{"id":13316,"date":"2023-07-09T16:07:02","date_gmt":"2023-07-09T14:07:02","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13316"},"modified":"2023-07-09T16:07:03","modified_gmt":"2023-07-09T14:07:03","slug":"frankreich-der-aufstand-der-armenviertel-im-gelbwesten-modus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13316","title":{"rendered":"<strong>Frankreich: Der Aufstand der Armenviertel im Gelbwesten-Modus<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Juan Chingo. <\/em><strong>Der Aufstand, der durch den Mord an Nahel ausgel\u00f6st wurde, markiert einen qualitativen Sprung im Vergleich zu den Revolten von 2005. Er verdeutlicht das vorrevolution\u00e4re Potenzial der Situation, aber auch die Dringlichkeit, unsere Klasse zu vereinen, um sich der immer h\u00e4rteren Politik des Regimes entgegenzustellen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Der Polizeimord an Nahel, einem 17-j\u00e4hrigen Sch\u00fcler aus Nanterre mit algerischen Wurzeln, am 27. Juni 2023 l\u00f6ste einen verallgemeinerten Aufstand in den Armen- und Arbeiter:innenvierteln Frankreichs aus. Das Epizentrum des Aufstands waren die Vorst\u00e4dte von Paris, er breitete sich aber sehr schnell auf das gesamte Land aus und mobilisierte auch die Jugend dieser Viertel. Das Ph\u00e4nomen hat sich weit \u00fcber die Ile-de-France und die Peripherie der Gro\u00dfst\u00e4dte hinaus ausgebreitet. Der Mord, der von einer Zeugin gefilmt wurde, entwickelte sich zu einer Art franz\u00f6sischer George-Floyd-Aff\u00e4re und wurde zum Funken, der eine ohnehin schon explosive Situation entz\u00fcndete.<\/p>\n<p>Dieser verallgemeinerte Aufstand in den Armen- und Arbeiter:innenvierteln, w\u00e4hrend die Glut des Rentenkampfes noch schwelt, hat nach dem Trauma der Gelbwesten eine neue Krise an der Spitze des Staates ausgel\u00f6st, sowohl was die Regierbarkeit als auch was die Aufrechterhaltung der Ordnung betrifft. Dadurch wurde Pr\u00e4sident Macron weiter geschw\u00e4cht, der nach dem kostspieligen Sieg \u00fcber die Renten noch nicht wieder zu Kr\u00e4ften gekommen war. Diese Elemente best\u00e4tigen das vorrevolution\u00e4re Potenzial der 2016 er\u00f6ffneten Etappe, deren Ersch\u00fctterungen immer h\u00e4ufiger werden. Sie unterstreichen einmal mehr die endg\u00fcltige Krise der F\u00fcnften Republik \u2013 eines ersch\u00f6pften Regimes, das immer mehr Schwierigkeiten hat, die Spannungen, die die Situation in Frankreich strukturieren, \u201efriedlich\u201c zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>In der aktuellen Situation drohen neue bonapartistische und reaktion\u00e4re Wendungen, die immer offener und brutaler werden, um die Autorit\u00e4t des imperialistischen Staates wiederherzustellen. Angesichts dessen f\u00fchren uns die institutionelle und klassenvers\u00f6hnlerische Perspektive der Intersyndicale [Zusammenschluss der Gewerkschaftsf\u00fchrungen, A.d.\u00dc.] und der reformistischen Linken in die Sackgasse und zu neuen Niederlagen. Mehr denn je ist es notwendig, die K\u00e4mpfe unserer Klasse zu vereinen und zu verhindern, dass ihre Kr\u00e4fte und ihre Kampfbereitschaft sich in sektoralen oder isolierten Auseinandersetzungen verzetteln, so wichtig diese auch sein m\u00f6gen. Diese strategische Herausforderung wird in der Tat die Hauptkoordinaten der Situation des Landes in den kommenden Monaten und Jahren bestimmen.<\/p>\n<p><strong>Die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Aufstand<\/strong><\/p>\n<p>Der Aufstand, der sich zwischen Ende Juni und Anfang Juli in den Armen- und Arbeiter:innenvierteln entfachte, \u00fcbertraf in seinem Ausma\u00df und seiner Intensit\u00e4t bei Weitem den Aufstand von 2005. Dieser hatte sich nach der Ermordung von Zyed und Bouna zwischen dem 27. Oktober und dem 17. November \u00fcber fast vier Wochen erstreckt. Nach Angaben der \u201eVereinigung der franz\u00f6sischen B\u00fcrgermeister\u201c wurden diesmal zwischen dem 27. Juni und dem 5. Juli 150 Rath\u00e4user und kommunale Geb\u00e4ude angegriffen. Dies ist die h\u00f6chste Zahl, die seit den 1980er Jahren im Rahmen von \u201est\u00e4dtischen Unruhen\u201c in Frankreich verzeichnet wurde. Die Zusammenst\u00f6\u00dfe mit der Polizei und das, was die Medien als \u201ePl\u00fcnderungen\u201c bezeichnen, betrafen sowohl die Armen- und Arbeiter:innenviertel als auch die Innenst\u00e4dte von Metropolen wie Marseille oder Lyon. Mit der Mobilisierung von 45.000 Polizist:innen und Gendarmen sowie Spezialeinheiten wie der Brigade de recherche et d\u2019intervention (BRI) oder der GIGN (Groupe d\u2019intervention de la gendarmerie nationale) entschied sich die Exekutive f\u00fcr ein Polizeiaufgebot, das es seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr gegeben hatte.<\/p>\n<p>Die Wut, die Frankreich ersch\u00fcttert hat, hat zwei zentrale Triebkr\u00e4fte. Einerseits handelt es sich um politische Unruhen, die sich gegen die Symbole der Staatsmacht richten. Derjenige, der diesen Aufstand bislang am besten beschrieben hat, ist der linksgerichtete B\u00fcrgermeister von Corbeil-Essonnes, Bruno Piriou. Wie <a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/societe\/article\/2023\/07\/02\/pillages-incendies-agressions-le-bilan-effarant-des-jours-et-des-nuits-d-emeutes-en-france_6180265_3224.html\"><em>Le Monde<\/em><\/a> erkl\u00e4rt, hat er <em>\u201eN\u00e4chte damit verbracht, die Bewegungen der Gruppen durch die zahlreichen Video\u00fcberwachungskameras zu verfolgen. Insgesamt etwa 300 Individuen bei einer Bev\u00f6lkerung von 52.000 Einwohner:innen. (\u2026) \u201aIch habe sehr organisierte Jugendliche gesehen, [sagt er,] die sich vorbereiteten, alle waren gleich gekleidet. Es gab sogar eine Gruppe von sieben Individuen, die mit wei\u00dfen Overalls und dicken Brillen gekleidet waren, um eine Kreiss\u00e4ge zu benutzen und die Pfosten, an denen die Kameras angebracht sind, abzus\u00e4gen.