{"id":12846,"date":"2023-03-30T09:24:12","date_gmt":"2023-03-30T07:24:12","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12846"},"modified":"2023-03-30T09:24:13","modified_gmt":"2023-03-30T07:24:13","slug":"die-grosse-mehrheit-im-donbass-wartet-fuer-ihre-befreiung-auf-die-russen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12846","title":{"rendered":"<strong>Die grosse Mehrheit im Donbass wartet f\u00fcr ihre Befreiung auf die Russen<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Florian R\u00f6tzer. <\/em><strong>Gespr\u00e4ch mit Ulrich Heyden \u00fcber die fehlende Berichterstattung von beiden Seiten, das Leben im Donbass und Gewalt gegen Zivilisten. <\/strong><a href=\"https:\/\/ulrich-heyden.de\/\"><strong>Ulrich Heyden<\/strong><\/a><strong> lebt in Moskau und berichtet seit 1992 aus Russland. Er hat mehrmals die \u201eVolksrepubliken\u201c Donezk und Lugansk besucht, zuletzt im M\u00e4rz 2022 (<\/strong><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/krass-konkret\/zu-besuch-in-den-volksrepubliken-donezk-und-lugansk-im-krieg\/\"><strong>Zu Besuch in den \u201eVolksrepubliken\u201c Donezk und Lugansk im Krieg<\/strong><\/a><strong>). Zu dieser<\/strong><!--more--> <strong>Zeit erschien sein Buch <\/strong><a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/politik\/aussenpolitik\/der-laengste-krieg-in-europa-seit-1945.html?listtype=search&amp;searchparam=der%20l%C3%A4ngste%20krieg%20in%20Europa%20seit%201945\"><strong>\u201eDer l\u00e4ngste Krieg in Europa seit 1945\u201c<\/strong><\/a><strong> \u00fcber den Krieg im Donbass seit 2014.\u00a0 Die <\/strong><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/buchempfehlungen\/der-laengste-krieg-in-europa-seit-1945\/\"><strong>Einleitung<\/strong><\/a><strong> haben wir auf Overton ver\u00f6ffentlicht. 2016 erhielt Heyden nach der Landung in Odessa ein Einreiseverbot f\u00fcr die Ukraine. Er vermutet, dass das eine Reaktion auf seinen Film \u00fcber das Odessa-Massaker und die kritische Berichterstattung \u00fcber die Regierung gewesen sein k\u00f6nnte, das Ausw\u00e4rtige Amt holte die Begr\u00fcndung ein: \u201eDie R\u00fcckweisung wird damit begr\u00fcndet, dass Sie nach ukrainischen Angaben im Juni 2015 \u00fcber die nicht von der UKR kontrollierte russisch-ukrainische Grenze in die besetzten Gebiete des Donezker Oblast eingereist seien. Dies stelle einen Versto\u00df gegen die ukrainischen Gesetze dar.\u201c<\/strong><\/p>\n<p><em>Wir wollten heute \u00fcber die Berichterstattung aus der Ukraine sprechen. Es gibt ja ein geteiltes Bild. Die einen h\u00f6ren nur das, was aus der von Kiew kontrollierten Ukraine kommt, und die anderen eigentlich nur das, was aus der russisch kontrollierten Ukraine kommt. Warum gibt es eigentlich keine Berichterstattung aus beiden Teilen? Warum l\u00e4sst beispielsweise kein deutscher Sender einen Korrespondenten aus Donezk und einen aus Kiew berichten?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ulrich Heyden: <\/strong>Das geht nicht. Ich habe gerade erst wieder erfahren, dass die Moskauer Korrespondenten, die 2014 noch nach Donezk fahren konnten, laut ukrainischer Anweisung \u00fcber ukrainisches kontrolliertes Gebiet nach Donezk m\u00fcssten, also praktisch durch die Front. Das ist nat\u00fcrlich jetzt, seitdem die Spezialoperation l\u00e4uft, noch gef\u00e4hrlicher als vorher. Vorher war es aber auch schon gef\u00e4hrlich, weswegen ich es zum Beispiel nicht gemacht habe. Allerdings waren das ZDF und die ARD mit Korrespondenten noch 2018 zu den Wahlen in Lugansk und Donezk. Das hat mich schon sehr gewundert. Ich dachte, das ist doch irgendwie ein positives Zeichen. Aber das war leider nur eine Ausnahme. Das ZDF berichtete relativ fair. Aber danach herrschte wieder totales Schweigen.