{"id":12913,"date":"2023-04-14T13:54:33","date_gmt":"2023-04-14T11:54:33","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12913"},"modified":"2023-04-14T13:54:34","modified_gmt":"2023-04-14T11:54:34","slug":"eine-niederlage-die-die-welt-veraendern-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12913","title":{"rendered":"<strong>Eine Niederlage, die die Welt ver\u00e4ndern wird<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong><em>Alexander Neu. <\/em><strong>Die Debatten zur bevorstehenden Fr\u00fchjahrsoffensive der ukrainischen Sicherheitskr\u00e4fte gegen die russische Armee zwecks R\u00fcckeroberung des verlorenen Territoriums laufen hei\u00df. \u00dcberschattet wird diese Debatte um die Leaks eingestufter US-amerikanischer Dokumente. Da dieser Krieg ein mehrdimensionaler Krieg ist, mithin also auch ein Stellvertreterkrieg<\/strong><!--more--> <strong>zwischen dem Westen und Russland, sollen in diesem Artikel die geopolitischen Implikationen der jeweiligen Niederlagen beleuchtet werden.<\/strong><\/p>\n<p>Ungeachtet des Ausgangs der angek\u00fcndigten Fr\u00fchjahrsoffensive, ob nun der definitive Showdown oder eine von vielen Offensiven der einen oder der anderen Konfliktseiten, soll im Folgenden \u00fcber die Konsequenzen einer Niederlage, die irgendwann eine der beiden Konfliktseiten erleiden wird, reflektiert werden. Dabei sollen nicht die Niederlagen bzw. die diversen Formen der milit\u00e4rischen Niederlagen der Ukraine oder Russlands auf dem ukrainischen Schlachtfeld thematisiert werden. Diesen Aspekt habe ich bereits in einem Beitrag mit dem Titel <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94118\"><em>\u201eWas hei\u00dft Sieg oder Niederlage f\u00fcr Russland versus f\u00fcr Ukraine und den Westen? Eine Analyse\u201c<\/em><\/a> in den NachDenkSeiten im Februar beleuchtet: Der Sieg der einen Konfliktseite ist die Niederlage der anderen Konfliktseite auf dem Schlachtfeld \u2013 absolut oder in diversen Abstufungen, wie ich es dort ausgef\u00fchrt habe.<\/p>\n<p>Da dieser Krieg ein mehrdimensionaler Krieg ist, mithin also auch ein Stellvertreterkrieg zwischen dem Westen und Russland, vielleicht auch Chinas und anderer Staaten des Globalen S\u00fcdens, sollen die geopolitischen Implikationen der jeweiligen Niederlagen beleuchtet werden \u2013 ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit zu erheben, da die Wirklichkeit nie in klaren Kategorien wirkt.<\/p>\n<p><strong>Szenario 1: Russlands Niederlage<\/strong><\/p>\n<p>Verl\u00f6re Russland den Krieg gegen die Ukraine und somit gegen den Westen, so w\u00e4re eine ganze Kettenreaktion von Konsequenzen f\u00fcr Russland und dar\u00fcber hinaus denkbar, ja sogar in dem einen oder anderen Fall wahrscheinlich.<\/p>\n<p>Erstens w\u00fcrde sich zeigen, dass Russland nicht einmal eine \u201eRegionalmacht\u201c ist, um es mit den Worten B. Obamas zu benennen. Denn Russland erwiese sich als unf\u00e4hig, einen Staat unmittelbar an seiner eigenen Grenze milit\u00e4risch zu besiegen. Einmal von den diversen Unterst\u00fctzungsma\u00dfnahmen der NATO abgesehen, die tats\u00e4chlich bislang das milit\u00e4rische \u00dcberleben der Ukraine absichern \u2013 zwar zu einem enorm hohen menschlichen und infrastrukturellen Preis -, w\u00fcrde dieses Bild eines russischen Riesen auf t\u00f6nernen F\u00fc\u00dfen vorherrschen. Mit diesem Image als nicht einmal vollwertige Regionalmacht k\u00f6nnten sich Staaten im post-sowjetischen Raum (Kaukasus und Zentralasien) ermuntert sehen, neue Partner \u2013 vornehmlich im Westen zu suchen. Selbst wenn diese Staaten keinen eigenen Antrieb auswiesen, sich neue Partner zu suchen, k\u00f6nnten sie gen\u00f6tigt werden, sich dem \u201eSieger\u201c des Ukraine-Krieges \u201eanzun\u00e4hern\u201c. Wei\u00dfrussland w\u00e4re der vermutlich erste Kandidat, der in der euro-atlantischen Sph\u00e4re aufginge.