\u2018 An den W\u00e4nden erz\u00e4hlen Tags von dem Wunsch, die Macht zu \u00fcbernehmen. \u201aDas Gesetz sind wir\u2018, \u201aTod den Bullen\u2018, \u201aEin guter Bulle ist ein toter Bulle\u2018. \u201aEs gibt einen Teil der Jugend, der zur Tat schreitet, um das anzugreifen, was ihnen als die etablierte Ordnung erscheint\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n<p>In der Tat pr\u00e4gt dieser Wille, \u201edas anzugreifen, was den mobilisierten Jugendlichen als etablierte Ordnung erscheint\u201c, den zentralen Ton der Revolte \u2013 entgegen jeder Sichtweise, die versucht, die Konfrontationen mit der Polizei zu kriminalisieren und zu entpolitisieren, als ob sie nichts mit dem Klassenkampf zu tun h\u00e4tten. Dieses Misstrauen gegen\u00fcber der Macht hat tiefe Wurzeln, wie der Soziologe Fabien Truong, Professor an der Universit\u00e4t Paris-VIII, gut erkl\u00e4rt: <em>\u201eEs sind Jungen im gleichen Alter wie Nahel, die aus einem einfachen Grund auf intime und gewaltt\u00e4tige Weise reagieren: Dieser Tod h\u00e4tte ihr eigener sein k\u00f6nnen. Jeder sagt sich in seinem Inneren: \u201aDas h\u00e4tte ich sein k\u00f6nnen\u2018. Jeder Jugendliche in diesen Vierteln hat Erinnerungen an negative und verletzende Auseinandersetzungen mit der Polizei. Unangenehme und wiederholte Identit\u00e4tskontrollen vor der Haust\u00fcr sind erniedrigend, erzeugen Stress und sch\u00fcren auf Dauer tiefe Ressentiments. Sie f\u00fchren dazu, dass ihre Anwesenheit direkt vor ihrer eigenen Haust\u00fcr nicht legitim ist und gerechtfertigt werden muss. Diese Logik des Verdachts ist fast metaphysisch und existenziell. Diese Jugendlichen sagen sich, dass sie f\u00fcr das kontrolliert werden, was sie sind, und nicht f\u00fcr das, was sie tun. Diese Erfahrungen hinterlassen bleibende Spuren in der Existenz. Im Rahmen meiner Untersuchungen stelle ich fest, wie sehr diese Verletzungen pr\u00e4gen: Jenseits der 30 ist die Angst vor der Polizei immer noch stark ausgepr\u00e4gt. Die Beziehung zum Staat war schmerzhaft, das republikanische Versprechen wurde nicht eingel\u00f6st. Das erkl\u00e4rt zweifellos zum Teil die politische Abkehr der Einwohner:innen dieser Viertel und das Misstrauen gegen\u00fcber den Verk\u00f6rperungen der Macht.\u201c<\/em> Dieses Misstrauen erkl\u00e4rt, warum \u00f6ffentliche Einrichtungen im Visier der Aufst\u00e4ndischen stehen: seien es Rath\u00e4user, Polizeiautos, Polizeistationen, das Gef\u00e4ngnis von Fresnes oder sogar \u2013 auf widerspr\u00fcchlichere Weise \u2013 Schul- oder sozialp\u00e4dagogische Geb\u00e4ude wie Mediatheken oder Nachbarschaftsh\u00e4user, die bei den Jugendlichen mit einem Staat gleichgesetzt werden, zu dem ihr Verh\u00e4ltnis zumindest konfliktbeladen und von einer tiefen strukturellen Ungleichheit gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>Andererseits verleiht die Zunahme der \u201ePl\u00fcnderungen\u201c dem Aufstand den Aspekt einer \u201eHungerrevolte\u201c, den man sonst nur bei anderen Arten von Mobilisierungen wie Aufst\u00e4nden oder Demonstrationen in halbkolonialen L\u00e4ndern oder Regionen sieht. Diese \u201ePl\u00fcnderungen\u201c sind die Folge der starken Entbehrungen der letzten Jahre, angefangen bei der ersten Ausgangssperre der Pandemie, die mit einer Reihe von willk\u00fcrlichen und repressiven Ma\u00dfnahmen einherging, bis hin zur Inflation und den steigenden Lebenshaltungskosten. Auch wenn jedes aufst\u00e4ndische Ph\u00e4nomen mit \u201ePl\u00fcnderungsszenen\u201c einhergehen kann, stellt ihr aktuelles Ausma\u00df einen qualitativen Sprung dar, der mit der Verschlechterung der Lebensbedingungen und dem in den Armen- und Arbeiter:innenvierteln vorhandenen \u00dcberdruss \u00fcber den Zugang zum Konsum zusammenh\u00e4ngt, der von allen Medien beworben wird, aber in der Praxis immer gr\u00f6\u00dferen Teilen der Bev\u00f6lkerung verwehrt bleibt. Wie eine Journalistin von <a href=\"https:\/\/www.mediapart.fr\/journal\/france\/300623\/montreuil-apres-la-nuit-ils-ont-tout-pris-le-magasin-est-vide\"><em>Mediapart<\/em><\/a> im Interview mit Safia, einer Bewohnerin von Montreuil, feststellte:<em> \u201eSie erw\u00e4hnt auch die Inflation, die arme und mittelst\u00e4ndische Familien mit voller Wucht trifft, Eier, Milch, deren Preise sich verdoppelt haben. \u201aIch habe sie letzte Nacht gesehen, sehr junge Leute, wie sie mit prall gef\u00fcllten Lebensmittelt\u00fcten herauskamen, das war atemberaubend.\u2018 In der Nachbarschaft berichten mehrere Anwohner:innen von ihren Balkonen aus von denselben Szenen: Jugendliche, die Einkaufswagen aus dem Auchan-Supermarkt schieben \u2013 der sehr stark gepl\u00fcndert wurde, viel massiver als die Gesch\u00e4fte im Stadtzentrum, ebenso wie der Aldi-Discounter in der N\u00e4he von Romainville. \u201aAls ob sie f\u00fcr ihre Mama einkaufen w\u00fcrden!\u2018, beschreibt eine Stammkundin aus dem Viertel. Der Wachmann des Supermarkts best\u00e4tigt: \u201aSie haben alles mitgenommen, der Laden ist leer\u2018.