{"id":12760,"date":"2023-03-07T15:21:51","date_gmt":"2023-03-07T13:21:51","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12760"},"modified":"2023-03-07T15:21:52","modified_gmt":"2023-03-07T13:21:52","slug":"der-e-maidan-2014-in-kiew-in-dem-das-heute-angelegt-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12760","title":{"rendered":"<strong>Der \u201e\u20ac-Maidan\u201c 2014 in Kiew, in dem das Heute angelegt ist<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p>Wolf Wetzel. <strong>Wenn man sich die Ereignisse auf dem Maidan-Platz 2014 in Erinnerung ruft, wird man feststellen, dass alles bereits damals \u201aam Start\u2018 war, was heute auf ganz gro\u00dfer B\u00fchne ausgetragen wird.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><em>Dieser (gek\u00fcrzte) Text wurde Ende 2014 verfasst, um sich halbwegs in dem zu orientieren, was 2013\/14 rund um den Maidan-Platz in Kiew passiert war. <\/em><\/p>\n<p>Zu Beginn war die Sympathie f\u00fcr das, was wir hier in Deutschland zu sehen bekamen, sehr gro\u00df und auffallend breit. Die \u00f6ffentlich-rechtlichen Anstalten konnten von meterhohen Barrikaden und brennenden Mollies gar nicht genug bekommen und wir alle durften den Sturz eines korrupten Regimes gut finden. Mit der Zeit sickerten Informationen durch, die das Bild tr\u00fcbten. So war von einem \u201e<em>rechten Sektor<\/em>\u201c die Rede und die Linken auf dem Maidan wurden pl\u00f6tzlich selbst Ziel dieser Angriffe. Was hat es mit dem \u201e<em>rechten Sektor<\/em>\u201c auf sich? Warum haben \u00f6ffentlich-rechtlich-private Medien so viel Sympathie f\u00fcr eine Revolte, die sie hier mit Eifer niederschreiben w\u00fcrden? Und dann dr\u00e4ngte sich nat\u00fcrlich die Frage auf: Wer mischt\/e sich da ein, was auf den Bildern nicht zu sehen ist?<\/p>\n<p>Ich bin mir sicher, dass man einiges \u00fcber den \u201e<em>Euromaidan<\/em>\u201c wissen muss, um den Krieg heute und die politischen Positionierungen darin zu verstehen.<\/p>\n<p><strong>Die \u00f6ffentlich-rechtliche Sympathie f\u00fcr einen \u201eAufstand\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Selten hat man in Deutschland die Gelegenheit, zusammen mit dem Staatsfernsehen und den private-state-Medien so nah, so sympathisierend an einer Revolte teilzunehmen. Zur Primetime sendeten sie wochenlang live vom Maidan-Platz in Kiew, wo Tausende den Platz besetzt gehalten hatten, mit dem erkl\u00e4rten Ziel, die gew\u00e4hlte Regierung zu st\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Bis zum Sturz der Regierung und der Ernennung einer \u00dcbergangsregierung, die kurz darauf vom herbeigeeilten franz\u00f6sischen, polnischen und deutschen Au\u00dfenminister de facto anerkannt wurde, wiederholte sich ein einge\u00fcbtes Spiel: Nachdem man kurz auf das Laufende gebracht wurde, was bisher passiert war, wurde live nach Kiew geschaltet. Die Reporterin berichtete vom friedlichen Protest der Menschen auf dem Maidan-Platz, der bereits in \u201eEuromaidan\u201c umbenannt wurde. Sie berichtete vom unersch\u00fctterlichen Willen, die gew\u00e4hlte Regierung zu st\u00fcrzen, vom Mut der Menschen, sich keiner Repression zu beugen. Man sah Junge, man sah Alte, man sah traurige, man sah entschlossene Menschen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Reporterin das Bild vom <em>friedlichen<\/em> Protest und dem <em>brutalen<\/em> Regime ausmalte, liefen hinter ihr M\u00e4nner mit (Gas-)Masken, mit Helmen, mit Schutzschilden und Molotowcocktails vorbei.