<\/p>\n<p>Ich habe noch nie einen deutschen Journalisten aus dem Mainstream geh\u00f6rt, der das einmal problematisiert hat. Es ist doch ein ethisches Problem f\u00fcr einen Journalisten, wenn man \u00fcber einen Krieg nur von der einen Seite berichtet, w\u00e4hrend alle anderen, die von dort auf eigene Faust und finanziert durch Spenden berichten, l\u00e4cherlich gemacht werden.<\/p>\n<p><em>K\u00f6nnte man von den \u201eVolksrepubliken\u201c im Donbass aus in die Ukraine zu fahren. W\u00e4re es dir m\u00f6glich?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ulrich Heyden: <\/strong>Ich glaube, dass es heute nicht m\u00f6glich ist. Es gibt zwischen Russland und der Ukraine \u2013 so weit ich wei\u00df \u2013 keine Verkehrsverbindungen mehr. Letztes Jahr traf ich auf einer Tankstelle im Moskauer Umland eine Gruppen von Fl\u00fcchtlingen aus dem jetzt von Russland eroberten Gebiet Cherson. Die hatte der Krieg nach Russland verschlagen. Sie mussten, um ihre Verwandten in der Ukraine zu besuchen, nach Polen und von dort in die Ukraine fahren. Um in die Ukraine zu kommen, m\u00fcsste ich \u00fcber ein drittes Land fliegen.<\/p>\n<p>Wenn ich von den \u201eVolksrepubliken\u201c in die Ukraine fahre, w\u00e4re das f\u00fcr mich genauso ein Sicherheitsproblem, weil ich durch die Front kommen m\u00fcsste und zuf\u00e4lligem oder gezieltem Beschuss ausgesetzt w\u00e4re. Und ich m\u00fcsste damit rechnen, sofort auf der ukrainischen Seite von den Sicherheitskr\u00e4ften der Ukraine zur Rede gestellt werden, wieso ich nicht direkt \u00fcber Russland in die Ukraine gekommen bin, sondern \u00fcber die Volksrepubliken, also \u00fcber die Gebiete, die aus ukrainischer Sicht illegal annektiert wurden. Ich m\u00fcsste mit Strafma\u00dfnahmen der ukrainischen Seite rechnen. Da ich schon ein f\u00fcnfj\u00e4hriges Einreiseverbot hatte und kritisch \u00fcber die ukrainische Regierung berichte, w\u00fcrde man mich sicher besonders streng behandeln.<\/p>\n<p>Das ZDF oder die ARD k\u00f6nnten aber auch, wenn sie niemand in die \u201eVolksrepubliken\u201c schicken wollen, zum Beispiel Vertreter dieser Republiken interviewen und alle m\u00f6glichen kritische Fragen stellen, wenn diese in Moskau sind. In Rostow am Don k\u00f6nnten sie Menschen interviewen, die aus den Republiken kommen, weil sie sich P\u00e4sse oder medizinische Versorgung holen. Tausende Ukrainer leben noch in Fl\u00fcchtlingslagern in Russland. Hier k\u00f6nnte man auch recherchieren und mit den Leuten sprechen. Dann m\u00fcsste man sich mit den Autorit\u00e4ten absprechen, weil die Lager bewacht sind.<\/p>\n<p>Das gesamte Thema Ukraine ist ja ein Sicherheitsproblem. Es gab Anschl\u00e4ge von in Russland operierenden \u201eFreunden der Ukraine\u201c auf Personen, die publizistisch als Anh\u00e4nger der \u201erussischen Welt\u201c auftreten und die Volksrepubliken medial unterst\u00fctzen.\u00a0 Darja Dugina, die Tochter des Eurasiers Aleksandr Dugin, wurde im August 2022 nicht weit von Moskau mit einer Autobombe get\u00f6tet. Anfang M\u00e4rz 2023 wurde unter dem Auto von Konstantin Malofejew dem Chef von Zargrad \u2013 einem russisch-patriotischen Internetportal \u2013 eine Bombe gefunden. Russische Sicherheitskreise meinten, es sei ein Anschlagsversuch ukrainischer Terroristen.<\/p>\n<p><em>Sind denn jetzt noch russische Journalisten in der Ukraine?