{"id":13264,"date":"2023-06-27T18:46:10","date_gmt":"2023-06-27T16:46:10","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13264"},"modified":"2023-06-27T18:46:11","modified_gmt":"2023-06-27T16:46:11","slug":"die-entschaerfte-wagner-meuterei-ihre-ursachen-ihre-ziele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13264","title":{"rendered":"<strong>Die entsch\u00e4rfte \u201eWagner-Meuterei\u201c, ihre Ursachen, ihre Ziele<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Elem Chintsky.<\/em><strong> Der weit vorangeschrittene Versuch eines \u201ebewaffneten Milit\u00e4rputsches\u201c am 24. Juni generierte viel Unbehagen und Furcht innerhalb Russlands. Im Westen floss der gierige Speichel. Am Ende willigte der Wagner-Chef Prigoschin ein und zog sich zur\u00fcck. Weshalb? Eine erste ermittelnde Untersuchung. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p><em>Erscheine schwach, wenn du stark bist \u2013 stark, wenn du schwach bist.<\/em><\/p>\n<p><em>\u2014 Sunzi bzw. Klaus Kleber bzw. Annalena Baerbock<\/em><\/p>\n<p>Es gibt Tage, an denen mehr passiert als an irgendeinem anderen der 485 Tage zuvor \u2013 rechnend ab dem Beginn der speziellen Milit\u00e4roperation Russlands in der Ukraine. So auch hier mit dem 24. Juni 2023, wo f\u00fcr knapp 24 Stunden der vehemente Eindruck bestand, dass Russlands Staatlichkeit unter fundamentalem Beschuss st\u00fcnde. W\u00e4hrend die Welt den Atem anhielt.<\/p>\n<p>Als dieser Autor \u2013 zusammen mit den allermeisten anderen, die sich an dem Tag gew\u00fcnscht haben, aufatmen zu d\u00fcrfen \u2013 endlich auch aufgeatmet hat, ist die Neugierde geblieben. Zumal st\u00e4ndig das Jahr 1917 durch den Verstand pochte \u2013 und ob dieses eine elliptische Wiederholung erfahren wird. Selbst der russische Pr\u00e4sident Wladimir Putin berief sich auf das verausgabte zaristische Russland, das w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs in die Februarrevolution gelotst und sp\u00e4ter in die bolschewistische Macht\u00fcbernahme getrieben wurde, um dann einen blutigen, Bruder-mordenden B\u00fcrgerkrieg ertragen zu m\u00fcssen. Putin erkl\u00e4rte, als er sich zur \u201eMeuterei\u201c des 24. Juni \u00e4u\u00dferte, dass ein solches Szenario nie wieder f\u00fcr Russland infrage kommen d\u00fcrfe. Zu einigen anderen Parametern seiner Rede sp\u00e4ter etwas mehr.<\/p>\n<p>Es herrscht eine hitzige Debatte unter denen, die Russlands Ziele und Beweggr\u00fcnde f\u00fcr die milit\u00e4rische Spezialoperation seit 2022 unterst\u00fctzen: War der von Jewgeni Prigoschin als \u201eMarsch der Gerechtigkeit\u201c betitelte bewaffnete Einzug ins Innere Russlands eine Milit\u00e4rrevolte, beziehungsweise Meuterei? Vielleicht etwas ganz anderes? War diese Aktion berechtigt oder gesetzeswidrig? Welchem Ziel diente sie wirklich?<\/p>\n<p>Wo die Landtruppen der russischen Streitkr\u00e4fte Konfrontationen mit den zahlreichen Wagner-Kolonnen gemieden haben, waren die russischen Luftstreitkr\u00e4fte aktiv beauftragt, ihr Land und ihre Hauptstadt vor der Ungewissheit zu sch\u00fctzen. Sie er\u00f6ffneten mehrmals das Feuer auf die S\u00f6ldner, die eindeutig auf Angriff von oben vorbereitet waren. Mit ihrer Luftabwehr wurden insgesamt 13 Mitglieder der russischen Luftwaffe get\u00f6tet. Dies ist die Zahl an Gefallenen innerhalb von 24 Stunden. Bei einem der get\u00f6teten russischen Flieger-Piloten <a href=\"https:\/\/t.me\/voenacher\/47300\">wei\u00df man<\/a>, dass er seine frisch gegr\u00fcndete Familie mit einer neugeborenen Tochter hinterlie\u00df.