{"id":1294,"date":"2016-06-24T09:01:32","date_gmt":"2016-06-24T07:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1294"},"modified":"2016-06-24T09:01:32","modified_gmt":"2016-06-24T07:01:32","slug":"die-zerstoerung-jugoslawiens-mit-deutscher-hilfe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1294","title":{"rendered":"Die Zerst\u00f6rung Jugoslawiens mit deutscher Hilfe"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vor 25 Jahren erkl<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>rten Kroatien und Slowenien ihre Unabh<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>ngigkeit von Jugoslawien. Die Sezession wurde von der BRD und von <\/strong><strong>\u00d6<\/strong><strong>sterreich unterst<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>tzt. Es folgte ein Jahrzehnt des Krieges und der Zerst<\/strong><strong>\u00f6<\/strong><strong>rung auf dem Balkan.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><em>Hannes Hofbauer. <\/em>Wenn sich Slowenien in einigen Tagen f\u00fcr unabh\u00e4ngig erkl\u00e4rt, werden wir diese Entscheidung nicht anerkennen\u00ab. Wir schreiben den 21. Juni 1991. Es ist neun Uhr abends, und eine seit Stunden wartende Hundertschaft Journalisten r\u00fcckt der achtlos gezogenen roten Absperrungskordel immer n\u00e4her, als im Belgrader Palast der F\u00f6deration der jugoslawische Au\u00dfenminister Budimir Loncar und sein US-amerikanischer Amtskollege James Baker vor die Presse treten. Seit dem fr\u00fchen Nachmittag war Baker zwischen den sechs Pr\u00e4sidenten der jugoslawischen Teilrepubliken im ger\u00e4umigen Palast unterwegs und hat mit jedem von ihnen ausf\u00fchrlich konferiert. Es ging um die von Kroatien und Slowenien f\u00fcr die Folgewoche angek\u00fcndigten Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rungen. Der amerikanische Chefdiplomat spielte den Vermittler. Und er machte in seiner Abschlusserkl\u00e4rung deutlich, dass Washington keinen Zerfall des Vielv\u00f6lkerstaates w\u00fcnschte. Das Eingangszitat stammt von ihm. Noch w\u00e4hrend die Agenturen, Fernseh- und Printjournalisten Bakers Aussagen um die Welt schicken, gehen die Vorbereitungen f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeitsfeiern in Zagreb und Ljubljana weiter. Vier Tage nach Bakers Auftritt im Palast der F\u00f6deration beginnt der Kampf der V\u00f6lker Jugoslawiens gegeneinander. Titos F\u00f6deralismus ist mausetot.<\/p>\n<p><strong>Anerkennung bedeutet Krieg <\/strong><\/p>\n<p>Im Unterschied zu Washington haben f\u00fchrende Kr\u00e4fte in der BRD, allen voran Au\u00dfenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), immer wieder Sympathie gegen\u00fcber den Anliegen der slowenischen und kroatischen Sezessionisten gezeigt. Die Rede von der \u00bbnationalen Selbstbestimmung\u00ab machte die Runde, und im Bundestag forderten Abgeordnete von CDU (Friedrich Vogel), SPD (Peter Glotz) und Gr\u00fcnen schon vor der kroatischen Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung in der Bundestagssitzung vom 19. Juni 1991, die bevorstehenden Abspaltungen anzuerkennen. In \u00d6sterreich ging man mit den Provokationen gegen\u00fcber Belgrad noch weiter, indem z. B. Au\u00dfenminister Alois Mock (\u00d6VP) den Slowenen Dimitrij Rupel am 20.