{"id":12887,"date":"2023-04-09T11:50:43","date_gmt":"2023-04-09T09:50:43","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12887"},"modified":"2023-04-09T11:54:15","modified_gmt":"2023-04-09T09:54:15","slug":"christian-gerlach-ueber-den-vernichtungskrieg-gegen-die-sowjetunion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12887","title":{"rendered":"<strong>Christian Gerlach \u00fcber den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Clara Weiss. <\/em>Christian Gerlach, Professor f\u00fcr Neuere Geschichte an der Universit\u00e4t Bern, Schweiz, ist einer der weltweit f\u00fchrenden Experten zum Holocaust und dem nationalsozialistischen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Im Jahr 1998 verteidigte er seine Dissertation \u00fcber die nationalsozialistische Besatzung Wei\u00dfrusslands an der Technischen Universit\u00e4t Berlin, wo er bei Wolfgang Scheffler,<!--more--> einem Pionier der Holocaust-Forschung in Deutschland, studiert hatte. Die 1999 auf Deutsch unter dem Titel \u201eKalkulierte Morde\u201c erschienene Studie war bahnbrechend und z\u00e4hlt bis heute zu den wichtigsten Werken \u00fcber den Vernichtungskrieg.<\/p>\n<p>Zu den wichtigsten Arbeiten Gerlachs z\u00e4hlen zudem der Band <em>Krieg, Ern\u00e4hrung, V\u00f6lkermord. Forschungen zur deutschen Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg <\/em>(Hamburger Edition, 1998) sowiedie beiden englischsprachigen B\u00e4nde <em>Extremely Violent Societies: Mass Violence in the Twentieth-Century World <\/em>(Cambridge University Press, 2010) und <em>The Extermination of the European Jews<\/em> (Cambridge University Press, 2016). Zusammen mit Clemens Six von der Universit\u00e4t Groningen in den Niederlanden ist Gerlach auch Mitherausgeber des englischsprachigen Handbuchs \u00fcber anti-kommunistische Verfolgungen (<em>Palgrave Handbook of Anti-Communist Persecutions<\/em>, PalgraveMacmillan, 2020).<\/p>\n<p>Gerlach hat in seiner wissenschaftlichen Arbeit ausf\u00fchrlich die Urspr\u00fcnge und wirtschaftlichen Hintergr\u00fcnde des Hungerplans, der auf die Aushungerung von 30 Millionen Slawen abzielte, die Planung und Durchf\u00fchrung der Ermordung von bis zu 3,5 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen sowie die brutale Partisanenbek\u00e4mpfung der deutschen Wehrmacht im besetzten Wei\u00dfrussland dokumentiert. Er deckte auch auf, dass wichtige F\u00fchrer des b\u00fcrgerlich-nationalistischen Widerstands gegen Hitler, die das gescheiterte Attentat auf ihn am 20. Juli 1944 mitorganisiert hatten, in Wirklichkeit Kriegsverbrecher waren.<\/p>\n<p>Aufgrund seiner Forschungsergebnisse war Gerlach heftiger politischer Anfeindung und b\u00f6sartigen Angriffen seitens des deutschen politischen und akademischen Establishments ausgesetzt. Eine feste Anstellung an einer deutschen Universit\u00e4t erhielt er nie.<\/p>\n<p>In seinem Buch <em>Bloodlands,<\/em> versucht der amerikanische Professor Timothy Snyder von der Elite-Universit\u00e4t Yale durch dutzende Verweise auf Gerlachs Arbeiten den Eindruck zu erwecken, dass er sich bei seiner Darstellung des Vernichtungskriegs und der brutalen Kriegsf\u00fchrung der deutschen Wehrmacht gegen die sowjetischen Partisanen und die Zivilbev\u00f6lkerung Wei\u00dfrusslands auf Gerlach st\u00fctzt. In Wirklichkeit versucht Snyder jedoch in seinem Buch, den Mythos der deutschen Wehrmacht, die angeblich auf die Gewalt der Sowjets hatte \u201ereagieren\u201c m\u00fcssen, wiederzubeleben \u2014 ein Mythos, der nicht zuletzt dank der Arbeiten Gerlachs endg\u00fcltig widerlegt wurde.