<\/p>\n<p>Dann schwenkte die Kamera Richtung Barrikaden. Sie waren meterhoch aufget\u00fcrmt. Rauschwaden von brennenden Autoreifen stiegen auf. Weit davon entfernt sah man Polizeiketten, die sich hinter ihren Schildern verschanzten. Immer wieder wurden von den Barrikaden aus Molotow-Cocktails Richtung Polizeikette geworfen.<\/p>\n<p>All das, was wir als Zuschauer sehen durften, sah die Reporterin auch. Das hielt sie nicht davon ab, vom <em>friedlichen<\/em> Protest zu reden, der von einem <em>brutalen<\/em> Regime verfolgt wird.<\/p>\n<p>Eigentlich m\u00fcsste alleine das misstrauisch machen: Ein militanter Protest, der \u00fcber Wochen ein Regierungsviertel lahmlegt, \u00f6ffentliche Geb\u00e4ude besetzt, Polizeieinheiten zur\u00fcckschl\u00e4gt und angreift und zum Sturz einer gew\u00e4hlten Regierung aufruft, genie\u00dft das Vertrauen und die Sympathie aller staatsnahen Medien in Deutschland. H\u00e4hh?<\/p>\n<p>Haben jetzt endlich staatliche Medien und die politische Klasse in Deutschland das Recht der Unterdr\u00fcckten entdeckt, sich auch gewaltsam gegen ihre Unterdr\u00fccker zu wehren \u2013 selbst dann, wenn die \u201edemokratisch\u201c gew\u00e4hlt sind? Werden jetzt endlich Armut, Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung als legitime Gr\u00fcnde anerkannt, sich gewaltsam zu wehren, eine Regierung zum Teufel zu jagen, die dies erm\u00f6glicht bzw. aufrechterh\u00e4lt?<\/p>\n<p>Die Frage kann man sehr schnell beantworten: Ganz sicher nicht. Man m\u00f6ge sich vorstellen, was in Frankfurt, in Paris oder Madrid passieren w\u00fcrde, wenn sich dort \u00c4hnliches ereignen w\u00fcrde?<\/p>\n<p>Ganz sicher haben die hiesigen Medien nicht die geringste Sympathie f\u00fcr Unruhen. Aber sie helfen, eine Regierung aus dem Amt zu jagen, die den europ\u00e4ischen und westlichen Interessen nicht dient, die das Angebot, sich in die EU-Fight-Zone einzureihen, zur\u00fcckgestellt hatte und dabei war, sich dem Konkurrenten der EU, der Russischen F\u00f6deration, anzudienen. Das ist keine leichtfertige Behauptung.<\/p>\n<p>Ein Beispiel: Das ZDF hatte (sp\u00e4ter) zugegeben, mit der Einhegung zahlreicher \u201eFakten\u201c in die eigene Berichterstattung gute Erfahrungen gemacht zu haben, die direkt vom \u201e<em>Ukrainian Crisis Media Center<\/em>\u201d \u00fcbernommen wurden. Dieses \u201eZentrum\u201c hatte es sich zum Ziel gesetzt, nur ganz bestimmte politische Positionen zur Lage in der Ukraine weiterzugeben und alle anderslautenden Nachrichten als \u201e<em>russische Propaganda<\/em>\u201c zu verunglimpfen.<\/p>\n<p><em>\u201eFinanziert wird die PR-Kampagne u.a. von George Soros, der ukrainischen \u00dcbergangsregierung und einer ukrainischen Tochtergesellschaft von Weber Shandwick, dem weltweit f\u00fchrenden PR-Unternehmen\u201c.<\/em><\/p>\n<p><em>(ZDF-Skandal \u2013 Berichte im Auftrag Kiews? Freitag vom 7.4.2018)<\/em><\/p>\n<p>Eine seiner f\u00fchrenden Mitarbeiterinnen erkl\u00e4rte, sie sei stolz, eine Verehrerin des ukrainischen Nazi-Kollaborateurs Stepan Bandera zu sein.