{"id":13032,"date":"2023-05-06T08:37:35","date_gmt":"2023-05-06T06:37:35","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13032"},"modified":"2023-05-06T08:37:37","modified_gmt":"2023-05-06T06:37:37","slug":"woke-pseudolinks-ist-nicht-linksliberal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13032","title":{"rendered":"<strong>Woke: Pseudolinks ist nicht \u201eLinksliberal\u201c<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Tobias Riegel. <\/em><strong>In der Debatte um pseudolinke und \u201ewoke\u201c Politik wird oft ein \u201elinksliberales\u201c Milieu beschrieben, dass es gar nicht gibt: Die gr\u00fcnen Kriegstreiber und Corona-Hardliner, die die sozialen Fragen nicht stellen \u2013 sie und ihre Gefolgschaft sind weder \u201elinks\u201c noch \u201eliberal\u201c. Ein aktueller Gastbeitrag in der Zeit geht aber genau davon aus, dadurch steht er<\/strong><!--more--> <strong>beispielhaft f\u00fcr eine weit verbreitete Medien-Marotte: Mit gro\u00dfer Sturheit wird auf falschen Annahmen beharrt \u2013 daraus werden dann absurde gesellschaftliche Schlussfolgerungen gezogen. <\/strong><\/p>\n<p>Die <em>Zeit<\/em> hat unter dem Titel \u201eW\u00fcrg!\u201c <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2023\/18\/linksliberale-kritik-konservative-kulturkampf\">einen Gastbeitrag<\/a> der Literatursoziologin Carolin Amlinger und des Soziologen Oliver Nachtwey ver\u00f6ffentlicht. Die These: Die Linksliberalen seien \u201edas neue Feindbild im politischen Diskurs\u201c, ihre Kritiker w\u00fcrden nun \u201eeine publizistische Infrastruktur des Anti-Linksliberalismus\u201c aufbauen. Weil der Artikel einige Verbreitung findet und weil in ihm einige Probleme der aktuellen politischen Kommunikation \u2013 etwa die Begriffsumdeutung von \u201erechts\u201c und \u201elinks\u201c \u2013 besonders deutlich werden, gehen wir hier darauf ein, beispielhaft f\u00fcr viele andere Beitr\u00e4ge zum Thema.<\/p>\n<p>Dass man nicht genau wei\u00df, von wem im Text die Rede ist, das macht es den Autoren einfach, rhetorisch zu man\u00f6vrieren. Bezieht sich \u201eLinksliberalismus\u201c auf dessen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Linksliberalismus\">historische Auspr\u00e4gungen<\/a>, auf die sozialliberale Koalition ab 1969, auf die heute <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/wirtschaft\/liberal--was-soll-das-heissen-ld.102050\">in den USA gebr\u00e4uchliche Definition<\/a> des \u201eLiberals\u201c? Oder sind mit dem Modebegriff einfach \u201egem\u00e4\u00dfigte Linke\u201c gemeint, was immer das heute noch aussagt?<\/p>\n<p><strong>Das \u201elinksliberale\u201c Milieu ist weder links noch liberal<\/strong><\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig davon, wie man den zentralen Begriff des Textes auslegt, ist sicher: Das dort beschriebene Milieu ist weder links noch ist es liberal \u2013 Gr\u00fcn ist das neue Rechts, wie Hannes Hofbauer <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96549\">k\u00fcrzlich beschrieben hat<\/a>. Dieser Befund wird aber von fast allen gro\u00dfen Medien vernebelt: Es wird einfach darauf beharrt, dass der gr\u00fcne Zeitgeist als \u201elinks\u201c zu gelten hat, dabei ist hilfreich, dass das Wort \u201elinks\u201c l\u00e4ngst durch Umdeutung seiner klassischen Bedeutung <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72153\">beraubt wurde<\/a>. Dass auch die Bedeutung des Begriffs \u201eliberal\u201c ver\u00e4ndert wurde, das hat <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/karriere-hochschule\/zum-begriff-des-linksliberalen-milieus-17165031.html\">die <em>FAZ<\/em> beschrieben<\/a>:<\/p>\n<p><em>\u201eDie Paradoxie wird nicht mehr wahrgenommen, weil auch \u201aliberal\u2018 mittlerweile einen klammheimlichen Bedeutungswandel durchlaufen hat. In Verbindung mit \u201alinks\u2018 bezeichnet es keine freiheitliche Gesinnung mehr, sondern nur noch eine distanzierte Haltung zum Antikapitalismus der klassischen Linken, gekoppelt mit einem Habitus, der Offenheit suggeriert, aber Meinungsfreiheit oft genug im Sinne Mark Twains versteht: \u201aWir sch\u00e4tzen die Menschen, die frisch und offen ihre Meinung sagen \u2013 vorausgesetzt, sie meinen dasselbe wie wir.\u2018\u201c <\/em><\/p>\n<p>Die Wirkung der durch die Gr\u00fcnen dominierten Regierungspolitik ist bekannt und niederschmetternd: ein Wirtschaftskrieg mit potenziell fatalen sozialen Folgen f\u00fcr die deutschen B\u00fcrger, eine radikale und brandgef\u00e4hrliche Parteinahme in einem Krieg, der nicht der unsere ist, ein Verrat am Umwelt- und Klimaschutz, die Ignoranz gegen\u00fcber der sozialen Frage, die Dominanz der Militaristen, die Unterwerfung unter f\u00fcr Europa zerst\u00f6rerische US-Interessen, die Diffamierung von Regierungskritikern und so weiter \u2013 all das ist nicht links. Wer aber dagegen eintritt, der wird heute, wie man wei\u00df, als rechts dargestellt.<\/p>\n<p><strong>Woke Politik als Ablenkungsman\u00f6ver von Krieg und Sozialem<\/strong><\/p>\n<p>Gegen viele Aspekte woker Politik ist nichts zu sagen, Initiativen gegen Rassismus sind prinzipiell gut. Das Problem ist die \u00dcberbetonung und die tarnende Wirkung, die davon ausgeht. Man kann heute schlimme politische Dinge anstellen, von Kriegstreiberei bis zur Zensur \u2013 solange man nur in Regenbogenfarben daherkommt und die richtigen Phrasen zur \u201ePluralit\u00e4t\u201c im Mund f\u00fchrt. Verniedlichung und Entpolitisierung nutzt auch der <em>Zeit<\/em>-Beitrag: Wer wollte der folgenden unschuldigen Gruppe schon fragw\u00fcrdiges Verhalten unterstellen? Dass sie gleichzeitig Russenhass, Waffenlieferungen und einer f\u00fcr benachteiligte B\u00fcrger und die Umwelt potenziell fatalen Wirtschaftspolitik anh\u00e4ngen, k\u00f6nnte dabei untergehen:<\/p>\n<p><em>In diesem Text geht es um eine gef\u00e4hrliche Gruppe. Ihre Mitglieder fahren Lastenfahrr\u00e4der, bei ihnen kommt nur \u201cbio und fair gehandelt\u201d in den Jutebeutel, sie tragen gerne Funktionsjacken, qu\u00e4len ihre Kinder mit Holzspielzeug und wollen allen anderen den Spa\u00df am Leben verderben. <\/em><\/p>\n<p>Au\u00dferdem: Der hierzulande durch Wirtschaftskrieg, Aufr\u00fcstung, US-Unterwerfung und \u201eKlimapolitik\u201c abflie\u00dfende Wohlstand geht ja nicht zu den Bed\u00fcrftigen dieser Welt \u2013 was soll also daran links sein, wenn nun noch mehr Geld aus der deutschen Volkswirtschaft zu internationalen Konzernen flie\u00dft? Die angek\u00fcndigte gr\u00fcne Verarmung, die unter anderem <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/meinung\/kolumnen\/ein-einziger-satz-91456992.html\">in diesem Kommentar verteidigt werden soll<\/a>, ist also in keiner Hinsicht eine soziale Tat, sondern sie wirkt im Gegenteil reaktion\u00e4r, weil der abflie\u00dfende Wohlstand zu Superreichen geht, er dann aber potenziell im Sozialsystem hierzulande fehlen k\u00f6nnte: Die Forderungen nach sozialen K\u00fcrzungen werden bald zunehmen.