<\/p>\n<p>Dieser Unterschied in der Handhabe von Prigoschins \u201eMeuterei-Versuch\u201c (ab hier \u201eProjekt\u201c genannt) durch die verschiedenen Milit\u00e4rabteilungen der russischen Streitkr\u00e4fte l\u00e4sst darauf schlie\u00dfen, dass die verschiedenen russischen Gener\u00e4le auch verschieden zu Prigoschins Projekt standen. Entweder weil sie eingeweiht waren in den eigentlichen Plan oder nicht. Entweder sie waren Schoigu und Gerassimow gegen\u00fcber all die Jahre und bis zuletzt loyal oder eben nicht. Das waren entscheidende Richtwerte f\u00fcr alle Beteiligten am 24.06.2023. Sowohl der Befehlshaber der Gruppe \u201eS\u00fcd\u201c, Sergei Kusowlew, als auch der erste stellvertretende Generalstabschef der Streitkr\u00e4fte Russlands, Wladimir Aleksejew, haben sich beide mit Prigoschin in Rostow am Don ablichten lassen, w\u00e4hrend dieser erkl\u00e4rte, \u201enach Rostow am Don gehen wir nach Moskau\u201c. Aleksejew hat dann noch, bevor Prigoschin sein Vorhaben sp\u00e4ter am selben Tag absagte, den Wagner-Chef pro forma f\u00fcr seinen angeblichen Meuterei-Versuch \u00f6ffentlich verurteilt.<\/p>\n<p>Prigoschin behauptete in seinem R\u00fcckzugskommuniqu\u00e9 am Samstagabend, dass kein Blut vergossen wurde. Genau genommen, wie weiter oben erl\u00e4utert, entspricht das nicht ganz den Fakten. Mittlerweile hat sich aber der Wagner-Chef \u00f6ffentlich verpflichtet, 50 Millionen Rubel (\u00fcber eine halbe Million Euro) an die Familien der gefallenen russischen Soldaten auszuzahlen.<\/p>\n<p>In den letzten Tagen sind zahlreiche Chroniken dessen, was geschehen sein soll, ver\u00f6ffentlicht worden. Wir widmen uns hier aber einer ganz speziellen Hypothese, die das Geschehene noch einmal aus einem anderen Winkel betrachtet. Hierf\u00fcr werden wir \u2013 wie immer \u2013 die Perlen und Tr\u00e4nen russischer Geschichte konsultieren m\u00fcssen. Inwieweit diese Auslegung den Fakten und der Wahrheit entspricht, wird die Zeit schon sehr bald zeigen. Sie wird es schlussendlich best\u00e4tigen oder widerlegen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Die Hypothese selbst<\/strong><\/p>\n<p>Die auf den ersten Blick als der Putin-F\u00fchrung als Ganzes gef\u00e4hrlich gewordene \u201eMeuterei\u201c soll in Wirklichkeit ein Versuch der Reform gewesen sein. Es gibt Reformen \u2013 und es gibt \u201eReformen\u201c. Manche Reformen aber k\u00f6nnen nicht transparent und offen \u00fcber den amtlichen Weg vollstreckt werden. Besonders nicht, wenn der aufmerksame Westen versucht zu dechiffrieren, was in M\u00fctterchen Russland jetzt eigentlich vonstattengeht. Manche Reformen \u2013 unter der Tarnung einer chaotischen Meuterei \u2013 bed\u00fcrfen erst eines s\u00e4ubernden Prozesses, in dem alle relevanten Akteure gezwungen sind, ihre eigentlichen Farben zu zeigen. Eine Vor-Reform, wenn man so will. Auch nutzte diese \u201ekontrollierte Meuterei\u201c, die inszeniert wurde, um einer wirklichen, von inneren Feinden Russlands, seinen liberalen Eliten, hastig geplanten Meuterei zuvorzukommen.