{"id":13193,"date":"2023-06-15T16:31:46","date_gmt":"2023-06-15T14:31:46","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13193"},"modified":"2023-06-15T16:31:48","modified_gmt":"2023-06-15T14:31:48","slug":"kriegsluegen-und-die-abkehr-vom-journalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13193","title":{"rendered":"<strong>Kriegsl\u00fcgen und die Abkehr vom Journalismus<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Helmut Scheben. <\/em>Seit dem Golfkrieg von 1991 war es den Medien in den USA verboten, Bilder von S\u00e4rgen toter US-Soldaten zu zeigen. Die Ma\u00dfnahme wurde erst im Februar 2009 aufgehoben. Auch das Filmen toter oder verwundeter US-Soldaten war verboten und das Verbot wurde vor allem im Irak-Krieg mit extremer H\u00e4rte durchgesetzt, wie Kameraleute berichteten. Als ich einmal im<!--more--> riesigen Archiv des Schweizer Fernsehens solche Aufnahmen suchte, fand ich eine einzige Sequenz, die etwa drei Sekunden dauerte. Ein amerikanischer Soldat versuchte da, aus einem brennenden Panzer zu klettern.<\/p>\n<p>Drei Sekunden von tausenden Videos, die in diesem Krieg gedreht worden waren. Drei Sekunden, die \u2013 wie deutlich erkennbar \u2013 auf einen Fehler eines Cutters zur\u00fcckzuf\u00fchren waren, der ein IN oder OUT falsch gesetzt hatte, sodass Material sichtbar wurde, welches der Zensur anheimfallen sollte. Szenen einer Niederlage werden seit Vietnam nicht mehr gezeigt. Also gibt es keine Niederlagen mehr, denn die auf zweieinhalb Minuten komprimierten TV-News sind es, die in unseren K\u00f6pfen Geschichte schreiben.<\/p>\n<p>In seinem Buch \u201eLiberty and the News\u201c konstatierte 1920 der US-amerikanische Journalist und Medientheoretiker Walter Lippmann<a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/kriegsluegen-und-die-abkehr-vom-journalismus\/#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a>:<\/p>\n<p>Die Zeitungsspalten sind \u00f6ffentliche Informationstr\u00e4ger. Wenn diejenigen, die sie kontrollieren, sich das Recht herausnehmen, zu bestimmen, was zu welchem Zweck berichtet werden soll, dann kommt der demokratische Prozess zum Erliegen.<a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/kriegsluegen-und-die-abkehr-vom-journalismus\/#sdfootnote2sym\"><em><sup>2<\/sup><\/em><\/a><\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte mir noch vor ein paar Jahren nicht vorstellen k\u00f6nnen, dass mein morgendlicher Gang zum Briefkasten, um die Zeitungen zu holen, begleitet sei von einem leisen Kontrapunkt aus Widerwillen und Langeweile. Ich habe gern zum Morgenkaffee Papier in der Hand, statt auf einen Bildschirm zu schauen. Die Lekt\u00fcre nimmt indessen von Jahr zu Jahr weniger Zeit in Anspruch. Das liegt zum einen daran, dass viele Themen mich nicht mehr interessieren, zum Beispiel die ewige Seifenoper britischer Royals, die t\u00e4glich obligatorischen LGBTQ-Probleme, die Me-Too-Befindlichkeit von Groupies bei Rockkonzerten oder parlamentarische Untersuchungen, die herausfinden sollen, warum im Finanzkasino Banken an die Wand fahren.<\/p>\n<p>Die wirklichen Probleme der meisten Menschen, der Krieg in der Ukraine, der eskalierende Konflikt zwischen USA und China, also Vorg\u00e4nge, die das Leben von Millionen Steuerzahlenden derzeit ver\u00e4ndern und k\u00fcnftige Generationen belasten werden (Aufr\u00fcstung, Inflation, Energiepolitik, Sanktionspolitik, Asylwesen etc.) werden aber in unseren f\u00fchrenden Medien mit einem derart reduzierten Blickwinkel dargestellt, dass es mich fassungslos macht. Die Realit\u00e4tsverweigerung erfolgt mit einer an Tollwut grenzenden Selbstverst\u00e4ndlichkeit.<\/p>\n<p><strong>Von einhundert Artikeln gibt es keine f\u00fcnf aus der Sicht der anderen Kriegspartei<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe mir die M\u00fche gemacht, als Beispiel den Z\u00fcrcher Tagesanzeiger, den ich abonniert habe, auf Einseitigkeit zu pr\u00fcfen. Vom Angriff Russlands im Februar 2022 bis zum Jahresende 2022 habe ich rund einhundert Artikel angeschaut, die direkt vom Ukraine Krieg handeln. Beim hundertsten Bericht war ich ersch\u00f6pft von immer dem Gleichen. Fast alle schildern das Leid und das Heldentum der Westukraine in dem russischen Angriffskrieg und \u2013 in schrillen Farben \u2013 die Verbrechen Russlands.