{"id":12769,"date":"2023-03-16T16:27:41","date_gmt":"2023-03-16T14:27:41","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12769"},"modified":"2023-03-16T16:27:42","modified_gmt":"2023-03-16T14:27:42","slug":"frankreich-chancen-und-strategische-probleme-der-aktuellen-arbeiterkaempfe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12769","title":{"rendered":"Frankreich: Chancen und strategische Probleme der aktuellen Arbeiterk\u00e4mpfe"},"content":{"rendered":"<p><em>Juan Chingo. <\/em><strong>Nach dem massiven Streik- und Demonstrationstag am 7. M\u00e4rz versucht die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie, wieder auf die Beine zu kommen. Der von den Gewerkschaftsf\u00fchrungen an Macron gerichtete Brief zeigt alle Widerspr\u00fcche der Situation auf.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Der <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/frankreich-erlebt-einen-historischen-streiktag-mehrere-sektoren-verlaengern-den-streik\/\">Streik- und Demonstrationstag am 7. M\u00e4rz<\/a> war von historischem Ausma\u00df und \u00fcbertraf den bisherigen Rekord vom 31. Januar, unabh\u00e4ngig davon, ob man den Zahlen des Gewerkschaftsverbandes CGT oder denen der Polizei folgt. Die Tatsache, dass nach sechs branchen\u00fcbergreifenden Aktionstagen und fast zwei Monaten der Mobilisierung diese Massivit\u00e4t sowohl in den Gro\u00dfst\u00e4dten als auch in den mittleren und kleinen St\u00e4dten aufrechterhalten werden konnte, zeigt einmal mehr die Tiefe der laufenden Bewegung. Gleichzeitig hat der 7. M\u00e4rz keine neue Dimension des Kampfes er\u00f6ffnet \u2013 es handelt sich noch nicht um einen Streik, der sich in der Perspektive eines Massenstreiks verallgemeinert. Die Hauptverantwortung f\u00fcr diese Sackgasse liegt bei der <em>Intersyndical<\/em> (die sich aus den F\u00fchrungen der wichtigsten Gewerkschaftsdachverb\u00e4nde des Landes zusammensetzt) und ihrer Weigerung, eine ganze Reihe von Forderungen aufzunehmen, die das Hier und Jetzt von Millionen von Ausgebeuteten \u2013 vor allem der prek\u00e4rsten Sektoren \u2013 ver\u00e4ndern w\u00fcrden. Damit k\u00f6nnten sie zugleich eine Entschlossenheit demonstrieren, die hundertmal gr\u00f6\u00dfer ist als die der Kapitalist:innenklasse. Das ist der einzige Weg, um dem Kampf eine breitere Perspektive zu geben und den ausgebeuteten Massen zu erm\u00f6glichen, in einen entscheidenden Kampf einzutreten, um die Ungerechtigkeit der sozialen und politischen Ordnung umzukehren, die durch die jahrzehntelange neoliberale Politik der herrschenden Klassen entstanden ist.<\/p>\n<p>All dies bedeutet nicht, dass die Spannung nachgelassen hat oder dass der Kampf vorbei ist. Ganz im Gegenteil. Denn w\u00e4hrend die Gewerkschaftsf\u00fchrungen der <em>Intersyndical<\/em> sich gezwungen sah, zwei neue Aktionstage vor der Abstimmung im Parlament vorzuschlagen, ist auf der einen Seite neu, dass sich zum ersten Mal seit dem 19. Januar mehrere strategische Sektoren im verl\u00e4ngerbaren Streik<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/streik-in-frankreich-der-unmoegliche-kompromiss-und-die-fehlende-entschlossenheit-der-gewerkschaftsfuehrungen\/#f1\"><sup>1<\/sup><\/a> befinden. Das gilt auch f\u00fcr weitere Sektoren, was die M\u00f6glichkeit eines Sprungs im Kampf offen l\u00e4sst \u2013 vorausgesetzt, dass diese K\u00e4mpfe nicht ins Leere laufen, weil sie von allen Fl\u00fcgeln der <em>Intersyndical<\/em> zu wenig Unterst\u00fctzung erfahren und nicht gest\u00e4rkt werden. Auf der anderen Seite ist sich die Regierung trotz aller Zugest\u00e4ndnisse an die Republikaner immer weniger sicher, eine ausreichende Mehrheit f\u00fcr die Verabschiedung des Gesetzes zu haben. So k\u00f6nnte sie gezwungen sein, Artikel 49.3 der besonders undemokratischen Verfassung der F\u00fcnften Republik anzuwenden, der die Verabschiedung des Textes <em>en bloc<\/em> erlauben w\u00fcrde. Das w\u00fcrde die rechten Abgeordneten, die formal nicht zu Macrons Mehrheit geh\u00f6ren, zwingen, f\u00fcr das Gesetz zu stimmen, damit die Regierung nicht st\u00fcrzt und damit eine schwere Krise ausl\u00f6st. Wenn die Regierung, die dies mit allen Mitteln verhindern wollte, diese antidemokratische Waffe einsetzt, k\u00f6nnte dies zu einer sprunghaften Mobilisierung und\/oder Radikalisierung der Bewegung oder eines Teils davon f\u00fchren. Die laufende Woche wird es zeigen.<\/p>\n<p><strong>Brief an Macron: der politische Bankrott der reformistischen Gewerkschaftsbewegung<\/strong><\/p>\n<p>Am 9. M\u00e4rz hat die <em>Intersyndical<\/em> einen Brief an Macron ver\u00f6ffentlicht. Die Verfasser:innen des Briefes erinnern an die \u201em\u00e4chtigen Demonstrationen\u201c, die seit dem 19. Januar bei sechs Gelegenheiten organisiert wurden. Sie betonen in ihrer Pressemitteilung:<\/p>\n<p><em>Diese Massenmobilisierungen in ganz Frankreich und von Arbeiter:innen aller Bereiche des privaten und \u00f6ffentlichen Sektors haben die st\u00e4ndige Unterst\u00fctzung der franz\u00f6sischen Bev\u00f6lkerung erhalten. Und dennoch schweigen Sie und Ihre Regierung angesichts des Ausdrucks dieser m\u00e4chtigen sozialen Bewegung. F\u00fcr unsere Organisationen stellt dieser Mangel an Reaktion ein ernstes demokratisches Problem dar und wird unweigerlich zu einer Situation f\u00fchren, die explosiv werden k\u00f6nnte.<\/em><\/p>\n<p>Dieses Kommuniqu\u00e9 zeigt den politischen Bankrott der Strategie der Klassenvers\u00f6hnung der <em>Intersyndical<\/em> in vollem Umfang auf. Der Brief an Emmanuel Macron ist die Suche nach einem Kompromiss mit der Macht, der <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/steht-frankreich-vor-einem-massenstreik-der-die-regierung-besiegen-kann\/\">angesichts der Radikalisierung der Bourgeoisie<\/a> und des strukturellen Voranschreitens der neoliberalen Offensive immer unm\u00f6glicher wird. So sagt es auch der Philosoph Fr\u00e9d\u00e9ric Lordon in Bezug auf die Sozialdemokratie (wobei dies auf alle Varianten des Reformismus erweiterbar ist, die Teil der <em>Intersyndical<\/em> sind):<\/p>\n<p><em>Was die Sozialdemokratie implizit voraussetzte, war die Bereitschaft des Kapitals, sich auf einen Transaktionsprozess einzulassen, um Kompromisse zu erzielen. Aber das Kapital hat sich (mit Hilfe der Sozialdemokratie!<\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/streik-in-frankreich-der-unmoegliche-kompromiss-und-die-fehlende-entschlossenheit-der-gewerkschaftsfuehrungen\/#f2\"><em><sup>2<\/sup><\/em><\/a><em>) die strukturellen Mittel erobert, um nicht mehr zur\u00fcckzuweichen, keine Transaktionen mehr zu machen, keine Kompromisse mehr einzugehen und seine Regeln mit der ultimativen Einseitigkeit durchzusetzen, um dann die Regeln auf unbestimmte Zeit zu verl\u00e4ngern. Um es mit anderen Worten zu sagen: Der \u201aWinkel\u2018, auf den die Arbeiter:innenparteien setzten, verschwindet tendenziell.