{"id":12968,"date":"2023-04-24T14:43:24","date_gmt":"2023-04-24T12:43:24","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12968"},"modified":"2023-04-24T14:43:25","modified_gmt":"2023-04-24T12:43:25","slug":"wie-sich-die-deutschen-gewerkschaften-buerokratisierten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12968","title":{"rendered":"<strong>Wie sich die deutschen Gewerkschaften b\u00fcrokratisierten<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Yunus. <\/em><strong>Wie haben die Gewerkschaften in Deutschland entstanden? Warum haben ihre F\u00fchrungen den Ersten Weltkrieg unterst\u00fctzt? Und was hat das mit politischen Streiks zu tun? Eine historische Analyse.<\/strong><\/p>\n<p>In Deutschland organisiert der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in seinen Einzelgewerkschaften etwa 5,7 Millionen Arbeiter:innen. Hinzu kommen die Gewerkschaften<!--more--> des dbb beamtenbund und tarifunion mit etwa 1,3 Millionen Mitgliedern, der verschiedene Beamtengewerkschaften und berufsst\u00e4ndische Gewerkschaften vereint. Neben diesen beiden gro\u00dfen Gewerkschaftsdachverb\u00e4nden existieren noch weitere kleine Organisationen, deren Spektrum von anarchosyndikalistischen Basisgewerkschaften wie der Freien Arbeiter*innen-Union (FAU) mit wahrscheinlich etwa tausend Mitgliedern bis hin zu vollst\u00e4ndig \u201egelben\u201c (d.h. Pro-Unternehmer:innen) Organisationen wie dem Christlichen Gewerkschaftsbund (CGB) mit einigen Zehntausenden Mitgliedern reichen. Insgesamt lag 2021 der <a href=\"https:\/\/www.iwkoeln.de\/studien\/carolin-denise-fulda-weniger-repraesentativitaet-durch-strukturdefizite.html\">Anteil der Gewerkschaftsmitgliedschaft an allen abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten<\/a> bei etwa 17 Prozent. Diese Zahl klingt gro\u00df, doch betrachtet man die Zahlen der Vergangenheit \u2013 nach der Wiedervereinigung betrug der <a href=\"https:\/\/www.samuel-greef.de\/gewerkschaften\/\">Organisierungsgrad mehr als 30 Prozent<\/a> \u2013, wird klar, dass die Gewerkschaften in den letzten Jahrzehnten einen Gro\u00dfteil ihrer Mitglieder verloren haben.<\/p>\n<p>Die Hauptursache f\u00fcr diese Entwicklung ist wohl der Vertrauensverlust der Arbeiter:innen in die Gewerkschaften, allen voran in den DGB, was mit der Senkung der Streikaktivit\u00e4ten und den unzureichenden Abschl\u00fcssen zusammenh\u00e4ngt. Schlie\u00dflich ordnen die F\u00fchrungen der Gewerkschaften weitgehend die allgemeinen Interessen der Lohnabh\u00e4ngigen den Interessen der Kapitalist:innenklasse und der Regierung unter. Ein einschneidendes historisches Ereignis der letzten Jahrzehnte in diesem Sinne war die Einf\u00fchrung von Hartz IV als Teil der Agenda 2010, wo die F\u00fchrungen von DGB und Co. auf einen allgemeinen Abwehrkampf gegen diesen Angriff auf die Klasse verzichteten und stattdessen die Reform am Verhandlungstisch mitgestalteten \u2013 womit sie sie mitzuverantworten haben.<\/p>\n<p>Doch wie konnte es zu einer Politik der F\u00fchrungen der Organisationen der Arbeiter:innenklasse kommen, die den Interessen ihrer Mitglieder entgegengesetzt ist? Und wie k\u00f6nnen klassenk\u00e4mpferische und revolution\u00e4re Kr\u00e4fte in Gewerkschaften diese wieder zu tats\u00e4chlichen Organen des Klassenkampfes machen? Um diese Fragen zu beantworten, befassen wir uns mit den Urspr\u00fcngen der deutschen Arbeiter:innenbewegung bis zur Weimarer Republik.<\/p>\n<p><strong>Die Urspr\u00fcnge der Gewerkschaften<\/strong><\/p>\n<p>Die Gewerkschaften entstanden in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts als Organisationen, die Arbeiter:innen in einem Betrieb, in einem Sektor oder Wirtschaftszweig bildeten, um kollektiv f\u00fcr h\u00f6here L\u00f6hne und bessere Arbeitsbedingungen zu k\u00e4mpfen. Sie waren Abwehrorganisationen der Lohnabh\u00e4ngigen gegen die Angriffe der Unternehmensleitungen und Kapitalist:innen. Die Notwendigkeit f\u00fcr solche Vereinigungen entsprang unmittelbar aus der kapitalistischen Produktionsweise und den gegens\u00e4tzlichen Interessen der Lohnabh\u00e4ngigen und Kapitalist:innen. Die Arbeiter:innen k\u00f6nnen nur dann gegen die Kapitalist:innen einen erfolgreichen Kampf f\u00fchren, wenn sie sich in Organisationen und kollektiven Aktionen vereinen. Das gilt sowohl f\u00fcr \u00f6konomische Forderungen wie mehr Lohn als auch ihre politischen Interessen wie den damaligen Kampf um das allgemeine Wahlrecht. Dementsprechend waren die Gewerkschafter:innen die Pionier:innen der Vernetzung internationaler Arbeiter:innenbewegungen und ihrer K\u00e4mpfe.