{"id":13342,"date":"2023-07-16T09:34:55","date_gmt":"2023-07-16T07:34:55","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13342"},"modified":"2023-07-16T09:34:57","modified_gmt":"2023-07-16T07:34:57","slug":"schiffsbruch-in-griechenland-warum-waren-die-haelfte-an-bord-pakistaner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13342","title":{"rendered":"S<strong>chiffsbruch in Griechenland: Warum waren die H\u00e4lfte an Bord Pakistaner?<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mindestens 298 Passagiere, die am 14. Juni bei dem Schiffsbruch vor der <\/strong><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/zwischen-der-titan-und-fluechtlingsschiffen-auf-dem-mittelmeer-der-unterschiedliche-wert-des-lebens\/\"><strong>griechischen K\u00fcste ertranken,<\/strong><\/a><strong> waren aus Pakistan. Davon 25 kamen aus demselben Dorf im von Pakistan administrierten Jammu und Kashmir. Einigen Berichten zufolge betrug die Anzahl von Pakistanern an Bord des Schiffes mehr als 400 Menschen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Als die Nachricht des Schiffbruchs zum ersten Mal ver\u00f6ffentlicht wurde, ignorierten es die pakistanischen Mainstreammedien. Die Trag\u00f6die bekam erst dann Aufmerksamkeit, als der pakistanische Hintergrund der Toten berichtet wurde. Pl\u00f6tzlich sah man es in zahlreichen Schlagzeilen. Auch die f\u00f6derale Regierung nahm \u201eKenntnis\u201c an der Trag\u00f6die. Nichtsdestotrotz beantworteten weder die Mainstreammedien noch die Regierung die einfache Frage: Warum waren so viele pakistanische Staatsb\u00fcrger an Bord des Schiffs, das bis zum Meeresgrund des Mittelmeers sank?<\/p>\n<p>Generell hat die Regierung bereits die Gesch\u00e4fte beschuldigt, die in Menschenhandel involviert sind. Einige Verhaftungen deswegen wurden berichtet. Irritierend langweilige, aber erwartete Aussagen wurden von Ministern und B\u00fcroraten ge\u00e4u\u00dfert, die Menschenhandel verurteilten. Gleichzeitig waren die Mainstreammedien damit besch\u00e4ftigt, die Opfer dessen f\u00fcr schuldig zu erkl\u00e4ren. Die \u201eKlatschkreise\u201c, die es sich in prachtvollen Villen bequem gemacht haben, wiederholten herzlos den Mediendiskurs und verantworten ebenfalls die \u201erisikoeingehende\u201c Jugend, dass sie angeblich, ohne nachzudenken an Bord des Schiffs gehen und daf\u00fcr den Mafias die exorbitante Geldsumme bezahlen.<\/p>\n<p>Die eigentlich faktische Wahrheit ist jedoch, dass Armut und vollkommene Hoffnungslosigkeit die jungen Menschen dazu bringen, das lebensl\u00e4nglich Ersparte ihrer Eltern den Menschenh\u00e4ndlern zu \u00fcbergeben und auf ein \u00fcberf\u00fclltes Boot zu steigen, das die Libysche K\u00fcste in tiefster Nacht verl\u00e4sst. Es ist nicht so, dass die Regierung oder die Medien oder die Klatschkreise im Unwissen \u00fcber die weitverbreitete Armut und Hoffnungslosigkeit gegen\u00fcber der d\u00fcsteren Zukunft des Landes sind.<\/p>\n<p>Indem die Opfer beschuldigt oder die Finger verurteilend auf die Menschen-Schmuggler gezeigt werden, sprechen sich die apokryphen \u201eEin Prozent\u201c, die die Regierung und Medien kontrollieren, von ihrer Schuld los. Ein paar von ihnen, die dies verstanden haben, da sie sich w\u00e4hrend ihrer Studienzeit auf westlichen Campi mit postkolonialen Theorien besch\u00e4ftigten, erw\u00e4hnen \u201eFestung Europa\u201c in ihren Tweets.