{"id":1288,"date":"2016-06-23T08:16:17","date_gmt":"2016-06-23T06:16:17","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1288"},"modified":"2016-06-23T08:16:17","modified_gmt":"2016-06-23T06:16:17","slug":"75-jahre-seit-dem-nazi-ueberfall-auf-die-sowjetunion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1288","title":{"rendered":"75 Jahre seit dem Nazi-\u00dcberfall auf die Sowjetunion"},"content":{"rendered":"<p><em>Barry Grey. <\/em>Heute vor 75 Jahren, am fr\u00fchen Morgen des 22. Juni 1941, startete Nazi-Deutschland das \u201eUnternehmen Barbarossa\u201c, eine umfassende, nicht angek\u00fcndigte Invasion der Sowjetunion. Im Verlauf der Operation<!--more--> griffen etwa vier Millionen Soldaten der Achsenm\u00e4chte die UdSSR auf einer L\u00e4nge von 2900 Kilometern an. Das war die gr\u00f6\u00dfte Invasionsarmee der Kriegsgeschichte.<\/p>\n<p>Die deutsche Regierung hatte das Unternehmen Barbarossa ausdr\u00fccklich als Vernichtungskrieg geplant. Sein Ziel war nicht einfach die Eroberung des Territoriums und die Inbesitznahme menschlicher und nat\u00fcrlicher Reicht\u00fcmer, sondern die physische Vernichtung der Sowjetunion und das Ausrotten s\u00e4mtlicher Spuren der Russischen Revolution von 1917.<\/p>\n<p>Der Krieg gegen die Sowjetunion brachte das historische und politische Wesen des Nazi-Regimes an den Tag. Die deutsche Bourgeoisie hatte es an die Macht gebracht, um die Arbeiterbewegung zu zerst\u00f6ren und die Gefahr der sozialistischen Revolution ein f\u00fcr alle Mal aus der Welt zu schaffen. Aber in einem tieferen Sinn dr\u00fcckte der Krieg gegen die Sowjetunion die Reaktion des Weltimperialismus und der internationalen Kapitalistenklasse auf die Krise ihres Systems und auf das Erstarken des revolution\u00e4ren Marxismus aus.<\/p>\n<p>Es ist bekannt, dass die westlichen imperialistischen M\u00e4chte und kapitalistischen Regierungen in den Jahren vor der deutschen Invasion das despotische Hitler-Regime mit Wohlwollen betrachteten und hofften, es werde zumindest anf\u00e4nglich seine Milit\u00e4rmacht gen Osten richten und als Waffe f\u00fcr die Zerst\u00f6rung der UdSSR dienen.<\/p>\n<p>In seinem 2011 erschienenen Buch \u201eOstkrieg. Hitlers Vernichtungskrieg im Osten\u201c fasste der Historiker Stephen G. Fritz die Motive der Nazis f\u00fcr die Invasion folgenderma\u00dfen zusammen:<\/p>\n<p>\u201eIm Gegensatz zur Ansicht vieler Experten im Westen war der Krieg im Osten kein Fehler Hitlers. F\u00fcr ihn war der Krieg gegen die Sowjetunion immer der \u201arichtig Krieg\u2018, weil f\u00fcr ihn Deutschlands Schicksal vom \u201aLebensraum im Osten\u2018 und von der L\u00f6sung der \u201aJudenfrage\u2018 abhing. Beide Themen waren nicht von der Zerst\u00f6rung der Sowjetunion zu trennen. Welches dieser Ziele war das wichtigere? Von Hitlers Standpunkt aus war es m\u00fc\u00dfig, einem der beiden den Vorrang zu geben oder sie voneinander zu trennen. F\u00fcr ihn waren der Krieg gegen den \u201aj\u00fcdischen Bolschewismus\u2018 und der \u201aKrieg f\u00fcr Lebensraum\u2018 ein und dasselbe.\u201c [aus dem Englischen]<\/p>\n<p>Dieses politische und historische Ziel bestimmte den Charakter des deutschen Kriegs im Osten und die Methoden, die dabei zum Einsatz kamen. Von Anbeginn und mit voller Absicht entfesselte die deutsche Wehrmacht eine Brutalit\u00e4t, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. Bis zu drei Millionen Russen, haupts\u00e4chlich Zivilisten, wurden in den ersten drei Monaten der Invasion get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Der \u201eGeneralplan Ost\u201c, der 1940 beschlossen wurde, beinhaltete einen \u201eHungerplan\u201d, der im Westen und Nordwesten Russlands die absichtliche, gezielte Ermordung von drei\u00dfig Millionen Menschen, d.h. von achtzehn Prozent der Sowjetbev\u00f6lkerung, durch Verhungern vorsah.