<\/p>\n<p>Zweifelsohne war Prigoschins kritischer Standpunkt schon seit mehreren Monaten von ihm \u00f6ffentlich verbreitet worden: N\u00e4mlich verdeutlichte er die dringliche Notwendigkeit eines Wechsels der F\u00fchrung der russischen Armee \u2013 an der Spitze Verteidigungsminister Sergei Schoigu und Waleri Gerassimow, als Chef des Generalstabs der Streitkr\u00e4fte Russlands. Diese F\u00fchrungspersonen versteht er als sabotierend und ineffektiv. Als korrupte \u00dcberbleibsel einer eigentlich lang verflogenen \u00c4ra, so auch zahlreiche andere Unterst\u00fctzer dieser Auslegung.<\/p>\n<p><strong>Kurz:<\/strong> Laut dieser Hypothese ist Prigoschin \u2013 und mit ihm seine vermeintlich autonomen Handlungen \u2013 eigentlich ein Instrument Wladimir Putins, um die eine Reform, die sich \u00fcber die letzten Jahrzehnte str\u00e4ubte, vom Fleck zu bewegen, zu implementieren: die Reform und ideologische S\u00e4uberung des Verteidigungsministeriums unter Schoigu und der h\u00f6chsten F\u00fchrung der Streitkr\u00e4fte unter Gerassimow. Wom\u00f6glich auch andere Macht-Dom\u00e4nen betreffend.<\/p>\n<p><strong>Freunde nah, Feinde n\u00e4her?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Die Vaterlandsverr\u00e4ter, die unter Boris Jelzins F\u00fchrung das eigene Land von 1991 bis 1999 an die westliche Oligarchie breitspurig verh\u00f6kerten, haben tiefere Wurzeln in Russland geschlagen, als die meisten im Westen und in Russland selbst heute vermuten. Ob heute noch welche in F\u00fchrungsverantwortung \u00fcbrig geblieben sind, werden die n\u00e4chsten Wochen und Monate sicherlich zeigen. Eine Lossagung von dieser machtpolitischen Fremdbestimmung hat nicht einfach mit Wladimir Putins Ernennung zum Ministerpr\u00e4sidenten und Pr\u00e4sidenten Russlands, jeweils 1999 und 2000, stattgefunden. Selbst die sp\u00e4teren Kadenzen als wiedergew\u00e4hltes Staatsoberhaupt habe es gebraucht, um diesen langwierigen Prozess \u00fcberhaupt am Laufen zu halten und stufenweise Erfolge zu erzielen. Grob betrachtet konnte Putin schon mit seiner zweiten Kadenz mit Fug und Recht behaupten, viele hartn\u00e4ckige Jelzin-Figuren aus seinem Regierungsumfeld beseitigt zu haben. Aber nicht alle. Und genau in dieser sensiblen Hinsicht spielt sich derzeit hinter den Kulissen des russischen Staatsapparats weiterhin ein hektischer Machtkampf ab. Dies erkennt man daran, wie zurzeit in russischen Medien der Deutungskampf zu den Personen Progoschin (\u201eer ist ein unmissverst\u00e4ndlicher Meuterer, Vorbestrafter, Krimineller etc.\u201c) und Schoigu\/ Gerassimow (\u201ealles, wie beim alten &amp; keine Makel\u201c) ausgefochten wird. Zum Beispiel haben heute russische Medien erneut behauptet, der Haftbefehl gegen Prigoschin <em>\u201esei nie aufgehoben worden\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Auch die S\u00e4uberung des \u201eprivaten Sektors\u201c Russlands (also Koryph\u00e4en wie Anatoli Tschubais, Roman Abramowitsch, Michail Fridman) war nicht gerade ein Ponyhof und dauerte viel l\u00e4nger \u2013 bis Februar 2022 n\u00e4mlich \u2013 um aufgeweicht zu werden.<\/p>\n<p>Sieht man diese Emanzipierung von den \u2013 verdeckt dem Westen verpflichteten \u2013 Eliten innerhalb Russlands in ihrer vollen Komplexit\u00e4t, so erschlie\u00dft sich eine wichtige Einsicht: Den eigenen Staatsapparat mit allen relevanten Gremien und Einrichtungen kann man nicht einfach so \u00fcber Nacht reformieren und der Souver\u00e4nit\u00e4t zur\u00fcck zuf\u00fchren. An S\u00e4uberungen klassischer Art, wie sie einst Stalin, Lenin oder viel fr\u00fcher Ivan der Schreckliche durchaus vollzogen haben, war Putin offensichtlich nicht interessiert. Ja, der Wertewesten versucht die mediale Wahrnehmung der Bev\u00f6lkerungen bei sich, beim Rest der Welt und innerhalb Russlands trotzdem seit Jahren in diese Richtung zu stimulieren \u2013 in Russland selbst bisher mit wenig Erfolg.