{"id":1281,"date":"2016-06-22T09:50:42","date_gmt":"2016-06-22T07:50:42","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1281"},"modified":"2016-06-22T09:50:42","modified_gmt":"2016-06-22T07:50:42","slug":"widerstand-gegen-krieg-und-jihadismus-im-tuerkisch-syrischen-grenzgebiet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1281","title":{"rendered":"Widerstand gegen Krieg und Jihadismus im t\u00fcrkisch-syrischen Grenzgebiet"},"content":{"rendered":"<p><em>Lower Class Magazin.<\/em> Trotz aller Spannungen mit der T\u00fcrkei besuchte Merkel im April ein \u201eModellfl\u00fcchtlingslager\u201c, Nizip 2, in der T\u00fcrkei und meinte, die T\u00fcrkei k\u00f6nne gar nicht genug gew\u00fcrdigt werden daf\u00fcr, was sie in der Fl\u00fcchtlingskrise geleistet habe.<!--more--> Das passt gut zur Demagogie des t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Erdo\u011fan, der die ganze Zeit davon redet, wie die T\u00fcrkei f\u00fcr mehr als 2,5 Millionen Fl\u00fcchtlinge aufkommt, allen die T\u00fcr \u00f6ffnet und das Land ist, das sich am sorgsamsten und humansten um die Fl\u00fcchtlinge k\u00fcmmert, w\u00e4hrend Europa die Tore schlie\u00dft. Eine Inszenierung der gro\u00dfen Politik, um den EU-T\u00fcrkei-Deal als eine Menschheitsformel zu verkaufen. Eine Inszenierung, die die wirkliche Lage der Fl\u00fcchtlinge in der T\u00fcrkei und die desastr\u00f6sen Auswirkungen des Syrienkriegs und der t\u00fcrkischen Syrienpolitik auf die T\u00fcrkei selber verschleiert.<\/p>\n<p>Die Lage im t\u00fcrkisch-syrischen Grenzgebiet sieht n\u00e4mlich ganz anders aus als angepriesen: Das Grenzgebiet ist selbst Teil des Krieges geworden als logistisches Hinterland der von der T\u00fcrkei unterst\u00fctzten jihadistischen Gruppierungen wie IS, al-Nusra-Front oder Ahrar-al-Scham. Noch vor kurzem liefen deren milit\u00e4rische Einheiten mit IS-Fahnen oder FSA-M\u00fctzen und Milit\u00e4routfit durch das Stadtzentrum der historischen Stadt Antakya (Antiochia). Das Fl\u00fcchtlingslager bei Apayd\u0131n ist offiziell ein milit\u00e4risches Lager der FSA, zu dem niemand anderer einen Zugang hat, wof\u00fcr das t\u00fcrkische Milit\u00e4r sorgt. Aus der Unterprovinz Reyhanl\u0131 berichtet die Bev\u00f6lkerung davon, wie regelm\u00e4\u00dfig LKW-Kolonnen teils ohne Kennzeichnen bei Nacht \u00fcber die Grenze in beide Richtungen verkehren, w\u00e4hrend der t\u00fcrkische Rote Mond und islamische Hilfsorganisationen wie die IHH f\u00fcr die Versorgung des Fl\u00fcchtlingscamps Atme sorgen, das direkt an der Grenze liegt, von einer Mauer abgeschirmt ist und von der al-Nusra-Front und Ahrar-al-Scham dominiert wird. Dabei befinden sich zum Beispiel in der Provinz Hatay nur knapp 5% aller Fl\u00fcchtlinge in Fl\u00fcchtlingscamps. \u00dcber das Schicksal des Gro\u00dfteils der Fl\u00fcchtlinge wei\u00df keiner so wirklich Genaues zu berichten.<\/p>\n<p>Dadurch, dass direkt auf der anderen Seite der Grenze jihadistische Banden ihr Unwesen treiben und ein konfessionell motiviertes Massaker nach dem anderen begehen und unterschiedliche regierungsnahe Personen und Medien in der T\u00fcrkei Benzin in das Feuer gie\u00dfen, machte sich gro\u00dfer Unmut und Furcht insbesondere in den nicht-muslimischen und nicht-t\u00fcrkischen Gemeinden in der Provinz Hatay breit: eine Provinz, die seit Jahrhunderten daf\u00fcr bekannt ist, die unterschiedlichsten religi\u00f6sen und ethnischen Gemeinden zu beherbergen. W\u00e4hrend sich die alevitischen Gemeinden unmittelbar von einem \u00dcberschwappen des Krieges auf die T\u00fcrkei bedroht f\u00fchlen (IS und al-Nusra haben Dutzende Massaker an arabischen Alawit*innen in Syrien begangen), m\u00f6chten die Tscherkess*innen die Stadt verlassen und auch die Christ*innen f\u00fchlen sich nicht mehr sicher.