{"id":13035,"date":"2023-05-06T08:54:23","date_gmt":"2023-05-06T06:54:23","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13035"},"modified":"2023-05-06T08:54:25","modified_gmt":"2023-05-06T06:54:25","slug":"araber-in-israel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13035","title":{"rendered":"<strong>Araber in Israel<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Moshe Zuckermann. <\/em><strong>Die Beteiligung der Araber an der jetzigen Protestbewegung gegen das Ansinnen der Regierungskoalition existiert fast nicht. Warum ist dem so?<\/strong><\/p>\n<p>Die arabischen B\u00fcrger Israels nehmen so gut wie gar nicht an den Massendemonstrationen gegen die von der Regierungskoalition initiierte \u201cJustizreform\u201d teil. Manche<!--more--> von ihnen sagen (in der Publizistik), das sei nicht ihr Protest. Die allermeisten halten sich von den Demonstrationen einfach fern. Das mag einen \u00e4u\u00dferen Beobachter verwundern, denn immerhin sind die in Israel lebenden Araber israelische B\u00fcrger. Die Realit\u00e4t des Landes ist doch auch ihre Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Aber hier bereits stellt sich die optische T\u00e4uschung ein: Israels Araber sind zwar israelische B\u00fcrger, aber seit jeher B\u00fcrger zweiter Klasse. Dies wird zwar nicht offiziell verk\u00fcndet, aber in der Realit\u00e4t un\u00fcbersehbar praktiziert. Die israelischen Araber werden in der Ressourcenverteilung diskriminiert, ihre Bildungsinstitutionen sind oft vernachl\u00e4ssigt, die erworbene (h\u00f6here) Bildung verschafft ihnen weniger Arbeitsm\u00f6glichkeiten als Juden mit gleicher Bildung, sie haben nur beschr\u00e4nkten Zugang zu den Eliten. Die Liste des unterprivilegierenden Zugangs israelischer Regierungen den arabischen B\u00fcrgern des Landes gegen\u00fcber lie\u00dfe sich noch erheblich verl\u00e4ngern.<\/p>\n<p>In Abwehr dieser Darstellung wird angef\u00fchrt, dass die in Israel lebenden Pal\u00e4stinenser keine Zionisten seien. Dieser Einwand ist von narzisstischer Blindheit geschlagen. Denn wer kann schon von den Pal\u00e4stinensern, die die von Zionisten verursachte Nakba erlitten haben, erwarten, dass sie die ideologische Identit\u00e4t derer \u00fcbernehmen, die sie zu Opfer haben werden lassen; die israelischen Juden haben zuallermeist noch immer nicht verinnerlicht, dadd die Nachwirkungen der historischen Leiderfahrung der Pal\u00e4stinenser sich bis heute erhalten haben und ihre Haltung den Zionisten und dem Zionismus gegen\u00fcber pr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Wenn ein arabischer Fu\u00dfballspieler in Israels Nationalmannschaft die Zeilen der Nationalhymne \u201cSolange noch im Herzen \/ eine j\u00fcdische Seele wohnt \/ und nach Osten hin \/ ein Auge nach Zion blickt \/ solange ist unsere Hoffnung nicht verloren [\u2026]\u201d bei L\u00e4nderspielen nicht mitsingt, wird er im besten Fall \u201ctolerant\u201d schief be\u00e4ugt, aber im wahrscheinlicheren Fall \u2013 mit dem richtigen Minister an ma\u00dfgebender offizieller Stelle \u2013 \u00f6ffentlich verurteilt. Diese Lappalie im Symbolischen ist symptomatisch f\u00fcr einen ideologischen Grundzustand in Israels Politik.<\/p>\n<p>Denn Araber d\u00fcrfen sich zwar parteilich organisieren, aber die von ihnen gegr\u00fcndeten Parteien sind im Parlament als m\u00f6gliche Koalitionspartner tabu. Keine zionistische Partei darf es wagen, sich mit ihnen zu verb\u00fcnden, ohne einen perfiden Shitstorm seitens der rechten Parteien zu riskieren. Als es die Bennett-Lapid-Regierung mit Mansur Abbas und seiner Ra\u2019am-Partei dennoch tat, wurde ihr seitens der von Netanjahu gef\u00fchrten Opposition vorgehalten, das Land an \u201cTerroristen\u201d verkauft zu haben. Ironischerweise hatte zuvor Netanjahu selbst versucht, Abbas in seine Koalition zu locken (weil er ohne ihn nichts Regierungsf\u00e4higes zustandezubringen vermochte). Mansur Abbas ist dann herb entt\u00e4uscht worden, weil er die erhoffte Finanzierung der Belange seiner Klientel nicht bekam. Aber schon vorher hielten ihm die anderen arabischen Parteien, die mit ihm zusammen die Gemeinsame Liste gebildet hatten, vor, mit seinem Austritt aus der Liste Verrat an der arabischen Sache begangen zu haben.