{"id":12999,"date":"2023-04-28T10:04:39","date_gmt":"2023-04-28T08:04:39","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12999"},"modified":"2023-04-28T10:04:40","modified_gmt":"2023-04-28T08:04:40","slug":"new-yorker-philharmonie-im-russophoben-taumel-gegen-schostakowitsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12999","title":{"rendered":"<strong>New Yorker Philharmonie im russophoben Taumel gegen Schostakowitsch<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Fred Mazelis. <\/em>Die New Yorker Philharmonie hat ihr Programm f\u00fcr die Auff\u00fchrungen im st\u00e4dtischen Kunstzentrum Lincoln Center ganz im Stillen v\u00f6llig umgestaltet. Der russische Dirigent Tugan Sokhjev sollte urspr\u00fcnglich die ber\u00fchmte 7. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch (auch bekannt als\u00a0 Leningrader Sinfonie) dirigieren. Diese Auff\u00fchrung wurde jedoch abgesagt, und<!--more--> Sokhiev wird nicht auftreten. Stattdessen wird James Gaffigan u.a. ein Werk des ukrainischen Komponisten Walentin Silwestrow, Prokofjews 3. Sinfonie und Rachmaninoffs 3. Klavierkonzert dirigieren.<\/p>\n<p>Noch vor einigen Monaten hat die Philharmonie Tickets f\u00fcr die Konzerte im Mai verkauft, auf denen eindeutig \u201eLeningrader Sinfonie\u201c stand. Irgendwann wurde dies ge\u00e4ndert, ohne dass jedoch die Ticketshalter dar\u00fcber informiert wurden. Die Pressestelle des Orchesters erkl\u00e4rte diese Woche auf Nachfrage zuerst, es handle sich um \u201ek\u00fcnstlerische Entscheidungen\u201c; einen Tag sp\u00e4ter war von \u201ePlanungskonflikten\u201c die Rede. Ein Blick auf Sokhjevs Terminplan zeigt, dass er an diesen Tagen tats\u00e4chlich die M\u00fcnchner Philharmonie dirigieren wird. Allerdigns geht es hier um mehr als nur um einen Terminkonflikt.<\/p>\n<p>Sokhiev war seit 2014 und bis letztes Jahr Musikdirektor und Hauptdirigent des Moskauer Bolschoi-Theaters, au\u00dferdem seit 2008 Musikdirektor des Orchestre National du Capitole de Toulouse in Frankreich. Vor einem Jahr sollte er in New York ein Programm mit Musik russischer Komponisten dirigieren, das etwa einen Monat nach dem russischen \u00dcberfall auf die Ukraine pl\u00f6tzlich abgesagt wurde. Das Orchester gab eine Pressemitteilung heraus, in der es hie\u00df, \u201eaus R\u00fccksicht auf die derzeitige globale Lage\u201c werde Sokhjev das Programm nicht dirigieren. Weiter stand da, die Entscheidung beruhe auf Gegenseitigkeit. Allerdings hatte Sokhiev, wie die <em>WSWS<\/em> damals betonte, in der Angelegenheit wohl kaum etwas zu sagen. Gleichzeitig hie\u00df es letztes Jahr in der Pressemitteilung, die Philharmonie \u201efreut sich darauf, Sokhiev in der n\u00e4chsten Saison zu begr\u00fc\u00dfen\u201c,<\/p>\n<p>Jetzt hat zwar die neue Saison begonnen, doch die \u201ederzeitige globale Lage\u201c &#8211; ein Euphemismus f\u00fcr den Nato-Stellvertreterkrieg in der Ukraine &#8211; dauert weiter an. Und mehrere Nato-Mitgliedsstaaten fordern ihre weitere Eskalation. Das ist der wahrscheinlichste Grund f\u00fcr den pl\u00f6tzlichen \u201eTerminkonflikt\u201c.<\/p>\n<p>Letztes Jahr bezeichnete die <em>WSWS <\/em>die Absage von Sokhievs Auftritt als \u201eEinknicken vor anti-russischen Vorurteilen\u201c, und das trifft auch heute zu. Diesmal hat die Philharmonie keine Pressemitteilung herausgegeben, und sie verspricht auch keine k\u00fcnftigen Auftritte. In dem Abschnitt der Website des Orchesters, der Sokhiev vorbehalten ist, hei\u00dft es nur: \u201eKEINE KONZERTE\u201c f\u00fcr die Saisons 2022-2023 (das zweite Jahr in Folge, in dem seine Auftritte abgesagt worden sind) sowie auch 2023-2024.<\/p>\n<p>Die Vorstandschefin der Philharmonie Deborah Borda bestritt, dass ein Verbot russischer Musik schlechthin bestehe. Letztes Jahr wurde sie mit der Erkl\u00e4rung zitiert, es d\u00fcrfe \u201ekeine umfassenden Entscheidungen\u201c zu Auftritten russischer Musiker in dem Orchester geben. Doch was auch immer die Philharmonie offiziell behauptet, ihr Vorgehen gegen die Leningrader Sinfonie und die fehlende Ank\u00fcndigung k\u00fcnftiger Auff\u00fchrungstermine kann nur nur als Fortsetzung oder sogar Versch\u00e4rfung der allgemeinen anti-russischen Propagandakampagne betrachtet werden.