<\/p>\n<p>Unter diesen Umst\u00e4nden leistet die Bev\u00f6lkerung vor Ort seit Jahren Widerstand gegen den Syrienkrieg und vor allem gegen den aktiven Part der T\u00fcrkischen Republik darin, der darauf hinausl\u00e4uft, jihadistische Banden in ihrem Kampf gegen Assad und die Kurd*innen und andere demokratische Kr\u00e4fte zu unterst\u00fctzen. Im Rahmen dieses Widerstandes gr\u00fcndeten sich 2015 die Volksr\u00e4te (<em>halk meclisleri<\/em>). Sie sind ein Zusammenhang unterschiedlicher politischer und zivilgesellschaftlicher Organisationen und Individuen, die sich in Form von Bezirks- und Stadtteilr\u00e4ten organisieren, um eine selbstorganisierte Form der Macht der lokalen Bev\u00f6lkerung aufzubauen und den Widerstand gegen die Kriegspolitik auf diese Macht gest\u00fctzt und unabh\u00e4ngig vom Staat oder anderen gro\u00dfen M\u00e4chten zu f\u00fchren. So organisierten die Volksr\u00e4te letztes Jahr im Mai erfolgreich den Widerstand gegen das USA-T\u00fcrkei-Gemeinschaftsprojekt einer Ausbildung von ausgew\u00e4hlten sogenannten \u201emoderaten Rebellen\u201c (<em>e\u011fit-donat\/train and equip<\/em>) in der T\u00fcrkei, um sie sodann gegen IS und Assad ins Feld zu f\u00fchren. Das Projekt musste wegen des Widerstands teilweise abgebrochen werden.<\/p>\n<p>Eine Abteilung der Volksr\u00e4te, der Friedensratschlag gegen den Krieg (<em>Sava\u015fa Kar\u015f\u0131 Ya\u015fam Hakk\u0131 Meclisi<\/em>) bringt seit Anfang 2016 in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden l\u00e4ngere Berichte zu den Auswirkungen des Syrienkriegs und der t\u00fcrkischen Syrienpolitik auf die Region Hatay hervor, die sich mit der Lage der Fl\u00fcchtlinge, jihadistischer Aktivit\u00e4ten im Grenzgebiet, Auswirkungen auf die Wirtschaft, gesellschaftliche Polarisierung und anderen Themen besch\u00e4ftigten. Bisher wurden zwei solcher Berichte angefertigt (sie wurden von <em>labournet<\/em> ins Deutsche \u00fcbersetzt und sind <a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/internationales\/tuerkei\/lebensbedingungen-tuerkei\/die-auswirkungen-des-kriegs-in-syrien-und-der-tuerkischen-syrien-politik-auf-die-region-hatay\/\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/internationales\/tuerkei\/lebensbedingungen-tuerkei\/hatay-nur-fuer-dschihadisten-sicher-die-auswirkungen-des-kriegs-in-syrien-und-der-tuerkischen-syrien-politik-auf-die-region-hatay-2-bericht\/\">hier<\/a> einzusehen). Wir trafen uns mit dem Journalisten und Koordinator der Berichte, Ali Ergin Demirhan, in Antakya w\u00e4hrend einer Veranstaltung des Friedensratschlags mit dem Aufruf \u201eBevor es f\u00fcr Hatay zu sp\u00e4t ist\u201c (<em>Hatay i\u00e7in \u00e7ok ge\u00e7 olmadan<\/em>), bei der die bisherigen Berichte vorgestellt wurden und diskutiert wurde, wie weiter vorzugehen ist. Anbei das Interview, das wir mit Ali Ergin Demirhan gef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p><strong>Ihr habt bisher zwei Berichte zu den Auswirkungen des Syrienkriegs und der t<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>rkischen Syrienpolitik auf die Region Hatay angefertigt, ein dritter wird bald erscheinen. Kannst du den Inhalt der Berichte im Allgemeinen kurz darstellen?