{"id":12890,"date":"2023-04-09T12:04:31","date_gmt":"2023-04-09T10:04:31","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12890"},"modified":"2023-04-09T12:04:32","modified_gmt":"2023-04-09T10:04:32","slug":"ein-streik-fruehling-in-europa-und-das-potenzial-der-arbeiterinnenklasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12890","title":{"rendered":"<strong>Ein Streik-Fr\u00fchling in Europa und das Potenzial der Arbeiter:innenklasse<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Josefina Martinez.<\/em> <strong>Mit dem Epizentrum in Frankreich entsteht eine Streikwelle in mehreren europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. In diesem Artikel wollen wir auf die M\u00f6glichkeiten und Grenzen dieser Entwicklung eingehen.<\/strong><\/p>\n<p>Allein in den letzten zwei Monaten gab es in Frankreich ein Dutzend Tage mit Streiks<!--more--> und Massenmobilisierungen gegen die Rentenreform. Die Anwendung des undemokratischen Dekrets 49.3 zur Verabschiedung der Rentenreform, die auf der Stra\u00dfe von der Mehrheit der franz\u00f6sischen Bev\u00f6lkerung abgelehnt wurde, bedeutete einen bonapartistischen Sprung der Regierung Macrons. Damit wurde ein Wendepunkt und eine Radikalisierung des Kampfes eingeleitet \u2013 mit einer Vervielfachung der spontanen Mobilisierungen, harten Streiks in strategischen Sektoren, Stra\u00dfenblockaden, Besetzungen von Schulen und Universit\u00e4ten und schwerster Repression durch die Polizei. Der Prozess des Klassenkampfes in Frankreich ist der am weitesten fortgeschrittene auf in Europa und wir haben ihn <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/liveticker-6-maerz-frankreich\/\">in zahlreichen Artikeln<\/a> verfolgt. In diesem Fall werde ich mich aber darauf konzentrieren, was in anderen Streikbewegungen in Europa passiert, um so ein breiteres Bild zu erhalten und einige der strategischen Debatten anzusprechen, die sich er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite des \u00c4rmelkanals erlebt das Vereinigte K\u00f6nigreich die gr\u00f6\u00dfte Streikwelle seit einem halben Jahrhundert, w\u00e4hrend es in Griechenland seit dem verh\u00e4ngnisvollen Zugungl\u00fcck vom 28. Februar bereits drei Generalstreiks gegeben hat. In Deutschland <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/ein-hauch-von-frankreich-hunderttausende-beschaeftigte-von-bahn-und-tvoed-im-streik\/\">legte der gr\u00f6\u00dfte Streik im Verkehrswesen und im \u00f6ffentlichen Dienst seit 30 Jahren das Land am 27. M\u00e4rz lahm,<\/a> und in Portugal sprachen die Medien im Februar aufgrund der landesweiten Streikwelle von Lehrern, Besch\u00e4ftigten im Gesundheitswesen und bei der Bahn von einem \u201eWinter der Unzufriedenheit\u201c. <a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/spip.php?page=gacetilla-articulo&amp;id_article=238141#nb1\">[1]<\/a> Ein solches Szenario mit gro\u00dfen Streiks in mehreren L\u00e4ndern zugleich hat Europa in den Jahren seit der kapitalistischen Krise von 2008 nicht mehr erlebt.