<\/p>\n<p>Mehr noch, die bislang mehr oder minder latenten Separatismusph\u00e4nomene (Stichwort: Tschetschenien) insbesondere in der Kaukasusregion k\u00f6nnten wieder Auftrieb gewinnen. Der starke Mann Tschetscheniens, R. Kadyrow, ist zwar \u2013 noch \u2013 ein treuer Gefolgsmann Putins. Angesichts dieses besonderen Loyalit\u00e4tsverh\u00e4ltnisses genie\u00dft Tschetschenien eine \u2013 im Vergleich zu den \u00fcbrigen f\u00f6deralen Subjekten \u2013 herausragende Autonomie innerhalb der russischen F\u00f6deration. Jedoch k\u00f6nnten bei einer russischen Niederlage die innerrussischen Karten neu gemischt werden. Dass ein solches Szenario nicht abwegig ist, zeigt die Flexibilit\u00e4t des Vaters und Amtsvorg\u00e4ngers von R. Kadyrow, A. Kadyrow.<\/p>\n<p>Dieser rief 1994 im allgemeinen Schw\u00e4chezustand der russischen Staatlichkeit unter B. Jelzin den Dschihad, also den Heiligen Krieg, gegen Russland aus. Sp\u00e4ter, 1999, wechselte er die Fronten und wurde 2003 zum Pr\u00e4sidenten des russischen F\u00f6derationssubjektes Tschetschenien. 2004 starb A. Kadyrow bei einem Anschlag. Insbesondere das enge Loyalit\u00e4tsverh\u00e4ltnis zwischen R. Kadyrow und W. Putin sichert den Bestand Tschetscheniens in der russischen F\u00f6deration. Was aber, wenn Russland den Krieg und somit auch die Autorit\u00e4t im eigenen Haus verliert? Zumal auch das politische \u00dcberleben des gegenw\u00e4rtigen russischen Pr\u00e4sidenten, W. Putin, dann mehr als fragw\u00fcrdig erscheint. Selbst wenn R. Kadyrow loyal zur russischen Staatlichkeit st\u00fcnde, hei\u00dft das nicht, dass Kadyrow seine Macht dauerhaft sichern k\u00f6nnte, wenn sein bisheriger Schutzgarant W. Putin wegfiele. Mit einem erneuten Aufbrechen eines B\u00fcrgerkrieges in Tschetschenien k\u00f6nnte ein separatistischer Dominoeffekt entstehen \u2013 zun\u00e4chst in den f\u00f6deralen Subjekten des Kaukasus und ggf. dar\u00fcber hinaus bis hin zur Dismembration der russischen F\u00f6deration.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich wird in westlichen Redaktionsstuben und vielleicht auch Thinktanks und politischen Organisationen \u00fcber die Zerschlagung der russischen F\u00f6deration spekuliert. Die Aussage des US-amerikanischen Verteidigungsministers Austin, \u201ewir wollen, dass Russland so weit geschw\u00e4cht wird, dass es zu etwas wie diesem Einmarsch in die Ukraine nicht mehr in der Lage ist\u201c, offeriert sehr viel Interpretationsspielraum. Diese Aussage muss nicht als der Wille zur Zerschlagung Russlands interpretiert werden, kann aber auch nicht ausgeschlossen werden \u2013 oder zumindest als nette Nebenwirkung nicht unwillkommen sein. Andere westliche Akteure reden da bereits Klartext unter dem Begriff \u201ede-colonizing Russia\u201c. So ver\u00f6ffentlichte das US-amerikanische Magazin \u201eThe Atlantic\u201c am 27. Mai 2022 einen Beitrag mit dem Titel <a href=\"https:\/\/www.theatlantic.com\/ideas\/archive\/2022\/05\/russia-putin-colonization-ukraine-chechnya\/639428\/?s=35\">\u201eDecolonize Russia\u201c<\/a>.