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Solche Aktionen wurden im \u00dcbrigen durch eine allm\u00e4hliche Verh\u00e4rtung der Revoltierenden erm\u00f6glicht. Im Laufe der n\u00e4chtlichen Auseinandersetzungen griffen die Wut und der Aufstand auf weitere St\u00e4dte \u00fcber und die Jugendlichen begriffen allm\u00e4hlich, dass sie auch gro\u00dfe Einkaufszentren angreifen konnten. In anderen F\u00e4llen kann das Pl\u00fcndern von Gesch\u00e4ften Ausdruck von Ressentiments gegen\u00fcber der Gentrifizierung sein. <a href=\"https:\/\/www.20minutes.fr\/societe\/4043718-20230630-mort-nahel-auteurs-violences-ciblent-propre-quartier-hasard\">Julien Talpin<\/a>, Soziologe, Forscher am CNRS und Spezialist f\u00fcr Armen- und Arbeiter:innenviertel, erkl\u00e4rt: <em>\u201eAn einer Reihe dieser Orte sind die besonders ins Visier genommenen Gesch\u00e4fte und Einrichtungen ein Symbol f\u00fcr eine gewisse Gentrifizierung: hochwertige B\u00e4ckereien, Bioladen, Luxusboutiquen [\u2026]. Diese Einrichtungen stehen f\u00fcr eine soziologische Ver\u00e4nderung dieser Viertel, mit der Ankunft neuer, finanziell besser gestellter Bewohner:innen \u2013 und damit f\u00fcr das Gef\u00fchl der Alteingesessenen, noch weiter deklassiert und ausgeschlossen zu werden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Somit fehlte es nicht an Gr\u00fcnden f\u00fcr den Ausbruch der Wut in den Armen- und Arbieter:innenvierteln. Angesichts der H\u00e4ufung sozialer Bewegungen seit Macrons Amtsantritt und nach dem pandemischen Ausnahmezustand mit seiner F\u00fclle an Polizeigewalt kann man sogar \u00fcberrascht sein, dass die Verh\u00e4ltnisse, die die Bedingungen f\u00fcr eine Verallgemeinerung der Revolte geschaffen haben, nicht fr\u00fcher explodiert sind. Die Aussage eines Betreuers des Sozialzentrums des Viertels Phalempins in Tourcoing (Nordfrankreich) f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/societe\/article\/2023\/07\/04\/jeunes-et-incontrolables-le-profil-complexe-des-emeutiers_6180409_3224.html\"><em>Le Monde<\/em><\/a> macht in diesem Sinne den explosiven Charakter der Generation von Jugendlichen deutlich, die die F\u00fchrung der Ereignisse \u00fcbernommen haben: <em>\u201eWir haben sie nicht auf unserem Radar. Es ist eine Covid-Generation, mit der wir nur sehr wenig Kontakt haben, so dass Vermittlungsversuche, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen, nichts n\u00fctzen.\u201c<\/em><\/p>\n<p><strong>Eine organische Krise auf ihrem H\u00f6hepunkt<\/strong><\/p>\n<p>Wenn es einen Ort gibt, an dem sich der Bruch zwischen Repr\u00e4sentant:innen und Repr\u00e4sentierten besonders deutlich zeigt, dann sind es die Vorst\u00e4dte. In der ersten Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen 2022 wurde, um Marine Le Pen zu verhindern, zwar oft mehr f\u00fcr Jean-Luc M\u00e9lenchon gestimmt als anderswo im Land. Aber es sind vor allem die hohen Nichtw\u00e4hler:innenzahlen, die diese Sektoren kennzeichnen. Gewerkschaften, politische Parteien oder Vereinigungen vertreten die Bev\u00f6lkerung immer weniger, wie es bereits 2005 der Fall war. <a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/idees\/article\/2023\/07\/02\/francois-dubet-tout-se-passe-comme-si-les-quartiers-etaient-dans-un-vide-politique-comme-si-les-rages-et-les-revoltes-ne-debouchaient-sur-aucun-processus-politique_6180242_3232.html\">Der Soziologe Fran\u00e7ois Dubet erkl\u00e4rt<\/a>: <em>\u201eDer Kontrast zu den fr\u00fcheren roten Vorst\u00e4dten ist frappierend: Diese kommunistischen St\u00e4dte der Nachkriegszeit waren zwar nicht reich, aber sie wurden von Parteien, Gewerkschaften und Volksbildungsbewegungen betreut. Lehrer:innen und Sozialarbeiter:innen lebten in den Vierteln, in denen sie arbeiteten. So gesehen waren diese Vorst\u00e4dte Teil der Gesellschaft. Alle oder fast alle diese Vermittlungsinstanzen sind verschwunden. Die Sozialarbeiter:innen kommen von au\u00dferhalb und die st\u00e4dtischen Dienste haben die Volksbildungsbewegungen ersetzt. Die gew\u00e4hlten Volksvertreter:innen werden nicht geh\u00f6rt und die Einwohner:innen, vor allem die Jugendlichen, glauben, dass sie nicht geh\u00f6rt werden. Diese Erfahrung ist so gewaltsam, dass sie die Jugendlichen dazu bringt, alles zu zerst\u00f6ren, was sie mit der Gesellschaft verbinden kann: Bibliotheken, Schulen, soziale Zentren\u2026 .\u201c<\/em><\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieser Tage und N\u00e4chte der Konfrontation scheinen selbst die mehr oder weniger informellen oder institutionellen Vermittlungsinstanzen nicht in der Lage gewesen zu sein, eine eind\u00e4mmende Rolle zu spielen, ob es sich nun um Imame oder Drogendealer handelte. Erstere waren \u00fcberfordert und ihr Einfluss war weitaus geringer, als manche meinen. Wie der Imam Azzedine Gaci der Othman-Moschee in Villeurbanne (Rh\u00f4ne) <a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/societe\/article\/2023\/07\/04\/emeutes-urbaines-les-imams-depasses-leur-influence-limitee_6180477_3224.html\">auf seiner Facebook-Seite<\/a> einr\u00e4umte: <em>\u201eIch muss schlie\u00dflich zugeben, dass die Moschee unter den derzeitigen Umst\u00e4nden nicht viel f\u00fcr diese Jugendlichen tun kann. Die Moschee verf\u00fcgt weder \u00fcber die personellen und vor allem nicht \u00fcber die finanziellen Mittel, um diese leidenden Jugendlichen zu betreuen.