<\/p>\n<p>Sokhiev ist nur einer von vielen, die offen verbannt oder stillschweigend ausrangiert worden sind. Darunter finden sich bekannte K\u00fcnstler wie die Soprans\u00e4ngerin Anna Netrebko, der Bass-S\u00e4nger Ildar Abdrasakow und der Dirigent Waleri Gergijew. Die New Yorker Metropolitan Opera hatte den Kurs vorgegeben, als sie letztes Jahr Netrebkos und Gergijews Auftritte abgesagt hatte.<\/p>\n<p>In den letzten Tagen wurden weitere Absagen bekannt. Laut der Website OperaWire wurde die belarussische Mezzosopranistin Ekaterina Sementschuk ausgeschlossen, die urspr\u00fcnglich in der n\u00e4chsten Saison in der Neuinszenierung von Verdis <em>La Forza del Destino <\/em>an der Met auftreten sollte. Auf der Website hei\u00dft es, Sementschuk sei in letzter Zeit mehrfach am Mariinski-Theater in Sankt Petersburg aufgetreten, was der Met scheinbar als Vorwand f\u00fcr eine Plan\u00e4nderung ausreichte. Genau wie andere russische und belarussische K\u00fcnstler hat Sementschuk noch weitere Auftrittstermine in Europa. Ihr Terminplan umfasst Auftritte bei der Bayerischen Staatsoper in M\u00fcnchen und der Mail\u00e4nder Scala.<\/p>\n<p>Ein weiteres Opfer der anti-russischen Kampagne ist die russisch-deutsche Sopranistin Anastasija Taratorkina. Sie wurde bei der Queen Sonja Competition in Norwegen ausgeladen, weil sie einen deutschen und einen russischen Pass hat, obwohl sie seit Jahren in Deutschland lebt.<\/p>\n<p>OperaWire berichtet \u00fcber eine E-Mail, die sie von der Sopranistin erhalten habe. Darin wird aus einer Mitteilung der Veranstalter der Queen-Sonja-Competition zitiert, inder es hei\u00dft: \u201eDie diesj\u00e4hrigen Vorschriften verbieten russischen oder belarussischen Staatsb\u00fcrgern die Teilnahme. Das bedeutet, dass Sie leider disqualifiziert sind, obwohl Sie auch einen deutschen Pass haben. Wir werden Ihnen nat\u00fcrlich ihre Bewerbungsgeb\u00fchr zur\u00fcckerstatten und hoffen, dass sich die Situation \u00e4ndert, sodass Sie sich beim n\u00e4chsten Mal erneut bewerben k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Extremistische ukrainische Nationalisten und ihre Anh\u00e4nger fordern jedoch nicht nur ein Verbot russischer K\u00fcnstler, sondern auch der Musik russischer Komponisten. Zuletzt gab es aufgrund einer heftigen Gegenreaktion zu dem Thema in den USA zwar wieder Auff\u00fchrungen von Tschaikowski, Schostakowitsch und anderen. Tats\u00e4chlich dirigierte Sokhiev im Februar ein ausschlie\u00dflich russisches Programm des Philadelphia Orchestra, in dem Werke von Borodin, Prokofjew und Tschaikowski zur Auff\u00fchrung kamen.<\/p>\n<p>Aber die New Yorker Philharmonie verweigert die Auftritte von Sokhiev. Wie wir letztes Jahr erkl\u00e4rten, geht die anti-russische Kampagne vielleicht nicht von der Philharmonie selbst aus, aber sie beteiligt sich daran, und das l\u00e4uft auf das gleiche hinaus. Das Orchestermanagement macht sich vermutlich Sorgen um die Auswirkung der ukrainischen Proteste auf ihr \u00f6ffentliches Image. Als das <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/en\/articles\/2022\/05\/06\/caxj-m06.html\">Osnabr\u00fccker Musikfestival<\/a> das Violinkonzert des Ukrainers Silwestrow zusammen mit Schostakowitschs herausragender 8. Sinfonie auff\u00fchrte, die ebenso wie die Leningrader Sinfonie im Krieg komponiert wurde, verurteilte der damalige ukrainische Botschafter in Deutschland diese Entscheidung.<\/p>\n<p>Sokhiev \u00e4u\u00dferte sich letztes Jahr ausf\u00fchrlich auf Facebook. F\u00fcr die ukrainische extreme Rechte und die faschistischen Elemente reicht die Tatsache, dass er Russe ist, aus um seine Arbeit abzulehnen. In einigen Kreisen k\u00f6nnte er f\u00fcr diese Tatsache vielleicht \u201eBu\u00dfe tun\u201c, indem er sich in ausreichendem Ausma\u00df hinter das ukrainische Regime stellte. Wie wir berichteten, \u00e4u\u00dferte sich Sochjew ersch\u00fcttert dar\u00fcber, dass er sich \u201ezwischen einem Teil meiner musikalischen Familie und einem anderen entscheiden muss &#8230; Ich werde aufgefordert, mich f\u00fcr eine kulturelle Tradition zu entscheiden. Ich werde aufgefordert, mich f\u00fcr einen K\u00fcnstler und gegen einen anderen zu entscheiden. Bald wird man mich auffordern, mich zwischen Tschaikowski, Strawinski, Schostakowitsch und Beethoven, Brahms und Debussy zu entscheiden. In Polen, einem europ\u00e4ischen Land, passiert es bereits, russische Musik ist dort verboten.