<\/p>\n<p><strong>Streiks als Katalysator f\u00fcr tief sitzende Unzufriedenheit<\/strong><\/p>\n<p>Am 11. Februar gingen 140 000 Lehrer in Lissabon auf die Stra\u00dfe, um an der gr\u00f6\u00dften Demonstration dieses Sektors in den letzten zehn Jahren teilzunehmen. \u201eIch bin hier f\u00fcr meine Sch\u00fcler:innen, f\u00fcr meine prek\u00e4ren Kolleg:innen, f\u00fcr die Probleme der \u00e4lteren Besch\u00e4ftigten und gegen die Einfrierung der L\u00f6hne\u201c, erkl\u00e4rte Maria Guerra, eine Lehrerin aus Leiria (150 km n\u00f6rdlich der portugiesischen Hauptstadt). Die Lehrer:innen seien nach der Pandemie \u201eersch\u00f6pft\u201c und nun von der Inflation betroffen. <a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/spip.php?page=gacetilla-articulo&amp;id_article=238141#nb2\">[2]<\/a> W\u00e4hrend die Lehrer:innen in Portugal f\u00fcr Geh\u00e4lter und ihre berufliche Laufbahn demonstrierten, diente der Streik als Ausdrucksmittel f\u00fcr eine Reihe von angesammelter Wut gegen verschiedene Missst\u00e4nde.<\/p>\n<p>In Griechenland kam es nach dem Zugungl\u00fcck, bei dem am 28. Februar 57 Menschen ums Leben kamen \u2013 viele von ihnen Universit\u00e4tsmitarbeiter:innen und Student:innen \u2013 zu Streiks und Demonstrationen. Doch auch in Griechenland <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/57-tote-bei-zugunfall-in-griechenland-privatisierung-ist-toedlich\/\">dr\u00fcckt die Mobilisierung aus mehreren Gr\u00fcnden angestaute Wut aus.<\/a> \u201eDie Trauer hat sich in Wut \u00fcber die Dutzenden von verstorbenen und verletzten Genoss:innen und B\u00fcrger:innen verwandelt\u201c, erkl\u00e4rte die Eisenbahngewerkschaft in einer Erkl\u00e4rung. Seitdem wurden drei Generalstreiks f\u00fcr den 8. M\u00e4rz, den 13. M\u00e4rz und den 16. M\u00e4rz ausgerufen, zus\u00e4tzlich zu den Streiks bei der U-Bahn und den zweiw\u00f6chigen Streiks im nationalen und regionalen Zugverkehr. Bez\u00fcglich des Streiks am 8. M\u00e4rz, zu dem im \u00f6ffentlichen Dienst aufgerufen wurde, hob die internationale Presse die Massivit\u00e4t der Demonstrationen hervor und betonte, dass in allen St\u00e4dten \u201eein f\u00fcr Gewerkschaftsaufrufe ungew\u00f6hnlicher Protagonismus der Jugend zu beobachten war\u201c. In einigen St\u00e4dten wie Patras, Volos, Heraklion oder Mytilene gab es \u201eso gro\u00dfe Demonstrationen wie seit dem Ende der Diktatur im Jahr 1974 nicht mehr\u201c. <a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/spip.php?page=gacetilla-articulo&amp;id_article=238141#nb3\">[3]<\/a> W\u00e4hrend des Generalstreiks am 16. M\u00e4rz \u2013 zu dem die Gewerkschaftsdachverb\u00e4nde ADEDY und GSEE sowohl im \u00f6ffentlichen als auch im privaten Sektor aufgerufen hatten \u2013 schienen die Flugh\u00e4fen wie leergefegt, aus den H\u00e4fen liefen keine Schiffe aus, die die Inseln miteinander verbinden, Z\u00fcge, U-Bahnen, Busse und Taxis wurden bestreikt. Der Streik war auch im \u00f6ffentlichen Sektor, im Gesundheits- und im Bildungswesen stark sp\u00fcrbar, und in den wichtigsten St\u00e4dten kam es wiederholt zu Massendemonstrationen, die in Zusammenst\u00f6\u00dfen mit der Polizei und schweren polizeilichen Repressionen gipfelten. Bilder, wie man sie seit der Regierungs\u00fcbernahme durch Syriza im Jahr 2015 nicht mehr gesehen hat. Die Verschlechterungen im \u00f6ffentlichen Dienst sind eine unmittelbare Folge der Privatisierungen und der Sparpl\u00e4ne, die die Troika in den letzten 12 Jahren auferlegt hat und die von den Konservativen und auch von den Neo-Reformer:innen der Syriza umgesetzt wurden. Hinzu kommt nun eine sprunghafte Versch\u00e4rfung der Krise durch die Inflation, die durch den Krieg in der Ukraine noch weiter beschleunigt wurde.