{"id":13345,"date":"2023-07-17T16:18:29","date_gmt":"2023-07-17T14:18:29","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13345"},"modified":"2023-07-17T16:18:30","modified_gmt":"2023-07-17T14:18:30","slug":"ard-serie-adenauer-cia-und-wichtige-weichen-zur-kontinuitaet-der-nazis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13345","title":{"rendered":"<strong>ARD-Serie: Adenauer, CIA und wichtige Weichen zur Kontinuit\u00e4t der Nazis<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Sybille Fuchs, Wolfgang Weber. <\/em><strong>Wie unter Bundeskanzler Konrad Adenauer die Geheimdienste mit Wehrmachts-, Gestapo- und SS-Verbrechern aufgebaut und die Weichen f\u00fcr die Wiederbewaffnung gestellt wurden.<\/strong><\/p>\n<p>Die spannende ARD-Filmserie \u201eBonn \u2013 Alte Freunde, neue Feinde\u201c von<!--more--> Claudia Garde, die Anfang des Jahres gezeigt worden ist, greift ein hochaktuelles Thema der deutschen Nachkriegszeit auf: Die Wiederbewaffnung des westdeutschen Staates in den 1950er Jahren mit Polizei und Geheimdiensten im Inneren und mit einer Armee f\u00fcr seinen Wiederaufstieg zu einer imperialistischen Milit\u00e4rmacht.<\/p>\n<p>Schon die hervorragende erste Staffel (6 Folgen) der auf historischen Fakten beruhenden Serie untergr\u00e4bt vor einem breiten Publikum die Legende von der \u201eStunde Null\u201c, dem \u201edemokratischen Neuanfang\u201c in Westdeutschland. Die Serie wurde offensichtlich aus diesem Grunde wieder abgesetzt. Die erste Staffel ist nur noch bis zum 24. Juli 2023 in der <a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/serie\/bonn-alte-freunde-neue-feinde\/staffel-1\/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL2Jvbm4\/1\">ARD-Mediathek <\/a>zu sehen. Von der ersten Szene an wird der Zuschauer mitten hineingezogen in ein packendes hochpolitisches Geschehen \u2013 und in die bis ins Detail authentisch wiedergegebene dumpfe gesellschaftliche Atmosph\u00e4re der 1950er Jahre.<\/p>\n<p>Wir sind in den ersten Jahren des Wirtschaftswunders. Jetzt werden die Weichen gestellt f\u00fcr die endg\u00fcltige Westbindung der Bundesrepublik und ihre Wiederbewaffnung. Doch daf\u00fcr braucht es einen starken Staat. Anfang der 1950er Jahre steht dieser noch auf wackeligen Beinen. Millionen von jungen, oft schon gut ausgebildeten M\u00e4nnern sind im Krieg gefallen und fehlen jetzt.<\/p>\n<p>Dazu kommen 150.000 Funktionstr\u00e4ger des Dritten Reichs, die in den ersten Jahren nach dessen Zusammenbruch im Zuge der von den Alliierten angeordneten Entnazifizierungsverfahren als Nazis aus Polizei, Verwaltung und Justiz entlassen worden waren. Mit dem sogenannten 131-Gesetz [1] vom 21. April 1951 erhalten diese das Recht, ohne Gehaltseinbu\u00dfen wieder ihre alten Posten einzunehmen oder satte Ruhestandsgeh\u00e4lter zu kassieren. Eine Ausnahme sind die ganz wenigen hohen Funktion\u00e4re und Nutznie\u00dfer des NS-Regimes, die sich keinen \u201ePersilschein\u201c besorgen hatten k\u00f6nnen, wie entlastende Zeugenaussagen von Freunden, Bekannten oder \u201eParteigenossen\u201c im Volksmund genannt wurden. Sie gelten daher weiter als \u201eHauptbeschuldigte\u201c oder \u201eBelastete\u201c.<\/p>\n<p>Aber nun toben in den Medien die \u201eSchlussstrich-Debatten\u201c, in denen ein Ende der \u201eVerfolgung\u201c auch dieser Personen gefordert wird und die Befreiung der \u201evon den Alliierten Verurteilten und in Gef\u00e4ngnissen Schmachtenden\u201c \u2013 gemeint sind die in den N\u00fcrnberger Prozessen als Kriegsverbrecher verurteilten Nazis. Von Entnazifizierung ist nicht mehr die Rede. Stattdessen wird von Regierung, Parteien und Medien ganz im Zeichen des Kalten Krieges ein hemmungsloser, eins zu eins von den Nazis \u00fcbernommener Antikommunismus verbreitet.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund entfalten sich die pers\u00f6nlichen Schicksale der Protagonisten der Serie.<\/p>\n<p>Der Film setzt ein im Jahr 1954. Die junge Antonie Schmidt (Mercedes M\u00fcller) kehrt gerade von ihrem Jahr als Au Pair in London in die rheinische Heimat, ins Wirtschaftswunderland zur\u00fcck. Ihr Vater, Gerd Schmidt (J\u00fcrgen Maurer), profitiert nicht nur vom boomenden Wiederaufbau und ist zu betr\u00e4chtlichem Wohlstand gekommen. Er ist auch bestens politisch vernetzt. Tonis Bruder gilt seit der Ardennenschlacht als vermisst. Seine Mutter Else (Katharina Marie Schubert) verfolgt jeden Tag die Suchmeldungen des Roten Kreuzes und hofft vergeblich auf ein Lebenszeichen.