{"id":12984,"date":"2023-04-26T21:07:48","date_gmt":"2023-04-26T19:07:48","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12984"},"modified":"2023-04-26T21:07:50","modified_gmt":"2023-04-26T19:07:50","slug":"der-oesterreichische-trotzkismus-es-war-vor-allem-ein-arbeitertrotzkismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12984","title":{"rendered":"<strong>Der \u00f6sterreichische Trotzkismus: \u201eEs war vor allem ein Arbeitertrotzkismus\u201c<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p>Die Website <a href=\"https:\/\/trotzkistisches-archiv-oesterreich.net\/\">Trotzkistisches Archiv \u00d6sterreichs<\/a> dokumentiert die Geschichte des \u00f6sterreichischen Trotzkismus im fr\u00fchen 20. Jahrhundert. Zwischen 1933 und 1955 befand sich der \u00f6sterreichische Trotzkismus in der Illegalit\u00e4t, darum lassen sich in Bibliotheken nur vereinzelte Dokumente dieser Phase finden. Insgesamt umfasst das Archiv 12.000 Seiten, von denen 7-8.000<!--more--> nirgendwo sonst auffindbar sind. Mithilfe des Arbeiter*innenstandpunkt dokumentierte Manfred Scharinger die Texte in jahrelanger Kleinstarbeit. Linkswende sprach mit ihm \u00fcber die Geschichte des \u00f6sterreichischen Trotzkismus in der Illegalit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Linkswende: Die \u00f6sterreichische Revolution und R\u00e4tebewegung von 1917 bis 1919 f\u00fchrte zu einer Radikalisierung der Arbeiter_innenbewegung und einer Neu-Formierung der revolution\u00e4ren Linken. War diese Phase f\u00fcr die sp\u00e4teren Urspr\u00fcnge des \u00f6sterreichischen Trotzkismus in biografischer oder theoretischer Hinsicht pr\u00e4gend?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man sich die Geschichte des \u00f6sterreichischen Trotzkismus anschaut, gibt es eine entscheidende Bezugsperson, die 1918\/1919 eine pr\u00e4gende Rolle spielte. Das war Josef Frey, der 1882 im heutigen Tschechien in Strakonitz geboren wurde und in Wien Rechtswissenschaften studierte. Vor dem Ersten Weltkrieg schrieb er f\u00fcr die Sportrubrik der Arbeiter-Zeitung. Im Krieg diente er als Reserveoffizier und gab sich fr\u00fch als Linker zu erkennen. Als sich im Zuge des Zusammenbruchs des Habsburgerreiches und der k.u.k. Armee Soldatenr\u00e4te bildeten, wurde er als Vorsitzender des Wiener Soldatenrates zu einer Schl\u00fcsselfigur der radikalisierten Arbeiter_innenbewegung. Frey war die einzige Person des sp\u00e4teren Trotzkismus, der in der Umbruchphase eine wirklich tragende Rolle spielte.<\/p>\n<p>Die Umbruchphase war jedoch auch ein politischer Bezugspunkt: Auf einer direkten Ebene er\u00f6ffnete die Radikalisierung Ende 1917, Anfang 1918 neue M\u00f6glichkeiten und schuf ein Reservoir links der Sozialdemokratie. Franz Koritschoner und die sp\u00e4teren Gr\u00fcndungsfiguren der <em>Kommunistischen Partei Deutsch-\u00d6sterreichs <\/em>wurden auch in dieser Zeit aktiv. Insbesondere Heimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft, die teilweise in direktem Kontakt mit den russischen Revolution\u00e4r_innen standen, wurden F\u00fchrungsfiguren der sich neu formierenden Linken und der KPD\u00d6.<\/p>\n<p>(<em>Kommunistische Partei Deutsch-\u00d6sterreich<\/em>, sp\u00e4ter KP\u00d6)<\/p>\n<p><strong>Durch seine Schl\u00fcsselrolle innerhalb der Soldatenr\u00e4te war Frey in der revolution\u00e4ren Phase noch in die Sozialdemokratie eingebunden. Wie kam es zum Bruch?<\/strong><\/p>\n<p>Die Revolution offenbarte das Versagen der Sozialdemokratie (SDAP). Otto Bauer (f\u00fchrender Theoretiker und Aush\u00e4ngeschild des Austromarxismus) argumentierte in dieser Phase: Wir h\u00e4tten in jedem Augenblick 1918\/1919 die Macht ergreifen k\u00f6nnen, aber aus staatspolitischer Verantwortung haben wir das nicht gemacht. Josef Frey formierte aufgrund der politischen Zur\u00fcckhaltung der SDAP-F\u00fchrung die Arbeitsgemeinschaft revolution\u00e4re Arbeiterr\u00e4te. Diese Organisation zielte auf eine tiefergehende Revolution ab.<\/p>\n<p>Nachdem sich Frey nicht in die Sozialdemokratie integrieren lie\u00df \u2013 er lehnte die Angebote, u.a. Parlamentarier f\u00fcr die SDAP zu werden ab \u2013 wurde er 1920\/21 aus der Partei herausgedr\u00e4ngt. Daraufhin schlossen sich Frey und andere revolution\u00e4re Arbeiterr\u00e4te der <em>Kommunistischen Partei<\/em> an. Ein Punkt, der in diesem Zusammenhang wichtig ist: Der lange Verbleib von Frey in der SDAP wurde ihm innerhalb der KP\u00d6 immer wieder zum Vorwurf gemacht.