\/21. Juni in die \u00f6sterreichische KSZE-Delegation einschleuste, um dort u. a. \u00fcber die Suspendierung der jugoslawischen Mitgliedschaft zu diskutieren. Rupel nahm zu diesem Zeitpunkt den Posten des slowenischen \u00bbAu\u00dfenministers\u00ab ein, obwohl Ljubljana noch nicht einmal seine Selbst\u00e4ndigkeit erkl\u00e4rt hatte.<\/p>\n<p>Deutschland und \u00d6sterreich waren die treibenden Kr\u00e4fte auf dem internationalen Parkett, die die innerjugoslawischen Zerw\u00fcrfnisse dynamisierten, indem sie die ethnisch-nationale Karte ausspielten. Warnende Stimmen aus Frankreich oder den USA vor den Folgen einer solchen Politik schlugen die politisch und medial Verantwortlichen in den Wind. Auch zuvor gesch\u00e4tzte Dissidenten wie Milovan Djilas wollte in Berlin oder Wien niemand h\u00f6ren. Der ehemalige Kampfgef\u00e4hrte von Josip Broz Tito meldete sich prophetisch zu Wort, als er im Juli 1991 vor einer internationalen Anerkennung der kroatischen und slowenischen Sezessionen warnte. \u00bbDie Anerkennung der Unabh\u00e4ngigkeit von Slowenien oder Kroatien durch Deutschland, \u00d6sterreich oder andere Staaten wird direkt zu einem B\u00fcrgerkrieg in Jugoslawien f\u00fchren\u00ab, meinte er gegen\u00fcber der Wiener Tageszeitung <em>Die Presse<\/em>. \u00bbDieser Krieg\u00ab, so Djilas weiter, \u00bbw\u00fcrde von unvorhersehbarer Dauer sein und k\u00f6nnte, so f\u00fcrchte ich, durch die Intervention internationaler Organisationen oder das Eingreifen der Gro\u00dfm\u00e4chte nicht gestoppt werden.\u00ab Es n\u00fctzte nichts. <em>Der Spiegel<\/em> gab die Linie vor, indem er zur selben Zeit Anfang Juli 1991 titelte: \u00bbV\u00f6lkergef\u00e4ngnis Jugoslawien: Terror der Serben\u00ab. Es war einer von vielen Aufrufen zur Zerst\u00f6rung Jugoslawiens.<\/p>\n<p>Vor allem im deutschen Sprachraum hatten sich Medien und Politik auf die Losung \u00bbAnerkennung oder Krieg\u00ab geeinigt; geworden ist aus der scheinbaren Alternative, wie von Djilas vorausgesagt, die Abfolge: Anerkennung, dann Krieg.<\/p>\n<p>Am 17. Dezember 1991 beschlossen die Mitglieder der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft auf Druck Berlins, die zwei s\u00fcdslawischen Republiken als Staaten anzuerkennen, was kurz darauf auch passierte. Die <em>FAZ<\/em> kommentierte die Entscheidung mit dem Satz: \u00bbDie Anerkennung Sloweniens und Kroatiens als unabh\u00e4ngige Staaten zum 15. Januar 1992 kam ein halbes Jahr zu sp\u00e4t.\u00ab Und der nachmalige US-Sonderbeauftragte f\u00fcr den Balkan, Richard Holbrooke, schrieb in seinen Memoiren: \u00bbGenscher schlug alle Warnungen seiner alten Freunde in den Wind. Ganz untypisch lie\u00df Deutschland seine Muskeln spielen. Auf dem entscheidenden Treffen der europ\u00e4ischen Au\u00dfenminister Mitte Dezember 1991 erkl\u00e4rte Genscher gegen\u00fcber seinen Kollegen, Deutschland werde, sollten die anderen EG-Staaten nicht mitziehen, Kroatien notfalls im Alleingang anerkennen.