{"id":1325,"date":"2016-07-11T08:56:15","date_gmt":"2016-07-11T06:56:15","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1325"},"modified":"2016-07-11T08:56:15","modified_gmt":"2016-07-11T06:56:15","slug":"griechenland-der-fluch-der-boesen-tat-des-alexis-tsipras","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1325","title":{"rendered":"Griechenland: Der Fluch der b\u00f6sen Tat des Alexis Tsipras"},"content":{"rendered":"<p><em>Nikos Chilas<\/em>. Er hat keine gl\u00fcckliche Hand mehr. Was immer Alexis Tsipras seit dem letzten Sommer anfasst, wird ihm und seinem Land zum Verh\u00e4ngnis. Erst hat er das Referendum des 5. Juli 2015 vermasselt, indem er aus einem lauten \u201e\u038c\u03c7\u03b9\u201c (Ochi, Nein)<!--more--> ein winselndes \u201e\u039d\u03b1\u03b9\u201c (Ne, Ja) machte \u2013 und so die 61,3% der Griechen, welche die Auflagen der Geldgeber eindeutig abgelehnt hatten, verprellte. Dadurch wandelte er den wichtigsten Sieg der Massenbewegung seit dem Beginn der Krise in eine schm\u00e4hliche Niederlage um. Sodann gab er dieser Niederlage die Form einer formellen Kapitulation, indem er in den Morgenstunden von 13. Juli in Br\u00fcssel ein Dokument unterschrieb, mit dem er zusammen mit dem staatlichen Besitz auch die staatliche Souver\u00e4nit\u00e4t des Landes ver\u00e4u\u00dferte. Und schlie\u00dflich, nachdem er die Spaltung seiner Partei, Syriza, provoziert hatte, rief er Neuwahlen f\u00fcr den 20. September aus. Diese gewann er zwar souver\u00e4n, doch stellte er seinen Sieg in den Dienst der Geldgeber.<\/p>\n<p>Diese Pechstr\u00e4hne riss seit damals nicht mehr ab. So sind auch die 10,3 Milliarden Euro, die Mitte Juni von der Quadriga der Geldgeber \u2013 bestehend aus der Europ\u00e4ischen Union, der Europ\u00e4ischen Zentralbank (EZB), dem Internationaler W\u00e4hrungsfond (IWF) und dem Europ\u00e4ischem Stabilit\u00e4tsmechanismus (ESM) \u2013 ein Danaergeschenk, mit dem der griechische Schuldenberg weiter w\u00e4chst. Den gr\u00f6\u00dften Teil davon muss er f\u00fcr die Tilgung von Staatsanleihen aufwenden \u2013 er flie\u00dft sofort automatisch in die Schatullen der Geldgeber zur\u00fcck, den Rest gibt er f\u00fcr die Begleichung von kurzfristigen Schulden des griechischen Staates an privaten Gro\u00dfunternehmen aus. F\u00fcr produktive Investitionen bleibt also kein einziger Euro. Daf\u00fcr muss seine Regierung neue Auflagen der Kreditgeber im Steuer- und Sozialbereich erf\u00fcllen, welche seine Vision von Wachstum und sozial gerechte Umverteilung zum Sommernachtstraum machen. Wie immer schon bei derartigen \u201eHilfsaktionen\u201c handelt es sich um vergiftetes Geld, das dem griechischen Ministerpr\u00e4sidenten nur kurzfristig hilft, mittel- und langfristig ihn aber ins weitere Verderben st\u00fcrzt.<\/p>\n<p>\u201eEs ist der Fluch der b\u00f6sen Tat\u201c, urteilte der Kommentator eines griechischen Radiosenders. Die Kapitulation vom 13. Juli hatte einen Paradigmawechsel in der Geschichte der Linken europaweit bewirkt. Der Syriza-Vorsitzende und Ministerpr\u00e4sident habe dabei nicht nur eine historische Niederlage erlitten. Er sei auch, wenn auch unfreiwillig, zum \u201eB\u00fcttel\u201c der Gl\u00e4ubiger geworden, zum Vollzugsorgan ihres Programms.