<\/p>\n<p>Insgesamt war also 1918\/1919 nat\u00fcrlich ein entscheidender Bezugspunkt f\u00fcr die Entwicklung einer revolution\u00e4ren Alternative zur Sozialdemokratie. Eine Randbemerkung noch, Josef Strasser der in der Vorkriegs-Sozialdemokratie als Linker eine wichtige Rolle spielte, wechselte in dieser Phase zur KP\u00d6. Sp\u00e4ter war er kurzzeitig in der Linksopposition der KP\u00d6 aktiv. Aufgrund fr\u00fcherer Differenzen wollten Frey und er nie zusammenarbeiten, da gab es tiefgehende Ressentiments. Denn als Chefredakteur der KP\u00d6-Tageszeitung <em>Rote Fahne<\/em> war Strasser letztlich f\u00fcr die Anti-Frey-Kampagne innerhalb der KP\u00d6 ab 1926 mitverantwortlich.<\/p>\n<p><strong>Gab es von Frey beziehungsweise innerhalb trotzkistischer Kreise eine Reflexion \u00fcber den fr\u00fchen Kurs der KPD\u00d6, die eine starke \u201eputschistische\u201c \u2013 d.h. die Mehrheit der Arbeiter_innenklasse ignorierende \u2013 Tendenz hatte?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt von Frey und Kurt Landau einige wenige Texte, die Bezug auf die (Fr\u00fch-)Geschichte der KP\u00d6 nehmen. Kurt Landau war ebenfalls eine tragende Pers\u00f6nlichkeit des \u00f6sterreichischen Trotzkismus \u2013 er kam aus dem <em>Kommunistischen Jugendverband<\/em> und war in der Kulturabteilung der KP\u00d6 aktiv. Gerade f\u00fcr die Formierungsphase der \u00f6sterreichischen Linksopposition war er relevant. Er setzte sich in mehreren Artikeln mit dem \u201eAnarcho-Kommunismus\u201c der KP\u00d6 auseinander.<\/p>\n<p>Eine wirklich systematische Aufarbeitung gab es aber nicht. Dies h\u00e4ngt auch damit zusammen, dass die Fr\u00fchgeschichte der KP\u00d6 eine sehr verwirrende Phase mit sich \u00e4ndernden Loyalit\u00e4ten war. F\u00fcr die Formierung der KP\u00d6 waren die damals aktuellen Diskussionen innerhalb der Komintern \u2013 bspw. der Bruch Sinowjew mit Stalin undBucharin 1926 oder die Debatten um die Industrialisierung der Sowjetunion \u2013 wichtiger. Koritschoner und sein Linksradikalismus waren fr\u00fch eine Randerscheinung in der KP\u00d6. Insofern war eine Aufarbeitung dieser Fr\u00fchphase zumindest keine tagespolitische Notwendigkeit.<\/p>\n<p><strong>Als Linksopposition sind jene Gruppen bekannt, die sich gegen die Unterordnung der internationalen kommunistischen Bewegung unter Stalins Politik formierten und an Trotzki ankn\u00fcpften. Die \u00f6sterreichische Linksopposition innerhalb der KP\u00d6 war nie vereinigt, sondern in unterschiedlichste politische und pers\u00f6nliche Fraktionen gespalten. Kannst du einen kurzen \u00dcberblick \u00fcber die Str\u00f6mungen der Linksopposition geben?<\/strong><\/p>\n<p>Es gab zwei historisch gewachsene Zentren der \u00f6sterreichischen Linksopposition. Vereint war die Opposition in der Ablehnung der \u201eBolschewisierungsfraktion \u201c innerhalb der KP um Johann Koplenig. Auf der einen Seite gab es in Wien verschiedene Str\u00f6mungen, die sich auf Basis von Bezirken organisierten. Es gab eine tschechische Gruppe in Ottakring, die Bezirksgruppe in Meidling, die \u201eHeimatsektion\u201c von Frey, und z.B. eine Gruppe in Hernals, die von Karl Mayer gef\u00fchrt wurde. Im April 1926 schlossen sich diese Gruppen zu einem relativ losen B\u00fcndnis zusammen.<\/p>\n<p>Die andere Str\u00f6mung, zu der bspw. Kurt Landau bald wechseln sollte, formierte sich in der Steiermark als \u201e<em>Mahnruf Gruppe<\/em>\u201c, also als Gruppe um die Zeitschrift <em>\u201eMahnruf\u201c<\/em>. W\u00e4hrend die radikale Linke in der Steiermark generell schwach war, war die <em>Mahnruf-Gruppe<\/em> politisch und personell bedeutsamer als die offizielle KP\u00d6-Sektion. Von ca. 100 Parteimitglieder in Graz und Umgebung waren ca. 80 in der <em>Mahnruf-Gruppe<\/em>. Verankert war sie wie die KP generell in <em>Arbeitsloseninitiativen<\/em>. Die verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige St\u00e4rke der <em>Mahnruf-Gruppe<\/em> f\u00fchrte dabei zu Widerspr\u00fcchen. Die <em>Mahnruf-Gruppe<\/em> trat dann ja auch 1929 eigenst\u00e4ndig bei Gemeinderatswahlen in Graz an und erreichte mehr als 600 Stimmen, die KP\u00d6 nicht einmal 200.<\/p>\n<p>Trotzki vertrat hingegen in dieser Phase die Position, die Linksopposition sollte sich als Fraktion der Kommunistischen Partei formieren und demnach nicht selbstst\u00e4ndig zu Wahlen antreten. F\u00fcr die <em>Mahnruf-Gruppe<\/em> war es schwer nachvollziehbar, warum sie als st\u00e4rkere Gruppierung die offizielle KP-Sektion bei Wahlen unterst\u00fctzen sollten und nicht selbst antreten d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Insgesamt hatte die KP\u00d6 1926\/27 nicht mehr als 3.000 Mitglieder. Davon unterst\u00fctzen in Wien 600 einen Aufruf der Opposition, das hei\u00dft innerparteilich war die Opposition ein wichtiger Machtfaktor, auch wenn sie insgesamt betrachtet, schwach war. Aus diesem Reservoir rekrutierte sich dann auch die KP\u00d6 (Opposition), die sich im Fr\u00fchjahr 1927 nach den Ausschl\u00fcssen aus der KP\u00d6 bildete und dann bis zum Verbot 1933 die <em>Arbeiter-Stimme<\/em> herausgab \u2013 schon bald auf einer politisch klaren Linie, n\u00e4mlich auf der der Internationalen Linksopposition um Leo Trotzki.