\u201c<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bild1-3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"734\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bild1-3-734x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13000\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bild1-3-734x1024.jpg 734w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bild1-3-215x300.jpg 215w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bild1-3-768x1072.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bild1-3.jpg 917w\" sizes=\"auto, (max-width: 734px) 100vw, 734px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Dmitri Schostakowitsch im Jahr 1942<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Dass im Programm vom 10. bis zum 12. Mai urspr\u00fcnglich Schostakowitschs 7. Sinfonie aufgef\u00fchrt werden sollte, ist von besonderer Bedeutung und hat die erbitterteren Bef\u00fcrworter des Stellvertreterkriegs zweifellos erbost. Vermutlich ver\u00e4rgert kein anderes Werk im sinfonischen Repertoire die ukrainischen Nationalisten so sehr. Die New Yorker Philharmonie hatte die <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/08\/08\/scho-a08.html\">Leningrader Sinfonie<\/a> letztmals Jahr 2019 vor der Corona-Pandemie unter dem Dirigenten Jaap van Zweden aufgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Diese Sinfonie entstand w\u00e4hrend der schrecklichen deutschen Belagerung Leningrads (des heutigen Sankt Petersburg), die 28 Monate, von September 1941 bis Januar 1944, andauerte, und in der mindestens eine Million sowjetische Soldaten und Zivilisten starben. Schostakowitsch, der anfangs den Befehl verweigerte, zu seiner eigenen Sicherheit in den Osten zu fliehen, vollendete die ersten drei S\u00e4tze w\u00e4hrend der Belagerung. Der letzte Satz wurde in Kuibyschew (heute Samara) geschrieben, und die Premiere fand im M\u00e4rz 1942 in Moskau statt. Ihre ber\u00fchmteste Auff\u00fchrung war in Leningrad w\u00e4hrend der Blockade durch ein Orchester aus f\u00fcnfzehn \u00fcberlebenden Musikern am 9. August 1942.<\/p>\n<p>Die Sinfonie wurde nach der Stadt benannt, in der sie komponiert wurde, und sie wurde sofort zum Symbol f\u00fcr die K\u00e4mpfe und Opfer der sowjetischen Bev\u00f6lkerung gegen die deutschen Invasoren. In diesem Kampf leistete die Sowjetunion mit 27 Millionen get\u00f6teten Soldaten und Zivilisten den h\u00f6chsten Blutzoll unter allen Teilnehmerstaaten des Zweiten Weltkriegs. Viele Millionen sowjetischer Arbeiter verteidigten die verbliebenen Errungenschaften der Oktoberrevolution 1917 trotz ihres Hasses auf das Stalin-Regime.<\/p>\n<p>In den Jahren des stalinistischen Gro\u00dfen Terrors Ende der 1930er waren Schostakowitschs Karriere, und sogar sein Leben in Gefahr. Der Komponist wurde nach dem Krieg wiederholt Opfer von Angriffen, doch im Kampf zur Verteidigung der Sowjetunion fanden er und viele andere neue St\u00e4rke und eine neue Bestimmung.<\/p>\n<p>Unter denjenigen, die gek\u00e4mpft haben und, in so vielen F\u00e4llen, gestorben sind, befanden sich Juden und Nichtjuden, Russen, Ukrainer und Angeh\u00f6rige vieler anderer Nationen. Das ukrainische Regime m\u00f6chte die Erinnerung an den vereinten Kampf gegen die Nazis und ihre Verb\u00fcndeten, vor allem die ukrainischen unter der F\u00fchrung des ber\u00fcchtigten Stepan Bandera, am liebsten verdr\u00e4ngen und mit L\u00fcgen \u00fcberh\u00e4ufen. Was taten die ukrainischen Nationalisten, Banderisten und offenen Faschisten w\u00e4hrend der Belagerung von Leningrad? Viele von ihnen, besonders Banderas Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) leisteten den Nazis direkte Unterst\u00fctzung oder organisierten ihre eigenen Pogrome und Morde an ukrainischen Juden.<\/p>\n<p><em>#Bild: Tugan Sokhiev im Jahr 2012 [Photo by Frank Guschmann \/ <\/em><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/3.0\/\"><em>CC BY 3.0<\/em><\/a><em>]<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/04\/27\/yxbz-a27.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 28. April 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fred Mazelis. Die New Yorker Philharmonie hat ihr Programm f\u00fcr die Auff\u00fchrungen im st\u00e4dtischen Kunstzentrum Lincoln Center ganz im Stillen v\u00f6llig umgestaltet. Der russische Dirigent Tugan Sokhjev sollte urspr\u00fcnglich die ber\u00fchmte 7. 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