<\/p>\n<p>Der Sprung der Inflation war auch der Ausl\u00f6ser f\u00fcr die meisten Streiks in Deutschland, die seit mehreren Monaten in Krankenh\u00e4usern, im Bildungswesen, bei der Post und in den H\u00e4fen organisiert werden. Der \u201eMegastreik\u201c im Verkehrswesen am 27. M\u00e4rz hat Deutschland lahmgelegt. Die Inflation in Deutschland erreichte im Februar 8,7 %; die Gewerkschaften EVG und Ver.di fordern 10,5 Prozent Lohnerh\u00f6hung, w\u00e4hrend die Arbeitgeberverb\u00e4nde nur 5 Prozent plus eine zus\u00e4tzliche Pr\u00e4mie anbieten. Das gemeinsame Vorgehen beider Gewerkschaften ist in den letzten Jahren beispiellos. Der Streik wurde von Dutzenden Demonstrationen in zahlreichen St\u00e4dten begleitet und sorgte f\u00fcr gro\u00dfe Diskussionen in den Medien. Doch trotz der vorhergegangenen Agitation der Arbeitgeber:innen gegen den Streik, verlief der Tag ruhig. Die Gewerkschaften haben bisher keine Fortsetzung des Kampfes vorgeschlagen und angek\u00fcndigt, dass sie an den Verhandlungstisch zur\u00fcckkehren werden.<\/p>\n<p><strong>Das Gesundheitspersonal sagt: Nein!<\/strong><\/p>\n<p>Im Vereinigten K\u00f6nigreich erreichte die Mobilisierung mit dem Megastreik am 1. Februar ihren H\u00f6hepunkt. Viele Journalisten bezeichneten ihn als Generalstreik, weil er die Streiks von Eisenbahner:innen, Beamt:innen, Krankenschwestern, Feuerwehrleuten, Lehrer:innen, Universit\u00e4tsdozent:innen und anderen Sektoren zusammenfasste. An diesem Tag gingen 500.000 Arbeiter:innen auf die Stra\u00dfe, um gegen die steigenden Lebenshaltungskosten zu protestieren.<\/p>\n<p>In der Privatwirtschaft haben die Streiks in den letzten Monaten einige wichtige Siege errungen. So haben beispielsweise die Londoner Busfahrer:innen Mitte Februar ihren Streik beendet, nachdem sie eine Rekord-Lohnerh\u00f6hung von 18 % durchgesetzt hatten. Im \u00f6ffentlichen Sektor verfolgte die Sunak-Regierung eine harte Linie und fast Thatcher\u2019schen Diskurs gegen die Streikenden und sprach sich f\u00fcr neue gewerkschaftsfeindliche Gesetze aus. Infolgedessen nahm die Streikwelle im \u00f6ffentlichen Sektor eine politischere F\u00e4rbung an und f\u00fchrte zu einer offenen Konfrontation mit der Regierung. In j\u00fcngster Zeit hat Sunak versucht, getrennte Vereinbarungen mit verschiedenen Gewerkschaften zu treffen. Am 16. M\u00e4rz einigte er sich mit den NHS-Gewerkschaften auf eine vor\u00fcbergehende Unterbrechung der Streiks auf der Grundlage eines Angebots von 5 % Lohnerh\u00f6hung plus Pr\u00e4mien f\u00fcr die Pandemiearbeit. Nach britischem Recht m\u00fcssen Konsultationsfristen unter den Mitgliedern er\u00f6ffnet werden. Die Gewerkschaften, mit Ausnahme der UNITE, stellten die Vereinbarung als Erfolg dar und riefen zur Unterst\u00fctzung der Konsultationen auf, die bis Mitte\/Ende April laufen werden.<\/p>\n<p>Besonders interessant ist, dass in den letzten Wochen eine gewerkschafts\u00fcbergreifende Kampagne entstanden ist, die sowohl bei den NHS-Besch\u00e4ftigten als auch bei den Bildungsgewerkschaften zur Ablehnung des Lohnangebots der Regierung aufruft. Unter dem Motto \u201eNHS-Besch\u00e4ftigte sagen NEIN!\u201c wurden Kampagnen gestartet, in denen Argumente f\u00fcr die Ablehnung der aktuellen Angebote und die Fortsetzung der Streiks angef\u00fchrt werden (obwohl es diesbez\u00fcglich keine konkreten Vorschl\u00e4ge gibt). <a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/spip.php?page=gacetilla-articulo&amp;id_article=238141#nb4\">[4]<\/a> In einer Erkl\u00e4rung gaben sie an: \u201eW\u00e4hrend der Pandemie waren wir Held:innen, aber sobald wir versuchten, unsere L\u00f6hne zu verbessern, wurden wir zu