<\/p>\n<p>Im Jahr 1864 entstand die Internationale Arbeiterassoziation (IAA) oder die Erste Internationale aus der Notwendigkeit, dass sich die Arbeiter:innen \u201egegen das international kooperierende Kapital\u201c ebenfalls international organisieren mussten. August Bebel und Karl Liebknecht gr\u00fcndeten 1869 gemeinsam mit weiteren Gruppen schlie\u00dflich die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) \u2013 Vorg\u00e4ngerin der SPD, die erst nach weiteren Fusionen und Spaltungen entstand \u2013,\u00a0 die sich als deutsche Sektion der IAA verstand. Die programmatische Grundlage beinhaltete die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, das kollektive Eigentum an Produktionsmitteln, w\u00e4hrend die Partei zugleich f\u00fcr die politische Unabh\u00e4ngigkeit gegen\u00fcber der Bourgeoisie und Liberalen eintrat.<\/p>\n<p>Bereits im Jahr 1865, einer Zeit, in der die Arbeiter:innenorganisationen noch unter der Kontrolle der Arbeiter:innen selbst standen und ihren allgemeinen Interessen dienten, erkannte Karl Marx die Gefahr der Anpassung der Gewerkschaften an die kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse. Er schrieb, die Gewerkschaften leisteten zwar einen guten Verdienst am Klassenkampf, indem sie als \u201eSammelpunkte des Widerstands gegen die Gewalttaten des Kapitals\u201d<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f1\"><sup>1<\/sup><\/a> dienten. Wenn sie jedoch von ihrer Macht \u201eeinen unsachgem\u00e4\u00dfen Gebrauch machen\u201c<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f2\"><sup>2<\/sup><\/a>, w\u00fcrden sie ihren Zweck zum Teil verfehlen. Er ging sogar noch weiter und schrieb, wenn die Gewerkschaften ihre Kr\u00e4fte nicht zur Beseitigung der kapitalistischen Produktionsweise einsetzten, verfehlten sie ihren Zweck g\u00e4nzlich.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f3\"><sup>3<\/sup><\/a><\/p>\n<p>1890 entstand die \u201eGeneralkommission der Gewerkschaften Deutschlands\u201c als \u00fcbersektoraler Dachverband aller sozialdemokratischen Gewerkschaften, die gemeinsam \u00fcber 300.000 Arbeiter:innen organisierten. Formal bekannte sich die Generalkommission unter der F\u00fchrung von Carl Legien zur Beseitigung der kapitalistischen Produktionsweise, jedoch wollte sie keinen Kampf um politische Forderungen f\u00fcr demokratische und sozialistische Ziele organisieren.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f4\"><sup>4<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Die Entwicklung der Gewerkschaften, in deren Verlauf sich ihre F\u00fchrungen an das jeweilige kapitalistische Regime anpassten und so ihren Zweck verfehlten, geht mit der Entwicklung des internationalen kapitalistischen Systems und der Zusammensetzung der Arbeiter:innenklasse selbst einher. Eine wichtige Rolle spielt die damit verbundene Entwicklung einer neuen Schicht innerhalb der Arbeiter:innenklasse, der Arbeiter:innenaristokratie, auf die sich die parallel entwickelnde Gewerkschaftsb\u00fcrokratie st\u00fctzte.<\/p>\n<p><strong>B\u00fcrokratisierung der Gewerkschaften<\/strong><\/p>\n<p>Die durch die wirtschaftliche und politische Expansion der imperialistischen Staaten erwirtschafteten Extraprofite wurden zum Teil mit der Arbeiter:innenaristokratie geteilt. Lenin erkl\u00e4rt diese Entwicklung in seinem Aufsatz <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/lenin\/1916\/10\/spaltung.html\"><em>Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus<\/em><\/a> wie folgt:<\/p>\n<p><em>Das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts war der \u00dcbergang zur neuen, imperialistischen Epoche. Nutznie\u00dfer des Monopols ist das Finanzkapital nicht eines Landes, sondern einiger, sehr weniger Gro\u00dfm\u00e4chte. [\u2026] Die Monopolstellung des modernen Finanzkapitals wird w\u00fctend umstritten; die Epoche der imperialistischen Kriege hat begonnen.