<\/p>\n<p><strong>Trotzkis-Strategie hast du bereits erw\u00e4hnt, er setzte sich ja selbst immer wieder mit den politischen Entwicklungen in \u00d6sterreich auseinander. Mir sind besonders seine Texte zur St\u00e4rke der \u00f6sterreichischen Sozialdemokratie als Produkt der Schw\u00e4che des B\u00fcrgertums bekannt. Gab es einen direkten Austausch zwischen Trotzki und Frey?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, es gab mit einer ganzen Reihe \u00f6sterreichischer Trotzkisten einen direkten Austausch. Es gibt zwei gro\u00dfe Bereiche, mit denen sich Trotzki im \u00f6sterreichischen Trotzkismus auseinandersetzt.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite der Februar 1927 und die Krise der \u00f6sterreichischen Sozialdemokratie \u2013 ihr Zur\u00fcckweichen nach dem Justizpalastbrand, die zunehmende Transformation \u00d6sterreichs in einen austrofaschistischen Staat. 1936 gibt es noch einen Text, der in <em>Unser Wort<\/em> (Exilzeitschrift der <em>Internationalen Kommunisten<\/em> Deutschland) erschienen ist. In diesem setzt sich Trotzki aus der Perspektive eines Arbeiters damit auseinander, ob \u00d6sterreich eine Nation ist, oder nicht und ob das austrofaschistische \u00d6sterreich gegen das nazifaschistische Deutschland verteidigt werden sollte.<\/p>\n<p>Zweitens gab es eine organisatorische Diskussion um die Frage, unter welchen Bedingungen sich die \u00f6sterreichische Linksopposition in die internationale Linksopposition eingliedert. In meinen Augen hatten in dieser Auseinandersetzung weder Trotzki noch Frey eine besonders gl\u00fcckliche Hand. Trotzki hat dies indirekt sp\u00e4ter eingestanden, als er erkl\u00e4rte, wegen der Frage, wie die Organisation konkret aufgebaut sein sollte, sollte man sich auf internationaler Ebene nicht spalten.<\/p>\n<p><strong>Kannst du den \u201eBolschewiesierungsprozss\u201c innerhalb der KP\u00d6 am Rande vorstellen. Was waren die konkreten Konfliktlinien?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist schwierig zu beantworten, weil die Konfliktlinien nicht immer klar waren. Eindeutig war Koplenigs Position, egal was Stalin sagt, wir gehen mit ihm. In den Jahren 1922\/1923 hatte Frey die Parteif\u00fchrung der KP inne. In dieser Phase versuchte er gegen ultra-linke Widerst\u00e4nde die Taktik der Einheitsfront, das hei\u00dft die Bereitschaft, mit sozialdemokratischen Organisationen in konkreten Konflikten zusammenzuarbeiten. Mit der Niederlage im deutschen Oktober wurden jene Linke, die solch eine Strategie verfolgten, mit der Ausschaltung von Thalheimer und Brandler in der KPD an den Rand gedr\u00e4ngt. Dies wirkte sich auch auf \u00d6sterreich aus. Dazu kommt noch, 1924\/25 wird Frey nach Berlin in die Spionageabteilung der sowjetischen Gesandtschaft in Berlin beordert und konnte in die Fraktionsk\u00e4mpfe in \u00d6sterreich nicht eingreifen.<\/p>\n<p>Die Jahre 24, bis Fr\u00fchjahr 26 waren ein zerm\u00fcrbender Kleinkrieg in einer immer schw\u00e4cher werdenden KP\u00d6. Politische, fraktionelle und pers\u00f6nliche Differenzen \u00fcberlagerten sich. Koplenig \u00fcbernahm konsequent alle Wendungen und konnte dadurch als stabiler Kern erscheinen. Eine fragliche Darstellung, denn politisch schwankte Koplenig hin und her. Frey forderte bis in die 1940er Jahre, eigentlich bis zu seinem Tod, dass sich \u00d6sterreich in eine gesamtdeutsche Revolution eingliedern m\u00fcsse. F\u00fcr die Koplenig-Fraktion war es einmal die Eigenst\u00e4ndigkeit \u00d6sterreichs, einmal eine Donau-Balkan F\u00f6deration, das n\u00e4chste Mal Eingliederung in die deutsche Revolution. Erst in den 30er Jahren wurde die Eigenst\u00e4ndigkeit \u00d6sterreichs unumstrittenes und unhinterfragbares Programm, weil sie in Stalins damalige Ausrichtung passte.<\/p>\n<p><strong>Ist es der Linksopposition nach dem Justizpalastbrand gelungen, an die Radikalisierung sozialdemokratischer Arbeiter_innen anzukn\u00fcpfen?