<\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/streik-in-frankreich-der-unmoegliche-kompromiss-und-die-fehlende-entschlossenheit-der-gewerkschaftsfuehrungen\/#f3\"><em><sup>3<\/sup><\/em><\/a><\/p>\n<p>Dieser verzweifelte Appell der Gewerkschaftsf\u00fchrer:innen aller Gewerkschaftsdachverb\u00e4nde an die Exekutive ist ein Zeichen f\u00fcr den strategischen Bankrott der Gewerkschaftsapparate, die sich von der Regierung verlassen f\u00fchlen. Doch angesichts der Weigerung des Pr\u00e4sidenten, auch nur das geringste Zugest\u00e4ndnis zu machen, ja sie nicht einmal zu empfangen, f\u00fcrchten die Gewerkschaftsf\u00fchrungen viel eher die trotzige und nicht institutionalisierte Mobilisierung der Massenbewegung, als dass sie in der F\u00fcnften Republik als zwischengeschaltete Instanz v\u00f6llig \u00fcbergangen werden. Sie bef\u00fcrchten, dass die Situation explosiv werden k\u00f6nnte, ohne zu verstehen, dass die Bourgeoisie in der Epoche des verrottenden Kapitalismus nur durch eine revolution\u00e4re Explosion gezwungen sein wird, einige Reformen zuzulassen, um nicht alles zu verlieren. Diese Logik ist den Gewerkschaftsf\u00fchrungen als krisengesch\u00fcttelten Vermittlungsinstanzen der F\u00fcnften Republik des franz\u00f6sischen Imperialismus fremd.<\/p>\n<p><strong>Der fehlende Wille zum Sieg<\/strong><\/p>\n<p>Eng verbunden mit der Suche nach einem unm\u00f6glichen Kompromiss mit der Macht ist der fehlende Siegeswille der Gewerkschaftsf\u00fchrungen. Er zeigt sich in jeder einzelnen ihrer Handlungen, selbst wenn sie durch die Unnachgiebigkeit der Macht und den Druck der Basis gezwungen werden, \u00fcber das hinauszugehen, was sie wollten, wie zum Beispiel ihr Aufruf zur Lahmlegung Frankreichs zeigt. So war der Chef der sozialdemokratischen CFDT-Gewerkschaftsf\u00f6deration Laurent Berger am Morgen des 7. M\u00e4rz, bevor die ganze Kraft der Arbeiter:innenklasse an diesem historischen Tag in Aktion trat, bestrebt, sich nachdr\u00fccklich von dem Slogan eines Anf\u00fchrers der Petrochemie-Gewerkschaft zu distanzieren, der davon sprach, \u201edie Wirtschaft in die Knie zu zwingen\u201c. Im Gegenteil versuchte er, jegliche Tendenz zu diskreditieren, den Streik zu verl\u00e4ngern. Als Berger am 7. M\u00e4rz im Sender LCI zu diesem Slogan \u201edie Wirtschaft in die Knie zwingen\u201c befragt wurde, \u00e4u\u00dferte er sich scharf: \u201eDie Wirtschaft in die Knie zwingen, das kostet uns unsere Arbeitspl\u00e4tze\u201c, bevor er pr\u00e4zisierte: \u201eDas kommt f\u00fcr uns von der CFDT nicht in Frage, das war immer sehr klar\u201c. Eine Aussage, die sich mit der Position der Regierung deckt, die am Vorabend des 7. M\u00e4rz sagte: \u201eDie Wirtschaft in die Knie zu zwingen, bedeutet in Wirklichkeit, die Arbeitnehmer in die Knie zu zwingen. Es bringt diejenigen, die bereits Schwierigkeiten haben, in noch gr\u00f6\u00dfere Schwierigkeiten\u201c, wie Arbeitsminister Olivier Dussopt am Montag gegen\u00fcber France Info erkl\u00e4rte. Er f\u00fcgte hinzu, dass die bevorstehende Mobilisierung \u201enichts an der Notwendigkeit der Reform \u00e4ndert\u201c, und bekr\u00e4ftigte die Entschlossenheit der Regierung, ihre Reform durchzusetzen. Der Generalsekret\u00e4r der CGT, Philipe Martinez, der zuvor noch von der Notwendigkeit gesprochen hatte, die verl\u00e4ngerbaren Streiks so weit wie m\u00f6glich zu verallgemeinern, begab sich nach diesem