Feind:innen. Wir wissen, dass es im ganzen Land Menschen gibt, die uns unterst\u00fctzen, und wir d\u00fcrfen nicht nachgeben, wenn man versucht, uns zu spalten. Lasst uns stark bleiben, lasst uns w\u00fctend bleiben, lasst uns zusammen bleiben, alle Sektoren, alle Disziplinen, alle Gewerkschaften\u201c. Das Ergebnis dieser Konsultationen wird die Aussichten f\u00fcr die kommenden Monate bestimmen, obwohl die Strategie der meisten Gewerkschaften darin besteht, auf eine Neuwahl im Jahr 2024 zu setzen, die Labour nach mehr als einem Jahrzehnt konservativer Regierungen an die Macht bringen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Streiks im Gesundheitssektor waren in mehreren L\u00e4ndern ein gemeinsames Element nach der Pandemie. In Spanien kam es in mehreren St\u00e4dten zu massiven Demonstrationen f\u00fcr die \u00f6ffentliche Gesundheitsversorgung. In Madrid f\u00fcllte am 12. Februar eine wei\u00df gekleidete Flut von Hunderttausenden Menschen die Stra\u00dfen, um den Streik der \u00c4rzt:innen der Grundversorgung zu unterst\u00fctzen und gegen die Verschlechterungen in der \u00f6ffentlichen Gesundheit zu protestieren. Es gibt auch Arbeitsk\u00e4mpfe in einzelnen Sektoren und sogar einige, die siegreich sind, wie die Besch\u00e4ftigten der Gesch\u00e4fte von Inditex-Zara, die Lohnerh\u00f6hungen von mehr als 15 % erk\u00e4mpft haben. Die Gewerkschaftsf\u00fchrungen halten die Streiks nach Branchen getrennt, ohne jegliche Kontinuit\u00e4t und ohne ein Programm zur Vereinigung von Festangestellten und ausgelagerten Besch\u00e4ftigten sowie aller Kategorien innerhalb und au\u00dferhalb der Krankenh\u00e4user. Die Gewerkschaftsb\u00fcrokratien haben in Spanien seit einem Jahrzehnt nicht mehr zu einem Generalstreik aufgerufen (der letzte war am 14. November 2012). Da die Inflation mit 3,3 Prozent im M\u00e4rz relativ gut unter Kontrolle ist (obwohl sie bei Lebensmitteln auf 7,6 Prozent ansteigt), haben CCOO und UGT die Arbeitsministerin der Kommunistischen Partei, Yolanda D\u00edaz, und die \u201eprogressive\u201c PSOE-Podemos-Regierung der Bewegung einen \u201esozialen Frieden\u201c aufgezwungen. In einem starken Wahljahr, mit Kommunal- und Regionalwahlen im Mai und Parlamentswahlen Ende des Jahres, setzen die B\u00fcrokratien und die reformistische Linke auf einen Wahlkampf, in dem die Option des \u201ekleineren \u00dcbels\u201c gegen die Rechte dargestellt wird, um die Koalitionsregierung mit der sozialliberalen PSOE aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<p><strong>Eine ungleiche R\u00fcckkehr des Klassenkampfes<\/strong><\/p>\n<p>Die Streikprozesse, die wir uns angeschaut haben, sind gepr\u00e4gt von den neuen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen, die sich auf dem Kontinent nach der Pandemie, der Inflation und dem Krieg in der Ukraine aufgetan haben. W\u00e4hrend die Regierungen der europ\u00e4ischen Gro\u00dfm\u00e4chte die militaristischen Haushalte und die Kriegsoffensive durch die NATO aufstocken, beginnt die \u201einnere Front\u201c zu br\u00f6ckeln und weist erhebliche Widerspr\u00fcche auf. Dies zeigt sich an der \u2013 wenn auch ungleichm\u00e4\u00dfigen \u2013 R\u00fcckkehr des Klassenkampfes. Und da die Regierungen auf die Proteste mit mehr bonapartistischen und repressiven Ma\u00dfnahmen reagieren, wie im Fall von Macron, breitet sich die Wut aus.