[\u2026] daf\u00fcr aber kann jede imperialistische \u201eGro\u00df\u201cmacht kleinere (als in England 1848-1868) Schichten der \u201e<strong>Arbeiteraristokratie<\/strong>\u201c bestechen und besticht sie auch. [\u2026] Die Bourgeoisie einer imperialistischen \u201eGro\u00df\u201cmacht ist \u00f6konomisch in der Lage, die oberen Schichten \u201eihrer\u201c Arbeiter zu bestechen und daf\u00fcr ein- oder zweihundert Millionen Francs im Jahr auszuwerfen; denn ihr Extraprofit betr\u00e4gt wahrscheinlich rund eine Milliarde.<\/em><\/p>\n<p>Die Mitglieder dieser neuen Schicht waren meist Facharbeiter:innen der imperialistischen Konzerne in strategischen, also f\u00fcr das Kapital und den Staat zum \u00dcberleben notwendigen Sektoren der Produktion, zu finden. Durch diese zentrale Stellung in der Produktion konnten diese Arbeiter:innen gewisse \u00f6konomische Kompromisse aus kleinen Teilen des imperialistischen Extraprofits seitens der Bourgeoisie erk\u00e4mpfen. Sie machten jedoch um die Jahrhundertwende 1900 eine kleine Minderheit in der Arbeiter:innenklasse aus, die ein Vielfaches verdiente und eher gewerkschaftlich organisiert war, als Rest der Klasse. Dadurch wuchsen Illusionen der bessergestellten Teile der Arbeiter:innenklasse, dass ihre Interessen sich mit den Interessen der imperialistischen Bourgeoisie deckten und sie ihre eigene Lage stetig durch die weitere Entwicklung des Kapitalismus verbessern konnten.<\/p>\n<p>Die Funktion\u00e4r:innen der Gewerkschaften, die eine Rolle der Vermittlung zwischen Kapitalist:innen und Arbeiter:innen \u00fcbernahmen, entwickelten sich immer mehr zu einer eigenst\u00e4ndigen Kaste, der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie, die nicht mehr die allgemeinen Interessen der Arbeiter:innenklasse vertrat, sondern sich auf diese Arbeiter:innenaristokratie st\u00fctzte. Die Entwicklung dieser Kaste ging auch mit einer\u00a0 undemokratischen Zentralisierung der Entscheidungsmacht in den Gewerkschaften auf F\u00fchrungsgremien einher: Je mehr die B\u00fcrokratisierung voranschritt, desto weniger Raum f\u00fcr Gewerkschafts- und Streikdemokratie gab es.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie wuchs also als eine privilegierte Schicht der hauptamtlichen Funktion\u00e4r:innen und, falls sie sich \u00f6konomische und politische Privilegien schafften, auch Ehrenamtlichen, wie beispielsweise Vorstandsmitglieder, in den Gewerkschaften und der Arbeiter:innenbewegung, die durch ihre Rolle der Vermittlung materielle Vorteile innerhalb der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft erhielten. Diese Vorteile waren und sind nicht nur finanzieller, wie die eines \u00fcberdurchschnittlichen Lohns, sondern auch politischer Natur: So wurden die Gewerkschaftsspitzen im Laufe der Geschichte in unterschiedliche Beratungsgremien des b\u00fcrgerlichen Staates eingegliedert oder konnten b\u00fcrgerliche Karrieren in Institutionen der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft machen, wie die aktuelle DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi, die als SPD-Generalsekret\u00e4rin und Abgeordnete die Politik der damaligen gro\u00dfen Koalition weitgehend mitgestaltete.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie \u00fcbt ihren Einfluss in der Arbeiter:innenklasse jedoch nicht nur \u00fcber den Apparat aus, sondern auch \u00fcber gewisse Schichten an sich, wie sozialpartnerschaftliche Betriebsr\u00e4te der gro\u00dfen Industriebetriebe wie Volkswagen. Diesen werden oftmals nach einer gewissen Zeit Karrierechancen im Gewerkschaftsapparat als Hauptamtliche einger\u00e4umt oder sie gelangen selbst in die Aufsichtsr\u00e4te, sodass sie Unternehmen co-managen.<\/p>\n<p><strong>Opposition gegen politische Massenstreiks<\/strong><\/p>\n<p>Um 1900 organisierten die Gewerkschaften eher die qualifizierten und besser bezahlten Schichten der Arbeiter:innenklasse, w\u00e4hrend Teile der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie sich aktiv gegen die Organisierung von arbeitenden Frauen einsetzten, da diese vermeintlich eine Konkurrenz f\u00fcr ihre m\u00e4nnlichen Kollegen darstellten und ohnehin mit der Hausarbeit besch\u00e4ftigt w\u00e4ren.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f5\"><sup>5<\/sup><\/a> Dagegen k\u00e4mpften viele Arbeiterinnen und sozialistische Anf\u00fchrerinnen der Arbeiter:innenbewegung wie Clara Zetkin, die folgendes dazu sagte: \u201eDie Organisation der Arbeiterinnen wird erst dann bedeutende Fortschritte machen, wenn sie nicht mehr von wenigen gef\u00f6rdert wird, sondern wenn sich jedes einzelne Mitglied der Gewerkschaften anlegen sein l\u00e4\u00dft [sich als Aufgabe macht, A.d.A.], diesen die Kolleginnen aus Fabrik und Werkstatt zuzuf\u00fchren [zu gewinnen, A.d.A].