<\/p>\n<p>Dabei muss man allerdings auch in Kauf nehmen, dass die arabischen Parteien keineswegs aus einem Holz geschnitzt sind: Die Ra\u2019am-Partei ist ideologisch religi\u00f6s ausgerichtet, w\u00e4hrend etwa Ayman Odeh der s\u00e4kularen, vormals kommunistischen Partei vorsitzt. Aber das macht keinen wirklichen Unterschied f\u00fcr die meisten Juden Israels: Beide sind sie Araber, mithin Antizionisten und somit eine Art f\u00fcnfte Kolonne in der Raison des zionistischen Staates. Das zeigte sich besonders deutlich bei Yitzhak Rabin: Selbst als er in den 1990er Jahren in den Oslo-Vertr\u00e4gen den historischen Ausgleich mit den Pal\u00e4stinensern anpeilte, galten ihm die arabischen Parteien der Knesset allesamt als nicht koalitionsf\u00e4hig (wiewohl er auf deren Unterst\u00fctzung \u201cvon au\u00dfen\u201d z\u00e4hlen durfte).<\/p>\n<p>Darin manifestiert sich die tragische Dimension dieses Grundzustands. Denn wenn sich Israels Araber kollektiv organisieren und an den israelischen Wahlen ihrer realen zahlenm\u00e4\u00dfigen St\u00e4rke in der Bev\u00f6lkerung beteiligen w\u00fcrden, k\u00f6nnten sie den Gamechanger in der realpolitischen Konstellation des israelischen Parteigerangels bilden. Gemeinsam k\u00f6nnten sie auf 13-15 Mandate kommen. Nicht von ungef\u00e4hr hat Netanjahu bei einem der Wahlg\u00e4ngen der letzten Jahre, als es f\u00fcr ihn und der Likud-Partei brenzlig wurde, seine W\u00e4hlerschaft rassistisch zur gesteigerten Wahlbeteiligung aufgerufen, indem er hysterisierte \u201cdie Araber str\u00f6men in gro\u00dfen Ma\u00dfen zu den Wahlurnen\u201d. Das Schreckgespenst der massenweise sich bewegenden Araber r\u00fchrte dabei am fundamentalen j\u00fcdisch-israelischen Ressentiment den arabischen B\u00fcrgern des Landes gegen\u00fcber, demzufolge alle Araber tendenziell \u201cTerroristen\u201d sind und entsprechend \u201cein guter Araber ein toter Araber\u201d sei, wie es fr\u00fcher noch hie\u00df, und heute in variierten Formen unverhohlen Eingang in den Alltagsrassismus der Stra\u00dfe wie auch in die Parlamentsrhetorik gefunden hat. Es will zuweilen scheinen, als gebe es nichts, was Juden in ihrem Land koh\u00e4siver aneinander kittet, als der blanke, stets aufs neue gespeiste Araberhass.<\/p>\n<p>Wenn man also die israelischen Araber fragt, warum sie sich nicht am gegenw\u00e4rtigen Protest gegen die \u201cJustizreform\u201d beteiligen, dann l\u00e4sst sich ihre g\u00e4ngige Antwort so formulieren: Das ist nicht unser Protest, sondern der Protest einer Gruppe von zionistischen Juden gegen eine andere. F\u00fcr uns machen beide Gruppen keinen wesentlichen Unterschied. Denn unsere Grundprobleme als Araber in Israel werden von beiden Gruppen kaum je anvisiert, geschweige denn, operativ angegangen. Vom Schicksal unserer Br\u00fcder und Schwester in den besetzten Gebieten, sowohl im okkupierten Westjordanland als auch in dem von Israel eingeschn\u00fcrten Gazastreifen, ganz zu schweigen. An uns wendet ihr euch erst, wenn ihr uns zur Verfolgung eurer eigenen Interessen braucht. Unsere Nichtbeteiligung birgt also durchaus eine politische Dimension in sich. So auch das kollektive Verhalten eines Gro\u00dfteils der arabischen Bev\u00f6lkerung des Landes, die \u2013 von wiederholten Entt\u00e4uschungen und zerplatzten Hoffnungen gepr\u00e4gt \u2013 in die Tragik der Indifferenz geraten ist.<\/p>\n<p><em>#Bild: Umm al-Fahm ist die drittgr\u00f6\u00dfte arabische Stadt in Israel. <\/em><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Arab_citizens_of_Israel#\/media\/File:Umm_al-Fahm_2014.JPG\"><em>Bild<\/em><\/a><em>: \u0645\u0639\u062a\u0632 \u062a\u0648\u0641\u064a\u0642 \u0627\u063a\u0628\u0627\u0631\u064a\u0629 \/ <\/em><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\"><em>CC BY-SA-3.0<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/araber-in-israel\/\"><em>overton-magazin.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. Mai 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Moshe Zuckermann. 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