<\/p>\n<p>Darin wird von \u201ekolonialen Besitzt\u00fcmern\u201c des Kremls gesprochen und namentlich Tschetschenien, Tartastan, aber sogar Sibirien und die Arktis erw\u00e4hnt. Der Autor C. Michel fordert, der Westen m\u00fcsse das 1991 begonnene Projekt (gemeint ist die Aufl\u00f6sung der Sowjetunion) zu Ende f\u00fchren. Weiter: Der Kreml m\u00fcsse sein Imperium verlieren, um das Risiko weiterer Kriege zu vermeiden, womit gedanklich an Austins Forderung der Schw\u00e4chung Russlands zwecks Verhinderung seiner Kriegsf\u00e4higkeit angekn\u00fcpft wird. Inwiefern diese Forderungen im politischen Washington diskutiert werden, zeigt sich an einem online-briefing unter dem Titel: <a href=\"https:\/\/www.csce.gov\/international-impact\/press-and-media\/press-releases\/decolonization-russia-be-discussed-upcoming\">\u201eDECOLONIZING RUSSIA \u2013 A Moral and Strategic Imperative\u201c<\/a> \u2013 veranstaltet am 23. Juni 2022 durch die sogenannte \u201eCommission on Security and Cooperation in Europe\u201c \u2013 auch bekannt als US-Helsinki-Kommission. Einer der Panelisten war der oben bereits erw\u00e4hnte C. Michel.<\/p>\n<p>Diese Institution ist nicht irgendein Thinktank oder eine regierungsseitig finanzierte NGO. Es handelt sich hierbei um eine staatliche bzw. eine Regierungskommission (<a href=\"https:\/\/www.csce.gov\">csce.gov<\/a>), deren Mitglieder nahezu vollst\u00e4ndig aus den beiden US-Kongresskammern, dem Senat und dem Abgeordnetenhaus, entsandt werden. Sie werden vom US-Pr\u00e4sidenten, dem US-Au\u00dfenministerium, dem Pentagon (US-Verteidigungsministerium), dem Handelsministerium und den Pr\u00e4sidenten des US-Senats sowie dem Sprecher des Repr\u00e4sentantenhauses bestimmt. Die US-Helsinki-Kommission beschreibt ihren Charakter als eine \u201eunabh\u00e4ngige US-Regierungskommission, welche amerikanische nationale Sicherheit und nationale Interessen voranbringt durch die F\u00f6rderung von Menschenrechten, milit\u00e4rischer Sicherheit und wirtschaftlicher Zusammenarbeit in 57 Staaten\u201c. Die US-Kommission versteht sich somit als selbstmandatierter H\u00fcter der OSZE und deren Ziele \u2013 ist mithin kein OSZE-Organ. Und diese Kommission debattiert ernsthaft \u00fcber die Zerlegung Russlands. Dass diese Diskussion \u00fcber eine Zerschlagung der russischen Staatlichkeit Moskau nicht verborgen bleibt, versteht sich von selbst. So verk\u00fcndete Russland j\u00fcngst eine <a href=\"https:\/\/germany.mid.ru\/de\/aktuelles\/pressemitteilungen\/the_concept_of_the_foreign_policy_of_the_russian_federation\/\">aktualisierte au\u00dfenpolitische Strategie<\/a>, in der der Westen als \u201eexistenzielle Bedrohung\u201d f\u00fcr Russland qualifiziert wird sowie die Absicht, die \u201eDominanz der Vereinigten Staaten und anderer unfreundlicher L\u00e4nder in der Weltpolitik\u201c zu beseitigen.<\/p>\n<p>Die Niederlage Russlands w\u00fcrde einen Prozess beschleunigen und intensivieren, der f\u00fcr Russland ein zentrales Motiv f\u00fcr den Krieg gegen die Ukraine darstellt. Erstens die fortgesetzte NATO-Erweiterung \u2013 auch weiter in den post-sowjetischen Raum hinein. Und zweitens w\u00fcrde die Ukraine zu einem hochger\u00fcsteten anti-russischen Bollwerk mit dem Image, Russland besiegt zu haben, ausgebaut. Westliche, vor allem US-amerikanische und polnische Truppen w\u00fcrden direkt an der Grenze Russlands stationiert werden. Ein f\u00fcr Russland dauerhaftes Trauma. Bereits jetzt hat sich die NATO mit der Aufnahme Finnlands um weitere 1.300 Kilometer an der russischen Grenze erweitert.