<\/p>\n<p>Die geradezu mitrei\u00dfende Sympathie derer, die in ihren eigenen L\u00e4ndern selbst eine Sitzblockade mit allen Mitteln zu verhindern suchen, die Sonnenbrillen und aufgespannte Regenschirme f\u00fcr \u201epassive Bewaffnung\u201c halten und deshalb einen ganzen Demonstrationsblock einkesseln und festnehmen (wie anl\u00e4sslich von Blockupy 2013), h\u00e4tte also misstrauisch machen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dennoch hielten sich die Sympathiebekundungen aus dem linken, au\u00dferparlamentarischen Spektrum f\u00fcr die Maidan-Revolte lange und fast hartn\u00e4ckig. Lag das an pers\u00f6nlichen Erfahrungen oder Berichten von f\u00fcr glaubw\u00fcrdig gehaltenen Personen und Gruppen vor Ort, die, so hie\u00df es zum Beispiel damals, Mitte Februar 2013, \u201e<em>mit dem Aufstand fiebern<\/em>\u201c? Liegt es an den Bildern von den vielen Mollies, die auf Polizeiketten geworfen wurden?<\/p>\n<p>Man muss sich das auf dem Munde zergehen lassen, was die Vorsitzende der GR\u00dcNEN-Fraktion des EU-Parlaments, Rebecca Harms sagte:<\/p>\n<p><em>Die Bewegung ist gegen die Gewalt gewachsen. Der Platz und die Menschen haben sich ver\u00e4ndert. Es gibt den rechten Sektor. Es gibt die Veteranen. Es gibt junge Leute, die mich an den schwarzen Block erinnern. Es gibt die Babuschkas, die Molotowcocktails f\u00fcllen und ihre Enkel ermutigen, sie auch zu werfen.<\/em><\/p>\n<p>Liegt es an den militanten K\u00e4mpfen, die dort tats\u00e4chlich ausgetragen wurden? Sieht man nur das, was einen dabei nicht st\u00f6rt?<\/p>\n<p>Wussten wir, die verschiedenen Spektren der Linken, wof\u00fcr die Leute auf dem Maidan-Platz k\u00e4mpfen, wof\u00fcr sie ihr Leben riskieren? Wussten wir mehr als das, was die Medien jeden Tag und jede Nacht als Motiv verk\u00fcndeten: Die Menschen wollen einen Beitritt zur EU, wollen eine Regierung, die das EU-Assoziierungsabkommen unterschreibt?<\/p>\n<p>Es gab vereinzelte Kontakte zu Menschen und Gruppierungen auf dem Maidan Platz. Was wollten sie tats\u00e4chlich, was wollen sie heute? Wollten sie mehr als eine neue, nun eine EU-konforme Gef\u00e4ngnisf\u00fchrung? Oder wollen sie weder eine russische, noch eine EU-Gef\u00e4ngnisleitung? Aber was dann? Nationale Unabh\u00e4ngigkeit? Einen ukrainischen Kapitalismus?<\/p>\n<p><strong>Ziele der Maidan-Bewegung<\/strong><\/p>\n<p>Wenn das Wissen dar\u00fcber, was die Mehrheit der Menschen mit dem Sturz der Regierung erreichen wollen, sehr marginal ist, hilft eine zweite Ann\u00e4herung. Welche F\u00fchrer hatte und hat die Bewegung? Was ist das Programm der drei auf dem Maidan besonders in den Vordergrund r\u00fcckenden F\u00fchrer Jazeniuk, Klitschko, Tjagnibok?<\/p>\n<p>Sicherlich werden viele darin \u00fcbereinstimmen, dass man eine Bewegung, eine emanzipatorische Revolte nicht an ihren Mitteln erkennt, sondern an ihren inneren Strukturen, an der Weise, wie Entscheidungen zustande kommen, an den Zielen, die sie sich setzt.<\/p>\n<p>Wenn sie mehr als eine andere Regierung, also eine andere Form der Unterdr\u00fcckung will, dann muss sich die Bewegung andere Formen der Repr\u00e4sentation, andere Formen der Willensbildung, andere Mechanismen, Macht zu kontrollieren, zulegen. Bisher ist eine solche neue demokratische Struktur weder \u00f6ffentlich vorgestellt noch als gemeinsame Agenda formuliert worden. Das Gegenteil scheint doch offensichtlich der Fall zu sein. Zehntausende k\u00e4mpften \u201aunten\u2018 auf der Stra\u00dfe und \u201aoben\u2018 auf der B\u00fchne (der Macht) gerieren sich drei F\u00fchrer, die die K\u00e4mpfe auf der Stra\u00dfe als Kulisse f\u00fcr machtpolitische Entscheidungen nutzten, die mit den W\u00fcnschen der K\u00e4mpfenden (am Ende) sehr wenig zu tun haben werden.