<\/p>\n<p>Ihr Vater jedoch scheint sich mit dem Verlust abgefunden zu haben und geht seinen Gesch\u00e4ften nach. Ihre Schwester Ingrid (Luise von Finkh) arbeitet im aufbl\u00fchenden Fernsehgesch\u00e4ft bei Tonis Verlobtem Hartmut Redlich (Julius Feldmeier), der auf die baldige Heirat mit Toni hofft und so schnell wie m\u00f6glich eine Familie gr\u00fcnden und ein Haus bauen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Eigentlich ist ihr weiterer Lebensweg vorprogrammiert. Aber Toni hat andere Pl\u00e4ne. Sie m\u00f6chte sich als Fremdsprachensekret\u00e4rin bewerben. Ihr Vater stimmt nur unter der Bedingung zu, dass er es ist, der ihr eine passende Stellung vermittelt.<\/p>\n<p>All diese fiktiven Personen verk\u00f6rpern recht typische Charaktere der damaligen Zeit.<\/p>\n<p><strong>Reinhard Gehlen \u2013 Schutzpatron der alten Nazis<\/strong><\/p>\n<p>Aber daneben treten wichtige historische Personen der Zeitgeschichte auf. Dazu geh\u00f6rt vor allem ein alter Kriegskamerad von Gerd Schmidt, Reinhard Gehlen (Martin Wuttke), nach Kriegsende Chef des nach ihm benannten Geheimdienstes \u201eOrganisation Gehlen\u201c, der 1956 als Bundesnachrichtendienst (BND) mit Gehlen als Pr\u00e4sident direkt in den deutschen Staatsapparat integriert wird. Schmidt stellt diesem seine Tochter vor, und sie erh\u00e4lt dort eine Stelle als Sekret\u00e4rin, zun\u00e4chst neben anderen Kolleginnen in einem Gro\u00dfraumb\u00fcro. Aber schon bald steigt sie aufgrund ihrer Sprachkenntnisse zu Gehlens Privatsekret\u00e4rin auf.<\/p>\n<p>Gehlen, ehemaliger Generalmajor der Wehrmacht und Chef des milit\u00e4rischen Geheimdienstes Abteilung Fremde Heere Ost (FHO), hatte sich nach der Kapitulation der Wehrmacht samt seinem Spezialwissen \u00fcber die Sowjetunion der amerikanischen Besatzungsmacht und ihrem Geheimdienst zur Verf\u00fcgung gestellt. Ab 1946 baut Gehlen seine \u201eOrganisation Gehlen\u201c auf, unter \u201eSchlapph\u00fcten\u201c nur \u201eOG\u201c genannt, und zwar im Auftrag der CIA und mit deren finanzieller Unterst\u00fctzung. Der amerikanische Geheimdienst ist besonders daran interessiert, Informationen \u00fcber ihren ehemaligen Verb\u00fcndeten, die Sowjetunion zu sammeln, aber auch \u00fcber die politische Parteienlandschaft und die f\u00fchrenden Politiker in West- und Ostdeutschland.<\/p>\n<p>Gehlen nutzt die Organisation und ihre Nebenorganisationen als Auffangbecken f\u00fcr alte Seilschaften aus der SS, der Gestapo, der Wehrmacht ungeachtet der Tatsache, dass viele von ihnen Naziverbrecher und Massenm\u00f6rder sind. Er besch\u00e4ftigt sie als freie und teils auch als hauptamtliche Mitarbeiter. [2]<\/p>\n<p>Gehlen h\u00e4lt auch engste Verbindungen zu fr\u00fcheren Organisatoren des Holocaust wie Alois Brunner (Andr\u00e9 Eisermann) aufrecht. Brunner war die rechte Hand von Adolf Eichmann bei der Deportation von Millionen Juden aus ganz Europa und ihrer Ermordung in Auschwitz, Treblinka, Sobibor und anderen Konzentrationslagern gewesen.<\/p>\n<p>Eine der eindrucksvollsten Szenen ist, wie Gehlen Brunner in einer Zechenkaue pers\u00f6nlich triff: Mit der Rolltreppe kommt von unten ein von Kohlestaub eingedeckter Bergmann, das Gesicht vollkommen eingeschw\u00e4rzt. Nach einem kurzen Augenblick freudiges Wiedererkennen, die beiden M\u00e4nner liegen sich mit den Ausrufen \u201eReinhard! \u2013 Alois!\u201c in den Armen. Dann \u00fcbergibt Gehlen Brunner einen Packen Geld und einen neuen Reisepass mit den Worten: \u201eVon nun an Dr. Georg Fischer!\u201c [3]<\/p>\n<p>Gespenstisch auch die Szene, in der er sich an \u201eF\u00fchrers Geburtstag\u201c im Fackelschein mit ehemaligen Wehrmachtsoffizieren \u2013 darunter auch Tonis Vater \u2013, alten und jungen Gestapo- und SS-Leuten trifft, alles Mitglieder der \u201eOrganisation Gehlen\u201c. Sie feiern jedoch nicht nur nostalgisch die alten Zeiten, sondern bereiten gleichzeitig die neuen vor, indem sie gro\u00dfe Waffenlager anlegen, um sich auf eine Konfrontation mit dem alten und neuen Feind, der Sowjetunion vorzubereiten.<\/p>\n<p><strong>Otto Johns Jagd auf Nazi-Verbrecher<\/strong><\/p>\n<p>Die zweite wichtige Person der Zeitgeschichte, die den Verlauf der Handlung bestimmt, ist der erste Pr\u00e4sident des Bundesverfassungsschutzes Otto John (Sebastian Blomberg). Dieser war 1951 nach monatelangem vergeblichen Suchen nach einer geeigneten, nicht NS-belasteten Person von den britischen Alliierten f\u00fcr diesen Posten gegen den Widerstand von Seiten der Adenauer-Regierung durchgesetzt worden.