{"id":12752,"date":"2023-03-05T11:09:21","date_gmt":"2023-03-05T09:09:21","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12752"},"modified":"2023-03-05T11:09:22","modified_gmt":"2023-03-05T09:09:22","slug":"antikriegsbewegung-in-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12752","title":{"rendered":"<strong>Antikriegsbewegung in Russland<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Jaqueline Katherina Singh. <\/em>Ein Jahr seit Beginn des Angriffskrieges \u2013 und das Regime Putins scheint nicht zu br\u00f6ckeln, ja nicht mal kleine Risse zu bekommen. Doch die Fassade t\u00e4uscht, denn der Druck, den Krieg gewinnen zu m\u00fcssen, w\u00e4chst stetig f\u00fcr die russische Regierung. Zwar wurde am Jahresanfang seitens Putins, aber auch der internationalen Gemeinschaft festgestellt, dass die Sanktionen<!--more--> die Nation nicht so stark treffen, wie es sich manch eine\/r erhofft hat.<\/p>\n<p>Dennoch ist das Loch im russischen Haushalt nicht besonders klein. Russland verkauft bereits Devisen im Wert von 8,9 Milliarden Rubel (gut 112 Millionen Euro) pro Tag, um das Defizit zu decken. Auch Goldreserven werden ver\u00e4u\u00dfert. Die Zentralbank hat zuletzt davor gewarnt, dass ein hohes Defizit die Inflation anheizen k\u00f6nnte. Sie w\u00e4re dadurch zu Zinserh\u00f6hungen gezwungen, die wiederum die Konjunktur belasten w\u00fcrden. Es kann also nicht ewig so bleiben. Doch wie kann der Krieg beendet werden? Und welchen Widerstand gibt es \u00fcberhaupt?<\/p>\n<p><strong>Ein grober \u00dcberblick<\/strong><\/p>\n<p>Die Kritiker:innen des Krieges kommen aus allen politischen Spektren in Russland, denn nur die wenigsten profitieren von der sogenannten \u201eSpezialoperation\u201c. So gab es unmittelbar nach dem Einmarsch Petitionen und Positionierungen von bekannten Personen der russischen \u00d6ffentlichkeit gegen den Krieg. Aber auch aus der breiteren Bev\u00f6lkerung kamen offene Briefe wie beispielsweise einer aus der IT-Branche, der von rund 30.000 Besch\u00e4ftigten unterzeichnet wurde.<\/p>\n<p>Es folgten Aktionen von K\u00fcnstler:innen wie des Kollektivs Nevoina aus Samara oder die anonyme Bewegung \u201eKrankschreibung gegen den Krieg\u201c. Die gr\u00f6\u00dften koordinierten Aktivit\u00e4ten stellten die Aktionstage am 6. und 13. M\u00e4rz 2022 sowie im September dar. Trotz dieser Unternehmungen ist es jedoch bisher nicht gelungen, eine breite Antikriegsbewegung aufzubauen. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind zahlreich.<\/p>\n<p><strong>Chronik der Repression<\/strong><\/p>\n<p>Die Aktivist:innen selber erleiden seit dem ersten Tag des Krieges eine massive Repression seitens des russischen Staates. Das Versammlungsrecht war bereits vor dem Krieg drastisch eingeschr\u00e4nkt worden. Neben massiver Polizeigewalt gab es bis zum 13. M\u00e4rz 14.000 Festnahmen. Diese Ordnungsverwahrungen endeten zwar h\u00e4ufig nach 10 \u2013 15 Tagen, jedoch wurde auch vereinzelt von F\u00e4llen berichtet, bei denen Festgenommene gefoltert wurden. Das Ziel seitens des russischen Staatsapparates war von Beginn an, die Proteste im Keim zu ersticken.<\/p>\n<p>So gab es f\u00fcr das gesamte Jahr 2022 laut OVD-Info mehr als 21.000 Festnahmen sowie mindestens 370 Angeklagte in Strafverfahren wegen Antikriegs\u00e4u\u00dferungen und -reden. Mehr als 200.000 Internetressourcen wurden gesperrt und 11 Urteile wegen Staatsverrats verh\u00e4ngt. Dar\u00fcber hinaus haben Beh\u00f6rden best\u00e4tigt, dass bisher 141 Personen wegen Teilnahme an Antikriegsprotesten mittels Gesichtserkennungssystemen (z.\u00a0B. in der Moskauer U-Bahn) ermittelt wurden.