<\/p>\n<p>Auf Befehl Hitlers und des Generalstabs wurden alle Grundprinzipien des internationalen Kriegs- und V\u00f6lkerrechts au\u00dfer Kraft gesetzt. Der schon vor der Invasion erlassene \u201eKommissarsbefehl\u201c verf\u00fcgte: \u201eIn diesem Kampf ist Schonung und v\u00f6lkerrechtliche R\u00fccksichtnahme diesen Elementen gegen\u00fcber falsch \u2026 Die Urheber barbarisch asiatischer Kampfmethoden sind die politischen Kommissare \u2026 Sie sind daher, wenn im Kampf oder Widerstand ergriffen, grunds\u00e4tzlich sofort mit der Waffe zu erledigen.\u201c<\/p>\n<p>Mit folgenden Worten instruierte General Erich Hoepner die 4. Panzergruppe: \u201eDer Kampf muss das Ziel verfolgen, das heutige Russland zu vernichten. Er muss daher mit beispielloser H\u00e4rte gef\u00fchrt werden \u2026 keine Anh\u00e4nger des heutigen russisch-bolschewistischen Systems d\u00fcrfen davonkommen.\u201c<\/p>\n<p>Die Invasion Russlands hatte den Charakter eines V\u00f6lkermords. Sie markierte eine neue Phase des Holocausts, der die systematische Vernichtung des europ\u00e4ischen Judentums bedeutete. Die Wannseekonferenz, auf der die \u201eEndl\u00f6sung\u201c beschlossen wurde, fand sieben Monate nach Beginn von Barbarossa statt.<\/p>\n<p>Die fast vollst\u00e4ndige Vernichtung der Juden in allen eroberten Territorien begann mit den ersten Tagen des Unternehmens Barbarossa. In den baltischen Sowjetrepubliken wurde eine gro\u00dfe Mehrheit der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung innerhalb der ersten sechs Monate der Invasion umgebracht. Die Todesschwadronen der \u201eEinsatzgruppen\u201c ermordeten mehr als eine Million sowjetischer Juden.<\/p>\n<p>Bis heute ist die Zahl der zivilen Opfer der Sowjetunion nicht eindeutig gekl\u00e4rt. Aber meistens wird von einer Zahl von achtzehn Millionen Menschen ausgegangen. Insgesamt kamen 27 Millionen Sowjetb\u00fcrger im Krieg ums Leben.<\/p>\n<p>Der Krieg begann fast zwei Jahre nach Unterzeichnung des Nichtangriffspakts im August 1939, mit dem Hitler und Stalin den Weg f\u00fcr den deutschen \u00dcberfall auf Polen und den Beginn des Zweiten Weltkriegs frei gemacht hatten. Dieser Pakt hatte die internationale Arbeiterbewegung der Orientierung beraubt. Zwei Jahre zuvor war es im Gro\u00dfen Terror von 1937\u20131938 schon zur S\u00e4uberung der Roten Armee gekommen. Dieses historisch beispiellose Massaker an Offizieren der Roten Armee am Vorabend eines gro\u00dfen Krieges machte die Sowjetunion \u00e4u\u00dferst verwundbar f\u00fcr einen deutschen Angriff. Stalin t\u00f6tete mehr hohe Offiziere, als in den vier Jahren des darauf folgenden Kriegs umkamen.<\/p>\n<p>Stalin eliminierte praktisch den gesamten Armeestab, der aus der Revolution und dem B\u00fcrgerkrieg von 1918 bis 1921 hervorgegangen war, und den Leo Trotzki, der zweite F\u00fchrer der Russischen Revolution und Gr\u00fcnder und Chef der Roten Armee, in den Anfangsjahren ausgebildet hatte. Insgesamt wurden etwa 30.000 Offiziere exekutiert, darunter ein hoher Prozentsatz von Divisions-, Corps- und Armeekommandeuren.<\/p>\n<p>Deutschland begann schon Monate vor der Invasion, Truppen und Material nahe der sowjetischen Grenze zu konzentrieren. Obwohl Stalin vom britischen Geheimdienst und von seinen eigenen Geheimdiensten gewarnt wurde, dass Hitler einen Angriff vorbereite, schob er den Wiederaufbau der Grenzverteidigung immer wieder hinaus.