\u00ab<\/p>\n<p>Es sollte freilich nicht lange dauern, bis auch die USA nicht mehr abseits standen. Mitten im blutigen bosnischen B\u00fcrgerkrieg setzte Washington ab Anfang 1994 auf die muslimische Karte und formte eine bosnisch-kroatische F\u00f6deration. Damit \u00fcbernahmen die USA das Staffelholz der antiserbischen Koalition, Fliegerangriffe gegen serbisch-bosnische Stellungen inklusive. Die Intervention, die Berlin 1991 begonnen hatte, gipfelte Ende M\u00e4rz 1999 im v\u00f6lkerrechtswidrigen NATO-Krieg gegen (Rest-)Jugoslawien. Der letzte jugoslawische Verteidigungsminister, General Veljko Kadijevic, benannte klar die deutsche Schuld, als er 1993 konstatierte: \u00bbDeutschland bem\u00fchte sich nicht um eine friedliche L\u00f6sung, sondern um den B\u00fcrgerkrieg, auf dass sich die V\u00f6lker Jugoslawiens nie wieder werden einigen k\u00f6nnen. Es ist nicht auszuschlie\u00dfen, dass Deutschland sogar sp\u00e4ter auf dem Balkan herrscht.\u00ab Was die wirtschaftliche Seite anbelangt, sollte Kadijevic recht behalten.<\/p>\n<p>25 Jahre nach den Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rungen Kroatiens und Sloweniens ist der postjugoslawische Raum vollkommen desintegriert. In \u2013 je nach Z\u00e4hlweise \u2013 sechs oder sieben staatlichen Entit\u00e4ten (Slowenien, Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Montenegro \u2013 und Kosovo) zahlen die Menschen mit f\u00fcnf unterschiedlichen W\u00e4hrungen (Euro, Kuna, Dinar, Denar, Konvertible Mark). Kosovo und Bosnien-Herzegowina werden im Kolonialstil von au\u00dfen verwaltet, und mit dem im Kosovo gelegenen Camp Bondsteel betreiben die USA ihre gr\u00f6\u00dfte europ\u00e4ische Milit\u00e4rbasis.<\/p>\n<p><strong>\u00d6<\/strong><strong>konomische Krise <\/strong><\/p>\n<p>Den Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rungen der nordwestlichen Republiken ging eine tiefe \u00f6konomische Krise voraus, die gesamtjugoslawisch war und einem \u00e4hnlichen Muster folgte wie \u00fcberall sonst in Osteuropa. \u00bbSchuld an der ganzen Misere sind die Kommunisten\u00ab, lautete das einfach gestrickte Argument der Jahre 1989\/1990, das die Notlage erkl\u00e4ren helfen sollte, in die Jugoslawien geraten war. Die Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs lagen tats\u00e4chlich schon lange zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die Weltwirtschaftskrise 1973, auch als \u00d6lkrise bekannt, setzte Jugoslawien stark zu. Sinkende Produktivit\u00e4t und schw\u00e4chelnder Au\u00dfenhandel hatten zur Folge, dass die Auslandsschulden rasch anstiegen. Der \u00bbInternationale W\u00e4hrungsfonds\u00ab (IWF) hielt das gewohnte Rezept bereit, verordnete ein Sparprogramm und dr\u00e4ngte auf die Reduktion sozialer Leistungen und den Abbau unrentabler Betriebe. Das stie\u00df auf heftigen Widerstand bei der Bev\u00f6lkerung. Einerseits fl\u00fcchteten die betroffenen Arbeiter und Rentner in die partiell subsistente Welt ihrer Vorfahren, andererseits kam es auch zu sozialen K\u00e4mpfen. So im Fr\u00fchjahr 1987, als in vielen Teilen Jugoslawiens \u2013 insbesondere in Kroatien \u2013 gestreikt wurde. Die Protestierenden wandten sich gegen ein von der Regierung verordnetes Einfrieren der L\u00f6hne, das Ende 1986 zeitgleich mit massiven Preiserh\u00f6hungen f\u00fcr Fleisch, Zucker und andere Grundnahrungsmittel verordnet worden war. Im Juli 1987 wurde dann staatlicherseits verlautet, dass 7.000 defizit\u00e4re Betriebe geschlossen werden m\u00fcssten, was 1,5 Millionen Menschen arbeitslos gemacht h\u00e4tte. Betriebsversammlungen und Diskussionsveranstaltungen w\u00e4hrend der Arbeitszeit sowie \u00bbunerlaubtes Fernbleiben\u00ab vom Arbeitsplatz nahmen zu. Die soziale Bombe tickte. Der durchschnittliche Reallohn eines jugoslawischen Arbeiters sank w\u00e4hrend der 1980er Jahre um 40 Prozent.