{"id":13338,"date":"2023-07-14T12:08:02","date_gmt":"2023-07-14T10:08:02","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13338"},"modified":"2023-07-14T12:08:03","modified_gmt":"2023-07-14T10:08:03","slug":"leben-im-amerikanischen-gulag-ein-arbeiter-erinnert-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13338","title":{"rendered":"<strong>Leben im amerikanischen Gulag: Ein Arbeiter erinnert sich<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>In den Vereinigten Staaten sitzen mehr Menschen hinter Gittern als in jedem anderen Land der Welt. Nach Angaben des <\/em><a href=\"https:\/\/worldpopulationreview.com\/country-rankings\/incarceration-rates-by-country\"><em>World Population Review<\/em><\/a><em> sind in den USA mehr als 2 Millionen Menschen inhaftiert, das sind 25 Prozent aller Inhaftierten weltweit. Mit einer im Vergleich zu den USA mehr als viermal so gro\u00dfen Bev\u00f6lkerung liegt China mit 1,5 Millionen Inhaftierten an zweiter Stelle.<\/em><!--more--><\/p>\n<p><em>Die <\/em>World Socialist Web Site<em> hat \u00fcber eine Reihe von Gr\u00e4ueltaten berichtet, die von den Beh\u00f6rden in US-Gef\u00e4ngnissen begangen wurden und in diesem Jahr ans Licht gekommen sind. Im M\u00e4rz berichteten wir \u00fcber <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/en\/articles\/2023\/03\/22\/jfyy-m22.html\"><em>Irvo Otieno<\/em><\/a><em>, einen 28-j\u00e4hrigen kenianischen Emigranten, der w\u00e4hrend seiner Einlieferung in ein Krankenhaus von der Polizei get\u00f6tet wurde. Er war inhaftiert worden, nachdem er eine psychische Krise erlitten hatte, woraufhin ihm drei Tage lang seine Medikamente verweigert wurden.<\/em><\/p>\n<p><em>Im April ver\u00f6ffentlichten wir die Geschichte von zwei H\u00e4ftlingen, die in der Haft <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/en\/articles\/2023\/04\/14\/dcmp-a14.html\"><em>auf barbarische Weise ums Leben kamen<\/em><\/a><em>. Lashawn Thompson wurde im September letzten Jahres in einem Gef\u00e4ngnis in Georgia tot in seiner Zelle aufgefunden, sein K\u00f6rper war mit Wunden und Insektenstichen \u00fcbers\u00e4t. Joshua McLemore, ein Insasse in Indiana, der an Schizophrenie litt, starb 2021 an Dehydrierung und Unterern\u00e4hrung, nachdem er 20 Tage ohne Unterbrechung in Einzelhaft verbracht hatte.<\/em><\/p>\n<p><em>Letzten Monat berichteten wir \u00fcber <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/en\/articles\/2023\/05\/25\/tfxh-m25.html\"><em>drei Insassen<\/em><\/a><em>, die die Central Detention Facility und die Correctional Treatment Facility (D.C. Jail) in Washington D.C. verklagen, weil sie trotz \u00e4rztlicher Anordnungen nicht rechtzeitig oder \u00fcberhaupt nicht mit Medikamenten versorgt wurden.<\/em><\/p>\n<p><em>Die US-Regierung verh\u00f6hnt scheinheilig die Strafrechtssysteme anderer L\u00e4nder f\u00fcr humanit\u00e4re Vergehen und lobt sich selbst als Verfechter der Freiheit.<\/em><\/p>\n<p><em>Der folgende Text stammt von einem Leser, der der WSWS seine Erfahrungen aus dem Gef\u00e4ngnis mitteilte. Es ist ein Bericht, der die Brutalit\u00e4t des Lebens hinter Gittern und die Verdorbenheit der kapitalistischen Gesellschaft aufzeigt.<\/em><\/p>\n<p>* * *<\/p>\n<p><em>Ethan Osborne. <\/em>Das alte Kenton County Detention Center (KCDC) wurde 1969 erbaut und war eine der schlimmsten, bauf\u00e4lligsten und notorisch verdreckten Haftanstalten in Kentucky. Als ich dort untergebracht war, musste das Gef\u00e4ngnis monatlich tausende Dollar Strafe zahlen, und das Geb\u00e4ude war sogar zum Abbruch freigegeben worden, weil es gegen zahlreiche Vorschriften versto\u00dfen hatte.<\/p>\n<p>Nach jahrelangen Geldstrafen und einem Berg von Klagen wegen \u00dcberbelegung, Misshandlung und unmenschlicher Lebensbedingungen wurde 2010 endlich ein neues Gef\u00e4ngnis er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Das alte KCDC (links). Das Geb\u00e4ude wurde nicht abgerissen, sondern zu luxuri\u00f6sen Eigentumswohnungen umgebaut (rechts)<\/em><\/p>\n<p>Aber lassen Sie mich in der Zeit zur\u00fcckgehen \u2013 zu meinem ersten Tag in diesem \u201eTurm der Tyrannei\u201c, wie wir ihn nannten. Das erste, woran ich mich von meiner Einlieferung in das Gef\u00e4ngnis erinnere, war der Gestank, der mir in die Nase stieg, als ich in die Buchhaltung kam, die sich im Keller des Geb\u00e4udes befand. Es war ein unvergesslicher giftiger und bei\u00dfender Gestank, an den ich mich bald gew\u00f6hnen sollte. Der \u00fcble Geruch und der kalte K\u00e4fig aus Beton und Glas, in dem ich mich befand, lie\u00dfen mich schnell wieder n\u00fcchtern werden, nachdem ich durch Drogen und Alkohol einen Blackout erlitten hatte.