{"id":13255,"date":"2023-06-26T14:52:46","date_gmt":"2023-06-26T12:52:46","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13255"},"modified":"2023-06-26T14:52:47","modified_gmt":"2023-06-26T12:52:47","slug":"wo-bleibt-unser-zola","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13255","title":{"rendered":"<strong>Wo bleibt unser Zola?<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>James McDonald. <\/em>Ein Roman \u00fcber das Leben der Arbeiterklasse ist heutzutage die Ausnahme von der Regel. Im 21. Jahrhundert neigt das amerikanische Verlagswesen dazu, seinen thematischen Schwerpunkt auf Fragen zu legen, die die Mittelklasse umtreiben: Themen der Identit\u00e4tspolitik und pessimistische Themen &#8211; denn die Krisen des Kapitalismus haben sich versch\u00e4rft.<!--more--><\/p>\n<p>Es ist nicht unbedingt so, dass \u00fcber das Arbeitsleben keine B\u00fccher mehr geschrieben w\u00fcrden. Eher liegt es an der Verlagsbranche, die nach solchen B\u00fcchern nicht gerade sucht.<\/p>\n<p>Ausnahmen gibt es. Der Tod des Schriftstellers Russell Banks Anfang des Jahres war ein echter Verlust. \u00dcber John M. Hamiltons Roman \u201e<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/en\/articles\/2023\/05\/14\/mmjr-m14.html\">A Hell Called Ohio<\/a>\u201c von 2013 haben wir k\u00fcrzlich geschrieben. Und Tess Guntys Roman \u201eThe Rabbit Hutch\u201c (deutsch: \u201eDer Kaninchenstall\u201c, Juli 2023), der das Leben einer jungen Kassiererin im heruntergekommenen Rust Belt schildert, ist 2022 mit dem National Book Award ausgezeichnet worden.<\/p>\n<p>Die Angaben dar\u00fcber, wie viele neue B\u00fccher (Belletristik und Sachb\u00fccher) in den USA j\u00e4hrlich ver\u00f6ffentlicht werden, gehen stark auseinander. Man geht jedoch davon aus, dass die Zahl zwischen 500.000 und 1 Million liegt. Hinzu kommen 1,5 Millionen B\u00fccher, die im Selbstverlag ver\u00f6ffentlicht werden. Trotz dieser scheinbar gro\u00dfen Zahl nehmen die etablierten Verlage nur 1 bis 2 Prozent der Romane an, die in einem Jahr fertiggestellt werden.<\/p>\n<p>Anhand der Verkaufszahlen l\u00e4sst sich berechnen, welche Literaturgattungen besonders beliebt sind. Die Dauerbrenner sind Liebesromane, Krimis\/Thriller und Science Fiction\/Fantasy. Ebenfalls beliebt sind B\u00fccher f\u00fcr Kinder und Jugendliche und Graphic Novels, bzw. Comics im Buchformat. Laut einer Umfrage von Goodreads.com war das unbeliebteste Genre die literarische Fiktion, also die Kategorie, zu der auch die sozialrealistische Fiktion geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Ernsthafte Belletristik wird also aufgrund der Unpopularit\u00e4t des Genres und der Auswahlkriterien der Verlage und wegen des Drucks, den das B\u00fcrgertum auf das Verlagswesen aus\u00fcbt, nur relativ selten ver\u00f6ffentlicht. Was es gibt, befasst sich vor allem mit den Problemen und Interessen der professionellen Literaturszene.<\/p>\n<p>Im Gro\u00dfen und Ganzen sto\u00dfen Romane, die sich aufrichtig mit der Darstellung des t\u00e4glichen Kampfs von Arbeiterinnen und Arbeitern befassen \u2013 vorausgesetzt, solche Romane werden geschrieben \u2013 auf erhebliche H\u00fcrden, um publiziert zu werden. Die erste solche H\u00fcrde ist die Suche nach einem Literaturagenten.