<\/strong><\/p>\n<p>Wir befinden uns in Hatay am Rande des Krieges, aber genauso gut auch mittendrin. Am Rande, insofern der Krieg unmittelbar nebenan stattfindet; und mittendrin, weil die Region hier zu einem logistischen Hauptquartier und R\u00fcckzugsort f\u00fcr die Jihadisten geworden ist. Die Region Hatay ist also von au\u00dferhalb einer unmittelbaren Gefahr ausgesetzt, andererseits wird sie aber auch negativ beeinflusst von der Politik im Inland, die den Krieg dort unterst\u00fctzt. Das f\u00fchrt unmittelbar zu einer Gef\u00e4hrdung der Sicherheit des Lebens. Andererseits erm\u00f6glicht die Unterst\u00fctzung der Jihadisten auf t\u00fcrkischem Boden, dass der Jihadismus auch auf die T\u00fcrkei \u00fcberschwappt und dass eines Tages das entsteht, was Hediye Levent einen \u201et\u00fcrkischen Jihadismus\u201c genannt hat. Die isolierte unsichere und von Ungleichbehandlung gepr\u00e4gte Situation der Fl\u00fcchtlinge auf der t\u00fcrkischen Seite bietet hierbei einen wunderbaren N\u00e4hrboden f\u00fcr die Jihadisten.<\/p>\n<p>Es besteht zus\u00e4tzlich eine andere Art von Gefahr. Hatay ist ber\u00fchmt f\u00fcr seine Multikulturalit\u00e4t, daf\u00fcr, dass es gepr\u00e4gt ist von einem geschwisterlichen Miteinander der unterschiedlichsten religi\u00f6sen und ethnischen Gemeinschaften. Dieses geschwisterliche Miteinander ist nun gef\u00e4hrdet. Es gibt keine J\u00fcd*innen mehr in Hatay, die Tscherkess*innen bekunden, dass sie das Gebiet verlassen und nach Russland gehen m\u00f6chten. Sie sagen, \u201euns geh\u00f6rte einst diese Stadt, dem ist nicht mehr so\u201c. Die Alevit*innen und Christ*innen f\u00fchlen sich bedroht, das letzte Osterfest wurde unter Polizeischutz veranstaltet, die Sunnit*innen werden aufgehetzt und die Kurd*innen als Bedrohung, als potenzielle PKK-Mitglieder pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Die Wirtschaft liegt nat\u00fcrlich brach. Die Region baute auf Landwirtschaft und Export landwirtschaftlicher G\u00fcter auf, beides ist massiv eingebrochen, logistische Dienstleistungen werden nicht mehr angeboten, es existiert kein geeignetes Umfeld f\u00fcr Investitionen. Die Einbr\u00fcche im Wirtschaftsleben wurden eine gewisse Zeit lang kompensiert von der Kriegswirtschaft, sprich zum Beispiel vom \u00d6l-Schmuggel. Aber auch die Kriegswirtschaft ist mittlerweile eingebrochen.<\/p>\n<p>Nimmt man all diese Gefahren zusammen \u2013 die kulturelle Entfremdung der unterschiedlichen ethnischen und religi\u00f6sen Gemeinschaften voneinander, die \u00f6konomische Not, usw. \u2013, l\u00e4sst sich absehen, dass in Zukunft Konflikte auf reaktion\u00e4rere und rechtere Art und Weise ausgetragen werden. Das findet heute zum Beispiel als eine relativ kleine Auseinandersetzung auf dem Bazaar statt oder es werden syrische Arbeiter*innen seitens konkurrierender Arbeiter*innen angegriffen, obwohl oder gerade weil dieselben syrischen Arbeiter*innen von Unternehmer*innen vor Ort \u00fcberausgebeutet werden. Aber was wird passieren, wenn mit der anstehenden Idlib-Offensive in Syrien die Jihadisten erneut scharenweise hier auftauchen und ihre internen Konflikte in den St\u00e4dten hier austragen? Die von Jihadisten dominierten Fl\u00fcchtlingslager an der t\u00fcrkisch-syrischen Grenze sind jetzt schon wie Pulverf\u00e4sser, die jederzeit explodieren k\u00f6nnen, wenn sich zum Beispiel die Politik gegen\u00fcber der al-Nusra-Front ver\u00e4ndert oder sich die Gefechte bis hierher ausweiten. Und dann gibt es noch die ganzen schlafenden Zellen des IS, der sich ja bisher nicht im Krieg mit dem t\u00fcrkischen Staat befindet. Was dann passiert, wenn sich diese Zellen aktivieren, l\u00e4sst sich nicht absehen. Der Anschlag in Reyhanl\u0131<a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a> war jedenfalls ein blo\u00dfer Vorbote dessen, was uns bevorsteht, sollte sich der IS dazu entscheiden, hier aktiver zu werden.