<\/p>\n<p>Zudem wird im Prozess der Proteste \u00fcberdeutlich, daaa auch diese drei nur sehr beschr\u00e4nkt die Handelnden sind. Sp\u00e4testens durch das geleakte Telefonat des US-Botschafters in Kiew mit der US-Au\u00dfenpolitikerin Victoria (\u201e<em>Fuck the EU<\/em>\u201c) Nuland wurde es Allgemeinwissen: Die USA und die EU, genauer gesagt, deren deutsche Dominanzmacht BRD, pr\u00e4ferieren auf dem Maidan unterschiedliche Protagonisten. Um es in der Sprache des Telefonats zu sagen:<\/p>\n<p>\u201e<em>Klitsh<\/em>\u201c ist der Mann der Deutschen (und der EU),<\/p>\n<p>\u201e<em>Yatz<\/em>\u201c ist der guy der USA: Mit \u201e<em>I don\u2019t think, Klitsh should go into the government<\/em>\u201c, legte die US-Vertreterin am 6.2.2014 fest, also zwei Wochen vor der Macht\u00fcbernahme der \u201e\u00dcbergangsregierung\u201d \u2013 wer gewinnen wird. \u201e<em>Yatz<\/em>\u201c, also Jazeniuk wurde der neue Chef.<\/p>\n<p><strong>Wer mit wem gegen wen? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Zur Funktion des speziellen ukrainischen Nationalismus und zur Herausbildung der faschistischen Aktionsdominanz auf dem Maidan<\/strong><\/p>\n<p>Kennzeichnend f\u00fcr die innere Situation der postsowjetischen Ukraine ist der au\u00dferordentlich hohe Konzentrationsgrad von Verm\u00f6gen und Macht in der Hand einiger weniger strikt kapitalistisch agierender Oligarchen. Wie J\u00f6rg Kronauer (german-foreign-policy.com) Anfang M\u00e4rz 2014 darlegte, befindet sich etwa 40 Prozent des ukrainischen Verm\u00f6gens direkt in der Hand von etwa einhundert Oligarchenfamilien. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen liegt offiziell bei 180 Euro pro Monat \u2013 die Oligarchen und ihren Reichtum mit eingerechnet.<\/p>\n<p>Die wirtschaftliche Entwicklung des Landes ist bekanntlich extrem ungleichm\u00e4\u00dfig: im Westen eher Landwirtschaft, im Osten der Kohle-Stahl-Komplex des Donbass, dessen \u00f6konomische Verflechtung mit der russischen Industrie dominiert. In dieser Situation agieren die Oligarchen der Ukraine in all ihren widerspr\u00fcchlichen Interessen tendenziell am erfolgreichsten, wenn sie sich weder auf eine allzu gro\u00dfe Abh\u00e4ngigkeit von der Russischen F\u00f6deration, noch auf eine Vereinnahmung durch die EU einlassen. Sie leben von den Gesch\u00e4ften mit und zwischen beiden.<\/p>\n<p>Als es im Herbst 2013 zu antioligarchischen Protesten gegen die Regierung Janukowitsch kam, an denen anf\u00e4nglich auch linke Gruppen teilnahmen, kam es aufgrund der Tatsache, dass zeitgleich das EU-Assoziierungsabkommen verhandelt werden sollte, zu einer sofortigen geopolitischen \u00dcberlagerung des innerukrainischen Protests gegen die \u201eantieurop\u00e4ische\u201c, die Fraktion des Russland-orientierten Donbass-Kapitals und Janukowitsch. So nahmen die Proteste im Verlauf der Zeit Dezember 2013\/Januar 2014 einen anderen Charakter an, als immer mehr Aktivisten offenbar vorwiegend aus den westukrainischen St\u00e4dten in die Auseinandersetzung eingriffen: \u201ePro-europ\u00e4isch\u201c einerseits, extrem nationalistisch und in Teilen explizit faschistisch andererseits.