{"id":13044,"date":"2023-05-06T19:36:07","date_gmt":"2023-05-06T17:36:07","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13044"},"modified":"2023-05-06T19:36:09","modified_gmt":"2023-05-06T17:36:09","slug":"der-kommende-krieg-es-ist-an-der-zeit-seine-stimme-zu-erheben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13044","title":{"rendered":"<strong>Der kommende Krieg \u2013 es ist an der Zeit, seine Stimme zu erheben<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p>Im letzten Jahrhundert fungierten kritische Intellektuelle als Korrektiv zu einer Politik, die Kriege f\u00fchrt und mit L\u00fcgen regiert. Dieses Korrektiv gibt es heute in dieser Form nicht mehr. Der australische Journalist <strong>John Pilger <\/strong>zeichnet <a href=\"https:\/\/consortiumnews.com\/2023\/05\/01\/john-pilger-the-coming-war-time-to-speak-up\/\">in einem lesenswerten Essay<\/a> diese Entwicklung nach und versucht eine Antwort auf die Frage zu finden, warum vor allem unsere \u201eliberale Intelligenzija\u201c sich von<!--more--> einer kritischen Stimme zu einem Schweigekartell entwickelt hat. <strong>Susanne Hofman<\/strong> hat den Text f\u00fcr die NachDenkSeiten ins Deutsche \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>&#8212;-<\/p>\n<p>1935 tagte in New York City der Kongress Amerikanischer Schriftsteller gefolgt von einem weiteren zwei Jahre danach. Sie riefen \u201ehunderte Dichter, Romanciers, Dramatiker, Kritiker, Autoren von Kurzgeschichten und Journalisten dazu auf, \u201eden rapiden Zerfall des Kapitalismus\u201c und das Heraufziehen eines weiteren Krieges zu diskutieren. Bei den Kongressen handelte es sich um elektrisierende Veranstaltungen, die einem Bericht zufolge von 3.500 Menschen besucht wurden, mehr als tausend weitere Interessierte konnten nicht mehr reingelassen werden.<\/p>\n<p>Arthur Miller, Myra Page, Lillian Hellman, Dashiell Hammett warnten vor dem heraufziehenden, oft maskierten Faschismus und mahnten, die Verantwortung liege bei Schriftstellern und Journalisten, sie m\u00fcssten das Wort erheben. Unterst\u00fctzungstelegramme von Thomas Mann, John Steinbeck, Ernest Hemingway, C. Day-Lewis, Upton Sinclair und Albert Einstein wurden verlesen.<\/p>\n<p>Die Journalistin und Autorin Martha Gellhorn erhob ihre Stimme f\u00fcr die Obdachlosen und Arbeitslosen und \u201euns alle im Schatten brutaler gro\u00dfer Macht\u201c. Martha, die eine gute Freundin wurde, sagte mir sp\u00e4ter bei einem Glas Whiskey und Soda: \u201eDie Verantwortung, die ich als Journalistin f\u00fchlte, war riesig. Ich hatte die Ungerechtigkeiten und das Leid aufgrund der Wirtschaftskrise miterlebt und wusste, wir alle wussten, was da auf uns zu kam, wenn wir nicht das Schweigen brachen.\u201c<\/p>\n<p>Ihre Worte hallen heute \u00fcber das Schweigen hinweg nach: Es ist ein Schweigen, das von einstimmiger Propaganda gef\u00fcllt ist, die heute nahezu alles vergiftet, was wir lesen, sehen und h\u00f6ren. Lassen Sie mich ein Beispiel daf\u00fcr anf\u00fchren:<\/p>\n<p>Am 7. M\u00e4rz ver\u00f6ffentlichten die zwei \u00e4ltesten Zeitungen in Australien, der <em>Sydney Morning Herald<\/em> und <em>The Age<\/em>, mehrere Seiten \u00fcber die \u201edrohende Gefahr\u201c durch China. Sie f\u00e4rbten den Pazifischen Ozean rot. Martialisch dreinschauende chinesische Augen, drohende Chinesen auf dem Vormarsch. Die Gelbe Gefahr droht unweigerlich auf uns herabzufallen, als folge sie der Schwerkraft.