<\/p>\n<p>Es soll wohl am 24. Juni russische Staatsbedienstete gegeben haben, die voller Sorge das Land verlie\u00dfen beziehungsweise andere Vorkehrungen zur Flucht oder Schadenskontrolle trafen. Konkret hatte der russische Soziologe und Politologe, Wladimir Lepechin, auf seinem Telegram eine seiner Ansicht nach verl\u00e4ssliche Quelle aus dem Verteidigungsministerium <a href=\"https:\/\/t.me\/vladimirlepehin\/1208\">zitiert<\/a>, die behauptete, dass sowohl Schoigu als auch Gerassimow bereits Tage und Wochen zuvor \u201eGewitterwolken\u201c \u00fcber sich sp\u00fcrten. Schoigu soll sich demnach schon Ende Mai in <em>\u201eeinem kleinen Kreis vertrauensw\u00fcrdigster Personen\u201c<\/em> getroffen haben, <em>\u201eum eine Existenzstrategie f\u00fcr den Fall zu entwickeln\u201c<\/em>, dass <em>\u201esie ihn absetzen werden\u201c<\/em>. Des Weiteren wurde auf einer von solchen geheimen Sitzungen des Verteidigungsministeriums <em>\u201edie Aufgabe gestellt, alle Dokumente zu bereinigen und F\u00e4lle zu vertuschen, die denunziatorischen Charakter hatten\u201c<\/em>. In diesen Prozessen \u2013 laut dem anonymen General, der dem Politologen die Info zuspielte \u2013 soll der Vize-Verteidigungsminister Ruslan Zalikow Schoigu als Komplize dienen. Laut der Quelle hei\u00dft es weiter: <em>\u201eAus Schoigus Dienstsitz wurden bereits mehrere Fahrzeuge mit verschiedenen Gegenst\u00e4nden und wahrscheinlich auch Dokumenten entfernt. Zwei Il-76-Flugzeuge flogen alles unter strenger Bewachung nach Tuwa, und dann brachten Lastwagen alles zu seinem geheimen Anwesen in den Bergen der Republik.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Einzelheiten zu verd\u00e4chtigen Korruptionshandlungen der Ehefrau, der Tochter und des Schwiegersohns Sergei Schoigus \u2013 auf Kosten des Verteidigungsministeriums \u2013 soll es auch geben.<\/p>\n<p>Weiter hei\u00dft es, dass Gerassimow in den letzten Tagen und Wochen kaum mehr ansprechbar oder erreichbar war, da er sich immer st\u00e4rker zur\u00fcckzog und nun als <em>\u201eisoliert\u201c<\/em> gilt.<\/p>\n<p>Diese hysterischen Hintergrundentwicklungen \u2013 \u00e4hnlich, wie sie nach dem 24. Februar 2022 verliefen \u2013 k\u00f6nnten wohl dem russischen Pr\u00e4sidenten und seinem vertraulichen Umfeld als einzigartiger Barometer gedient haben, um weitere Freunde von gut getarnten Feinden zu unterscheiden. Dieser Barometer soll angetrieben worden sein von Prigoschin und seiner sich Moskau n\u00e4hernden S\u00f6ldner-Kolonne.<\/p>\n<p><em>\u201eWie Ratten auf der Flucht von einem sinkenden Schiff\u201c<\/em>. Prigoschin war der beauftragte Trickster, der diesen Leuten das sinkende Staatsschiff als Realit\u00e4t kreieren sollte, um sie aus ihren Schlupfl\u00f6chern zu locken.<\/p>\n<p><strong>Warum konkret Schoigu?<\/strong><\/p>\n<p>Gibt es vom Urgestein des Jelzin-Kollektivs von damals jemanden, der heute noch \u00fcbrig ist? Nominell ja. Es gibt mindestens eine hohe, bedienstete Person, die all diese Jahre unter dem Radar \u00fcberwintert hat. Sergei Schoigu.