<\/p>\n<p>Festung Europa ist zweifellos der Hauptverdacht in der Diskussion \u00fcber das Schiffsungl\u00fcck. Dennoch, die Festung Europa geht in Pakistan, wie in anderen Peripheriel\u00e4ndern, Hand in Hand mit den heimatlichen Ein Prozent. Diese Ein Prozent sind genauso verantwortlich f\u00fcr die ungef\u00e4hr 300 S\u00e4rge, die vom Mittelmehr zum Islamabad geliefert werden. Im Folgenden werden die pakistanischen Ein Prozent, die sich mit der Festung Europa in der Schiffbruch-Verschw\u00f6rung verb\u00fcndet hat, angeklagt.<\/p>\n<p><strong>Pakistan\u2019s Ein Prozent<\/strong><\/p>\n<p>Die reichsten 1% Pakistans verf\u00fcgen \u00fcber 16,8% des Wohlstands.<\/p>\n<p>Die Reichsten 10% besitzen 25.5%.<\/p>\n<p>Der Anteil der \u00e4rmsten 40% besitzt 25.5% des Wohlstands.<\/p>\n<p>Die Ungleichheit ist sowohl strukturell als auch systematisiert. Ein Mechanismus dieser systematischen Ungleichheit ist die Elite, die die L\u00e4nderressourcen f\u00fcr sich beansprucht.<\/p>\n<p>Verschiedene starke elit\u00e4re Interessensgruppen \u2013 die die idiomatischen Ein Prozent darstellen \u2013 genie\u00dfen Profite und Privilegien, die ihnen 2,66 Trillionen Rupien (umgerechnet ca. 17 Milliarden US-Dollar) bescheren. Das Besteuerungssystem ist dabei die gr\u00f6\u00dfte Quelle der Profite. Fast 50% der 17 Milliarden US-Dollar erh\u00e4lt die Elite, bestehend aus Gro\u00dfgrundbesitzern, H\u00e4ndlern und Personen mit hohem Einkommen, \u00fcber das Steuersystem.<\/p>\n<p>Die Gro\u00dfgrundbesitzer, zum Beispiel, erhalten j\u00e4hrlich eine vor\u00fcbergehende Steuerbefreiung von 195 Milliarden Rupien (ca. 1,5 Milliarden US-Dollar) (ein US-Dollar entsprach zum Zeitpunkt der zitierten Studie 150 Rupien).<\/p>\n<p>Steueraufkommen von 468 Milliarden Rupien (mehr als 2 Milliarden US-Dollar) geht aufgrund von Steuerbefreiungen des Unternehmenssektors verloren. Genauso erhalten Gro\u00dfh\u00e4ndler und Personen mit Gro\u00dfverm\u00f6gen Steuerbeg\u00fcnstigungen im Wert von 612 Milliarden Rupien (2 US-Dollar) jeweils. J\u00e4hrlich werden Steuerbeg\u00fcnstigungen in H\u00f6he von 1275 Milliarden Rupien gew\u00e4hrt. Eine andere Methode, die den Ein Prozent dient (Hauptbeg\u00fcnstigte sind diesmal Exporteure), ist die der Preismechanismen, zust\u00e4ndig f\u00fcr 26%. Dar\u00fcber hinaus ist der privilegierte Zugriff auf Land, Infrastruktur und Kapital (das Milit\u00e4r als Prim\u00e4rempf\u00e4nger) verantwortlich f\u00fcr weitere 24% der 17 Milliarden Rupien des kollektiven Klassenprivilegs.<\/p>\n<p>Ironischerweise betragen die dazugeh\u00f6rigen Kosten der Sozialschutzprogramme ca. 600 Milliarden Rupien (2 Milliarden US-Dollar). Ungef\u00e4hr 10 % der Bev\u00f6lkerung \u2013 lasse man Gesundheit aus \u2013 wird \u00fcber ein Sozialschutznetz gesichert. \u201e\u2026wenn nur 24 Prozent der Privilegien der M\u00e4chtigsten den Armen \u00fcbergeben w\u00fcrde, w\u00fcrde es die verf\u00fcgbaren Vorteile f\u00fcr die armen Pakistaner verdoppeln\u201c, besagt eine Studie des United Nations Development Programme (UNDP).<\/p>\n<p>Aber wie viele Arme gibt es? In dem Land von 220 Millionen Menschen sind mindestens 32% arm. Entsprechend des UNDP Human Development Index (HDI) belegte Pakistan 2021-22 von 192 L\u00e4nden den 161. Platz. Laut einer Umfrage 2017-18, die auf UNDP-Index der mehrdimensionalen Armut zur\u00fcckgriff, konfrontieren 38,3% der Bev\u00f6lkerung mehrdimensionale Armut und 21,5% ernsthafte mehrdimensionale Armut; gleichzeitig sind 12,9% der Bev\u00f6lkerung von Armut gef\u00e4hrdet. Die Intensit\u00e4t der Deprivation betr\u00e4gt 51.7%.