<\/p>\n<p>Das war wirklich der Tiefpunkt meines Lebens. Ich erinnere mich, wie ich \u00fcber einer schmutzigen Toilette kniete und Galle spuckte, w\u00e4hrend ich unter einer pochenden Migr\u00e4ne litt. Ein W\u00e4rter betrat die Zelle und teilte mir mit, dass ich unter anderem wegen vors\u00e4tzlicher Gef\u00e4hrdung angeklagt sei. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie ernsthafte Schwierigkeiten mit dem Gesetz gehabt. Ich war gerade aus dem US Marine Corps entlassen worden. Ich war obdachlos, hatte keine medizinische Versorgung und litt unter einer unbehandelten PTBS und bipolaren St\u00f6rung.<\/p>\n<p>Einige der d\u00fcsteren Erinnerungen an das, was mich ins Gef\u00e4ngnis gebracht hatte, begannen wieder aufzutauchen. Ich hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten und war selbstmordgef\u00e4hrdet, weil ich einen beinahe giftigen Cocktail aus Alkohol, Adderall und Valium zu mir genommen hatte. Ich hatte in der \u00d6ffentlichkeit kopflos eine Waffe gezogen und in die Luft gefeuert, in der Absicht, \u201eSelbstmord durch Polizeifeuer\u201c zu begehen. Gl\u00fccklicherweise entwaffnete mich ein Passant, dem ich begegnete, und ich wurde in Gewahrsam genommen.<\/p>\n<p>Man hielt mich drei Tage lang im \u201eFischglas\u201c fest, wie die Ausn\u00fcchterungszelle genannt wurde, bevor ich in den allgemeinen Vollzugsbereich verlegt wurde. W\u00e4hrend dieser drei Tage durchlebte ich einen qualvollen Entzug. Als das Delirium tremens einsetzte, begannen meine H\u00e4nde zu zittern und meine Sicht verschwamm zu einem unscharfen wei\u00dfen Licht. Ich konnte kein Wasser bei mir behalten und hatte die ganze Zelle mit Galle vollgekotzt, was die Kakerlaken und Ameisen, die das Gef\u00e4ngnis bev\u00f6lkerten, anlockte. Ich w\u00fcrde noch lernen, mit ihnen zu leben, ebenso wie mit den Milben, Fliegen und Bettwanzen.<\/p>\n<p>Eine Krankenschwester und ein W\u00e4rter betraten die Zelle und spotteten \u00fcber mein Elend. \u201eDu kannst nichts essen oder trinken. Wir m\u00fcssen dir ein Z\u00e4pfchen geben, um die Entzugserscheinungen zu behandeln. Dreh dich mit dem Gesicht zur Wand und spreize deine Backen, Insasse\u201c, befahl die st\u00e4mmige Krankenschwester. Sie schob mir aggressiv eine Kapsel in den Anus, w\u00e4hrend sie und der muskelbepackte, gestiefelte W\u00e4rter, der mich \u00fcberragte, kicherten.<\/p>\n<p>Der Entzug von Alkohol und Benzodiazepinen kann t\u00f6dlich sein, und ich kann mir vorstellen, dass dies der Grund war, warum ich eine Behandlung gegen meinen Entzug bekam. Die Politik des Gef\u00e4ngnisses bestand darin, keine Insassen zu behandeln, die auf Entzug von anderen Substanzen wie Heroin waren, weil deren Entzugssymptome zwar unertr\u00e4glich, aber nicht lebensbedrohlich sind. Ich beobachtete, wie viele neue Insassen die Tortur des Heroinentzugs durchmachten, sich erbrachen und tagelang nichts essen konnten. Andere Insassen liebten es, wenn Heroins\u00fcchtige ankamen, weil sie ihr Essen \u00fcbrig lie\u00dfen, w\u00e4hrend sie den Entzug durchmachten.<\/p>\n<p>\u201eWie f\u00fchlt sich das an, Osborne!? Genie\u00df es. Das ist f\u00fcr lange Zeit das letzte Mal, dass dich eine Frau ber\u00fchren wird\u201c, lachte der W\u00e4rter und beide brachen in Gel\u00e4chter aus.<\/p>\n<p>\u201eWillkommen im Hotel KCDC\u201c, rief die Schwester, als sie die Zelle verlie\u00dfen und die schwere T\u00fcr hinter ihnen zufiel \u2013 ein Ger\u00e4usch, das mich bis heute verfolgt. Ich litt bereits an einer PTBS, und die Erfahrung im Gef\u00e4ngnis verschlimmerte den Schaden nur noch.<\/p>\n<p>Nachdem ich mich von der Entgiftung erholt hatte, wurde ich in einer Reihe mit den anderen neuen Insassen aufgestellt und zu meinem neuen Zuhause im allgemeinen Vollzug eskortiert. In jeder Zelle, an der wir vorbeikamen, dr\u00e4ngten sich die Insassen an den Fenstern, um das Frischfleisch zu verspotten, das hereinkam. Sie b\u00e4umten sich auf, bl\u00e4hten ihre Brust auf, glotzten mit wilden Augen, lachten und schrien.<\/p>\n<p>\u201eWas zur H\u00f6lle glotzt du so, Hurensohn?\u201c, br\u00fcllte ein erregter H\u00e4ftling, w\u00e4hrend er gegen die Glasscheibe schlug.