<\/p>\n<p><strong>Literarische Torw\u00e4chter<\/strong><\/p>\n<p>Agenten sind die Torw\u00e4chter der Verlagsbranche. Schriftsteller m\u00fcssen einen Agenten finden, der ihren Roman bei den Verlagen vertritt. Fast kein Roman wird an einen Verlag weitergeleitet, ohne dass er dem pers\u00f6nlichen Geschmack eines Agenten entspricht. Wer also sind diese Literaturagenten?<\/p>\n<p>Ein kurzer Blick auf die Websites der gr\u00f6\u00dften und renommiertesten Agenturen im Bereich der Literatur verr\u00e4t viel \u00fcber ihre Agenten und die B\u00fccher, die diese vorschlagen. Vielleicht die H\u00e4lfte dieser Schiedsrichter des Publikumsgeschmacks sind Leute in ihren 20ern, die gerade ihr Studium der Anglistik oder der vergleichenden Literaturwissenschaft abgeschlossen haben. Diese Agenten, die wie alle anderen Mittzwanziger die Routinearbeit der Branche verrichten, werden mit Anfragen (Vorschl\u00e4gen) von Schriftstellern \u00fcberschwemmt. Die besten Chancen haben dabei nat\u00fcrlich die Anfragen, die den Vorlieben der Agenten entsprechen. Und welche sind das?<\/p>\n<p>Wenn man sich die Selbstdarstellungen dieser jungen Agenten (und auch der nicht mehr ganz jungen) ansieht, st\u00f6\u00dft man immer wieder auf S\u00e4tze wie: \u201eIch habe eine Schw\u00e4che f\u00fcr gute Fantasy\u201c, \u201eIch suche Kinder- und Jugendb\u00fccher\u201c, \u201eIch interessiere mich f\u00fcr Erz\u00e4hlungen mit einer starken weiblichen Hauptfigur\u201c, und: \u201eMich interessieren frische Neuinterpretationen von Mythologie und M\u00e4rchen f\u00fcr Erwachsene\u201c. Solche Vorlieben herrschen selbst bei den Agenten vor, die auch \u201eliterarische\/Buchclub\u201c-Belletristik \u2013 also offenbar seri\u00f6se Texte \u2013 anfragen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind viele dieser Agenten f\u00fcr qualitativ hochwertige Texte und ernsthafte Themen empf\u00e4nglich, und gute Werke werden auch ver\u00f6ffentlicht. Man kann ihnen auch nicht vorwerfen, dass sie versuchen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen: Schlie\u00dflich l\u00e4sst sich Fantasy gut verkaufen. Aber unabh\u00e4ngig von Besonderheiten der einzelnen Agenten repr\u00e4sentiert ihr Geschmack im Wesentlichen die Einstellung, die in der oberen Mittelschicht \u00ad\u00ad\u2013 Leser <em>und<\/em> Autoren gleicherma\u00dfen \u2013 zur Literatur vorherrscht. Und dies ist in der heutigen Zeit, einer entscheidenden historischen Epoche, die Suche nach Vorbildern, nach \u201estarken\u201c Typen, und die Flucht in die Kindheit, die Magie und eine romantisierte Vergangenheit.<\/p>\n<p>Wo es sich in der zeitgen\u00f6ssischen Belletristik um reife Themen und realistische Schaupl\u00e4tze handelt, geht es um Probleme wie Ehebruch, Alkoholismus, Sexismus (um nur einige zu nennen), wobei diese Probleme dann jeweils durch einen \u201estarken\u201c Protagonisten \u201e\u00fcberwunden\u201c werden. Im Zentrum stehen individuelle Z\u00e4higkeit, Mut, Entschlusskraft und Improvisationstalent.<\/p>\n<p>Man vergleiche einen solchen Ansatz einmal mit dem Herangehen eines Romans wie \u201eGerminal\u201c (1885) von \u00c9mile Zola an die menschliche Erfahrung. Zola stellt uns eine Bergarbeitergemeinde in Nordfrankreich in fast brutaler N\u00fcchternheit vor, und seine Protagonisten sind weder st\u00e4rker noch schw\u00e4cher, als man es unter den gegebenen Umst\u00e4nden erwarten kann. Mehrmals zeigen die Figuren, von denen Zola erz\u00e4hlt, auch individuelle Entschlossenheit, aber die St\u00e4rke des Romans, die der Wirklichkeit im Kapitalismus entspricht, besteht gerade darin, dass die Entschlossenheit des Einzelnen eben der Klassenunterdr\u00fcckung, der Ausbeutung und der entw\u00fcrdigenden Armut nicht gewachsen ist.