<\/p>\n<p>Das geschah alles andere als spontan. Das belegt u.a. das geleakte telefonische Eingest\u00e4ndnis Victoria Nulands, die US-Regierung habe in den Umsturz in der Ukraine f\u00fcnf Milliarden Dollar investiert. Was verwendet man dabei als politischen Kit? Hier bot sich der ukrainische Nationalismus als gesellschaftlicher Kitt an, weil er oligarchische Interessen mit nationalistischer Glorie abdecken konnte. Dieser hat, insbesondere in der Westukraine, also im jahrzehntelang durch immer wiederkehrende Grenzverschiebungen charakterisierten Gebiet, einen besonders reaktion\u00e4ren Charakter angenommen. Diese Form des Nationalismus, organisatorisch mit den verschiedenen Fraktionen der \u201e<em>Organisation Ukrainischer Nationalisten<\/em>\u201c (OUN) verbunden, war und ist in seiner Grundhaltung antisowjetisch\/antirussisch, zugleich von der \u00dcberzeugung durchdrungen, dass eine unabh\u00e4ngige ukrainische Nation nur \u201evon oben\u201c gegr\u00fcndet werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Dieser autorit\u00e4r und tief katholisch gepr\u00e4gte, bis zur Kollaboration mit dem Nazifaschismus bereite ukrainische Nationalismus dient als ideologischer Kitt. Die zusehends von ihm mindestens aktionspraktisch dominierte Bewegung des Euro-Maidan wurde so zu einer chauvinistischen, antirussisch dominierten Militanz, deren weithin akzeptierte Vorbilder Stepan Bandera, OUN, die \u201e<em>Geheime Aufstandsarmee der Ukraine<\/em>\u201c (UPA) ud sogar die in der Zeit der Nazi-Okkupation aktive \u201e<em>SS-Freiwilligen-Division Galizien<\/em>\u201c umfasste.<\/p>\n<p>Kerstin S. Jobst weist zudem darauf hin, dass bis heute in der Ukraine weitere, bequem antisowjetisch bzw. antirussisch zu interpretierende nationale \u201eMythen\u201c tief verwurzelt sind: die Katastrophen des als \u201e<em>Holdomor<\/em>\u201c bezeichneten Hungertod in der Sowjetukraine von 1932\/33 und die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986.<\/p>\n<p>Nationalismus geht in dieser Konstellation wie von selbst mit Hassausbr\u00fcchen gegen den russischen Au\u00dfenfeind einher. Stepan Bandera und sein Bild, Standbilder f\u00fcr den Mitbegr\u00fcnder und F\u00fchrer des milit\u00e4rischen Fl\u00fcgels der OUN, sind in der Westukraine von Stadtpl\u00e4tzen bis zu Fu\u00dfballstadien allgegenw\u00e4rtig, sie waren es zunehmend auch auf dem Maidan, ebenso wie die schwarzroten Fahnen der UPA, die noch nach 1945 bis Mitte der 1950er Jahre vor allem im Westen des Landes die Sowjetmacht bewaffnet bek\u00e4mpfte \u2013 milit\u00e4risch verdeckt unterst\u00fctzt von der CIA. Bandera und die OUN k\u00e4mpften nach dem \u201eFall Barbarossa\u201c an der Seite der Naziwehrmacht, von ihr finanziert, bewaffnet und gef\u00fchrt gegen die Sowjetunion, vulgo \u201eRussland\u201c, sie waren an antikommunistischen und antisemitischen Massakern wie dem von Lemberg im Juni 1941 nicht nur beteiligt, sondern f\u00fchrten sie durch: 7.000 Tote.