{"id":12824,"date":"2023-03-24T14:57:15","date_gmt":"2023-03-24T12:57:15","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12824"},"modified":"2023-03-24T14:57:16","modified_gmt":"2023-03-24T12:57:16","slug":"fuer-hans-juergen-krahl-beitraege-zu-seinem-antiautoritaeren-marxismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12824","title":{"rendered":"F\u00fcr Hans-J\u00fcrgen Krahl. Beitr\u00e4ge zu seinem antiautorit\u00e4ren Marxismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Christoph Zeevaert.<\/em> <strong>Eine Textsammlung w\u00fcrdigt die Person und das Werk Hans-J\u00fcrgen Krahls, eines untersch\u00e4tzten Denkers der Kritischen Theorie und erz\u00e4hlt dabei die Geschichte der Neuen Linken.<\/strong><\/p>\n<p>Der Sammelband \u201e<a href=\"https:\/\/www.mandelbaum.at\/buecher\/meike-gerber-emanuel-kapfinger-julian-volz\/fuer-hans-juergen-krahl\/\">F\u00fcr Hans-J\u00fcrgen Krahl \u2013 Beitr\u00e4ge zu seinem antiautorit\u00e4ren Marxismus<\/a>\u201c ist nicht<!--more--> nur eine theoretische Rekonstruktion seines Werkes, sondern auch ein Ausflug in die Geschichte der Neuen Linken. Die Herausgeber*innen Meike Gerber, Emanuel Kapfinger und Julian Volz versammeln Autor*innen und Aufs\u00e4tze, die ein Bild von Krahl als Theoretiker, Aktivist und Philosoph zeichnen. Auch wenn in diesem Band samt und sonders sympathisierende Stimmen versammelt werden, spart er nicht mit Kritik. Das Ergebnis ist ein Andenken, das Krahl auf theoretischer wie praktischer Ebene ernst nimmt, ohne einen linken Ahnenkult um ihn zu inszenieren.<\/p>\n<p>Hans-J\u00fcrgen Krahl gilt als einziger Sch\u00fcler Adornos, der ihm w\u00fcrdig erschien. Gleichzeitig sagte Adorno \u00fcber ihn: \u201eIn Krahl, da hausen die W\u00f6lfe.\u201c Das Verh\u00e4ltnis der beiden zueinander war von einer Ambivalenz gepr\u00e4gt, die selbst symptomatisch f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von Krahls Person ist. Der Sammelband wirft in insgesamt 15 Beitr\u00e4gen ein Bild auf den SDS-Aktivisten und kommunistischen Praktiker, wie auch auf den Philosophen und Kritischen Theoretiker. Versammelt werden Stimmen, die sich ihm biografisch, theoretisch, praktisch und historisch ann\u00e4hern. Dabei entsteht ein sehr genaues Bild von dem Krahl, der trotz seinem fr\u00fchen Tod im Alter von nur 27 Jahren zu einer der wichtigsten Stimmen der 68er-Bewegung avancierte und \u00fcber den sein Genosse und Mitstreiter Rudi Dutschke sagte: \u201eEr war der Kl\u00fcgste von uns allen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Get Organized! But how?<\/strong><\/p>\n<p>Gleich mehrere Aufs\u00e4tze des Sammelbandes besch\u00e4ftigen sich mit dem Verh\u00e4ltnis von Theorie und Praxis und der daraus resultierenden Organisationsfrage linker Politik. Diese Schwerpunktsetzung ist nicht zuf\u00e4llig gew\u00e4hlt, sondern entspricht der Bedeutung dieses Spannungsverh\u00e4ltnisses f\u00fcr das gesamte Werk Krahls. Aus dieser Auseinandersetzung leitet sich der Begriff des <em>antiautorit\u00e4ren Marxismus<\/em> ab. Historisch werden Krahl und sein politisches Spektrum von den Autor*innen des Sammelbandes als Zwischenstimmen beschrieben, irgendwo zwischen organisationsfeindlichen Spontis und einem dogmatischen Marxismus-Leninismus. Diese immer wiederkehrenden Abgrenzungen Krahls waren