<\/p>\n<p>John gilt den Briten als \u201eWiderstandsk\u00e4mpfer\u201c, weil er zum engsten Kreis der im Milit\u00e4r angesiedelten Opposition um Schenk Graf von Stauffenberg gegen Hitler geh\u00f6rt hatte. John war f\u00fchrend an der Planung des fehlgeschlagenen Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944 beteiligt. Als jedoch im Radio \u201edas \u00dcberleben des F\u00fchrers Hitlers\u201c bekanntgegeben wurde, konnte er sich verstecken und \u00fcber Madrid und Lissabon ins Exil nach Gro\u00dfbritannien fliehen. Sein ebenfalls an der Verschw\u00f6rung beteiligter Bruder indes wurde gefasst, zum Tode verurteilt und per Genickschuss hingerichtet.<\/p>\n<p>John hat den Posten nicht mit Begeisterung angenommen, dann jedoch eine Chance darin gesehen, mit Hilfe dieses Amtes und seiner Agenten einige Naziverbrecher aufzusp\u00fcren und vor Gericht zu bringen. Doch drei Jahre sp\u00e4ter, 1954, zur Zeit der Filmhandlung, ist er in seinem eigenen Amt umzingelt von SS-Leuten, Gestapo- und Wehrmachtsoffizieren, die Gehlen mit Unterst\u00fctzung von Johns Vorgesetztem im Bundesinnenministerium, Staatssekret\u00e4r Hans Ritter von Lex (tritt im Film nicht namentlich auf), und von seinem Freund im Kanzleramt Hans Globke (Sascha Nathan) dort platzieren hat k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die gesamte Handlung des Fernsehdramas wird bestimmt von der erbitterten Feindschaft Gehlens und seiner Helfer gegen Otto John. Gehlen hasst John, weil er zum Kreis der Stauffenberg-Attent\u00e4ter geh\u00f6rt hat und danach \u201ezum Feind \u00fcbergelaufen\u201c ist und f\u00fcr die britische Armee gearbeitet hat. Zudem hat Gehlen urspr\u00fcnglich auf die \u00dcbernahme von dessen Posten als Verfassungsschutzpr\u00e4sident gehofft. Im Film wird deutlich, dass eigentlich alle Abteilungsleiter des Verfassungsschutzes auf Seiten Gehlens stehen. Nur einer seiner Agenten, Wolfgang Berns, und seine Sekret\u00e4rin sind loyal zu ihrem Chef.<\/p>\n<p>John sp\u00fcrt schon lange, dass er auf verlorenem Posten steht. In der ersten Folge der Serie, bei einer Silvesterfeier von Freunden aus seiner Zeit im Exil in London, prangert er die Politik der westdeutschen Bundesregierung und die Wiedereingliederung der Altnazis in hohe politische \u00c4mter an. Angewidert ruft er aus: \u201eEntnazification is a joke\u201c (Entnazifizierung ist ein Witz).<\/p>\n<p>Es sind die Gastgeber dieser Feier, bei denen Toni als Au-pair gearbeitet hat, und so bekommt sie diesen Ausbruch der Emp\u00f6rung \u00fcber die politischen Verh\u00e4ltnisse mit, wechselt einige Worte mit John und wird zum Nachdenken angeregt.<\/p>\n<p><strong>Adenauers Devise: \u201eMan sch\u00fcttet kein dreckiges Wasser weg, solange man kein sauberes hat\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Der 1949 unter der Oberhoheit der Westalliierten gegr\u00fcndete westdeutsche Staat mit seiner vorl\u00e4ufigen Hauptstadt Bonn wurde von 1949 bis 1963 von Bundeskanzler Konrad Adenauer regiert, der allerdings in keiner einzigen Szene des Filmes gezeigt wird. Es ist der Staatssekret\u00e4r im Bundeskanzleramt, seit 1953 dessen Chef, Hans Maria Globke (Sascha Nathan), der f\u00fcr ihn die Arbeit aller Ministerien koordinierte, die Geheimdienste kontrolliert, die wichtigsten Entscheidungen der Personalpolitik und der CDU-F\u00fchrung trifft oder vorbereitet.<\/p>\n<p>In der Nazizeit war er Mitverfasser der N\u00fcrnberger Rassegesetze und Autor des ma\u00dfgeblichen Kommentars zu diesen Gesetzen, der die Rechtsgrundlage f\u00fcr konkrete Gerichtsurteile und Ma\u00dfnahmen der SS und Gestapo zur Verfolgung und Vernichtung der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung bildete. Globke tritt im Film immer wieder auf, so wie er in der Wirklichkeit agierte: als graue Eminenz im Hintergrund, bei kontroversen Sitzungen bis zuletzt schweigend zuh\u00f6rend, wobei alle Anwesenden wissen, dass er es ist, der am Ende das Sagen hat. Er steht unaufh\u00f6rlich in telefonischem Kontakt mit Gehlen und stellt gemeinsam mit diesem die Weichen, um John mit seinen Bem\u00fchungen um die Verfolgung von Naziverbrechern ins Leere laufen zu lassen.<\/p>\n<p>Fr\u00fchzeitig wird in der Geschichte der Bundesrepublik Adenauer kritisiert wegen Globkes Nazivergangenheit und dessen Rolle als engster Berater des Kanzlers und Manager der gesamten Regierung. Auch R\u00fccktrittsforderungen werden laut. Doch Adenauer verteidigt ihn zehn Jahre lang mit der zynischen Redensart: \u201eMan sch\u00fcttet kein dreckiges Wasser weg, solange man kein sauberes hat\u201c.<\/p>\n<p><strong>Geheime Waffenlager und paramilit\u00e4rische Truppen<\/strong><\/p>\n<p>Parallel zu und verflochten mit den verbrecherischen Machenschaften von Globke und Gehlen auf der einen Seite und auf der anderen Johns Versuchen, den braunen Sumpf aufzudecken, entfaltet sich die fiktive Familiengeschichte der Schmidts.