{"id":1323,"date":"2016-07-09T11:13:15","date_gmt":"2016-07-09T09:13:15","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1323"},"modified":"2016-07-09T11:13:15","modified_gmt":"2016-07-09T09:13:15","slug":"die-gefangene-westliche-trauergemeinde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1323","title":{"rendered":"Die gefangene westliche Trauergemeinde"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Schaber.<\/em> Bin ich ein abgestumpftes Arschloch, zu keiner menschlichen Regung mehr f\u00e4hig, \u00fcberlegte ich nach den m\u00f6rderischen Terrorattacken in Paris. Die allgegenw\u00e4rtige und \u00f6ffentlich zur Schau gestellte Trauer ekelte mich an.<!--more--> Es sind aber 130 Menschen gestorben, im Dienste einer kruden islamistischen Ideologie dahingemetzelt, wandte ich gegen meinen Abscheu ein. Ist es da nicht normal Solidarit\u00e4t und Anteilnahme zeigen zu wollen, wenn auch in der offensichtlich verbl\u00f6deten Form der permanenten Beflaggung von Social-Media-Profilen?<\/p>\n<p>Die intuitive Abneigung aber wollte nicht weichen. Und so blieb mir, da sich dasselbe Ritual nach jedem Anschlag, derer es ja gegenw\u00e4rtig mehr als zu viele gibt, in abgewandelter Form wiederholte, nichts anderes \u00fcbrig, als dar\u00fcber nachzudenken, ob nicht doch der Ekel ein gerechtfertigter sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Das volle Trauerpaket steht nicht jedem zu<\/strong><\/p>\n<p>Denn schon die Aufmerksamkeit, die die westliche Trauergemeinde den Opfern verschiedener, aber durchaus \u00e4hnlicher Massenmorde entgegenbringt, spricht B\u00e4nde.<\/p>\n<p>Sterben Menschen in Paris, begl\u00fccken uns die Leitmedien mit dem vollen Programm: Titelseiten \u00fcber mehrere Wochen, ausf\u00fchrliche Recherchen zu Opfern und T\u00e4tern, Kondolenzschreiben von Politiker*innen, K\u00fcnstler*innen, Intellektuellen. Die Staatenlenker*innen pilgern an den Ort des Geschehens, wo sie sich mit ihrem im Schmerz geeinten Volk ablichten lassen. Millionen Menschen halten inne.<\/p>\n<p>Ereignet sich eine \u00e4hnliche grausame Tat in der T\u00fcrkei, wie etwa im Oktober 2015 in Ankara, als IS-Selbstmordm\u00f6rder eine Friedensdemonstration angriffen und 102 Menschenleben ausl\u00f6schten, bekommen wir das Trauerpaket light vorgesetzt. Pflichtschuldig darf das Geschehen einen, vielleicht zwei Tage auf die vorderen Seiten der gro\u00dfen Bl\u00e4tter. Merkel schreibt einen Brief, irgendein SPD-ler legt nach, man will sich ja nicht lumpen lassen. Eine Woche sp\u00e4ter ist alles vergessen, fragt man die Insass*innen der westlichen Trauergemeinde sechs Monate nach der Tat, ob sie sich denn noch an diesen Anschlag in Ankara erinnern, geht man leer aus.<\/p>\n<p>Die meisten Trauernden finden Ankara und Istanbul zumindest noch auf der Karte, weil sie den versp\u00e4teten Transitflug ins Urlaubsdomizil noch auf dem Schirm haben. Doch es wird dunkler und dunkler, je weiter man sich in den Trikont begibt. Terroranschl\u00e4ge in Somalia, Nigeria oder Kamerun m\u00fcssen schon eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Opferzahl aufweisen, um sich l\u00e4nger als 24 Stunden in der Kategorie \u201eferner liefen\u201c zu halten.