<\/p>\n<p>Kenner von Waffensystemen und Geostrategie repetieren unaufh\u00f6rlich, warum Russland besiegt werden muss, und die Investigativen kennen nichts anderes mehr als die Jagd nach irgendeinem Russen oder einer Russin, denen man noch das Verm\u00f6gen enteignen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Auf hundert Artikel habe ich keine f\u00fcnf gefunden, die berichteten, was auf der anderen Seite der Front passiert. Das Leid der pro-russischen Ukrainer unter den Raketenangriffen und dem Artilleriefeuer der Ukrainer ist keiner Erw\u00e4hnung wert. Die Menschen selbst scheinen dort f\u00fcr unsere gro\u00dfen Medien nicht zu existieren. Berichtet wird ausschlie\u00dflich mit der Optik der NATO, also mit der Optik einer R\u00fcstungs-Lobby, die weltweit als Brecheisen der Ordnungsmacht USA funktioniert.<\/p>\n<p>Die Einseitigkeit der Berichte entspringt der Einseitigkeit der Quellen. Neben dem unausweichlichen britischen Geheimdienst (ob 007 mitarbeitet, bleibt bisher im Dunkel) sind die t\u00e4glichen Quellen unserer \u201eBenachrichtigung\u201c: Pr\u00e4sident Selenskyj und seine Entourage in Kiew sowie seine Freunde in Br\u00fcssel, London, Washington und die zugeh\u00f6rigen Experten und NATO-Denkfabriken. Die Russen erscheinen haupts\u00e4chlich als Verbrecher, die ihre Verbrechen leugnen.<\/p>\n<p>Und wenn ein Damm bricht, der russische Verteidigungsstellungen und ein von Russland besetztes Gebiet weitgehend \u00fcberschwemmt, dann finden alle deutschen Talk Shows, aber auch das Schweizer Radiomagazin <em>Echo der Zeit<\/em>, unverz\u00fcglich Experten, die wissen, dass es die Russen waren, die den Damm zerst\u00f6rt haben. Wie es auch die Russen sind, die sich selbst in dem Atomkraftwerk beschie\u00dfen, welches sie besetzt halten. \u201eTis the times\u2018 plague, when madmen lead the blind\u201c, hei\u00dft es bei Shakespeare im King Lear.<\/p>\n<p>In den Jahren vor dem russischen Angriff registrierten die OECD-Beobachter t\u00e4glich Artilleriedetonationen, im Februar 2022 schlie\u00dflich hunderte Explosionen pro Tag. Weit mehr als zehntausend Tote haben die K\u00e4mpfe in der Ostukraine zwischen 2014 und 2022 gefordert. Dieser Krieg hat also nicht im Februar 2022 begonnen.<\/p>\n<p>Haben unsere Zeitungen dar\u00fcber berichtet? Sie haben es unter den Teppich gekehrt. Sie sehen nur, was sie schon wissen. Das hei\u00dft: Sie wissen immer schon, was sie sehen werden. Also das, was ich jeden Morgen in den Zeitungen lesen kann. Und somit das, was ich nicht mehr lesen muss, weil ich schon wei\u00df, was es ist, bevor ich die Zeitung aufschlage.<\/p>\n<p><strong>\u201eLasst euch nicht von den eigenen t\u00e4uschen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Im Herbst 1983 demonstrierten mehr als eine Million Menschen \u00fcberall in der Bundesrepublik Deutschland gegen die Stationierung von Atombomben. Auch in mehreren L\u00e4ndern, die Mitglieder der NATO waren, widersetzte sich eine Mehrheit der Menschen der weiteren atomaren Aufr\u00fcstung, denn es war klar, dass das vielbeschworene \u201eGleichgewicht des Schreckens\u201c durch die britischen und franz\u00f6sischen A-Bomben l\u00e4ngst garantiert war. Bei der Debatte im Bundestag sagte Oppositionsf\u00fchrer Willy Brandt, seine Partei, die SPD, werde mit Protestbriefen zugesch\u00fcttet:<\/p>\n<p><em>Das sind Deutsche West und Deutsche Ost, das sind Europ\u00e4er und Amerikaner, das sind M\u00fctter und V\u00e4ter, Gro\u00dfm\u00fctter und Gro\u00dfv\u00e4ter, Arbeiter und Unternehmer, K\u00fcnstler und Soldaten, Hausfrauen, Rentner, und es sind Naturwissenschafter und Ingenieure aller akademischen Grade. Ich frage mich, wem es guttut, wenn das Engagement und der versammelte Sachverstand dieser Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrger mit der ganzen Arroganz der Macht in den Abfall ger\u00e4umt wird.<\/em><\/p>\n<p>Die FDP-CDU-Mehrheit des deutschen Parlamentes w\u00e4hlte f\u00fcr Volkes Stimme den Abfallk\u00fcbel und beschloss die Stationierung von atomaren Mittelstreckenraketen. Diese wurden zwar im Rahmen eines Abr\u00fcstungsabkommens abgeschafft, gleichwohl lagern im Fliegerhorst B\u00fcchel in der Eifel heute US-amerikanische Atomsprengk\u00f6pfe. Deutsche Luftwaffenpiloten trainieren deren Einsatz im Rahmen der sogenannten \u201enuklearen Teilhabe\u201c. Es ist kein milit\u00e4risches Geheimnis, dass Russland stets das Hauptangriffsziel war und nach wie vor ist.