<\/p>\n<p>Zur\u00fcckgekehrt aus England, bringt Toni nicht nur die Beherrschung der englischen Sprache mit, sondern auch einen kritischen Blick auf die Gesellschaft und bohrende Fragen zur Vergangenheit Deutschlands \u2013 und ihrer Eltern.<\/p>\n<p>Sie st\u00f6\u00dft damit sofort auf Widerstand, auf eine beklemmende Atmosph\u00e4re des Verschweigens, der vielsagenden Andeutungen oder des vehementen Abstreitens jeglicher Beteiligung an den m\u00f6rderischen Verbrechen der Nazis, ja sogar nur des Wissens davon.<\/p>\n<p>Die spannungsgeladenen Szenen am Familientisch oder im Hof des v\u00e4terlichen Betriebes sind ein Meisterst\u00fcck des Drehbuchs, weil sie sich so oder \u00e4hnlich tats\u00e4chlich in Millionen von deutschen Familien oder auch Arbeitsst\u00e4tten abgespielt haben.<\/p>\n<p>Doch w\u00e4hrend in den meisten dieser Millionen von Familien, Firmen, \u00f6ffentlichen \u00c4mtern, Universit\u00e4ten bis in die sp\u00e4ten 1960 Jahre und l\u00e4nger der Mantel des Schweigens und Verschweigens \u00fcber die braune Vergangenheit weiter ausgebreitet blieb oder die Fragen danach von den Kindern oder Kollegen gar nicht erst gestellt werden, bringt im Film Toni mit ihren ebenso unbefangenen wie unnachgiebigen Fragen und ihren auf eigene Initiative angestellten Nachforschungen frische Luft in die miefige Stube und Geheimnisse aus der Nazizeit ans Licht.<\/p>\n<p>Nach und nach wird Toni klar, welche Rolle ihr Vater bei der Erschie\u00dfung ihres Bruders durch die Wehrmacht gespielt hat. Zum Beispiel erf\u00e4hrt sie, dass ihr Bruder mit ausdr\u00fccklicher Billigung ihres Vaters als Deserteur erschossen wurde. Den unehelichen j\u00fcdischen Sohn seiner Frau hatte er \u201ewie sein eigenes Kind\u201c angenommen, wof\u00fcr er offensichtlich die Baufirma von dessen Familie f\u00fcr einen Spottpreis hatte \u00fcbernehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Toni, und mit ihr die Zuschauer, erhalten eine Vorstellung davon, in welcher Weise Altnazis und ihre Hinterm\u00e4nner die Geschichte und Gesellschaft, in der sie lebt, die \u201eBonner Republik\u201c, entscheidend pr\u00e4gen. Sie entscheidet sich, John zu helfen, dem sie zuf\u00e4llig, bei dem erw\u00e4hnten Gerichtsprozess gegen einen Nazi-Verbrecher, wiederbegegnet ist.<\/p>\n<p>Immer wieder hat Toni das Wort \u201eScipio\u201c aufgeschnappt und fragt sich, was wohl dahintersteckt. Sie beobachtet, wie nachts Lastwagen der Firma ihres Vaters schwer beladen mit Kisten vom Hof fahren und geht der Sache nach. Es sind Gewehre und Panzerf\u00e4uste in der Kiste, die sie \u00f6ffnet. Sie versteckt sich unter einer Plane und f\u00e4hrt mit in ein unterirdisches Waffenlager und ist entsetzt von dem, was sie sieht. Nat\u00fcrlich ist auch hier Gehlen der Drahtzieher, was Toni mit der Professionalit\u00e4t einer geborenen Top-Agentin herausfindet. Otto John, von Toni informiert, gibt ihr den Auftrag herauszufinden, wer \u201eScipio\u201c finanziell unterst\u00fctzt. Auch diese Aufgabe l\u00f6st sie sofort und erfolgreich: Im B\u00fcro ihres Vaters wird sie f\u00fcndig und st\u00f6\u00dft auf eindeutige Zahlungen.<\/p>\n<p>Der Film spielt hier auf eine historische Tatsache an, die damals wie heute kaum im \u00f6ffentlichen Bewusstsein ist. Der Deckname \u201eScipio\u201c ist fiktiv, nicht jedoch die Existenz einer illegalen, paramilit\u00e4rischen Kampftruppe, die nach dem Vorbild der Freikorps am Ende des Ersten Weltkriegs 30 Jahre sp\u00e4ter von Gehlens Ex-Wehrmachtsoffizieren und jungen Faschisten aufgebaut worden ist.[4]<\/p>\n<p><strong>Die Jagd auf Alois Brunner<\/strong><\/p>\n<p>Ein besonderes Anliegen ist Otto John und scheinbar auch seinem loyalen Mitarbeiter Wolfgang Berns die Verfolgung und Verhaftung von Alois Brunner. Doch Berns Rolle erscheint anfangs dubios, denn er verhindert zun\u00e4chst, dass Brunner gefasst wird, indem er John eine falsche Information \u00fcber dessen Aufenthalt zukommen l\u00e4sst. John zweifelt an ihm und auch der Zuschauer, zumal Berns auch enge Beziehungen zu einer Ostagentin (Maike Elena Schmidt) hat, die mehrfach auftaucht.<\/p>\n<p>Erst in der sechsten Folge wird der Hintergrund klar. Berns geh\u00f6rte im Krieg selbst zur SS und hatte Brunner als Fahrer gedient, war somit bis ins Detail \u00fcber dessen Pl\u00e4ne informiert. Er hatte so viele Juden vor der Deportation warnen und retten k\u00f6nnen. Doch Brunner kam ihm auf die Schliche und lie\u00df \u201ezur Strafe\u201c seine Frau und seine Tochter grausam ermorden.