<\/p>\n<p>Kein logischer Grund wurde f\u00fcr einen Angriff Chinas auf Australien angef\u00fchrt. Ein \u201eExperten-Forum\u201c pr\u00e4sentierte auch keine glaubw\u00fcrdigen Beweise: Einer von ihnen ist ein fr\u00fcherer Direktor des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Australian_Strategic_Policy_Institute\">Australian Strategic Policy Institute<\/a>, dahinter stecken das Verteidigungsministerium in Canberra, das Pentagon in Washington, die Regierungen von Gro\u00dfbritannien, Japan und Taiwan und die Kriegsindustrie des Westens.<\/p>\n<p>\u201eBeijing k\u00f6nnte innerhalb von drei Jahren angreifen\u201c, warnten sie. \u201eWir sind darauf nicht vorbereitet.\u201c Milliarden von US-Dollar sollen f\u00fcr amerikanische Atom-U-Boote ausgegeben werden, aber das, scheint es, ist nicht genug. \u201eAustraliens Ferien von der Geschichte sind vorbei\u201c: Was auch immer das hei\u00dfen soll.<\/p>\n<p>Es gibt keine Bedrohung f\u00fcr Australien, gar keine. Das \u201egl\u00fcckliche\u201c Land, das so weit ab vom Schuss liegt, hat keine Feinde, schon gar nicht hat es China zum Feind, seinen gr\u00f6\u00dften Handelspartner. Doch das China-Bashing, das sich aus Australiens langer Geschichte des Rassismus gegen\u00fcber Asien n\u00e4hrt, ist zu einer Art Zeitvertreib selbsternannter \u201eExperten\u201c geworden. Was halten Australier chinesischer Herkunft davon? Viele von ihnen sind verwirrt und haben Angst.<\/p>\n<p>Die Verfasser dieser grotesken subtilen Botschaften und der Unterw\u00fcrfigkeit gegen\u00fcber der amerikanischen Macht sind Peter Hartcher und Matthew Knott. \u201eReporter f\u00fcr nationale Sicherheit\u201c nennt man sie wohl. Hartcher ist mir in Erinnerung aufgrund seiner Spritztouren nach Israel auf Regierungskosten. Der andere, Knott, ist ein Sprachrohr des politischen F\u00fchrungspersonals in Canberra. Keiner von beiden hat je ein Kriegsgebiet und die Extreme menschlicher Erniedrigung und menschlichen Leids aufgrund eines Krieges gesehen.<\/p>\n<p>\u201eWie ist es blo\u00df dazu gekommen?\u201d, w\u00fcrde Martha Gellhorn fragen, w\u00e4re sie noch unter uns. \u201eWo sind blo\u00df die Stimmen geblieben, die Nein sagen? Wo ist die Solidarit\u00e4t?\u201c<\/p>\n<p><strong>Post-Modernismus am Ruder<\/strong><\/p>\n<p>Die Stimmen vernimmt man in den Samisdat-Texten dieser und anderer Online-Plattformen. In der Literatur sucht man Autoren wie John Steinbeck, Carson McCullers oder George Orwell vergebens. Es herrscht der Post-Modernismus. Der Liberalismus hat sich aus der Politik zur\u00fcckgezogen. Australien, eine einst verschlafene Sozialdemokratie, hat ein Netz neuer Gesetze erlassen, die eine geheimnisvolle, autorit\u00e4re Macht sch\u00fctzen und das Recht auf Informationen sabotieren. Whistleblower sind Gesetzlose, die im Geheimen vor Gericht gestellt werden. Ein besonders finsteres Gesetz verbietet \u201eausl\u00e4ndische Einmischung\u201c durch diejenigen, die f\u00fcr ausl\u00e4ndische Unternehmen arbeiten. Was bedeutet das?<\/p>\n<p>Demokratie ist nur noch eine Theorie; eine allm\u00e4chtige Konzern-Elite ist, die mit dem Staat verschmolzen ist, und die Forderungen nach \u201eIdentit\u00e4t\u201c. Amerikanische Admir\u00e4le werden vom australischen Steuerzahler t\u00e4glich mit Tausenden US-Dollar f\u00fcr \u201eBeratung\u201c entlohnt. PR-Ma\u00dfnahmen und Intrigen korrupter, niveauloser Politiker lullen unsere politische Vorstellungskraft im gesamten Westen ein und sorgen f\u00fcr Ablenkung: ein Boris Johnson oder ein Donald Trump oder ein Wolodymyr Selenskyj.