<\/p>\n<p>Dies ist ein Interview mit Christian Gerlach, der 2011 selbst eine sehr kritische Rezension von <em>Bloodlands<\/em> f\u00fcr die <em>American Historical Review<\/em>, die f\u00fchrende amerikanische Fachzeitschrift in Geschichte, geschrieben hat.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p><em>Clara Weiss: Sie haben Ihre Dissertation in den den 1990er Jahren geschrieben. Wie w\u00fcrden Sie die damalige \u00f6ffentliche Wahrnehmung des 2. Weltkrieges und den Stand der Forschung beschreiben? Welche Forschungsfragen standen f\u00fcr Sie im Zentrum und welchen Einfluss hatte das politische und soziale Klima dieser Jahre auf Ihre Arbeit? <\/em><\/p>\n<p>Christian Gerlach: Anfang und Mitte der 1990er Jahre leugneten Teil der deutschen Bev\u00f6lkerung noch das ganze Ausma\u00df der deutschen Gewalt im Zweiten Weltkrieg und der Massenbeteiligung daran oder ignorierten sie. Ein anderer Teil erkannte sie an. Die politischen Eliten verfolgten damals schon die Taktik, (angeblich) fast alles zuzugeben, damit ihre Herrschaft zu rechtfertigen und sich als moralisch \u00fcberlegen aufzuspielen, womit aus ihrer Sicht alle Arten von deutschem Imperialismus zu begr\u00fcnden waren. Sie begannen, Truppen ins Ausland zu entsenden und anderen Gesellschaften \u201aSanktionen\u2018 aufzuerlegen, um wie sie es nannten, ihre \u201aVerantwortung\u2018 zu erf\u00fcllen. Daher brauchte es damals keinerlei Mut, Forschung \u00fcber Naziverbrechen zu machen.<\/p>\n<p>Unter Wissenschaftler\/innen gab es kaum direkte Leugnung von nationalsozialistischer Gewalt, aber manche verteidigten weiterhin bestimmte Aspekte davon, und es gab erhebliche Wissensl\u00fccken. Eines der gr\u00f6\u00dften Probleme war der f\u00e4lschliche Glaube, dass die deutschen Massenmorde im Zweiten Weltkrieg irrational gewesen seien und jeglicher wirtschaftlichen Logik widersprachen. Diese Ansicht vertraten auch viele Wissenschaftler\/innen au\u00dferhalb Deutschlands, einschlie\u00dflich vieler, die sich f\u00fcr radikale Linke hielten. Meine Arbeit sollte die politische \u00d6konomie der Massengewalt erkunden und zeigen, dass es keine grunds\u00e4tzlichen Widerspr\u00fcche zwischen den Morden und kollektiven (und privaten) Wirtschaftsinteressen gab. Aus Sicht der an der Verfolgung Beteiligten erschienen wirtschaftliche und ideologische Gr\u00fcnde f\u00fcr die Gewalt oft vereinbar, obwohl ihre Motive selbstverst\u00e4ndlich komplex und manchmal in sich widerspr\u00fcchlich waren. Auch legte ich Wert darauf, die Politiken der Gewalt gegen <strong><em>alle<\/em><\/strong> gro\u00dfen von Gewalt betroffenen Gruppen von Nichtkombattanten zu untersuchen, \u2013 nicht blo\u00df eine, da alle Leben gleich wertvoll sind.<\/p>\n<p><em>CW: Ihre wissenschaftliche Arbeit l\u00e4sst keinen Zweifel an der Verantwortung des gesamten deutschen Staatsapparates, der Wehrmacht und auch der Gro\u00dfunternehmen f\u00fcr die Verbrechen des Nationalsozialismus. Sie haben au\u00dferdem dokumentiert, dass f\u00fchrende Mitglieder des Widerstands gegen Hitler in nationalistischen und milit\u00e4rischen Kreisen selbst in Kriegsverbrechen der Wehrmacht verwickelt waren. <\/em><\/p>\n<p>CG: Meine Forschung zeigte nicht nur, dass verschiedene Teile des deutschen Staatsapparats und der deutschen Eliten verantwortlich waren, sondern auch die eifrige Beteiligung von kleinen und mittleren Funktion\u00e4ren und ihre vielen eigenen Initiativen f\u00fcr Gewaltakte (und auch die von Gro\u00dfunternehmen und \u00fcbrigens auch kleinen Firmen). Und\u2014wie andere Kolleg\/inn\/en in den 1990ern\u2014sah ich, dass