kein szenetypisches kulturelles Distinktionsgehabe, sondern Resultat sehr ernsthafter Reflexion \u00fcber revolution\u00e4re Politik. So grenzt er sich vom Marxismus-Leninismus mit einer Politik ab, die letztlich leninistischer war als diejenige der Politgruppen, die Lenin zu ihrem Maskottchen erkoren haben: Krahl besch\u00e4ftigte sich mit der spezifisch historischen Situation, mit der er es zu tun hatte und stellte sich die Frage, welche Schritte diese Situation von einer marxistischen Linken erfordert. Der Begriff des Antiautorit\u00e4ren wird so nicht zu einer moralischen Bestimmung, sondern zu einem Bestandteil materialistischer Gesellschaftsanalyse.<\/p>\n<p>Auch wenn die Aufs\u00e4tze im Sammelband ohne eine Definition des Krahl\u2019schen Antiautoritarismus auskommen, entsteht ein Begriff dessen, was gemeint ist. F\u00fcr eine revolution\u00e4re Organisierung stellt Krahl die Aktivierung der Menschen als politische Subjekte in den Vordergrund. Er dr\u00fcckt sich dabei nicht um Fragen nach dem Verh\u00e4ltnis von Avantgarde und Basis und l\u00f6st diese Spannungsverh\u00e4ltnisse nie ohne ein materialistisches Argument auf. So spricht aus seinen Argumenten eine tiefe philosophische \u00dcberzeugung, in erster Linie aber die Analyse, dass es in der postfordistischen Gesellschaft der 60er-Jahre einer Organisation bedarf, welche auf die Selbstt\u00e4tigkeit der Massen zielt.<\/p>\n<p>Durch die Aufs\u00e4tze, die sich mit der Beziehung von Theorie und Praxis bei Krahl besch\u00e4ftigen, entsteht also ein Begriff des antiautorit\u00e4ren Marxismus, der nicht aus moralischen Gr\u00fcnden ohne Autorit\u00e4ten auskommen will und der auch weiterhin \u00fcber Strukturen wie eine Partei verf\u00fcgen darf. Denn im Mittelpunkt steht, dass kommunistische Politik auf lange Sicht nicht f\u00fcr, sondern nur gemeinsam mit den gesellschaftlichen Subjekten gemacht werden kann. Antiautoritarismus meint also hier keine Abgrenzung von dem, was Herbert Marcuse mit \u201erevolution\u00e4rer Disziplin\u201c meinte und auch keine Distanzierung zu Verbindlichkeit und Kollektivit\u00e4t. Es meint ein Politikverst\u00e4ndnis, dass die Menschen als Subjekte ernstnimmt und die Aufgabe kommunistischer Politik in der Herstellung von Kollektivit\u00e4t sieht, und nicht in einem politischen Dienstleistungsprogramm der Parteien oder Gewerkschaften, deren Praxis mitunter eher auf die Schaffung eines lukrativen Angebotes f\u00fcr potentielle Mitglieder, denn auf die Schaffung politischer Kollektivit\u00e4t zielt. Diese Kollektivit\u00e4t setzt nat\u00fcrlich voraus, dass Menschen sich selbst als gesellschaftliche Subjekte begreifen. Genau darin sieht Krahl die zentrale Aufgabe kommunistischer Politik.<\/p>\n<p><strong>Krahl und die Kritische Theorie<\/strong><\/p>\n<p>Neben seiner T\u00e4tigkeit als Aktivist im SDS Frankfurt beleuchten mehrere Aufs\u00e4tze des Bandes Krahls Rolle als Vertreter der Kritischen Theorie und ambitionierten Sch\u00fcler Adornos. Er bem\u00fchte sich um den Anschluss seiner politischen Praxis an die Kritische Theorie und k\u00e4mpfte gleichzeitig erbittert mit seinem Doktorvater Adorno um dieses aufgeladene Spannungsverh\u00e4ltnis. Insbesondere die Frage nach der politischen Praxis, der Adorno bekanntlich kritisch gegen\u00fcberstand \u2013 er wahrte stets eine deutliche Distanz zur Neuen Linken \u2013, wird als Hauptstreitpunkt zwischen den beiden beschrieben. Der Bruch fand schlie\u00dflich statt, als Adorno einen besetzten H\u00f6rsaal von der Polizei r\u00e4umen lie\u00df und Krahl sich im Nachgang f\u00fcr die Besetzung vor Gericht verantworten musste.