\u201c<\/em> In Bezug auf die Dealer erkl\u00e4rten die Medien bis Donnerstag, den 29. Juni, dass sich die Stadtteile von Marseille aufgrund ihrer Rolle nicht der Mobilisierung angeschlossen h\u00e4tten, wie es 2005 der Fall war. Ein Artikel im Figaro stellte fest: <em>\u201eWenn sich also das Land erhebt, sorgen die Dealer in Marseille daf\u00fcr, dass sich die Einwohner:innen der Viertel ruhig verhalten, und \u00fcbernehmen selbst die Polizei, um allzu gro\u00dfe Ausschreitungen zu verhindern. Diese Erkl\u00e4rung teilt die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Polizei- und Justizbeh\u00f6rden in Marseille.\u201c<\/em> Die Ereignisse vom vergangenen Freitag, bei denen sich das Epizentrum der Mobilisierung nach Marseille verlegte und die Polizei \u00fcberforderte, zeigen jedoch, dass auch die Dealer \u00fcberfordert waren. Auch dies ist ein Novum.<\/p>\n<p>Diese Krise der Vermittlungsinstanzen, die sich bereits zur Zeit der Gelbwestenbewegung zeigte, stellt alle Mechanismen in Frage, die im Laufe des 20. Jahrhunderts zur Befriedung sozialer Konflikte entwickelt wurden. Der Mangel an Instrumenten zur Eind\u00e4mmung erkl\u00e4rt die Verwundbarkeiten, denen die Macht regelm\u00e4\u00dfig ausgesetzt ist. Wie ein Journalist von <a href=\"https:\/\/www.lesechos.fr\/politique-societe\/emmanuel-macron-president\/les-100-jours-de-macron-se-fracassent-sur-les-emeutes-urbaines-1958119\"><em>Les Echos<\/em><\/a> in Bezug auf Macron erkl\u00e4rte: <em>\u201eEr sprach von Beschwichtigung, nun sieht er sich mit einer Sicherheitslage konfrontiert, die es seit den \u201aGelbwesten\u2018 nicht mehr gegeben hat. \u201aEs gibt keine Vermittlungsintanzen mehr, also gibt es auch kein Ventil mehr. Wenn es einen Funken gibt, explodiert es\u2018, stellt ein Berater fest.\u201c<\/em> Dies wird im Fall der Armen- und Arbeiter:innenviertel noch durch die rassistische und repressive Politik des Macron-Regimes versch\u00e4rft. Macron hat alle ihm zur Verf\u00fcgung stehenden legalen Mittel eingesetzt, um antirassistische oder muslimische Organisationen zu unterdr\u00fccken, zu diskriminieren und sogar aufzul\u00f6sen, und im weiteren Sinne durch die Schikanen des Regimes in Richtung von Kollektiven wie dem Adama-Komitee und der Familie von Assa Traor\u00e9, die seit den historischen Mobilisierungen in Paris nach dem Tod von George Floyd im Visier stehen. Unter diesen Umst\u00e4nden ist es nicht verwunderlich, dass die Wut schlie\u00dflich \u00fcber andere Kan\u00e4le und Mittel als diese Organisationen zum Ausdruck kommt.<\/p>\n<p><strong>Die Tendenz zum B\u00fcrger:innenkrieg<\/strong><\/p>\n<p>Der Mord an Nahel hat erneut auf dramatische Weise die Bedingungen der Segregation und des Abstiegs offengelegt, in denen sich in Frankreich die rassifizierten sozialen Schichten befinden, welche einen Gro\u00dfteil der Arbeiter:innenschaft ausmachen, insbesondere ihre prek\u00e4rsten und ausgebeuteten Segmente. Rassifizierte Bev\u00f6lkerungsgruppen und Jugendliche aus den Armen- und Arbeiter:innenvierteln sehen sich einem Staat gegen\u00fcber, dessen Praktiken der Zurechtweisung der Indigenen in den ehemaligen Kolonien in anderen Formen fortbestehen. Diese Tradition der Aufrechterhaltung der Ordnung, der Kontrolle und gegebenenfalls der Repression hat ihre Wurzeln in der Kolonialzeit. Die Tatsache, dass das Epizentrum der Revolte der Pariser Vorort Nanterre ist, der in den 1960er Jahren ein Slum war \u2013 ein gro\u00dfst\u00e4dtisches Nebenprodukt des Algerienkriegs (1954-62), der zu einem starken Anstieg der Migrationswellen aus dem f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit k\u00e4mpfenden Land in die Metropole f\u00fchrte \u2013, ist illustrativ. Die aktuelle Revolte muss daher im Kontext der imperialistischen Verwaltung der Peripherien des franz\u00f6sischen Staats gesehen werden, sowohl in geografischer als auch in sozialer und rassistischer Hinsicht.<\/p>\n<p>Diese Verwaltung wird durch die Vertiefung der zentralistischen und autorit\u00e4ren Merkmale des franz\u00f6sischen Staates, <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/frankreich-eine-antwort-von-unten-auf-den-autoritarismus-des-staates\/\">auf die wir bereits in anderen Artikeln eingegangen sind<\/a>, noch versch\u00e4rft. Wie bereits erw\u00e4hnt, versch\u00e4rfen diese bonapartistischen Tendenzen die strukturelle Krise der Vermittlungsinstanzen, die aufgrund der neoliberalen Gegenreform ohnehin schon angeschlagen sind. So hatte die Partei des Pr\u00e4sidenten noch nie so wenig Verankerung unter Arbeiter:innen und armen Menschen in Frankreich, insbesondere in den Vorst\u00e4dten. Zwar konnte Macrons Diskurs vom \u201everdienten Selbstunternehmer\u201c eine Zeit lang in den Vierteln punkten, insbesondere w\u00e4hrend des ersten Wahlkampfs 2017, doch heute findet er keinerlei Anklang mehr. Wie <a href=\"https:\/\/www.lopinion.fr\/politique\/la-macronie-a-perdu-le-contact-avec-les-banlieues\"><em>L\u2019Opinion<\/em><\/a> betont, wird <em>\u201e[Macrons Partei] Renaissance immer noch als die Partei allein der Metropolen wahrgenommen. Das ist ungerecht, denn die Formation von Emmanuel Macron hat andere Gebiete erobert, die l\u00e4ndlichen Gebiete und die mittelgro\u00dfen St\u00e4dte der Rechten, aber nicht die Randbezirke. Ganz im Gegenteil. 2017 hatte Emmanuel Macron mit seinem Versprechen, den \u201aHausarrest\u2018 von Jugendlichen aus den Vorst\u00e4dten zu beenden, einen Teil dieser W\u00e4hler:innenschaft f\u00fcr sich gewinnen k\u00f6nnen. Die Mehrheit hatte drei Sitze in Seine-Saint-Denis erobert. Sie hat sie alle 2022 verloren.