{"id":12834,"date":"2023-03-26T09:50:07","date_gmt":"2023-03-26T07:50:07","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12834"},"modified":"2023-03-26T09:50:09","modified_gmt":"2023-03-26T07:50:09","slug":"die-verwandlung-des-groessten-antikriegsromans-in-buergerliche-propaganda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12834","title":{"rendered":"<strong>Die Verwandlung des gr\u00f6\u00dften Antikriegs\u00adromans in b\u00fcrgerliche Propaganda<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Nathaniel Flakin. <\/em><strong>\u201eIm Westen nichts Neues\u201d wurde mit vier Oscars ausgezeichnet, und es ist nicht schwer zu verstehen, warum. Die Inszenierung \u2013 die die Schrecken des Ersten Weltkriegs zeigt \u2013 ist spektakul\u00e4r. Doch die Produzent:innen haben den Roman von Erich Maria Remarque \u00fcberhaupt nicht verstanden. Achtung: Es folgen Spoiler!<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Der Netflix-Film \u201eIm Westen nichts Neues\u201c beginnt mit einer eindrucksvollen f\u00fcnfmin\u00fctigen Er\u00f6ffnungssequenz: In der franz\u00f6sischen Landschaft muss ein deutscher Soldat, der nur als Heinrich bekannt ist, aus seinem Sch\u00fctzengraben klettern und gegen Gewehrfeuer und M\u00f6rser auf den Feind zust\u00fcrmen. W\u00e4hrend seine Kameraden links und rechts fallen, sehen wir nicht einmal, was mit dem gesichtslosen jungen Mann geschieht. Nach dem Titel sehen wir Heinrich auf einem Haufen von Leichen. Dann folgt die Kamera seiner Uniform: Sie wird gereinigt, repariert und nach Deutschland zur\u00fcckgeschickt, um dann sofort an die n\u00e4chste Welle von Rekruten weitergegeben zu werden.<\/p>\n<p>Diese Darstellung der Kriegsmaschinerie, der das Schicksal des Einzelnen v\u00f6llig gleichg\u00fcltig ist, trifft den Geist des Romans von Erich Maria Remarque aus dem Jahr 1928 perfekt. Der 17-j\u00e4hrige Paul B\u00e4umer und seine Freunde melden sich, geblendet von der nationalistischen Propaganda ihrer Lehrer, freiwillig f\u00fcr den Krieg. An der Front erleben sie Langeweile, Terror und die absolute Sinnlosigkeit des Gemetzels. Die letzte Seite des Buches enth\u00e4lt die Moral (heute w\u00fcrde man wohl sagen: \u201edie Wendung\u201d): An dem Tag, an dem Paul get\u00f6tet wird, steht im Tagesbericht des Generalstabs nur: \u201eIm Westen nichts Neues.\u201c<\/p>\n<p>Leider h\u00f6rt der Film nach dieser brillanten Einleitung nicht auf. Er geht noch zweieinhalb Stunden weiter. Die spektakul\u00e4re Inszenierung f\u00e4ngt die Schrecken des Krieges mit \u00fcberw\u00e4ltigender Gewalt und auch kleinen Details ein: Wenn ein schlammbedeckter Soldat in eine Pf\u00fctze tritt, ist das aufspritzende Wasser dunkelrot und verr\u00e4t, dass es sich um Blutlachen handelt. Der sehr moderne Soundtrack beschw\u00f6rt das Grauen herauf. Und Albrecht Schuch ist der beste deutsche Schauspieler.<\/p>\n<p>Obwohl viele der Figuren dieselben wie im Roman sind \u2013 wir treffen Paul, Frantz, Kat, Tjaden und so weiter \u2013 haben die Filmemacher beschlossen, die Geschichte zu \u201everbessern\u201c und sie bis zur Unkenntlichkeit zu ver\u00e4ndern. Wir sollen den Krieg aus der Perspektive der einzelnen Soldaten sehen. All ihr Leid ist \u201enichts Neues\u201c. Aber der Film spielt in den letzten Tagen des Krieges, und die Schlachtszenen werden mit den Waffenstillstandsverhandlungen vermischt. In den Szenen der hohen Politik kommen sowohl echte historische Figuren wie der konservative Politiker Matthias Erzberger als auch fiktive zusammengesetzte Figuren wie der General Friedrich vor.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich sollte damit ein historischer Kontext f\u00fcr ein Publikum geschaffen werden, das sich im Gegensatz zu Remarques Leser:innen nicht mehr so gut an die Ereignisse von 1918 erinnern wird. Aber durch diese \u00c4nderung sind Pauls M\u00fchen nicht mehr in der endlosen Plackerei der Grabenk\u00e4mpfe angesiedelt. Nein, die Geschichte spielt jetzt im folgenreichsten Moment des Krieges.<\/p>\n<p>Wie ist der Erste Weltkrieg zu Ende gegangen? Netflix m\u00f6chte uns glauben machen, dass dies dank der Tapferkeit von Konservativen wie Erzberger geschah, der die Gener\u00e4le anflehte, das Gemetzel zu beenden: \u201e\u00dcber 40.000 Tote allein in den letzten Wochen\u201d, verk\u00fcndet er seufzend. In Wirklichkeit aber war Erzberger jahrelang ein begeisterter Bef\u00fcrworter des Gemetzels \u2013 er setzte sich pers\u00f6nlich f\u00fcr die deutschen Annexionen ein. Erst 1917, nachdem die USA in den Krieg eingetreten waren, erkannte er, dass Deutschland keine Chance auf einen Sieg hatte. Mit anderen Worten: Erzberger war einfach ein pragmatischer Imperialist und Chauvinist. Er war f\u00fcr Massenschlachten, solange es eine realistische M\u00f6glichkeit gab, dass das deutsche Kapital davon profitieren w\u00fcrde \u2013 und er wollte Frieden, sobald sich das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis gegen seine Seite wandte. Kein Wunder, dass die liberalen B\u00fcrgerlichen von heute ihn lieben.