\u201d<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f6\"><sup>6<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Auch in Frage bez\u00fcglich der Kolonien im sogenannten \u201eDeutsch-S\u00fcdwestafrika\u201d vertraten Teile der Sozialdemokratie und mit ihr im B\u00fcndnis stehende Gewerkschaftsb\u00fcrokraten wie Gustav Noske und Eduard Bernstein reaktion\u00e4re Positionen. Sie pl\u00e4dierten f\u00fcr eine <a href=\"https:\/\/www.freiburg-postkolonial.de\/Seiten\/Heyden-Reichstagswahlen1907.htm#_ftn6\">sozialistische Kolonialpolitik<\/a>, die angeblich zu einer Zivilisierung der Kolonien, zum Aufbau des Sozialismus sowie den Interessen der Arbeiter:innen in Europa diene. W\u00e4hrenddessen ver\u00fcbte die kaiserliche deutsche Armee den ersten V\u00f6lkermord des 20. Jahrhundertes an Herero und Nama. Die Arbeiter:innenbewegung unter sozialdemokratischer F\u00fchrung schaffte es nicht, sich gegen den Kolonialismus zur Wehr zu setzen.<\/p>\n<p>Vor dem Ersten Weltkrieg verk\u00f6rperte die entstehende B\u00fcrokratie der damaligen Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands das R\u00fcckgrat der Anpassung der SPD-F\u00fchrung an den b\u00fcrgerlichen Staat und imperialistische Interessen. Rosa Luxemburg beschrieb die entstehende Gewerkschaftsb\u00fcrokratie, die anfing, sich von der damaligen Sozialdemokratie zu loszul\u00f6sen, im Jahr 1906 in ihrem Werk <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/luxemburg\/1906\/mapage\/kap8.htm\"><em>Massenstreik, Partei und Gewerkschaften<\/em><\/a> wie folgt:<\/p>\n<p><em>So hat sich der eigenartige Zustand herausgebildet, da\u00df dieselbe Gewerks\u00adchaftsbewegung, die mit der Sozialdemokratie [d.h. der damals noch revolution\u00e4ren SPD, A.d.A.] unten, in der breiten proletarischen Masse, vollst\u00e4n\u00addig eins ist, oben, in dem Verwaltungs\u00fcberbau, von der Sozialdemokratie schroff abspringt und sich ihr gegen\u00fcber als eine unabh\u00e4ngige zweite Gro\u00dfmacht aufrichtet. Die deutsche Arbeiterbewe\u00adgung bekommt dadurch die eigent\u00fcmliche Form einer Doppelpyramide, deren Basis und K\u00f6r\u00adper aus einem Massiv besteht, deren beide Spitzen aber weit auseinanderstehen.<\/em><\/p>\n<p>Leo Trotz\u00adki <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1906\/erg-pers\/9-europa.htm\">schrieb im selben Jahr<\/a>:<\/p>\n<p><em>Die europ\u00e4ischen sozialistischen Parteien, insbesondere die gr\u00f6\u00dfte un\u00adter ihnen, die deutsche, haben einen eigenen Konservatismus entwickelt, der um so st\u00e4rker ist, je gr\u00f6\u00ad\u00dfere Massen der Sozialismus ergreift, je h\u00f6her der Organisationsgrad und die Disziplin dieser Massen sind. Infolgedessen kann die Sozialdemokratie als Organisation, die die politische Erfah\u00adrung des Proletariats verk\u00f6rpert, in einem bestimmten Moment zum unmittelbaren Hindernis auf dem Weg der offenen Auseinandersetzung zwischen den Arbeitern und der b\u00fcrgerlichen Reaktion werden.<\/em><\/p>\n<p>Was war der historische Kontext? 1905\/6 wurde die sozialdemokratische F\u00fchrung der Gewerkschaften auf die Probe gestellt: Die russische Revolution von 1905 und die Verschlechterung der \u00f6konomischen Situation f\u00fchrten auch in Deutschland zu einer massiven Streikbewegung mit 500.000 Streikenden; mit Zentrum im Ruhrgebiet mit einer Beteiligung von 200.000 Minenarbeitern. Die sozialdemokratische Gewerkschaftsf\u00fchrung blies den Streik, ohne dass die Forderungen erreicht wurden, gegen den Willen der Basis ab. Sie spaltete so die gewerkschaftliche und politische Bewegung, als die Streikbewegung drohte, sich mit dem Kampf f\u00fcr das Wahlrecht zu vereinigen.<\/p>\n<p>Diese Politik wurde beim Gewerkschaftskongress von K\u00f6ln im Mai 1905 verallgemeinert, wo Carl Legien, Vorsitzender der Generalkommission, durchsetzte, alle Versuche, durch die Propagierung des politischen Massenstreiks eine bestimmte Taktik festlegen zu wollen, f\u00fcr verwerflich zu erkl\u00e4ren.