viele Nichtnazis an den Verfolgungen beteiligt waren. Zum Beispiel hatte die deutsche Wehrmacht die gleichen Klassenstrukturen wie Nazideutschland und war nicht bis ins Letzte nazifiziert, aber sie bot niederen R\u00e4ngen Raum f\u00fcr Eigeninitiative und eigene Aktionen, was sich oft gewaltf\u00f6rdernd auswirkte und nicht mildernd. Ein Gesichtspunkt der Aktivit\u00e4ten von Nichtnazis war die aktive Beteiligung von Oppositionellen und Verschw\u00f6rern gegen Hitler an diversen Politiken und Akten der Gewalt in ihrer Eigenschaft als hohe und mittlere Milit\u00e4roffiziere, besonders wenn es darum ging, absichtlich sowjetische Zivilist\/inn\/en bei der Partisanenbek\u00e4mpfung aufs Korn zu nehmen und bestimmte Arten von sowjetischen Kriegsgefangenen zu t\u00f6ten. Nationalistischer Chauvinismus und Antikommunismus waren unter ihren Beweggr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Das zu ver\u00f6ffentlichen, versperrte mir sofort den Weg in viele deutsche Universit\u00e4ten. Meine Befunde f\u00fchrten zu einer wissenschaftlichen Kontroverse (allerdings erhielt ich auch Unterst\u00fctzung). Aber besonders gewisse Politiker attackierten mich in den Massenmedien und im Parlament, darunter ein Ex-Bundespr\u00e4sident und manche Ex-Bundesminister, die mich beschuldigten, die Jugend zu verderben und das Andenken an \u201aden Widerstand\u2018 zu beschmutzen. Aus ihrer Sicht symbolisierten diese Oppositionellen gegen Hitler das \u201aandere\u2018 Deutschland, ein unschuldiges konservatives Deutschland, das tats\u00e4chlich jedoch nicht existierte.<\/p>\n<p><em>CW: Zu Ihren wichtigsten Forschungen geh\u00f6ren Ihre Arbeiten zu den Urspr\u00fcngen und der Umsetzung des Hungerplans. K\u00f6nnen Sie die Hauptziele des Hungerplans beschreiben? Wer stand hinter dem Plan und wie wurde er ausgearbeitet? In welchem Zusammenhang stand er zu der Vernichtungspolitik des Nazi-Regimes gegen\u00fcber der j\u00fcdischen und der sowjetischen Zivilbev\u00f6lkerung? <\/em><\/p>\n<p>CG: Wegen der britischen Seeblockade im Zweiten Weltkrieg war Deutschland von \u00dcberseelieferungen an Nahrungsmitteln, darunter Speise\u00f6len, und Mineral\u00f6l abgeschnitten. Die Vorr\u00e4te waren bald aufgebraucht. Vom Standpunkt der politischen und Milit\u00e4rf\u00fchrung in NS-Deutschland konnte dieser Ressourcenmangel zu Niederlage und Revolution f\u00fchren wie am Ende des Ersten Weltkrieges. Um das zu verhindern, entwickelten deutsche Politiker f\u00fcr Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft, Milit\u00e4r- und Wirtschaftsstrategen in den Monaten vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion einen Plan, sich diese fehlenden Ressourcen gewaltsam aus den zu besetzenden sowjetischen Gebieten zu holen. Ihren Ideen zufolge sollten Dutzende Millionen Sowjetb\u00fcrger\/innen verhungern, wenn sie zu diesen Zwecken von Nahrungsmittellieferungen abgeschnitten w\u00fcrden, namentlich die Stadtbev\u00f6lkerung in der westlichen Sowjetunion und die Menschen in bestimmten sogenannten \u201aZuschussgebieten\u2018 (Nordrussland, grosse Teile Mittelrusslands und, bedingt, Wei\u00dfrussland).