien im Allgemeinen als f\u00fcr deutsche. Aber die Grundidee, dass man manche Dinge auch mal f\u00fcr andere tun k\u00f6nnte und vielleicht sollte, haben viele von uns dort kennengelernt. Und genau das hatten unsere chinesischen Kollegen im Sinn: wir sind jetzt Teil ihrer Familie. Merkw\u00fcrdig und neu f\u00fcr uns Mitteleurop\u00e4er ist also nicht so sehr diese Grundidee, die wir ja eigentlich kennen, sondern die sehr ausufernde Definition von dem, was Familie sein k\u00f6nnte, in der chinesischen Kultur.<\/p>\n<p>Aber selbst wir Mitteleurop\u00e4er, und vielleicht sogar diejenigen, die aus einer Kleinfamilie oder weniger famili\u00e4ren Kontexten stammen, sind mit expansiveren Definitionen von Familie vertraut. Denn f\u00fcr jeden Fu\u00dfballfan ist es ja ganz selbstverst\u00e4ndlich, dass er nahezu alles f\u00fcr seinen Verein tun w\u00fcrde. Wenn er den St\u00fcrmer der eigenen Mannschaft besser machen k\u00f6nnte, w\u00fcrde er das tun. Ganz selbstlos, und ohne Hintergedanken. Wenn uns also etwas an etwas liegt, das gr\u00f6\u00dfer ist als wir, dann haben wir mit der Selbstlosigkeit, mit dem G\u00f6nnen, mit dem Ertragen des Erfolgs von anderen gar kein Problem. Wir haben dann keine Vorbehalte, juristische Bedenken oder Angst vor dem Ungewissen, sondern Vertrauen in uns und in unser Team. Er steckt also in uns, der Kollektivismus, in allen von uns, nur machen wir halt so selten etwas daraus.<\/p>\n<p><em>#Bild: <\/em><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Jinanfromqianfoshan.jpg\"><em>Song Hongxiao<\/em><\/a><em>, <\/em><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\"><em>CC BY-SA 3.0<\/em><\/a><em>, via Wikimedia Commons <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/kolumnen\/leben-im-widerspruch\/der-alltaegliche-kollektivismus\/\"><em>overton-magazin.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 28. Februar 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lorenza Colzato und Bernhard Hommel. Die chinesische Gesellschaft ist eine kollektivistische, das sagen die Chinesen selbst und alle anderen sagen das auch. 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