<\/p>\n<p>Ein ausgesprochen gr\u00fcndlicher Historiker auf Telegram <a href=\"https:\/\/t.me\/istrkalkglk\">erinnerte<\/a> an gewisse, in Vergessenheit geratene \u00f6ffentliche Geschichtsdaten der jungen Russischen F\u00f6deration. Ein unmittelbarer Vorg\u00e4nger des offiziell Anfang 1994 gegr\u00fcndeten Katastrophenschutzministeriums der Russischen F\u00f6deration (MTschS) war eine Institution, die Boris Jelzin unterstand, um eine bedr\u00e4ngende Tatsache zu kompensieren. N\u00e4mlich, dass ihm im Jahr 1991 die Divisionen der Luftlandetruppen der (noch) Streitkr\u00e4fte der UdSSR in Taman, Kantemirow und Tula den Befehl verweigerten. Sie verpflichteten sich stattdessen dem Staatskomitee f\u00fcr den Ausnahmezustand (GKTschP), das erst gegen den freimaurerischen Agenten Michail Gorbatschow vergeblich einen Putsch versuchte, sich daraufhin der US-Puppe Boris Jelzin entgegenstellte. Im Jahr der russischen Verfassungskrise 1993 stand der prowestliche Jelzin erneut vor einem ernsten Problem. Gro\u00dfe Teile der Armee-Strukturen verweigerten ihm die Loyalit\u00e4t. Die Vorreiter-Organisation des heutigen MTschS \u2013 das Staatliche Komitee f\u00fcr Notstandssituationen der RSFSR \u2013 kam ihm erneut zur Hilfe und war de facto Jelzins Leibgarde in diesen aufm\u00fcpfigen \u201eProblem-Jahren\u201c. Wen rekrutierte sich damals Jelzin f\u00fcr die wichtige F\u00fchrungsposition dieser ihm h\u00f6rigen Gruppierung? Sergei Schoigu. Die Patrioten der GKTschP dagegen wurden noch damals von Jelzins Richtern verurteilt \u2013 oder, ohne gro\u00dfes Medienaufsehen, vereinzelt amnestiert.<\/p>\n<p>Es gibt auch historische Beispiele von de facto privaten, militarisierten und dem Zaren hochloyalen Sicherheitstruppen aus der Zeit des Russischen Imperiums. Diese professionellen Leibgarden von damals \u00e4hneln in diesen Parametern der heutigen Wagner-Gruppe in Bezug auf Putin. Was w\u00e4re also, wenn die Wagner-Gruppe ein Gesch\u00f6pf Wladimir Putins und seines engsten Kreises ist? Um Projekte zu verwirklichen, die die veralteten, kompromittierten Staatsstrukturen nicht konnten oder wollten? Denn obwohl Wagner kein offiziellen Status genie\u00dft \u2013 und streng genommen illegal ist \u2013, betreibt die Gruppe ihre eigenen Ausbildungszentren, hat hochqualitative Luftstreitkr\u00e4fte zur Verf\u00fcgung und bekommt bessere Finanzierung als die regul\u00e4re Armee. Was k\u00f6nnte das bedeuten, wenn nicht nur, dass es die private Armee von Putin ist? W\u00fcrde er ihr sonst solch absurden Handlungsspielraum gew\u00e4hren? Sicherlich nicht.<\/p>\n<p>Eine herk\u00f6mmliche, \u00fcber legislative Prozesse vollzogene Reform des eingefahrenen Verteidigungsministeriums und der unverl\u00e4sslichen F\u00fchrungselite der regul\u00e4ren Streitkr\u00e4fte war demnach allem Anschein nach nicht m\u00f6glich gewesen und brachte stattdessen das Parallelgebilde \u201eWagner\u201c hervor. Falls dem so w\u00e4re, h\u00e4tte Putin am 24. Juni 2023 erstmals seine \u201eeigenen Streitkr\u00e4fte\u201c der korrupten F\u00fchrung der regul\u00e4ren russischen Streitkr\u00e4fte entgegen geschoben.