{"id":13014,"date":"2023-05-01T16:34:22","date_gmt":"2023-05-01T14:34:22","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13014"},"modified":"2023-05-01T16:34:23","modified_gmt":"2023-05-01T14:34:23","slug":"die-vierte-gewalt-und-die-kriegsbegeisterung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13014","title":{"rendered":"<strong>Die Vierte Gewalt und die Kriegsbegeisterung<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Medienkritik von <\/strong><a href=\"https:\/\/www.fischerverlage.de\/buch\/richard-david-precht-harald-welzer-die-vierte-gewalt-wie-mehrheitsmeinung-gemacht-wird-auch-wenn-sie-keine-ist-9783103975079\"><strong>Harald Welzer und Richard David Precht<\/strong><\/a><strong> in Buchform hat im vergangenen Jahr viel Zustimmung, aber auch Kritik erhalten. Ein Manko: Es fehlten die Daten f\u00fcr die Behauptung, die Medien w\u00fcrden \u00fcber Krieg und Frieden in der Ukraine zu einseitig berichten und die Eskalation bef\u00f6rdern. Nun hat Harald Welzer nachgelegt und pr\u00e4sentiert Details, die die<\/strong><!--more--> <strong>Thesen des Buches st\u00fctzen. Die Hintergrund-Medienrundschau vom 28. April 2023 fasst die wichtigsten Ergebnisse zusammen. <\/strong><\/p>\n<p>Eine Frau steht in vorderster Front \u2013 der Heimat- und Medienfront. Marie-Agnes Strack-Zimmermann k\u00e4mpft verbal gegen Russland und f\u00fcr immer mehr Waffenlieferungen gen Osten in die Ukraine. War sie vor dem Krieg nur D\u00fcsseldorfern und politischen Insidern in Berlin ein Begriff, ist die Abgeordnete mittlerweile omnipr\u00e4sent. Schlie\u00dflich ist die FDP-Frau mit der markanten Kurzhaarfrisur Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Bundestages. Expertise: Sie stammt aus D\u00fcsseldorf, dem Sitz von Rheinmetall, Deutschlands gr\u00f6\u00dftem Waffenhersteller. Zudem ist sie Mitglied im Pr\u00e4sidium der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Wehrtechnik sowie im F\u00f6rderkreis Deutsches Heer. Waffenschwester Strack-Zimmermann pocht stetig auf die Erh\u00f6hung des Wehretats. Ganz im Sinne der Unternehmen, die in den beiden Vorfeldorganisationen der Aufr\u00fcstung den Ton angeben.<\/p>\n<p>Strack-Zimmermann war immer wieder Thema unserer Medienrundschau und ist es auch heute. Zumindest zum Teil. Denn sie und ihre Botschaft vom hehren Kampf der Ukrainer gegen die b\u00f6sen Russen ist omnipr\u00e4sent in den Medien. Das war uns bereits bewusst \u2013 als Bauchgef\u00fchl, das wir durch eigene Anschauung gewonnen hatten. Eine aktuelle Studie hat dies nun objektiviert. Erstellt haben sie der Soziologe Harald Welzer und Leo Keller, Inhaber des Beratungsunternehmens Blue Ocean Semantic Web. Ihre Analyse ist diese Woche in der <a href=\"https:\/\/www.fischerverlage.de\/magazin\/neue-rundschau\/die-veroeffentlichte-meinung\"><em>Neuen Rundschau<\/em> des S. Fischer Verlags<\/a> erschienen. Strack-Zimmermann thront dabei unter den \u201epolitischen Experten\u201c \u00fcber allen anderen. Sie wurde in den Leitmedien im Untersuchungszeitraum von Februar 2022 bis Januar 2023 mehr als doppelt so oft zitiert wie ihr Waffenbruder Anton Hofreiter, der in der Liste der Experten an zweiter Stelle steht.<\/p>\n<p>Harald Welzer holt mit der Studie nach, was an dem von ihm gemeinsam mit Richard David Precht im vergangenen Herbst ver\u00f6ffentlichten Buch zur Vierten Gewalt vielfach kritisiert wurde. Mit der gro\u00dfen Datenmenge, ausgewertet wurden rund 107.000 Artikel und 13,5 Millionen Tweets, schlie\u00dft Welzer zusammen mit seinem Co-Autor die L\u00fccke des Buches, das die Einseitigkeit der Medienberichterstattung zum Thema hatte, aber keine empirischen Belege enthielt. Die sind nun da.