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f7\"><sup>7<\/sup><\/a> Der Mannheimer Kongress der SPD 1906 trug den materiellen Druck der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie in die Partei hinein: Er legte die Parit\u00e4t zwischen Partei und Gewerkschaften fest, mit der die Parteif\u00fchrung zwingend vorher die Gewerkschaftsf\u00fchrung fragen musste, wenn es um gemeinsame Angelegenheiten ging. De facto bedeutete das, der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie eine Vetomacht gegen\u00fcber der Politik der SPD einzur\u00e4umen.<\/p>\n<p>Diese durch die reformistischen Gewerkschafts- und Parteib\u00fcrokratien durchgesetzte Trennung zwischen dem \u00f6konomischen und politischen Kampf\u00a0 st\u00e4rkte auch die reformistischen Tendenzen innerhalb der SPD um Bernstein und Friedrich Ebert, eine Politik des Nichts-als-Parlamentarismus zu verfolgen; also eine Politik, die aktiv politische Mobilisierungen der Arbeiter:innenklasse ablehnte und allein auf parlamentarische Kompromisse setzte. Schlussendlich gaben sie so die Perspektive der sozialistischen Revolution auf und sch\u00fcrten stattdessen Hoffnungen in den deutschen Imperialismus.<\/p>\n<p>Diese Trennung des \u00f6konomischen und politischen Kampfes seitens der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie, die in Deutschland heute im Jahr 2023 durch den richterlichen Beschluss gegen das politische Streikrecht noch verst\u00e4rkt wird, ist ein fundamentales Hindernis daf\u00fcr, dass sich die Arbeiter:innenklasse gegen die politischen Angriffe der Bourgeoisie und der Regierung verteidigt oder gar in die Offensive geht.<\/p>\n<p><strong>Unterst\u00fctzung des Ersten Weltkrieges<\/strong><\/p>\n<p>Das sollte dazu f\u00fchren, dass die SPD und die deutsche Gewerkschaftsb\u00fcrokratie den Ersten Weltkrieg begr\u00fc\u00dften und sich hinter den deutschen Militarismus stellten. So beschloss die Generalkommission am 2. August 1914 nach geheimen Beratungen mit der Regierung, alle Streikma\u00dfnahmen und Demonstrationen im Rahmen des sogenannten Burgfriedens zu stoppen, um die beste milit\u00e4rische Schlagkraft zu erreichen sowie ihre Mitglieder f\u00fcr die Reichswehr zu mobilisieren. Zwei Tage sp\u00e4ter stimmte die SPD-Fraktion im Reichstag f\u00fcr die Kriegskredite, wobei die Positionierung der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie federf\u00fchrend gewesen war.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f8\"><sup>8<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Die Generalkommission erkl\u00e4rte sich bereit, die staatlichen Pl\u00e4ne f\u00fcr den Aufbau einer Kriegswirtschaft zu unterst\u00fctzen. Diese bestanden unter anderem daran, Arbeitslose massiv in die Armee aufzunehmen, sowie der Disziplinierung der Betriebe, in denen die Arbeiter:innen milit\u00e4rischem Zwang unterworfen waren. W\u00e4hrenddessen wurden Arbeitsschutzgesetze mit der Zustimmung der Generalkommission aufgehoben und seitens der Gewerkschaftspresse Agitation zugunsten des Krieges gef\u00fchrt. Es entstanden auch die ersten Kooperationsgremien von Gewerkschaftsb\u00fcrokrat:innen mit R\u00fcstungsindustriellen.<\/p>\n<p>Diese Zusammenarbeit wurde sowohl vom Kriegsministerium, das es als einen Erfolg bezeichnete, die Gewerkschaften zu Organen der Staatsarbeit zu machen, als auch seitens Gewerkschaftsf\u00fchrern wie Gustav Bauer gelobt, der behauptete, dass die nationale R\u00fcstungsindustrie vom Burgfrieden abhing und es unm\u00f6glich gewesen w\u00e4re, ohne die Gewerkschaften Ordnung zu schaffen.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f9\"><sup>9<\/sup><\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr die Kriegsgegner:innen in den Gewerkschaften war es \u00e4u\u00dferst schwer, eine oppositionelle Bewegung aufzubauen, da sie sowohl von der kaiserlichen Polizei als auch von der Gewerkschaftsf\u00fchrung Repression erfuhren. Wie Pohl und Werther kommentieren: \u201eNicht selten arbeiteten Milit\u00e4rapparat und Gewerkschafts- wie Parteib\u00fcrokratie zusammen, um mi\u00dfliebige Kriegsgegner durch Einberufung oder Verhaftung unsch\u00e4dlich zu machen.