\u201c <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/frankreich-der-aufstand-der-armenviertel-im-gelbwesten-modus\/#f1\"><em><sup>1<\/sup><\/em><\/a><\/p>\n<p>Diese Kluft zwischen Staat und Bev\u00f6lkerung, dieses Vakuum an Vermittlungsinstanzen in einem geografischen und sozialen Gebiet, wo der Staat die Bev\u00f6lkerung als \u201einneren Feind\u201c wahrnimmt, wird zunehmend von der Polizei als institutionellem Subjekt \u00fcberbr\u00fcckt \u2013 mit all der Pr\u00e4gung und dem Fortbestehen ihres kolonialen Erbes, wie die Zunahme der Polizeigewalt belegt. Wie der Forscher und Historiker der Vorst\u00e4dte Hac\u00e8ne Belmessous in seiner \u201eKleinen politischen Geschichte der armen Vorst\u00e4dte\u201c erkl\u00e4rt: <em>\u201eDie Polizei der armen Vorst\u00e4dte hat sich als Agentin des sozialen Zusammenhalts des Lebens an diesen Orten inthronisiert. Sie beherrscht die Einfl\u00fcsse aller \u00f6ffentlichen Institutionen (Schule, Sozialdienste, Sozialvermieter usw.) innerhalb der Grenzen der Macht, die sie sich angema\u00dft hat, indem sie den Druck von au\u00dfen auf die Regierung und von innen auf die lokalen Abgeordneten und Verwaltungen vervielfacht und ihre Regulierungsformen bei bestimmten politischen Abw\u00e4gungen und der Kontrolle des sozialen Lebens der Bewohner:innen durchsetzt. Die verschiedenen Regierungen haben sich ihren Forderungen so weit gebeugt, dass die Polizei dort nun alle Macht in ihren H\u00e4nden konzentriert: sicherheitspolitische, soziale, politische, rechtliche, moralische und normative Macht. Zweifellos zeugt diese Entwicklung von einem schrecklichen demokratischen R\u00fcckschritt in den Armen- und Arbeiter:innenvierteln.\u201c<\/em> Diese Intensivierung der Bevormundung und Kontrolle der Stadtviertel durch die Polizei, die bekannterma\u00dfen politisch von der extremen Rechten \u00fcbernommen wurde, ist der Hauptgrund f\u00fcr den Aufstand in den Vorst\u00e4dten.<\/p>\n<p>Angesichts des Aufstands der Jugend in den Armen- und Arbeiter:innenvierteln bringt die Radikalisierung der Polizei erste Anzeichen f\u00fcr eine Tendenz zum B\u00fcrger:innenkrieg ans Licht.<\/p>\n<p>Das martialische und ultra-gewaltsame <a href=\"https:\/\/www.revolutionpermanente.fr\/Nous-sommes-en-guerre-les-syndicats-policiers-majoritaires-font-pression-pour-durcir-la-repression\">Kommuniqu\u00e9 der Gewerkschaften Alliance und UNSA Police<\/a>, die bei den letzten Wahlen innerhalb der Polizei die Nase vorn hatten, l\u00e4sst keinen Zweifel aufkommen. Es gen\u00fcgt, einige ihrer Aussagen zu zitieren: \u201eAngesichts dieser wilden Horden reicht es nicht mehr aus, Ruhe zu fordern, man muss sie erzwingen\u201c, \u201eEs ist nicht die Zeit f\u00fcr Gewerkschaftsaktionen, sondern f\u00fcr den Kampf gegen diese \u201aSch\u00e4dlinge&#8217;\u201c\u201c, \u201eWir befinden uns im Krieg\u201c, \u201eWir wissen bereits, dass wir dieses Chaos [in Anspielung auf den Mai 1968] wieder erleben werden\u201c. Der politische Sinn solcher Erkl\u00e4rungen besteht darin, Druck auf die Exekutive und die gesamte politische Klasse auszu\u00fcben und sogar mit der gewaltsamen Durchsetzung eines Regimes zu drohen, in dem die Freiheit zu t\u00f6ten noch weniger in Frage gestellt wird, als es heute der Fall ist. Es geht um das Streben nach absoluter polizeilicher Straffreiheit, um ein Regime des verst\u00e4rkten Terrors gegen die rassifizierte Bev\u00f6lkerung. Eine Bedrohung durch die Repressionskr\u00e4fte, die es umso ernster zu nehmen gilt, als man wei\u00df, dass das derzeitige Regime das Ergebnis eines Milit\u00e4rputsches gegen eine im Algerienkrieg verstrickte Vierte Republik ist.<\/p>\n<p>Allerdings k\u00f6nnte sich ein \u00dcbergang zu einem h\u00f6heren und qualitativen Grad des Bonapartismus f\u00fcr die Machthaber als riskant erweisen. Es besteht immer die Gefahr, dass ein bonapartistischer Kraftakt, der das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis unzureichend ber\u00fccksichtigt, zu einer Reaktion der Massenbewegung f\u00fchrt. Tats\u00e4chlich sind die Kr\u00e4fte der Arbeiter:innenbewegung trotz der bei den Renten erlittenen Niederlage heute im Wesentlichen intakt, obwohl sie durch die Intersyndicale in ein Korsett gezw\u00e4ngt wurden. Ganz zu schweigen von der Jugend, auf die die Gewerkschaftsorganisationen wenig Einfluss haben. Dies erkl\u00e4rt wahrscheinlich die Vorsicht des Pr\u00e4sidentenlagers gegen\u00fcber den Polizeigewerkschaften und dem Druck der Rechten und der extremen Rechten. Das gilt insbesondere f\u00fcr seine Weigerung, den Ausnahmezustand auszurufen, dessen Ma\u00dfnahmen im \u00dcbrigen 2017 zu einem gro\u00dfen Teil in das allgemeine Recht \u00fcbernommen wurden. Eine Eskalation an der Sicherheitsfront k\u00f6nnte sich gegen die Macht wenden und die Krise auf das gesamte Staatsgebiet ausweiten, nicht nur auf die Armen- und Arbeiter:innenviertel. Wie <a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/politique\/article\/2023\/07\/04\/emeutes-urbaines-emmanuel-macron-tente-d-echapper-a-la-surenchere-politique_6180411_823448.html\">ein Berater des \u00c9lys\u00e9e-Palastes<\/a> betonte, <em>\u201eh\u00e4lt Emmanuel Macron an einem auf Abschreckung ausgerichteten Dispositiv von 45.000 Mitgliedern der Ordnungskr\u00e4fte fest, aber \u201aohne die Eskalation symbolischer, unwirksamer und extremistischer Ma\u00dfnahmen. Wenn er nachgegeben h\u00e4tte, h\u00e4tten die Franzosen das [erste] Wochenende [im Juli] unter Ausnahmezustand und Ausgangssperre verbracht\u2018.