<\/p>\n<p><strong>Die juristische Genauigkeit des russischen Pr\u00e4sidenten<\/strong><\/p>\n<p>Der studierte Jurist Wladimir Putin erw\u00e4hnte am 24. Juni 2023 in seiner Rede \u00fcber die Meuterei und den damit genannten Verrat weder die Wagner-Gruppe noch ihren Anf\u00fchrer, Jewgenij Prigoschin. Mit keiner Silbe. F\u00fcr manche mag es so erschienen sein, als ob, da die Ereignisse sich derart \u00fcberschlagen haben. Den ausgerufenen Haftbefehl gegen Prigoschin hat Putin wieder zur\u00fcckgezogen. Und \u00fcberhaupt, Amnestie. Wie weiter oben erw\u00e4hnt, gibt es Versuche, die gegenteilige Behauptung unter die Leute zu bringen. Nachdem der Sprecher des Pr\u00e4sidenten, Dimitrij Peskow, zun\u00e4chst versicherte, dass nach den erfolgreichen Verhandlungen mit Prigoschin (u. a. mit dem wei\u00dfrussischen Pr\u00e4sidenten Lukaschenko) dennoch keine Stabs\u00e4nderungen in der h\u00f6chsten Kommandozentrale der russischen Streitkr\u00e4fte geplant seien, werden nun doch welche in Aussicht gestellt. Wie sonst sollte man sich offiziell die Beschwichtigung Prigoschins und seiner Forderungen erkl\u00e4ren?<\/p>\n<p>Am Samstagvormittag hatte der russische Kriegskorrespondent Roman Saponkov ohne das Wissen dar\u00fcber, dass die \u201eMeuterei\u201c (das Projekt) noch am selben Tag ihr friedliches Ende finden w\u00fcrde, Folgendes auf seinem Telegram-Kanal <a href=\"https:\/\/t.me\/RSaponkov\/5416\">ver\u00f6ffentlicht<\/a>:<\/p>\n<p><em>Die Situation ist viel komplizierter, als es scheint. Die unteren R\u00e4nge an der Front sind f\u00fcr Prigoschin. Genauer gesagt, gegen Schoigu und Co. F\u00fcr die Fleischattacken an der Front, f\u00fcr den Mangel an Granaten, f\u00fcr die Dummheit des Kommandos, f\u00fcr die Aufgabe von Cherson. Die Wagners in den Asphalt zu w\u00e4lzen, bedeutet, die st\u00e4rkste Demoralisierung in der Armee zu bekommen. Und da sind wir gar nicht mehr weit von einem vollwertigen Aufstand.<\/em><\/p>\n<p><em>Als Option \u2013 Prigoschin und Schoigu vor Gericht zu stellen. Ersterer wegen Meuterei, letzterer wegen des Scheiterns der SVO und des totalen Diebstahls, der zu diesem Scheitern gef\u00fchrt hat, mit realen Strafen von 15 Jahren.<\/em><\/p>\n<p>Zugegebenerma\u00dfen ist sich hier Saponkov der Hypothese, die in dieser Ausf\u00fchrung vorgestellt wird, entweder nicht bewusst, oder zieht sie bewusst nicht unter Betracht. Was er aber tut, ist die Verantwortung Schoigus (und eigentlich Gerassimows, auch wenn von ihm hier nicht explizit genannt) sowie das Vernachl\u00e4ssigen seiner vielen Untergebenen, den russischen Soldaten an der Front, streng beim Namen zu nennen. Ob es Schoigus Inkompetenz oder eine willentliche Torpedierung der Milit\u00e4roperation war, wird sich erst noch zeigen \u2013 aber es gibt bereits genug Indizien, die mich Zweiteres vermuten lassen. Hinzu kommt die Kuriosit\u00e4t, dass der Verteidigungsminister Schoigu sich \u00fcber den ganzen Schicksalstag nicht ein einziges Mal pers\u00f6nlich zu Wort gemeldet hatte. Nur sein Ministerium \u00e4u\u00dferte sich, indem es den Vorw\u00fcrfen und Anschuldigungen seitens Prigoschins ein Dementi gab. Am 26.06. ver\u00f6ffentlichte sein (noch) Ministerium als veraltet identifizierte Aufnahmen von ihm \u2013 wahrscheinlich, um eine zeitr\u00e4umliche Verzerrung \u00fcber seinen eigentlichen Verbleib zu erzeugen und das Unvermeidliche etwas hinauszuz\u00f6gern.<\/p>\n<p><strong>Der Westen \u2013 statt der lachende Dritte zu sein, eher bestellt und nicht abgeholt?