<\/p>\n<p><strong>In den Berichten ist davon die Rede, dass insbesondere ab dem 24. November 2015 und dem 3. Februar 2016 eine erh<\/strong><strong>\u00f6<\/strong><strong>hte Gefahrensituation in Hatay vorherrscht. Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Am 24. November 2015 erreichten die Spannungen zwischen Russland und der T\u00fcrkei einen vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt mit dem Abschuss eines russischen Bomberjets seitens der t\u00fcrkischen Luftwaffe. Um diesen Zeitraum herum intensivierte sich die Bombardierung der Jihadisten in Syrien aus der Luft, was sie nat\u00fcrlich scharenweise in die T\u00fcrkei, vor allem nach Yaylada\u011f\u0131 trieb.<\/p>\n<p>Am 3. Februar 2016 wurde die Hauptverbindungslinie zwischen Gaziantep und Aleppo gekappt. Damit wurde ebenfalls die Verbindung einiger von der T\u00fcrkei unterst\u00fctzter jihadistischer Gruppen um Idlib herum und n\u00f6rdlich von Aleppo innerhalb von Syrien gekappt. Das f\u00fchrte dazu, dass diese Gruppen ihre Verbindungslinien \u00fcber die T\u00fcrkei, um genauer zu sein: \u00fcber die Achse Hatay-Kilis wiederaufbauten. Auch diesmal verkehrten wieder scharenweise Jihadisten und Zivilisten, die gezwungenerma\u00dfen oder freiwillig in von Jihadisten kontrollierten Gebieten lebten, in der T\u00fcrkei.<\/p>\n<p>Diese beiden Daten bezeichnen also Wendepunkte aus der Betrachtung der Auswirkungen des Syrienkriegs und der t\u00fcrkischen Syrienpolitik auf die Region Hatay. Seitdem ist eine Zunahme von Jihadisten und die Errichtung jihadistischer Hauptverbindungsachsen in unserer Region zu verzeichnen.<\/p>\n<p><strong>Wie schaut es mit der Situation der Fl<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>chtlinge aus? Erdo<\/strong><strong>\u011f<\/strong><strong>an redet ja die ganze Zeit davon, dass die T<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>rkei alle T<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>ren <\/strong><strong>\u00f6<\/strong><strong>ffnete und das Land sei, das am besten und menschlichsten mit den Fl<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>chtlingen umgehe, w<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>hrend Europa die T<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>ren schlie<\/strong><strong>\u00df<\/strong><strong>e. Auf der anderen Seite schlie<\/strong><strong>\u00df<\/strong><strong>t die EU mit der T<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>rkei einen Fl<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>chtlingsdeal ab, Merkel besucht das <\/strong><strong>\u201e<\/strong><strong>Vorzeigelager<\/strong><strong>\u201c<\/strong><strong> Nizip 2 und preist die T<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>rkei f<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>r ihre humanit<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>ren Bem<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>hungen. L<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>uft hier alles wirklich so toll ab wie behauptet?