<\/p>\n<p>Mit der massiven Repression hatte das Putinregime bisher Erfolg. Die Proteste wurden klein gehalten, gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung eingesch\u00fcchtert und wichtige Aktivist:innen f\u00fcr den Widerstand haben mit Repression zu k\u00e4mpfen oder mussten fliehen. Die Oppositionsgruppen haben in dieser Situation Aufrufe zu \u00f6ffentlichen Kundgebungen eingestellt, weil sie beim aktuellen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis nur zum Verheizen der Aktivist:innen f\u00fchren w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong>Weitere Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Schw\u00e4che<\/strong><\/p>\n<p>Doch nicht nur die Repression alleine erschwert den Aufbau einer Antikriegsbewegung. Hinzu kommen zwei weitere Gr\u00fcnde, die wir nur kurz anrei\u00dfen k\u00f6nnen:<\/p>\n<ol>\n<li><strong>a) Fehlende Programmatik und Klarheit<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die eher autonom gepr\u00e4gte Gruppe \u201eAlt-Left\u201c ging in ihrer Auswertung des Aktionstags am 13. M\u00e4rz 2022 davon aus, dass die F\u00fchrung der Bewegung eine liberale Pr\u00e4gung habe und es in der Bev\u00f6lkerung eine mehrheitliche Unterst\u00fctzung f\u00fcr die \u201eSpezialoperation\u201c und eine starke Zunahme des Nationalismus gebe. Das ist nat\u00fcrlich ein Ergebnis von Putins Propagandahoheit, aber auch der Tiefe der historischen Niederlage, die mit der Restauration des Kapitalismus einherging, und einer Linken, die an sich selbst den Zusammenbruch des Stalinismus erfuhr und sich und die Arbeiter:innenklasse bisher nicht so reorganisieren konnte, dass sie einen alternativen gesellschaftlichen Pol gegen Putin darstellen. Teile der \u201elinken\u201c Kr\u00e4fte \u2013 insbesondere die Spitzen der KPR und der offiziellen Gewerkschaften \u2013 unterst\u00fctzen Putins Krieg. Andere nehmen keine klare Position ein, erkennen das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine grunds\u00e4tzlich nicht an oder betrachten Russland nicht als imperialistische Kraft. All das hat verhindert, dass sich ein klarer antikapitalistischer und antiimperialistischer Pol in der Bewegung bildete.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>b) Mangelnde Verankerung<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Weiterhin fehlt eine Verankerung der radikalen, gegen das Regime gerichteten Linken innerhalb der Arbeiter:innenklasse. Letztere ist massenhaft vor allem in der staatstragenden Gewerkschaftsf\u00f6deration organisiert und durch diese kontrolliert. Die aktuellen Proteste k\u00f6nnen sich somit richtigerweise gegen den Krieg Russlands richten, aber dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnen sie in ihrem aktuellen Ausma\u00df nur die Keimform einer breiten Antikriegsbewegung darstellen. Davon, den Krieg stoppen zu k\u00f6nnen, sind sie weit entfernt. Die Linke ist marginalisiert, die Arbeiter:innenklasse tritt nicht als eigenst\u00e4ndige Kraft auf.<\/p>\n<p><strong>Rolle von Frauen<\/strong><\/p>\n<p>Doch nicht alles ist aussichtslos. Von Anfang an bildeten Frauen eine treibende Kraft der Antikriegsbewegung. OVD-Info verzeichnete, dass zwischen dem 24. Februar und 12. Dezember mindestens 8.500 Administrativverhaftungen von Frauen wegen \u00c4u\u00dferungen von Antikriegspositionen in verschiedenen Formen stattfanden, was etwa 45\u00a0% aller bekannten Inhaftierten entspricht.