<\/strong><\/p>\n<p>Gemessen an den unbeholfenen Reaktionen von Staat und Medien im Westen war man anscheinend vom groben Credo \u201eder Feind meines Feindes ist mein Freund\u201c getrieben. Auch das Konzept, \u201ewas auch immer Russland zu destabilisieren scheint, dient unserer Sache\u201c war zum Beispiel bei den Bekundungen des russischen, liberal-progressiven Ex-Oligarchen, Michail Chodorkowski oder dem ukrainischen Pr\u00e4sidenten Wladimir Selenskij herauszuh\u00f6ren. Beide verbanden mit Prigoschins \u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c \u00e4u\u00dferst feuchte, aber von Kurzlebigkeit verfluchte Tr\u00e4ume.<\/p>\n<p>Die westlichen Geheimdienste versuchten so glaubhaft wie m\u00f6glich aus dem, was in Russland vor sich ging, Kapital zu schlagen. Indem sie versucht haben, Coupons einzul\u00f6sen, die sie nicht einmal selbst erstanden haben. Man habe unter anderem behauptet, dass die CIA geschafft habe, Prigoschin zu \u00fcberzeugen, dass Putin kurz davor sei, ihn verhaften zu lassen. Dies sollte die \u201eMeuterei\u201c dann ausgel\u00f6st haben. Der heutige Wissensstand zeigt mittlerweile klar, dass diese Information nicht mehr als eine Zeitungsente sein k\u00f6nnte. Au\u00dferdem zeigt es auch die Perplexit\u00e4t der westlichen Beobachter \u00fcber das, was in Russland geschah. Wen westliche Geheimdienste tats\u00e4chlich in Russland verdeckt geworben haben und zur \u201eMitarbeit\u201c \u00fcberzeugten, wird sich stufenweise zeigen. Prigoschin geh\u00f6rte eher nicht dazu. Eher gar nicht.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sammelt sich der Westen in Vernunft und ern\u00fcchtert bereits. Ein britischer General hat bereits <em>Sky News<\/em> gegen\u00fcber <a href=\"https:\/\/news.sky.com\/story\/ukraine-should-watch-exiled-wagner-group-boss-yevgeny-prigozhin-very-carefully-warns-former-uk-army-chief-12909220\">warnend erl\u00e4utert<\/a>, dass Prigoschins nach Wei\u00dfrussland verlegte S\u00f6ldner-Truppen Kiew von Norden aus angreifen k\u00f6nnten. Das w\u00e4ren nur 100 zu \u00fcberwindende Kilometer. W\u00fcrde sich das als wahr entpuppen, h\u00e4tte sich die \u201eMeuterei\u201c als ein strategisches Meisterst\u00fcck unscheinbarer Truppen-Verlegung quer durch russisches Gebiet erwiesen. Dieselbe Art Verlegung durch ukrainisches Gebiet w\u00e4re verlustreicher, aufwendiger und transparenter gewesen.<\/p>\n<p><strong>Die eigentliche Meuterei<\/strong><\/p>\n<p>Erg\u00e4nzend zu der obigen Hypothese sei der Verdacht, dass sp\u00e4testens seit dem Beginn der speziellen Milit\u00e4roperation eine verdeckt liberale Schicht innerhalb des russischen Staatsapparates einen Putsch gegen Putin plante \u2013 mit westlicher und ukrainischer Unterst\u00fctzung, versteht sich. Es sollen Signale an diese inl\u00e4ndischen Verschw\u00f6rer gesendet worden sein, an denen sie die Dringlichkeit und den Zeitpunkt des Vorhabens abmessen sollten. Eines dieser Signale soll der Drohnenangriff am 5. Mai 2023 im Kreml, auf die russische Flagge, gewesen sein \u2013 wo die Flagge selbst unbehelligt blieb. Als ein anderes Signal wird der Bombenangriff auf die Krim-Br\u00fccke am 8. Oktober 2022 gehandelt.<\/p>\n<p>Mit dem Scheitern der in letzter Zeit viel besprochenen \u2013 sogar vom Westen als misslungen attestierten \u2013 ukrainischen Gegenoffensive lief f\u00fcr die prowestlichen Elemente innerhalb der russischen Elite grenzwertig der Handlungsspielraum aus.<\/p>\n<p>Als letzte Instanz, um Russland zu besiegen oder zumindest irreparabel zu verwunden, sah man einen von innen losgel\u00f6sten Meuterei-Versuch an. Dem soll Pr\u00e4sident Putin mit seinem Vertrauten Jewgenij Prigoschin zuvorgekommen sein. Schlie\u00dflich ist bekannt, dass Putin ein leidenschaftlicher Leser von Geschichtsb\u00fcchern ist. Besonders die, welche vom Westen gest\u00fctzte Revolutionen und Meutereien in seinem Heimatland behandeln.