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ulrich Heyden: <\/strong>Bis zur Spezialoperationen gab es ab und zu Berichte aus der Ukraine, aber seitdem die russischen Truppen einmarschiert sind, habe ich keine Berichte russischer Journalisten mehr aus der Ukraine gesehen oder gelesen. Das ist auch f\u00fcr mich v\u00f6llig nachvollziehbar, weil nat\u00fcrlich die Emotionen und Vorw\u00fcrfe gegenseitig so hoch sind, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie ein russischer Journalist sicheren Fu\u00dfes durch die Ukraine gehen k\u00f6nnte. Wenn man auf die harten Nationalisten st\u00f6\u00dft und du dich nicht auf ihre Seite stellst, dann bist du Putins Freund und wirst f\u00fcr die Invasion verantwortlich gemacht. Da muss man um sein Leben f\u00fcrchten.<\/p>\n<p><em>Im Westen wird \u00fcber den Beschuss von zivilen Zielen in der von Kiew kontrollierten Ukraine berichtet, aber fast nie \u00fcber den Beschuss des separatistischen\u00a0 Donbass von ukrainischen Truppen, wo auch fast t\u00e4glich Zivilisten get\u00f6tet oder verletzt werden. Das wird in den russischen Medien nat\u00fcrlich berichtet, aber nicht, dass zivile Ziele in der Ukraine von russischen Raketen getroffen werden und Zivilisten get\u00f6tet werden. Wie erkl\u00e4rt sich das eigentlich?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ulrich Heyden: <\/strong>Es wird praktisch immer gesagt, dass bestimmte Infrastrukturziele getroffen werden. Zum Beispiel gab es heute in der Nacht vom achten auf den neunten M\u00e4rz einen massiven Beschuss mit Raketen. Da hei\u00dft es immer, dass stromerzeugende Anlagen, milit\u00e4rische Sammelpunkte, milit\u00e4rische Hauptquartiere, R\u00fcstungsproduktion, Nachschubwege aus Europa oder andere milit\u00e4rischen Ziele bombardiert werden. Ich glaube, dass die Russen tats\u00e4chlich auf milit\u00e4rische Ziele zielen, aber dass dabei auch immer wieder etwas daneben gehen kann.<\/p>\n<p>Die Russen\u00a0 haben in den letzten Monaten, wenn ein gro\u00dfes Wohnhaus getroffen wurde, h\u00e4ufig darauf verwiesen, dass die Rakete von der ukrainischen Luftabwehr abgeschossen wurde und Teile der abgeschossenen Rakete die H\u00e4user zerst\u00f6rt haben. Das habe ich auch selber erlebt. Kurz bevor ich im M\u00e4rz 2022 in Donezk war, hatte es in der Innenstadt auch einen so tragischen Fall gegeben, als die Luftabwehr von Donezk eine ukrainische Rakete abgeschossen hatte. 16 Zivilisten sind von herunterfallenden Teilen auf der Stra\u00dfe get\u00f6tet worden.<\/p>\n<p><em>Wenn \u00fcber einen Beschuss von russischer Seite berichtet wird, sieht man oft Bilder von ganz harmlos aussehenden Geh\u00f6ften, wo man sich nicht vorstellen kann, dass sie milit\u00e4risch genutzt werden. Aber ich bin nicht vor Ort. Ich habe auch nicht die Kapazit\u00e4ten, jeden einzelnen Beschuss zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Ulrich Heyden: <\/strong>Das ist auch nicht m\u00f6glich, das k\u00f6nnten nur Journalisten, die das Vertrauen einer der beiden Armeen haben, um zu recherchieren. Selbst wenn man das Vertrauen hat, ist es noch nicht gesagt, dass sie erlauben, das auch zu berichten. Keine Armee m\u00f6chte nat\u00fcrlich, dass ein Fehler an die gro\u00dfe Glocke geh\u00e4ngt wird. Also man soll nicht so tun, als ob man aus dieser Situation neutral berichten kann. Was man aber von einem Journalisten erwarten kann, dass er \u00f6ffentlich sagt, wenn er zum Beispiel mit Milit\u00e4rs zu einem Ort f\u00e4hrt. Es ist dann f\u00fcr den Leser klar, dass es da bestimmte Beschr\u00e4nkungen gibt.