<\/p>\n<p>Der Fluch ist offensichtlich best\u00e4ndig. Die Regierung Tsipras muss bis zum Auslaufen des dritten Hilfsprogramms (oder dritten Memorandums) bis Mitte 2018 insgesamt 277 \u201eReformen\u201c umsetzen. Davon hat sie bisher nur 80 abgehakt, es bleiben also noch 197 unerledigt. Die Umsetzung von weiteren 15 Reformen, darunter einer Arbeitsrechtsreform, die u.a. auf die faktische Zerschlagung des Streikrechts abzielt, steht unmittelbar bevor. \u201eKeine Atempause f\u00fcr Tsipras\u201c, schlussfolgert das \u201eHandelsblatt\u201c.<\/p>\n<p>Die Atemlosigkeit erkl\u00e4rt sich aus der Natur der Ma\u00dfnahmen, die im offenem Gegensatz zum Programm von Syriza stehen. Zwei Beispiele dazu, die in den vergangenen zwei Monaten beschlossen wurden:<\/p>\n<ul>\n<li>Zus\u00e4tzliche Steuern von 1,8 Milliarden Euro<\/li>\n<li>Die Errichtung eines neuen Fonds, in den alle Verm\u00f6genswerte des griechischen Staates flie\u00dfen \u2013 darunter auch 72 000 Immobilien. Sein Ziel ist die Einnahme von 50 Milliarden Euro durch den Verkauf oder die \u201eVerwertung\u201c der Besitzt\u00fcmer. 50 Prozent dieses Fonds werden f\u00fcr die Rekapitalisierung der Banken aufgewendet, je 25 Prozent sollen f\u00fcr die Bedienung der Staatsschulden und f\u00fcr produktive Ausgaben des griechischen Staates flie\u00dfen. Der Fonds ist auf 99 Jahre aufgelegt, sein Aufsichts- und Verwaltungsrat steht unter der Patronage des ESM. Damit hat die Quadriga Griechenland den l\u00e4ngsten Wirtschaftsplan in der Geschichte aufgezwungen \u2013 er \u00fcbertrifft um ein Mehrfaches die F\u00fcnf- und Zehnjahrespl\u00e4ne der ehemals realsozialistischen L\u00e4nder. Am Ende steht der totale Ausverkauf. Das Land wird sich selbst fremd sein und \u00fcber keine \u00f6ffentlichen G\u00fcter mehr verf\u00fcgen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ein charakteristisches Beispiel dazu ist der Verkauf des ehemaligen Athener Flughafen Ellinikon, der 620 Hektar umfasst und direkt am Meer liegt. Er gilt zu Recht als der teuerste an der K\u00fcste gelegene Baugrund Europas. Sein Wert wird von unabh\u00e4ngigen Experten auf mehr als drei Milliarden Euro gesch\u00e4tzt. Doch die F\u00fchrung des Fonds hat ihn f\u00fcr 915 Millionen Euro an den griechischen Reeder Latsis verscherbelt. Auf seiner Fl\u00e4che wird nun eine Stadt mit Penthouses f\u00fcr 27.000 Personen gebaut \u2013 aus dem urspr\u00fcnglich geplanten Park f\u00fcr die Athener Bev\u00f6lkerung wird wohl nichts mehr werden.<\/p>\n<p>Tsipras in der Zwickm\u00fchle: Er hat nicht nur das laufende Memorandum umzusetzen, sondern auch das \u201eErbe\u201c der vorherigen zwei zu verwalten. Das sind hunderte Gesetze, die angeblich auf die Modernisierung von Administration, Wirtschaft und Finanzen zielen, in Wirklichkeit aber Griechenland zu einer sozialen W\u00fcste verwandeln.