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren ist der Anteil der bei Kundgebungen festgenommenen Frauen deutlich gestiegen: 2021 betrug er bei solchen zur Unterst\u00fctzung von Alexei Nawalny 25 \u2013 31\u00a0% und 2022 dort nach Ank\u00fcndigung der Mobilisierung am 21. und 24. September 51\u00a0% bzw. 71\u00a0%. Der Autor und Herausgeber Ewgeniy Kasakow kommt im Buch \u201eSpezialoperation und Frieden \u2013 Die russische Linke gegen den Krieg\u201c zur Schlussfolgerung, dass das feministische Spektrum das bestorganisierte in der aktuellen Situation sei. Das liegt seiner Einsch\u00e4tzung nach daran, dass es im Gegensatz zur restlichen Linken am wenigsten gespalten in der Frage der Ukraine gewesen sei. Zum anderen schaffte es am schnellsten, \u201ehorizontale Strukturen\u201c auszubilden, und war somit in der Lage, zu unterschiedlichen Fragen Agitationsmaterialien zu erstellen und Solidarit\u00e4tskampagnen zu organisieren. Die gr\u00f6\u00dfte nachvollziehbare Kraft stellt dabei das Netzwerk Feministischer Antikriegswiderstand dar, das aktuell auch die st\u00e4rkste im Kampf gegen Krieg auszumachen scheint.<\/p>\n<p><strong>Das Feministische Antikriegswiderstand (FAS)<\/strong><\/p>\n<p>So gab es am 8. M\u00e4rz 2022 in \u00fcber 90 St\u00e4dten stille Proteste, bei denen Blumen vor Denkm\u00e4ler gelegt wurden wie beispielsweise einem Wandgem\u00e4lde in der Kiewer U-Bahnstation in Moskau, das f\u00fcr die russisch-ukrainische Freundschaft steht. Was sich nach einer Kleinigkeit anh\u00f6rt, f\u00fchrte jedoch allein in Moskau zur Verhaftung von 90 Personen und zeigt, wie gering der Spielraum f\u00fcr Proteste ist.<\/p>\n<p>Um so positiver ist es, die Aktivit\u00e4ten der FAS \u00fcber die letzten Monate zu verfolgen: Neben der Sammlung von Spenden f\u00fcr ukrainische Gefl\u00fcchtete, der Unterst\u00fctzung von nach Russland Abgeschobenen hat sie mehr als 10 Ausgaben der Printzeitung Zhenskaya Pravda (Frauenwahrheit) herausgegeben, mit der sie vom Staat unabh\u00e4ngige Informationen \u00fcber den Krieg gew\u00e4hrleistet.<\/p>\n<p>Ebenso finden sich Artikel wieder, die thematisieren, wie S\u00f6hne vor der Armee gesch\u00fctzt werden k\u00f6nnen oder sich der Krieg auf das Familienbudget und die Wirtschaft Russlands auswirkt. Auf Teletype ver\u00f6ffentlicht sie regelm\u00e4\u00dfig Zwischenberichte ihrer Arbeit sowie Reden von einzelnen Koordinator:innen des Netzwerks. Damit leistet sie einen wichtigen Beitrag in der Agitation gegen den Krieg und beweist flexibles Nutzen von Onlineaktivismus und illegaler Arbeit, die nicht nur auf Onlinemedien basieren kann.<\/p>\n<p><strong>Positionen<\/strong><\/p>\n<p>Klar sollte sein, dass das Netzwerk keine total homogene Struktur verk\u00f6rpert, die auf Basis eines tiefer gehendenen einheitlichen Programms agiert. Es dient als Sammelbecken f\u00fcr linke wie auch liberale Aktivist:innen in Russland und international, die auch unterschiedliche Einsch\u00e4tzungen bez\u00fcglich des Charakters Russlands im Weltgef\u00fcge vertreten. Dennoch hat es am 25. Februar ein Manifest ver\u00f6ffentlicht, das mittlerweile in \u00fcber 20 Sprachen verf\u00fcgbar ist. Dort bezieht es klar Stellung zum Krieg und schreibt: \u201eRussland hat seinem Nachbarn den Krieg erkl\u00e4rt. Es hat der Ukraine weder das Recht auf Selbstbestimmung noch irgendeine Hoffnung auf ein friedliches Leben zugestanden. Wir erkl\u00e4ren \u2013 und das nicht zum ersten Mal \u2013, dass der Krieg in den letzten acht Jahren auf Initiative der russischen Regierung gef\u00fchrt wurde. Der Krieg im Donbas ist eine Folge der illegalen Annexion der Krim. Wir glauben, dass Russland und sein Pr\u00e4sident sich nicht um das Schicksal der Menschen in Luhansk und Donezk k\u00fcmmern und gek\u00fcmmert haben und dass die Anerkennung der Republiken nach acht Jahren nur ein Vorwand f\u00fcr den Einmarsch in die Ukraine unter dem Deckmantel der Befreiung war.