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich kam ich in der mir zugewiesenen Zelle an, die die Nummer 955 hatte. Als ich die Zelle betrat, wurde mir eine juckende Deckenrolle und eine schleimige, mit Sand gef\u00fcllte Schlafmatte gereicht. Der Zustand sah genauso aus wie auf diesem Bild unten aus dem alten KCDC. Schwarzer Schimmel befleckte die W\u00e4nde wie Ausschlag. \u00dcberall war verrostetes Metall zu sehen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Bild1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Bild1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13339\" width=\"781\" height=\"798\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Bild1.jpg 458w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Bild1-294x300.jpg 294w\" sizes=\"auto, (max-width: 781px) 100vw, 781px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Typische Lebensbedingungen in der Zelle des alten KCDC<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Zelle war f\u00fcr eine maximale Belegung von f\u00fcnfzehn H\u00e4ftlingen ausgelegt; so viele Pritschen gab es. Sie war 6 mal 6 Meter gro\u00df \u2013 das entspricht einem mittelgro\u00dfen Wohnzimmer. Wir teilten uns alle eine Toilette, die undicht war und eine Pf\u00fctze in der Mitte der Zelle bildete. Stahlbetten s\u00e4umten die W\u00e4nde, mit Ausnahme der R\u00fcckwand, die die Seite eines Stahlk\u00e4figs war, der Laufsteg genannt wurde und von dem aus die Wachen die Zelle beobachten konnten. Nachts schlugen sie mit ihren Taschenlampen oder Schlagst\u00f6cken gegen den K\u00e4fig, wenn manche H\u00e4ftlinge schon schliefen. Ich erinnere mich noch genau an das Ger\u00e4usch, als w\u00e4re es gestern gewesen.<\/p>\n<p>Zeitweise war die Zelle mit bis zu drei\u00dfig H\u00e4ftlingen \u00fcberf\u00fcllt, die auf dem Boden in Plastikbeh\u00e4ltern schliefen, die \u201eBoote\u201c oder \u201eS\u00e4rge\u201c genannt wurden. In der Mitte des Raumes standen zwei Picknicktische aus Stahl. Die Schlafboote f\u00fcr die H\u00e4ftlinge, die nicht das Gl\u00fcck hatten, ein richtiges Bett zu bekommen, waren in den Gassen zwischen den einzelnen Betten verteilt, wo immer sie sich hineinquetschen konnten. Man musste buchst\u00e4blich \u00fcber die Insassen steigen, um sich in diesem K\u00e4fig bewegen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Als ich die Zelle betrat, war ich ausgehungert, dehydriert, schmutzig und entsetzt \u00fcber meine neue Realit\u00e4t. Der Raum war vollgestopft, fast Schulter an Schulter. Die H\u00e4ftlinge sa\u00dfen auf dem Tisch und spielten Domino und Karten. Ich ging zu dem einzigen freien Sarg in der hinteren Ecke des Raumes und lie\u00df mich auf meine Matte fallen.<\/p>\n<p>\u201eEthan Osborne! Du solltest besser duschen gehen!\u201c, rief jemand lachend vom anderen Ende des Raumes. Alle wurden still und schauten mich an.<\/p>\n<p>Ich erkannte das vertraute l\u00e4chelnde Gesicht des H\u00e4ftlings, der auf mich zukam \u2013 ein alter Freund, den ich seit der Highschool nicht mehr gesehen hatte. Ich hatte das unglaubliche Gl\u00fcck, jemanden dort drinnen zu kennen, jemanden, der eine untere Koje neben dem Fernseher hatte, was darauf hindeutete, dass er einer der Insassen war, der am l\u00e4ngsten in der Zelle gesessen hatte. Er setzte sich neben mich auf das Boot und erz\u00e4hlte mir alles.<\/p>\n<p>\u201eDas erste, was jeder macht, wenn er hier reinkommt, ist unters Wasser zu steigen. Ich gebe dir die Sachen, es kann n\u00e4mlich Wochen dauern, bis du sie vom Gef\u00e4ngnis bekommst\u201c, erkl\u00e4rte er und warf mir ein B\u00fcndel mit einem Paar Socken, einem St\u00fcck Seife, einer kleinen Tube Zahnpasta und einem wei\u00dfen T-Shirt in den Scho\u00df.<\/p>\n<p>Normalerweise wurde keine \u201eHygiene\u201c ausgegeben. In regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden wurden ein oder zwei Rollen Toilettenpapier in die Zelle geworfen, um die ein \u201ePodfather\u201c \u2013 jemand, der in der Zelle das Sagen hatte \u2013 k\u00e4mpfte und die dann an die anderen Insassen verteilt wurden, manchmal im Austausch gegen andere Wertsachen aus dem Gef\u00e4ngnis, wie z. B. S\u00fc\u00dfigkeiten von den Mahlzeiten. Hygienepakete, so genannte \u201eBettlerpakete\u201c, wurden nicht verteilt, aber das N\u00f6tigste konnte gegen Essensreste oder andere Schmuggelware eingetauscht werden.<\/p>\n<p>Ich sa\u00df mehrere Monate lang in dieser Zelle fest, w\u00e4hrend ich auf meinen Prozess wartete. St\u00e4ndig gab es Streit und Gewalt; ein Tag ohne eine Schl\u00e4gerei war ein guter Tag. Obwohl Waffen in dieser Einrichtung nicht \u00fcblich waren, kam es gelegentlich zu Messerstechereien.<\/p>\n<p>An meinem ersten Tag wurde ein homosexueller Insasse in einer benachbarten Zelle von seinem Zellengenossen, der wegen Mordes angeklagt war, erdrosselt. Es dauerte 15 Stunden, bis die W\u00e4rter die Leiche entdeckten. Die anderen Insassen hatten den Tod nicht gemeldet, um mit dem Armband des Ermordeten zus\u00e4tzliches Essen f\u00fcr die Essenszeit zu bekommen. Einen vollst\u00e4ndigen Bericht \u00fcber diesen Albtraum, der die Inkompetenz und Pflichtvergessenheit der Vollzugsbeamten beschreibt, findet ihr hier.