<\/p>\n<p>Bevor wir uns die Ergebnisse n\u00e4her anschauen, zun\u00e4chst ein Dank an Friedrich K\u00fcppersbusch. Er hat uns in seiner w\u00f6chentlichen Kolumne bei <em>K\u00fcppersbusch TV<\/em> auf die Studie aufmerksam gemacht und sie auf gewohnt \u00fcberspitzte Weise zusammengefasst (<em>K\u00fcppersbusch TV<\/em> auf <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=OIieHWXWbYc&amp;t=334s\">Youtube<\/a>, 26.4.23). Anschauen lohnt sich wie immer. Und noch eine zweite Vorbemerkung: Wir haben im vergangenen September in einer Medienrundschau bereits auf das Buch von Welzer und Precht hingewiesen und ihm in weiten Teilen zugestimmt (<a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/allgemein\/rundschau\/zwei-gegen-den-mainstream\/\"><em>Medienrundschau<\/em><\/a> vom 7.10.2022). Richtig ist aber auch das, was der Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen schrieb.<\/p>\n<p><em>Ich lerne: Auf den Rahmen kommt es an. Auf das Bekenntnis zu den Glaubenss\u00e4tzen der herrschenden Mitte. Noch in der Einleitung rechnen Precht und Welzer gewisserma\u00dfen im Vor\u00fcbergehen erst mit der Bild-Zeitung ab und dann mit den Schmuddelkindern in der T\u00fcrkei, in Russland, in China, in der arabischen Welt. Motto: bei uns doch nicht. \u201eV\u00f6llig falsch\u201c sei der Eindruck, die Regierung oder gar der Staat w\u00fcrden die Leitmedien manipulieren. Auch hier folgt die Wiederholung auf dem Fu\u00dfe. Dass die \u201ever\u00f6ffentlichte Meinung von der \u00f6ffentlichen\u201c auch in Deutschland \u201ederzeit\u201c abweiche, habe \u201emit einer gelenkten Manipulation \u00fcberhaupt nichts zu tun\u201c. (<\/em><a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/artikel\/kritik-als-propaganda\"><em>Rubikon<\/em><\/a><em>, 21.10.22)<\/em><\/p>\n<p>Auch die Studie kommt immer wieder darauf zur\u00fcck, was denn \u201edemokratietheoretisch\u201c die Aufgabe der Medien sei. N\u00e4mlich die Vermittlung verschiedener Positionen und nicht die Rolle eines politischen Akteurs. Dass die Pressefreiheit die Freiheit von zweihundert reichen Leuten ist, ihre Meinung zu verbreiten, hat allerdings schon der Publizist Paul Sethe in den 1960er Jahren festgestellt. Karl Marx schrieb bereits ein Jahrhundert fr\u00fcher, dass die herrschende Meinung stets die Meinung der Herrschenden sei. Neu ist das also alles nicht. Wir wollten diese Kritik an Welzer und Precht noch einmal erw\u00e4hnt haben, denn es kommt nicht von ungef\u00e4hr, dass beide Autoren trotz scharfer Kritik an den Leitmedien, die sie zuweilen treffend \u201eamtierende Medien\u201c nennen, von diesen weiterhin zitiert und abgedruckt werden.<\/p>\n<p>Nun aber zur Sache: Zur Berichterstattung dieser Medien an der Seite der Kriegstreiber. Dabei ist die Einseitigkeit in der ver\u00f6ffentlichten Meinung laut Welzer und Keller ein typisches Krisensymptom:<\/p>\n<p><em>Krisen haben diese unangenehme Eigenschaft, dass niemand wei\u00df, wie sie sich entfalten werden; das Wissen und die Routinen, die in Zeiten der Normalit\u00e4t erworben wurden, sind hier nur begrenzt hilfreich, aber gerade in Krisenzeiten besteht erh\u00f6hter Deutungsbedarf, weil die unsichere Entwicklung ja durchaus als beunruhigend oder bedrohlich empfunden wird. Deshalb kann man in Krisenzeiten mit unklarer Entwicklungsperspektive \u2013 oder fehlendem \u00bbSkript\u00ab \u2013 historisch immer wieder eine rasche Verengung des Diskursraums beobachten. Je unklarer und be\u00e4ngstigender eine Situation, desto eindeutiger die normativen Perspektiven und die daraus resultierenden Forderungen an die verantwortlichen Akteure. Es findet eine Komplexit\u00e4tsreduktion zugunsten von eindeutigen Pro- und Kontra-Haltungen statt.