<\/p>\n<p>Diese noch nicht offiziell zur Rechenschaft gezogene Gruppe soll die eigentliche Meuterei geplant haben, vom Zaun zu brechen. Um eine letzte Chance zu ergreifen, ein im Krieg befindliches, gerade signifikante Erfolge erzielendes Russland, einem Regime-Wechsel zu unterziehen. Bald zeigt sich, ob diese Auslegung zumindest als grob zutreffend gilt. Demnach w\u00e4re Jewgenji Prigoschin weitestgehend rehabilitiert.<\/p>\n<p><strong>Ganz nebenbei:<\/strong> Vor etwas mehr als einer Woche wurde \u2013 das erste Mal seit seinem Bestehen \u2013 das in Jekaterinburg betriebene, prowestliche liberale \u201eJelzin-Zentrum\u201c beh\u00f6rdlichen Ermittlungen <a href=\"https:\/\/www.rbc.ru\/politics\/15\/06\/2023\/648ac8449a79478cf5738169\">unterstellt<\/a> \u2013 mit einer Perspektive auf Schlie\u00dfung. Ehemals ein von Moskau nicht ernsthaft anger\u00fchrter Besichtigungsort und Treffpunkt westlicher Diplomaten, grauer Kardin\u00e4le und \u201ekulturpolitischer NGO-Influencer\u201c, war das Zentrum zust\u00e4ndig f\u00fcr die Unterst\u00fctzung von ausl\u00e4ndischen Agenten innerhalb Russlands, LGBT-Propaganda und andere typisch westliche Begl\u00fcckungen. Dies ist ein weiteres Symptom daf\u00fcr, wie Russland immer mehr einer weitestgehend selbstst\u00e4ndig gelenkten Zeitenwende nachgeht.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Pr\u00e4sident Wladimir Putin und Verteidigungsminister Sergej Schoigu \u2013 hier bei einer Marine-Parade. St. Petersburg, 30. Juli 2017\u00a9Kremlin.ru, <\/em><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/globales\/armageddon-was-tatsaechlich-am-russischen-atomschlag-dran-ist\/attachment\/vladimir_putin_and_sergey_shoigu_-_saint-petersburg_2017-07-30_11\/\"><em>Mehr Infos<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/allgemein\/die-entschaerfte-wagner-meuterei-ihre-ursachen-ihre-ziele-eine-alternative-sichtweise\/\"><em>hintergrund.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 27. Juni 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elem Chintsky. Der weit vorangeschrittene Versuch eines \u201ebewaffneten Milit\u00e4rputsches\u201c am 24. Juni generierte viel Unbehagen und Furcht innerhalb Russlands. Im Westen floss der gierige Speichel. Am Ende willigte der Wagner-Chef Prigoschin ein und zog sich &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":13265,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7],"tags":[39,18,27,19,46],"class_list":["post-13264","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-international","tag-deutschland","tag-imperialismus","tag-russland","tag-ukraine","tag-usa"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13264","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13264"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13264\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13266,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13264\/revisions\/13266"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/13265"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13264"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13264"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13264"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}