\u201c<\/em> W\u00e4hrend es in der Bev\u00f6lkerung eine starke Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber den eher bonapartistischen Elementen der F\u00fcnften Republik gibt, wie die Reaktionen auf den R\u00fcckgriff auf das Verfassungsdekret 49.3 w\u00e4hrend der Rentenreform gezeigt haben, stellte die Ausrufung des Ausnahmezustands ein Risiko dar, das Macron nicht eingehen wollte.<\/p>\n<p>Die Gefahr eines noch bonapartistischeren Abdriftens ist jedoch nach wie vor vorhanden. Wie <a href=\"https:\/\/www.lefigaro.fr\/actualite-france\/face-a-l-ultra-violence-la-police-peine-a-encaisser-le-choc-20230630\"><em>Le Figaro<\/em><\/a> im Zusammenhang mit den Ereignissen Ende Juni und Anfang Juli feststellte, <em>\u201ehaben die Polizist:innen und Gendarmen auf die W\u00fcrfe von Wurfgeschossen und Brands\u00e4tzen bislang mit Tr\u00e4nengas und Sting-Ball-Granaten geantwortet. \u201aAber wenn jemand einen Schuss abgibt und es einen Toten gibt, egal auf welcher Seite er steht, werden wir in eine andere Dimension abgleiten, die nicht mehr kontrollierbar w\u00e4re\u2018, zischte ein Pr\u00e4fekt, ohne das Wort \u201aB\u00fcrgerkrieg\u2018 fallen zu lassen.\u201c<\/em> Die Vorstellung eines solchen Ausgangs wird auch durch die Initiativen von mit der extremen Rechten verbundenen Gruppierungen in mehreren St\u00e4dten wie Chamb\u00e9ry, Lyon oder Angers best\u00e4rkt. In Lorient beteiligten sich in der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli etwa 30 Personen an der Seite der Polizei an der Repression und lieferten Jugendliche aus, nachdem sie ihnen Handschellen um die Handgelenke gebunden hatten. Die Armee hat inzwischen eine Untersuchung eingeleitet, da sich unter der Gruppe, die sich selbst als \u201eAnti-Randalierer\u201c bezeichnet, wahrscheinlich auch Angeh\u00f6rige der Marine befanden.<\/p>\n<p>Eines ist sicher: Das Fortbestehen der rassistischen Segregation in Verbindung mit der Kontinuit\u00e4t der kolonialen Verwaltung der rassifizierten Bev\u00f6lkerung beschleunigt die Tendenzen zur Konfrontation zwischen den reaktion\u00e4ren Kr\u00e4ften auf der einen Seite und den befreienden Tendenzen der Massenbewegung auf der anderen Seite. Das verleiht dem Klassenkampf ein anderes Tempo und einen anderen Charakter und erlegt der Arbeiter:innenbewegung und den Revolution\u00e4r:innen in ihr eine neue Verantwortung auf.<\/p>\n<p><strong>Weniger isolierte Viertel als 2005<\/strong><\/p>\n<p>Der Versuch der Regierung, die Bewegung zu diskreditieren, indem sie ihr jeden politischen Inhalt abspricht und ihre \u201eUltra-Gewalt\u201c hervorhebt, zielt darauf ab, einen reaktion\u00e4ren Wall zwischen der Jugend in den Armen- und Arbeiter:innenvierteln und dem Rest der Bev\u00f6lkerung zu schaffen. Dies betonte \u00fcbrigens auch Regierungssprecher Olivier V\u00e9ran am 2. Juli auf France Info unmissverst\u00e4ndlich: <em>\u201eEs hat bereits Bewegungen mit politischen Forderungen gegeben, manchmal auch M\u00e4rsche, die von Gewalt durchsetzt waren, aber von einged\u00e4mmter Gewalt. Hier gibt es keine politische Botschaft. Wenn Sie ein Gesch\u00e4ft von Foot Locker, Lacoste oder eine Sephora-Boutique pl\u00fcndern, gibt es keine politische Botschaft. Das ist Pl\u00fcnderung.\u201c<\/em> Gleichzeitig wird die Sicherheitskrise von der extremen Rechten instrumentalisiert, um eine Versch\u00e4rfung des Autoritarismus zu fordern. In diesem Rahmen und zum gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt verurteilt eine Mehrheit der \u00d6ffentlichkeit die \u201eGewalt\u201c gegen \u00f6ffentliche Geb\u00e4ude und die Polizei.<\/p>\n<p>Dies unterscheidet die aktuelle Revolte vom Aufstand der Gelbwesten, der trotz einer Reihe von Episoden der \u201eGewalt\u201c wie beispielsweise dem Angriff auf die Pr\u00e4fektur von Le Puy-en-Velay, der teilweisen Verw\u00fcstung des Arc de Triomphe am 1. Dezember 2018 und der Erzwingung des Eintritts zu einem Ministerium durch eine Baumaschine am 5. Januar 2019 ein hohes Ma\u00df an Unterst\u00fctzung in der \u00d6ffentlichkeit beibehalten hat. Die Tatsache, dass die von den Jugendlichen im Laufe der Bewegung gew\u00e4hlten Ziele nicht immer so explizit mit Macht und Staat in Verbindung gebracht wurden, und vor allem die Existenz eines systemischen Rassismus erkl\u00e4ren zum Teil diese unterschiedliche Unterst\u00fctzung durch die \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Allerdings waren die Armen- und Arbeiter:innenviertel im Jahr 2023 weniger isoliert als im Jahr 2005. Wie <a href=\"https:\/\/www.mediapart.fr\/journal\/politique\/300623\/la-gauche-face-aux-emeutes-de-banlieue-histoire-d-un-ressaisissement\">Alain Bertho<\/a>, ein Spezialist f\u00fcr Krawallph\u00e4nomene, betont: <em>\u201e2005 berichteten die Nachrichten auf France 2 zuerst \u00fcber den Skandal der verbrannten Autos, dann \u00fcber den Tod der Kinder, und die politischen Reaktionen waren alle auf diese Informationshierarchie abgestimmt. Es gab einen Konsens im Aufruf zur Ruhe, der diese Kinder absolut allein gelassen hat.\u201c<\/em> So ist es recht symptomatisch, dass trotz der reaktion\u00e4ren Hysterie gegen die als Straft\u00e4ter:innen dargestellten Jugendlichen aus den Armen- und Arbeiter:innenviertel laut einer <a href=\"https:\/\/elabe.fr\/police-emeutes-urbaines\/\">Elabe-Umfrage<\/a> 20 Prozent der Franzosen und 40 Prozent der unter 25-J\u00e4hrigen Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Gewalt gegen Polizist:innen haben. Mehr noch, es gibt eine mehrheitliche Ablehnung der Ermordung Nahels durch die Polizei. So stimmten 53 Prozent der Franzos:innen den Erkl\u00e4rungen Emmanuel Macrons am Tag nach Nahels Tod zu, in denen er davon sprach, dass sein Tod \u201eunerkl\u00e4rlich\u201c und \u201eunentschuldbar\u201c sei. Diese Meinung wird am st\u00e4rksten von den unter 25-J\u00e4hrigen geteilt (71 Prozent). Politisch betrachtet, \u00fcberzeugt sie 66 Prozent der W\u00e4hler:innen von Jean-Luc M\u00e9lenchon und 64 Prozent der W\u00e4hler:innen von Macron.