<\/p>\n<p>Die so gewonnenen Lebensmittel sollten in erster Linie nicht nach Deutschland geschickt werden, sondern um die deutschen Armeen zu versorgen, die die Sowjetunion angriffen. Deren r\u00fcckw\u00e4rtigen Versorgungslinien aus Deutschland (Eisenbahnen) w\u00fcrden schwach sein, weshalb sich der Nachschub auf Truppen, Waffen und Munition konzentrieren sollte und nicht Nahrung. Die Hungerpolitik schien bitter notwendig, um den harten Kampf gegen die Sowjets \u00fcberhaupt gewinnen zu k\u00f6nnen. Daher gab es innerhalb des Milit\u00e4rs viel Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Hungerplan, bis in untere R\u00e4nge. Und die Stadtbev\u00f6lkerung zu dezimieren, h\u00e4tte den Pl\u00e4nen nach auch gehei\u00dfen, zwei Gruppen der Feindbev\u00f6lkerung anzugreifen, von denen man annahm, dass sie den antideutschen Widerstand anf\u00fchren w\u00fcrden: die kommunistische Bewegung und die Juden, von denen die meisten in St\u00e4dten wohnten. Diese Argumente \u00fcberzeugten Nazis wie auch Armeeoffiziere.<\/p>\n<p>In seiner relativ simplen Form lie\u00df sich der Hungerplan nicht voll umsetzen. Mit ihren schwachen r\u00fcckw\u00e4rtigen Einheiten konnten die Deutschen die Stadtbev\u00f6lkerung nicht von der Beschaffung von Lebensmitteln auf dem Lande oder der Flucht aufs Land abhalten. Und die Wehrmacht brauchte ein Mindestma\u00df an st\u00e4dtischen Arbeitskr\u00e4ften f\u00fcr milit\u00e4rische Zwecke. Als der deutsche Angriff im Herbst 1941 an der Front in die Krise geriet, wurde der pauschale Hungerplan fallengelassen und durch Gewaltpolitiken gegen spezifische Bev\u00f6lkerungsgruppen ersetzt, die die Deutschen unter strikter Kontrolle hielten. Vereinfacht ausgedr\u00fcckt, hie\u00df dies, die sowjetischen Kriegsgefangenen verhungern zu lassen und die Juden zu erschie\u00dfen, besonders in den sowjetischen Gebieten unter deutscher Milit\u00e4rverwaltung.<\/p>\n<p><em>CW: Ihre B\u00fccher \u00fcber die Verbrechen des Nationalsozialismus zeichnen Sich auch dadurch aus, dass Sie die zentrale Bedeutung des Massenmordes an den sowjetischen Kriegsgefangenen betonen. Bis zu 3,5 Millionen der sowjetischen Kriegsgefangenen in deutscher Gefangenschaft wurden ermordet, die meisten von ihnen starben bis zum Fr\u00fchjahr 1942 als Ergebnis einer systematischen Hungerpolitik. Bis heute ist dies ein relativ wenig bekannter Aspekt der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. K\u00f6nnten Sie die Politik und die Kriegspl\u00e4ne n\u00e4her beschreiben, die hinter der Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen standen? <\/em><\/p>\n<p>CG: Vor dem deutschen Einmarsch in der UdSSR und in seinen ersten Wochen sahen Pl\u00e4ne im deutschen Milit\u00e4r eine allgemeine Unterversorgung der sowjetischen Kriegsgefangenen mit Lebensmitteln, Unterkunft und Heizung vor. Dazu kam die T\u00f6tung bestimmter Kategorien, vor allem der Politoffiziere. In Wirklichkeit erschossen deutsche Einheiten sehr viele sowjetische Soldaten und Offiziere an der Front, die sich ergaben. Schlie\u00dflich stellten die Kriegsgefangenen fast die einzigen Repr\u00e4sentanten des sowjetischen Staates dar, die in deutsche H\u00e4nde fielen. Die sowjetischen Kriegsgefangenen wurden von Anfang an unterversorgt, aber die Aushungerungspolitik gegen sie wurde im Herbst 1941 versch\u00e4rft, gerade mit dem Beginn der kalten Jahreszeit. Ihre Rationen wurden erheblich gesenkt, besonders f\u00fcr die nicht arbeitenden Gefangenen. Infolgedessen starben etwa zwei Millionen von ihnen bis Februar 1942 (zwei Drittel). Sie fielen einer Kombination aus Hunger, Ersch\u00f6pfung und K\u00e4lte zum Opfer. Viele wurden auch erschossen, als sie auf M\u00e4rschen nicht mehr weitergehen konnten. Sie starben in der Obhut der deutschen Wehrmacht, \u00fcberwiegend nicht der SS, als Teil einer radikalisierten Vernichtungspolitik gegen bestimmte Gruppen, wie zuvor angesprochen. Deutsche Wachsoldaten nahmen die Haltung ein, da k\u00f6nne man halt nichts machen. Ab dem Fr\u00fchling 1942 wurden die sowjetischen Kriegsgefangenen f\u00fcr die Deutschen wichtiger als Arbeitskr\u00e4ftereservoir, aber trotzdem starb bis Kriegsende noch eine weitere Million (fast ein Drittel des Bestandes).