<\/p>\n<p>Auch in den Vereinigten Staaten des Jahres 2023 herrscht an solcher Unterdr\u00fcckung, Ausbeutung und Armut kein Mangel. Viele Arbeiter stehen 12-Stunden-Schichten durch, und der Lohn f\u00fcr ihre gef\u00e4hrliche und entw\u00fcrdigende Arbeit h\u00e4lt mit der Inflation nicht Schritt. Ganze Heerscharen von Arbeitern sind gezwungen, sich mit Billigjobs im Kleinhandel, in der \u201eGig\u201c-\u00d6konomie oder bei Uber, Lieferando und Amazon durchzuschlagen. Wie die <em>WSWS<\/em> berichtet hat, kehrt im heutigen Kapitalismus sogar <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/04\/23\/pers-a23.html\">Kinderarbeit<\/a> in erheblichem Ma\u00dfe zur\u00fcck.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild1-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"658\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild1-2-658x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13256\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild1-2-658x1024.jpg 658w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild1-2-193x300.jpg 193w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild1-2-768x1194.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild1-2.jpg 823w\" sizes=\"auto, (max-width: 658px) 100vw, 658px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Erstausgabe von \u201eGerminal\u201c von \u00c9mile Zola<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Wo, so d\u00fcrfen wir fragen, bleibt unser Zola? Unser Dickens, unser Tolstoi, oder die Dreisers, Hemingways, Dos Passos und Steinbecks unserer Zeit? In andern Worten: Wo sind die Autoren, die, wenn auch nicht unbedingt Sozialisten, so doch Menschen sind, die erkannt haben, dass die Gesellschaft selbst krank ist und der schonungslosen Kritik bedarf, und dass das Leben der Unterdr\u00fcckten wertvoll ist und es verdient, dass man sich damit befasst?<\/p>\n<p>Ganz zu schweigen von den Autoren, die, wie Zola, bis zu einem gewissem Grad erkannt haben, dass die Arbeiterklasse potenziell ungeheuer m\u00e4chtig ist. In \u201eGerminal\u201c ist die organisierte Arbeiterklasse in mehreren, bewegenden Kapiteln der st\u00e4rkste Protagonist.<\/p>\n<p>Das Auftauchen eines Zola oder eines Dreiser war nicht einfach eine Frage ihres jeweiligen pers\u00f6nlichen Willens oder ihrer Aufrichtigkeit. Historische Ereignisse und politische Prozesse, einschlie\u00dflich der Entstehung einer gro\u00dfen sozialistischen Arbeiterbewegung, spielten eine entscheidende Rolle. Die <em>WSWS<\/em> hat oft \u00fcber die immense sozialistische Kultur geschrieben, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entstand. Die komplexe, aber produktive Interaktion zwischen Kunst und Sozialismus war ein dominierendes Merkmal des kulturellen Lebens in den Jahrzehnten, die der russischen Revolution von 1917 vorangingen.<\/p>\n<p>Zola und andere profitierten von einer historischen Periode, in der das Klassenbewusstsein der Arbeiter zunahm. Auf Perioden brutaler Unterdr\u00fcckung folgten Massenunruhen: Die Pariser Kommune von 1871 ging Germinal nur 14 Jahre voraus. Unter den Arbeitern und in der europ\u00e4ischen Intelligenz breiteten sich sozialistische Ideen aus.