<\/p>\n<p>Theorie und Praxis sind zwei Faktoren, die in Krahls Marxismus untrennbar zusammengeh\u00f6ren. Dieser Umstand ist daf\u00fcr verantwortlich, dass eine Darstellung von ihm als reinem Philosophen notwendigerweise unterkomplex bleibt. Seine Hoffnung in die 68er-Bewegung und die Neue Linke f\u00fchrten ihn im Verlauf der Debatten immer weiter von seinem Lehrer Adorno weg und n\u00e4her an Marcuse heran, der die M\u00f6glichkeit emanzipatorischer Politik zum Dreh- und Angelpunkt seiner Philosophie machte und nicht deren Unm\u00f6glichkeit.<\/p>\n<p><strong>Krahl der Praktiker<\/strong><\/p>\n<p>Krahls theoretische Erw\u00e4gungen sind leninistischer als diejenigen seiner politischen Kontrahenten aus dem Fl\u00fcgel der Neuen Linken, die sich mit der proletarischen Wende verabschiedeten. Damit ist gemeint, dass sich Krahl sehr ehrlich und radikal die Frage nach der historischen Situation stellte und daraus versuchte abzuleiten, welche Praxis sie f\u00fcr die Linke bedeuten sollte. Sein Blick bezieht in der Tradition der Kritischen Theorie immer mit ein, wie die individuellen Subjekte durch die Gesellschaft zugerichtet werden und was das f\u00fcr die M\u00f6glichkeit emanzipatorischer K\u00e4mpfe bedeutet. Daraus entstand ein Praxisbegriff, der den politischen Kampf nicht als ewigg\u00fcltiges Dogma fetischisierte, sondern aus den realen und historisch spezifischen Bedingungen schloss. Dieses Politikverst\u00e4ndnis bildet eine im besten Sinne des Wortes materialistisch fundierte politische Praxis, eine Praxis, die ihre Schl\u00fcsse zieht aus dem was ist. Teil von dieser ehrlichen Bestandsaufnahme war immer, die Integration der Arbeiter*innenklasse in Vertr\u00f6stungs- und vermeintliche Teilhabestrategien des Kapitals ernst zu nehmen und sich der Frage zu stellen, wie die Schei\u00dfe, die von Leuten gedacht und gemacht wird in die K\u00f6pfe kommt und wie sie dort wieder herauszuholen ist. Dabei geht es insbesondere um die Inkorporation proletarischer Klassenelemente in die Sozialpartnerschaft, die Umleitung von Wut und Antagonismus in die geregelten Bahnen b\u00fcrgerlicher Gl\u00fccksversprechen und die ideologischen Angebote, die solche Verrenkungen produzieren.<\/p>\n<p>Der Sammelband ist eine gelungene Einf\u00fchrung in Krahls Denken und Handeln, in die Debatten seiner Zeit und die Schwierigkeiten, die damit verbunden waren und bis heute sind. Er macht deutlich wie die Umrisse eines materialistischen Verh\u00e4ltnisses von Theorie und Praxis aussehen k\u00f6nnten, ohne diese aber klar zu benennen. Einige der Aufs\u00e4tze scheinen unkonkret und abstrakt zu sein, f\u00fcgen sich aber als Puzzleteile in ein Gesamtbild mit reichlich Erkenntnisgewinn.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/kritisch-lesen.de\/rezension\/anti-dogmatischer-marxismus\"><em>kritisch-lesen.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 24. M\u00e4rz 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Zeevaert. 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