<\/p>\n<p>Das ist der Grund, weshalb Berns besessen davon ist, Brunner pers\u00f6nlich zur Strecke bringen und dies nicht den zweifelhaften \u201eKollegen\u201c des Verfassungsschutzes und der Polizei zu \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Doch Berns Vorhaben scheitert kl\u00e4glich. Brunner kann mit Hilfe eines \u201efreien Mitarbeiters\u201c von Gehlen entkommen. Berns wird schwer verletzt, kann aber durch einen rettenden Engel in letzter Minute vor dem Tode bewahrt werden: Toni, inzwischen nicht nur von heftiger, aber uneingestandener Liebe zu Berns entbrannt, sondern auch als Agentin routiniert, hat seine und Brunners Spur rechtzeitig herausfinden und ihr folgen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In der Zwischenzeit ist Otto John zu dem Entschluss gekommen, gegen Gehlen in die Offensive zu gehen. Er kann sich nicht vorstellen, dass Regierung und Alliierte von Gehlens illegalen unterirdischen Waffenlagern und paramilit\u00e4rischen Truppen wissen, und will sie und Gehlen selbst mit den Erkenntnissen dar\u00fcber konfrontieren, die er mit Hilfe Tonis gewonnen hat.<\/p>\n<p>Er plant dies als einen gro\u00dfen Coup. Als gute Gelegenheit daf\u00fcr w\u00e4hlt er die offizielle Feier zum Gedenken an das Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler. Otto John er\u00f6ffnet die Veranstaltung, ist emotional extrem aufgew\u00fchlt. Doch kaum hebt er in seiner Rede an, auf \u201eseine Enth\u00fcllungen\u201c zu sprechen, wird aus dem erhofften Triumph ein Fiasko.<\/p>\n<p>Kanzleramtsminister Globke und der hohe US-Offizier reagieren ganz anders als erwartet, sie lassen ihn nicht einmal zu Wort kommen: \u201eScipio\u201c laufe mit Wissen der Regierung ab und werde von den Alliierten finanziell und logistisch unterst\u00fctzt. Die Ermittlungen Johns in dieser Sache seien unverz\u00fcglich einzustellen. Gehlen triumphiert.<\/p>\n<p>Verzweifelt \u00fcber sein Scheitern entschlie\u00dft sich John auf Anraten seiner Frau (Inga Busch), in die DDR zu gehen, um dort durch Gespr\u00e4che mit \u2013 wie er hofft \u2013 hohen Vertretern der DDR-Regierung und auch des Moskauer stalinistischen Regimes, die Eskalation der Aufr\u00fcstung auf beiden Seiten verhindern und einen Schritt zur Wiedervereinigung herbeif\u00fchren zu k\u00f6nnen. In einer \u00fcber Radio aus Ost-Berlin \u00fcbertragenen pers\u00f6nlichen Erkl\u00e4rung begr\u00fcndet John seinen Grenz\u00fcbertritt in die DDR, indem er die Adenauer-Regierung und ihre Politik, die Teilung Deutschlands zu zementieren, die Re-Nazifizierung und Wiederbewaffnung voranzutreiben, scharf angreift.<\/p>\n<p>In Politik und Medien wird \u201eger\u00e4tselt\u201c \u00fcber sein Motiv: Ist er ein \u00dcberl\u00e4ufer oder ist er entf\u00fchrt worden? Gehlen hat da eine eindeutige Meinung: \u201eEinmal Verr\u00e4ter, immer Verr\u00e4ter.\u201c<\/p>\n<p><strong>Eine hervorragende Team-Leistung der Schauspieler, der Regie und des Drehbuchs<\/strong><\/p>\n<p>Hier endet die erste Serie der Filmreihe und sie endet, wie es bei Filmserien \u00fcblich ist, die Appetit auf weitere Folgen machen wollen. Der Fortgang der wichtigsten Handlungsstr\u00e4nge wird offengelassen: das weitere Schicksal von Otto John, die Liebesgeschichte zwischen Toni und Wolfgang Berns, aber auch, f\u00fcr geschichtlich etwas informierte Zuschauer, der Aufstieg Gehlens zum Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND), der sp\u00e4te Sturz von Globke zu Beginn einer neuen \u00c4ra der Nachkriegsgeschichte in Deutschland Anfang der 1960er Jahre \u2013 alles, was den Zuschauer brennend interessieren d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Das Interesse der zahlreichen Zuschauer der Erstausstrahlung an einer Fortsetzung der Serie wird auch durch die \u00fcberragenden Leistungen der Darsteller geweckt.<\/p>\n<p>Sie alle hatten sich, wie auch die Dokumentation \u201eThe making of \u2026\u201c zu der Serie bezeugt, \u00e4u\u00dferst gr\u00fcndlich in die ihnen urspr\u00fcnglich v\u00f6llig fremde Zeit der 1950er Jahre eingearbeitet und die pers\u00f6nlichen Charaktere der Protagonisten studiert, die sie darstellen sollten. Dies ist ihnen hervorragend gelungen.<\/p>\n<p>Das \u00fcberragende Spiel des ber\u00fchmten Schauspielers Martin Wuttke in der Rolle Reinhard Gehlens vermittelt dabei den Eindruck, als habe er diesen von den Toten wiedererweckt, zur\u00fcck in das Leben eines menschenverachtenden Zynikers, der immer rechtzeitig wittert, woher in der gro\u00dfen Weltpolitik der Wind weht, nach dem er konsequent sein eigenes berufliches Fortkommen nach oben in die Zentren der Macht ausrichtet. Genauso treffsicher wei\u00df er dabei in den kleinen Dingen des privaten Lebens die Schwachstellen derer auszumachen, die es wagen, sich ihm in den Weg zu stellen. Wie ein Cham\u00e4leon kann er seine Rolle wechseln von der eines faschistischen Mafiabosses, der k\u00fchl seinen Mitarbeitern die Mordauftr\u00e4ge erteilt, in die des f\u00fcrsorglichen v\u00e4terlichen Freundes der Tochter seines Freundes.