<\/p>\n<p>Die Ursachen f\u00fcr diese Entwicklung zwischen 2005 und heute sind zwar vielf\u00e4ltig, aber die Tatsache, dass die neuen Generationen von Aktivist:innen selbst von der Repression betroffen waren, ist eine der wichtigsten. Wie Bertho feststellt,<em> \u201ehaben die Mobilisierung gegen die Rentenreform und davor die \u201aGelbwesten\u2018 dieser Generation von Aktivist:innen die ungestrafte Gewalt der Polizei bewusst gemacht, unter der die Armen- und Arbeiter:innenviertel seit Jahren zu leiden haben. Die enorme Versch\u00e4rfung der Polizeirepression hat diese Jugend und diese Viertel demarginalisiert und den Blick, den man heute auf sie richtet, ver\u00e4ndert.\u201c<\/em> Auf der Ebene der Avantgarde l\u00e4sst sich einer der Meilensteine dieses langsamen Prozesses der Bewusstwerdung im \u00dcbrigen in den Fortschritten der antirassistischen Bewegung wiederfinden, die insbesondere durch die Politisierung rund um diese Frage erm\u00f6glicht wurde. Sie hatte sich im Juni 2020 in der Jugend mit einer nie dagewesenen Massivit\u00e4t ausgedr\u00fcckt, aber auch durch die Verbindungen, die zwischen einigen ihrer Organisationen und dem Rest der sozialen Bewegung geschaffen wurden.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang kann man die Konvergenzen erw\u00e4hnen, die sich in den letzten Jahren mit der Umweltbewegung aufgebaut haben, aber auch mit Selbstorganisationsstrukturen der Arbeiter:innenbewegung wie der \u201eIntergare\u201c [standort\u00fcbergreifende Koordination von Eisenbahner:innen, A.d.\u00dc.], die aus dem Kampf um die Eisenbahn hervorgegangen ist und 2018 w\u00e4hrend der Gelbwestenbewegung an der Seite des Adama-Komitees den \u201eSaint-Lazare-Pol\u201c bildete. B\u00fcndnisse, die im \u00dcbrigen durch die tiefen Beziehungen beg\u00fcnstigt werden, die ein ganzer Teil der aus den Armenvierteln stammenden Arbeiter:innenklasse zu diesen Themen unterh\u00e4lt. Vom Transportstreik 2019-2020, der bei der RATP und der SNCF von zahlreichen Arbeiter:innen gef\u00fchrt wurde, die sich auf die Erfahrungen der Revolte von 2005 berufen, bis zum \u201ewei\u00dfen Marsch\u201c f\u00fcr Nahel am 29. Juni, an dem militante Arbeiter:innen der Eisenbahn SNCF oder des Energiesektors teilnahmen, verstehen wichtige Teile der Arbeiter:innenklasse ganz genau, dass Polizeigewalt und der Kampf gegen Rassismus auch Klassenk\u00e4mpfe sind.<\/p>\n<p>Diese Elemente erkl\u00e4ren die Reaktion von Teilen der Linken wie M\u00e9lenchons La France Insoumise, die sich trotz des Drucks des Staates weigerten, \u201ezur Ruhe\u201c aufzurufen, aber auch die breite Front von politischen Organisationen, Gewerkschaften, darunter die CGT, und Kollektiven, die sich in einem am 5. Juli ver\u00f6ffentlichten Kommuniqu\u00e9 f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der Armen- und Arbeiter:innenviertel aussprachen. Diese Stellungnahme stellt einen Bruch und einen Fortschritt im Vergleich zur Situation im Jahr 2005 dar. Zu bedauern sind hingegen ihr sp\u00e4ter Zeitpunkt und ihre Logik, die Regierung anzusprechen, was es nicht erm\u00f6glicht hat, sie zur Grundlage einer echten Aktionsfront im Dienste einer Mobilisierung zur Verteidigung des Aufstands, gegen die Repression und die Polizeigewalt, f\u00fcr Gerechtigkeit und die Wahrheit \u00fcber den Mord an Nahel und alle anderen Morde an Jugendlichen durch die Polizei zu machen.<\/p>\n<p><strong>Angesichts des Konservatismus der Intersyndicale: Die Dringlichkeit einer Politik zur Freisetzung der Energie der Ausgebeuteten<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man sich die Reaktionen der Exekutive und der Regierung ansieht, scheint es, dass der einw\u00f6chige Aufstand in den Armen- und Arbeiter:innenvierteln mehr Krisen an der Spitze des Staates erzeugt hat als vierzehn landesweite Mobilisierungstage der Intersyndicale, die darauf abzielen, Druck auf die Regierung auszu\u00fcben. Die Jugendlichen, die im Rahmen der Zusammenst\u00f6\u00dfe mit der Polizei mobilisiert wurden, sowie die tiefsten und am meisten ausgebeuteten Sektoren der Arbeitswelt konnten nicht von der Strategie der Intersyndicale, die ein Gef\u00fchl der Ohnmacht erzeugt, mitgerissen werden. Ihr Aufstand f\u00fcgt sich jedoch voll und ganz in die Situation und die Bresche ein, die die Rentenbewegung geschlagen hat, und nimmt wahrscheinlich Ph\u00e4nomene der Radikalisierung breiterer Schichten der Arbeiter:innenklasse vorweg. So wurde, wie <a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/societe\/article\/2023\/07\/04\/jeunes-et-incontrolables-le-profil-complexe-des-emeutiers_6180409_3224.html\"><em>Le Monde<\/em><\/a> berichtete, <em>\u201ein Aubervilliers die Polizeistation von Jugendlichen mit Feuerwerksk\u00f6rpern angegriffen. \u201aEinige von ihnen sind meine ehemaligen Sch\u00fcler:innen\u2018, vertraut uns eine Lehrerin in einem Coll\u00e8ge der Stadt an. Sie sind zwischen 18 und 21 Jahre alt, \u2019nicht von Grund auf gewaltt\u00e4tige Jugendliche\u2018, sondern eher von der Sorte, \u201adie sich unten in der Siedlung mit Musik niederl\u00e4sst\u2018, haben angefangen zu arbeiten oder suchen einen Job. \u201aSie sagen sich, dass Nahel einer ihrer Freunde h\u00e4tte sein k\u00f6nnen. Sie haben einen Hass auf die gewaltt\u00e4tige Polizei. F\u00fcr sie ist das der beste Weg, um sich Geh\u00f6r zu verschaffen. Sie sagen, dass die Demonstrationen nichts bringen, man muss alles kaputt machen.