\u201c<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f10\"><sup>10<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Die Lage \u00e4nderte sich im Jahr 1916 durch das starke Wachstum der Unzufriedenheit innerhalb der Arbeiter:innenklasse aufgrund der schlechten Ern\u00e4hrungslage, der Niederlagen an der Front und der Politik der Gewerkschaftsf\u00fchrung. W\u00e4hrend des Landesverratsprozesses von Liebknecht, der im Dezember 1914 als einziger SPD-Abgeordnete gegen die Kriegskredite stimmte, kam es sogar zu einem politischen Massenstreik mit \u00fcber 55.000 Arbeiter:innen, die f\u00fcr seine Freilassung protestierten. Die Regierung antwortete auf diesen Aufschwung mit gro\u00dfer Repression und dem Ausbau der Milit\u00e4rdiktatur im Verlauf des Krieges durch neue Gesetze, die durch die Oberste Heeresleitung (OHL) in Beratung mit Unternehmensverb\u00e4nden (Krupp, Bayer usw.) beschlossen wurden.<\/p>\n<p>Darunter f\u00e4llt das Hilfsdienstgesetz, das faktisch einen Arbeitszwang im gesamten Reichsgebiet durchsetzen sollte. Arbeiter:innen wurden somit gezwungen, in der R\u00fcstungsindustrie zu arbeiten und konnten ihren Betrieb nicht verlassen. Der Vorsitzende des Metallarbeiterverbandes \u00fcbernahm sogar den Vorsitz in Arbeitsgelegenheiten des Kriegsamtes der Milit\u00e4rregierung. Die Gewerkschaften, die bisher staatliche Funktionen \u00fcbernommen hatten, waren nun Teil der Milit\u00e4rregierung und wurden in den Staat eingegliedert und verstaatlicht. Die Generalkommission begr\u00fc\u00dfte das als einen sozialpolitischen Erfolg. Ein Erfolg der Bourgeoisie, der mithilfe der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie herbeigef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie verk\u00f6rperte w\u00e4hrend des Krieges gemeinsam mit der reformistischen SPD-B\u00fcrokratie die Interessen der deutschen Bourgeoisie und des kapitalistischen Staates innerhalb der Arbeiter:innenklasse zum Schutz des Privateigentums und imperialistischer Interessen.<\/p>\n<p>In April 1917 fanden die bis dato gr\u00f6\u00dften Streiks der Geschichte der deutschen Arbeiter:innenbewegung mit hunderttausenden Streikenden statt, die sich von der Februarrevolution in Russland inspirieren lie\u00dfen. Sie forderten die sofortige Beendigung des Krieges, die Aufhebung aller Ausnahmegesetze sowie ein demokratisches Wahlrecht. Gleichzeitig entwickelten sich Organe der Arbeiter:innenklasse in den Betrieben, die unabh\u00e4ngig von der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie und der Regierung waren und sich vor allem in Berlin unter dem Namen \u201eRevolution\u00e4re Obleute\u201c organisierten.<\/p>\n<p>Die Generalkommission, die sich in einem politischen B\u00fcndnis mit dem deutschen Milit\u00e4rstab befand, stellte sich gegen die Streiks, jedoch hatte sie mittlerweile keine stabile Kontrolle \u00fcber die Massen mehr. Die deutsche Revolution begann. Die sozialdemokratischen F\u00fchrungen der Gewerkschaften und SPD spielten auch in der <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/vor-100-jahren-betreten-revolutionaerinnen-in-deutschland-den-rasen\/\">deutschen Revolution von 1918<\/a>, die den Ersten Weltkrieg beendete, eine reaktion\u00e4re Rolle, indem sie sich gegen eine sozialistische R\u00e4terepublik stellten und revolution\u00e4re Arbeiter:innen bek\u00e4mpften. Ebenfalls in der Weimarer Republik war die Politik der sozialdemokratischen Gewerkschaftsb\u00fcrokratie darauf gerichtet, das b\u00fcrgerliche Regime gegen die Radikalisierung der Massen zu verteidigen. Das ging so weit, dass die sozialdemokratischen Organisationen und Gewerkschaften eine gemeinsame Aktionseinheit mit den kommunistischen Organisationen gegen den Aufstieg des Faschismus ablehnten. Dabei ist nat\u00fcrlich die ultra-linke Haltung der kommunistischen Organisationen zu erw\u00e4hnen, in deren Folge sie von ihrer Seite eine Zusammenarbeit ebenfalls ablehnten und sich somit der faschistischen Bewegung nicht widersetzen konnten.<\/p>\n<p><strong>\u201eLiquidierung\u201c der Gewerkschaften als Organe des Klassenkampfes<\/strong><\/p>\n<p>Im Artikel <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/eine-einfuehrung-in-hegemonie-und-revolutionaere-strategie\/\"><em>Eine Einf\u00fchrung in Hegemonie und Revolution\u00e4re Strategie<\/em><\/a> argumentieren wir, dass die Herrschaft der Bourgeoisie nicht nur auf Repressionsma\u00dfnahmen beruht, sondern auch auf Vermittlung, also auf der Bildung einer politischen Hegemonie (politische Herrschaft) gegen\u00fcber der Arbeiter:innenklasse, sodass diese den Kampf um die politische Macht gar erst nicht aufnimmt. Die Bourgeoisie herrscht in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft selten durch nackte Gewalt, sondern nutzt b\u00fcrgerlich-demokratische Institutionen wie Parlamente, um ihre Interessen als die Interessen der gesamten Gesellschaft darzustellen und widerst\u00e4ndige Sektoren und Klassen durch gewisse Zugest\u00e4ndnisse in ihre Herrschaft einzubinden. Eine zentrale Rolle in der Vermittlung dieser b\u00fcrgerlichen Hegemonie spielen die b\u00fcrgerlichen B\u00fcrokratien in Gewerkschaften und Parteien, die den Kampf der Arbeiter:innenklasse im \u00f6konomischen Rahmen halten sollen, um der Gefahr einer politischen Konfrontation mit dem Regime vorzubeugen.