<\/p>\n<p>In der zweiten M\u00e4rzwoche 1991, also noch vor Ausbruch territorialer K\u00e4mpfe, ersch\u00fctterten \u00bbIWF-Riots\u00ab \u2013 Aufst\u00e4nde \u00e4hnlich jenen, die man sonst aus L\u00e4ndern der \u00bbDritten Welt\u00ab als Reaktion auf die \u00bbSchocktherapien\u00ab des IWF kannte \u2013 die Belgrader Innenstadt. Eine von der Serbischen Erneuerungsbewegung (SOP) des Vuk Draskovic initiierte Demonstration gegen die Medienpolitik von Slobodan Milosevics Sozialistischer Partei (SPS) kippte um in eine soziale Revolte deklassierter und arbeitsloser Jugendlicher. Zehntausende w\u00fctende Demonstranten eroberten die polizeilich gesperrte Belgrader Innenstadt, schleuderten Pflastersteine und Betonplatten gegen die Sicherheitskr\u00e4fte, die ihrerseits von Tr\u00e4nengas und Gummikn\u00fcppeln ausgiebig Gebrauch machten. Die Demonstranten lieferten sich zwei Tage lang Barrikadenk\u00e4mpfe mit der serbischen Miliz. Nach offiziellen Angaben wurden ein Polizist und ein Demonstrant get\u00f6tet sowie 80 Personen verletzt, zahlreiche schwer. Am zweiten Tag fuhren Panzer der Jugoslawischen Volksarmee in den Stra\u00dfen von Belgrad auf und beruhigten die Lage. Ein letzter, allerdings hilflos gewaltt\u00e4tiger sozialer Protest war damit unterdr\u00fcckt worden, bevor sich die verschiedenen Nationalismen auf den Stra\u00dfen und in den Parlamenten aller Teilrepubliken durchsetzten. Vor dem Hintergrund einer ernsthaften wirtschaftlichen Krise versch\u00e4rften sich die regionalen Auseinandersetzungen um die knapper werdenden finanziellen Ressourcen. Der Kampf der Republiken gegeneinander begann auf \u00f6konomischem Gebiet.<\/p>\n<p>Nirgendwo sonst in Europa existierte ein Land, in dem die regionalen Disparit\u00e4ten so extrem auseinanderklafften. Der staatlichen Statistik entnehmen wir, dass im letzten Vorkriegsjahr die Einkommensunterschiede der fast 24 Millionen Jugoslawinnen und Jugoslawen enorm waren. Slowenien verf\u00fcgte \u00fcber ein achtmal so hohes Pro-Kopf-Einkommen wie der Kosovo. Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 5.500 US-Dollar pro Kopf lag die kleine n\u00f6rdliche Republik 1990 vor den EG-Staaten Portugal (4.300 US-Dollar) und Griechenland (5.300 US-Dollar). Kroatien und die Vojvodina folgten mit den Kennziffern 3.400 bzw. 3.200, danach kam Serbien mit 2.200 US-Dollar, allerdings inklusive der Vojvodina und dem Kosovo gerechnet. Der Kosovo bildete mit mageren 730 US-Dollar BIP pro Kopf das Schlusslicht. Die relative Position des Kosovo innerhalb Jugoslawiens hatte sich im Lauf der letzten vier Jahrzehnte zudem dramatisch verschlechtert. Zwischen 1950 und 1990 vergr\u00f6\u00dferte sich das Entwicklungsgef\u00e4lle zu Slowenien um das Doppelte; allerdings gew\u00e4hrleistete das hohe Wachstum nach dem Zweiten Weltkrieg, dass es auch zum Ansteigen des Lebensniveaus in den \u00e4rmeren Republiken und Regionen kam.