Tag in keinen einzigen der Streikposten und bestreikten Sektoren, um diese Dynamik zu verst\u00e4rken, und beschloss so de facto, nichts zu tun, was die Einheit der <em>Intersyndicale<\/em> gef\u00e4hrden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Diese Haltung der beiden wichtigsten Gewerkschaftsf\u00fchrer:innen der gegenw\u00e4rtigen Bewegung erinnert an die Haltung aller Gewerkschaftsb\u00fcrokratien, wenn sie gezwungen werden, \u00fcber ihre eigenen W\u00fcnsche hinauszugehen. Leo Trotzki erinnerte daran in einem Vorwort zur franz\u00f6sischen Ausgabe seines Buches \u201e<a href=\"https:\/\/sites.google.com\/site\/sozialistischeklassiker2punkt0\/trotzki\/1925\/leo-trotzki-wohin-treibt-england\">Wohin treibt England?<\/a>\u201e, gerade als England 1926 in einen Generalstreik und eine offene Konfrontation zwischen den Klassen eintrat, wie es sein Buch vorausgesagt hatte. Der russische Revolution\u00e4r sagte \u00fcber die britische Gewerkschaftsb\u00fcrokratie jener Zeit:<\/p>\n<p><em>Die Staatsmacht ist keine Idee, sondern ein materieller Apparat. Wenn dieser Verwaltungs- und Unterdr\u00fcckungsapparat lahmgelegt ist, ist auch die Macht des Staates lahmgelegt. Man kann in der modernen Gesellschaft nicht herrschen, ohne die Eisenbahnen, die Schifffahrt, die Post und den Telegraphen, die Elektrizit\u00e4tswerke, die Kohle usw. in die Hand zu bekommen. Die Tatsache, dass Macdonald [F\u00fchrer der Labour Party, damals in der Opposition] und Thomas [Arbeiterf\u00fchrer und Gewerkschafter] alle politischen Ziele ablehnen, charakterisiert sie selbst, aber in keiner Weise das Wesen des Generalstreiks, der, wenn er zu Ende gef\u00fchrt wird, die revolution\u00e4re Klasse unweigerlich mit der Notwendigkeit der Organisation einer neuen Staatsmacht konfrontieren muss. Aber gerade diejenigen, die von den Ereignissen an die Spitze des Generalstreiks gestellt worden sind, widersetzen sich ihm mit aller Kraft. Und das ist die Hauptgefahr. Diejenigen, die den Generalstreik nicht wollen, die seinen politischen Charakter leugnen, die nichts so sehr f\u00fcrchten wie die Folgen eines siegreichen Streiks, werden unweigerlich mit allen Mitteln versuchen, ihn im Rahmen eines halbpolitischen Halbstreiks zu halten, d.h. ihn wirklich seiner Kraft zu berauben. Es ist notwendig, die Tatsachen so zu sehen, wie sie sind. Die Hauptanstrengungen der offiziellen F\u00fchrer der Arbeiterpartei und einer betr\u00e4chtlichen Anzahl von Gewerkschaftsf\u00fchrern werden nicht darauf abzielen, den b\u00fcrgerlichen Staat mit Hilfe des Streiks zu l\u00e4hmen, sondern im Gegenteil, den Generalstreik mit Hilfe des b\u00fcrgerlichen Staates zu l\u00e4hmen.<\/em><\/p>\n<p>Die Erkl\u00e4rungen und der brutale Widerstand von Berger gegen jeden verl\u00e4ngerbaren Streik und die nachtrabende Haltung von Martinez, der Brief der gesamten <em>Intersyndical<\/em> an Macron, in dem ein unm\u00f6glicher Kompromiss gefordert wird, sowie die Fortsetzung der Aktionstage als Kampfform, auch ohne Streik, sorgen f\u00fcr genau dieses Szenario: Trotz der enormen Schwierigkeiten der Regierung, die noch nie so defensiv bei der Anwendung einer Gegenreform war, befinden wir uns im \u201eRahmen eines halbpolitischen Halbstreiks\u201c, wie Trotzki es ausdr\u00fcckte, ohne dass das Frankreich des Jahres 2023 in einen Generalstreik eingetreten w\u00e4re, wie es in England 1926 der Fall war. Die gesamte Verantwortung liegt bei den Gewerkschaftsf\u00fchrer:innen.