<\/p>\n<p>Im selben Jahr 1983 erscheint Christa Wolfs Buch \u201eKassandra\u201c, ein Text \u00fcber eine Seherin, die vor ihrem Tod \u00fcber den Untergang ihrer Heimat Troja nachdenkt:<\/p>\n<p><em>Wann der Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg? Falls es da Regeln g\u00e4be, m\u00fcsste man sie weitersagen. In Ton in Stein eingraben, \u00fcberliefern. Was st\u00fcnde da? Da st\u00fcnde unter anderen S\u00e4tzen: Lasst euch nicht von den eigenen t\u00e4uschen.<\/em><\/p>\n<p>Ich habe mich von den eigenen t\u00e4uschen lassen, aber es hat lange gedauert, bis ich dessen gewahr wurde. Die <em>S\u00fcddeutsche<\/em>, die <em>Frankfurter Rundschau<\/em>, die <em>Neue Z\u00fcrcher<\/em>, der <em>Spiegel<\/em> und andere Bl\u00e4tter, das waren meine Leitmedien, als ich Journalismus lernte. Die gro\u00dfen Medien, sowohl die geb\u00fchrenfinanzierten wie die der privaten Konzerne, haben in allen Kriegen, die ich beobachten konnte, krachend versagt. Ihre Aufgabe w\u00e4re gewesen, das Handeln der Regierungen in Frage zu stellen, aber sie haben sich in vielen F\u00e4llen als Lautsprecher der Regierungs-Propaganda und als Kriegstreiber in ungerechtfertigten und sinnlosen Kriegen erwiesen.<\/p>\n<p><strong>Die Balkankriege \u00f6ffneten die B\u00fcchse der Pandora<\/strong><\/p>\n<p>Meine erste gro\u00dfe Berufskrise kam, wenn ich mich recht erinnere, in den Balkankriegen. Ich fand nachts keinen Schlaf mehr, als ich merkte, dass da das Blaue vom Himmel herunter gelogen wurde. Tuzla war damals mein Schl\u00fcsselerlebnis. Die Stadt in Bosnien war 1993 als Schutzzone definiert worden, Blauhelme waren dort stationiert. Die bosnisch-moslemische Bev\u00f6lkerung sollte vor serbischen Angriffen gesch\u00fctzt werden. Die serbische Artillerie schoss aber gleichwohl auf die Stadt, und diese Angriffe waren Monate lang t\u00e4gliche Meldung in den Radionachrichten. Die westlichen Medien flossen \u00fcber vor Emp\u00f6rung \u00fcber den Beschuss der \u201eSafe Area\u201c.<\/p>\n<p>Ich fiel aus den Wolken, als mir 1995 Blauhelm-Soldaten sagten: \u201eDie Serben schie\u00dfen zwar manchmal da rein, aber die Artillerie in Tuzla schie\u00dft auch jede Nacht raus auf die umliegenden serbischen D\u00f6rfer.\u201c<\/p>\n<p>Tuzla wurde bei Nacht und Nebel von den USA mit Waffen versorgt. Es gab dort milit\u00e4rische Sperrgebiete, wo UN-Einheiten der Zutritt verwehrt wurde. Dieselbe Regierung in Washington, die nach au\u00dfen hin die Rolle des \u201ehonest broker\u201c spielte, um ein Ende des Krieges zu erreichen, organisierte im Geheimen sogenannte <a href=\"https:\/\/archive.sensecentar.org\/vijesti.php?aid=12699\">\u201eblack flights\u201c<\/a>, um das bosniakische Milit\u00e4r aufzur\u00fcsten.<\/p>\n<p>Als ein norwegischer Blauhelm-Offizier dies 1995 bemerkte und publik machte, bekam er Befehl zu schweigen und wurde strafversetzt. Der britische Sender <em>ITN\/Channel 4<\/em> hatte einen Beitrag \u00fcber die Sache gedreht, den ich f\u00fcr ein Magazin des <em>SRG<\/em>-Programms<em> Schweiz 4<\/em> \u00fcbernahm. Meine Versuche, Schweizer Medien auf die Enth\u00fcllungen aufmerksam zu machen, stie\u00dfen auf Indifferenz. In Bosnien wie auch im Kosovo bestimmte die NATO, was man wissen durfte und was nicht. Carla Del Ponte, Chefankl\u00e4gerin in Den Haag, beklagte sich sp\u00e4ter, dass sie mit ihrer Bitte um Einsicht in die Geheim-Operationen der NATO gegen eine Wand lief.<\/p>\n<p>Erst viel sp\u00e4ter erfuhr ich, dass f\u00fchrende PR-Agenturen der USA damals die Presse mit Schauergeschichten \u00fcber serbische Konzentrationslager und Holocaust-Pl\u00e4ne f\u00fctterten, welche ein gigantischer Medienapparat in Sekundenschnelle um die Welt jagte. Die Politikwissenschafter J\u00f6rg Becker und Mira Beham haben in ihrer Studie \u201eOperation Balkan: Werbung f\u00fcr Krieg und Tod\u201c in US-Archiven weit \u00fcber hundert solcher PR-Vertr\u00e4ge nachgewiesen. Der Auftrag hiess, die Serben als T\u00e4ter und die andern als Opfer darzustellen. James Harff, Chef der PR-Agentur Ruder Finn, beschrieb seinen Job folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p><em>Unser Handwerk besteht darin, Nachrichten auszustreuen, sie so schnell wie m\u00f6glich in Umlauf zu bringen (\u2026) Die Schnelligkeit ist entscheidend. Denn wir wissen genau, dass die erste Nachricht von Bedeutung ist. Ein Dementi hat keine Wirkung mehr.