<\/p>\n<p><strong>Szenario 2: Niederlage der Ukraine<\/strong><\/p>\n<p>Die Niederlage der Ukraine w\u00e4re auch angesichts des Stellvertreterkrieges eine Niederlage des Westens. Es h\u00e4tte massive Auswirkungen auf das Image der USA als Supermacht, der NATO als gr\u00f6\u00dfte und m\u00e4chtigste Milit\u00e4rallianz der Menschheitsgeschichte, der EU als europ\u00e4isches Integrationsprojekt und der Ambition, unter F\u00fchrung der USA ein Juniorglobalplayer zu sein. Es h\u00e4tte Auswirkungen im Verh\u00e4ltnis der europ\u00e4ischen, insbesondere der osteurop\u00e4ischen Staaten zu Russland. Auch wenn die NATO- und EU-Mitgliedsstaaten angesichts des Krieges n\u00e4her zusammenger\u00fcckt sind, muss es kein Dauerzustand werden. Diese beiden internationalen Regierungsorganisationen bestehen aus Nationalstaaten mit eigentlich auch jeweiligen nationalen Interessen. So schert beispielsweise Ungarn immer wieder aus dem Chor aus und unterh\u00e4lt bilaterale Sonderbeziehungen mit Russland, wie j\u00fcngst mit der Sicherung zus\u00e4tzlicher Energiestr\u00f6me, was von den westlichen Partnern nicht mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen wird. Doch im Einzelnen:<\/p>\n<p><em>USA<\/em><\/p>\n<p>Der relative Machtverlust der USA im globalen System w\u00fcrde beschleunigt. Nicht zuletzt d\u00fcrfte der fluchtartige R\u00fcckzug der USA aus Afghanistan 2021 dazu beigetragen haben, dass die USA als kein zuverl\u00e4ssiger Schutzfaktor mehr wahrgenommen werden. Der Einfluss der USA selbst auf historische Verb\u00fcndete wie Saudi-Arabien nimmt bereits jetzt ab. Saudi-Arabien scheint sich auf Verhandlungsinitiative Chinas mit dem Iran auszus\u00f6hnen, und pl\u00f6tzlich ist der Frieden f\u00fcr den Jemen m\u00f6glich. Syrien und das NATO-Mitglied T\u00fcrkei n\u00e4hern sich unter russischer Vermittlung wieder an. In beiden F\u00e4llen spielen die USA nicht nur keine Rolle, sondern die Vermittlungen unterlaufen sogar die geopolitischen Interessen Washingtons. Die OPEC+ hat k\u00fcrzlich beschlossen, die F\u00f6rdermengen, wie von den USA gefordert, nicht zu erh\u00f6hen, sondern, wie von Russland gewollt, abzusenken. Die De-Dollarisierung, also der Abbau der Nutzung des US-Dollars f\u00fcr den internationalen Handel, nimmt immer schnellere Formen an. Immer mehr Staaten finanzieren ihren bilateralen Handel mit ihren Nationalw\u00e4hrungen. Das Zahlungssystem SWIFT erh\u00e4lt perspektivisch Konkurrenz, sodass die nicht-westliche Welt k\u00fcnftig sich dem Sanktionsdruck der USA auch in diesem Bereich immer mehr zu entziehen vermag, womit das inflation\u00e4r verwendete Schwert der US-Sanktionspolitik zur Disziplinierung unbotm\u00e4\u00dfiger Staaten an Effektivit\u00e4t verlieren wird.<\/p>\n<p>Mit diesen Ma\u00dfnahmen schwinden die Einflussm\u00f6glichkeiten und gleichsam die Einnahmen der USA, womit sich mittelfristig die Frage stellen wird, ob die USA ihre Milit\u00e4rausgaben (858 Mrd. US-Dollar im laufenden Haushaltsjahr 2023) weiterhin stemmen werden k\u00f6nnen, ob sie die nahezu 1.000 US-Milit\u00e4rstandorte auf den diversen Kontinenten, mit denen die USA ihre milit\u00e4rische Macht projizieren, weiter unterhalten k\u00f6nnen, etc.