<\/p>\n<p>Unsere heutige Situation birgt zahlreiche Schwierigkeiten, und nicht die geringsten davon sind die ideologischen Spuren, die die Verbrechen des Stalinismus hinterlassen haben. Aber als Reaktion auf die Angriffe der herrschenden Elite, die Pandemie und die Gefahr von Krieg und Diktatur entsteht in der Arbeiterklasse eine m\u00e4chtige Bewegung. Diese Bewegung wird unweigerlich dazu beitragen, die Wolken von Skepsis und Pessimismus zu vertreiben. Sie wird das gesellschaftliche Wissen und Denken von sozialistisch gesinnten K\u00fcnstlern vorantreiben. Wir werden unseren Zola noch bekommen.<\/p>\n<p><strong>Kunst und Identit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Besonders sch\u00e4dlich f\u00fcr die k\u00fcnstlerische und literarische Kultur unserer Gesellschaft ist das neue, inoffizielle Diktum, dass ein K\u00fcnstler kein Thema w\u00e4hlen, keine Welt darstellen und keinen Protagonisten erschaffen d\u00fcrfe, der sich in Hautfarbe oder Geschlecht vom ihm selbst unterscheide.<\/p>\n<p>Diese Position wird derzeit von einer egoistischen Schicht der oberen Mittelklasse eingenommen. Das l\u00e4uft letztlich auf ein Gerangel um die begrenzte Anzahl von Dollars hinaus, die f\u00fcr Kunst, Literatur und Musik ausgegeben werden. \u201eBleib in deiner Spur\u201c, lautet der g\u00e4ngige Refrain f\u00fcr dieses selbsts\u00fcchtige Verbot, und ein beunruhigend gro\u00dfer Anteil ansonsten seri\u00f6ser K\u00fcnstler gehorcht ihm feige.<\/p>\n<p>Ein Schriftsteller, mit dem der Autor k\u00fcrzlich sprach, prahlte mit betonter Bescheidenheit, dass er niemals \u00fcber eine Gruppe schreiben w\u00fcrde, von deren Unterdr\u00fcckung er profitiert habe. Und das war keineswegs ein Konzernmanager! Selbst wenn ein solches, \u00fcber die allgemeine Klassenunterdr\u00fcckung hinausgehende Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnis best\u00fcnde \u2013 was im Jahr 2023 eher zweifelhaft ist \u2013 dann ist doch der logische Schluss daraus wenig einleuchtend, dass man dar\u00fcber nicht schreiben d\u00fcrfe.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild1-3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"706\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild1-3-1024x706.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13257\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild1-3-1024x706.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild1-3-300x207.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild1-3-768x530.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild1-3.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Buchumschlag f\u00fcr Theodore Dreisers \u201eAmerikanische Trag\u00f6die\u201c, die 1925 in zwei B\u00e4nden erschien<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Kunst ist immer eine Ann\u00e4herung, und nie gelingt sie vollst\u00e4ndig. Aber wenn sie gut gemacht ist, dann umfasst sie in ihrem Akt des Erforschens und des Mitf\u00fchlens sowohl das Anderssein <em>als auch die Identit\u00e4t<\/em> von Autor, Leser und Subjekt. Das Subjekt vom K\u00fcnstler zu trennen, bedeutet, das Wesen der Kunst selbst zu leugnen und eine T\u00e4tigkeit zu verleugnen, die f\u00fcr das menschliche Sein grundlegend ist.