<\/p>\n<p><em>Du warst schon vor dem Krieg ab Februar 2022 \u00f6fter einmal im Donbass und hast dort recherchiert. Der Krieg findet ja eigentlich seit 2014 statt. Das sagt jede Seite. Get\u00f6tet wurden auf beiden Seiten 14.000 Ukrainer. Wurden denn von beiden Seiten gezielt zivile Ziele beschossen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ulrich Heyden: <\/strong>In den letzten neun Jahren war ich immer nur auf der Seite der \u201eVolksrepubliken\u201c. Und da haben die Leute sich immer beschwert, dass sie wegen des Minsker Abkommens nicht zur\u00fcckschie\u00dfen d\u00fcrfen. Das m\u00fcssten sie einhalten. Aber sie haben dann wohl doch manchmal zur\u00fcckgeschossen Es ergibt f\u00fcr mich auch keinen Sinn, zivile Objekte zu beschie\u00dfen. F\u00fcr die ukrainische Seite allerdings schon. Selenskij hat beispielsweise 2021 in einer Fernsehansprache gesagt, wer sich Russland zugeh\u00f6rig f\u00fchlt oder mit Russland sympathisiert, der soll doch bitte nach Russland gehen. Nach meinem Eindruck wurden in den letzten Jahren von der ukrainischen Armee und den rechtsradikalen Bataillonen, insbesondere im letzten Jahr, vermehrt gezielt Krankenh\u00e4user, Kinderg\u00e4rten und Schulen beschossen. Die zerst\u00f6rten Geb\u00e4ude habe ich auch teilweise selber besucht. Das ist nat\u00fcrlich eine Zerm\u00fcrbungstaktik, die dazu f\u00fchren soll, dass die Leute es einfach nicht mehr aushalten, da zu leben. Von den eine Million Einwohnern von Donezk hat bestimmt die H\u00e4lfte die Stadt verlassen. Vielleicht sind jetzt wieder welche zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n<p><em>Es war bzw. ist\u00a0 auch ein explizites Ziel der russischen \u201eSpezialoperation\u201c, diesen Beschuss zu beenden.<\/em><\/p>\n<p><strong>Ulrich Heyden: <\/strong>F\u00fcr Lugansk ist das gelungen, f\u00fcr Donezk nicht. Die ukrainischen Truppen haben sich zehn Kilometer von der Stadtgrenze entfernt gut eingebunkert. Es ist einfach schrecklich, in Donezk zu sein, auch als Journalist. Man muss wirklich harte Nerven haben, weil man praktisch wie auf dem Pr\u00e4sentierteller ist. Es gibt keine Regel, wann der Beschuss erfolgt. Manchmal schie\u00dfen sie mehrere Mal am Tag, manchmal\u00a0 einen halben Tag gar nicht. Oder sogar zwei Tage nicht. Und dann geht es auf einmal wieder los, auch in verschiedensten Gebieten der Stadt, vor allen Dingen im Nordwesten, wo es ganz schlimm ist. Au\u00dferdem gibt es auch diese kleinen Minen, die von Kassetten ausgeworfen werden und teilweise von den\u00a0 D\u00e4chern herunterfallen. Ein mir bekannter russischer Journalist hat einige Zehen durch eine solche kleine Mine verloren, die man kaum erkennen kann. Also diese ganze Atmosph\u00e4re ist einfach furchtbar.<\/p>\n<p>Als ich letztes Jahr da war, und so ist es bis heute, waren die Kinderg\u00e4rten und Schulen geschlossen. Die Eltern m\u00fcssen das Kinderprogramm zu Hause machen, f\u00fcr die Sch\u00fcler gibt es Homeschooling. Das ist schon hart und f\u00fcr mich war es auch eine harte Tour. Neben unserem Hotel wurde zum Beispiel der Amtssitz von Puschilin bombardiert. Alle im Hotel rannten in den Keller. Als wir wieder auf die Stra\u00dfe traten, stand das Geb\u00e4ude im Rauch und der obere Teil war zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p><em>Eigentlich m\u00fcsste man ja korrekterweise sagen, dass auch Ukrainer gegen Ukrainer k\u00e4mpfen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ulrich Heyden: <\/strong>Der Donbass ist eine multinationale Region. Durch die Industrialisierung wurden viele verschiedene Menschen aus der gesamten Sowjetunion angezogen: Tataren, Griechen, Moldawier, Russen, Ukrainer \u2026 Russisch wurde da vielleicht zur Lingua franca, also zu der Sprache, in der sich alle verst\u00e4ndigen konnten. Als ich 2020\u00a0 in Lugansk war, hat mir ein Vertreter des Au\u00dfenministeriums gesagt: Wir sind eigentlich die richtige Ukraine. Ich habe in den Volksrepubliken Lugansk und Donezk keinen Hass auf die Ukraine gesp\u00fcrt. Sp\u00e4ter schon gegen Poroschenko und die rechten Bataillone. Als es das Referendum gab, waren die Leute froh, weil sie praktisch das Gef\u00fchl hatten, dass sie darauf lange gewartet haben. Sie haben sich soziale Sicherheit, die Einbindung in das russische Sozialsystem und \u00fcberhaupt mehr Lebensqualit\u00e4t erhofft. Aber was wolltest du mit deiner Frage ansprechen?