<\/p>\n<p>Am weitesten fortgeschritten ist der Prozess derzeit in Frankreich, und was dort geschieht, wird sich \u00fcber die Landesgrenzen hinaus auswirken. Dort bilden sich unabh\u00e4ngige Tendenzen der Selbstorganisierung militanterer Sektoren heraus, sei es durch harte Streiks, die Suche nach Koordination oder die Ablehnung des Verrats durch die B\u00fcrokratien.<\/p>\n<p>Was wir hier hervorheben wollen, ist die Tatsache, dass in mehreren L\u00e4ndern Europas eine Trendwende hin zu einer st\u00e4rkeren Intervention seitens der Arbeiter:innenklasse zu beobachten ist, die beginnt sich in Streiks f\u00fcr die Lohnerh\u00f6hung oder f\u00fcr die Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu mobilisieren. In den meisten F\u00e4llen gelingt es den Gewerkschaftsb\u00fcrokratien, sie von innen heraus zu spalten und zu passivieren. <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/ein-jahr-ukraine-krieg-der-klassenkampf-kehrt-nach-europa-zurueck\/\">Wie Santiago Lupe in einem Artikel zum Thema schreibt:<\/a><\/p>\n<p><em>Die andere gro\u00dfe Gemeinsamkeit zwischen den verschiedenen nationalen B\u00fcrokratien besteht darin, dass sie als echter Arm des Staates agieren, um dar\u00fcber zu wachen, dass die Streiks und Unruhen der Arbeiter:innen nicht mit einer Infragestellung der imperialistischen Politik ihrer jeweiligen Regierungen verbunden sind.<\/em><\/p>\n<p>Das hei\u00dft, man versucht zu verhindern, dass die K\u00e4mpfe der \u201einneren Front\u201c mit einer Infragestellung der imperialistischen Au\u00dfenpolitik der Staaten verbunden werden.<\/p>\n<p>Ein weiteres wichtiges Element ist die Beteiligung und Solidarit\u00e4t der Jugend an den Mobilisierungen und Streiks, wie sie in Frankreich, aber auch in Griechenland und Gro\u00dfbritannien in aktiverer Form stattfindet. Eine von Verelendung betroffene Jugend, die durch die Bewegungen gegen die Klimakrise, die feministische und antirassistische Bewegung politisiert wird. Junge Menschen, die das Gef\u00fchl haben, dass sie dem Kapitalismus nichts zu verdanken haben und sich in der Hitze der neuen Kampferfahrungen der Linken zuwenden. Dies ist ein wichtiger Gegentrend zu den dystopischen Vorstellungen von \u201ekeiner Zukunft\u201c und dem Individualismus, der in Teilen der Jugend vorherrscht, sowie zum Einfluss der extremen Rechten, die auf reaktion\u00e4re Weise das Unbehagen f\u00fcr sich ausnutzen will.<\/p>\n<p>Die aktuelle Streikwelle ist noch nicht vergleichbar mit den tiefgreifenden Arbeiter:innen- und Volkserhebungen des franz\u00f6sischen Mai, des italienischen hei\u00dfen Herbstes und des Prager Fr\u00fchlings, den letzten gro\u00dfen revolution\u00e4ren Erhebungen der Arbeiter:innenklasse auf dem europ\u00e4ischen Kontinent, die von der Radikalisierung der Arbeiter:innen und der Jugend gepr\u00e4gt waren. Die Erinnerung daran taucht jedoch blitzartig auf, wenn sich Teile der franz\u00f6sischen Jugend in den fr\u00fchen Morgenstunden mobilisieren, um eine Streikpostenkette der Arbeiter:innen zu unterst\u00fctzen und sich der polizeilichen Repression entgegenzustellen, oder wenn die Arbeiter:innen der wichtigsten Raffinerie Frankreichs zu einem Generalstreik aufrufen. In diesen Beispielen k\u00f6nnen wir das Potenzial einer Arbeiter:innenklasse erkennen, die, wenn sie zum Kampf bereit ist, Teile der Jugend, die antirassistischen Bewegungen und einen mit dem Klassenkampf verbundenen Feminismus gegen die imperialistischen Regierungen und den Kapitalismus hinter sich vereinen kann.