<\/p>\n<p>\u00c9mile Zola war kein Bergmann, und er hat vom Kohleabbau profitiert. Aber niemand vor oder nach ihm hat wirkungsvoller und eindringlicher \u00fcber Bergarbeiter und den Bergbau geschrieben. Als Zola starb, schlossen sich seinem Trauerzug bezeichnenderweise auch Bergarbeiter aus Nordfrankreich an.<\/p>\n<p><strong>\u201eSensitivity Readers\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Mit dem Aufkommen der Identit\u00e4tspolitik ist eine neue Form der Zensur im Verlagswesen entstanden. Die neuen Zensoren werden \u201eSensitivity Readers\u201c genannt.<\/p>\n<p>Kurz gesagt, fungieren sie als Inquisitoren der Verlagsbranche f\u00fcr die sogenannten Themen Diversity\/ Verschiedenartigkeit, Equity\/Fairness und Inklusion. Sie durchforschen Manuskripte auf der Suche nach potenziell \u201eanst\u00f6\u00dfigen\u201c oder \u201eunzutreffenden\u201c Textstellen.<\/p>\n<p>Sensibilit\u00e4tsleser sind in der Regel Freiberufler, die sich selbst als Ware zum Verkauf anbieten: wegen ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung oder anderer k\u00f6rperlicher oder kultureller Eigenheiten, die f\u00fcr die Verlage von Nutzen sein k\u00f6nnen. Die Verlage ziehen diese Personen in der Regel hinzu, um ein Manuskript zu pr\u00fcfen, dessen Autor m\u00f6glicherweise \u201evom Weg abgewichen\u201c ist oder auf andere Weise Gefahr l\u00e4uft, als \u201eproblematisch\u201c gebrandmarkt zu werden.<\/p>\n<p>\u201eIch bearbeite nie direkt den Text\u201c, sagte Helen Gould (Spezialgebiete: Rasse und psychische Gesundheit) vor kurzem dem britischen <em>Guardian<\/em>. Die <em>Guardian<\/em>-Autorin Lucy Knight berichtet \u00fcber das Gespr\u00e4ch: \u201eWenn man sie bittet, einen Text zu lesen, wird [Gould] ihn lesen, Abschnitte kommentieren, an denen ihrer Meinung nach spezifische \u00c4nderungen vorgenommen werden k\u00f6nnten &#8230; und ein allgemeines Feedback geben.\u201c Knight beruhigt die Leser: \u201eAutoren und Redakteure k\u00f6nnen dann entscheiden, ob sie ihre Vorschl\u00e4ge annehmen und \u00c4nderungen vornehmen, ob sie sie ignorieren oder ob sie um weitere Diskussionen bitten.\u201c<\/p>\n<p>Die Wahrheit ist, dass kein Redakteur heute riskieren wird, einen Verleger, der sein Arbeitgeber ist, dem Vorwurf der \u201eUnsensibilit\u00e4t\u201c auszusetzen. Und der Autor \u2013 immer auf der untersten Sprosse der Leiter \u2013 wird sich gezwungen sehen, die \u00c4nderungen zu akzeptieren oder auf die Bezahlung f\u00fcr die Arbeit von einem Jahr oder mehr zu verzichten. Das sind die Mechanismen, die im Kapitalismus \u00fcber Kunst entscheiden.<\/p>\n<p>Der <em>Guardian<\/em>, ein liberales und \u201ehumanit\u00e4res\u201c Sprachrohr des britischen und US-amerikanischen Imperialismus, beharrt darauf, dass dies v\u00f6llig normal sei. Sensibility Readers seien nichts Neues, denn: \u201eEs war schon immer in Aspekt der Aufgabe von Buchredakteuren, zu bedenken, wie der Text wahrgenommen wird\u201c. Dies ist ein oberfl\u00e4chliches und verlogenes Argument.