<\/em><\/p>\n<p>Das Schwarz-Wei\u00df der Ukraine-Berichterstattung kennen wir aus anderen Krisen, die beiden Autoren weisen zurecht auf aktuelle Inhaltsanalysen zur Fl\u00fcchtlingskrise des Jahres 2015 und zu Corona hin. Gut und B\u00f6se sind in den Medien bei diesen Themen klar verteilt. Dabei richtet sich der Fokus der Leitmedien auf das politische Berlin, wie der emeritierte Professor f\u00fcr Journalistik, Michael Haller, konstatiert hat.<\/p>\n<p>Als Akteure, \u00fcber die berichtet wird, macht die Studie politische Experten wie Strack-Zimmerman und Hofreiter aus. Auch Rolf M\u00fctzenich und Sahra Wagenknecht geh\u00f6ren zu den meistgenannten, jedoch weit hinter der Kriegstreiberin der Liberalen. Regierungsmitglieder werden in der Auflistung separat gekennzeichnet. Ebenso erhellend ist der Blick auf die \u201ewirklichen\u201c Experten abseits von Parteib\u00fcchern und Parlamenten. Also auf die Wissenschaftler. Sie werden vor allem dann vermehrt zitiert, wenn sie f\u00fcr Waffenlieferungen sind. Und noch etwas f\u00e4llt auf:<\/p>\n<p><em>Um sich ein Bild von den milit\u00e4rischen Bedingungen und internationalen Verflechtungen des Kriegsgeschehens machen zu k\u00f6nnen, w\u00e4ren Gastbeitr\u00e4ge internationaler Milit\u00e4rs und Wissenschaftlerinnen, wie sie etwa in der Financial Times oder im Guardian zu finden sind, sicher hilfreich. Autoren, deren Analysen andernorts als wichtig betrachtet werden, wie etwa Ivan Krastev, Gideon Rachman, David Remnick, Keith Gessen oder Ranjan Nair, sucht man in den deutschen Leitmedien meist vergeblich.<\/em><\/p>\n<p>In Deutschland hat man sich von der internationalen Perspektive verabschiedet, meinen Welzer und Keller.<\/p>\n<p><em>Die Berichterstattung zu einem global wirksamen Ereignis wie dem Ukrainekrieg f\u00e4llt in Deutschland unfassbar provinziell und geradezu fahrl\u00e4ssig monoperspektivisch aus \u2013 wozu \u00fcbrigens passt, dass die meisten Ereignisse auf dem Schlachtfeld vom omin\u00f6sen \u201ebritischen Geheimdienst\u201c berichtet werden. Man fragt sich, ob die deutschen Geheimdienste wie der deutsche politische Journalismus vor allem an Deutschland interessiert sind. Und was sie eigentlich sonst so machen.<\/em><\/p>\n<p>Genauso f\u00e4llt bei der Debatte \u00fcber Panzerlieferungen, die im Januar dieses Jahres die Medien bestimmte, das Urteil eindeutig aus. Eindeutig insofern, wie wir es als Beobachter erwartet hatten. Wie wurde der Kanzler in dieser Zeit angesehen? Als Z\u00f6gerer. Mehr noch als zuvor.<\/p>\n<p><em>Der \u00bbZ\u00f6gerer-Vorwurf\u00ab gegen Scholz wurde im Januar in den Leitmedien um den Faktor 3.5 h\u00e4ufiger erhoben als in den elf Monaten davor. Zeitgleich nimmt die Thematisierung von Risiken wie einer Entgrenzung des Krieges oder einer Eskalation zum Atomkrieg im Januar 2023 signifikant ab.<\/em><\/p>\n<p>Dass die beiden Autoren am Ende M\u00e4\u00dfigung von den Medienschaffenden einfordern, wundert angesichts der zitierten Ausschnitte nicht mehr. Insbesondere k\u00f6nnen sie im Kontrast zu den Ergebnissen aus ihrer quantitativen Inhaltsanalyse immer wieder darauf hinwiesen, dass die (in Umfragen gemessene) Stimmung in der Bev\u00f6lkerung keineswegs so eindeutig ist wie die Meinung der f\u00fchrenden Journalisten. Das wiederum ist auch die Kernaussage des Buches \u201eVierte Gewalt\u201c: Es werde eine Mehrheitsmeinung gemacht, auch wenn sie keine ist. Ein letztes Zitat aus der aktuellen Studie:<\/p>\n<p><em>An der seit Kriegsbeginn stattfindenden normativen Umformatierung zentraler gesellschaftlicher Ziele und zivilisatorischer Minima \u2013 von Frieden auf R\u00fcstung, von Klimapolitik auf Verteidigungspolitik, von diplomatischen Konfliktl\u00f6sungsstrategien auf milit\u00e4rische \u2013 hat der politische Journalismus, wie unsere Befunde zeigen, jedenfalls einen guten Anteil. Bleibt zu hoffen, dass die gro\u00dfe Eskalation eines entgrenzten Kriegs oder eines Atomkriegs auch dann ausbleibt, wenn so viele ihre Aufgabe darin zu sehen scheinen, sie herbeizuschreiben.