<\/p>\n<p>Obwohl ich gelernt hatte, improvisierte Ohrst\u00f6psel aus Toilettenpapier und Resten von Plastikm\u00fclls\u00e4cken zu basteln, konnte ich keine Nacht ruhig schlafen. St\u00e4ndig schrie jemand, spielte Dominos oder sp\u00fclte die Toilette. Das Echo von r\u00fcttelnden Schl\u00fcsseln, das Rauschen, Knistern und Piepsen der Funkger\u00e4te der W\u00e4rter und das ferne Zuschlagen von Eisent\u00fcren h\u00f6rten nie auf. Diese Ger\u00e4usche nennen wir \u201eKnastl\u00e4rm\u201c, und wie viele andere h\u00f6re ich sie noch immer in ruhigen Momenten, lange nachdem wir entlassen wurden.<\/p>\n<p>Es ist allgemein anerkannt, dass eine Haftstrafe in einem Bezirksgef\u00e4ngnis weitaus schlimmer ist als ein Aufenthalt in einem Staats- oder Bundesgef\u00e4ngnis. Es gibt viele Insassen, die aus verschiedenen Gr\u00fcnden ihre gesamte Zeit in Bezirksgef\u00e4ngnissen verbringen m\u00fcssen. Es kommt auch h\u00e4ufig vor, dass H\u00e4ftlinge aus willk\u00fcrlichen, von den Gerichten erfundenen Gr\u00fcnden \u00fcber ihre Strafe hinaus festgehalten werden.<\/p>\n<p>In den Gef\u00e4ngnissen gibt es einen ungeschriebenen Verhaltenskodex, der von den h\u00e4rtesten Insassen brutal durchgesetzt wird.<\/p>\n<p>Kindersch\u00e4nder und Polizeiinformanten gelten als die niedrigsten Lebensformen in der Gef\u00e4ngnishierarchie und werden in \u201egesch\u00fctztem Gewahrsam\u201c gehalten. In vielen Anstalten gilt das ungeschriebene Gesetz, dass beide Arten von Gefangenen KOS (Kill on sight) sind, und wenn man mit ihnen interagiert oder ihren Weg kreuzt, ohne etwas gegen sie zu unternehmen, wird man genauso behandelt wie sie. So kommt es, dass viele Insassen, die in das System kommen, zu l\u00e4ngeren Haftstrafen verurteilt werden, weil sie w\u00e4hrend ihrer Inhaftierung noch mehr Straftaten begehen, oft aufgrund von Situationen, auf die sie keinen Einfluss haben.<\/p>\n<p>Der Versuch, sich gegen den Status quo im Gef\u00e4ngnis aufzulehnen, kann t\u00f6dlich enden. Aber manchmal lauern die schlimmsten R\u00e4uber im allgemeinen Vollzug und machen Jagd auf die Schwachen. Es gibt strafrechtlich unzurechnungsf\u00e4hige Insassen, die in die Isolation geh\u00f6ren, nicht in den Allgemeinvollzug. Ich werde nie vergessen, wie ich aufwachte und sah, wie ein H\u00e4ftling zu Brei geschlagen wurde, weil er masturbiert und in das Gesicht eines anderen schlafenden H\u00e4ftlings ejakuliert hatte. Manchmal f\u00fchrten Insassen einen regelrechten Biowaffenkrieg und stellten zum Beispiel F\u00e4kalienbomben her, indem sie ihre Exkremente und K\u00f6rperfl\u00fcssigkeiten in Flaschen sammelten, um sie gegen andere einzusetzen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Bild1-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Bild1-1-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13340\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Bild1-1-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Bild1-1-300x169.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Bild1-1-768x432.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Bild1-1.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Der \u201eEhrenschlafsaal f\u00fcr gute F\u00fchrung\u201c&#8230; f\u00fcr \u201efortgeschrittene\u201c H\u00e4ftlinge, die dieses Privileg erworben haben. San Quentin State Prison, Kalifornien (2007) [AP Photo\/Eric Risberg]<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Nachdem ich einige Monate in der Zelle 955 auf mein Urteil gewartet hatte, wurde ich wegen guter F\u00fchrung in den \u201eEhrenschlafsaal\u201c, Zelle 560, verlegt. Zelle 560 befand sich im unteren f\u00fcnften Stock. Es war ein weitl\u00e4ufiger, gro\u00dfer Schlafsaal wie der oben abgebildete. Er war gr\u00f6\u00dfer als die Zelle 955; man konnte dort sogar herumlaufen.<\/p>\n<p>Wir hatten auch eigene Duschkabinen und eine Kanne zum Kaffeekochen. Nat\u00fcrlich konnte der Kochtopf auch als Waffe eingesetzt werden, um eine so genannte \u201ehei\u00dfe Maske\u201c aufzutragen \u2013 kochendes Wasser, gemischt mit Salz und Lotion. Ich war Zeuge, wie diese Maske jemandem ins Gesicht geschleudert wurde, w\u00e4hrend er Karten spielte. Ich wei\u00df noch, wie er sich die Haut von seinem teilweise geschmolzenen Gesicht abwischte.<\/p>\n<p>Obwohl immer ein Vollzugsbeamter im Saal Dienst hatte, konnte das die Gewalt nicht verhindern, es verringerte nur das Zeitfenster, in dem sie stattfinden konnte. F\u00fcr diejenigen von uns, die dort lebten, oder f\u00fcr das Personal, das bewusst genug war, um auszusteigen und zu versuchen, aufzudecken, was dort vor sich ging, war die Korruption in dieser Einrichtung legend\u00e4r.