<\/p>\n<p><em>Es hei\u00dft ja immer, dass die Russen gegen die Ukrainer k\u00e4mpfen, die versuchen, die besetzten Gebiete wieder von den Russen zu befreien. Allerdings k\u00e4mpfen doch unter russischer F\u00fchrung vermutlich auch viele Milizen mit Menschen aus dem Donbass, die ja Ukrainer sind.<\/em><\/p>\n<p><strong>Ulrich Heyden: <\/strong>Ja, alle haben den ukrainischen Pass gehabt und haben ihn vielleicht immer noch. Schon 2022 hatten mehr als 600.000 Menschen in den Volksrepubliken russische P\u00e4sse. Wenn man nach der nationalen, also nach der ethnischen Zugeh\u00f6rigkeit fragt, dann sind unter den Leuten, die jetzt dort leben, viele Ukrainer, die immer noch in den Volksrepubliken leben. Jetzt von einem Krieg der Ukraine gegen Russland zu sprechen, ist einfach verk\u00fcrzt. Auch die von Kiew kontrollierte Ukraine besteht ja auch aus verschiedenen Nationalit\u00e4ten. Da gibt es Ungarn, Rum\u00e4nen, Moldauer, Bulgaren, Polen oder Belarussen. Die Ukraine ist fast so ein gro\u00dfer Vielv\u00f6lkerstaat wie Russland selbst mit seinen 150 Nationalit\u00e4ten. Aber in der so zugespitzten Kriegsdebatte werden solche wichtigen Details \u00fcberhaupt nicht mehr erw\u00e4hnt. Leider Gottes.<\/p>\n<p><em>Jetzt sagt man in Kiew, man m\u00fcsse die Menschen in den russisch besetzten Gebieten befreien. Die Menschen dort w\u00fcrden get\u00f6tet, vergewaltigt und gefoltert. Das sagen etwa auch immer die deutschen Regierungsvertreter, die deswegen auch die Waffenlieferungen und den Krieg bis zum Sieg unterst\u00fctzen. Wie sieht man denn das auf der anderen Seite? W\u00fcnscht sich die Mehrheit eine Befreiung durch die ukrainischen Truppen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ulrich Heyden: <\/strong>Also ich habe im letzten Jahr, als ich dreimal dort war, nat\u00fcrlich einige Leute getroffen, die einfach unzufrieden waren mit den Volksrepubliken und auch mit Russland. Aber die gro\u00dfe Mehrheit war froh, dass man sich jetzt mit Russland zusammenschlie\u00dft. Und dies aus verschiedensten Gr\u00fcnden, vor allem aus der Kriegserfahrung, dass die Ukraine die Menschen dort nicht sch\u00e4tzt, weil sie diese beschie\u00dft oder\u00a0 ihnen keine sozialen Leistungen zahlt bzw. sie diese nur unter gro\u00dfen M\u00fchen erhalten. Die Sozialleistungen f\u00fcr Rentner zum Beispiel mussten sich diese im von Kiew kontrollierten Gebiet abholen. Da hat sich einfach viel Hass auch angestaut.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde sagen, dass es nur eine kleine Minderheit ist, die befreit werden will. Es gibt nat\u00fcrlich Jugendliche, die aus einem Kriegsgebiet weg wollen, in dem sie sich nicht entwickeln k\u00f6nnen, weil das zu angespannt ist. Oder Menschen, die Verwandte oder Freunde in Kiew haben. Aber das sollte man nicht zu stark politisch bewerten. Allgemein gab es eine gro\u00dfe Sehnsucht nach Russland. Russland wurde gelobt, weil die Stra\u00dfen neu gebaut werden, man erhoffte sich bessere medizinische und soziale Versorgung von Russland. Das ist vor allem bei der \u00e4lteren Generation so, aber auch in der Jugend. Die jungen Leute k\u00f6nnen nat\u00fcrlich jetzt auch russische Universit\u00e4ten besuchen, sie sind ja jetzt in den Gebieten, die sich mit Russland vereint haben, russische Staatsb\u00fcrger.