\u201c<\/p>\n<p>Angesichts des russischen Angriffskrieges ist die klare Positionierung der FAS essentiell und unterst\u00fctzenswert. Im Sp\u00e4teren wurde erg\u00e4nzt, wem die FAS hilft, wie Unterst\u00fctzung aussehen kann. Ferner wurden 9 konkretere Forderungen zum Krieg verabschiedet. Auch hier halten wir den Gro\u00dfteil f\u00fcr sinnvoll wie die Ablehnung des blo\u00dfen Pazifismus, die Amtsenthebung Putins und aller beteiligten Beamt:innen. Doch sehen wir auch Sachen anders wie beispielsweise in der ersten Forderung: \u201eF\u00fcr den vollst\u00e4ndigen Abzug der russischen Truppen aus dem Hoheitsgebiet der Ukraine und die R\u00fcckgabe aller besetzten Gebiete an die Ukraine (Wiederherstellung innerhalb der Grenzen bis 2014)\u201c.<\/p>\n<p>Wir unterst\u00fctzen den sofortigen Abzug russischer Truppen, treten jedoch daf\u00fcr ein, dass die Bev\u00f6lkerung der Krim sowie der Volksrepubliken unabh\u00e4ngig vom russischen wie vom ukrainischen Staat selbst Referenden organisiert, welchem Gebiet sie sich anschlie\u00dfen will \u2013 mit dem Recht, egal wie die Entscheidung ausf\u00e4llt, Sprache etc. der jeweiligen Minderheit zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>Ver\u00e4nderung ist m\u00f6glich<\/strong><\/p>\n<p>In einem Blogbeitrag beschreibt die FAS die unterschiedlichen Stadien von Antikriegskampagnen und wirft dabei die Frage auf: \u201eIn welcher Phase befinden wir uns Ihrer Meinung nach? Wie kann man den Beginn der dritten, vierten und f\u00fcnften Stufe beschleunigen?\u201c Besagte Stadien stellen dabei 3. die \u201eWachstumsphase der Unterst\u00fctzung\u201c, bei der die Unterst\u00fctzung \u00fcber den Kern der aktiven Gruppen hinaus zunimmt und sich das 4. \u201eStadium der Meinungsbildung\u201c entwickelt, bei dem die Antikriegsposition in breiten Teilen der Bev\u00f6lkerung diskutiert wird, hin zum 5. \u201eStadium der politischen St\u00e4rke\u201c, wo beispielsweise der Beginn oder die aktive Wiederaufnahme von Verhandlungen anstehen sowie kleine Zugest\u00e4ndnisse an die Antikriegsbewegung erfolgen.<\/p>\n<p>Manche Lesende werden jetzt vielleicht stutzig werden, da sie sich unter \u201epolitischer St\u00e4rke\u201c wahrscheinlich etwas anderes vorgestellt haben. Dem liegt folgende Aussage zugrunde: \u201eFast alle Forscher sind sich einig, dass die Antikriegskampagne selbst den Krieg nicht beendet: Kriege enden aus anderen Gr\u00fcnden, zu denen neben wirtschaftlicher Ersch\u00f6pfung auch die Unbeliebtheit und Nichtunterst\u00fctzung des Krieges in der Gesellschaft geh\u00f6ren. Es sind Kampagnen, die den Grad dieser Unterst\u00fctzung ver\u00e4ndern k\u00f6nnen, indem sie die Basis von Kriegsgegnern st\u00e4ndig erweitern und neue Menschen in die Bewegung einbeziehen.\u201c<\/p>\n<p>Richtig mag sein, dass Kampagnen nicht Kriege beenden. Dennoch k\u00f6nnen aus ihnen politische Kr\u00e4fte entstehen, die sich als Organisationen oder Parteien formen, die eben dies tun. Denn vor allem, wenn das Ziel unter anderem auch die Amtsenthebung Putins sein soll, braucht es eine Kraft, die klar als Alternative auftreten kann.<\/p>\n<p>Doch kommen wir zur\u00fcck zur eigentlichen Frage: Wie kann die Antikriegskampagne ausgeweitet werden? Diese ist eng verkn\u00fcpft damit, wen man als Subjekt der Ver\u00e4nderung betrachtet. Dabei glauben wir, dass der Begriff der \u201eZivilgesellschaft\u201c nicht hilft, da er das Bild zeichnet, dass zum einen viele Teile der Bev\u00f6lkerung gleichgestellt sind, zum anderen keine wirkliche Unterscheidung zwischen NGOs, Initiativen und Individuen getroffen wird. Die \u201eZivilgesellschaft\u201c in ihrer Gesamtheit besteht aus Schichten, die letztlich entgegengesetzt Klasseninteressen haben k\u00f6nnen \u2013 was es schwierig macht, klare Forderungen zu entwickeln, und den gemeinsamen Kampf notwendigerweise auf eine Reform des b\u00fcrgerlichen Systems beschr\u00e4nken muss.