<\/em><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/kriegsluegen-und-die-abkehr-vom-journalismus\/#sdfootnote3sym\"><em><sup>3<\/sup><\/em><\/a><\/p>\n<p><strong>PR-Agenturen liefern die Argumente f\u00fcr Krieg und Tod<\/strong><\/p>\n<p>Harff zeigte gegen\u00fcber Jacques Merlino, einem stellvertretenden Chefredakteur von <em>France 2<\/em>, einen gewissen Berufsstolz, wenn er in aller Offenheit beschrieb, wie seine Agentur \u201emit einem gro\u00dfartigen Bluff\u201c ihren Auftrag erledigte, indem sie drei m\u00e4chtige j\u00fcdische Lobby-Organisationen der USA dazu brachte, in Inseraten in der <em>New York Times<\/em> vor einem drohenden Holocaust auf dem Balkan zu warnen.<\/p>\n<p><em>Mit einem Schachzug konnten wir die Sache vereinfachen und sie darstellen als Geschichte von den guten und den b\u00f6sen Jungs (\u2026) Und wir haben gewonnen, denn wir haben das richtige Ziel ausgew\u00e4hlt, das j\u00fcdische Publikum (targeting Jewish audience). Sofort stellte sich eine bemerkbare Ver\u00e4nderung des Sprachgebrauchs in den Medien ein, begleitet von der Verwendung solcher Begriffe, die eine starke emotionale Aufladung hatten, wie etwa ethnische S\u00e4uberung, Konzentrationslager und so weiter, und all das evoziert einen Vergleich mit Nazi-Deutschland, Gaskammern und Auschwitz. Die emotionale Aufladung war so m\u00e4chtig, dass niemand wagte, dem zu widersprechen.<\/em><\/p>\n<p>Der deutsche Au\u00dfenminister Joschka Fischer tourte folgerichtig mit der Parole \u201eNie wieder Auschwitz\u201c durch Europa und sein Verteidigungsminister Scharping brachte unters Volk, man wisse, dass die Serben \u201emit den abgeschnittenen K\u00f6pfen ihrer Feinde Fu\u00dfball spielen.\u201c Ein Foto, das als Beweis der serbischen Gr\u00e4uel und als Argument f\u00fcr den NATO-Angriffskrieg um die Welt ging, zeigte einen entsetzlich abgemagerten Mann mit nacktem Oberk\u00f6rper hinter Stacheldraht. Es erinnerte an die Fotos von deutschen Vernichtungslagern 1945. Die Aufnahme war \u2013 wie sp\u00e4ter nachgewiesen wurde \u2013 eine F\u00e4lschung.<a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/kriegsluegen-und-die-abkehr-vom-journalismus\/#sdfootnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a> Das fragliche Fl\u00fcchtlingszentrum Trnopolje war damals weder durch einen Stacheldrahtzaun abgesperrt noch gab es dort halb verhungerte Menschen.<\/p>\n<p>Nichts hat sich ge\u00e4ndert. Der Krieg generiert die ewig gleichen Propagandamittel. Ein in der Ukraine lebender \u201eSchriftsteller aus Ostdeutschland\u201c namens Christoph Brumme schrieb 2022 in der <em>NZZ am Sonntag<\/em> ein regelm\u00e4\u00dfiges \u201eTagebuch\u201c, in dem er unter anderem vorhersagte, die Russen w\u00fcrden in der Ukraine Konzentrationslager einrichten und Putin sei ein zweiter Hitler. Er sei vermutlich schwer krank und werde mit einer Atombombe seinen Suizid inszenieren. Und dergleichen mehr.<\/p>\n<p>Schon im Golfkrieg von 1991 war die Kategorie der \u201eeingebetteten Journalisten\u201c entstanden, und es gibt wohl kaum einen Begriff, der besser umschreibt, wie dieser Beruf zu einer Art Prostitution verkommen kann. Der US-amerikanische Journalist John R. MacArthur hat in seiner Studie \u201eSecond Front: Censorship and propaganda in the 1991 Gulf War\u201c (auf Deutsch bei dtv \u201eDie Schlacht der L\u00fcgen\u201c) gezeigt, wie die Medien an der Leine gef\u00fchrt und wie die \u00d6ffentlichkeit get\u00e4uscht wurde.<\/p>\n<p>Die Symbiose der gro\u00dfen Medien und ihrer Regierungen wurde vollends zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit nach dem Anschlag von 9\/11. Dieser wurde als Angriff einer feindlichen Macht definiert und in dieser Logik erst Afghanistan, dann der Irak angegriffen. Weltweit wurde ein \u201eKrieg gegen den Terror\u201c begonnen, und da man einmal am Aufr\u00e4umen war, wurden \u201eby the way\u201c auch in Libyen und Syrien \u201eunterdr\u00fcckte V\u00f6lker befreit\u201c. Die Resultate sind in all diesen L\u00e4ndern zu besichtigen. Der renommierte Wissenschaftsjournalist und Friedensaktivist Norman Cousins hatte der ideologischen Mission der Supermacht USA schon 1987 einen Namen gegeben: \u201eThe Pathology of Power\u201c.