<\/p>\n<p>Leo Trotzki analysierte diese Rolle der Gewerkschaftsf\u00fchrungen, insbesondere in imperialistischen L\u00e4ndern, kurz vor seiner Ermordung durch einen stalinistischen Agenten in seinem Artikel <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1940\/08\/gewerk.htm\"><em>Die Gewerkschaften in der Epoche des imperialistischen Niedergangs<\/em><\/a> folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p><em>Es gibt in der Entwicklung, oder besser, in der Degeneration der gegenw\u00e4rtigen Gewerkschaftsorganisationen der ganzen Welt einen allen gemeinsamen Zug: die Ann\u00e4herung an die Staatsgewalt und das Verschmelzen mit ihr. [\u2026] Die Gewerkschaftsb\u00fcrokraten leisten in Wort und Tat ihr Bestes, um dem \u201edemokratischen\u201c Staat zu beweisen, wie verl\u00e4\u00dflich und unentbehrlich sie im Frieden und besonders im Kriege sind. [\u2026] [Der Monopolkapitalismus] verlangt von der reformistischen B\u00fcrokratie und der Arbeiteraristokratie, welche die Brosamen von seiner Festtafel auflesen, da\u00df sie sich vor den Augen der Arbeiterklasse in seine politische Polizei verwandeln. Kann das nicht erreicht werden, so wird die Arbeiterb\u00fcrokratie vertrieben und durch die Faschisten ersetzt. [\u2026] Tats\u00e4chlich besteht die ganze Aufgabe der Bourgeoisie darin, die Gewerkschaften als Organe des Klassenkampfes zu liquidieren [\u2026].<\/em><\/p>\n<p>Diese \u201eLiquidierung\u201c der Gewerkschaften als Organe des Klassenkampfes kann verschiedene Formen annehmen, je nach Niveau des Klassenkampfes und der Festigkeit der b\u00fcrgerlichen Hegemonie. In \u201efriedlichen\u201c Zeiten des Klassenkampfes findet sie durch die Kooptation der F\u00fchrungen der Gewerkschaften statt, indem die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie durch Verhandlungen politisch ins Regime eingebunden wird. So kann die Bourgeoisie ihren Willen vorrangig mit friedlichen Mitteln durchsetzen und einen m\u00f6glichen Widerstand mithilfe der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie in ungef\u00e4hrliche Bahnen umlenken, schon bevor er sich richtig formieren kann.<\/p>\n<p>Die Liquidierung der Kampforgane kann jedoch auch andere Formen als Kooptation annehmen: In Situationen gr\u00f6\u00dferer Instabilit\u00e4t und Zuspitzung der Klassenk\u00e4mpfe kann der b\u00fcrgerliche Staat sich nicht auf die Selbstbeschr\u00e4nkung der Gewerkschaftsf\u00fchrungen verlassen \u2013 da diese von ihrer eigenen Basis unter Umst\u00e4nden dazu gezwungen werden, weiter zu gehen, als sie es selbst wollen. Die formale Unabh\u00e4ngigkeit der Gewerkschaften kann unter solchen Umst\u00e4nden einer organisatorischen Eingliederung (Verstaatlichung) der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie in den Staat weichen \u2013 beispielsweise durch Posten in Ministerien unter einem bonapartistisch-milit\u00e4rischen Regime, wie es w\u00e4hrend des Ersten Weltkrieges in Deutschland der Fall war.<\/p>\n<p>Die letzte Form der Liquidierung der Gewerkschaften als Kampforgane der Arbeiter:innenklasse besteht in ihrer vollst\u00e4ndigen physischen Vernichtung und Ersetzung durch staatliche faschistische Zwangsorgane, falls die Klassengegens\u00e4tze nicht mehr aufzuhalten sind und die Errichtung einer faschistisch-kapitalistischen Diktatur seitens der Bourgeoisie als einzige Ma\u00dfnahme gegen eine sozialistische Revolution und die eigene Enteignung gesehen wird \u2013 wie es nach der Macht\u00fcbergabe an die NSDAP 1933 der Fall war.