<\/p>\n<p>Die Gewalt war nicht auf die Insassen beschr\u00e4nkt. Das Personal misshandelte routinem\u00e4\u00dfig H\u00e4ftlinge und manch einer wurde bef\u00f6rdert, nachdem er einen H\u00e4ftling get\u00f6tet hatte. W\u00e4hrend meiner Zeit im KCDC wurde ein H\u00e4ftling von einem Vollzugsbeamten get\u00f6tet, der sich auf seinen Hals kniete. Auch ich hatte Knie und Stiefel auf meinem Hals \u2013 ein Grund, warum der Mord an George Floyd eine so tiefe psychologische Wirkung auf mich hatte.<\/p>\n<p>Die W\u00e4rter lie\u00dfen zu ihrer Unterhaltung oft Gewalt von Insassen an Insassen zu. Es war nicht ungew\u00f6hnlich, dass sie schw\u00e4chere H\u00e4ftlinge oder solche, die sie nicht mochten, mit gewaltt\u00e4tigen oder psychisch kranken Zellengenossen zusammenbrachten. Vergewaltigungen, Schl\u00e4ge und andere Formen der Folter waren an der Tagesordnung.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass die rangniedrigere W\u00e4rterin mit einem blauen Auge zur Arbeit erschien, nachdem sie von dem Aufseher, mit dem sie zusammen war, verpr\u00fcgelt worden war. Der Aufseher hatte nicht nur Spa\u00df daran, Insassen und sogar andere W\u00e4rter zu qu\u00e4len, sondern war auch ein h\u00e4uslicher Gewaltt\u00e4ter.<\/p>\n<p><em>Ein W\u00e4rter des KCDC wurde 2019 entlassen, nachdem er einen Insassen auf <\/em><a href=\"https:\/\/eu.cincinnati.com\/story\/news\/local\/northern-ky\/2019\/10\/17\/nky-corrections-officer-fired-after-pattern-insubordination\/3928270002\/\"><em>Video<\/em><\/a><em> misshandelt hatte. Ein weiterer W\u00e4rter aus Kentucky wurde entlassen, nachdem er 2021 wegen Vergewaltigung einer <\/em><a href=\"https:\/\/eu.courier-journal.com\/story\/news\/crime\/2021\/12\/31\/kentucky-prison-guard-charged-sodomizing-inmate\/9062395002\/\"><em>Insassin<\/em><\/a><em> angeklagt wurde.<\/em><\/p>\n<p>Ich habe gelernt, dass der Knast seine eigene Wirtschaft hat. Alles ist ein Schwarzmarkt, Betrug oder Abzocke. Das Gef\u00e4ngnis hat bei der Ausgabe von Hygieneartikeln gespart. Eigentlich sollte jeder Insasse seine eigene Toilettenpapierrolle und sein eigenes Hygienepaket erhalten. Stattdessen erhielt eine ganze Zelle eine Rolle. In der K\u00fcche wurden die K\u00f6che angewiesen, beim Essen zu sparen, indem sie es verw\u00e4sserten oder Zutaten weglie\u00dfen. Die Einnahmen aus diesen inoffiziellen Sparma\u00dfnahmen wurden in die eigene Tasche gesteckt.<\/p>\n<p>Innerhalb der H\u00e4ftlingsbev\u00f6lkerung gab es eine krude und barbarische Form des Schwarzmarktes. Ohne Geld kann man keine Briefe schreiben oder das Telefon benutzen. Mit Geld kann man die W\u00e4rter bestechen, die hochpreisige Waren wie Drogen einschmuggeln, die im Gef\u00e4ngnis so verbreitet sind, dass \u00dcberdosen an der Tagesordnung sind. Die H\u00e4ftlinge mit dem meisten Geld k\u00f6nnen die anderen manipulieren. Diese Hackordnung schlug sich am deutlichsten im Kommissionssystem nieder. Die Gef\u00e4ngniskantine bot den Insassen Snacks und Hygieneartikel zum Kauf an. H\u00e4ftlinge, die Geld auf ihren Konten hatten, konnten in der Kantine Waren aufkaufen, um sie mit Gewinn an andere H\u00e4ftlinge zu verkaufen. Diese Gesch\u00e4ftsleute schufen ihre eigenen L\u00e4den oder Banken, die sie von ihren Spinden oder Kojen aus betrieben. Sie entwickelten sogar ein Kreditsystem. Wer seine Schulden bei anderen H\u00e4ftlingen nicht begleicht, wird hart bestraft. Drinnen wird alles mit Gewalt durchgesetzt. Das war die einrichtungsinterne kapitalistische Wirtschaft.<\/p>\n<p>Frische Luft? Vergiss es. Wir konnten uns gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, wenn wir ein- oder zweimal im Monat auf den \u201eFreizeithof\u201c gehen konnten. Der Hof war nur ein Raum auf dem Dach mit einer offenen Decke, die mit einem Zyklonzaun abgedeckt war. Das war die einzige frische Luft und das einzige Sonnenlicht, das wir hatten.<\/p>\n<p>Hier fanden die meisten Schl\u00e4gereien statt. Einmal brach auf dem gesamten Hof eine Bandenschl\u00e4gerei aus, bei der alle, auch die Unbeteiligten, von der \u201eSchl\u00e4gertruppe\u201c CERT (Correctional Emergency Response Team) mit Gas, Elektroschocks, Kabelbindern, schwarzen S\u00e4cken und Schl\u00e4gen traktiert wurden.<\/p>\n<p>Neben Asbest, Schimmel, Ungeziefer, verunreinigtem Trinkwasser (das h\u00e4ufig aus der Leitung auf der Toilette kam), undichten Rohrleitungen, Abwasserproblemen und Korruption war einer der absto\u00dfendsten Aspekte des alten KCDC das Essen.<\/p>\n<p>Nachdem ich wegen mutwilliger Gef\u00e4hrdung zu f\u00fcnf Jahren verurteilt worden war, arbeitete ich kurz in der K\u00fcche. Die K\u00fcche befand sich im Keller des Geb\u00e4udes neben der Aufnahmestation. Noch nie in meinem Leben hatte ich so viele Kakerlaken gesehen. Sie fielen buchst\u00e4blich wie Regen von den Decken in die Lebensmittel, von denen viele abgelaufen und als &#8217;nicht zum Verzehr geeignet&#8216; gekennzeichnet waren.