<\/p>\n<p><strong>Angeblich zentrale \u201elinke\u201c Forderungen: Gendern, Transrechte, Fleischverzicht<\/strong><\/p>\n<p>Werden in diesem Absatz etwa die zentralen \u201elinken\u201c Inhalte beschrieben?<\/p>\n<p><em>Eine neue Koalition entsteht, die sich auflehnt: gegen Gendern, Klimaproteste, Transrechte, Fleischverzicht in der Kantine und Einschr\u00e4nkung des individuellen Pkw-Verkehrs. Das Feindbild, das viele Menschen vereint, die sonst wenig miteinander gemein haben, ist dabei eindeutig zu erkennen: der Linksliberalismus. <\/em><\/p>\n<p>Wir fassen zusammen: Laut dem Kommentar (und ich denke, diese Einstellung ist inzwischen auch bei vielen \u201enormalen\u201c B\u00fcrgern erschreckend weit verbreitet) bedeutet \u201elinksliberal\u201c (also irgendwie \u201elinks\u201c) Folgendes: Gendern, Klimaproteste, Transrechte, Fleischverzicht in der Kantine und Einschr\u00e4nkung des individuellen Pkw-Verkehrs. Der Text bekr\u00e4ftigt und illustriert \u00fcber weite Strecken und mit wenigen Einschr\u00e4nkungen genau das, was er entkr\u00e4ften m\u00f6chte: den Eindruck, dass der pseudolinke Zirkus von viel relevanteren Themen ablenken soll.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich lehne die Gendersprache voll und ganz ab \u2013 aber das ist selbstverst\u00e4ndlich nicht meine zentrale Kritik an der Regierung oder dem gr\u00fcnen Zeitgeist: Die zentrale Kritik richtet sich zuallererst und unter vielem anderem gegen (zus\u00e4tzliche) soziale Verarmung Benachteiligter als m\u00f6gliche Folge der gr\u00fcnen Sanktions- und Wirtschaftspolitik und gegen die radikale und gef\u00e4hrliche Kriegstreiberei in Wort und Tat.<\/p>\n<p><strong>Pseudolinke haben die Begriffe entwertet<\/strong><\/p>\n<p>Dazu kommt noch das Verhalten von gr\u00fcnen und anderen pseudolinken Corona-Hardlinern, die es vers\u00e4umt haben, sich den Ausw\u00fcchsen dieser grotesken Politik entgegenzustellen. Das Verhalten vieler Pseudolinker bei Corona hat einer bereits angeschlagenen (parlamentarischen und au\u00dferparlamentarischen) Linken einen harten Schlag versetzt. Ein weiterer Schlag erfolgt <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Kipping-Linke-muss-NATO-Position-ueberdenken-article24012204.html\">aktuell durch die Haltung des pseudolinken LINKEN-Fl\u00fcgels zur NATO<\/a>.<\/p>\n<p>Die Partei Die LINKE hat <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75410\">gute soziale Forderungen im Programm<\/a>, aber nach au\u00dfen wird das dadurch \u00fcberdeckt, dass von einigen lauten Akteuren Identit\u00e4tspolitik massiv in den Vordergrund gedr\u00e4ngt wurde. Auch wegen des schrillen Verhaltens von Teilen der parlamentarischen und au\u00dferparlamentarischen Linken wurde \u201eLinks\u201c mancherorts fast schon zum Schimpfwort, auch f\u00fcr manche politisch Vern\u00fcnftige, die sich selbst als politisch links definieren. Dass das Verhalten vieler Pseudolinker in unverantwortlicher Weise die AfD stark macht, ist l\u00e4ngst bekannt.