<\/p>\n<p>Als Marxist:innen gehen wir davon aus, dass die Arbeiter:innenklasse das zentrale Subjekt der Ver\u00e4nderung darstellt. Dabei gehen wir davon aus, dass das Bild der Arbeiter:innenbewegung als Darstellung wei\u00dfer M\u00e4nner in Blaum\u00e4nnern der Realit\u00e4t nicht gerecht wird. Schauen wir uns die Arbeiter:innenklasse international an, dann ist sie multiethnisch und divers in ihren Geschlechtsidentit\u00e4ten. Es geht also nicht um die Frage, Unterdr\u00fcckung zu verleugnen, sondern die K\u00e4mpfe miteinander zu verbinden.<\/p>\n<p>Die Arbeiter:innenklasse als solche ist aufgrund ihrer Rolle im Produktionsprozess relevant. Durch die F\u00e4higkeit zu streiken, also die Produktion lahmzulegen, sitzt sie an einem effektiven Hebel, dem Krieg sowohl den Geldhahn als auch praktisch die Mittel abzudrehen. Ein Blick zur\u00fcck in die russische Geschichte zeigt, welche Schl\u00fcsselrolle die Arbeiter:innenklasse \u2013 und insbesondere Frauen \u2013 einnehmen k\u00f6nnen, um Kriege zu beenden. Die Antwort auf die Frage, wie die Antikriegskampagne ausgeweitet werden kann, lautet f\u00fcr uns also: Wie k\u00f6nnen die Arbeiter:innen f\u00fcr eine Antikriegspolitik gewonnen werden? Und welche politischen Ziele sind damit verkn\u00fcpft? Soll n\u00e4mlich der Kampf gegen den Krieg zum Sturz des russischen Imperialismus auswachsen, so muss er f\u00fcr die Errichtung einer revolution\u00e4ren Arbeiter:innenregierung gef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p><strong>Wie kann es weitergehen?<\/strong><\/p>\n<p>Die FAS vertritt eine solche Perspektive nicht. Unsere Kritik bedeutet nat\u00fcrlich nicht, dass wir sie im Kampf gegen die Kriegspolitik nicht unterst\u00fctzen w\u00fcrden. Im Gegenteil, wir suchen diese Diskussion mit den Aktivist:innen und Genoss:innen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist auch hervorzuheben, dass die FAS auch wichtige klassenpolitische Forderungen erhebt. So hei\u00dft es:<\/p>\n<p>\u201eWir k\u00e4mpfen f\u00fcr menschenw\u00fcrdige Arbeitsbedingungen f\u00fcr alle und f\u00fcr die Einhaltung der Arbeitsrechte der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. Mit Beginn des Krieges steigt die Zahl der Entlassenen und Arbeitslosen. Die Arbeitgeber nutzen ihre Macht und ihren Druck, um Arbeitnehmer f\u00fcr ihre Antikriegshaltung zu bestrafen. Die ersten Leidtragenden der K\u00fcrzungen im Arbeitsrecht sind die Frauen!* und die sogenannten nationalen Minderheiten, Migranten. Wir unterst\u00fctzen die Arbeit unabh\u00e4ngiger Gewerkschaften und Streiks.\u201c<\/p>\n<p>Wir halten diese Positionierung f\u00fcr sinnvoll, da der Krieg, wie die FAS feststellt, f\u00fcr eine Verschlechterung der Lebensbedingungen vieler sorgt. Um mehr Elemente f\u00fcr eine Antikriegsposition zu gewinnen, m\u00fcssen aktuelle Probleme wie Lohnk\u00fcrzungen sowie ausbleibende Lohnzahlungen und steigende Lebensunterhaltungskosten direkt angesprochen und mit Forderungen f\u00fcr konkrete Verbesserungen verbunden werden.<\/p>\n<p>Dabei ist es sinnvoll, selbst die regimetreuen Gewerkschaften aufzufordern, um diese Fragen aktiv zu werden, statt stumme Burgfriedenspolitik zu betreiben. Dies dient vor allem dazu, diejenigen, die zum einen Illusionen fr\u00f6nen, dass ihre Gewerkschaft etwas f\u00fcr sie tut, wegzubrechen, zum anderen jenen, die sie als blo\u00dfe Kulturinstitution verstehen, aufzuzeigen, dass sie ein Ort des gemeinsamen Kampfes sein muss.