<\/p>\n<p>Bei meiner Arbeit in der K\u00fcche wurde ich manchmal mit der Aufgabe betraut, unter der Aufsicht der W\u00e4rter Tabletts mit Lebensmitteln zu den verschiedenen Zellen zu bringen. W\u00e4hrend dieser Zeit kam ich mit weiblichen Insassen in Kontakt, und was ich sah, ersch\u00fctterte mich zutiefst. Frauen und offen lebende LGBTQ+ sind die verletzlichsten und am meisten schikanierten Menschen in den Gef\u00e4ngnissen, aber am schlimmsten empfand ich die Lage der schwangeren Insassinnen, die unterern\u00e4hrt aussahen. Sie bekamen kaum zus\u00e4tzliche Kalorien, also versuchte ich immer, ihnen so oft wie m\u00f6glich zus\u00e4tzliche Nahrung zukommen zu lassen.<\/p>\n<p>Es wurde gemunkelt, dass ihre Unterern\u00e4hrung gewollt war, weil die Verwaltung wollte, dass schwangere Insassinnen Fehlgeburten erleiden: Die Anstalten m\u00f6gen es nicht, Schwangerschaften und Geburten in Gef\u00e4ngnissen zu handhaben. Dies wurde in einem fr\u00fcheren WSWS-Artikel \u00fcber weibliche Insassen in Arizona aufgedeckt, deren <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/en\/articles\/2023\/01\/05\/cfyd-j05.html\">Wehen zwangsweise eingeleitet<\/a> wurden.<\/p>\n<p>Dies sollte niemanden schockieren, wenn man bedenkt, dass Einwanderer in den Gef\u00e4ngnissen ebenfalls grauenhafter Misshandlung ausgesetzt sind, einschlie\u00dflich <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/en\/articles\/2020\/09\/16\/immi-s16.html\">Zwangssterilisationen<\/a>. Stellen Sie sich all diese Bedingungen vor, die ich bis jetzt beschrieben habe. Und nun stellen Sie sich vor, dass Kinder diesen Bedingungen ausgesetzt sind. Das geschieht gerade jetzt, \u00fcberall in den USA, <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/06\/21\/pers-j21.html\">Einwandererkinder, die noch immer in K\u00e4figen leben<\/a>. Es ist widerw\u00e4rtig.<\/p>\n<p>In der K\u00fcche freundete ich mich mit Abdul an, einem muslimischen H\u00e4ftling. Wir verabscheuten die Nahrungssituation immer mehr. F\u00fcr Abdul war der extreme Versto\u00df gegen die Halal-Vorschriften eine Abscheulichkeit. Er war auch mein Zellengenosse und klagte, dass ihm ein Gebetsteppich und ein Exemplar des Korans verweigert wurden, weil er als subversive Literatur galt. Die einzigen Seelsorger waren S\u00fcdstaaten-Baptisten.<\/p>\n<p>Im Gef\u00e4ngnis wurde \u00fcber einen Aufstand wegen des Essens gesprochen, und Abdul und ich planten einen Hungerstreik, nachdem einige von uns massenhaft die Arbeit in der K\u00fcche niedergelegt hatten. Einer der Vorteile der Arbeit in der K\u00fcche war, dass wir Zellen hatten, die mit der K\u00fcche verbunden waren, und deren Inhalt und Luxusg\u00fcter schmuggeln konnten, um sie als Schmuggelware zu verkaufen, und wir konnten so viel essen, wie wir wollten.<\/p>\n<p>Trotzdem hatten wir genug davon. Die K\u00fcche zu verlassen, bedeutete, dass wir in den neunten Stock zur\u00fcckgeschickt wurden, in den schmutzigsten Teil des Gef\u00e4ngnisses, wo ich schnell f\u00fcr den Versuch des Hungerstreiks bestraft wurde. Was die W\u00e4rter am meisten hassen, sind politische Aufwiegler. Bevor man mich ins \u201eLoch\u201c (Einzelhaft) schickte, wurde ich in eine Arrestzelle gebracht, mit einem schwarzen Sack versehen, an einen Stuhl gefesselt und geschlagen. Als man mir den Sack vom Kopf nahm, sah ich den Aufseher, der wie ein arroganter Burschenschafter aussah und mich anl\u00e4chelte.<\/p>\n<p>\u201eGlotzt du mich an, Rotzl\u00f6ffel?\u201c, fragte er. Ich nannte ihn ein Schwein, woraufhin er mich umwarf und mir seinen Stiefel in die Kehle dr\u00fcckte. Ich erinnere mich, dass ich zu ihm aufschaute und dachte, dass es vorbei sei und ich dort sterben w\u00fcrde. Aber ich \u00fcberlebte und kehrte in das Loch zur\u00fcck, wo ich blieb, bis meine Prellungen und Schwellungen abgeheilt waren. Dann wurde ich zur\u00fcck in Zelle 560 geschickt.<\/p>\n<p>Wenige Tage nach meiner R\u00fcckkehr in Zelle 560 bekam ich zum ersten Mal den institutionellen Rassismus zu sp\u00fcren. Nachdem ich entdeckt hatte, dass jemand meine Telefonkarte gestohlen hatte, trat mir eine Gruppe neonazistischer H\u00e4ftlinge gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>\u201eDieser verdammte gro\u00dfm\u00e4ulige Nigger Jefferson hat deine Telefonkarte gestohlen. Du k\u00fcmmerst dich jetzt besser um ihn, oder wir k\u00fcmmern uns um dich, Oz.\u201c<\/p>\n<p>Ich hatte es bisher geschafft, ohne ernsthafte Schl\u00e4gerei durchzukommen. Ich war klug genug, nicht zu spielen, mir nichts zu leihen und mich vom Fernseher fernzuhalten, der eine der Hauptquellen f\u00fcr K\u00e4mpfe war. Aber jetzt hatte ich keine andere Wahl. Da drinnen ist kein Platz f\u00fcr Schw\u00e4che.