<\/p>\n<p><em>NATO<\/em><\/p>\n<p>Dieser US-amerikanische Machtverlust wirkte sich unmittelbar auf die Koh\u00e4renz der NATO aus. Es setzten sich vermutlich zentrifugale Kr\u00e4fte frei, da das Image der NATO, die diesen Krieg selbst zum Schicksal ihres Seins erkl\u00e4rt hat, als wirkm\u00e4chtigste Milit\u00e4rallianz in der Menschheitsgeschichte effektiv besch\u00e4digt w\u00e4re und sodann eine nie dagewesene Legitimationskrise erzeugte.<\/p>\n<p>Wenn 31 Mitgliedsstaaten mit einem Milit\u00e4rbudget von \u00fcber 1,175 Billionen US-Dollar (Stand 2021), davon alleine die USA 801 Mrd. US-Dollar (Stand 2021), und einem Gesamt-BIP von nahezu 40 Billionen US-Dollar (Stand 2021) im Vergleich zu Russland mit einem Milit\u00e4rbudget von 66 Mrd. US-Dollar (Stand 2021) und einem BIP mit vergleichbar mageren 1,8 Billionen US-Dollar (Stand 2021) eine Niederlage einfahren, dann hinterl\u00e4sst dies einen katastrophalen Eindruck auf den Rest der Welt.<\/p>\n<p><em>Europ\u00e4ische Union<\/em><\/p>\n<p>Die EU, die sich derweil zunehmend an den USA ausrichtet und sich den US-Vorgaben bereitwillig f\u00fcgt, m\u00fcsste sich angesichts einer westlichen Niederlage im Sinne des Aspekts einer echten europ\u00e4ischen Souver\u00e4nit\u00e4t wohl neu erfinden, will sie nicht in die absolute Bedeutungslosigkeit st\u00fcrzen.Vielleicht w\u00fcrden im Falle einer Niederlage die Vorstellungen des franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten E. Macron von einem selbstst\u00e4ndigeren Europa dann doch auch konstruktive Debatten in den \u00fcbrigen europ\u00e4ischen Hauptst\u00e4dten und in Br\u00fcssel entfalten, statt sie durch gesinnungsethische Reflexe als quasi Hochverrat zu brandmarken. Sollte der k\u00fcnftige US-Pr\u00e4sident wieder D. Trump hei\u00dfen oder jemand von seinem Typus, m\u00fcsste diese Debatte in Europa ohnehin nolens volens alsbald gef\u00fchrt werden. F\u00fcr ein souver\u00e4nes und selbstst\u00e4ndiges Europa zu sein, hei\u00dft nicht gegen die USA zu sein, es sei denn, man betrachtet alles jenseits der Unterwerfung unter die USA als anti-amerikanisch. Dass es solch unterkomplexes Denken gibt, zeigen die gegenw\u00e4rtigen Reaktionen auf Macrons \u00c4u\u00dferungen.<\/p>\n<p>Russland w\u00fcrde als Sieger hingegen vermutlich bestrebt sein, entweder die EU zu zerlegen und zu den europ\u00e4ischen Staaten jeweils bilaterale Beziehungen gem\u00e4\u00df den russischen Interessen aufzubauen. Oder aber sich die EU gef\u00fcgig zu machen, um einen \u201eunfreundlichen\u201c Akteur dauerhaft auszuschalten. Eine EU ist weder unter US-amerikanischer noch unter russischer F\u00fchrung f\u00fcr uns Europ\u00e4er w\u00fcnschenswert \u2013 unsere Interessen sind bei seri\u00f6ser Betrachtung weder mit denen Russlands noch mit denen der USA deckungsgleich.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Der Epochenwandel von der unipolaren westlichen hin zu einer multipolaren Weltordnung wird durch eine kriegerische Unordnung begleitet. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und der damit einhergehende Stellvertreterkrieg sind eindeutige \u2013 zwar nicht zwangsl\u00e4ufige, jedoch erwartbare \u2013 Symptome des Epochenwandels. Zugleich manifestiert und beschleunigt der Krieg den Epochenwandel. Selbst wenn Russland den Krieg mit all den oben genannten m\u00f6glichen Konsequenzen verlieren sollte, scheint mir der Entwicklungsprozess hin zu einer neuen multipolaren Weltordnung, in der China und der Globale S\u00fcden als Kraftzentren die internationale Ordnung mitgestalten werden, unaufhaltsam. Eine Niederlage Russlands w\u00fcrde sicherlich den Transformationsprozess verlangsamen und vor allem China in eine schwierige Situation bringen, da der gro\u00dfe Partner im Norden, also Russland, wegfiele. Ein zerlegtes oder gar ein pro-westliches Russland stellte f\u00fcr China das Worst-case-Szenario in den geo-, sicherheits- und energiepolitischen Entwicklungen dar.<\/p>\n<p>Der Westen w\u00fcrde im Falle einer Niederlage in atemberaubendem Tempo an globaler Macht einb\u00fc\u00dfen. Internationale Regierungsorganisationen, die aufgrund westlicher Blockade sich den neuen Machtverh\u00e4ltnissen nicht anpassten, w\u00fcrden durch neue internationale Foren und Institutionen unter F\u00fchrung der BRICS-Staaten marginalisiert. Schon jetzt sind die G20 relevanter als die G7. Schon jetzt wenden sich immer mehr Staaten aus allen Kontinenten dem BRICS-Format zu.<\/p>\n<p>Beide Maximalziele, die m\u00f6gliche Zerschlagung der russischen Staatlichkeit auf der einen sowie die \u201eBeseitigung\u201c der westlichen Dominanz auf der anderen Seite, zeigen zwei Dinge: Erstens, es handelt sich, wie kritische Beobachter von Anfang an feststellten, eben nicht nur um einen ukrainisch-russischen Regionalkrieg, sondern auch und vor allem um einen geopolitischen Weltordnungskrieg zwischen dem Westen und Russland und ggf. weiteren Staaten der nicht-westlichen Welt. Und zweitens, die Entschlossenheit beider Seiten wirkt wie zwei aufeinanderzu rasende Z\u00fcge, bei denen jeweils die Bremsen zuvor mit Absicht ausgebaut wurden, um der Gegenseite die eigene Entschlossenheit zu demonstrieren \u2013 keine gute Perspektive f\u00fcr den Weltfrieden.<\/p>\n<p>Bei Russland geht es in diesem Konflikt als Minimalziel um die Sicherung des Status als Gro\u00dfmacht sowie den Anspruch, dass seine Sicherheitsinteressen und somit seine staatliche Existenz ber\u00fccksichtigt werden \u2013 maximal um die Beseitigung der westlichen Globaldominanz und, wenn m\u00f6glich, um die Kontrolle \u00fcber den post-sowjetischen Bereich und \u00fcber Europa.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Westen geht es um das Anhalten und bestenfalls Zur\u00fcckdrehen der Uhr in Richtung der von den USA gef\u00fchrten unipolaren Weltordnung. Mindestens aber um das staatliche \u00dcberleben der Ukraine und ihrer wie auch immer gearteten Anbindung an EU und NATO.<\/p>\n<p>Die Realit\u00e4t einer Niederlage f\u00fcr die eine oder andere Seite wird jeweils irgendwo im breiten Spektrum liegen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96345\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 14. April 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Alexander Neu. Die Debatten zur bevorstehenden Fr\u00fchjahrsoffensive der ukrainischen Sicherheitskr\u00e4fte gegen die russische Armee zwecks R\u00fcckeroberung des verlorenen Territoriums laufen hei\u00df. \u00dcberschattet wird diese Debatte um die Leaks eingestufter US-amerikanischer Dokumente. 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