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gab es Ankn\u00fcpfungspunkte, der Gro\u00dfteil des Trotzkismus kam aus der Sozialdemokratie bzw. dem <em>Schutzbund<\/em>. Aber ein un\u00fcberwindbares Problem war letztlich die Schw\u00e4che der Kommunistischen Partei. Die Linksopposition verstand sich als ausgeschlossene Fraktion einer Minorit\u00e4ten-Gruppierung, die am Rand der Arbeiter_innenbewegung dahinvegetierte. Au\u00dferdem m\u00fcssen wir bedenken, dass ab dem Jahr 27 die Sozialfaschismustheorie die Ankn\u00fcpfungspunkte zu linken Sozialdemokraten kappte. Die Linksopposition in \u00d6sterreich stand vor grundlegenden Problemen, die sie von sich aus nicht so leicht produktiv \u00fcberwinden konnte.<\/p>\n<p><strong>In \u00d6sterreich erlebten wir das interessante Ph\u00e4nomen, dass die kommunistische Bewegung, die in der Legalit\u00e4t wenig zusammenbrachte, in der Illegalit\u00e4t aufbl\u00fchte. Erst in der Phase der Illegalit\u00e4t wurde die KP zu einer Partei mit ansatzweise Massenr\u00fcckhalt. Wie wirkte sich die Illegalit\u00e4t auf die Linksopposition aus?<\/strong><\/p>\n<p>Die Entt\u00e4uschung \u00fcber die Niederlage der Sozialdemokratie bereitete auch hier den Boden auf. Mit der Illegalit\u00e4t und parallel zum Anwachsen der KP konnte sich also auch der Trotzkismus konsolidieren. Es gab drei gr\u00f6\u00dfere Gruppierungen, die sich auf Trotzki bezogen. <em>Der Kampfbund f\u00fcr die Befreiung der Arbeiterklasse<\/em>, kurz <em>Kampfbund<\/em> genannt und angef\u00fchrt von Frey. Die <em>Bolschewiki-Leninisten<\/em>, welche sich um den Februar 34 gr\u00fcndeten und eine Strategie des Entrismus in die Sozialdemokratie verfolgten. Darum verf\u00fcgten sie \u00fcber die besten Kontakte zu sozialdemokratischen Arbeiter_innen. Die dritte Gruppe war die bereits angesprochene Formierung um den <em>Mahnruf<\/em> in der Steiermark, die auch in Wien nach dem \u00dcbertritt von Kurt Landau und einigen anderen ab 1929 eine Pr\u00e4senz hatte.<\/p>\n<p>Sowohl die KP, als auch die trotzkistischen Gruppen konnten also aus dem Reservoir von mit der Sozialdemokratie entt\u00e4uschten Arbeiter_innen sch\u00f6pfen. Besonders Mitglieder des <em>Schutzbundes <\/em>oder der <em>Wehrturner<\/em> zog es zu den Str\u00f6mungen der radikalen Linken.<\/p>\n<p><strong>Kannst du die Unterschiede zwischen Kampfbund und Bolschewiki-Leninisten kurz darstellen?<\/strong><\/p>\n<p>Die <em>Bolschewiki-Leninisten<\/em> waren ein relativ lose organisierter Diskussionszirkel und gaben eine Zeitung heraus, die als offizielle Sektion der <em>Internationalen Linksopposition<\/em> den Vorteil hatte, relativ leicht auch Trotzki-Texte nachdrucken zu k\u00f6nnen. Gest\u00e4rkt wurden sie durch eine Linksentwicklung im Kommunistischen Jugendverband, aus der die <em>Revolution\u00e4ren Kommunisten<\/em> entstanden. Diese waren das dynamischste Element der Kr\u00e4fte links der KP\u00d6 und \u00fcbernahmen nach kurzer Zeit die <em>Bolschewiki-Leninisten<\/em>. Eine aktivistische Jugendgruppe, die f\u00fcnf Minuten Streiks organisiert, Zeitungen und Flugbl\u00e4tter verteilt, relativ offen um Unterst\u00fctzung warb. Der Aktivismus f\u00fchrte einerseits zu einem raschen Anwachsen der Gruppe, gleichzeitig gerieten sie aber auch leichter ins Visier des Staatsschutzes. Im Zuge von Verhaftungen wurde die Gruppe dann schon bald, 1936\/1937, schwer geschw\u00e4cht. Einige fl\u00fcchteten nach Frankreich und waren in der franz\u00f6sischen Illegalit\u00e4t aktiv, bspw. Georg Scheuer, oder gingen wie Josef Hindels, eine sp\u00e4tere Ikone der SP-Linken, nach Skandinavien.<\/p>\n<p>Der <em>Kampfbund<\/em> hingegen war extrem straff organisiert. Das war sicher auch Ergebnis davon, dass Frey als Soldatenrat und durch die Ausbildung in der sowjetischen Gegenspionage das technische Know-how f\u00fcr konspirative Gruppen mitbrachte. Auf der einen Seite verhindert diese geheime, straffe Organisierung, dass sich der <em>Kampfbund<\/em> explosionsartig in Richtung Sozialdemokratie ausweitete, es gab punktuelle Ankn\u00fcpfungspunkte und eine letztlich recht erfolgreiche Fraktionsarbeit im <em>Schutzbund<\/em>. Aber die <em>Revolution\u00e4ren Kommunisten<\/em> waren in ihrem jugendlichen Aktivismus da kurzfristig im Vorteil. Auf der anderen Seite war die extreme Vorsicht ein Garant daf\u00fcr, dass ein Gro\u00dfteil der Organisation auch den Nazi-Faschismus unbeschadet \u00fcberstand. Mit einer Ausnahme aus der Kampfbund-Tradition, das war die Gruppe <em>Gegen den Strom<\/em>, welche von der Gestapo zerschlagen wurde.<\/p>\n<p><strong>Wie muss man sich die Organisierung des Kampfbundes in den 30er Jahren vorstellen?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt eine Monatszeitung und ein sehr ausgepr\u00e4gtes Schulungswesen. Die tiefgehenden und straff organisierten Schulungen waren ein Hauptprojekt im internen Leben des Kampfbundes. Der Schulungskurs von Frey hatte bereits in den 1930er Jahren mehrere hundert Seiten, in den 1950er wuchs er auf \u00fcber 1.000 Seiten. In Kleingruppen wurden diese Texte gelesen, man traf sich aber bspw. auch in der Lobau zu politischen \u201eWandertagen\u201c, um die Texte zu diskutieren. An solchen Schulungen in den Donauauen nahmen zeitweise \u00fcber 100 Menschen teil.