<\/strong><\/p>\n<p>Im Hatay befinden sich in etwa 400.000 syrische Fl\u00fcchtlinge. Ich sage \u201ein etwa\u201c, weil niemand wei\u00df wirklich wie viele es genau sind. Von diesen Fl\u00fcchtlingen leben jedenfalls knapp 18.000 in Fl\u00fcchtlingslagern. Vielleicht sind es mit den neuesten Lagern mehr geworden. Die T\u00fcrkei akzeptierte schon lange keine Fl\u00fcchtlinge mehr, eine Politik der offenen T\u00fcr gibt es seit 1,5 Jahren nicht mehr und im Konkreten f\u00e4llt die Grenzpolitik von Tag zu Tag unterschiedlich aus. In letzter Zeit werden \u00f6fters neu ankommende Fl\u00fcchtlinge gefoltert, verwundet oder gar ermordet. Normalerweise werden sie zur\u00fcckgeschickt in Lager direkt an der Grenze oder auf der syrischen Seite, womit sie de facto Ahrar al-Sham \u00fcbergeben werden.<\/p>\n<p>Was die Unterbringung der Fl\u00fcchtlinge angeht: Wie gesagt, von den knapp 400.000 Fl\u00fcchtlingen sind nur in etwa 20.000 in Fl\u00fcchtlingslagern untergebracht. Die restlichen sorgen privat f\u00fcr ihre Unterkunft aber wo und wie, das wei\u00df niemand so genau. Einige kommen in Barracken oder alten Scheunen unter. Diese ung\u00fcnstige Situation der Fl\u00fcchtling wird nat\u00fcrlich missbraucht und ausgenutzt.<\/p>\n<p>Ansonsten bekommen die anerkannten Fl\u00fcchtlinge Lebensmittelmarken im Wert von 400 bis 500 TL [umgerechnet etwa 150\u20ac, Anm. A.K.] f\u00fcr jeweils 3 Monate, mit denen sie bei bestimmten Superm\u00e4rkten einkaufen gehen k\u00f6nnen. Das Gesundheitssystem k\u00f6nnen sie vollst\u00e4ndig in Anspruch nehmen, allerdings ist der Staat gegen\u00fcber den Krankenh\u00e4usern in der Gegend hoch verschuldet. Es stellt sich die Frage nach der Nachhaltigkeit dieser Herangehensweise.<\/p>\n<p>Was die Bildungssituation angeht, bekommen die Fl\u00fcchtlingskinder zwar Unterricht, aber nach Unterrichtspl\u00e4nen, die nicht laizistisch sind und von denen nicht klar ist, wer sie entlang welcher Prinzipien erstellt.<\/p>\n<p>Was Arbeitsm\u00f6glichkeiten angeht, sind die Fl\u00fcchtlinge klar benachteiligt und werden ungleich behandelt. Daraus entsteht erstens ein Missbrauch ihrer Notsituation und zweitens eine Fremdenfeindlichkeit und Konkurrenz unter den V\u00f6lkern.<\/p>\n<p>Vor allem die Jugendlichen reagieren heftiger auf diese Situation. Was hieraus in 5 bis 10 Jahren entsteht, l\u00e4sst sich nicht vorhersagen, aber die Situation bietet, wie schon erw\u00e4hnt, einen N\u00e4hrboden f\u00fcr den t\u00fcrkischen Jihadismus. Es wird ja kein Mensch als Jihadist geboren, eine solche Einstellung entwickelt sich erst unter bestimmten Umst\u00e4nden und die gibt es hier und es gibt auch die kriminellen und jihadistischen Organisationen, die die Entwicklung solcher Einstellungen bef\u00f6rdern.<\/p>\n<p><strong>In den Berichten ist die Rede von Fl<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>chtlingslagern, die die T<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>rkei auf der syrischen Seite der Grenze angelegt hat.<\/strong><\/p>\n<p>Die Sache ist so: Regelm\u00e4\u00dfig werden zwar noch auf dem Gebiet der T\u00fcrkei aber direkt an der Grenze zu Syrien Mauern gebaut. Direkt an diesen Mauern befinden sich Fl\u00fcchtlingslager, z.B. dasjenige von Atme, das sich auch auf die syrische Seite hin ausstreckt. Gebaut und unterst\u00fctzt werden diese Lager vom Roten Mond in der T\u00fcrkei und der IHH (<em>Insan Hak ve H\u00fcrriyetleri ve Yard\u0131m Vakf\u0131<\/em>, deutsch: Stiftung f\u00fcr Menschenrechte, Freiheiten und humanit\u00e4re Hilfe). Der Staat schafft sich hiermit eine sichere Zone: Das Fl\u00fcchtlingsproblem wird auf die andere Seite der Grenze verschoben, andererseits werden so die Jihadisten gesch\u00fctzt. Die T\u00fcrkei investiert somit in die Zukunft des Krieges. Syrer*innen, die aus Idlib vor dem Krieg fliehen, werden in der Provinz Alt\u0131n\u00f6z\u00fc aufgefangen und per Minibus in das Camp bei Atme gebracht.