<\/p>\n<p><strong>Eine erfundene Vergewaltigungs-Story in Libyen<\/strong><\/p>\n<p>Mir ist unverst\u00e4ndlich, wie Journalisten, die so oft von Regierungen belogen wurden, weiterhin die politischen Vorgaben von oben weiterverbreiten, als seien es die Tafeln der Zehn Gebote. Im Juni 2011 sagte US-Au\u00dfenministerin Hillary Clinton vor laufenden Kameras, sie habe jetzt den Beweis, dass der libysche Herrscher Muammar al-Gaddafi \u201esystematische Vergewaltigung\u201c als Strategie einsetze. Zu diesem Zeitpunkt herrschte B\u00fcrgerkrieg in Libyen. Die libysche Armee versuchte, einen Aufstand niederzuschlagen, der im Sog des sogenannten \u201earabischen Fr\u00fchlings\u201c seit Februar 2011 eskalierte. Die USA und ihre NATO-Verb\u00fcndeten bombardierten seit M\u00e4rz 2011 das Land, um \u2013 so die offizielle Argumentation \u2013 dem von Gaddafi unterdr\u00fcckten libyschen Volk zu helfen und \u201eeine Flugverbotszone durchzusetzen\u201c.<\/p>\n<p>Als lebender Beweis f\u00fcr den Vorwurf der Vergewaltigungen galt eine Libyerin namens Eman-al Obeidi. Die Frau hatte sich am 26. M\u00e4rz 2011 Zugang zum Luxus-Hotel Rixos Al Nasr in Tripolis verschafft. Hotelpersonal und Security-Leute versuchten zu verhindern, dass sie Kontakt mit den Journalisten aufnahm, die dort beim Fr\u00fchst\u00fcck sa\u00dfen. Die Frau schrie, sie sei drei Tage zuvor von Milizion\u00e4ren Gaddafis an einem Checkpoint entf\u00fchrt und vergewaltigt worden.<\/p>\n<p>Der libysche Regierungssprecher Musa Ibrahim erkl\u00e4rte sp\u00e4ter, man habe Frau Obeidi zun\u00e4chst f\u00fcr alkoholisiert und psychisch gest\u00f6rt gehalten. Dann habe man festgestellt, dass ihre Angaben glaubw\u00fcrdig seien. Der Fall sei in den H\u00e4nden der Justiz. Es handele sich um gew\u00f6hnliche Kriminalit\u00e4t und nicht um ein politisches Verbrechen.<\/p>\n<p>Frau Obeidi wurde von <em>CNN<\/em> und zahlreichen anderen Medien interviewt. Sie figurierte als Beweis f\u00fcr die Verruchtheit des libyschen Staatsoberhauptes Gaddafi. Dabei schien den gro\u00dfen Medien kaum erw\u00e4hnenswert, dass libysche \u00c4rzte die Frau betreut hatten, die Vergewaltigung best\u00e4tigt hatten und die libysche Polizei kurz darauf Tatverd\u00e4chtige festgenommen hatte.<\/p>\n<p>In einem B\u00fcro von Amnesty International in Z\u00fcrich fragte ich 2011, was an den Vorw\u00fcrfen dran sei. Ich erhielt die Auskunft, Amnesty habe mehrere Monate lang in Libyen ermittelt und keine Best\u00e4tigung f\u00fcr den Vorwurf der Massenvergewaltigung gefunden. Auch der Sprecher der libyschen Organisation \u201eHuman Rights Solidarity Libya\u201c, die den Aufst\u00e4ndischen nahestand, sagte mir am Telefon: \u201eWir haben keine Beweise. Der einzige konkrete Fall ist der von Frau Obeidi.\u201c<\/p>\n<p>Der Mist war indessen gefahren und die Story erfuhr eine geradezu rasende Proliferation in westlichen Medien. Meine Google-Suche am Sonntag, 20. Juli 2011, zeigte 21 Millionen Ergebnisse. Der Chefankl\u00e4ger des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag, Luis Moreno Ocampo, lieferte ein vorz\u00fcgliches Schmiermittel f\u00fcr den Medien-Apparat mit der Bemerkung, er habe tats\u00e4chlich \u201eInformationen\u201c \u00fcber Massenvergewaltigungen. Auf die Frage eines Journalisten, was er von Berichten halte, Gaddafi lasse Viagra importieren, damit seine Soldaten vergewaltigen k\u00f6nnten, entgegnete der Chefankl\u00e4ger nicht etwa: \u201eLassen Sie mich mit solchem Bl\u00f6dsinn in Ruhe\u201c. Er sagte stattdessen den perfiden Satz, man sammle noch Beweise: \u201eYes, we are still collecting evidence.\u201c<\/p>\n<p>Das Phantasie-Gebilde wucherte wochenlang weiter. Die Schweizer Zeitung <em>Le Matin<\/em> trieb das kreative Storytelling bis zu der Foto-Abbildung eines King Size Bettes samt Lampe und Nachttisch: angeblich ein Raum in einem unterirdischen Bunker, wo dem Blatt zufolge Gaddafi seine weiblichen Opfer missbrauchte. Ich habe in dieser Zeit keinen Journalisten getroffen, der sagte, er sch\u00e4me sich daf\u00fcr, dass er durch seine Berufswahl zu dieser Branche geh\u00f6re.<\/p>\n<p><strong>\u201eAtrocity Management\u201c ist so alt wie der Krieg selbst<\/strong><\/p>\n<p>Die Verteufelung des Feindes ist ein bew\u00e4hrtes Instrument, welches so alt ist wie der Krieg selbst.<\/p>\n<p>Der Historiker Gerhard Paul hat in seinem Standardwerk \u201eBilder des Krieges, Krieg der Bilder\u201c anhand von \u00fcber 200 Abbildungen dargestellt, wie die modernen Bildmedien den Krieg als Ikonographie in der kollektiven Erinnerung einbrannten. Dabei geht laut Gerhard Paul die Wirklichkeit in gleichem Ma\u00df verloren wie die Bilder perfektioniert und standardisiert werden.