<\/p>\n<p><strong>Ungleichheit als Allheilmittel<\/strong><\/p>\n<p>In den 1960ern, wurde die Richtlinie der \u201efunktionalen Ungleichheit\u201c (\u00e0 la Simon Kuznets) vorgestellt. In anderen Worten: Eine Strategie des ungleichen Wachstums, die die Betonung auf Ungleichheit legt, wurde eingerichtet, um der kapitalistischen Klasse eine Kapitalakkumulation zu erm\u00f6glichen, wodurch die Reichen ein h\u00f6heres Level an Ersparnissen erreichen konnten.<\/p>\n<p>Man ging davon aus, dass diese Ersparnisse in die Industrie investiert werden w\u00fcrden, um das wirtschaftliche Wachstum zu f\u00f6rdern. Soweit Ungleichheiten davon betroffen waren, sollte Simon Kuznet\u2019s Theorie auf eine optimistische Zukunft vorbereiten: Marktmechanismen w\u00fcrden \u00fcber die Zeit die Ungleichheit des Ausganspunktes des ungleichen Wachstums \u00fcberkommen. Diese Richtlinie \u201ehat sich bis heute durchgesetzt\u201c, wie Pakistans Wirtschaftsexperte Akmal Hussain in seinem k\u00fcrzlich erschienenen W\u00e4lzer bemerkte.<\/p>\n<p>Das Ergebnis dieser Richtlinien der 1960er wiederholt sich fast alle 10 Jahre: Die Exporte, die auf prim\u00e4ren G\u00fctern und landwirtschaftlichen Erzeugnissen geringer Wertsch\u00f6pfung basieren, k\u00f6nnen mit dem Einfuhrbedarf im rasant wachsenden industriellen Sektor nicht mithalten. Dies f\u00fchrt auf der anderen Seite zu zwei Konsequenzen. Erstens, eine Zahlungsbilanzkrise tritt auf, da sich das Wachstum nach einem Anfangsschub verlangsamt. Zweitens, ausl\u00e4ndische Hilfe wurde\/wird bereitgestellt, um der Konjunkturabschw\u00e4chung entgegenzukommen. Dies ist einer der umstrittenen Wege, die die Festung Europa nutzt, um Pakistan in ewige Schulden zu locken.<\/p>\n<p><strong>Betreten der Festung Europa<\/strong><\/p>\n<p>Verhandlungen mit den Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IMF) fanden statt, w\u00e4hrend diese Zeilen geschrieben wurden. M\u00f6glicherweise gab es die IMF-Pakistan Verhandlungen sogar schon, als 300 Pakistaner 2,3 Milliarden Rupien (7000 US-Dollar) den Menschenh\u00e4ndlern f\u00fcr ihre verh\u00e4ngnisvolle Reise bezahlten. Pakistan hat monatelang f\u00fcr eine 1 Milliarde US-Dollar Tranche gebettelt. Um 1 Milliarde US-Dollar zu sichern, bezahlte Pakistan 12 Milliarden US-Dollar in der ersten H\u00e4lfte des Haushaltsjahres 2021-22 (FY).<\/p>\n<p>Pakistans Gesamtauslandsschulden und -verbindlichkeiten haben 127 Milliarden US-Dollar erreicht (41% des Bruttoinlandsgewinn). Zur selben Zeit haben souver\u00e4ne Anleihen mehr als 60% ihres Werts verloren, Exporte sind um 7% gesunken, Geld\u00fcberweisungen sind um 11% und ausl\u00e4ndische Direktinvestitionen sind um 59% zur\u00fcckgegangen. Inmitten dieses Zustands belaufen sich seine Verpflichtungen zur R\u00fcckzahlung der Auslandsschulden auf 73 Milliarden US-Dollar \u00fcber 3 Jahre (FY 2023-25). Zum jetzigen Zeitpunkt sind die Fremdw\u00e4hrungsreserven auf 4-5 Milliarden US-Dollar gesunken. Pakistan bezahlt mehr als 1 Milliarde US-Dollar im Monat an Schuldentilgung und Zinsen auf \u00f6ffentliche Schulden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Festung Europa das Kapital im Namen der \u201eSchuldentilgung\u201c begr\u00fc\u00dft, werden Pakistans Arbeiter im Mittelmeer dem Ertrinken \u00fcberlassen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/schiffsbruch-in-griechenland-warum-waren-die-haelfte-an-bord-pakistaner\/\"><em>diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 16. Juli 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mindestens 298 Passagiere, die am 14. Juni bei dem Schiffsbruch vor der griechischen K\u00fcste ertranken, waren aus Pakistan. Davon 25 kamen aus demselben Dorf im von Pakistan administrierten Jammu und Kashmir. 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