<\/p>\n<p><strong>Und wie verh<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>lt es sich jetzt genau mit den Jihadisten und ihren Aktivit<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>ten in der Region Hatay? In den Berichten redet ihr davon, dass Fl<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>chtlinge und zivile Personen schikaniert und davon abgehalten werden, in die T<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>rkei zu kommen, und dass die einzigen, die sich frei bewegen k<\/strong><strong>\u00f6<\/strong><strong>nnen, die Jihadisten sind.<\/strong><\/p>\n<p>Wir wissen nicht genau welche Abteilungen der t\u00fcrkischen Streitkr\u00e4fte oder des Geheimdienstes es sind, die aktiv die Jihadisten unterst\u00fctzen. Aber wenn wir zusammentragen, was wir aus bestimmten Quellen mitbekommen haben, was die Jihadisten selbst sagen und was man in der regierungsnahen Presse lesen kann, dann ergibt sich ein einheitlichen Bild.<\/p>\n<p>Es gibt derzeit, soweit wir das wissen, 3 aktive \u00dcbergangspunkte f\u00fcr die Jihadisten an der syrisch-t\u00fcrkischen Grenze: einmal in G\u00fcve\u00e7ci an der \u00f6stlichen Grenze der Provinz Yaylada\u011f\u0131. Wer aus Idlib oder Latakia flieht, der kommt \u00fcber diesen Kontrollpunkt in die T\u00fcrkei. Der offizielle Grenz\u00fcbergang bei Cilveg\u00f6z\u00fc hingegen wird zumeist von der al-Nusra-Front genutzt. Beim Fl\u00fcchtlingscamp bei Atme hingegen befindet sich de facto ein weiterer Grenz\u00fcbergang, der von einem Wachtposten der T\u00fcrkei kontrolliert wird. Hier passieren regelm\u00e4\u00dfig LKWs in beide Richtungen die Grenzen. Wir gehen davon aus, dass dies unter Kontrolle des t\u00fcrkischen Geheimdienstes geschieht. Auch wird von syrischer Seite oft vom Grenz\u00fcbertritt bewaffneter Menschen in die T\u00fcrkei berichtet. Wir haben leider nur sehr wenig Bild- und Videomaterial, da die Grenz\u00fcbertritte fast ausschlie\u00dflich bei Nacht geschehen.<\/p>\n<p>An allen drei genannten Grenzpunkten finden regelm\u00e4\u00dfig Grenz\u00fcbertritte statt: mal organisiert, mal staatlich toleriert, mal aber auch illegal. Der Gouverneur von Hatay sprach einmal von 500 bis 1.500 illegalen Grenz\u00fcbertritten pro Tag. Ein Teil der Grenz\u00fcbertritte wird von Fliehenden get\u00e4tigt, ein anderer Teil aber sind regelm\u00e4\u00dfige \u00dcbertritte in beide Richtungen. Zudem fanden vor allem ab dem 3. Februar 2016 regelm\u00e4\u00dfig Lieferungen f\u00fcr die Gebiete n\u00f6rdlich von Aleppo statt, die sich unter Kontrolle von Jihadisten, die von der T\u00fcrkei unterst\u00fctzt werden, befinden. Diese Lieferungen kommen teils vom Hafen aus Mersin \u00fcber Iskenderun bis an die Grenze. Damals konnte man ganze LKW-Kolonnen oder Kolonnen von Mitsubishi-Jeeps ohne Kennzeichen an die Grenze fahren sehen.<\/p>\n<p>Ansonsten l\u00e4sst sich festhalten, dass jihadistische K\u00e4mpfer in allen Krankenh\u00e4user in der Gegend verarztet werden und dass unter dem Deckmantel islamischer Hilfsorganisationen wie der IHH Hilfsg\u00fcter an die Jihadisten \u00fcberbracht werden.<\/p>\n<p>Eine andere Sache ist die, dass als jihadistische Terroristen klassifizierte Personen, die festgenommen werden, recht z\u00fcgig in Drittl\u00e4nder abgeschoben oder in andere St\u00e4dte der T\u00fcrkei gebracht werden. So geschehen mit dem Attent\u00e4ter von Br\u00fcssel. Es werden auch regelm\u00e4\u00dfig Jihadisten in die Ukraine abgeschoben.