<\/p>\n<p>Medienwirksam sind stets Verbrechen an Kindern. Das geht von der kuwaitischen \u201ePflegerin Najirah\u201c, die vor einem Menschenrechtskomitee des US-Kongresses sagte, sie habe gesehen, wie irakische Soldaten Brutkasten-Babies die Schl\u00e4uche herausrissen, was sich sp\u00e4ter als eine Erfindung der PR-Agentur Hill &amp; Knowlton erwies, bis zur Menschenrechtsbeauftragen Denissowa in Kiew, die im Juni 2022 ihren Job verlor, weil klar geworden war, dass sie L\u00fcgen verbreitet hatte. Darunter die Behauptung, sie habe Beweise, dass russische Soldaten Kleinkinder vergewaltigten.<\/p>\n<p>Die Darstellung des Feindes als bestialisches Ungeheuer scheint unvermeidbares Stereotyp der Kriegspropaganda. Im Ersten Weltkrieg war die Story, deutsche Soldaten h\u00e4tten einer belgischen Frau ihr Baby entrissen, diesem die H\u00e4nde abgehackt und selbige dann verspeist, ein Dauerbrenner in der franz\u00f6sischen und britischen Presse.<\/p>\n<p>Wenn der Feind ein Ungeheuer ist, welches das B\u00f6se an sich verk\u00f6rpert, sind Kriege leichter zu rechtfertigen. Ich habe in mehr als vierzig Jahren journalistischer Arbeit feststellen m\u00fcssen, dass die gro\u00dfen Medien solche Propaganda-Erz\u00e4hlungen meist unkritisch verbreiten und erst sehr sp\u00e4t oder nie bereit sind, ihre Fehler einzugestehen. Die <em>New York Times<\/em>, die bei ihren Leserinnen und Lesern f\u00fcr die Falschinformation rund um den Irak-Krieg um Vergebung bat, ist der einzige mir bekannte Fall. In 19 Arbeitsjahren beim Schweizer Fernsehen <em>SRF<\/em> ist mir kein Fall bekannt geworden, in dem eine Sendung sich f\u00fcr falsche Nachrichten entschuldigt h\u00e4tte. Mit Ausnahme der Sendung <em>Meteo<\/em>, wenn die Wetterprognose falsch war.<\/p>\n<p>2011 machte ich Amnesty International Schweiz darauf aufmerksam, dass es keine Fernsehbilder von den Zerst\u00f6rungen der NATO-Luftangriffe in Libyen gab. Die Fernsehstudios der libyschen Regierung waren in der ersten Angriffswelle in Schutt und Asche gelegt worden. Die NATO-Kommandozentrale in Neapel konnte dadurch verhindern, dass emotionale Bilder von Opfern, die aus den Tr\u00fcmmern gezogen wurden, auf westlichen TV-Kan\u00e4len zu sehen waren. Das Problem war den gro\u00dfen Medien nicht aufgefallen oder ignoriert worden.<\/p>\n<p>Der Amnesty-Sprecher erwiderte mir damals, diese Einseitigkeit der Darstellung mache ihnen auch gro\u00dfe Sorgen. Als ich abends mit dem Cutter am Schnittplatz den Beitrag f\u00fcr die Tagesschau fertiggestellt hatte, sagte der Tages-Chef bei der Abnahme, dieser Satz des Amnesty-Sprechers m\u00fcsse raus aus dem Beitrag. Auf meine Frage nach der Begr\u00fcndung hie\u00df es: \u201eSonst k\u00f6nnten die Zuschauer ja denken, Gaddafi sei gar nicht so b\u00f6s und am Ende noch im Recht.\u201c<\/p>\n<p><strong>Eine neue Epoche der Zensur hat angebrochen<\/strong><\/p>\n<p>Die Konzernmedien und die geb\u00fchrenfinanzierten Anstalten dominieren den Nachrichtenmarkt. Sie behaupten alle von sich, sie seien die Vierte Gewalt, die den M\u00e4chtigen auf die Finger schaue, und dadurch werde Demokratie erst erm\u00f6glicht. Meine Erfahrung ist: Sie sind viel mehr Gl\u00e4ubige in einer Art von Religionsgemeinschaft, die sich als Achse des Guten sieht. Wer ihre Weltsicht nicht teilen will, der wird totgeschwiegen, diffamiert oder schlicht verboten.<\/p>\n<p>In diesem Sinne arbeiten die Regierungen und ihre zugewandten Medien effizient. Die 27 L\u00e4nder der Europ\u00e4ischen Union haben die russischen Nachrichtensender <em>RT<\/em> und <em>Sputnik<\/em> verboten. Wer sie verbreitet oder empf\u00e4ngt, zahlt z.B. in \u00d6sterreich bis zu 50.000 Euro Strafe. So einfach glaubt man, die Meinungs-Einfalt durchsetzen zu k\u00f6nnen. Protest oder Kritik aus den gro\u00dfen Redaktionen der Vierten Gewalt? Null.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in russischen Talkshows und in den russischen Social Media mit erstaunlicher H\u00e4rte kontrovers \u00fcber diesen Krieg diskutiert wird, versuchen westliche Medien uns mit obsessiver Emsigkeit einzutrichtern, dass in Russland jeder eingesperrt wird, der etwas gegen diesen Krieg sagt. \u201eZehn Jahre Gef\u00e4ngnis f\u00fcrs Denken\u201c titelt die <em>Neue Z\u00fcrcher Zeitung<\/em> (6. Juni 2023).