<\/p>\n<p>Aber wir d\u00fcrfen nicht vergessen: Politische Arbeit war extrem riskant und das Risiko kam nicht nur vonseiten des Staatsschutzes, sondern auch von der KP\u00d6. Zum Schutz vor Repression gab es in den Zellen immer nur eine Person, die andere Zellenleiter kannte. Wer bei den Schulungen mitmachte, ja sogar wer im <em>Kampfbund<\/em> organisiert war, wusste nicht, wer die F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten des <em>Kampfbundes<\/em> waren. Es gab keinen direkten Kontakt der (einfachen) Mitglieder mit der Leitung.<\/p>\n<p>Der <em>Kampfbund<\/em> war \u00fcbrigens damals mit Ausnahme von Josef Frey und einigen wenigen anderen eine rein proletarische Organisation. Generell ist der \u00f6sterreichische Trotzkismus ein Arbeitertrotzkismus und nicht auf den Universit\u00e4ten entstanden. Ich w\u00fcrde sch\u00e4tzen, dass bei der KP\u00d6 (Opposition) und dann sp\u00e4ter im Kampfbund 95\u00a0% der Mitglieder Arbeiter_innen oder Arbeitslose waren, beim Mahnruf in Graz d\u00fcrfte dies \u00e4hnlich gewesen sein. Wobei: Die tragenden Pers\u00f6nlichkeiten wie Frey oder Landau waren Intellektuelle.<\/p>\n<p><strong>Die sehr proletarische Basis des \u00f6sterreichischen Trotzkismus ist interessant. War dies eine bewusste politische Entscheidung oder eher Ergebnis der Umst\u00e4nde.<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube beides. Frey hatte einen starken anti-intellektuellen Reflex. Auf der anderen Seite, die gesamte KP\u00d6-Tradition ist stark in der Arbeitslosenbewegung verankert gewesen \u2013 deutlich weniger in intellektuellen Schichten. Es gab vereinzelte Intellektuelle oder Studierende, aber im Wesentlichen rekrutierten sich KP\u00d6 wie Trotzkismus aus der Arbeiter_innenklasse und prim\u00e4r aus den Schichten der Arbeitslosen. Dies trifft bis Anfang der 70er Jahre zu. Dann begann eine Periode des Trotzkismus, die stark intellektuell und von der Student_innenbewegung gepr\u00e4gt war.<\/p>\n<p><strong>Der Kampfbund war keine einheitliche Organisation, es gab unterschiedliche Fraktionen, die sich \u00fcber die Position zum Zweiten Weltkrieg differenzierten. Kannst du darauf kurz eingehen?<\/strong><\/p>\n<p>Bis 1937 war der <em>Kampfbund<\/em> straff und einheitlich organisiert. Die Fraktionierungen setzten Ende 1937 innerhalb des <em>Kampfbundes<\/em> ein und waren dann aber auch f\u00fcr den Nachkriegstrotzkismus relevant. Der Kampfbund geht in seinen Kriegsthesen 1936 richtig davon aus, der Zweite Weltkrieg wird in der n\u00e4chsten Zeit beginnen. Dadurch ist der Bestand der Sowjetunion, des degenerierten Arbeiterstaates in Gefahr. Auch richtig eingesch\u00e4tzt wurde, dass Stalin potenziell mit demokratischen Imperialisten ein B\u00fcndnis gegen Hitler schmieden k\u00f6nnte. Also, dass L\u00e4nder wie Frankreich auf der Seite der Sowjetunion gegen Hitler stehen. Anfangs verfolgte der <em>Kampfbund<\/em> in dieser Konstellation die klassische Position des revolution\u00e4ren Def\u00e4tismus. In imperialistischen Staaten muss also die Arbeiterklasse f\u00fcr die Niederlage des eigenen Imperialismus k\u00e4mpfen, dreht die Gewehre um usw.<\/p>\n<p>Von dieser Position bewegte sich Frey mit seiner Theorie der \u201ekombinierte Kriegstaktik\u201c Ende 37 weg. Er argumentierte: \u201eWas machen wir in einem Land wie Frankreich, das mit der Waffe in der Hand gegen Hitler k\u00e4mpft und sich in einem B\u00fcndnis mit der Sowjetunion befindet? Wir m\u00fcssen, um die Sowjetunion zu sch\u00fctzen, auf den Def\u00e4tismus in den L\u00e4ndern, welche im B\u00fcndnis mit der Sowjetunion sind, verzichten. Erst, wenn die Sowjetunion stark genug ist, sich selbst zu verteidigen, k\u00f6nnen wir zu Def\u00e4tismus zur\u00fcckkehren.\u201c Ein Gro\u00dfteil der Kampfbund-Kader stand dieser Strategie in meinen Augen berechtigterweise ablehnend gegen\u00fcber und forderte das Festhalten am revolution\u00e4ren Def\u00e4tismus. Innerhalb des Kampfbundes entstanden in kurzer Zeit drei Fraktionen, die <em>Proletarischen Internationalisten<\/em>, die <em>Proletarischen Revolution\u00e4re<\/em> und die <em>Linksfraktion des Kampfbundes<\/em>, die sp\u00e4ter als Gruppe <em>Gegen den Strom<\/em> auftrat. Alle Gruppierungen waren einig im Kampf gegen die \u201eKombinierte Kriegstaktik\u201c, die Differenzen untereinander sind hier nicht so sehr von Bedeutung. Im Laufe der Zeit, von 1938 bis 1943, avancierten <em>die Proletarischen Internationalisten<\/em> zum neuen Zentrum der Vereinigung, zu der auch mehrmals Teile des <em>Kampfbundes<\/em> \u00fcbergingen und in denen die <em>Proletarischen Revolution\u00e4re<\/em> aufgingen.