<\/p>\n<p><strong>Und doch ist das Potenzial zum Sieg vorhanden<\/strong><\/p>\n<p>Diese Woche ver\u00f6ffentlichte die Tageszeitung <em>Le Monde<\/em> einen <a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/idees\/article\/2023\/03\/07\/reforme-des-retraites-un-rejet-massif-dans-toutes-les-categories-d-actifs-nourrit-la-mobilisation_6164490_3232.html\">Artikel des Forschungskollektivs Quantit\u00e9 critique<\/a>, in dem die Ergebnisse einer Umfrage \u00fcber die \u2013 meist negative \u2013 Meinung der Arbeiter:innen zur Rentenreform, aber auch \u00fcber ihre Beteiligung an der sozialen Bewegung vorgestellt werden. Sie zeigt alle Potenziale der aktuellen Bewegung auf, die wir seit Beginn der aktuellen Bewegung definiert haben. \u201eEine massive Ablehnung in allen Sektoren der Arbeiter:innen sch\u00fcrt die Mobilisierung<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/streik-in-frankreich-der-unmoegliche-kompromiss-und-die-fehlende-entschlossenheit-der-gewerkschaftsfuehrungen\/#f4\"><sup>4<\/sup><\/a> [\u2026] diese massive Ablehnung bezieht sich in erster Linie auf eine Tatsache, die seit Jahren dokumentiert ist: die Verschlechterung der Besch\u00e4ftigungs- und Arbeitsbedingungen\u201c.<\/p>\n<p>Mit Blick auf die Sektoren, die bereits mobilisiert haben, stellen die Autor:innen fest:<\/p>\n<p><em>W\u00e4hrend die Opposition zur Rentenreform in allen Sektoren der Erwerbst\u00e4tigen massiv ist, sind nicht alle Personen gleicherma\u00dfen in der Lage, sich zu mobilisieren. Die Personen, die bisher an Streiks oder Demonstrationen teilgenommen haben (15 Prozent der Erwerbsbev\u00f6lkerung), entsprechen einer bestimmten Gruppe von Oppositionellen, die sich vor allem durch ihre N\u00e4he zu einer Gewerkschaft auszeichnet. Mehr als die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft scheint die Verbindung zu den Gewerkschaften und die Aufrechterhaltung von Solidarit\u00e4tsbeziehungen am Arbeitsplatz entscheidend zu sein. Die Isolation am Arbeitsplatz spielt also eine ambivalente Rolle: Sie sch\u00fcrt den Widerstand gegen die Reformen, ist aber gleichzeitig ein Hemmschuh f\u00fcr das Handeln.<\/em><\/p>\n<p>Der interessanteste Aspekt dieser originellen Studie ist jedoch die Definition der noch existenten \u201eReservearmee\u201c, die die Mobilisierung anheizen k\u00f6nnte:<\/p>\n<p><em>In der Privatwirtschaft hingegen waren es vor allem Facharbeiter:innen, gefolgt von Vorgesetzten und Angestellten, die am st\u00e4rksten mobilisiert wurden. Ein noch nie dagewesenes Element war, dass die Leiharbeiter:innen einen Mobilisierungsgrad, der dem der \u00fcbrigen Belegschaft entsprach (15 Prozent) sowie ein starkes Mobilisierungspotenzial aufwiesen, wobei ein h\u00f6herer Anteil der Personen glaubte, dass sie aktiv werden k\u00f6nnten (20 Prozent).<\/em><\/p>\n<p>Die Schlussfolgerungen der Studie gehen in dieselbe Richtung:<\/p>\n<p><em>Dar\u00fcber hinaus haben sich 15 Prozent der Erwerbsbev\u00f6lkerung noch nicht an einer Mobilisierung beteiligt, erkl\u00e4ren sich aber \u201abereit, dies zu tun\u2018. Dabei handelt es sich vor allem um junge Menschen (19 Prozent der 18- bis 24-J\u00e4hrigen), aber auch um diejenigen, die unter den schlechtesten Arbeitsbedingungen und den gr\u00f6\u00dften wirtschaftlichen Schwierigkeiten leiden (16 Prozent derjenigen, die sie jeden Monat erleben).