<\/p>\n<p>Und all dies mit einem Minimum an Worten und Minenspiel, wie ein Schachspieler, der sich des Erfolges seiner verwinkelten, f\u00fcr seine Gegner undurchschaubaren Z\u00fcge sicher ist. Gehlen hat diese Selbstsicherheit gewonnen, weil er fr\u00fchzeitig, schon in den letzten Kriegsmonaten die USA als die nach 1945 dominierende Weltmacht ausgemacht und sich mit ihr arrangiert hat, er daher die Staatsmacht und Regierung in Westdeutschland, f\u00fcr die er arbeitet, hinter sich wei\u00df im Kampf gegen Nazifeinde wie Otto John.<\/p>\n<p>Dieser ist das genaue Gegenteil von ihm: hochemotional, wortreich die Jagd auf die Nazi-Verbrecher fordernd, um im n\u00e4chsten Moment tief verzweifelt zum Whisky-Glas zu greifen, verzweifelt ob seiner Ohnmacht trotz seiner hoher Position als Pr\u00e4sident des Bundesamts f\u00fcr Verfassungsschutz; impulsiv, undurchdacht und naiv in seinem Agieren, vor allem wenn er glaubt, in der gro\u00dfen Politik mitmischen und damit die Wiedervereinigung zu einem neutralen Deutschland erreichen und die Wiederbewaffnung verhindern zu k\u00f6nnen, so wie dies bei seinem Grenz\u00fcbertritt in die DDR wohl der Fall war.<\/p>\n<p>Sein politisch wie pers\u00f6nlich schwankender, widerspr\u00fcchlicher Charakter wurzelt in dem politischen Umstand, dass er seine leidenschaftliche Verfolgung von Nazi-Verbrechern mit denselben herrschenden Eliten und Institutionen des Kalten Krieges f\u00fchren will, die im Westen zur Absicherung ihrer Herrschaft die Nazis l\u00e4ngst wieder im Staat integriert haben. Eine wenig \u00fcberzeugende, eher traurige Gestalt mit einem zur Erfolglosigkeit verurteilten Vorhaben \u2013 von Sebastian Blomberg sehr \u00fcberzeugend und erfolgreich verk\u00f6rpert.<\/p>\n<p>Zu den Widerspr\u00fcchlichkeiten des Charakters des realen Otto John geh\u00f6rt die Tatsache, dass er zwar ein unvers\u00f6hnlicher Gegner der Naziverbrecher und des Nationalsozialismus war, und dies schon seit der Macht\u00fcbergabe an Hitler durch die herrschenden Eliten in Deutschland 1933. Aber er teilte mit ihnen den vehementen Antikommunismus und die Feindschaft gegen die Sowjetunion. Beides war schon ein Merkmal des milit\u00e4rischen Widerstands gegen Hitler, dem Otto John sich angeschlossen hatte und der zum Attentat vom 20. Juli 1944 f\u00fchrte. Beides geh\u00f6rte auch zur programmatischen Grundlage des Bundesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz unter seinem ersten Pr\u00e4sidenten Otto John.<\/p>\n<p>Aber auch die weniger hochgestellten Personen, eher durchschnittlichen, aber typischen \u00e4lteren Vertreter der von neuem Wirtschafsaufschwung, alten ideologischen Lasten und unges\u00fchnten Verbrechen des Dritten Reiches gepr\u00e4gten Gesellschaft, wie Vater und Mutter Schmidt, haben sehr gute Schauspieler gefunden; ebenso junge Menschen wie Tonis Schwester Ingrid oder Tonis Verlobter, die von der Vergangenheit nichts wissen, sondern nur die Gegenwart genie\u00dfen und gesellschaftlichen Aufstieg und Erfolg erreichen wollen.<\/p>\n<p>Eine besondere W\u00fcrdigung verdienen Drehbuchautorin Claudia Garde als Erfinderin und Mercedes M\u00fcller als Darstellerin der Kunstfigur Toni Schmidt. Diese Figur wirkt mit ihrer jugendlich-frischen und gleichzeitig beharrlichen, irgendwie kantigen, unangepassten Art auf ihrer Suche nach Antworten auf ihre Fragen in der miefigen, zutiefst kranken und verlogenen Gesellschaft der 1950er Jahre wie ein Fremdk\u00f6rper, wie aus dem 21. Jahrhundert 70 Jahre zur\u00fcckgefallen.<\/p>\n<p>Dabei hat sie gleich zwei entscheidende Aufgaben zu erf\u00fcllen: zum einen das damalige Vertuschen und Verschweigen aufzubrechen und die Wahrheit \u00fcber die Vergangenheit herauszufinden, zum anderen die j\u00fcngeren Generationen unter den Zuschauern des Filmes dabei mitzunehmen und ihnen einen leichteren Zugang zu den komplexen und bedr\u00fcckenden politischen und gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen in den Gr\u00fcnderjahren der Bundesrepublik Deutschland, zum Leben ihrer Eltern und Gro\u00dfeltern zu erleichtern.<\/p>\n<p>Auch wenn der unaufhaltsame Aufstieg Tonis als Top-Agentin, die sich von Erfolg zu Erfolg schwingt, am Ende etwas unglaubw\u00fcrdig wirkt: Beide Aufgaben sind mit Bravour gel\u00f6st worden.