<\/p>\n<p>2023 sorgt sich kein Autorenkongress um den \u201eZerfall des Kapitalismus\u201c und die t\u00f6dlichen Provokationen \u201eunseres\u201c politischen F\u00fchrungspersonals. Der ber\u00fcchtigste darunter, Tony Blair, dem ersten Anschein nach ein Verbrecher nach dem Standard der N\u00fcrnberger Prozesse, ist frei und reich. Julian Assange, der Journalisten dazu herausforderte zu beweisen, dass ihre Leser das Recht auf Information haben, ist seit mehr als einem Jahrzehnt weggesperrt.<\/p>\n<p>Der Aufstieg des Faschismus in Europa ist unumstritten. Man kann auch von \u201eNeo-Nazismus\u201c oder \u201eextremem Nationalismus\u201c sprechen, ganz wie es beliebt. Die Ukraine als der faschistische Bienenstock des modernen Europa hat das Wiedererstehen des Kults um Stepan Bandera erlebt, den leidenschaftlichen Antisemiten und Massenm\u00f6rder, der Hitlers \u201eJudenpolitik\u201c pries, die dazu f\u00fchrte, dass 1,5 Millionen ukrainische Juden abgeschlachtet wurden. \u201eWir werden eure K\u00f6pfe Hitler zu F\u00fc\u00dfen legen\u201c, verk\u00fcndete ein Bandera-Pamphlet den ukrainischen Juden.<\/p>\n<p>Heute wird Bandera im Westen der Ukraine als Held verehrt, und die EU und die USA haben haufenweise Statuen von Bandera und mit ihm verbundenen Faschisten bezahlt. Sie wurden statt jener Statuen von russischen Kulturgiganten und Pers\u00f6nlichkeiten aufgestellt, welche die Ukraine von den urspr\u00fcnglichen Nazis befreit hatten.<\/p>\n<p>2014 spielten Neonazis eine Schl\u00fcsselrolle in einem von den Amerikanern finanzierten Coup gegen den gew\u00e4hlten Pr\u00e4sidenten, Viktor Yanukowitsch, der beschuldigt wurde, \u201epro-Moskau\u201c zu sein. Das Coup-Regime bestand auch aus prominenten \u201eextremen Nationalisten\u201c \u2013 Nazis, blo\u00df hie\u00dfen sie anders.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst berichteten die BBC und europ\u00e4ische und amerikanische Medien ausf\u00fchrlich dar\u00fcber. 2019 brachte das <em>Time<\/em> Magazin einen gro\u00dfen Bericht \u00fcber die \u201ewei\u00dfen rassistischen Milizen\u201c (<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=fy910FG46C4\">Inside A White Supremacist Militia in Ukraine \u2013 YouTube<\/a>), die in der Ukraine aktiv sind. NBC News berichtete: <a href=\"https:\/\/www.nbcnews.com\/think\/opinion\/ukraine-has-nazi-problem-vladimir-putin-s-denazification-claim-war-ncna1290946\">\u201eDie Ukraine hat wirklich ein Nazi-Problem\u201c<\/a>. Die Verbrennung von Gewerkschaftlern in Odessa wurde gefilmt und dokumentiert.<\/p>\n<p>Angef\u00fchrt vom Asow-Regiment, deren Symbol, die \u201eWolfsangel\u201c, aufgrund seiner Verwendung durch die deutsche SS in Verruf kam, ist das ukrainische Milit\u00e4r in den russisch-sprachigen Donbas im Osten des Landes einmarschiert. 14.000 Menschen wurden laut UN im Osten get\u00f6tet. Sieben Jahre sp\u00e4ter, nachdem das Minsker Friedensabkommen vom Westen sabotiert worden war, wie Angela Merkel einr\u00e4umte, marschierte die Rote Armee ein.<\/p>\n<p>Diese Version der Ereignisse wurde im Westen nicht berichtet. Sie auch nur zu erw\u00e4hnen, setzt einen dem Vorwurf aus, ein \u201ePutin Apologet\u201c zu sein, selbst wenn jemand \u2013 wie ich \u2013 die russische Invasion verurteilt hat. Zu verstehen, welch extreme Provokation ein von der NATO bewaffnetes Grenzland, die Ukraine \u2013 dasselbe Grenzland, durch das Hitler einmarschierte \u2013 f\u00fcr Moskau darstellte, ist ein Unding.