<\/em><\/p>\n<p>Wie wir seit Beginn dieser gro\u00dfen sozialen Bewegung gesagt haben, besteht die zentrale strategische Frage darin, wie diese wichtigen Sektoren der Massenbewegung in Aktion zu bringen sind: diejenigen Sektoren, die den Gewerkschaften am fernsten stehen, aber die Reform am meisten ablehnen und gleichzeitig unter den schlechtesten Arbeitsbedingungen leiden und bef\u00fcrchten, in den kommenden Monaten ihren Lebensstandard zu verlieren; dasselbe gilt f\u00fcr die Jugendlichen, von denen ein gro\u00dfer Teil extrem prek\u00e4r ist, wie die Explosion der studentischen Lebensmittelb\u00f6rsen w\u00e4hrend der COVID-Pandemie gezeigt hat und die bis heute andauert. Die Strategie der <em>Intersyndicale<\/em>, sich nur auf die R\u00fccknahme der Reform zu beschr\u00e4nken und das Spektrum der Forderungen nicht auf die tief empfundenen Fragen der L\u00f6hne und Arbeitsbedingungen auszudehnen, verhindert vorerst den massiven Eintritt dieser Sektoren in den Kampf. Und selbst wenn das trotzdem zustande kommen sollte, wollen die Gewerkschaftsf\u00fchrer:innen diese Sektoren im engen Rahmen friedlicher Demonstrationstage halten, wodurch der politische und explosive Charakter, den der Eintritt der am meisten ausgebeuteten Sektoren der Arbeiter:innenklasse in den Kampf h\u00e4tte, von vornherein eingeschr\u00e4nkt wird. Letzteres bef\u00fcrchten die Gewerkschaftsf\u00fchrer:innen, die nicht in der Lage sind, einen ehrenhaften Ausweg aus dem Konflikt zu finden. Der Generalsekret\u00e4r der CFDT, Laurent Berger, erkl\u00e4rte am Donnerstag in der Sendung France Bleu Loire Oc\u00e9an, er beobachte in den Reihen der Aktivist:innen \u201eeine Art Unverst\u00e4ndnis, Unbehagen und Wut, die zu wachsen beginnt\u201c. In den Betrieben \u201eist die Basis sehr w\u00fctend, die Regierung setzt auf eine Resignation, und die Leute wissen das\u201c, warnt Fran\u00e7ois Hommeril, Pr\u00e4sident des Gewerkschaftsverbandes CFE-CGC, der \u201esehr besorgt\u201c ist, weil \u201edie Sache wirklich ausarten k\u00f6nnte\u201c. \u201eWenn wir dem Staatschef geschrieben haben, dass die Situation explosiv werden k\u00f6nnte, ist das kein Scherz\u201c, betont einer seiner Kolleg:innen.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/streik-in-frankreich-der-unmoegliche-kompromiss-und-die-fehlende-entschlossenheit-der-gewerkschaftsfuehrungen\/#f5\"><sup>5<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Doch dank der def\u00e4tistischen Strategie von Berger und Martinez, an die sich auch Jean Luc M\u00e9lenchon gehalten hat \u2013 trotz seiner j\u00fcngsten antiparlamentarischen Theatralik \u2013, besteht die Gefahr, dass sich der Wein in Essig verwandelt. Wie Trotzki \u00fcber das Vorgehen der englischen Gewerkschaftsb\u00fcrokrat:innen in der Vergangenheit in Bezug auf den Generalstreik sagte:<\/p>\n<p><em>Indem sie den Streik seines politischen Programms berauben, untergraben die Reformisten den revolution\u00e4ren Willen des Proletariats, treiben die Bewegung in eine Sackgasse und zwingen so die verschiedenen industriellen Kategorien der Arbeiter in kleine isolierte K\u00e4mpfe.