<\/p>\n<p>Aber die \u00dcbergangsphase ist kompliziert. Zum Beispiel hat die Lugansker Volksrepublik ein Strafrecht, das sich sehr stark an das russische angelehnt hat, w\u00e4hrend die Donezker Volksrepublik, als sie sich von der Ukraine abgespalten hat, das Strafrecht der Russischen Sozialistischen Republik aus den 1960er Jahren \u00fcbernommen hat. Da ist die Todesstrafe noch vorgesehen und die humanit\u00e4re Erneuerung, die es schon l\u00e4ngst in Russland gegeben hat, noch nicht vollzogen, beispielsweise dass man von der Unschuld ausgeht und der Staat beweisen muss, dass eine Person schuldig ist. Die russischen Medien haben auch dar\u00fcber berichtet, dass es im Strafrecht sehr gro\u00dfe Unterschiede gibt.<\/p>\n<p><em>Was ist beispielsweise mit den Vorw\u00fcrfen der Vergewaltigung?<\/em><\/p>\n<p><strong>Ulrich Heyden: <\/strong>Der Vorwurf der Vergewaltigung ist ein schwieriges Thema. Ich habe mich ein bisschen damit besch\u00e4ftigt, weil das ein Hauptvorwurf der westlichen Medien ist. Russische Soldaten sollen angeblich auf Kommando ihrer Vorgesetzten Frauen vergewaltigen, um die Bev\u00f6lkerung einzusch\u00fcchtern. Das ist freundlich ausgedr\u00fcckt nicht belegt. Man kann meiner Meinung nach nicht ausschlie\u00dfen, dass russische Soldaten Vergewaltigungen begangen haben, die Vereinten Nationen haben von einigen F\u00e4llen gesprochen. So etwas gibt es in allen Kriegen. Aber es wird auch viel \u00fcbertrieben. So gab es neulich diesen Skandal mit Pramila Patton, der UN-Sonderbeauftragten f\u00fcr sexualisierte Gewalt in Konflikten. Sie hatte im Oktober letzten Jahres gesagt, die russische Armee w\u00fcrde gezielt vergewaltigen. Im Februar 2023 wurde sie von den zwei russischen Prankstern Vovan and Lexus hereingelegt und interviewt. Hier sagte sie, sie h\u00e4tte f\u00fcr die Behauptung, dass die russische Armee Soldaten zur Vergewaltigung aufruft, keine Beweise. Sie k\u00f6nne das auch nicht untersuchen, sie habe nur Berichte geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Jetzt hat die ukrainische Staatsanwaltschaft 150 F\u00e4lle gelistet und die Europ\u00e4ische Kommission zum Internationalen Frauentag Sanktionen gegen eine Reihe von Menschen verh\u00e4ngt, die sich der Gewalt gegen Frauen schuldig gemacht haben, darunter vier Russen, zwei Polizeioffiziere aus Moskau, die angeblich oppositionelle Frauen im Gef\u00e4ngnis bedroht oder sogar geschlagen haben sollen, und zwei russische Kommandeure, in deren Einheiten Soldaten waren, die angeblich vergewaltigt haben. Aber in den seltensten F\u00e4llen kommen die Opfer zu Wort. Man sieht ab und zu ein Vergewaltigungsopfer aus der Ukraine im deutschen Fernsehen, aber meistens sind es Funktion\u00e4re und Politiker, die dar\u00fcber sprechen. Es fehlen die Listen mit Namen, Orten und konkreten Fakten, die nicht vorgelegt werden.<\/p>\n<p><em>Es gibt allerdings schon <\/em><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=OsSXaDGFWBI\"><em>Berichte<\/em><\/a><em>, in denen Frauen zu Wort kommen, denen Gewalt angetan wurde. Man will nat\u00fcrlich auch vermeiden, dass die Frauen noch einmal vorgef\u00fchrt werden, viele wollen dar\u00fcber in der \u00d6ffentlichkeit nicht sprechen \u2026<\/em><\/p>\n<p><em>#Bild: Ulrich Heyden vor dem Krankenhaus in Wolnowacha am 26. M\u00e4rz 2022. Foto privat <\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/nur-eine-kleine-minderheit-im-donbass-will-befreit-werden\/\"><em>overton-magazin.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. M\u00e4rz 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Florian R\u00f6tzer. Gespr\u00e4ch mit Ulrich Heyden \u00fcber die fehlende Berichterstattung von beiden Seiten, das Leben im Donbass und Gewalt gegen Zivilisten. 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