<\/p>\n<p>Das ist allgemein bekannt, niemand bestreitet das ernsthaft. Ebenso sind es Fakten, dass die aktuelle Mit-Regierungspartei Swoboda sich ausdr\u00fccklich positiv auf Bandera und die OUN bezieht, wie auch auf die ukrainischen Freiwilligen in der faschistischen Waffen-SS, die sie zu ehren pflegt. Swoboda blieb nicht allein: Mit und neben ihr agierte auf dem Maidan der bewaffnete \u201e<em>Rechte Sektor<\/em>\u201c mit seinen der UPA-Tradition entstammenden Fahnen, in deren Reihen sich viele milit\u00e4risch gut ausgebildete M\u00e4nner aus den Zeiten Sowjet-Armee oder anderen bewaffneten Gruppen befanden. Sie waren keineswegs marginal, wie von westlichen JournalistInnen immer wieder behauptet wurde. \u00dcber die Rolle des rechten Sektors \u00e4u\u00dferte sich Alexander Rahr, Leiter des \u201eBerthold Beitz-Zentrums \u2013 Kompetenzzentrum f\u00fcr Russland, Ukraine, Belarus und Zentralasien\u201c bei der Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Ausw\u00e4rtige Politik:<\/p>\n<p><em>\u201eDer rechte Sektor war aus meiner Sicht entscheidend f\u00fcr den Umsturz, weil er eine Organisation ist, die auch bereit war, in Kampfhandlungen mit den Polizisten, mit den Sicherheitskr\u00e4ften einzutreten. Sie waren gut organisiert, sie hatten auch immer wieder einen Plan, wie sie angriffen, wie sie sich verteidigten, so dass sie einen gro\u00dfen Anteil am Erfolg des Maidans gehabt haben.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>(\u201ePanorama\u201c vom 6. M\u00e4rz 2014)<\/em><\/p>\n<p>Dass f\u00fcr Mitglieder aus diesem politischen Bereich regelrecht Sold gezahlt wurde, ist seit Victoria Nulands Telefongeplauder bekannt: F\u00fcnf Milliarden Dollar waren den USA \u201eFreiheit\u201c, \u201eDemokratie\u201c, \u201eMenschenrechte\u201c sowie deren Durchsetzung mithilfe von (Neo-)Faschisten wert.<\/p>\n<p>Dass Faschismus und gr\u00fcne Politik durchaus harmonieren k\u00f6nnen, beweist Rebecca Harms, f\u00fchrende EU-Parlamentarierin der GR\u00dcNEN, mit folgendem Bekenntnis:<\/p>\n<p><em>\u201eIch, die ich sehr zur\u00fcckhaltend bin, was Flaggen und Hymnen angeht, habe \u201aRuhm der Ukraine\u2018 gerufen und geweint, wenn immer zur vollen Stunde die Hymne angestimmt wurde.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>(Diesmal mu\u00df die EU mehr Mut haben, in: Majdan! Ukraine, Europa, Hg. Claudia Dathe und Andreas Rostek, Berlin 2014, S. 63f.)<\/em><\/p>\n<p><strong>Vom Schweigen der Hirten und stillen Triumph<\/strong><\/p>\n<p>V\u00f6llig zu Recht spricht eine der wenigen sprachf\u00e4hig gebliebenen antifaschistischen Organisationen der Ukraine, die Gruppe <em>Borotba<\/em>, von der aktuellen Regierung als der eines \u201e<em>neoliberal-faschistischen Blocks<\/em>\u201c. Diesen Block mit an die Macht gebracht zu haben und ihn mit dem Mittel der internationalen Politik den R\u00fccken \u201egegen Russland\u201c zu st\u00e4rken, ist nicht zuletzt das Verdienst des deutschen Imperialismus und seiner jahrzehntealten Tradition, die Ukraine seiner Machtsph\u00e4re einordnen zu wollen. Dass dies nach den beiden Fehlschl\u00e4gen 1914-1918 und 1939-1945 nun als dominierende Kraft des Friedensnobelpreistr\u00e4gers Europ\u00e4ische Union gelang, ist ein historischer Erfolg einer Politik, die man zu Recht als \u201e<em>neuen Wilhelminismus<\/em>\u201c bezeichnen kann \u2013 exakt 100 Jahre nach 1914.<\/p>\n<p>In diesem Sinne hatte bereits 2007 der damalige Staatsminister im Ausw\u00e4rtigen Amt, G\u00fcnther Gloser (SPD), die entsprechenden Versuche des deutschen Imperialismus w\u00e4hrend des Ersten und Zweiten Weltkriegs sowie mit dem Mittel der Europ\u00e4ischen Integration \u201ekritisch\u201c verglichen und war zu dem Schluss gelangt:<\/p>\n<p><em>\u201eWir haben in der j\u00fcngeren Geschichte dreimal sehr viel Geld investiert, und nur einmal ist eine positive Dividende dabei herausgekommen.