&#8217;\u201c<\/em><\/p>\n<p>In diesem Sinne wirft diese Explosion ein Licht auf die Haltung der Gewerkschaftsf\u00fchrungen der Intersyndicale in den letzten Monaten. Wenn diese sich gegen jede \u00dcberschreitung des strikt gewerkschaftlichen und defensiven Rahmens und gegen die Ausweitung der Forderungen in der Rentenbewegung gestellt hat, dann auch deshalb, weil sie bef\u00fcrchtete, dass ein \u00dcbergang zur Offensive zu einer Situation f\u00fchren w\u00fcrde, die sie nicht h\u00e4tte kontrollieren k\u00f6nnen. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr die konservative Politik der Intersyndicale sind eher in dieser Furcht vor dem explosiven Eintritt der unterdr\u00fcckten Massen in die Bewegung zu suchen als in irgendeiner objektiven Unf\u00e4higkeit der prek\u00e4rsten oder am meisten verarmten Schichten der Klasse, sich der Mobilisierung gegen die Rentenreform anzuschlie\u00dfen. Diese Weigerung der Gewerkschaftsf\u00fchrer:innen, das Kampfpotenzial der gesamten Arbeiter:innenklasse zu vereinen, ist daf\u00fcr verantwortlich, dass die Not und der Zorn der am st\u00e4rksten ausgebeuteten Teile der Arbeitswelt isoliert und vorwiegend \u201enegativ\u201c oder \u201ehintergr\u00fcndig\u201c zum Ausdruck gebracht wurden.<\/p>\n<p>Ihre Verbindung mit der wiedergewonnenen St\u00e4rke der organisierten Arbeiter:innenbewegung im Kampf gegen die Rentenreform h\u00e4tte umgekehrt eine offen vorrevolution\u00e4re Situation im Land er\u00f6ffnen k\u00f6nnen. Angesichts der Sackgasse der institutionellen Politik der politischen oder gewerkschaftlichen F\u00fchrungen der Arbeiter:innenbewegung, die durch die Niederlage im Rentenkampf erneut best\u00e4tigt wurde, hat die Jugend in den Armen- und Arbeiter:innenvierteln auf jeden Fall gezeigt, dass es keinen Sieg geben wird, ohne den Staat und das politische Regime der F\u00fcnften Republik zu ersch\u00fcttern und in die Knie zu zwingen.<\/p>\n<p>Angesichts der beschriebenen reaktion\u00e4ren Perspektiven lautet die zentrale Frage f\u00fcr die kommende Zeit erneut, wie die Kraft aller Ausgebeuteten in einer Gegenoffensive gegen Macron und den kapitalistischen Staat vereint werden kann. Die Herausforderung besteht darin, die objektiv antikapitalistische Infragestellung der Lohnarbeit, die die Bewegung gegen die Rentenreform ausmachte, die Entschlossenheit der Arbeiter:innen und Jugendlichen mit den Methoden der Gelbwesten, des \u201evorst\u00e4dtischen Frankreichs\u201c wie der Banlieues, und der Wirksamkeit der Kampfmethoden des Proletariats, die sich beispielsweise beim Raffineriestreik im Herbst 2022 gezeigt hat, welcher das Land fast zum Stillstand gebracht h\u00e4tte, zu verschmelzen. All diese Kr\u00e4fte sind bereits in vollem Umfang vorhanden, wie die j\u00fcngsten Episoden des Klassenkampfes gezeigt haben. Es geht darum, sie mit einem emanzipatorischen Projekt, einer Strategie und einer F\u00fchrung auszustatten, die den Willen zum Sieg hat. Das ist die Aufgabe der Stunde.<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel erschien zuerst am 7. Juli 2023 auf Franz\u00f6sisch bei <\/em><a href=\"https:\/\/www.revolutionpermanente.fr\/Le-soulevement-des-quartiers-en-mode-Gilets-jaunes\"><em>R\u00e9volution Permanente<\/em><\/a><em>.<\/em><\/p>\n<ol>\n<li>Die folgenden Zahlen, die <em>Le Monde<\/em> berichtet, gehen in die gleiche Richtung: <em>\u201eDas Wahllokal Nummer 44 der Gemeinde Nanterre befindet sich in der Grundschule Pablo-Picasso, nur wenige Schritte von der gleichnamigen Siedlung entfernt, wo die st\u00e4dtischen Unruhen nach dem Tod von Nahel M. begannen. Im ersten Wahlgang 2017 hatte Emmanuel Macron 23,6 Prozent der Stimmen erhalten; 2022 sammelte er nur 14,8 Prozent ein. Und die Wahlenthaltung stieg im zweiten Wahlgang gegen die rechtsextreme Kandidatin um 15 Prozentpunkte auf schwindelerregende 47 Prozent.\u201c<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/frankreich-der-aufstand-der-armenviertel-im-gelbwesten-modus\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 9. Juli 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Juan Chingo. Der Aufstand, der durch den Mord an Nahel ausgel\u00f6st wurde, markiert einen qualitativen Sprung im Vergleich zu den Revolten von 2005. Er verdeutlicht das vorrevolution\u00e4re Potenzial der Situation, aber auch die Dringlichkeit, unsere &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":13317,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,5],"tags":[25,87,61,26,45,76,49,4,17],"class_list":["post-13316","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-frankreich","tag-gewerkschaften","tag-neoliberalismus","tag-neue-rechte","tag-repression","tag-strategie","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13316","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13316"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13316\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13318,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13316\/revisions\/13318"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/13317"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13316"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13316"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13316"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}