<\/p>\n<p>Die Vernichtung von drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen in deutscher Hand ist in der \u00f6ffentlichen Erinnerung systematisch marginalisiert worden. Ebenso in der Wissenschaft, wo sie oft verniedlicht oder geleugnet wurde. Einiges an Forschung wurde auf Russisch und Deutsch ver\u00f6ffentlicht, aber, soweit ich wei\u00df, gibt es keine einzige wissenschaftliche Monographie auf Englisch, die sich ausschlie\u00dflich diesem Thema widmet. Keine. Das zeigt, wie \u201ahumanistisch\u2018 und \u201auniversal\u2018 die angloamerikanische Forschung zum Zweiten Weltkrieg ist.<\/p>\n<p><em>CW: In dem Buch <\/em>Bloodlands <em>von Timothy Snyderaber auch im allgemeinen politischen Diskurs heutzutage \u2014 sei es von Politikern oder in den Medien \u2014gibt es eine klare Tendenz, die enormen Leiden der russischen Zivilbev\u00f6lkerung im Zweiten Weltkrieg herunterzuspielen. K\u00f6nnen Sie die Auswirkungen des Vernichtungskrieges f\u00fcr die Zivilbev\u00f6lkerung n\u00e4her erl\u00e4utern? <\/em><\/p>\n<p>In seinem fehlerhaften und tendenzi\u00f6sen Buch <em>Bloodlands<\/em> von 2010 spielt Timothy Snyder russisches Leiden nicht nur in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg herunter. Z.B. minimiert er die Zahl der Russen (d.h. Einwohner der RSFSR [Russische Sozialistische Sowjetrepublik], nicht Sowjetb\u00fcrger generell), die als Folge der sowjetischen Zwangskollektivierung der Landwirtschaft in den fr\u00fchen 1930er Jahren starben. Weiter suggeriert er, dass viele, die damals in Russland verhungerten, eigentlich Ukrainer gewesen seien (S. 48, 53 <strong>in der englischen Ausgabe<\/strong>; das stimmt zwar bez\u00fcglich vieler Deportierter, doch andererseits waren viele derer, die damals auf ukrainischem Boden an der Hungersnot starben, russischsprachig, was immer das heissen mag). Seine ganze Argumentation, dass der sowjetische Staat spezifisch Ukrainer verhungern lassen wollte, w\u00fcrde sp\u00e4testens dann nicht funktionieren, wenn er die sowjetische Hungersnot 1920-1922 ber\u00fccksichtigen w\u00fcrde. Sie war teilweise auch auf sowjetische Politik zur\u00fcckzuf\u00fchren, forderte m\u00f6glicherweise mehr Todesopfer als jene von 1930-1933 und hatte ihr Zentrum in Russland (nicht der Ukraine), aber Snyder geht \u00fcber sie in ein paar Zeilen hinweg, ohne Erw\u00e4hnung von Russen (S. 11 in der englischen Ausgabe). Au\u00dferdem minimiert er die Zahl der von den Deutschen spezifisch in Russland ermordeten Juden, untersch\u00e4tzt die Zahl der Russen, die als sowjetische Kriegsgefangene in deutscher Hand starben (S. 505, Anmerkung 15, in der englischen Ausgabe) und \u00fcbergeht, dass die deutsche Hungerpolitik von 1941 sich gegen die Bev\u00f6lkerung in Zentralrussland richtete (S. 162 in der englischen Ausgabe). Selbstverst\u00e4ndlich ist Snyders Buch antisowjetisch, es ist aber auch dezidiert antirussisch.