<\/p>\n<p>Journalisten, die in den Donbass reisten, wurden zum Schweigen gebracht oder sogar in ihrem eigenen Land verfolgt. Der deutsche Journalist Patrik Baab verlor seinen Arbeitsplatz, und das Konto der jungen deutschen freien Reporterin, Alina Lipp, wurde beschlagnahmt.<\/p>\n<p><strong>Das Schweigen der Einsch\u00fcchterung<\/strong><\/p>\n<p>Das Schweigen der liberalen Intelligenzija in Gro\u00dfbritannien ist das Schweigen der Einsch\u00fcchterung. Staatlich protegierte Themen wie die Ukraine oder Israel sollten tunlichst vermieden werden, wenn man seinen Job an der Universit\u00e4t behalten will. Was dem fr\u00fcheren Labour-Chef Jeremy Corbyn 2019 widerfuhr, wird auf dem Unicampus wiederholt \u2013 Widersacher des Apartheidstaats Israel werden wie selbstverst\u00e4ndlich als Antisemiten verleumdet.<\/p>\n<p>Professor David Miller, ironischerweise die f\u00fchrende Autorit\u00e4t Englands zum Thema moderne Propaganda, wurde von der Bristol Universit\u00e4t entlassen, weil er \u00f6ffentlich angedeutet hatte, dass Israels \u201eAgenten\u201c in Gro\u00dfbritannien und seine politische Lobbyarbeit weltweit einen \u00fcberproportional gro\u00dfen Einfluss aus\u00fcbten \u2013 eine Tatsache, f\u00fcr die es umfangreiche Beweise gibt.<\/p>\n<p>Die Universit\u00e4t veranlasste eine unabh\u00e4ngige Untersuchung des Falles. Ein f\u00fchrender Rechtsexperte entlastete Miller bei dem \u201ewichtigen Thema der akademischen Redefreiheit\u201c und kam zu dem Schluss: \u201eProfessor Millers Kommentare stellten keine unrechtm\u00e4\u00dfige \u00c4u\u00dferung dar\u201c. Die Universit\u00e4t hat ihn dennoch entlassen. Die Botschaft ist klar: Gleich welche Gr\u00e4ueltaten Israel begeht, es genie\u00dft Immunit\u00e4t und seine Kritiker m\u00fcssen bestraft werden.<\/p>\n<p>Vor rein paar Jahren sch\u00e4tzte Terry Eagleton, damals Professor f\u00fcr englische Literatur an der Universit\u00e4t von Manchester, dass \u201ezum ersten Mal seit zwei Jahrhunderten kein angesehener britischer Dichter, Theaterautor oder Romancier bereit sei, die Grundfesten der westlichen Lebensweise infrage zu stellen\u201c.<\/p>\n<p>Kein Shelley sprach f\u00fcr die Armen, kein Blake f\u00fcr utopische Tr\u00e4ume, kein Byron verurteilte die Korruption der herrschenden Klasse, kein Thomas Carlyle und kein John Ruskin enth\u00fcllten die moralische Katastrophe des Kapitalismus. Autoren wie William Morris, Oscar Wilde, H.G. Wells, George Bernard Shaw sucht man heute vergeblich. Damals lebte Harold Pinter noch, \u201eder letzte, der seine Stimme erhob\u201c, schrieb Eagleton.<\/p>\n<p>Woher kam der Postmodernismus \u2013 die Ablehnung von Politik und authentischem Widerspruch? Die Ver\u00f6ffentlichung von Charles Reichs Bestseller \u201eThe Greening of America\u201c 1970 bietet einen Hinweis. Amerika war damals in Aufruhr; Richard Nixon sa\u00df im Wei\u00dfen Haus, ziviler Widerstand, bekannt als \u201edie Bewegung\u201c, war aus den R\u00e4ndern der Gesellschaft hervorgeplatzt inmitten eines Krieges, der nahezu jeden ber\u00fchrte. Im Verbund mit der B\u00fcrgerrechtsbewegung stellte dieser Widerstand die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung f\u00fcr Washingtons Macht in hundert Jahren dar.<\/p>\n<p>Auf dem Buchumschlag standen folgende Worte: \u201eEs kommt eine Revolution. Sie wird nicht wie die Revolutionen der Vergangenheit sein. Sie wird mit dem Individuum beginnen.