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>(jW vom 19. Februar 2007)<\/em><\/p>\n<p>Die Dividende scheint dieses Mal besser auszufallen: Im M\u00e4rz 2014 flog der deutsche Au\u00dfenminister Frank-Walter Steinmeier in die Ukraine, um die neue Mannschaft der politischen und \u00f6konomischen Player zu begutachten. Dass es dabei nicht so sehr auf das politische Personal ankommt, sondern zuvorderst auf die \u00f6konomische Klasse, wei\u00df neben Steinmeier auch die Frankfurter Rundschau (wenn sie auf die wahren Machtverh\u00e4ltnisse in der Ukraine schaut):<\/p>\n<p><em>\u201eEr will die politischen und wirtschaftlichen Akteure hier kennenlernen. Allerdings in umgekehrter Reihenfolge: Vor dem politischen Akteur, dem neu eingesetzten Gouverneur Serhij Taruta, hat Steinmeier den wichtigsten wirtschaftlichen Akteur getroffen, den ukrainischen Oligarchen Rinat Achmetow. Achmetow ist der reichste Mann der Ukraine und der gr\u00f6\u00dfte Stahlproduzent der GUS. Ihm geh\u00f6ren hier ein Handelszentrum, das Hotel Donbas Palace und der Fu\u00dfballclub Schachtjor Donezk samt F\u00fcnf-Sterne-Stadion, der Donbas-Arena. Als der ukrainische \u00dcbergangspr\u00e4sident Olexander Turtschynow acht Tage nach dem Sturz Janukowitschs die Einsetzung des Multimillion\u00e4rs Serhij Taruta als Gouverneur von Donezk bekannt gab, erkl\u00e4rte er zeitgleich, dies sei mit dem Stahl- und Kohlebaron Achmetow abgesprochen. Kurz, Achmetow geh\u00f6rt auch die staatliche Gebietsverwaltung von Donezk, nebst Personal und Inventar.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>(Steinmeier im Land des Oligarchen, FR vom 24.3.2014<\/em>)<\/p>\n<p>Eine weitere schn\u00f6rkellose Bilanz zog die Tageszeitung <em>Welt<\/em> am 9. M\u00e4rz 2014:<\/p>\n<p><em>\u201eEine Handvoll ukrainischer Wirtschaftsbosse hat die Macht im Land. Einige mussten jetzt das Weite suchen. Aber deren Pl\u00e4tze haben l\u00e4ngst andere eingenommen. \u00c4ndern wird sich nichts.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>(B\u00f6ser Oligarch, guter Oligarch, Die Welt vom 9.3.2014)<\/em><\/p>\n<p><strong>Nachklang<\/strong><\/p>\n<p>Das dass, was mit dem \u201cEuromaidan\u201d eingeleitet wurde, in Richtung Krieg weist, haben die UnterzeichnerInnen des Aufrufes <em>\u201eWieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!\u201c <\/em>bereits Ende 2014 ausgef\u00fchrt:<\/p>\n<p><em>\u201eWir appellieren an die Medien, ihrer Pflicht zur vorurteilsfreien Berichterstattung \u00fcberzeugender nachzukommen als bisher. Leitartikler und Kommentatoren d\u00e4monisieren ganze V\u00f6lker, ohne deren Geschichte ausreichend zu w\u00fcrdigen. Jeder au\u00dfenpolitisch versierte Journalist wird die Furcht der Russen verstehen, seit NATO-Mitglieder 2008 Georgien und die Ukraine einluden, Mitglieder im B\u00fcndnis zu werden. Es geht nicht um Putin. Staatenlenker kommen und gehen. Es geht um Europa.