<\/p>\n<p><strong>Gibt es Orte, die man als Zentren der Jihadisten benennen kann?<\/strong><\/p>\n<p>Die Provinz Idlib ist dominiert von Ahrar-al-Scham und der al-Nusra-Front. Aber Ahrar-al-Scham ist mehr so ein Instrument, da die al-Nusra-Front ja international als Terrororganisation eingesch\u00e4tzt wird. Das Fl\u00fcchtlingslager bei Atme wird zum Beispiel von der al-Nusra-Front dominiert, aber es wird so getan, als ob sich Ahrar-Al-Scham und al-Nusra-Front das Lager teilen, damit dort einfacher Lieferungen seitens der T\u00fcrkei hingeschickt werden k\u00f6nnen. Aber auch in der t\u00fcrkischen Stadt Reyhanl\u0131 gibt es gro\u00dfe Sympathien f\u00fcr die al-Nusra-Front und der IS organisiert sich hier, vor allem unter den Jugendlichen. Auch in den D\u00f6rfern um Reyhanl\u0131 l\u00e4sst sich \u00e4hnliches beobachten.<\/p>\n<p>Vom Fl\u00fcchtlingslager Apayd\u0131n in Hatay steht fest, dass es ein Zentrum der FSA ist. Die FSA hat das selbst \u00f6ffentlich so gesagt und es ist ein milit\u00e4risches Lager, wo ehemalige K\u00e4mpfer der FSA und Familien von FSA-K\u00e4mpfern untergebracht sind. Der t\u00fcrkische Staat l\u00e4sst uns nicht in das Lager hinein. Die al-Nusra-Front konnte man vor allem im Jahre 2012 sehr deutlich im Stadtbild von Antakya erkennen. Fr\u00fcher liefen sie mit FSA-M\u00fctzen und jihadistischem Look durch die Gegend. Mittlerweile hat sich das ge\u00e4ndert, sie agieren versteckter. Aber auch heute sind sie noch gut organisiert, vor allem unter den Fl\u00fcchtlingen.<\/p>\n<p><strong>Was ist mit den nicht-muslimischen Gemeinden im Gebiet Hatay, insbesondere die Aleviten und Christen? Jeder wei<\/strong><strong>\u00df<\/strong><strong>, dass die Jihadisten in Syrien die grausamsten Massaker begehen an denen, die sie f<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>r Ungl<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>ubige halten, worunter f<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>r sie insbesondere Aleviten, Christen, Jeziden, usw. fallen. Sorgt diese erh<\/strong><strong>\u00f6<\/strong><strong>hte jihadistische Pr<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>senz und Aktivit<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>t nicht f<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>r Unmut und Angst unter den Aleviten und Christen?<\/strong><\/p>\n<p>Offen gedroht wird den Aleviten, wenn auch weniger im Format \u00e0 la \u201ewir bringen euch alle um\u201c. Es wird oft gehetzt mit Meldungen \u00fcber Gr\u00e4ueltaten des nusairischen Regimes [Angeh\u00f6rige der Alawiten in Syrien werden Nusairier genannt und das Regime von Assad \u00fcblicherweise als nusairisch bezeichnet, Anm. A.K.] seitens der Jihadisten aus Syrien aber auch aus regierungsnahen Medien aus der T\u00fcrkei, die die Aleviten oft als \u201eabnormal\u201c bezeichnen.<\/p>\n<p>Das nahm besonders im Februar 2016 groteske Z\u00fcge an. Da sprachen die diversesten Zeitungen wie <em>Ayd\u0131nl\u0131k<\/em>, <em>Yeni \u015eafak<\/em> und <em>Yeni Akit<\/em> davon, dass die Aleviten Waffen in Cemevis [alevitische Glaubensst\u00e4tten, A.K.] sammeln, w\u00e4hrend der ehemalige CHP-Vorsitzende Deniz Baykal davon sprach, dass Aleppo ein Zentrum der Sunnit*innen sei und es deshalb gesch\u00fctzt werden muss vor einer m\u00f6glichen R\u00fcckeroberung seitens der syrischen Armee.<\/p>\n<p>Es findet also eine str\u00f6mungs\u00fcbergreifende Verteuflung der Alevit*innen statt und es wird versucht, die Gesellschaft zu polarisieren. Die Zunahme dieser Drohkulisse f\u00fchrt auf der andere Seite zu einem R\u00fcckzug der Alevit*innen in ihre eigene Gemeinschaften.