{"id":12796,"date":"2023-03-21T10:04:15","date_gmt":"2023-03-21T08:04:15","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12796"},"modified":"2023-03-21T10:04:16","modified_gmt":"2023-03-21T08:04:16","slug":"credit-suisse-und-die-macht-des-geldes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12796","title":{"rendered":"<strong>Credit Suisse und die Macht des Geldes<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Schwarz. <\/em>Um von der zweitgr\u00f6\u00dften Bank des Landes nicht in den Abgrund gerissen zu werden, hat die Regierung in Bern das Schicksal der Schweiz auf Gedeih und Verderb an die gr\u00f6\u00dfte Bank des Landes verpf\u00e4ndet. Darin besteht die Bedeutung ihrer Entscheidung vom Sonntag, die Credit Suisse von der UBS \u00fcbernehmen zu lassen und das Risiko der Fusion zu tragen. Deutlicher<!--more--> h\u00e4tte sie nicht demonstrieren k\u00f6nnen, dass nicht das Volk, sondern das gro\u00dfe Geld die Politik bestimmt.<\/p>\n<p>Die Finanzinstitute stehen beide auf der Liste der 30 \u201eglobal systemrelevanten Banken\u201c (G-SIBs), die als \u201etoo big to fail\u201c gelten. Durch die Fusion entsteht eine Monsterbank, deren Bilanzsumme mit 1,5 Billionen Franken fast doppelt so gro\u00df ist wie das Bruttoinlandsprodukt der Schweiz, das sich 2022 auf 771 Milliarden Franken belief. Ger\u00e4t sie ins Trudeln, l\u00f6st sie einen Tsunami aus, der den Schweizer Staatshaushalt und Teile der Weltwirtschaft mit in den Abgrund zieht.<\/p>\n<p>\u201eDamit gehen die Schweizer Regierung und die Nationalbank ein enormes Risiko ein,\u201c schreibt die deutsche Wochenzeitung <em>Die Zeit<\/em>. \u201eGer\u00e4t dieses Monsterinstitut in Schwierigkeiten, nimmt es das ganze Land und seine Bev\u00f6lkerung in Geiselhaft.\u201c<\/p>\n<p>Der UBS verspricht die \u00dcbernahme ihrer Konkurrentin ein lukratives Gesch\u00e4ft. Sie zahlt f\u00fcr die Bank mit einer Bilanzsumme von 531 Milliarden Franken, die zur Zeit des Deals noch 7,4 Milliarden Franken wert war, 3 Milliarden Franken in Form von Aktien. 22,5 CS-Titel werden gegen eine UBS-Aktie eingetauscht.<\/p>\n<p>Trotzdem sichern Nationalbank und Bundesregierung die Risiken der Fusion mit mehr als 200 Milliarden Franken \u00f6ffentlichen Geldern ab. Zum Vergleich: Der Schweizer Bundeshaushalt bel\u00e4uft sich 2023 auf rund 80 Milliarden Franken. Die Nationalbank gew\u00e4hrt au\u00dferordentliche Liquidit\u00e4tshilfen im Gesamtvolumen von 200 Milliarden Franken, von denen 100 Milliarden vom Bund abgesichert werden. Dieser garantiert der USB au\u00dferdem weitere 9 Milliarden Franken f\u00fcr allf\u00e4llige Verluste, die sich aus der \u00dcbernahme bestimmter Gesch\u00e4ftsbereiche der CS ergeben.<\/p>\n<p>Weder das Parlament noch die B\u00fcrger, die in der Schweiz ein weitgehendes Recht auf Volksentscheid haben, wurden befragt. Selbst die Aktion\u00e4re der beiden Banken konnten nicht mitbestimmen. Die Regierung entschied per Notrecht. Teilweise gab es noch nicht einmal eine gesetzliche Grundlage. So soll das Gesetz f\u00fcr die 100-Milliarden-Franken-Garantie an die Notenbank erst in den kommenden Monaten erlassen werden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Vertreter der Regierung, der Notenbank und der Finanzaufsicht unabl\u00e4ssig beruhigen und von \u201e\u00fcberschaubaren\u201c Risiken reden, sind diese in Wirklichkeit gewaltig. \u201eDas Kernschmelze-Szenario ist freilich mitnichten vom Tisch,\u201c kommentiert <em>Der Spiegel<\/em>. \u201eNoch ist v\u00f6llig unklar, ob die Schweizer Notfusion der Endpunkt einer kurzen, zehnt\u00e4gigen Achterbahnfahrt an den Kapitalm\u00e4rkten ist oder der Auftakt eines H\u00f6llenritts, der auch andere Institute in den Abgrund rei\u00dfen wird, weil Panik um sich greift.\u201c<\/p>\n<p>Am Montag nach Bekanntgabe der Fusion reagierten die B\u00f6rsen \u00e4u\u00dferst nerv\u00f6s. Vor allem Bankenkurse brachen ein. Der Kurs der Credit Swiss sank um 63 Prozent und fiel unter den vereinbarten Kaufpreis. Die UBS selbst verlor 13 Prozent, die Deutsche Bank, die Commerzbank und BNP Paribas b\u00fc\u00dften vor\u00fcbergehend rund 8 Prozent ein.