<\/p>\n<p>Der innerjugoslawische Wirtschaftskrieg ging dem hei\u00dfen Krieg voraus. Slowenien und Serbien boykottierten einander bereits seit 1989\/1990, gegenseitige Einfuhrverbote bestimmten die Wirtschaftspolitik; ehedem gemeinsam entwickelte Energiekonzepte, republiks\u00fcbergreifende Zulieferungen im Industriebereich, ja letztlich sogar die Zolleinnahmen wurden zum Kampfmittel Nord gegen S\u00fcd, S\u00fcd gegen Nord, Republik gegen Republik.<\/p>\n<p><strong>Neoliberale Reformen <\/strong><\/p>\n<p>In dieser Situation setzte Ministerpr\u00e4sident Ante Markovic auf ausl\u00e4ndische Hilfe, die sich freilich bald als vorerst \u00f6konomische und sp\u00e4ter milit\u00e4rische Intervention entpuppen sollte. IWF-Mann Jeffrey Sachs verordnete ein Sanierungsprogramm nach dem Motto: Operation gelungen, Patient tot. Eine Hyperinflation in der H\u00f6he von 1.000 Prozent hatte im Laufe des Jahres 1989 s\u00e4mtliche Ersparnisse der Menschen entwertet. Der staatliche Sparkurs lie\u00df zudem die von der Krise ersch\u00fctterten Betriebe im Regen stehen. Die zugleich verordnete Markt\u00f6ffnung setzte Jugoslawien dem scharfen Wind des internationalen Wettbewerbs aus, der sich im Lauf des Jahres 1990 zum Orkan steigerte. Innerhalb von wenigen Monaten verordnete Markovic eine radikale Importliberalisierung, die verheerende Folgen f\u00fcr s\u00e4mtliche jugoslawischen Produktionsbetriebe hatte.<\/p>\n<p>Der steigende Druck des IWF, der zu einer raschen Verarmung der Bev\u00f6lkerung beitrug, bewog die Regierung der Republik Serbien mit ihrem Pr\u00e4sidenten Slobodan Milosevic dazu, an sozialistischen Mindesterrungenschaften festzuhalten, die in den Jahrzehnten nach 1945 eingef\u00fchrt worden waren. Den mit politischen Parolen gew\u00fcrzten Widerstand in den Stra\u00dfen von Belgrad im M\u00e4rz 1991 hatte die Regierung noch gemeinsam mit der Bundesarmee niedergerungen. Die ins nationale Aufbegehren gewendeten sozialen Proteste konnte oder wollte Milosevic nicht unterdr\u00fccken \u2013 sie boten ihm das gesellschaftliche Potential f\u00fcr seine politische Machterhaltung. Deshalb wurde er in der Folge zum Feindbild des Westens, der vorerst in Gestalt von Weltbank und W\u00e4hrungsfonds, sp\u00e4ter in Form von NATO-Kampfflugzeugen auf den Plan trat und Jugoslawien vernichtete. Bereits Ende 1990 begann die SPS, die von den Bundesorganen unter Ministerpr\u00e4sident Ante Markovic vorangetriebenen ultraliberalen Wirtschaftsreformen zu boykottieren. Unmittelbar nach dem orthodoxen Weihnachtsfest bem\u00e4chtigte sich Milosevic der jugoslawischen Notenbank und lie\u00df f\u00fcr umgerechnet 1,8 Mrd. US-Dollar Dinar drucken. Damit wurden in den folgenden Tagen ausstehende L\u00f6hne von Staats- und Gemeindebediensteten \u2013 Soldaten, Lehrern, \u00c4rzten, Krankenschwestern \u2013 ausbezahlt. Dem IWF-Sanierungsplan, der ja gerade auf der Geldverknappungspolitik und den Lohnk\u00fcrzungen beruhte, war damit der Todessto\u00df versetzt. \u00bbBankraub\u00ab und \u00bbFalschgeldskandal\u00ab