<\/p>\n<p><strong>Die aktuelle politische Brisanz der Serie<\/strong><\/p>\n<p>Als historischer Spielfilm \u00fcberragt die Serie viele dokumentarischen, aber weichgesp\u00fclten Geschichtssendungen im Fernsehen, die zwar oft faktenreich, aber in der Interpretation extrem oberfl\u00e4chlich und irref\u00fchrend sind.<\/p>\n<p>Sie greift Themen auf, die bis heute hei\u00df geblieben, ja seit der Wende der deutschen Au\u00dfenpolitik zu aggressiver Aufr\u00fcstung und zu einem erneuten Eroberungskrieg gegen Russland in der Ukraine so aktuell wie nie zuvor geworden sind.<\/p>\n<p>Welcher Zuschauer denkt bei den kriminellen Operationen Gehlens zum Aufbau paramilit\u00e4rischer Truppen nicht an den vom Verfassungsschutz finanzierten und wahrscheinlich auch gef\u00fchrten NSU und seine zahlreichen Morde? Oder an die rechtsradikalen, bis weit in die Bundeswehr hinein reichenden faschistischen Banden mit ihren Waffenlagern und langen Listen von zu liquidierenden Politikern, und an die Drohbriefe an Anw\u00e4lte oder an unbequeme K\u00fcnstler und K\u00fcnstlerinnen?<\/p>\n<p>Wer denkt bei den Debatten um die Wiederbewaffnung und Atomr\u00fcstung Westdeutschlands damals nicht an die gigantischen Summen von Hunderten von Milliarden Euro, mit denen Deutschland heute in k\u00fcrzester Zeit zur f\u00fchrenden Milit\u00e4rmacht Europas aufger\u00fcstet werden soll?<\/p>\n<p>Der blanke, alle demokratischen Grundrechte verletzenden Antikommunismus, der in den 1950er Jahren so virulent war, er wird heute wieder mobilisiert, um die staatliche Repression aller Organisationen und Menschen zu rechtfertigen, die f\u00fcr eine fortschrittlichere, egalit\u00e4re, sozialistische Gesellschaftsform eintreten.<\/p>\n<p>Das Verbot der KPD 1956 und die Begr\u00fcndungen daf\u00fcr, die vom Bundesinnenministerium genau in den Jahren, in denen der Film spielt, vom Vorgesetzten Otto Johns, dem Staatssekret\u00e4r Hans Ritter von Lex vorbereitet worden sind, sie werden heute wieder von den Staatsanw\u00e4lten und Richtern in den Gerichtsverhandlungen \u00fcber die Klage der Sozialistischen Gleichheitspartei gegen das Bundesinnenministerium im Wortlaut zitiert, um die \u00dcberwachung und Bespitzelung der SGP durch den Verfassungsschutz zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Regisseurin und Drehbuchautorin, Schauspielerinnen und Schauspieler der Filmserie \u00e4u\u00dfern sich jedenfalls in dem gesonderten Filmbeitrag \u201eThe making of &#8230;\u201c v\u00f6llig geschockt \u00fcber die verbrecherischen Machenschaften, mit denen in den h\u00f6chsten Regierungskreisen der BRD w\u00e4hrend der 1950er Jahre die Geheimdienste aufgebaut, die Wiedervereinigung Deutschlands verhindert und stattdessen seine Wiederbewaffnung vorangetrieben worden ist; geschockt auch gerade wegen der Parallelen zur heutigen Zeit.[5]<\/p>\n<p>\u201eIch habe sehr, sehr viel gelernt \u00fcber diese Zeit und diese erschreckenden Vorg\u00e4nge\u201c, so das einhellige Urteil des Filmteams. Und so wird es auch den meisten Zuschauern gehen.<\/p>\n<p>Die Untergrabung der Legende von der \u201eStunde Null\u201c, vom \u201edemokratischen Neuanfang des deutschen Staates\u201c nach 1945 und damit die Untergrabung der Autorit\u00e4t dieses bis an die Z\u00e4hne bewaffneten, antidemokratischen Staates von heute bei einem gro\u00dfen Publikum \u2013 auf dieser Wirkung des Films beruht seine politische Brisanz und sein politisches Verdienst.<\/p>\n<p>Sie ist wohl auch der Grund f\u00fcr den ungew\u00f6hnlichen Abbruch der Serie durch die Programmdirektion der ARD und f\u00fcr die ebenso ungew\u00f6hnlich kurze Verweildauer der erfolgreichen ersten Staffel in der Mediathek.[6]<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p>1) Bereits die \u201eV\u00e4ter des Grundgesetzes\u201c hatten sich 1949 um diese Personen Sorgen gemacht. Sie nahmen extra einen Artikel in das Grundgesetz auf, Artikel 131 GG, der besagt, dass die \u201eRechtsverh\u00e4ltnisse dieser Personen\u201c per Gesetz geregelt werden m\u00fcssen. Zwei Jahre sp\u00e4ter wird dieses Gesetz beschlossen. Daher der Name \u201e131er Gesetz\u201c, auch Re-Nazifizierungsgesetz genannt. Vergleiche Manfred G\u00f6rtemaker, Christoph Safferlin, \u201eDie Akte Rosenburg. Das Bundesministerium der Justiz und die NS-Zeit.\u201c M\u00fcnchen 2016, S. 160ff<\/p>\n<p>2) Sehenswert dazu die j\u00fcngste <a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/video\/ard-history\/moerder-bevorzugt-wie-der-bnd-ns-verbrecher-rekrutierte\/das-erste\/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL2dlc2NoaWNodGUtaW0tZXJzdGVuLzFhM2VkMzYxLTU2ZTMtNDk3Ny05ODQyLTNjNjUyOTY2Y2Q3MA\">ARD-Doku<\/a> in der Mediathek mit dem Titel \u201eM\u00f6rder bevorzugt, wie der BND NS-Verbrecher rekrutierte\u201c. Sie st\u00fctzt sich auf die Ergebnisse der Unabh\u00e4ngigen Historikerkommission zur Erforschung und Ver\u00f6ffentlichung der Geschichte des BND, die 2011 ins Leben gerufen worden ist.