<\/p>\n<p>Bei den Christ*innen ist es so, dass sie sich zwar als urspr\u00fcngliche Einheimische der Stadt verstehen, in der Tat zu den besser Situierten in der Stadt geh\u00f6ren und auch \u00f6konomisch betrachtet nicht aus der Stadt wegzudenken sind. Aber tonangebend im gesamten Land sind sie nicht. Deshalb sind auch sie vorsichtig. Kein*e Christ*in wird, wenn du ihn oder sie offen fragst, sagen, dass er daran denkt, zu fliehen. Aber du kannst dir sicher sein, dass sie alle ihre P\u00e4sse beantragt haben [in der T\u00fcrkei ist es \u00fcblich, nur den Personalausweis zu besitzen, da der Pass nur f\u00fcr Auslandsreisen gebraucht wird, die jedoch \u00fcblicherweise sehr selten get\u00e4tigt werden; Anm. A.K.].<\/p>\n<p>Im Allgemeinen l\u00e4sst sich sagen, dass sich alle religi\u00f6sen Minderheiten au\u00dfer der dominierenden sunnitisch-islamischen Gemeinschaft zwar nicht zum ersten Mal mit konfessionell bedingten Gefahren konfrontiert sehen, die Gefahr diesmal aber zunimmt.<\/p>\n<p><strong>Kontakt<\/strong>:<\/p>\n<p>hatay.halk.meclisleri@gmail.com (T\u00fcrkisch)<\/p>\n<p>peoples.assembly.antioch@gmail.com (Englisch)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/twitter.com\/halk_meclisleri\">https:\/\/twitter.com\/halk_meclisleri<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/HALK-MECL\u0130SLER\u0130-893577630757064\/\">https:\/\/www.facebook.com\/HALK-MECL\u0130SLER\u0130-893577630757064\/<\/a><\/p>\n<p>Koordination: Ali Ergin Demirhan (ali@sendika.org \/ 0553 281 93 05 \u2013 Englisch\/ T\u00fcrkisch)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>* Bericht und Interview von Alp Kayserilio\u011flu<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/2016\/06\/widerstand-gegen-krieg-und-jihadismus-im-tuerkisch-syrischen-grenzgebiet\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 22. Juni 2016<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Am 11. Mai 2013 detonierten zwei Autobomben in der Grenzstadt Reyhanl\u0131 und t\u00f6teten zwischen 51 und 300 Menschen. Die t\u00fcrkische Regierung sprach von einem \u201elinksextremistischen Anschlag im Auftrag des syrischen Geheimdienstes\u201c, der leak eines Gendarmeriedokuments l\u00e4sst aber darauf schlie\u00dfen, dass es ein Anschlag der al-Nusra-Front war, um die T\u00fcrkei in den Syrienkrieg hineinzuziehen. Aus dem leak geht ebenfalls hervor, dass die Gendarmerie vom bevorstehenden Anschlag wusste.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lower Class Magazin. Trotz aller Spannungen mit der T\u00fcrkei besuchte Merkel im April ein \u201eModellfl\u00fcchtlingslager\u201c, Nizip 2, in der T\u00fcrkei und meinte, die T\u00fcrkei k\u00f6nne gar nicht genug gew\u00fcrdigt werden daf\u00fcr, was sie in der &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[39,18,15,54],"class_list":["post-1281","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-international","tag-deutschland","tag-imperialismus","tag-syrien","tag-tuerkei"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1281","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1281"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1281\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1282,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1281\/revisions\/1282"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1281"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1281"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1281"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}