<\/p>\n<p>Tsipras ist das Opfer einer Erpressung, die er durch einen R\u00fccktritt h\u00e4tte vermeiden k\u00f6nnen. Er hat sich trotzdem f\u00fcr den Verbleib in der Regierung entschieden, der mit der Umsetzung des Memorandums verbunden ist. Dennoch versucht er, die Auswirkungen seiner Politik zugunsten der \u00e4rmeren Schichten abzumildern. Dies ist eine Sisyphusarbeit, aber auch seine wirksamste Ausrede. Dass er mit seinem \u201elinken\u201c Memorandum irreparable Sch\u00e4den anrichtet, rechtfertigt er damit, dass jeder andere an seiner Stelle viel nachgiebiger gegen\u00fcber den Gl\u00e4ubigern gewesen w\u00e4re. Er selbst sei zudem die Garantie f\u00fcr eine soziale und auf Wachstum orientierende Politik, die parallel zum Memorandum l\u00e4uft, oder, genauer gesagt, die demn\u00e4chst mit den Milliarden aus dem Juncker-Investitionspaket laufen werde.<\/p>\n<p>Alles deutet dennoch darauf hin, dass dem neu gestylten Tsipras nicht mehr von der Bev\u00f6lkerung geglaubt wird. Er wird blo\u00df geduldet, weil die Oppositionspolitiker noch unglaubw\u00fcrdiger wirken. Seine Zukunft h\u00e4ngt nur vom Ausma\u00df dieser Geduld ab.<\/p>\n<p>Wann diese rei\u00dfen wird, ist nicht klar. Die Veranstaltungen zum Jahrestag des Referendums vom 5. Juli k\u00f6nnten erste Hinweise dazu geben. In Griechenland (und auch sonst in Europa) f\u00fchlen sich unz\u00e4hlige Leute durch die wundersame Umwandlung des \u201eNein\u201c in ein \u201eJa\u201c betrogen. Gro\u00dfe Massenmobilisierungen an diesem Tag w\u00e4ren ein b\u00f6ses Omen f\u00fcr Tsipras \u2013 auch angesichts der geplanten Ma\u00dfnahmen im kommenden Herbst \u2026<\/p>\n<p>Tatsache ist, dass Tsipras als Ministerpr\u00e4sident von militanten Mobilisierungen bisher verschont geblieben ist. Die General- und Branchenstreiks ab Mitte 2015 in Folge seiner Kapitulation hielten sich in Grenzen. Seine eigenen Erfahrungen mit solchen Aktionen sind haupts\u00e4chlich positiv, hatte er solche doch vor 2015 als deren Mitorganisator immer gewonnen. Diese Periode \u2013 zwischen 2011 und 2015 \u2013 f\u00e4llt mit dem kometenhaften Aufstieg von Syriza zusammen. In jener Zeit gab es in Griechenland, wie aus einer polizeilichen Statistik hervorgeht, 27.103 (!) Demonstrationen und Kundgebungen \u2013 eine rekordverd\u00e4chtige Zahl. Dieses gewaltige Potential wusste Tsipras wirklich meisterhaft f\u00fcr seine Zwecke zu nutzen \u2013 damals, als er alles, was er auch in die Hand nahm, noch in Gold umwandeln konnte.<\/p>\n<p>Heute ist er aber kein politischer Alchimist mehr. Er kann weder den Sinn des Referendums umdeuten, noch aus dem Ged\u00e4chtnis der Aktiven die Erinnerung an die tausenden Aktionen l\u00f6schen. Der Jahrestag des 5. Juli bietet also eine gute Gelegenheit f\u00fcr die Reaktivierung dieses Ged\u00e4chtnisses. Und auch f\u00fcr neue Mobilisierungen \u2013 diesmal nicht zugunsten Tsipras, sondern gegen sein Memorandum.<\/p>\n<p><em>Nikos Chilas ist Teil des FCE-Redaktionsteams. Er berichtet seit 1999 f<\/em><em>\u00fc<\/em><em>r die griechische Tageszeitung <\/em><em>\u201e<\/em><em>To Vima<\/em><em>\u201c<\/em><em>.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/griechenlandsoli.com\/2016\/07\/03\/der-fluch-der-boesen-tat-von-nikos-chilas\/\">griechenlandsoli.com&#8230;<\/a> vom 3. Juli 2016 <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nikos Chilas. Er hat keine gl\u00fcckliche Hand mehr. Was immer Alexis Tsipras seit dem letzten Sommer anfasst, wird ihm und seinem Land zum Verh\u00e4ngnis. Erst hat er das Referendum des 5. 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