<\/p>\n<p>In diesem Film wird nicht erw\u00e4hnt, was den Krieg tats\u00e4chlich beendete: die Novemberrevolution. Eine massive Arbeiter:innenrevolution begann mit einem Matrosenaufstand am 4. November 1918 und breitete sich schnell \u00fcber ganz Deutschland aus. In diesem Film wird kurz erw\u00e4hnt, dass der Kaiser abdankte, aber es wird nicht erkl\u00e4rt, was Wilhelm II. dazu veranlasste. Am 9. November wurde das kaiserliche Palais in Berlin w\u00e4hrend eines Generalstreiks und Aufstands von Hunderttausenden von Arbeiter:innen umstellt. Der revolution\u00e4re Eifer ersch\u00fctterte die gesamte Armee und Marine. Der stundenlange Film verweist darauf in einer einzigen Zeile \u00fcber \u201eSoldaten, die sich weigern, Befehle zu befolgen.\u201c<\/p>\n<p>Das neue Ende der Geschichte ist bizarr. Stunden bevor der Waffenstillstand in Kraft tritt, befiehlt General Friedrich dem Soldaten Paul und seinem Regiment, die franz\u00f6sischen Linien anzugreifen. Dies ist ein Fall von gef\u00e4hrlichem Halbwissen: Ein Netflix-Autor muss von einer echten historischen Begebenheit geh\u00f6rt haben, ohne sie ganz zu verstehen. Als Ende Oktober 1918 das Kriegsende in Sicht war, befahl das Oberkommando der deutschen Marine rund 80.000 Matrosen, zu einer letzten \u2013 und aussichtslosen \u2013 Schlacht gegen die britische Flotte in See zu stechen. Was dann geschah, ist entscheidend: Die Matrosen weigerten sich. Sie verhafteten ihre Offiziere und hissten rote Flaggen auf ihren Schiffen. Dieses Ereignis, das als Kieler Matrosenmeuterei bekannt wurde, war der Beginn der Revolution.<\/p>\n<p>Die Offiziere wussten sehr wohl von der Kriegsm\u00fcdigkeit. Im Film erfahren wir, dass der Chef des Oberkommandos des deutschen Heeres, Paul von Hindenburg, Erzberger dr\u00e4ngte, die Kapitulation zu unterzeichnen. Aber warum? Der Film bietet keine Erkl\u00e4rung. In seinen Memoiren erinnert sich Hindenburg daran, dass ihm Ende September gesagt wurde, dass in Deutschland \u201edie Revolution vor der T\u00fcr steht\u201c, wenn der Krieg weitergeht.<\/p>\n<p>Wenn wir uns eine Situation vorstellen, wie sie der Film am Ende darstellt, in der Paul und seine Kameraden in den letzten Minuten des Krieges zu einem selbstm\u00f6rderischen und sinnlosen Angriff gezwungen werden, k\u00f6nnen wir ziemlich sicher sein, was passiert w\u00e4re. Die Soldaten h\u00e4tten ihre Waffen genommen und den General erschossen, bevor sie sich auf den Heimweg gemacht h\u00e4tten, um f\u00fcr eine Revolution zu k\u00e4mpfen und die Verantwortlichen f\u00fcr dieses unvorstellbare Gemetzel loszuwerden. Stattdessen will Regisseur Edward Berger uns glauben machen, dass Paul auf Kommando weiter morden w\u00fcrde \u2013 der Krieg hat ihn offenbar in einen m\u00f6rderischen Psychopathen verwandelt, der zu nichts anderem mehr f\u00e4hig ist als zu Angriffen auf franz\u00f6sische Soldaten. W\u00e4hrend der Roman wollte, dass wir uns in seinen Jedermann-Helden einf\u00fchlen, macht der Schluss des Films dies unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>In einer Zeit, in der die Grabenk\u00e4mpfe nach Europa zur\u00fcckgekehrt sind, ist \u201eIm Westen nichts Neues\u201c so aktuell wie schon lange nicht mehr. Aber die Pointe des Buches ist, dass Soldaten keine hirnlosen Automaten sind, die dazu verdammt sind, zu leiden, zu t\u00f6ten und zu sterben, bis liberale oder konservative Politiker:innen den Tag retten. Das Gegenteil ist der Fall: Soldat:innen und die Arbeiter:innenklasse im Allgemeinen k\u00f6nnen das kapitalistische Gemetzel beenden und eine neue Welt schaffen. Ich lese gerade die hervorragende Autobiographie von Fritz Zikelsky, der im Ersten Weltkrieg zur deutschen Armee eingezogen wurde. Er beschreibt die gleichen Schrecken \u2013 aber auch, wie sich die Truppen zunehmend gegen ihre Offiziere wehrten, bis sie sie schlie\u00dflich entwaffneten. Diese Art von realer Geschichte ist das, was wir auf der Kinoleinwand brauchen. Aber ich w\u00fcrde das nicht von Netflix erwarten.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/die-verwandlung-des-groessten-antikriegsromans-aller-zeiten-in-buergerliche-propaganda\/\"><em>klassegegenklasse.org,,,<\/em><\/a><em> vom 26. M\u00e4rz 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nathaniel Flakin. \u201eIm Westen nichts Neues\u201d wurde mit vier Oscars ausgezeichnet, und es ist nicht schwer zu verstehen, warum. Die Inszenierung \u2013 die die Schrecken des Ersten Weltkriegs zeigt \u2013 ist spektakul\u00e4r. 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