\u201c<\/p>\n<p>Damals war ich Korrespondent in den Vereinigten Staaten und erinnere mich daran, wie der junge Yale-Absolvent Reich \u00fcber Nacht zum Guru wurde. Der <em>New Yorker<\/em> hatte sein Buch als Serie aufgelegt, eine Sensation. Seine Botschaft war, dass die \u201epolitische Aktion und die Verk\u00fcndigung der Wahrheit\u201c der 1960er Jahre fehlgeschlagen waren und nur \u201eKultur und Introspektion\u201c die Welt ver\u00e4ndern w\u00fcrden. Das f\u00fchlte sich so an, als w\u00fcrde das Hippietum Anspruch auf die Konsumentenschichten erheben. Und in gewisser Hinsicht war das auch der Fall.<\/p>\n<p>Innerhalb weniger Jahre hatte der Kult um das eigene Ich den Sinn vieler Menschen f\u00fcr die gemeinsame Sache, f\u00fcr soziale Gerechtigkeit und f\u00fcr den Internationalismus nahezu \u00fcberw\u00e4ltigt. Klasse, Gender und Rasse wurden getrennt. Das Pers\u00f6nliche war das Politische, und das Medium war die Botschaft. Sie lautete: Geld machen.<\/p>\n<p>Was \u201edie Bewegung\u201d anging und ihre Hoffnung und ihre Lieder, so setzten die Jahre unter Ronald Reagan und Bill Clinton dem allen ein Ende. Die Polizei befand sich nun im offenen Krieg mit schwarzen Menschen; Clintons ber\u00fcchtigte Sozialhilfegesetze brachen weltweite Rekorde bei der Anzahl vorwiegend Schwarzer, die sie ins Gef\u00e4ngnis brachten.<\/p>\n<p>Mit 9\/11 vollendete die Erfindung neuer \u201eBedrohungen\u201c an \u201eAmerikas Grenzen\u201c (wie das \u201eProjekt for a New American Century\u201c die Welt nannte) die politische Desorientierung jener, die 20 Jahre davor eine entschiedene Opposition gebildet h\u00e4tten.<\/p>\n<p>In den darauffolgenden Jahren hat Amerika Krieg mit der Welt gef\u00fchrt. Laut einem weithin ignorierten Bericht der Physicians for Social Responsibility, der Physicians for Global Survival und der Internationalen \u00c4rzte f\u00fcr die Verh\u00fctung des Atomkrieges, die den Friedensnobelpreis gewonnen haben, wurden in Amerikas \u201eKrieg gegen den Terror\u201c \u201emindestens\u201c 1,3 Millionen Menschen in Afghanistan, im Irak und in Pakistan get\u00f6tet.<\/p>\n<p>In dieser Zahl nicht enthalten sind die Toten der von den USA gef\u00fchrten und angeheizten Kriege im Jemen, Libyen, Syrien, Somalia und dar\u00fcber hinaus. Die tats\u00e4chliche Zahl, so der Bericht, \u201ek\u00f6nnte gut mehr als zwei Millionen sein [oder] zehn Mal so gro\u00df wie jene, von welcher die \u00d6ffentlichkeit, Experten und Entscheidungstr\u00e4ger ausgehen und die von den Medien und gro\u00dfen NGOs propagiert wird\u201c.<\/p>\n<p>\u201eMindestens\u201c eine Million Menschen wurden im Irak get\u00f6tet oder f\u00fcnf Prozent der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p><strong>Niemand wei\u00df, wie viele get\u00f6tet wurden<\/strong><\/p>\n<p>Das ungeheure Ausma\u00df dieser Gewalt und dieses Leids scheint im westlichen Bewusstsein keinen Platz zu haben. \u201eNiemand wei\u00df, wie viele\u201c ist der Refrain der Medien. Blair und George W. Bush \u2013 sowie Straw und Cheney und Powell und Rumsfeld und andere \u2013 drohte nie die Verfolgung. Blairs Propaganda-Maestro, Alistair Campbell, ist eine gefeierte \u201eMedienpers\u00f6nlichkeit\u201c.<\/p>\n<p>2003 habe ich in Washington ein Interview mit dem renommierten Investigativjournalisten Charles Lewis gefilmt. Wir sprachen \u00fcber die Invasion im Irak wenige Monate zuvor. Ich fragte ihn: \u201eWas, wenn die verfassungsm\u00e4\u00dfig freiesten Medien der Welt George W. Bush und Donald Rumsfeld kritisch hinterfragt h\u00e4tten, statt das zu verbreiten, was sich als plumpe Propaganda herausstellte?