riefen slowenische und kroatische Politiker. Westliche Finanzbl\u00e4tter titelten mit emp\u00f6rten Losungen: \u00bbEntmachtung der Nationalbank\u00ab und \u00bbSerbiens Selbstbedienungssozialismus\u00ab hie\u00df es beispielsweise in der <em>Neuen Z\u00fcrcher Zeitung<\/em>, die den Zugriff der serbischen Autorit\u00e4ten auf die Notenbank scharf kritisierte. Dass ein solcher technisch \u00fcberhaupt m\u00f6glich war, lag an der Struktur der seit ihrer Gr\u00fcndung nicht unabh\u00e4ngig funktionierenden Notenbank. Gro\u00dfe Unternehmen und die Republiken selbst f\u00fchlten sich als Eigent\u00fcmer der Banken, auch der Notenbank.<\/p>\n<p>Die Inbetriebnahme der Druckerpresse der Notenbank, noch dazu ohne jede R\u00fccksprache mit dem Washingtoner IWF, stempelte Milosevic zum Feind der freien Marktwirtschaft. Damals, im Januar 1991, mag im Westen jener Meinungsumschwung vorbereitet worden sein, der letztlich zur Isolierung Serbiens und zur Zerst\u00f6rung Jugoslawiens gef\u00fchrt hat. Jeffrey Sachs jedenfalls siedelte von Belgrad nach Ljubljana \u00fcber, offensichtlich, weil sein Zwangssanierungsprojekt in ganz Jugoslawien nicht mehr durchsetzbar schien und er von nun an auf die n\u00f6rdlichen Teilrepubliken setzte. 1992 wurde die Mitgliedschaft Jugoslawiens bei IWF und Weltbank \u2013 bis Mai 2001 \u2013 \u00bbeingefroren\u00ab, weil man sich zwischen den Republiken nicht \u00fcber die Verteilung der Schulden und des Eigentums einigen konnte. Dies hinderte allerdings IWF und Weltbank nicht daran, Kroatien und Slowenien in die internationalen Finanzklubs aufzunehmen.<\/p>\n<p><strong>Erste Opfer der Trag<\/strong><strong>\u00f6<\/strong><strong>die <\/strong><\/p>\n<p>Seit dem Wahlsieg der \u00bbKroatischen Demokratischen Union\u00ab (HDZ) im April 1990 lag Zagreb im nationalen Taumel. Poster des Ustascha-F\u00fchrers Ante Pavelic lachten einem in den Wirtsstuben entgegen, an allen Ecken und Enden tauchte die Schachbrettfahne des faschistischen Kroatien auf, und auf dem Hauptplatz von Zagreb lie\u00df der neue starke Mann, Franjo Tudjman, das Reiterstandbild des kroatischen Nationalhelden Josip Jelacic aufstellen. Dieser hatte im Jahr 1848 gegen das revolution\u00e4re Ungarn gek\u00e4mpft, nun brauchte man ihn gegen Serbien, weshalb sein Schwert in Richtung Belgrad zeigte.<\/p>\n<p>Im Mai 1990 lie\u00df sich Tudjman zum Pr\u00e4sidenten ausrufen, im Dezember folgte eine neue Verfassung, in der die staatliche Unabh\u00e4ngigkeit Kroatiens bereits verankert war. Klammheimlich besorgte man sich Waffen von der ungarischen Armee, und die kroatische Nationalgarde, die laut Erlass des jugoslawischen Staatspr\u00e4sidiums ihre Waffen bis Anfang 1991 h\u00e4tte abgeben m\u00fcssen, r\u00fcckte statt dessen in die serbischen Siedlungsgebiete ein. Dort lebten rund um Knin und in Slawonien knapp 600.000 Serben. Am 2. M\u00e4rz 1991, also noch vor der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung, kam es in der slawonischen Stadt Pakrac zu einer ersten gezielten Provokation der immer nationalistischer auftretenden kroatischen Garden. Sie drangen in die gro\u00dfteils von Serben bewohnte Stadt ein und forderten von den \u00f6rtlichen serbischst\u00e4mmigen Polizisten, auf ihrer Polizeistation die Schachbrettfahne zu hissen. Als sich die Beamten weigerten, kamen die ungarischen Armeebest\u00e4nde zum Einsatz. Die ersten Toten der jugoslawischen Trag\u00f6die waren Serben.