<\/em><\/p>\n<p>Als <em>R\u00e9volution Permante, <\/em>Schwesterorganisation der <em>Revolution\u00e4ren Internationalistischen Organisation<\/em> in Frankreich, haben wir <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/frankreich-600-menschen-diskutieren-ueber-strategie-fuer-den-generalstreik\/\">mit dem Netzwerk f\u00fcr den Generalstreik eine gro\u00dfe Veranstaltung in Paris organisiert<\/a>. Dort waren einige der wichtigsten streikenden Branchen vertreten, um sich bewusst gegen diese Strategie der <em>Intersyndicale<\/em> zu organisieren und f\u00fcr alle Elemente zu k\u00e4mpfen, die in Richtung Selbstorganisation, Selbstaktivit\u00e4t und Koordination der Streikenden gehen. So versuchen wir, Verbindungen zu schaffen und ein offensives Programm aufzustellen, um die tiefgr\u00fcndigen Forderungen der prek\u00e4rsten Sektoren zu vereinen. So bilden wir einen kleinen Pol, der daf\u00fcr k\u00e4mpft, der gegenw\u00e4rtigen F\u00fchrung des Kampfes eine andere Perspektive aufzuzwingen, die nicht in die Niederlage f\u00fchrt. Wie einer der Anf\u00fchrer:innen des Netzwerks in der gr\u00f6\u00dften Raffinerie Frankreichs laut einem Korrespondenten von <em>Mediapart<\/em> in Le Havre treffend formulierte:<\/p>\n<p><em>Am Mikrofon rief Alexis Antonioli, Generalsekret\u00e4r der CGT in der Raffinerie, ebenfalls zur Fortsetzung des Streiks auf. Er k\u00fcndigte, wie auf nationaler Ebene, eine Streikbeteiligung von mehr als 70 Prozent an. Doch die vollst\u00e4ndige Stilllegung der Anlagen \u2013 f\u00fcr die aus \u201aSicherheitsgr\u00fcnden\u2018 mit einer Verz\u00f6gerung von f\u00fcnf Tagen gerechnet werden muss \u2013 steht noch nicht auf der Tagesordnung. Im Moment geht es nur um die Gew\u00e4hrleistung von Mindestdienstleistungen in der Raffinerie. Und der Gewerkschaftsdelegierte sprach die Strategie der Intersyndicale an, die er als zu weich empfand: \u201aIhr Kalender mit diskontinuierlichen Aktionen, 24 Stunden alle vierzehn Tage, ist die Strategie der Niederlage\u2026 Wenn wir in Erw\u00e4gung ziehen, f\u00fcr zwei, drei Wochen zu streiken, dann nicht nur, um den derzeitigen Status quo beizubehalten, sondern um weiter zu gehen und die Rente mit 60 wiederzuerlangen, mit 55 Jahren f\u00fcr anstrengende T\u00e4tigkeiten\u2018.<\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/streik-in-frankreich-der-unmoegliche-kompromiss-und-die-fehlende-entschlossenheit-der-gewerkschaftsfuehrungen\/#f6\"><em><sup>6<\/sup><\/em><\/a><\/p>\n<p>Ohne jede Zweideutigkeit bekr\u00e4ftigen wir \u2013 im Gegensatz zu dem, was die <em>Intersyndicale<\/em> sagt \u2013, dass wir, um zu gewinnen, das Land blockieren m\u00fcssen. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir den Generalstreik aufbauen. Aber um dies zu erreichen und um bis zum Ende zu k\u00e4mpfen und es nicht nur in Sprechch\u00f6ren zu verk\u00fcnden, m\u00fcssen wir die Massen hinter den strategischsten Sektoren sammeln, f\u00fcr ein offensives und gemeinsames Programm \u2013 die einzige M\u00f6glichkeit, Macron und seinen Plan zu besiegen.<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel erschien am 11. M\u00e4rz 2023 bei <\/em><a href=\"https:\/\/www.revolutionpermanente.fr\/L-Intersyndicale-entre-absence-de-determination-et-recherche-de-compromis-impossible\">R\u00e9volution Permanente<\/a><em> auf Franz\u00f6sisch und am 12. M\u00e4rz 2023 bei <\/em><a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/Huelga-en-Francia-la-busqueda-de-un-compromiso-imposible-y-la-falta-de-determinacion-de-la\">Ideas de Izquierda<\/a><em> auf Spanisch.<\/em><\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/streik-in-frankreich-der-unmoegliche-kompromiss-und-die-fehlende-entschlossenheit-der-gewerkschaftsfuehrungen\/#f1_text\">1<\/a>. \u201eVerl\u00e4ngerbar\u201c bezieht sich auf die Tatsache, dass der Streik in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden zeitlich verl\u00e4ngert wird, um die Kontinuit\u00e4t des Kampfes zu gew\u00e4hrleisten.