<\/p>\n<p>Hinter Stalins Politik stand die Furcht der konterrevolution\u00e4ren B\u00fcrokratie, das sowjetische Proletariat k\u00f6nnte sich gegen ihre Herrschaft erheben. Als Folge davon wurden die russischen Truppen schnell \u00fcberw\u00e4ltigt, als die Wehrmacht die Grenze \u00fcberschritt. In den ersten Wochen des Kriegs r\u00fcckten die deutschen und alliierten Kr\u00e4fte praktisch auf der gesamten Front mit atemberaubender Geschwindigkeit vor und besetzten, vor allem in der Ukraine, einige der wichtigsten Wirtschaftszentren der UdSSR. Stalin wurde v\u00f6llig \u00fcberrascht; er geriet in Panik und erlitt einen Nervenzusammenbruch. Erst am 3. Juli, das hei\u00dft elf Tage nach Beginn der Invasion, wandte er sich in einer Rede an die Nation.<\/p>\n<p>Hitler hatte den Krieg unter der Voraussetzung begonnen, dass er ihn schnell gewinnen k\u00f6nne. Aber trotz des katastrophalen Versagens der stalinistischen F\u00fchrung und der schrecklichen Verluste in den ersten Wochen, nahm der fast spontane Widerstand der Sowjetbev\u00f6lkerung enorme Ausma\u00dfe und einen wirklich historischen Charakter an. Obwohl die Deutschen etwa 950 Kilometer vorgesto\u00dfen waren, Leningrad belagerten und fast in Sichtweite von Moskau gelangten, kam das deutsche Oberkommando in der Herbstmitte 1941 zur Einsicht, dass die Invasion gescheitert sei. Deutschland war offenbar in die Falle eines langen Kriegs geraten, den es nicht gewinnen konnte.<\/p>\n<p>Im Dezember 1941 f\u00fchrte die Rote Armee einen verheerenden Gegenangriff, und die faschistischen Heere wurden zum ersten Mal zur\u00fcckgeworfen. Das Scheitern der Operation Barbarossa war f\u00fcr die Geschicke des Dritten Reichs ein entscheidender Wendepunkt. Der Widerstand der Volksmassen in der Sowjetunion und der ungeheure Mut und die Opferbereitschaft der sowjetischen Bev\u00f6lkerung legten Zeugnis ab f\u00fcr den welthistorischen Charakter und die progressive Bedeutung der Russischen Revolution und des durch sie an die Macht gebrachten ersten Arbeiterstaates. Daran \u00e4nderten auch die Verbrechen und Pl\u00fcnderungen der herrschenden stalinistischen Clique nichts.<\/p>\n<p>Der sowjetische Sieg, der bis zu seinem vollen Erfolg noch vier weitere Jahre Kampf und menschliches Leid erforderte, \u00fcbte einen starken Einfluss auf die Arbeiterklasse in der ganzen Welt aus. Beim Sieg \u00fcber den Faschismus spielte die immer noch vorhandene St\u00e4rke der Russischen Revolution die entscheidende Rolle. Die sowjetische Gegenoffensive inspirierte den Widerstand in allen von den Nazis besetzten L\u00e4ndern Europas und weltweit.<\/p>\n<p>Stephen G. Fritz fasste die entscheidende Rolle der Roten Armee und des Widerstands der sowjetischen Massen im oben genannten Werk folgenderma\u00dfen zusammen:<\/p>\n<p>\u201eDer Zweite Weltkrieg wurde nicht ausschlie\u00dflich an der Ostfront gewonnen oder verloren. Aber dort lag der Schl\u00fcssel. Der Umfang der dortigen K\u00e4mpfe stellte alles im Westen in den Schatten. Im R\u00fcckblick ist das Ungleichgewicht erstaunlich: Ungef\u00e4hr achtzig Prozent aller gefallenen deutschen Soldaten fielen im Osten \u2026 Die Rote Armee opferte etwa zw\u00f6lf Millionen Menschen (d.h. etwa drei\u00dfigmal so viele wie die anglo-amerikanische Seite). Sie brach der Wehrmacht das R\u00fcckgrat.\u201c [aus dem Englischen]<\/p>\n<p>Leo Trotzki stand damals an der Spitze des internationalen Kampfs zur Verteidigung und Ausdehnung der Russischen Revolution, gest\u00fctzt auf das Programm der sozialistischen Weltrevolution. Niemand verstand die Bedeutung der Roten Armee besser als er. In einem Artikel von 1934 mit dem Titel \u201eDie Rote Armee\u201c kommt er zum Schluss:<\/p>\n<p>\u201eMan muss die Tatsachen so nehmen, wie sie sind: Nicht nur ist ein Krieg nicht ausgeschlossen, er ist nahezu unvermeidlich. Wer im Buch der Geschichte lesen kann und bereit ist, das zu tun, wird vor allem eins verstehen: Sollte die Russische Revolution, die seit drei\u00dfig Jahren \u2013 seit 1905 \u2013 den st\u00e4ndigen Wechsel von Ebbe und Flut erlebt, gezwungen sein, ihren Strom in das Flussbett des Kriegs zu leiten, dann wird sie eine ungeheure und alles \u00fcberw\u00e4ltigende Kraft entfalten.