<\/p>\n<p>Ich stellte Jefferson zur Rede, und er schlug mich zusammen, woraufhin ich zur\u00fcck ins Loch musste. Sie steckten ihn in die Zelle neben mir, wo wir uns stundenlang stritten und er mir schlie\u00dflich sagte, dass er meine Telefonkarte nicht gestohlen hatte. Wahrscheinlich waren es die Nazis. W\u00fcrde passen. Nachdem ich eine Woche in Einzelhaft verbracht hatte, wurde ich zur\u00fcck nach 955 verlegt. Jefferson verbrachte weitere zwei Wochen in Einzelhaft, nachdem ich verlegt wurde. Warum? Weil er schwarz war.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wurde ich am Ende aus dem KCDC in ein Arbeitslager mit minimaler Sicherheit am anderen Ende des Bundesstaates verlegt. Im Vergleich zu dem, was ich gerade hinter mir hatte, war das wie Urlaub. Wir konnten begleitet von einem Aufseher jeden Tag wegfahren und arbeiteten in einer Stra\u00dfenreinigungskolonne, sammelten M\u00fcll auf und kratzten \u00fcberfahrene Tiere von der Fahrbahn. Hier behandelten uns die W\u00e4rter mit Respekt, und die Einrichtung, eine ehemalige Feuerwache, die zu einer Haftanstalt umgebaut wurde, war sauberer.<\/p>\n<p>Aber unsere Arbeitskraft wurde ausgebeutet. Wir bekamen sieben Dollar pro Tag f\u00fcr sechs bis acht Stunden Arbeit. Den H\u00e4ftlingen war das egal, denn wir waren ja drau\u00dfen. Manchmal lie\u00df uns der Direktor auf Privatgrundst\u00fccken arbeiten, um Rinderfarmen zu s\u00e4ubern. Das war illegal, und der Aufseher hat sich wahrscheinlich das Geld, das die Bauern f\u00fcr unsere Arbeit zahlten, in die eigene Tasche gesteckt. Wer w\u00fcrde sich dar\u00fcber beschweren? Die einzige Alternative war, in ein Bezirksgef\u00e4ngnis zur\u00fcckgeschickt zu werden und den ganzen Prozess noch einmal zu durchlaufen.<\/p>\n<p>\u201eOsborne, packen Sie zusammen!\u201c Diese magischen Worte, von denen jeder H\u00e4ftling tr\u00e4umt, weckten mich eines Morgens, gefolgt vom Applaus von 20 anderen H\u00e4ftlingen. Ich war auf Bew\u00e4hrung entlassen worden. Ich war da raus. Aber ich war noch nicht ganz frei. Ich musste einen Monat lang im York Street Halfway House in meiner Heimatstadt bleiben und einen \u201eWiedereingliederungskurs\u201c absolvieren, bevor ich irgendwo anders wohnen durfte.<\/p>\n<p>Das Halfway House war eine weitere Bruchbude mit dem bekannten Befall von Wanzen und Kakerlaken, an den ich mich im KCDC gew\u00f6hnt hatte. Das Personal, einschlie\u00dflich des Betreuers, war drogenabh\u00e4ngig. Sie zwangen jeden neuen Insassen, Lebensmittelkarten zu beantragen, die sie f\u00fcr sich selbst behielten. Korruption ohne Ende, von der Verhaftung \u00fcber die Inhaftierung bis zur Entlassung!<\/p>\n<p>Nach Abschluss des Wiedereingliederungskurses zog ich zu meiner Tante, der einzigen Person, die ich ohne Alkohol, Drogen oder Schusswaffen in ihrem Haus auffinden konnte. Ich schlief monatelang auf einer Pritsche in ihrer Waschk\u00fcche. Ich hatte nichts von Wert au\u00dfer einem Tagebuch aus dem B\u00fcrgerkrieg, das ich von meinem Gro\u00dfonkel geerbt hatte und das ich irgendwann f\u00fcr 800 Dollar versteigerte. \u00dcber den wahren Wert kann ich nur spekulieren, aber dadurch konnte ich in eine eigene Wohnung ziehen und ein Auto kaufen, nachdem ich t\u00e4glich 10 Meilen mit dem Fahrrad zu meinem Job als Landschaftsg\u00e4rtner hatte fahren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ich sa\u00df fast ein Jahr im Gef\u00e4ngnis und in einem Arbeitslager und verbrachte die n\u00e4chsten Jahre auf Bew\u00e4hrung, was an sich schon ein weiterer Alptraum war. Das Bew\u00e4hrungsb\u00fcro war ein weiterer Saustall. Ich werde nie vergessen, wie unmenschlich mein Bew\u00e4hrungshelfer war, der sich bei meiner ersten Meldung weigerte, mir die Hand zu geben. Die Marshals und der Bew\u00e4hrungshelfer tauchten wahllos in meiner Wohnung auf und durchsuchten alle meine Sachen, sogar meinen M\u00fcll, was ein erniedrigendes Schauspiel f\u00fcr meine Nachbarn war.<\/p>\n<p>Einer der Hauptunterschiede zwischen einer Bew\u00e4hrungsstrafe und der Freilassung von Verbrechern auf Bew\u00e4hrung besteht darin, dass bei einem Versto\u00df gegen die Bew\u00e4hrungsauflagen die bereits verb\u00fc\u00dfte Zeit nicht angerechnet wird und die Bew\u00e4hrungszeit von vorne beginnen muss. Aus diesem Grund gibt es Menschen, die den gr\u00f6\u00dften Teil ihres Lebens auf Bew\u00e4hrung verbringen k\u00f6nnen. Im Strafrechtssystem gefangen zu sein, ist wie der Versuch, durch Treibsand zu waten.<\/p>\n<p>Nachdem ich meine Bew\u00e4hrung abgeschlossen hatte, blieb ich jahrelang n\u00fcchtern. Die furchtbare Tortur des KCDC lag hinter mir, aber sie wird mich immer verfolgen. Ich war besch\u00e4digt, und leider endeten meine Probleme mit dem Gesetz damit nicht.