<\/em><\/p>\n<p>Die Kritisierten haben sich bislang damit nicht weiter besch\u00e4ftigt. Mit Ausnahme des <em>Tagesspiegels<\/em>. Dessen Autor h\u00e4lt die Schlussfolgerung, die Mainstream-Journalisten schrieben einen entgrenzten Krieg oder gar einen Atomschlag herbei, f\u00fcr eine \u201ewilde These\u201c. F\u00fcr diese h\u00e4tte es \u201enicht so viele Megatonnen an Material gebraucht\u201c, das Buch h\u00e4tte ausgereicht (<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/erganzung-zur-vierten-gewalt-die-leitmedien-als-kriegstreiber-9717896.html\">Tagesspiegel<\/a>, 25.4.23). Wenn also eine empirische Studie missliebige Ergebnisse zeitigt, m\u00f6ge sie bitte unterbleiben. Oder was will der Autor uns damit sagen?<\/p>\n<p>Uns wird dadurch wieder einmal klar, wie wichtig die Alternativmedien, die Medien der Gegen\u00f6ffentlichkeit, die Oppositionsmedien sind. F\u00fcr den letzten dieser drei Begriffe pl\u00e4diert Paul Schreyer. Der Journalist und Mitherausgeber des Online-Magazins <em>Multipolar<\/em> verweist daf\u00fcr in einem aktuellen Interview mit Daniele Ganser auf die Verwendung des Begriffs in anderen L\u00e4ndern (Daniele Ganser auf <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=l1qbicJ3Y64&amp;t\"><em>Youtube<\/em><\/a>). Das ist durchaus schl\u00fcssig, wobei dadurch der Fokus auf die Opposition zur Regierung gelegt wird. Will man das Verh\u00e4ltnis zum Meinungsdiktat der Leitmedien beschreiben, sind vielleicht die anderen beiden Begriffe treffender.<\/p>\n<p>Doch wie man sie auch nennen will: Das Interview von Ganser und Schreyer macht die Bedeutung der Medien abseits des Mainstream mit Blick auf die Themen dieser Zeit deutlich. Corona, die Ukraine, der 11. September 2001 kommen zur Sprache. Und Schreyer berichtet von einem Gespr\u00e4ch, das er vor zehn Jahren mit einem Journalisten der <em>Zeit<\/em> gef\u00fchrt hat. Die Zeitung konfrontiere die Leser nicht mit kontroversen Positionen, weil das die Leserschaft verunsichern k\u00f6nnte. Womit wir wieder bei den Themen Krise, Schwarz-Wei\u00df-Berichterstattung und Meinungsmache w\u00e4ren. Und bei der Haltung der Medien, die missionieren und nicht informieren wollen. Positiv k\u00f6nnte man gleichwohl sagen, dass die Mehrheitsmeinung zwar konstruiert wird, aber nicht verf\u00e4ngt. Zumindest noch nicht bei allen.<\/p>\n<p><em>#Bild: Nicht nur Gast in allen Talkshows: Marie-Agnes Strack-Zimmermann hier mit NATO-Generalsekret\u00e4r Jens Stoltenberg im M\u00e4rz 2022.Foto: <\/em><a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/nato\/51943966694\/in\/album-72177720297414692\/\"><em>NATO<\/em><\/a><em>, Lizenz: <\/em><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/2.0\/\"><em>BY-NC-ND<\/em><\/a><em>, <\/em><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/allgemein\/rundschau\/die-vierte-gewalt-und-die-kriegsbegeisterung\/attachment\/51943966694_19c305331b_k\/\"><em>Mehr Infos<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/allgemein\/rundschau\/die-vierte-gewalt-und-die-kriegsbegeisterung\/\"><em>hintergrund.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 1. 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