\u201c<\/p>\n<p>75 Jahre danach existiert die Sowjetunion nicht mehr. Die reaktion\u00e4re, nationalistische B\u00fcrokratie hat sie zerst\u00f6rt. Auch davor hatte Trotzki gewarnt. Die Aufl\u00f6sung der UdSSR 1991 war der H\u00f6hepunkt des Verrats und der Verbrechen des stalinistischen Regimes und ein schwerer Schlag f\u00fcr die internationale Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>In den letzten 25 Jahren hat die kapitalistische Restauration Russland weder Frieden noch Demokratie gebracht, sondern weltweit eine neue Periode imperialistischer Kriege und Reaktion eingeleitet. F\u00fcr Russland selbst waren diese Jahre eine Zeit der totalen Katastrophe. Eine Triebkraft der Oktoberrevolution war die Tatsache, dass Russland, w\u00e4re es unter kapitalistischer Herrschaft verblieben, unweigerlich von den westlichen imperialistischen M\u00e4chten aufgeteilt und auf den Status einer Halbkolonie reduziert worden w\u00e4re. Heute ist Russland milit\u00e4risch umzingelt: Die Vereinigten Staaten und ihre Nato-Partner setzen das Land politisch, wirtschaftlich und diplomatisch gnadenlos unter Druck. Das kapitalistische Russland ist heute unf\u00e4hig, seine Angreifer zur\u00fcckzuschlagen. Das Putin-Regime verk\u00f6rpert die R\u00fcckkehr zu den bankrotten Formen des russischen Nationalismus und dient den Interessen einer kriminellen kapitalistischen Oligarchie.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass die Sowjetunion von der B\u00fchne abgetreten ist, hat die interimperialistischen Konflikte und den Militarismus wieder angeheizt. Heute ist der Imperialismus auf dem Weg zu einem neuen Weltkrieg.<\/p>\n<p>Es ist bemerkenswert, wie wenig \u00fcber diesen Jahrestag gesagt und geschrieben wird, der doch eins der gr\u00f6\u00dften Verbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts darstellt. Das ist kein Zufall.<\/p>\n<p>Seit einiger Zeit ist ein grausamer Geist des Revanchismus unter Politikern, Ideologen und akademischen Lakaien des Imperialismus zu sp\u00fcren. Dies umso mehr, als sich der hundertste Jahrestag der Oktoberrevolution n\u00e4hert. B\u00fccher werden verfasst, Artikel geschrieben und Interviews gegeben, um den Nazikrieg gegen die Sowjetunion zu rechtfertigen und zu entschuldigen. In ihren Verleumdungen und historischen F\u00e4lschungen begn\u00fcgen sich diese Schreiberlinge nicht damit, die Invasoren mit den \u00dcberfallenen gleichzusetzen. Sie stellen die Behauptung auf, die uns\u00e4glichen Verbrechen der Nazis seien nichts anderes als die berechtigte Reaktion auf das angeblich gr\u00f6\u00dfte Verbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen: den Sturz des Kapitalismus in Russland.<\/p>\n<p>Es ist der vorbeugende \u2013 und letztlich vergebliche \u2013 Versuch, die n\u00e4chste Generation von Arbeitern und Jugendlichen daran zu hindern, erneut den revolution\u00e4ren Kampf aufzunehmen. Ihm zum Trotz werden sie sich unter das Banner des Sozialismus stellen. Das gr\u00f6\u00dfte Ereignis der modernen Geschichte, die Oktoberrevolution von 1917, wird sie inspirieren, und sie werden die wirklichen Lehren aus dem heroischen und tragischen Schicksal der Sowjetunion ziehen.<\/p>\n<p><em>Quelle: \u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.wsws.org...\/\"><em>www.wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em>\u00a0 vom 22. Juni 2016<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Barry Grey. 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