<\/p>\n<p>Jahre sp\u00e4ter zog ich nach Kalifornien, um ein neues Leben und eine Familie zu gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Ich wurde r\u00fcckf\u00e4llig und musste eine schwere Trennung und einen Sorgerechtsstreit mit meiner Ex-Partnerin durchstehen. Ich machte den Fehler, wegen Fahrens unter Alkoholeinfluss f\u00fcr ein paar Monate im Gef\u00e4ngnis von Shasta County zu landen. Die kalifornische Strafvollzugsbeh\u00f6rde war ganz anders als die Einrichtungen in Kentucky. Dort herrschte strikte Segregation. Ich hatte vorher keine Ahnung, wie schlimm es dort war.<\/p>\n<p>Auch in den Gef\u00e4ngnissen von Kentucky gab es Rassismus und Rassentrennung, aber auf subtilere Weise. In Kentucky war es akzeptabel, mit anderen \u201eRassen\u201c zu verkehren. Nicht so in Kalifornien. Man durfte nicht einmal das Gel\u00e4nder im Speisesaal ber\u00fchren, nachdem ein Angeh\u00f6riger einer anderen Rasse es ber\u00fchrt hatte, und wenn man das tat, bekam man mindestens eine Tracht Pr\u00fcgel. Man konnte nicht am selben Tisch sitzen oder gar mit anderen Rassenangeh\u00f6rigen sprechen, es sei denn, sie hatte eine Art B\u00fcndnis mit der eigenen Rassengruppe. Du hast absolut kein Mitspracherecht bei der Frage, mit wem du in dieser Situation verkehren kannst. Wenn du wei\u00df bist, hast du mit den wei\u00dfen Gangs zu tun: den Skinheads, den Peckerwoods oder, ganz oben in der Hierarchie, der Arischen Bruderschaft. Wer die Gef\u00e4ngnispolitik oder die von der Bandenf\u00fchrung verfolgte Politik in Frage stellt, findet ein gewaltsames Ende.<\/p>\n<p>Eines haben alle Gef\u00e4ngnisbanden, unabh\u00e4ngig von ihrer Rasse, gemeinsam: Sie sind faschistisch, homophob, frauenfeindlich und nationalistisch. Sie begegnen jeder Opposition mit unumstrittener und unerbittlicher t\u00f6dlicher Gewalt. Die einzige Solidarit\u00e4t, die neben der rassischen Solidarit\u00e4t hinter den Mauern existiert, ist der \u201eSchweigekodex\u201c. Das hei\u00dft, man verpfeift nicht, man verkehrt nicht mit Polizisten und wenn ein Aufstand ausbricht, sollte man ihn besser unterst\u00fctzen. R\u00fcckzug bedeutet, dass man sp\u00e4ter diszipliniert wird, und zwar mit Blut.<\/p>\n<p>Es ist oft gesagt worden, dass die Gef\u00e4ngnisse ein Spiegel der Gesellschaft sind, die sie baut, dass das Leben in den Gef\u00e4ngnissen ein Spiegelbild der allgemeinen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen im Kapitalismus ist. Die Vereinigten Staaten sind der gr\u00f6\u00dfte Gef\u00e4ngnisbetreiber der Welt und gleichzeitig der gr\u00f6\u00dfte Verursacher von imperialistischer Gewalt und sozialer Ungleichheit in der Welt. Es gibt keine Barbarei oder Grausamkeit im Gef\u00e4ngnis, die die herrschende Elite nicht im Namen des Kapitalismus begangen h\u00e4tte. Das riesige Strafvollzugssystem wurde errichtet, um die Eigentums- und Profitinteressen einer winzigen Oligarchie zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Nur eine Gesellschaft, die den Klassengegensatz durch den Sturz des Kapitalismus und die Verwirklichung eines sozialistischen Programms beendet hat, braucht dieses h\u00f6llische Gef\u00e4ngnissystem nicht mehr aufrechtzuerhalten. Anstatt Lagerh\u00e4user der Bestrafung und Kontrolle zu sein, w\u00fcrden sich die Gef\u00e4ngnisse auf die Rehabilitation und Wiedereingliederung in die Gesellschaft konzentrieren.<\/p>\n<p>Nachdem ich ein Jahrzehnt lang darum gek\u00e4mpft hatte, eine Krankenversicherung f\u00fcr Veteranenangelegenheiten zu erhalten, gelang es mir schlie\u00dflich, eine Behandlung f\u00fcr meine PTBS und meine bipolare St\u00f6rung zu bekommen. Ich bin zwar nicht geheilt, aber ich erhole mich. Ein gebrochener Geist, der dabei ist zu heilen, ist doppelt so stark. Meine Erfahrung ist die Grundlage meiner Politik. Sie ist nur ein Stern unter Milliarden in einer Konstellation von Korruption, institutioneller Kriminalit\u00e4t und dem falsch benannten Strafrechtssystem \u2013 einem System, das selbst von einigen Kriminellen betrieben wird, die weitaus schlimmer sind als jene, die in den K\u00e4figen sitzen, die sie verwalten.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Das alte KCDC (links). Das Geb\u00e4ude wurde nicht abgerissen, sondern zu luxuri\u00f6sen Eigentumswohnungen umgebaut (rechts)<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/07\/13\/ccwy-j13.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 14. Juli 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Vereinigten Staaten sitzen mehr Menschen hinter Gittern als in jedem anderen Land der Welt. 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