<\/p>\n<p>In Kiew sind oppositionelle Medien schlicht verboten. Muss man dar\u00fcber berichten? Offensichtlich nicht. Das wird dann beil\u00e4ufig, quasi als abschweifender Schlenker, in acht W\u00f6rtern abgehandelt: \u201eSeit Kriegsbeginn zeigen die ukrainischen Sender ein Gemeinschaftsprogramm\u201c<a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/kriegsluegen-und-die-abkehr-vom-journalismus\/#sdfootnote5sym\"><sup>5<\/sup><\/a>. Gemeinschaftsprogramm? Das t\u00f6nt schon fast wie gemeinn\u00fctzige Arbeit.<\/p>\n<p>Das Verschweigen hat System. Nirgends wird das so sichtbar wie in dem Stillschweigen, welches unsere f\u00fchrenden Medien \u00fcber die um sich greifende Zensur der Social Media bewahren. Wenige Wochen nachdem die EU die russischen Sender verboten hatte, k\u00fcndigte Google an, weltweit alle mit Russland verbundenen Medien zu blockieren. Wie so oft bei Big Tech kam der Druck angeblich von der eigenen Belegschaft: \u201eMitarbeiter von Google hatten YouTube gedr\u00e4ngt, zus\u00e4tzliche Strafma\u00dfnahmen gegen russische Kan\u00e4le zu ergreifen.\u201c<\/p>\n<p>Millionen von Beitr\u00e4gen verschwinden von der Plattform. Der Investigativ-Journalist Glenn Greenwald, der an den Enth\u00fcllungen von Edward Snowden beteiligt war, hat auf diese extreme Zensurkampagne und die Dollarmilliarden hingewiesen, die dabei eine Rolle spielen:<\/p>\n<p>Es ist wenig \u00fcberraschend, dass die Monopole des Silikon Valley ihre Zensurmacht in voller \u00dcbereinstimmung mit den au\u00dfenpolitischen Interessen der US-Regierung aus\u00fcben. Viele der wichtigsten Tech-Monopole \u2013 wie Google und Amazon \u2013 bem\u00fchen sich routinem\u00e4\u00dfig um \u00e4u\u00dferst lukrative Vertr\u00e4ge mit dem US-Sicherheitsapparat, einschlie\u00dflich der CIA und der NSA, und erhalten diese auch. Ihre Top-Manager unterhalten enge Beziehungen zu Spitzenvertretern der Demokratischen Partei. Und die Demokraten im Kongress haben wiederholt F\u00fchrungskr\u00e4fte aus der Tech-Branche vor ihre verschiedenen Aussch\u00fcsse zitiert , um ihnen mit rechtlichen und regulatorischen Repressalien zu drohen, falls sie die Zensur nicht st\u00e4rker an die politischen Ziele und Interessen der Partei anpassen.<\/p>\n<p>Wer die Twitter Files liest, der wei\u00df, wie das System funktioniert. Eine diskrete Intervention des FBI kann bewirken, dass f\u00fchrende Medien politisch heikle Themen solange auf Eis legen, bis die \u201eGefahr\u201c, in dem Fall eine Wahlniederlage des Kandidaten Joe Biden, gebannt ist.<\/p>\n<p>Was mich damals schockierte und auch heute fassungslos macht, ist das Kesseltreiben, das von einer Medienmeute reflexartig in Gang gesetzt wird, wenn einige wenige es wagen, gegen den Strom zu schwimmen und die ver\u00f6ffentlichte Meinung in Frage zu stellen. Die Politologin Mira Beham sagte mir, sie habe in der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em> Schreibverbot bekommen, weil sie zu argumentieren wagte, in den Balkankonflikten komme man nicht weiter mit dem T\u00e4ter-Opfer-Schema, die Sache sei komplexer. Heutzutage verliert ein renommierter Journalist wie Patrick Baab seinen Lehrauftrag an der Universit\u00e4t Kiel, wenn er es wagt, aus dem Donbass \u201evon der falschen Seite der Front\u201c zu berichten.<\/p>\n<p>Orwells dystopische Vision des \u201eNewspeak\u201c und der \u201eWahrheitsministerien\u201c ist auf dem besten Weg, Realit\u00e4t zu werden. Wir erleben in dieser Hinsicht tats\u00e4chlich eine Zeitenwende, wenn auch der deutsche Kanzler etwas anderes meinte, als er den Begriff gebrauchte.<\/p>\n<p><strong>Das Wort L\u00fcgenpresse trifft die Sache nicht<\/strong><\/p>\n<p>Der Medien-Wissenschaftler Uwe Kr\u00fcger hat dokumentiert, dass die meisten Alphatiere der etablierten Medien Mitglieder in NATO- und US-affinen Institutionen sind. Nat\u00fcrlich gibt es den Faktor Zwang und Anpassung, etwa die bekannte Tatsache, dass im Axel Springer Verlag (<em>Bild<\/em>, <em>Die Welt<\/em>) jeder Mitarbeiter den Statuten zustimmen muss, die die Unterst\u00fctzung des transatlantischen B\u00fcndnisses und die Solidarit\u00e4t mit den USA einfordern.<\/p>\n<p>Gleichwohl sollte man vorsichtig sein mit dem Schm\u00e4hwort \u201eL\u00fcgenpresse\u201c. Die Sache ist unendlich komplizierter. Da ist zum einen, was die News-Gef\u00e4\u00dfe angeht, ein System, das auf Verk\u00fcrzung und \u00fcberh\u00f6hten Drehzahlen beruht. Der Philosoph Paul Virilio sprach von einer \u201eIndustrie des Vergessens\u201c, die mit neuen Nachrichten unaufh\u00f6rlich zusch\u00fcttet, was eben noch gemeldet wurde. Ein Nachrichten-Apparat, der stark zerkleinerte Bruchst\u00fccke von Ereignissen produziert, kann keine Zusammenh\u00e4nge und Hintergr\u00fcnde liefern, selbst wenn wohlgesinnte Journalistinnen und Journalisten dies wollten.