<\/p>\n<p>Ger\u00e4t auch die UBS in den Strudel der Bankenkrise, k\u00f6nnte dies f\u00fcr den Staatshaushalt und die Nationalbank aufgrund der Garantien und Hilfen Verluste bis zum Zweieinhalbfachen des j\u00e4hrlichen Bundeshaushalts bedeuten. Hinzu k\u00e4men die verheerenden wirtschaftlichen Folgen des Zusammenbruchs einer dominierenden Gro\u00dfbank. Das macht die Regierung zur Geisel der UBS.<\/p>\n<p>Die Pressekonferenz, auf der die Regierung die Fusion am Sonntagabend bekanntgab, hatte in dieser Hinsicht etwas Surreales und wirkte wie ein St\u00fcck aus der Feder von Friedrich D\u00fcrrenmatt, des Autors von \u201eDer Besuch der alten Dame\u201c.<\/p>\n<p>Die Pr\u00e4sidenten der beiden Gro\u00dfbanken, der Pr\u00e4sident der Nationalbank und die Chefin der Finanzaufsicht, die die Banken eigentlich kontrollieren sollen, sowie Bundespr\u00e4sident Alain Berset (ein Sozialdemokrat) und Finanzministerin Karin Keller-Sutter (FDP) sa\u00dfen eintr\u00e4chtig nebeneinander und versicherten sich in drei Sprachen gegenseitig ihre Hochachtung und ihr Vertrauen. Keller-Sutter war sich nicht zu schade, zu beteuern, dass sie bei beiden Banken ein eigenes Konto habe und ihr Geld nicht abziehen werde.<\/p>\n<p>Kein Wort dar\u00fcber, wie es zu dieser verheerenden Krise gekommen ist. Kein Wort dar\u00fcber, wer daf\u00fcr verantwortlich ist. Kein Wort, weshalb 15 Jahre nach der Finanzkrise von 2008, nachdem Politiker schworen, den Finanzsektor zu regulieren und Banken, die \u201eto big to fail\u201d sind, zu beschneiden, genau das Gegenteil geschieht.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist die Krise der Credit Suisse der vorl\u00e4ufige H\u00f6hepunkt einer Entwicklung, in deren Verlauf sich die Finanzeliten auf Kosten der Mehrheit schamlos bereichert und Regierungen und Notenbanken gewaltige Summen in die Finanzm\u00e4rkte gepumpt haben. Die Erh\u00f6hung der Leitzinsen durch die Zentralbanken bringt die Finanzblase nun zum Platzen. Die Krise ist Ausdruck der Sackgasse des kapitalistischen Systems, das alle Bereiche der Gesellschaft der Anh\u00e4ufung von Profit unterordnet.<\/p>\n<p>Die Credit Suisse erwies sich unter anderem deshalb als schw\u00e4chstes Glied der rei\u00dfenden Kette, weil sie es beim Absahnen besonders wild trieb. Zu ihren Kunden z\u00e4hlten mutma\u00dfliche Drogendealer, Potentaten, korrupte Politiker und windige Hedgefonds. In 20 Jahren genehmigte sich das Management 42 Milliarden Franken an Boni. Erst k\u00fcrzlich beschloss sie die Aussch\u00fcttung von 354 Millionen Euro f\u00fcr 500 Top-Manager, sofern sie die Rettung der Bank \u2013 inklusive des Abbaus von 9000 Stellen \u2013 aus eigener Kraft schaffen. Auch nach der Fusion mit der UBS sollen die Boni wie geplant ausbezahlt werden.<\/p>\n<p>Die Kosten der Krise werden dagegen der arbeitenden Bev\u00f6lkerung in Form von Sparma\u00dfnahmen, Sozialabbau und Arbeitsplatzverlust aufgeb\u00fcrdet. Schon jetzt gehen allein in der Schweiz voraussichtlich 10.000 Arbeitspl\u00e4tze verloren, wenn die beiden Banken ihre Aktivit\u00e4ten zusammenlegen. Derzeit besch\u00e4ftigen sie weltweit 123.000 Menschen. Die UBS plant, die Kosten der kombinierten Bank bis 2027 um 8 Milliarden Franken j\u00e4hrlich zu senken.<\/p>\n<p>Die Bankenkrise ist ein untr\u00fcgliches Zeichen, dass auch in der Schweiz der Klassenkampf zur\u00fcckkehrt, nachdem, er jahrzehntelang durch unterw\u00fcrfige Gewerkschaften und Regierungen, in denen alle Parteien von der Sozialdemokratie bis zur rechtsextremen SVP zusammenarbeiten, erstickt wurde. Er wird und muss eine sozialistische Richtung einschlagen.<\/p>\n<p><em>#Bild: Pressekonferenz des Bundesrats zur Bankenfusion [Photo by Der Schweizerische Bundesrat \/ youtube]<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/03\/20\/suis-m20.html\">wsws.org&#8230;<\/a> vom 21. M\u00e4rz 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Schwarz. 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