<\/p>\n<p><strong>Im Nationalsozialismus war es noch schwieriger, Strukturen aufrechtzuerhalten. Gab es noch funktionierende Zusammenh\u00e4nge?<\/strong><\/p>\n<p>Die Str\u00f6mung um die <em>Revolution\u00e4ren Kommunisten \/ Bolschewiki-Leninisten<\/em> wurde in den 30er-Jahren vom austrofaschistischen Regime zerschlagen. Die Gruppe <em>Gegen den Strom<\/em> wurde im Fr\u00fchjahr 1943 enttarnt, zwei Genossen wurden von den Nazis ermordet. Bis Fr\u00fchjahr 1943 gibt es aber ein \u00fcberraschend intensives Organisationsleben der verschiedenen Gruppierungen. W\u00e4hrend der Nationalsozialismus w\u00fctete, Europa mit Krieg \u00fcberzog und Oppositionelle im KZ oder am Schafott landeten, wurde intensive Schulungsarbeit betrieben, unter gro\u00dfen Gefahren regelm\u00e4\u00dfig Zeitungen produziert und Debatten abgehalten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wurde dies alles durch Einberufungen im Laufe des Krieges behindert. Aber wie gesagt: es gab regelm\u00e4\u00dfige Zeitungen, regelm\u00e4\u00dfig stattfindende Schulungen, Brosch\u00fcren und Flugschriften. Das Aufrechterhalten des <em>Kampfbundes<\/em> und seiner Abspaltungen war letztlich das Ergebnis der strikten Beachtung der konspirativen Regeln, die es aber wiederum schwer machten, zu wachsen. F\u00fcr die internationale trotzkistische Bewegung war der \u00f6sterreichische Trotzkismus das Paradebeispiel f\u00fcr eine straff organisierte Gruppe. Ernst Mandel kommentierte das einmal so: \u201eBei euch muss man nur mehr einen Schritt weitermachen, dann ist schon Gef\u00e4ngnis!\u201c, so streng wurde auf die Einhaltung der Regeln geachtet.<\/p>\n<p>Wenn das Gef\u00fchl vorhanden war, es ist Gefahr im Verzug, wurde bspw. der Kontakt der einzelnen Zellen auf Sichtkontakt beschr\u00e4nkt. Wenn um 15:35 ein Treffen ausgemacht war, ist man um 15:36 wieder weggegangen. Die Zeitungen wurden nur an ausgew\u00e4hlte Kontakte verteilt, auf Seidenpapier gedruckt und z.B. in Fahrradpumpen versteckt. Im Fr\u00fchjahr 1943, als die Gruppe <em>Gegen den Strom<\/em> aufgerollt wurde, stellten sich aus Sicherheitsgr\u00fcnden die anderen Gruppierungen f\u00fcr mehr als ein Jahr \u201etot\u201c, um nicht auch im Strudel der Verfolgung unterzugehen.<\/p>\n<p>Letztlich gelang es, den Kaderstamm \u00fcber die langen Jahre der Verfolgung aufrechtzuerhalten. Aus den <em>Proletarischen Internationalisten<\/em> ging Ende 1944 der <em>Karl-Liebknecht-Bund<\/em> hervor, der dann im J\u00e4nner 1945 die nach der Verhaftungswelle 1943 eingestellte Publikationst\u00e4tigkeit mit einer ersten Nummer des <em>\u201eSpartakist\u201c<\/em> wiederaufnahm. Dass trotz jahrlanger Isolierung der \u00f6sterreichische Trotzkismus seine politische Handlungsf\u00e4higkeit behielt und auch weitgehend richtige Positionen einnahm, davon zeugt diese Spartakist-Nummer, die sich mit Griechenland, einem Testfall f\u00fcr Stalins Bereitschaft, eine Revolution zu verraten, besch\u00e4ftigte, aber auch die \u201eThesen zum 10. April 1945\u201c. Sozialdemokratie und die \u201eoffizielle\u201c KP sollte bei jedem wirklichen Schritt im Interesse des Proletariats unterst\u00fctzt werden, die Kriegskosten auf die Unternehmer abgew\u00e4lzt werden.<\/p>\n<p>Knapp nach Ende des Krieges d\u00fcrfte der <em>Karl-Liebknecht-Bund<\/em> mehrere Dutzend Mitglieder umfasst haben. 1946 erfassten die <em>Internationalen Kommunisten \u00d6sterreichs<\/em>, wie sich die Sektion der IV. Internationale ab 1946 nannte, dann fast 200 zellenm\u00e4\u00dfig erfasste Genoss_innen: etwas \u00fcber 70 Mitglieder, \u00fcber 50 Kandidat_innen, zwei Dutzend organisierte Sympathisant_innen und noch sogenannte \u201ePropagandaf\u00e4lle\u201c, das hei\u00dft enge Kontakte, die an Schulungen teilnahmen und an die die Zeitung weitergegeben wurde.<\/p>\n<p><strong>Je weiter die Rote Armee Richtung Deutschland vorr\u00fcckte, desto eher kam es zu Widerstand innerhalb der \u00f6sterreichischen Arbeiter_innenbewegung bspw. Donawitz, Ottakring usw. Gab es hier Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr den Trotzkismus oder war der Widerstand KP-dominiert?<\/strong><\/p>\n<p>Das war nat\u00fcrlich immer der Plan, aber die Angst, dass Stalin kurzen Prozess mit Linksabweichlern macht, war allgegenw\u00e4rtig. Dadurch waren die H\u00fcrden so hoch, dass man au\u00dferhalb des engsten pers\u00f6nlichen Umfeldes nicht aktiv werden konnte.