<\/p>\n<p>Dies sollte kombiniert werden mit kleineren Aktivit\u00e4ten in Betrieben, wo \u00fcber die Aufforderungen diskutiert werden kann. Die aktuelle Repression erschwert es, dies offen und \u00f6ffentlich mit der Frage des Krieges zu verbinden oder schnell in Mobilisierungen umzuwandeln. Jedoch muss es Ziel sein, die Unzufriedenheit zu sch\u00fcren, um sie schlie\u00dflich produktiv zu nutzen.<\/p>\n<p>Perspektivisch k\u00f6nnte das Ziel darin bestehen, einen gemeinsamen, branchen\u00fcbergreifenden Aktionstag beispielsweise unter dem Motto \u201eGegen die Krise!\u201c f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen und h\u00f6here L\u00f6hne zu organisieren, der a) als \u00dcberpr\u00fcfung dienen kann, wie viele bereit sind, auf die Stra\u00dfe zu gehen, und b) genutzt werden kann, K\u00e4mpfe miteinander zu verbinden.<\/p>\n<p>Denn man sollte sich bewusst sein: Chauvinismus gegen\u00fcber Ukrainer:innen, Sexismus und LGBTIA+-Diskriminierung werden in der breiten Bev\u00f6lkerung nicht einfach so verschwinden, nur weil die Situation durch den Krieg schlechter wird. Unmittelbar droht sogar eine Zunahme. Der Schl\u00fcssel liegt jedoch weder darin, dies zu ignorieren, noch eine vollkommende Solidarit\u00e4t zur Vorbedingung eines gemeinsamen Kampfes zu machen.<\/p>\n<p>Vielmehr muss im Rahmen von K\u00e4mpfen f\u00fcr Verbesserungen gezeigt werden, dass man gemeinsame Interessen hat, w\u00e4hrend gleichzeitig in den Strukturen Schutzr\u00e4ume f\u00fcr gesellschaftlich Unterdr\u00fcckte wie Caucuses geschaffen werden sollten. Ebenso wird die Arbeit zurzeit dadurch erschwert, dass die Gewerkschaften dem Krieg recht passiv gegen\u00fcberstehen. Aber gerade deswegen ist es wichtig, sie herauszufordern, was nicht gegen die bereits existierende Arbeit gestellt werden sollte, die die FAS betreibt, da diese auch die Grundlage schafft, Geh\u00f6r zu finden.<\/p>\n<p><strong>Internationale Solidarit\u00e4t statt Isolation<\/strong><\/p>\n<p>Die Aktivist:innen der russischen Antikriegsbewegung spielen eine Schl\u00fcsselrolle bei der Beendigung des Krieges. Hierzulande sollten wir uns daf\u00fcr einsetzen, dass a) die eigene Kriegstreiberei nicht das Bild einer russischen Bev\u00f6lkerung zeichnet, die komplett Putin unterst\u00fctzt. Wer das so sieht, leugnet nicht nur die Realit\u00e4t und unterst\u00fctzt weitere m\u00f6gliche Kriegstreiberei, sondern verpasst die Chance, den Widerstand zu st\u00e4rken. Wir sollten b) fortschrittliche Kr\u00e4fte wie die FAS in ihrer Oppositionsarbeit unterst\u00fctzen, c) gegen die Sanktionen gegen\u00fcber der russischen Bev\u00f6lkerung auf die Stra\u00dfe gehen, da diese vor allem ihre Lebensbedingungen verschlechtern, w\u00e4hrend wir gleichzeitig das Selbstverteidigungsrecht der Ukrainer:innen anerkennen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus bedarf es einer Strategiedebatte, die international gef\u00fchrt werden muss. Dies bedeutet zum einen, von Aktivist:innen aus Russland zu lernen, insbesondere wie politische Arbeit in der aktuellen Situation m\u00f6glich ist. Auf der anderen Seite bedarf es auch inhaltlicher Debatten \u00fcber die Fragen des Charakters des russischen Regimes im imperialistischen Weltsystem, des Krieges und der Strategie, wie er beendet werden kann.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2023\/03\/01\/antikriegsbewegung-in-russland\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 5. M\u00e4rz 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jaqueline Katherina Singh. Ein Jahr seit Beginn des Angriffskrieges \u2013 und das Regime Putins scheint nicht zu br\u00f6ckeln, ja nicht mal kleine Risse zu bekommen. 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