<\/p>\n<p>Im Laufe des Mai 1991 nahmen die Scharm\u00fctzel zwischen kroatischer Nationalgarde auf der einen und serbischst\u00e4mmigen Polizisten sowie in Kroatien stationierten Einheiten der jugoslawischen Volksarmee zu. Kroatiens Unabh\u00e4ngigkeit war zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgerufen. Aufgrund dieses Tatbestands h\u00e4tten eigentlich s\u00e4mtliche sezessionistischen Aktionen der von Zagreb ausgesandten Polizei- und Truppenabteilungen als illegal eingestuft werden m\u00fcssen. V\u00f6lkerrechtlich gibt es \u00fcber diese Einsch\u00e4tzung wohl kaum einen Zweifel. Das Gewaltmonopol der jugoslawischen Armee hatte Bestand; Zagreb akzeptierte es allerdings nicht mehr. Deshalb hatte sich auch das kroatische Verteidigungsministerium als Antwort auf die Konfiszierung von Waffenbest\u00e4nden durch die Volksarmee ungarische Kalaschnikows besorgt. Und deshalb ist in kroatischen Quellen jedes Mal von Besetzung die Rede, wenn Serben ihre Polizeistation gegen die neu entsandte kroatische Belegschaft verteidigten.<\/p>\n<p>Die unkritische \u00dcbernahme der kroatischen Sichtweise durch die deutschsprachigen Medien und die Politik der BRD sowie \u00d6sterreichs entsprachen zwar den wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen an der Schaffung eines deutsch gef\u00fchrten \u00bbMitteleuropas\u00ab in diesem Raum, rechtlich war sie jedoch nicht haltbar. Denn Kroatien war kein v\u00f6lkerrechtliches Subjekt, dessen Legitimit\u00e4t es erlaubt h\u00e4tte, seine Verfassung, die ja bereits seit Dezember 1990 eine politische und territoriale Unabh\u00e4ngigkeit vorsah, milit\u00e4risch zu exekutieren. Die deutsch-\u00f6sterreichische Politik, an der Spitze Hans-Dietrich Genscher und Alois Mock, setzte in dieser hochbrisanten Situation auf Sezession und erkannte de facto ein kroatisches Gewaltmonopol noch vor der Ausrufung der Unabh\u00e4ngigkeit an. Die Signale aus Bonn und Wien \u2013 sowie aus Budapest \u2013 konnten in Zagreb nur als Zustimmung zum Vormarsch in der Krajina und in Slawonien verstanden werden. Umgekehrt sah sich die serbische Minderheit in Kroatien dadurch in die Enge gedr\u00e4ngt und setzte umso mehr auf Hilfe aus Belgrad. Zehn Jahre Zerst\u00f6rung Jugoslawiens folgten.<\/p>\n<p><em>Von Hannes Hofbauer ist dazu bereits im Jahr 2001 das Buch <\/em><em>\u00bb<\/em><em>Balkankrieg. Zehn Jahre Zerst<\/em><em>\u00f6<\/em><em>rung Jugoslawiens<\/em><em>\u00ab<\/em><em>, mittlerweile in 5. Auflage, erschienen: Promedia-Verlag, 296 Seiten, 17,90 Euro<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: \u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2016\/06-24\/052.php\"><em>Junge Welt vom 24. Juni 2016<\/em><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 25 Jahren erkl\u00e4rten Kroatien und Slowenien ihre Unabh\u00e4ngigkeit von Jugoslawien. Die Sezession wurde von der BRD und von \u00d6sterreich unterst\u00fctzt. 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