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Bourgeoisie ist es jedoch g\u00fcnstiger, wenn sie ihre Herrschaft in b\u00fcrgerlich-demokratischen Formen weiterf\u00fchren kann, ohne auf bonapartistisch-milit\u00e4rische oder faschistische Regime zur\u00fcckzugreifen. Denn im b\u00fcrgerlichen Parlamentarismus bleibt der repressive Charakter ihrer Herrschaft bis zu einem gewissen Grad verschleiert; politische K\u00e4mpfe der Arbeiter:innenklasse werden so eher durch Methoden der Verhandlung und Vermittlung seitens der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie einged\u00e4mmt oder verhindert. Die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie, die als eine b\u00fcrgerliche B\u00fcrokratie in der Arbeiter:innenbewegung entstanden ist, dient also \u2013 in den Worten Antonio Gramscis \u2013 als eine \u201epolitische Polizei mit Untersuchungs- und Vorbeugungscharakter\u201d<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f11\"><sup>11<\/sup><\/a>, w\u00e4hrend gegen\u00fcber der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung die Rolle der eigentlichen Polizei, der Armee und der Gerichte verdeckt bleiben kann.<\/p>\n<p>Denn falls die Arbeiter:innenklasse von ihrer eigentlichen Macht mit politischen Massen- und Generalstreiks Gebrauch machen sollte, w\u00fcrde sie sich sehr schnell mit Polizeikn\u00fcppeln und b\u00fcrgerlichen Gerichten konfrontiert sehen. In diesem Fall w\u00e4re die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie an ihrer Aufgabe gegen\u00fcber dem b\u00fcrgerlichen Staat, die Arbeiter:innenbewegung in den engen b\u00fcrgerlichen Fesseln zu halten, gescheitert.<\/p>\n<p>Es gilt also die Gewerkschaften als Kampforgane der Arbeiter:innenklasse zur\u00fcckzuerobern. In weiteren Artikeln werden wir uns mit der besonderen Eigenschaften der Sozialpartnerschaft und die Frage der \u201eR\u00fcckeroberung der Gewerkschaften\u201c besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f1_text\">1<\/a>. Karl Marx: Lohn, Preis und Profit, in: Karl Marx und Friedrich Engels, Werke, Band 16, Dietz Verlag, Berlin 1958, S. 101-152, hier S. 152.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f2_text\">2<\/a>. Ebd.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f3_text\">3<\/a>. Ebd.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f4_text\">4<\/a>. Hans-Dieter Gimbel: Sozialistengesetz und \u201eGro\u00dfe Depression\u201c: Die deutsche Gewerkschaftsbewegung von der Wirtschaftskrise 1873 bis zum K\u00f6lner Parteitag der deutschen Sozialdemokratie 1893, in: Frank Deppe, Georg F\u00fclberth und J\u00fcrgen Harrer: Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung, Vierte Auflage, Pahl Rugenstein, K\u00f6ln 1989, S. 56-76, hier S. 71f.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f5_text\">5<\/a>. Andrea D\u2019Atri: Brot und Rosen, Argument Verlag, Hamburg 2019, S. 111.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f6_text\">6<\/a>. Clara Zetkin: Frauenarbeit und gewerkschaftliche Organisation, in: Dies.: Ausgew\u00e4hlte Reden und Schriften, Band 1, Dietz Verlag, Berlin\/DDR 1957, zitiert nach D\u2019Atri.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f7_text\">7<\/a>. Jutta Schmidt und Wolfgang Seichter: Die deutsche Gewerkschaftsbewegung von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg, in: Deppe, F\u00fclberth und Harrer: Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung, S. 109f.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f8_text\">8<\/a>. Schmidt und Seichter: Die deutsche Gewerkschaftsbewegung von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg, S. 113f.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f9_text\">9<\/a>. Kurt Pohl und Frauke Werther: Die freien Gewerkschaften im Ersten Weltkrieg, in: Deppe, F\u00fclberth und Harrer: Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung, S. 120.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f10_text\">10<\/a>. Pohl und Werther: Die freien Gewerkschaften im Ersten Weltkrieg, S. 126.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/#f11_text\">11<\/a>. Antonio Gramsci: H13\/B7\/, 1992,\u00a0 S. 1595, zitiert nach Albamonte und Maiello,<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wie-die-buerokratie-in-die-gewerkschaften-kam\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 24. April 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Yunus. Wie haben die Gewerkschaften in Deutschland entstanden? Warum haben ihre F\u00fchrungen den Ersten Weltkrieg unterst\u00fctzt? 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