<\/p>\n<p><strong>Es war also ein fortgesetzter zwei-Fronten-Krieg einerseits Staat andererseits KP?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, so k\u00f6nnte man sagen. Die Angst vor KP und Stalin war aber, und das ist wichtig dabei, kein Hirngespinst. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein Repr\u00e4sentant der fr\u00fcheren <em>Revolution\u00e4ren Kommunisten<\/em>, Karl Fischer, in Linz \u2013 er war bei der Arbeiterkammer besch\u00e4ftigt \u2013 \u00fcber die Zonengrenze nach Urfahr gelockt, von stalinistischen Agenten festgenommen und f\u00fcr fast 10 Jahre in den sowjetischen Gulag verschleppt. Er kam als gebrochener Mann nach \u00d6sterreich zur\u00fcck. Also: Die Bedrohung war real und nicht eingebildet. Sie hat die Ausbreitung des \u00f6sterreichischen Trotzkismus massiv verhindert.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich muss auch festgehalten werden, dass der <em>Kampfbund<\/em> wie auch der Mainstream des internationalen Trotzkismus von einer falschen theoretischen Grundannahme ausging. N\u00e4mlich, dass der Zweite Weltkrieg so enden w\u00fcrde wie der Erste. Der Krieg sollte die Revolution und damit das Ende des Krieges hervorbringen. Diese Revolutionen wurden in Griechenland abgew\u00fcrgt und blieb in \u00d6sterreich in den Vorformen stecken.<\/p>\n<p><strong>Konnte sich der Trotzkismus nach 45 trotz dieser falschen Grundannahmen konsolidieren oder verschwand er?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben schon davon gesprochen, dass die Linksopposition in \u00d6sterreich nicht einheitlich organisiert war. Es blieb auch nach 1945 dabei, dass der \u00f6sterreichische Trotzkismus nicht einheitlich war. W\u00e4hrend die <em>Revolution\u00e4ren Kommunisten<\/em> nach 1945 kein Revival erlebten, gingen aus der Kampfbund-Tradition nach 45 zwei Str\u00f6mungen hervor: der <em>Kampfbund<\/em>, der die kombinierte Kriegstaktik nach wie vor verteidigte, und der <em>Karl-Liebknecht-Bund.<\/em> Die Vereinigung dieser beiden Gruppierungen im Jahr 1946 scheiterte schon im Folgejahr. Der Kampfbund f\u00fchrte dann eine illegale Existenz bis Mitte der 1970er Jahre fort. Begr\u00fcndet wurde die Illegalit\u00e4t damit, dass der Zweite Weltkrieg nicht vorbei sei, was heute nat\u00fcrlich sehr wild klingt. Vergessen werden darf aber nicht, dass der Kalte Krieg eine Realit\u00e4t war, allerdings wurde er lediglich als Zwischenetappe eingesch\u00e4tzt, die \u201efr\u00fcher oder sp\u00e4ter\u201c wieder in eine hei\u00dfe Phase des Krieges umschlagen wird. Anfang der 1970er Jahre war diese Konzeption aber so nicht mehr l\u00e4nger haltbar. Aus dieser \u00d6ffnung des ein Vierteljahrhundert streng abgeschotteten Kampfbundes gingen jene Genoss_innen hervor, die mit der Illegalit\u00e4t brachen und 1976 an der Gr\u00fcndung der <em>Internationalen Kommunistischen Liga (IKL)<\/em> mitbeteiligt waren. Der <em>Karl-Liebknecht-Bund<\/em> hatte sich ja 1946 mit der Anerkennung als \u00f6sterreichische Sektion der IV. Internationale in <em>Internationale Kommunisten \u00d6sterreichs (IK\u00d6) <\/em>umbenannt. Sie gab den <em>Spartakist<\/em> heraus und versuchte nach 45 Entrismusarbeit innerhalb der Sozialdemokratie.<\/p>\n<p><strong>Kannst du noch kurz auf das Konzept Entrismus eingehen?<\/strong><\/p>\n<p>Entrismus ist ein Konzept, das Trotzki in den 30er Jahren als kurzfristige Perspektive entwickelte, um innerhalb der Sozialdemokratie in Frankreich Arbeiter_innen, die eine Alternative suchen, f\u00fcr sich zu gewinnen. Das Entrismus-Konzept, das nach 1945 vom <em>Internationalen Sekretariat<\/em> (Pablo und Mandel) entwickelt wurde, ist ein anderes. Es geht davon aus, dass sowohl Sozialdemokratie als auch stalinistische Parteien relativ stabile, auf lange Zeit ausgerichtete Gruppierungen sind. Rasche politische Br\u00fcche sind nicht zu erwarten, deshalb muss eine langfristige Verankerung versucht werden. Dieser \u201etiefe Entrismus\u201c f\u00fchrt in \u00d6sterreich ab 1948 zu einer umfassenden inner-trotzkistischen Diskussion, die die IK\u00d6mehr oder weniger an den Rand des Abgrunds brachte. Der <em>Kampfbund<\/em> blieb davon kaum ber\u00fchrt, bereits in den 1930er Jahren war dieser ja ein Gegner des Entrismus gewesen, ein langfristiger, \u201etiefer\u201c Entrismus erschien ihm umso mehr als reiner Verrat.<\/p>\n<p>Generell lehnte die Mehrheit des \u00f6sterreichischen Trotzkismus, der <em>Kampfbund <\/em>sowieso und auch die Mehrheit der IK\u00d6, den tiefen Entrismus ab. Nur eine Minderheit um Franz Modlik folgte den Empfehlungen des <em>Internationalen Sekretariats <\/em>und versuchte mit wenig Erfolg als IK\u00d6-Opposition Entrismus in der SP\u00d6. Erst 1954 vereinigte sich auf massiven internationalen Druck die inzwischen stark dezimierte Organisation wieder.