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/streik-in-frankreich-der-unmoegliche-kompromiss-und-die-fehlende-entschlossenheit-der-gewerkschaftsfuehrungen\/#f2_text\">2<\/a>. Und von den Gewerkschaftsf\u00fchrungen, f\u00fcgen wir hinzu, insbesondere von der CFDT.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/streik-in-frankreich-der-unmoegliche-kompromiss-und-die-fehlende-entschlossenheit-der-gewerkschaftsfuehrungen\/#f3_text\">3<\/a>. <em>Vivre sans ? Institutions, police, travail, argent\u2026,<\/em> La Fabrique, Paris, 2019, S. 251.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/streik-in-frankreich-der-unmoegliche-kompromiss-und-die-fehlende-entschlossenheit-der-gewerkschaftsfuehrungen\/#f4_text\">4<\/a>. Diese Ablehnung ist bei allen Sektoren der Arbeiter:innenklasse mehrheitlich: Sie ist sicherlich bei den Angeh\u00f6rigen der mittleren Berufe, den Angestellten und Arbeiter:innen st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt, aber selbst F\u00fchrungskr\u00e4fte lehnen die Reform mehrheitlich ab (64 Prozent).<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/streik-in-frankreich-der-unmoegliche-kompromiss-und-die-fehlende-entschlossenheit-der-gewerkschaftsfuehrungen\/#f5_text\">5<\/a>. <em>Les Echos<\/em>, 9. M\u00e4rz 2023.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/streik-in-frankreich-der-unmoegliche-kompromiss-und-die-fehlende-entschlossenheit-der-gewerkschaftsfuehrungen\/#f6_text\">6<\/a>. <em>Mediapart<\/em>, 9. M\u00e4rz 2023.<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/streik-in-frankreich-der-unmoegliche-kompromiss-und-die-fehlende-entschlossenheit-der-gewerkschaftsfuehrungen\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 16. M\u00e4rz 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Juan Chingo. Nach dem massiven Streik- und Demonstrationstag am 7. M\u00e4rz versucht die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie, wieder auf die Beine zu kommen. Der von den Gewerkschaftsf\u00fchrungen an Macron gerichtete Brief zeigt alle Widerspr\u00fcche der Situation auf.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":12771,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,5],"tags":[8,25,29,87,10,61,26,18,45,49,37,42,4,17],"class_list":["post-12769","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-kampagnen","tag-altersvorsorge","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitskaempfe","tag-arbeitswelt","tag-breite-parteien","tag-frankreich","tag-gewerkschaften","tag-imperialismus","tag-neoliberalismus","tag-repression","tag-service-public","tag-sozialdemokratie","tag-strategie","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12769","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12769"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12769\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12772,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12769\/revisions\/12772"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/12771"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12769"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12769"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12769"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}