\u201c<\/p>\n<p>Er antwortete: \u201eH\u00e4tten wir Journalisten unsere Arbeit gemacht, w\u00e4ren wir h\u00f6chstwahrscheinlich nicht gegen den Irak in den Krieg gezogen.\u201c<\/p>\n<p>Ich stellte Dan Rather, dem ber\u00fchmten Anchor-Man von CBS, die gleiche Frage, er gab mir eine gleichlautende Antwort. David Rose vom Observer, der Saddam Husseins \u201eDrohung\u201c verbreitet hatte, und Rageh Omaar, der damalige Irak-Korrespondent der BBC, antworteten ebenfalls so. Roses bewundernswerte Zerknirschung dar\u00fcber, hinters Licht gef\u00fchrt worden zu sein, sprach f\u00fcr viele Reporter, denen sein Mut, das einzugestehen, fehlte.<\/p>\n<p>Ihre Aussage ist es wert, wiederholt zu werden. H\u00e4tten Journalisten ihre Arbeit gemacht, h\u00e4tten sie die Propaganda infrage gestellt und unter die Lupe genommen, anstatt ihr eine Plattform zu geben, k\u00f6nnten eine Million irakische M\u00e4nner, Frauen und Kinder vielleicht heute noch am Leben sein; Millionen h\u00e4tten vielleicht nicht aus ihrem Zuhause fliehen m\u00fcssen; der religi\u00f6se Krieg zwischen Sunniten und Schia w\u00e4re vielleicht nicht entfacht worden, der IS h\u00e4tte vielleicht existiert.<\/p>\n<p>Vergegenw\u00e4rtigen Sie sich diese Tatsache angesichts der r\u00e4uberischen Kriege, die die USA und ihre \u201eVerb\u00fcndeten\u201c seit 1945 vom Zaun gebrochen haben \u2013 die Schlussfolgerung verschl\u00e4gt einem den Atem. Wird das je auf Journalistenschulen thematisiert?<\/p>\n<p>Heute ist der Krieg durch die Medien eine Hauptaufgabe des sogenannten Mainstream-Journalismus. Es erinnert an das, was ein Ankl\u00e4ger der N\u00fcrnberger Prozesse 1945 beschrieb:<\/p>\n<p>\u201eVor jeder gr\u00f6\u00dferen Aggression, mit einigen Ausnahmen aus Gr\u00fcnden der Opportunit\u00e4t, setzten sie eine Pressekampagne in Gang, die darauf abzielte, ihre Opfer zu schw\u00e4chen und das deutsche Volk psychologisch vorzubereiten\u2026 die wichtigsten Waffen waren die Tagespresse und das Radio.\u201c<\/p>\n<p>Ein hartn\u00e4ckiger Strang in Amerikas politischen Leben ist ein kultischer Extremismus, der dem Faschismus nahekommt. Obwohl man dies Trump zuschrieb, war es doch w\u00e4hrend der zwei Amtszeiten Barack Obamas, dass sich die US-Au\u00dfenpolitik auf einen handfesten Flirt mit dem Faschismus eingelassen hat. Das wurde so gut wie nie berichtet.<\/p>\n<p>\u201eIch glaube mit jeder Faser meines Seins an den amerikanischen Exzeptionalismus\u201c, sagte Obama, der eine pr\u00e4sidentielle Lieblingsbesch\u00e4ftigung \u2013 das Bombardieren und das Entsenden von Todesschwadronen, bekannt als \u201eSpezialoperationen\u201c \u2013 so sehr ausgeweitet hat wie kein anderer Pr\u00e4sident nach dem Ersten Kalten Krieg.<\/p>\n<p>Laut einem \u00dcberblick des Council on Foreign Relations warf Obama 2016 26.171 Bomben ab. Das sind 72 Bomben am Tag. Er bombardierte bitterarme Menschen und People of Colour: in Afghanistan, Libyen, Jemen, Somalia, Syrien, Irak, Pakistan.<\/p>\n<p>Jeden Dienstag \u2013 so berichtete die <em>New York Times<\/em> \u2013 w\u00e4hlte er aus, wer von Hellfire Raketen ermordet werden sollte, die per Drohne abgefeuert wurden. Hochzeiten, Beerdigungen, Sch\u00e4fer wurden angegriffen, zusammen mit den Menschen, die versuchten, die K\u00f6rperteile zusammenzusammeln, welche das \u201eterroristische Angriffsziel\u201c schm\u00fcckten.