<\/p>\n<p><strong>Waren die nicht-entristischen Strategien von Kampfbund und Co. erfolgreicher?<\/strong><\/p>\n<p>Das entscheidende Element war zweifellos die Stabilisierung des Nachkriegs-Kapitalismus in \u00d6sterreich. Die Erwartungen, die an einen Aufschwung der revolution\u00e4ren Bewegungen nach 45 gekn\u00fcpft wurden, endeten allersp\u00e4testens mit der Niederschlagung des Oktoberstreiks 1950. Diese objektiven Ursachen wurden dann durch interne Differenzen verst\u00e4rkt, bzw. wir k\u00f6nnten auch sagen: Dort, wo uns der Wind des Objektiven entgegenbl\u00e4st, nehmen interne Konflikte zu. Dies passierte in der IK\u00d6.<\/p>\n<p>F\u00fcr den <em>Kampfbund<\/em> gilt das nicht. Er zog sich auf sich selbst zur\u00fcck und gab eine Monatszeitung mit insgesamt 232 Nummern in der Illegalit\u00e4t heraus. Auch die intensive Schulungst\u00e4tigkeit wurde weitergef\u00fchrt, neue Mitglieder wurden \u00fcberwiegend individuell rekrutiert. Beeindruckend ist, dass der Kampfbund seinen Kaderstamm \u00fcber die 40er, 50er, 60er und fr\u00fchen 70er erhalten konnte. Aber ein Blick nach au\u00dfen war kaum mehr vorhanden.<\/p>\n<p>Zusammenfassend k\u00f6nnte man sagen: Die trotzkistische Tradition der 30er Jahre klingt mit der Stabilisierung des Kapitalismus in den 50er Jahren aus. Viele Kader geben auf, einige wenige agieren als \u00f6sterreichische Sektion der <em>IV. Internationale<\/em>, versinken in der Sozialdemokratie oder f\u00fchren wie die Kampfb\u00fcndler_innen ein abgeschottetes Dasein in der Illegalit\u00e4t. Die neu entstehenden trotzkistischen Gruppen in \u00d6sterreich ab den 70er Jahren entstehen ohne direkten Bezugspunkt zu dieser Tradition an den Universit\u00e4ten oder ankn\u00fcpfend an internationale Str\u00f6mungen. Das gilt auch f\u00fcr die Gruppe <em>Revolution\u00e4re Marxisten<\/em>, die sp\u00e4tere SOAL, die weniger auf die sp\u00e4rlichen personellen Links zum bisherigen \u00f6sterreichischen Trotzkismus zur\u00fcckgriff, sondern eher auf Diskussionen in der internationalen studentischen Linken fokussiert Und dies gilt nat\u00fcrlich f\u00fcr die anderen Str\u00f6mungen noch viel mehr (Tony Cliff, Militant-Tendency usw.) Der heutige <em>Arbeiter*innenstandpunkt<\/em> kn\u00fcpfte in personeller Hinsicht an den <em>Kampfbund<\/em> an, ist jedoch keine direkte Weiterf\u00fchrung der Kampfbund-Tradition, weil mit der Gr\u00fcndung der IKL schon mit vielen theoretischen Eckpunkten der Kampfbund-Tradition gebrochen wurde.<\/p>\n<p>Was ist vom \u00f6sterreichischen Trotzkismus geblieben? Eines ist klar: Die gesellschaftliche Lage unterscheidet sich heute in vielem von der Ersten Republik, erst recht von der austro- und nazifaschistischen Diktatur. Aber auch die Periode der alliierten Besatzung stellte andere Anforderungen, als sie heute pr\u00e4gend sind. Aber anderes kommt uns wieder bekannt vor: revolution\u00e4re Kr\u00e4fte als Minderheit der Arbeiter_innenbewegung, ein Spagat zwischen opportunistischer Anpassung und sektiererischer Abschottung, wie gestalten wir das Verh\u00e4ltnis zu den \u201eschweren Bataillonen des Proletariats\u201c? Aus den Erfahrungen auch des \u00f6sterreichischen Trotzkismus der letzten Jahrzehnte \u2013 den positiven und den negativen \u2013 den kleinen Erfolgen und den bitteren Niederlagen, k\u00f6nnen wir immens viel lernen. Aber das verlangt auch, uns mit dem revolution\u00e4ren Erbe vorangegangener Generationen auseinanderzusetzen. Und vor allem einmal n\u00f6tigt uns die Geschichte des \u00f6sterreichischen Trotzkismus tiefen Respekt ab: Respekt vor den revolution\u00e4ren K\u00e4mpfer_innen, die trotz Not und Verfolgung an ihrem Ziel der Befreiung der Menschheit festhielten. Es ist das Ziel, dem auch wir uns verpflichtet f\u00fchlen und da bietet die Tradition des \u00f6sterreichischen Trotzkismus sicher einen Bezugspunkt, der es Wert ist, bewahrt und hochgehalten zu werden.<\/p>\n<p>Das Interview f\u00fchrte David Reisinger<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/linkswende.org\/interview-ueber-die-geschichte-des-oesterreichischen-trotzkismus-es-war-vor-allem-ein-arbeitertrotzkismus\/\"><em>linkswende.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 26. April 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Website Trotzkistisches Archiv \u00d6sterreichs dokumentiert die Geschichte des \u00f6sterreichischen Trotzkismus im fr\u00fchen 20. Jahrhundert. 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