<\/p>\n<p>Seit dem Ausbruch der gro\u00dfen kapitalistischen Krise von 2008 bis heute haben wir eine Wiederkehr des Klassenkampfes erlebt, die sich in mehreren Zyklen entfaltet hat, wobei die Grenze nicht so weit \u00fcber den Moment der Revolte (oder die Kombination von Teilstreiks, die von den B\u00fcrokratien kontrolliert werden, mit revoltierenden Tendenzen wie den Gelbwesten oder den Jugendsektoren) hinausging. In diesem Rahmen wurden immer wieder verschiedene Mechanismen angewandt, um die Mobilisierung auf verschiedene Formen der Institutionalisierung umzulenken, mit dem Ziel, eine Neuzusammensetzung der politischen Regime in der Krise zu erreichen. <a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/spip.php?page=gacetilla-articulo&amp;id_article=238141#nb5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Die reformistische Linke, die sich in Frankreich um die Figur von Melenchon gruppiert \u2013 und sogar von Sektoren der radikalen Linken wie der NPA unterst\u00fctzt wird -, versucht, die ganze Unzufriedenheit, die Mobilisierungen und die Streiks auf eine hypothetische Abl\u00f6sung durch die Wahl einer \u201elinken Regierung\u201c im Rahmen des b\u00fcrgerlichen Regimes zu lenken. Die Gewerkschaftsf\u00fchrungen im Vereinigten K\u00f6nigreich handeln auf die gleiche Weise, um die Basis zur Wahl von Labour zu st\u00e4rken, oder die spanische neo-reformistische Linke, die auf einen neuen Zyklus des kleineren \u00dcbels setzt.<\/p>\n<p>Die gegenw\u00e4rtigen Prozesse, wie sie sich in Frankreich und in Ans\u00e4tzen auch in anderen L\u00e4ndern entwickeln, bringen einige neue Elemente hervor. Angesichts der rapiden Verschlechterung der Lebensbedingungen und der bonapartistischen Verh\u00e4rtung der Regierungen \u2013 die im inneren die imperialistischen Aufr\u00fcstungspolitik begleitet \u2013 beginnen sich Teile der Arbeiter:innen und der Jugend zu radikalisieren, w\u00e4hrend breite Teile der Arbeiter:innenklasse zu erwachen beginnen. Dies er\u00f6ffnet die M\u00f6glichkeit, zu einem neuen Moment im Klassenkampf vorzusto\u00dfen, vorausgesetzt, die Politik der Gewerkschaftsb\u00fcrokratien und der Reformist:innen kann \u00fcberwunden werden.<\/p>\n<p>Die Genossinnen und Genossen von R\u00e9volution Permanente in Frankreich f\u00fchren diesen Kampf und haben das Netzwerk f\u00fcr den Generalstreik als einen Pol gef\u00f6rdert, der k\u00e4mpferische Sektoren zusammenbringt, sowie zur Bildung von Aktionskomitees f\u00fcr den Generalstreik und f\u00fcr einen Forderungskatalog aufgerufen. Um so die gesamte Arbeiter:innenklasse zu vereinen, mit einer Politik der Klassenunabh\u00e4ngigkeit mit dem Ziel, die Macron-Regierung durch den Klassenkampf zu besiegen. Der politische und programmatische Kampf gegen die B\u00fcrokratien und reformistischen Str\u00f6mungen ist der Schl\u00fcssel f\u00fcr fortgeschrittene Teile der Arbeiter:innenklasse und die Jugend, um die Erfahrung mit diesen F\u00fchrungen zu machen und Schlussfolgerungen \u00fcber die Notwendigkeit einer unabh\u00e4ngigen, antikapitalistischen, sozialistischen und revolution\u00e4ren Perspektive zu ziehen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/ein-streik-fruehling-in-europa-und-das-potenzial-der-arbeiterinnenklasse\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 9. April 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Josefina Martinez. Mit dem Epizentrum in Frankreich entsteht eine Streikwelle in mehreren europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. 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