<\/p>\n<p>Ein f\u00fchrender republikanischer Senator, Lindsey Graham, sch\u00e4tzte anerkennend, dass Obamas Drohnen 4.700 Menschen get\u00f6tet haben. \u201eManchmal trifft man unschuldige Menschen, und das hasse ich\u201c, sagte er, \u201eaber wir haben auf die Weise einige hochrangige Al Quaida Mitglieder erwischt\u201c.<\/p>\n<p>Im Jahr 2011 sagte Obama den Medien, dass der libysche Pr\u00e4sident Muammar Gaddafi einen \u201eV\u00f6lkermord\u201c an seinem eigenen Volk plane: \u201eWir wussten, dass \u2013 w\u00fcrden wir einen Tag l\u00e4nger warten \u2013 Benghazi, eine Stadt von der Gr\u00f6\u00dfe von Charlotte [North Carolina] ein Massaker erleiden k\u00f6nnte, das einen Nachhall in der ganzen Region gehabt und das Gewissen der Welt belastet h\u00e4tte.\u201c<\/p>\n<p>Das war eine L\u00fcge. Die einzige \u201eBedrohung\u201c war die bevorstehende Niederlage fanatischer Islamisten durch libysche Regierungstruppen. Gaddafi bekam die Rolle als Feind des westlichen Kolonialismus auf dem Kontinent, auf dem Libyen der zweitmodernste Staat war, weil er Pl\u00e4ne hatte, einen unabh\u00e4ngigen Pan-Afrikanismus, eine afrikanische Bank und afrikanische W\u00e4hrung wiederzubeleben \u2013 und zwar auf der Grundlage des libyschen Erd\u00f6ls.<\/p>\n<p>Gaddafis \u201eBedrohung\u201d und seinen modernen Staat zu zerst\u00f6ren, war das Ziel. Die NATO, unterst\u00fctzt von den USA, Gro\u00dfbritannien und Frankreich, richtete 9.700 Angriffe gegen Libyen. Ein Drittel davon war gegen die Infrastruktur und zivile Ziele gerichtet, berichteten die Vereinten Nationen. Man setzte Uran-Sprengk\u00f6pfe ein; die St\u00e4dte Misurata und Sirte wurden mit einem Bombenteppich belegt. Das Rote Kreuz identifizierte Massengr\u00e4ber, und Unicef berichtete, \u201edie meisten [der get\u00f6teten Kinder] waren unter 10 Jahre alt\u201c.<\/p>\n<p>Als Hillary Clinton, Obamas Au\u00dfenministerin, erfuhr, dass Gaddafi von den Aufst\u00e4ndischen gefangen und mit einem Messerstich in den After get\u00f6tet wurde, lachte sie und sagte in die Kamera: \u201eWir kamen, sahen und er starb!\u201c<\/p>\n<p>Am 14. September 2016 berichtete der Ausschuss f\u00fcr ausw\u00e4rtige Angelegenheiten des House of Commons in London \u00fcber den Abschluss einer einj\u00e4hrigen Studie zum NATO-Angriff auf Libyen. Er beschrieb diesen als \u201ePalette von L\u00fcgen\u201c \u2013 inklusive der Story vom Benghazi-Massaker.<\/p>\n<p>Die NATO-Bombardierung st\u00fcrzte Libyen in eine humanit\u00e4re Katastrophe, hat Tausende von Menschen get\u00f6tet und Hunderttausende zur Flucht gezwungen. Sie hat Libyen von dem afrikanischen Land mit dem h\u00f6chsten Lebensstandard in einen kriegsversehrten Failed State verwandelt.<\/p>\n<p>Unter Obama dehnten die USA die geheimen Operationen durch \u201eSpezialkr\u00e4fte\u201c auf 138 L\u00e4nder, oder 70 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung, aus. Der erste afro-amerikanische Pr\u00e4sident startete eine gro\u00dfangelegte Invasion Afrikas.<\/p>\n<p>Das US African Command (Africom) erinnert an den Wettlauf um Afrika im 19. Jahrhundert und hat seitdem ein Netzwerk von Bittstellern an kollaborativen afrikanischen Regimen aufgebaut, die nach amerikanischen Bestechungsgeldern und Waffen lechzen. Africoms \u201esoldier to soldier\u201c Doktrin bindet US-Offiziere auf allen Befehlsebenen ein, vom General zum Stabsfeldwebel. Es fehlen nur Tropenhelme.<\/p>\n<p>Es ist, als ob Afrikas stolze Geschichte der Befreiung, von Patrice Lumumba bis Nelson Mandela von einer neuen schwarzen kolonialen Elite des wei\u00dfen Herren dem Vergessen anheimgegeben wurde. Die \u201ehistorische Mission\u201c dieser Elite, warnte der wissende Frantz Fanon, ist die Bef\u00f6rderung eines \u201eungez\u00fcgelten, aber getarnten Kapitalismus\u201c.