<\/p>\n<p>Was die Tatsachen angeht, so erlitten die Zivilist\/inn\/en in Sowjetbelarus und der Sowjetukraine \u00fcberproportional gro\u00dfe Verluste im deutsch-sowjetischen Krieg, da ihr ganzes Territorium unter deutsche Besatzung kam und in Russland nur Teile. Andererseits hatten die Russen h\u00f6here milit\u00e4rische Verluste als die Bev\u00f6lkerung anderer Sowjetrepubliken, weil sie das gr\u00f6\u00dfte verbleibende Rekrutierungsreservoir darstellten, vor allem ab 1942. Viele sowjetische Soldaten, die in deutsche H\u00e4nde fielen, waren Russen. Zu den russischen (nicht allgemein sowjetischen) zivilen Verlusten z\u00e4hlten 600,000 bis eine Million, die im belagerten Leningrad an Hunger und K\u00e4lte zugrunde gingen; ermordete Juden, denen die Flucht nach Osten nicht gelang; bei der deutschen Partisanenbek\u00e4mpfung wurden viele unbewaffnete Zivilist\/inn\/en in Nordwestrussland, dem westlichen Mittelrussland und auf der Krim get\u00f6tet (die Krim geh\u00f6rte damals zu Russland); deutsch organisierter Hunger t\u00f6tete viele auf der Krim und in St\u00e4dten und D\u00f6rfern im Vorfeld von Leningrad und anderswo; und deutsche Truppen misshandelten und t\u00f6teten viele bei Zwangsarbeit, Deportationen und der gezielten Zerst\u00f6rung von St\u00e4dten und kleineren Ortschaften bei R\u00fcckz\u00fcgen, besonders im westlichen Mittelrussland und z.B. in Stalingrad. Viele Russ\/inn\/en starben 1942-1943 im unbesetzten Gebiet in einer Hungersnot, hervorgerufen durch die (notwendigen aber r\u00fccksichtlosen) Kriegsanstrengungen und den Verlust wichtiger Agrargebiete an die Deutschen<em>pfer der Belagerung von Leningrad<\/em><\/p>\n<p><em>CW: In Ihrer Rezension des Buches <\/em>Bloodlands <em>f\u00fcr die amerikanische Fachzeitschrift <\/em>American Historical Review<em>, haben Sie darauf hingewiesen, dass das Buch auch die Rolle von Kollaboration und Antisemitismus vor Ort herunterspielt, und zudem die sozialen Konflikte innerhalb der besetzten Territorien ignoriert. Das Ergebnis ist ein Narrativ, das in wesentlichen Punkten mit den historischen Mythen von Nationalisten in Wei\u00dfrussland, der Ukraine und Polen \u00fcbereinstimmt. Wie w\u00fcrden Sie die politischen und sozialen Dynamiken in den nationalsozialistisch besetzten Gebieten der Sowjetunion beschreiben?<\/em><\/p>\n<p>CG: Die deutsche Besatzung f\u00fchrte zu viel geographischer, aber auch sozialer Mobilit\u00e4t. Sie f\u00fchrte zur Verarmung der Massen, schuf aber auch Chancen f\u00fcr einige Gruppen, auf Kosten anderer aufzusteigen. Kommunisten und sowjetische Funktion\u00e4re flohen, gingen in den Untergrund oder wurden ermordet; Juden wurden in Ghettos gesperrt und get\u00f6tet; ethnische Polen systematisch benachteiligt. Auch gab es Spannungen zwischen Stadt- und Landbev\u00f6lkerung und zwischen M\u00e4nnern und Frauen.<\/p>\n<p>Diejenigen, die innerhalb der \u00f6rtlichen Hilfsverwaltung und Polizei aufstiegen (wo sie unter deutschem Befehl oder deutscher Aufsicht standen) und eine neue Elite zur bilden begannen, geh\u00f6rten meist zur regionalen Mehrheitsethnie (Ukrainer, Wei\u00dfrussen, Letten usw., je nach Gebiet) und waren recht verschiedenen Herkommens. Manche waren aus Deutschland und anderen L\u00e4ndern zur\u00fcckgekehrte Exilanten, andere waren fr\u00fcher der Repression ausgesetzte B\u00fcrgerliche oder alte Feinde des Kommunismus. F\u00fcr die meisten aber galt nichts davon. Zum Beispiel waren viele dieser Beamten und Polizisten junge M\u00e4nner aus Familien von Bauern, landwirtschaftlichen Kollektivarbeitern oder st\u00e4dtische Intellektuelle. Manche k\u00f6nnte man als Faschisten bezeichnen, die meisten eher nicht, fast alle aber waren aggressive Nationalisten, die nicht unbedingt Liebe f\u00fcr die Deutschen empfanden. Darum spreche ich nicht von Kollaboration (ein Begriff, der Verrat an der eigenen Nation impliziert). Diese Leute nahmen \u2013 oft aktiv \u2013 an der Ermordung, Ausraubung und Misshandlung von Juden und J\u00fcdinnen teil, an der Jagd auf Kommunisten, am Verschicken von Leuten aus missliebigen Familien zur Zwangsarbeit nach Deutschland und an Angriffen auf Zivilisten bei der Partisanenbek\u00e4mpfung.