\u201c<\/em><\/p>\n<p><strong><u>Quellen und Hinweise:<\/u><\/strong><\/p>\n<p><em>\u201cEuro-Maidan\u201d \u2013 das laute Schweigen des Antifaschismus<\/em>, Hans Christoph Stoodt und Wolf Wetzel, 20214: <a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2014\/04\/14\/euro-maidan-das-laute-schweigen-des-antifaschismus\/\">https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2014\/04\/14\/euro-maidan-das-laute-schweigen-des-antifaschismus\/<\/a><\/p>\n<p><em>Fuck the EU, <\/em>US-Au\u00dfenpolitikerin Victoria, Text und Ton: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=-Vo47o4XvaM\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=-Vo47o4XvaM<\/a><\/p>\n<p><em>Faschisten zum Vorbild. Viele Oppositionelle auf dem Kiewer Maidan berufen sich auf die \u201cOrganisation Ukrainischer Nationalisten\u201d<\/em>, Frank Brendle: <a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2014\/02-20\/024.php\">http:\/\/www.jungewelt.de\/2014\/02-20\/024.php<\/a><\/p>\n<p><em>Faschistische Hegemonie<\/em>, Thomas Eipeldauer, junge Welt vom 8. M\u00e4rz 2014: <u>( <\/u><a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2014\/03-08\/021.php\">http:\/\/www.jungewelt.de\/2014\/03-08\/021.php<\/a><u>)<\/u><\/p>\n<p><em>ZDF-Skandal \u2013 Berichte im Auftrag Kiews?, <\/em>L. Applebaum, Freitag vom 7.4.2018<em>: <\/em><a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/lapple08m214\/zdf-skandal-berichte-im-auftrag-kiews\"><em>https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/lapple08m214\/zdf-skandal-berichte-im-auftrag-kiews<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Diesmal mu\u00df die EU mehr Mut haben, <\/em>Rebecca Harms, in: Majadan! Ukraine, Europa, hg. Claudia Dathe und Andreas Rostek, Berlin 2014, S. 65.<\/p>\n<p><em>Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!\u201c <\/em>Aufruf Dezember 2014: <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/2014-12\/aufruf-russland-dialog?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.nachdenkseiten.de%2F\"><em>https:\/\/www.zeit.de\/politik\/2014-12\/aufruf-russland-dialog?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.nachdenkseiten.de%2F<\/em><\/a><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/kolumnen\/kohlhaas-unchained\/der-e-maidan-2014-in-kiew-in-dem-das-heute-angelegt-ist\/\">overton-magazin.de&#8230;<\/a> vom 7. M\u00e4rz 2023<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolf Wetzel. Wenn man sich die Ereignisse auf dem Maidan-Platz 2014 in Erinnerung ruft, wird man feststellen, dass alles bereits damals \u201aam Start\u2018 war, was heute auf ganz gro\u00dfer B\u00fchne ausgetragen wird.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":12762,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[39,41,34,18,22,49,27,20,19,46,17,118],"class_list":["post-12760","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-deutschland","tag-europa","tag-faschismus","tag-imperialismus","tag-politische-oekonomie","tag-repression","tag-russland","tag-sowjetunion","tag-ukraine","tag-usa","tag-widerstand","tag-zweiter-weltkrieg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12760","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12760"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12760\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12763,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12760\/revisions\/12763"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/12762"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12760"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12760"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12760"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}