<\/p>\n<p>Woran liegt dieses Ungleichgewicht? Die blo\u00dfe geografische Distanz kann es nicht sein, denn schon der Terror auf dem Balkan interessiert weniger als der in England. Die offenkundig der Trauer\u00f6konomie zugrunde liegende Auffassung, es sei in manchen Weltgegenden eben \u201enormal\u201c, dass Leute sterben, hat ihren Grund wohl darin, dass der Kapitalismus die Welt eben tats\u00e4chlich so eingerichtet hat: Dort, wo zum Zwecke der Verwertung im Krieg gestorben werden muss, ist es eben \u201enormal\u201c. Und dort, wo aus dem gegenteiligen Grund, eben weil die Region und ihre Menschen kaum verwertbar sind, gestorben wird, auch.<\/p>\n<p><strong>B<\/strong><strong>\u00f6<\/strong><strong>ser Terror, guter Terror <\/strong><\/p>\n<p>Neben der geopolitischen Abstufung der Trauerzonen richtet sich die \u00f6ffentliche Anteilnahme noch st\u00e4rker nach einem anderen Kriterium: Kollektiv beweint wird nur, wer von nicht-staatlichen Akteuren oder von in Ungnade gefallenen Staaten gemeuchelt wird. Wer einem B\u00fcndnispartner unserer humanistischen Regierungen zum Opfer f\u00e4llt, hat Pech gehabt.<\/p>\n<p>So eindeutig es auch \u201eTerror\u201c im Wortsinn sein mag, wenn die t\u00fcrkische Regierung dutzende unbewaffnete Zivilist*innen in den Kellern der Kurdenstadt Cizre bei lebendigem Leibe verbrennt, d\u00fcrfen die Angeh\u00f6rigen der Opfer nicht einmal auf Merkels Beileidsheuchelei hoffen. Keine Erinnerung an die Ermordeten wird ans Brandenburger Tor projiziert, wenn mexikanische Polizisten dutzende Studenten entf\u00fchren und hinrichten lassen \u2013 mit illegal dorthin verkauften Gewehren aus deutschen Schmieden. Und niemand schert sich einen feuchten Dreck um die, die Saudi-Arabien seit vielen Monaten im Jemen in ihre Gr\u00e4ber bombt.<\/p>\n<p>Es gibt ihn massenhaft, den \u201eguten\u201c Terror, dessen Opfer der westlichen Trauergemeinde scheissegal sind: S\u00fcdamerikanische Todesschwadrone, Erdogans faschistische Spezialeinheiten, die Mafiapolizei Mexikos, diverse Armeen b\u00fcrgerlicher Staaten und ihrer Verb\u00fcndeten \u2013 sie alle t\u00f6ten Zivilist*innen, um Schrecken zu erzeugen, und was sonst w\u00e4re die W\u00f6rterbuch-Definition von \u201eTerror\u201c?<\/p>\n<p><strong>Die Volksgemeinschaft der Trauernden <\/strong><\/p>\n<p>Die Auswahl derer, um die getrauert werden darf, ist selektiv und hat viel mit der Welt, in der wir leben, zu tun. Ebenso die Form, in der sich die Trauer ausdr\u00fcckt. Man peppt das eigene Bildchen auf <em>facebook<\/em>, <em>twitter<\/em> und <em>tinder<\/em> mit der jeweiligen Landesfahne auf: Lachende Gesichter, halbnackt am Strand, Bierflasche in der Hand, dar\u00fcber die Trauerfarben \u2013 Anteilnahme in der grotesken Verzerrung postmoderner Gleichg\u00fcltigkeit, die von Liebe, Hass, Wut und Traurigkeit nur noch Verfallsformen kennt.