<\/p>\n<p>Siehe auch den WSWS-Artikel: <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2017\/12\/09\/gehl-d09.html\">Wie Gehlen den BND als Staat im Staat aufbaute<\/a> von Wolfgang Weber.<\/p>\n<p>3) Dass Reinhard Gehlen dem Massenm\u00f6rder Alois Brunner so oder \u00e4hnlich zu einer neuen Identit\u00e4t und zur Flucht verholfen hat, wird von Historikern schon seit Jahrzehnten vermutet. Beweise aber wurden nie gefunden, nur Indizien, vor allem weil der BND und auch der Verfassungsschutz die Akten zu dem Fall \u201eAlois Brunner\u201c nicht herausger\u00fcckt haben. Vor kurzem erst ist es der Organisation <em>FragDenStaat <\/em>gelungen, das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz zu zwingen, knapp 400 Seiten dieser Akten zur Ver\u00f6ffentlichung freizugeben: <a href=\"https:\/\/fragdenstaat.de\/blog\/2023\/06\/30\/alois-brunner-gehlen-akten-verfassungsschutz\/\">Die Geheimdienstakten \u00fcber Alois Brunner.<\/a><\/p>\n<p>Darin wird schon die entscheidende Hilfe der \u201eOrganisation Gehlen\u201c bei der Flucht Brunners, aber auch die Tatsache deutlich, dass die deutschen, amerikanischen und israelischen Geheimdienste seit mehr als einem halben Jahrhundert \u00fcber den Aufenthaltsort Brunners Bescheid wussten und die Spuren zu ihm verwischten. Brunner konnte so bis zu seinem Tod im Jahr 2001 unbehelligt unter dem Schutz der deutschen Geheimdienste leben.<\/p>\n<p>Wichtigstes Indiz f\u00fcr die entscheidende aktive Rolle Gehlens und des von ihm gef\u00fchrten Geheimdienstes ist die Tatsache, dass der BND selbst in den 1990er Jahren eine 581 Seiten starke Akte \u201eAlois Brunner\u201c vernichtet hat.<\/p>\n<p>4) Es handelt sich um den \u201eTechnischen Dienst\u201c, der dem militant-antikommunistischen, jedoch nach au\u00dfen hin friedlich auftretenden Bund Deutscher Jugend (BDJ), gegr\u00fcndet am 23. Juni 1950, als paramilit\u00e4rische Untergrundtruppe angegliedert ist. F\u00fcr den n\u00e4chsten Krieg gegen die Sowjetunion probt er mit finanzieller und logistischer Unterst\u00fctzung der CIA den Kampf gegen die Rote Armee als \u201estay-behind\u201c Partisanenarmee.<\/p>\n<p>Auf seinem Plan f\u00fcr den Fall X steht auch die Ermordung aller \u201eKommunisten\u201c und \u201eLandesverr\u00e4ter\u201c, d.h. Gegner des Hitler-Regimes und der Entnazifizierung in Westdeutschland. Dazu stehen auf sog. \u201eProskriptionslisten\u201c zahlreiche hochrangige SPD-Politiker, demokratisch gesinnte Journalisten mit vollem Namen, Beruf, biometrischen Merkmalen, pers\u00f6nlichen Charaktereigenschaften und Gewohnheiten, finanziellen und famili\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen \u2013 alles sorgf\u00e4ltig dokumentiert auf Karteikarten, die jenen des Bundesamts f\u00fcr Verfassungsschutz t\u00e4uschend \u00e4hnlich sind.<\/p>\n<p>5) Zu den politischen Verh\u00e4ltnissen in der Nachkriegszeit in Deutschland und der Rolle von Otto John sei der Dokumentarfilm empfohlen, der die TV-Serie erg\u00e4nzt und wichtige Informationen und Hintergr\u00fcnde liefert.<\/p>\n<p>6) Urspr\u00fcnglich war eine zweite Staffel angek\u00fcndigt, in der auf den Strafprozess eingegangen werden sollte, in dem John als Landesverr\u00e4ter angeklagt und zu einer mehrj\u00e4hrigen Gef\u00e4ngnisstrafe verurteilt wurde, als er nach wenigen Monaten Aufenthalt in der DDR wieder zur\u00fcckgekehrt war. Doch auf Anfrage hat die ARD mitgeteilt, es g\u00e4be \u201ebisher noch keine konkrete Planung\u201c.<\/p>\n<p>Die Programmdirektion der ARD wird seit Mai 2021 von Christine Strobl geleitet. Sie ist die Tochter von Wolfgang Sch\u00e4uble, dem mehrfachen CDU-Bundesinnen- und Finanzminister, und die Ehefrau von Thomas Strobl, dem CDU-Innenminister von Baden-W\u00fcrttemberg. Alle drei geh\u00f6ren dem rechts-konservativen Fl\u00fcgel der CDU an.<\/p>\n<p>Wolfgang Sch\u00e4uble hat sich 2019 vehement gegen einen Ausschluss von Hans-Georg Maa\u00dfen ausgesprochen, der w\u00e4hrend seiner Amtszeit als Verfassungsschutz-Pr\u00e4sident die Herausgabe der \u201eAkte Alois Brunner\u201c strikt verweigert hatte.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Toni \u00fcbersetzt f\u00fcr Gehlen bei einer Verhandlung [Photo by ARD\/Odeon Fiction\/Zuzana Pansk\u00e1]<\/em><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/07\/14\/bonn-j14.html\">wsws.org\/&#8230;<\/a> vom 17. Juli 2023<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sybille Fuchs, Wolfgang Weber. 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