<\/p>\n<p>Man sollte aber das Kind auch nicht mit dem Bade aussch\u00fctten: Die Kritik am Verhalten mancher Pseudolinker sollte auf keinen Fall zur allgemeinen Verdammung auch der guten, klassischen linken Forderungen f\u00fchren \u2013 vor allem auf sozialer, friedens- und wirtschaftspolitischer Ebene!<\/p>\n<p><strong>Die \u201eanti-linksliberale Matrix\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Kritiker der ablenkenden \u00dcberbetonung von Identit\u00e4tspolitik beschreibt die <em>Zeit<\/em> (und sinngem\u00e4\u00df viele andere Medien) so: Diese \u201eNeodissidenten\u201c w\u00fcrden sich als \u201eAusgesto\u00dfene\u201c pr\u00e4sentieren. Momentan entstehe \u201eeine publizistische Infrastruktur des Anti-Linksliberalismus\u201c. Die \u201ediskursiven R\u00e4ume einer anti-linksliberalen Dissidenz\u201c, die \u201evermeintlich versto\u00dfenen Intellektuellen\u201c, die \u201eanti-linksliberale Matrix\u201c \u2013 all das sei \u201eeine Koalition der Grollenden\u201c. Sogar die <em>NachDenkSeiten<\/em> werden von den Autoren in diese grollende Querfront-Koalition eingeordnet.<\/p>\n<p>Dabei beschreiben die Autoren auch selber, wie alles \u201eLinke\u201c und alles \u201eLiberale\u201c aus dem \u201eLinksliberalismus\u201c entfernt wurde. Trotzdem bleiben sie stur bei dem irref\u00fchrenden und v\u00f6llig entleerten Begriff:<\/p>\n<p><em>Der heutige Linksliberalismus ist nicht mehr pazifistisch. Ehemals Friedensbewegte lassen keine Gelegenheit aus, mehr milit\u00e4rische Aufr\u00fcstung zu fordern. Und war der alte Sozialliberalismus noch dezidiert marktkritisch, sind Teile des Linksliberalismus der Gegenwart vergleichbar mit dem Hinweis auf einer Lebensmittelverpackung: Kann Spurenelemente von Sozialpolitik enthalten. Aus der vielschichtigen, mit der sozialen Frage verkn\u00fcpften Emanzipationsperspektive diskriminierter Gruppen ist eine verengte Diversit\u00e4tspolitik geworden. <\/em><\/p>\n<p>Das Eintreten f\u00fcr den Erhalt von hart erk\u00e4mpften Errungenschaften (sozial und bez\u00fcglich der individuellen Freiheit, die eben nicht die FDP-Freiheit f\u00fcr Konzerne bedeuten darf) wird zum reaktion\u00e4ren Verharren erkl\u00e4rt. Und die Folgen der Regierungspolitik werden als \u201esozialer Wandel\u201c verniedlicht, also indirekt zur angeblich unab\u00e4nderlichen h\u00f6heren Gewalt umgedichtet, auch das ist heute weit verbreitet:<\/p>\n<p><em>Was die anti-linksliberale Koalition so subversiv und letztlich gef\u00e4hrlich macht, ist ihr \u00fcberschie\u00dfendes Ressentiment. Nicht der Linksliberalismus ersch\u00fcttert diese Tugenden, sondern die Kritik an ihm hat eine illiberale Drift. Konfrontiert mit den Widerspr\u00fcchen des sozialen Wandels, fordern die Kritiker, dass alles so bleiben soll, wie es fr\u00fcher einmal war. <\/em><\/p>\n<p><strong>Wir m\u00fcssen uns unsere Begriffe zur\u00fcckerobern<\/strong><\/p>\n<p>Fazit: Wir m\u00fcssen uns unsere Begriffe zur\u00fcckerobern. Oder wir m\u00fcssen neue finden. Denn es ist gelungen, die politische Kommunikation durch Umdeutungen in ein verwirrendes Labyrinth und einen hysterischen Zirkus zu verwandeln.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97262\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. Mai 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tobias Riegel. 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