<\/p>\n<p>Ein B\u00fcrgerkrieg in der Westukraine und in der Gegend von Lublin 1943 zeigt, wohin solche Spannungen f\u00fchren konnten. Unter deutscher Herrschaft (und gegen ihren Willen) attackierten ukrainische und polnische Nationalistenverb\u00e4nde D\u00f6rfer der anderen Ethnie, was zu mindestens 50.000 Toten und hunderttausenden Fl\u00fcchtlingen f\u00fchrte, meist Pol\/inn\/en (und einschliesslich versteckter Juden und J\u00fcdinnen). Es bekriegten sich der milit\u00e4rische Arm der ukrainischen OUN (Bandera) und die Polnische Heimatarmee. Im Sommer kamen prosowjetische Partisanen dazu. Und viele Landbewohner wollten einfach in Ruhe gelassen werden. B\u00fcrgerkriege mit mehreren verschiedenen Parteien zeigte die gesellschaftliche Zersplitterung auch in anderen L\u00e4ndern w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges wie in China, den Philippinen, Burma, Jugoslawien, Griechenland und Italien. Was die Westukraine angeht, wirkt dieser Infight verr\u00fcckt, aber er bezog sich auf Groll und Sch\u00e4digungen aus der Vergangenheit und drehte sich um ganz verschiedene politische und gesellschaftliche Zukunftsvisionen: Wenn die Deutschen nicht mehr da w\u00e4ren, sollte das Gebiet (Wolhynien, das 1919-1939 Teil Polens gewesen war) Teil einer unabh\u00e4ngigen, antikommunistischen Ukraine werden, eines antikommunistischen Polen oder aber der Sowjetunion? Wer w\u00fcrde die Gesellschaft beherrschen: ukrainische Bauern und Intellektuelle? Polnische Gro\u00dfgrundbesitzer und Beamte? Sowjetische Kader und Arbeiter? Oder, wie viele glaubten und bef\u00fcrchteten, \u2018Juden\u2019? Solche Anschauungen bestimmten, wer angegriffen wurde. \u00d6rtliche Einwohner hatten selbst Handlungsmacht und waren nicht nur passive Objekte nazideutscher (und sowjetischer) Herrschaft und Gewalt.<\/p>\n<p><em>CW: Sie haben ausf\u00fchrlich zur genozidalen Politik Nazideutschlands aber auch zu anderen Genoziden geforscht. Heute wird der Begriff des \u201cV\u00f6lkermordes\u201d oder \u201cGenozids\u201d regelm\u00e4\u00dfig von Politikern und den Medien verwand. Dabei werden aber praktisch keine Beweise angef\u00fchrt, und es gibt keine ann\u00e4hernd ernsthafte Diskussion dar\u00fcber, was dieser Begriff \u00fcberhaupt bedeutet. K\u00f6nnten Sie f\u00fcr ein Laienpublikum erkl\u00e4ren, welche Kriterien und Fragen ein Historiker beachten muss, wenn es darum geht, ein gegebenes historisches Ph\u00e4nomen als Genozid einzuordnen? <\/em><\/p>\n<p>CG: Genozid ist ein analytisch wertloses Konzept f\u00fcr politische Zwecke. Ich gebrauche es nicht. Es dient zur politischen Verurteilung und zur Intervention, d.h. als Kriegsvorwand (ob nun mit Luftangriffen, Bodentruppen oder t\u00f6dlichen \u201aSanktionen\u2018, denn Wirtschaftskrieg ist Krieg). Au\u00dferdem dient es f\u00fcr sp\u00e4tere Schauprozesse als Teil zweier Gegenmittel, die bourgeoise Regime zu bieten haben: erzwungener \u201aregime change\u2018 und ein bisschen Umerziehung. Aber da die sozio\u00f6konomischen Probleme und Konflikte, die Massengewalt zugrundel iegen, auf diese Weise nicht beseitigt werden, sind solche Interventionen so \u201aerfolgreich\u2018 in der Beendigung der Gewalt, wie sie es in Irak oder Libyen waren; d.h. oft wird die Gewalt im Gegenteil nur noch gesteigert.