<\/p>\n<p>Der Fall wird gehashtagt: #jesuischarlie. Dann der n\u00e4chste Anschlag: #jesuisparis. Und der n\u00e4chste: #jesuisbruxelles. Und einmal geht noch: #jesuisistanbul. Die Nachfrage ist entstanden, der Markt \u00fcbernimmt: Die entsprechend markierten Artikel erfreuen sich immenser Zugriffszahlen, die Einschaltquoten schnellen in die H\u00f6he. Die \u201eJe suis Charlie\u201c \u2013 DVD gibt es bei Amazon f\u00fcr 15,99 Euro, der Damen-Hoodie \u201eLove Paris \u2013 Hate terrorism\u201c kostet der Mitf\u00fchlenden 28,90 Euro und f\u00fcr das kleine Trauerbudget muss der \u201eJe suis Bruxelles\u201c \u2013 Schl\u00fcsselanh\u00e4nger um 3,99 Euro reichen. Ein Schn\u00e4ppchen. Im \u201eje suis charlie\u201c \u2013 Shirt und dazugeh\u00f6rigem Stoffbeutel zeigst du auch dem letzten Skeptiker im Kreuzberger Caf\u00e9, dass du es ernst meinst.<\/p>\n<p>Das Politmarketing diverser Rechtspopulist*innen riecht nat\u00fcrlich auch den Braten. Die schon regierenden Rattenf\u00e4nger peitschen Gesetzesversch\u00e4rfungen durch, ganz so, als sei das Sich-in-die-Luft-Jagen dadurch zu verhindern, dass man wei\u00df, welche Porno-Seite Opa M\u00fcller im Januar 2016 begutachtet hat. Mehr Kameras, mehr racial profiling, Vorratsdatenspeicherung, mehr Befugnisse f\u00fcr die Staatsb\u00fcttel \u2013 mehr, mehr, mehr. \u201eNoch zu wenig\u201c, antwortet die noch nicht regierenden Rattenf\u00e4nger und erhoffen sich ihr St\u00fcck vom Kuchen durch die Das-wird-man-doch-mal-sagen-d\u00fcrfen-Hetze gegen Muslime oder besser gleich insgesamt alle \u201eFremden\u201c.<\/p>\n<p>Die Widerspr\u00fcche sind verschwunden: Man versammelt sich hinter der Trikolore ohne an die franz\u00f6sische Kolonialgeschichte zu denken, man projiziert die t\u00fcrkische Fahne ans Brandenburger Tor, die f\u00fcr Millionen Kurd*innen Leid, Tod und Vernichtung bedeutet. Wer ausschert und n\u00f6rgelt, gilt als Nestbeschmutzer. Jetzt ist Trauer, du Arsch.<\/p>\n<p><strong>Die Tr<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>nen der Abgestumpften<\/strong><\/p>\n<p>Die Tr\u00e4nen der Abgestumpften trocknen schnell. Es ist nicht die Trauer, die wir f\u00fcr gefallene Freund*innen, Gef\u00e4hrt*innen empfinden, die uns ein Leben lang begleitet und dazu verpflichtet, das zu bek\u00e4mpfen, was uns zu fr\u00fch ihre Gegenwart, ihre Stimmen, ihr Lachen und ihre N\u00e4he nahm.<\/p>\n<p>Die diffuse \u2013 oft nur durch die Angst, man h\u00e4tte ja selber in diesem oder jenem Restaurant gesessen haben k\u00f6nnen \u2013 motivierte Trauer bricht sich eruptiv Bahn und verschwindet schnell und folgenlos. Man muss sich keine Gedanken machen, wie einer Welt, in der Terror zum Alltag geh\u00f6rt, beizukommen w\u00e4re und was man selber machen k\u00f6nnte, denn man hat einen Schl\u00fcsselanh\u00e4nger gekauft und Blumen niedergelegt.<\/p>\n<p>Man braucht nicht zu fragen, ob es nicht noch viel grundlegenderer \u00c4nderungen der Einrichtungsweise unserer Gemeinwesen br\u00e4uchte als die regierenden und nicht-regierenden Rattenf\u00e4nger behaupten, denn man ist so fest in die Trauervolksgemeinschaft eingemauert, dass der Blick nicht mehr dorthin zu reichen vermag, wo Licht ist. Das Trauerspektakel wird so selbst zum Teil des Problems, auf den es Antwort zu sein verspricht.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/2016\/07\/die-anatomie-der-westliche-trauergemeinde\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a> vom 2. Juli 2016<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Schaber. 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