<\/p>\n<p>Buchredakteure sind im Idealfall sehr gebildete Leute, deren erste Sorge der k\u00fcnstlerischen Qualit\u00e4t und dem sozialen Wahrheitsgehalt eines Werkes gelten sollte. Redakteure wissen, dass Erz\u00e4hler manchmal unzuverl\u00e4ssig und unvollkommen und zuweilen geradezu widerlich sein k\u00f6nnen. Sie wissen, dass manche Romanfiguren, genau wie die Menschen, Gedanken hegen, die (in Mark Twains Worten) \u201eden Teufel besch\u00e4men w\u00fcrden\u201c. Gute Lektoren wissen, dass es in Wahrheit so manches gibt (sowohl im Kopf als auch au\u00dferhalb), was anst\u00f6\u00dfig ist. Doch die Aufgabe des Sensibilit\u00e4tslesers ist es gerade, solche Texte im Namen der unf\u00e4higsten Leser auszumerzen, n\u00e4mlich derjenigen Leser, die sich durch die objektive Realit\u00e4t beleidigt f\u00fchlen und sie deshalb nicht sehen wollen.<\/p>\n<p>Wer der Kultur die Identit\u00e4tspolitik der oberen Mittelschicht auferlegt, handelt wie ein Zensor und Philister. Dies ist reaktion\u00e4r, denn die Identit\u00e4tspolitik und die Sprache der \u201eBeleidigung\u201c und \u201eSensibilit\u00e4t\u201c richtet sich letztlich gegen die Arbeiterklasse und ihre demokratischen Rechte. Begriffe wie \u201eBeleidigung\u201c und \u201eSensibilit\u00e4t\u201c sind nebul\u00f6se Abstraktionen. Sie unterliegen einer breiten, um nicht zu sagen sch\u00e4dlichen Auslegung. Heute gilt es vielleicht als beleidigend, jemanden als \u201efett\u201c zu bezeichnen, aber in Zukunft k\u00f6nnte auch gelten, dass Fragen der Klasse, des Klassenkampfs und des Sozialismus \u201everst\u00f6rend\u201c und beleidigend sind. In der Tat werden in den USA und weltweit Antikriegserkl\u00e4rungen und -versammlungen von ukrainischen Nationalisten als \u201eunsensibel\u201c bezeichnet.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, die Identit\u00e4tspolitik ist nicht nur ein Karrieresprungbrett f\u00fcr Teile des Kleinb\u00fcrgertums. Sie dient auch als Instrument zur Unterdr\u00fcckung der Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>\u201eBlackout\u201c-Auff\u00fchrungen von St\u00fccken, bei denen Nicht-Schwarze im Theater nicht willkommen sind (wie z. B. eine 2021 in Harvard inszenierte Neuauflage von \u201eMacbeth\u201c), zeugen von einer virulent anti-intellektuellen und kunstfeindlichen Entwicklung. Weitere Beispiele sind die aktuelle rechte Verbotsorgie von B\u00fcchern und die russlandfeindliche <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/04\/27\/yxbz-a27.html\">Absage<\/a> einer geplanten Auff\u00fchrung der \u201eLeningrader Sinfonie\u201c des sowjetischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch durch die New Yorker Philharmoniker. Diese \u00fcble Tendenz verleugnet wahre Kultur, indem sie die Menschen nach Hautfarbe, Nationalit\u00e4t und Religion spaltet.<\/p>\n<p>Aber der Kapitalismus belastet die Arbeiter \u2013 alle Arbeiter \u2013 \u00fcber ihre Belastbarkeit hinaus, und die Streiks und Proteste, an denen sie sich zunehmend beteiligen, ignorieren diese k\u00fcnstlichen Trennlinien und heben sie auf. In dem unbest\u00e4ndigen Umfeld intensiver Reaktionen und anwachsender Militanz kann die Kunst, die sich mit der Lebensrealit\u00e4t der Arbeiterklasse \u2013 aller Arbeiter \u2013 befasst, nicht mehr lange unterdr\u00fcckt werden.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Emile Zola, 1898 (Foto: Nadar)<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/06\/25\/zola-j25.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 26, Juni 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>James McDonald. Ein Roman \u00fcber das Leben der Arbeiterklasse ist heutzutage die Ausnahme von der Regel. Im 21. 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