<\/p>\n<p>Und sie wollen es. Ich habe in meinem ganzen Leben kaum Medienleute getroffen, die f\u00e4lschen oder unredlich berichten wollten. Die Leute l\u00fcgen nicht, sondern sie sind meist \u00fcberzeugt von dem, was sie sagen und schreiben. Sie sind in ihrer ganzen Lebensgeschichte, in ihrer Ausbildung und in ihren sozialen Kontakten gepr\u00e4gt und eingebunden in der Weltsicht ihrer Umgebung. Da ist dieser \u201eriesige Brocken Wahrheit\u201c, den der israelische Historiker Shlomo Sand \u201eimplantiertes Ged\u00e4chtnis\u201c genannt hat:\u201eWir alle werden in ein Universum von Diskursfeldern hineingeboren, das die ideologischen Machtk\u00e4mpfe fr\u00fcherer Generationen geformt haben. Noch ehe sich der Geschichtswissenschaftler das R\u00fcstzeug zu einer kritischen Hinterfragung\u00a0aneignen kann, formen all die Geschichts-, Politik- und Bibelstunden in der Schule, die Nationalfeiertage, Gedenktage, \u00f6ffentlichen Zeremonien, Stra\u00dfennamen, Mahnmale, Fernsehserien und sonstige Erinnerungssph\u00e4ren seine Vorstellungswelt. In seinem Kopf liegt ein riesiger Brocken \u2018Wahrheit\u2019, den er nicht einfach umgehen kann.\u201c<a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/kriegsluegen-und-die-abkehr-vom-journalismus\/#sdfootnote6sym\"><sup>6<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Das Problem einer Branche, die unter dem Namen Journalismus der t\u00e4glichen Wahrheitsfindung dienen soll, ist jedem Zauberk\u00fcnstler und Taschenspieler gel\u00e4ufig: Wahrnehmung wird nicht von tats\u00e4chlichen Ereignissen bestimmt, sondern von Erwartungshaltungen. Von einem riesigen Brocken \u201eWahrheit\u201c.<\/p>\n<p><strong>Quellen<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/kriegsluegen-und-die-abkehr-vom-journalismus\/#sdfootnote1anc\">1<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Walter_Lippmann\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Walter_Lippmann<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/kriegsluegen-und-die-abkehr-vom-journalismus\/#sdfootnote2anc\">2<\/a> Walter Lippmann, Liberty and the News, 1920, S. 24<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/kriegsluegen-und-die-abkehr-vom-journalismus\/#sdfootnote3anc\">3<\/a> Mira Beham: Kriegstrommeln. Medien, Krieg und Politik. 1996. S.172 ff.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/kriegsluegen-und-die-abkehr-vom-journalismus\/#sdfootnote4anc\">4<\/a> <a href=\"https:\/\/www.novo-argumente.com\/artikel\/bilder_erzaehlen_ihre_eigene_geschichte_eine_reportage_mit_folgen\">https:\/\/www.novo-argumente.com\/artikel\/bilder_erzaehlen_ihre_eigene_geschichte_eine_reportage_mit_folgen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/kriegsluegen-und-die-abkehr-vom-journalismus\/#sdfootnote5anc\">5<\/a> Z\u00fcrcher Tagesanzeiger, 28. Juli 2022<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/kriegsluegen-und-die-abkehr-vom-journalismus\/#sdfootnote6anc\">6<\/a> Shlomo Sand: Die Erfindung des j\u00fcdischen Volkes. S. 40<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Gefallener US-Soldat der Operation \u201cIraqui Freedom\u201d. Lange Zeit waren solche Bilder in den USA verboten.Foto: <\/em><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Fallen_US_Army_Soldier.jpg\"><em>Matthew Woitunski<\/em><\/a><em>, Lizenz: <\/em><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/3.0\/deed.de\"><em>CC BY<\/em><\/a><em>, <\/em><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/kriegsluegen-und-die-abkehr-vom-journalismus\/attachment\/fallen_us_army_soldier\/\"><em>Mehr Infos<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/kriegsluegen-und-die-abkehr-vom-journalismus\/\"><em>hintergrund.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 15. Juni 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Helmut Scheben. Seit dem Golfkrieg von 1991 war es den Medien in den USA verboten, Bilder von S\u00e4rgen toter US-Soldaten zu zeigen. Die Ma\u00dfnahme wurde erst im Februar 2009 aufgehoben. 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