<\/p>\n<p>Historisch gesehen, wurde der Begriff Genozid 1944 im Kontext des US-Imperialismus gepr\u00e4gt, und Genozidstudien als akademisches Gebiet kamen in den 1990er und 2000er Jahren gro\u00df raus, als Instrument des damals im Aufstieg begriffenen liberalen Imperialismus. Das akademische Gebiet Genozidstudien erreichte in den fr\u00fchen 2010er Jahren seinen H\u00f6hepunkt, erlebte dann aber eine Stagnationsperiode, zusammen mit der Krise des liberalen Imperialismus.<\/p>\n<p>Als aktionsorientiertes Konzept muss \u201aGenozid\u2018 zwangsl\u00e4ufig grobe Vereinfachungen vornehmen. Es hindert die Menschen am Verstehen der tiefen Wurzeln und Komplexit\u00e4t von Massengewalt. Genozidstudien tendieren dazu, sich auf ethnische oder rassische Fragen zu konzentrieren statt auf Multikausalit\u00e4t; auf den Staat anstatt auf gesellschaftliche Akteure; auf langgehegte Absichten zur Gewalt, Planung und Zentralisierung anstatt auf Prozesse und autonom handelnde Gruppen; und auf eine Opfergruppen anstatt der vielen, die es meist gibt (siehe Christian Gerlach, Extremely Violent Societies: An Alternative to the Concept of Genocide, in:<em> Journal of Genocide Research<\/em>, vol. 8, no. 4, 2006, S. 466). Daher schafft das Genozidkonzept auch Opferhierarchien, d.h. die Vorstellung von Opfern von verschiedenem Wert; Hierarchien, die in Wirklichkeit oft rassistisch sind.<\/p>\n<p>Jede\/r wei\u00df, dass der Begriff \u201aGenozid\u2018 in der \u00d6ffentlichkeit \u00fcberm\u00e4\u00dfig und willk\u00fcrlich gebraucht wird. Das brauche ich einem Laienpublikum nicht zu erkl\u00e4ren. Diese Willk\u00fcrlichkeit herrscht auch unter vielen Wissenschaftler\/innen, einschlie\u00dflich \u201aExperten\u2018, und daher ist es bloss eine politische Feststellung, wenn man etwas \u201aGenozid\u2018 nennt (oder nicht), und sagt nichts dar\u00fcber aus, was in dem Land wirklich vor sich geht, auf das man sich bezieht. Leider benutzen viele, die sich als radikale Linke sehen, den Begriff \u201aGenozid\u2018 ebenfalls und denken gem\u00e4\u00df diesem Konzept. Das ist ein Anzeichen f\u00fcr den beklagenswerten Zustand der Linken in den Industriel\u00e4ndern (und vielen anderen L\u00e4ndern), ihren Sozialreformismus und ihre analytische Schw\u00e4che.<\/p>\n<p><em>#Bild: Christian Gerlach [Photo by permission]<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/04\/07\/inte-a07.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 9. April 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Clara Weiss. Christian Gerlach, Professor f\u00fcr Neuere Geschichte an der Universit\u00e4t Bern, Schweiz, ist einer der weltweit f\u00fchrenden Experten zum Holocaust und dem nationalsozialistischen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Im Jahr 1998 verteidigte er seine Dissertation &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":12888,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[23,39,142,34,18,27,20,19,46,118],"class_list":["post-12887","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-buecher","tag-deutschland","tag-dritter-weltkrieg","tag-faschismus","tag-imperialismus","tag-russland","tag-sowjetunion","tag-ukraine","tag-usa","tag-zweiter-weltkrieg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12887","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12887"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12887\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12889,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12887\/revisions\/12889"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/12888"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12887"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12887"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12887"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}