<\/p>\n<p>2011, in dem Jahr, als die NATO in Libyen einmarschierte, k\u00fcndigte Obama die \u201eHinwendung nach Asien\u201c an. Knapp zwei Drittel der US-Marine sollten in den asiatisch-pazifischen Raum verlagert werden, um \u201eder Bedrohung aus China die Stirn zu bieten\u201c, wie es sein Verteidigungsminister formulierte.<\/p>\n<p>Es gab keine Bedrohung aus China; es gab eine Bedrohung Chinas aus den Vereinigten Staaten; rund 400 US-amerikanische Milit\u00e4rbasen bilden einen Bogen entlang des Randes von Chinas industriellem Kernland, welchen ein Pentagon-Beamter anerkennend als \u201eSchlinge\u201c bezeichnete.<\/p>\n<p>Zur gleichen Zeit platzierte Obama Raketen in Osteuropa, die auf Russland zielten. Es war der seliggesprochene Friedensnobelpreistr\u00e4ger, der die Ausgaben f\u00fcr Atomwaffen auf ein Niveau erh\u00f6hte, das h\u00f6her war als das jeder US-Regierung seit dem Kalten Krieg \u2013 nachdem er 2009 in einer emotionalen Rede mitten in Prag versprochen hatte, \u201edabei zu helfen, die Welt von Atomwaffen zu befreien\u201c.<\/p>\n<p>Obama und seine Administration wussten genau, dass der Coup gegen die ukrainische Regierung, den zu \u00fcberwachen seine Vize-Au\u00dfenministerin Patricia Nuland im Jahr 2014 geschickt wurde, eine russische Antwort provozieren und wahrscheinlich zum Krieg f\u00fchren w\u00fcrde. Und genauso ist es gekommen.<\/p>\n<p>Ich schreibe dies am 30. April, dem Jahrestag des letzten Tages des l\u00e4ngsten Krieges des 20. Jahrhunderts in Vietnam, \u00fcber den ich berichtet habe. Ich war sehr jung, als ich in Saigon ankam, und ich lerne eine Menge. Ich lerne das charakteristische Dr\u00f6hnen der Triebwerke der riesigen B52 Bomber erkennen, die ihr Blutbad von weit \u00fcber den Wolken abwarfen und nichts und niemanden verschonten; ich lernte, mich nicht wegzudrehen, wenn ich einen verkohlten Baum, garniert mit menschlichen K\u00f6rperteilen, sah; ich lerne, G\u00fcte zu sch\u00e4tzen wie nie zuvor; ich lernte, dass Joseph Heller recht hatte in seinem meisterhaften Buch \u201eCatch 22\u201c: Krieg passt nicht zu vern\u00fcnftigen Menschen; und ich habe von \u201eunserer\u201c Propaganda erfahren.<\/p>\n<p>Diesen ganzen Krieg hindurch behauptete die Propaganda, dass ein siegreiches Vietnam seine Krankheit des Kommunismus auf ganz Asien \u00fcbertragen und der Gro\u00dfen Gelben Gefahr im Norden erlauben w\u00fcrde, \u00fcber den Kontinent hereinzubrechen. L\u00e4nder w\u00fcrden wie \u201eDominosteine\u201c umfallen.<\/p>\n<p>Ho Shi Minhs Vietnam war siegreich, und nichts von dem eben Beschriebenen trat ein. Stattdessen bl\u00fchte die vietnamesische Zivilisation auf \u2013 dem Preis zum Trotz, den sie bezahlten: drei Millionen Tote. Dazu die Verst\u00fcmmelten, die Entstellten, die S\u00fcchtigen, die Vergifteten, die Verschollenen.<\/p>\n<p>Sollten die aktuellen Propagandisten ihren Krieg mit China bekommen, droht ein Vielfaches dessen. Erhebt eure Stimme.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97281\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. Mai 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im letzten Jahrhundert fungierten kritische Intellektuelle als Korrektiv zu einer Politik, die Kriege f\u00fchrt und mit L\u00fcgen regiert. Dieses Korrektiv gibt es heute in dieser Form nicht mehr. 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