{"id":13351,"date":"2023-07-18T11:49:56","date_gmt":"2023-07-18T09:49:56","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13351"},"modified":"2023-07-18T11:50:49","modified_gmt":"2023-07-18T09:50:49","slug":"indonesien-moerderische-blaupause-fuer-lateinamerika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13351","title":{"rendered":"<strong>Indonesien: m\u00f6rderische Blaupause f\u00fcr Lateinamerika<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Martin Steffens. <\/em><strong>Vincent Bevins beschreibt in \u201eDie Jakarta-Methode\u201c den brutalen au\u00dfenpolitischen Antikommunismus der USA im 20. Jahrhundert.<\/strong><\/p>\n<p>Im Mittelpunkt des Buches \u201eDie Jakarta-Methode\u201c stehen Menschen, die zu den gr\u00f6\u00dften Verlierer*innen des 20. Jahrhunderts z\u00e4hlen. Menschen, die im Namen des Antikommunismus<!--more-->, im Namen der westlichen Werte verjagt, gefoltert und umgebracht wurden. Dem banalen Satz, dass die Geschichte von Siegern geschrieben wird, setzt Vincent Bevins die Geschichten der anderen entgegen. Eine Erz\u00e4hlung, die die brutalen Diktaturen beschreibt, die von den USA und dem Westen im Namen von Freiheit und Demokratie unterst\u00fctzt wurden. Indonesien ist ein blutiges Exempel, das statuiert wurde, und zum Vorbild f\u00fcr eine ganze Reihe weiterer Massaker und Eingriffe in andere Staaten wurde. Trotzdem sind die Abl\u00e4ufe heute relativ unbekannt.<\/p>\n<p>Dabei hatte die Geschichte des viertgr\u00f6\u00dften Landes der Welt mit Aufbruchsstimmung begonnen. Nachdem die Revolution\u00e4re der indonesischen Nation die Holl\u00e4nder, die Japaner und dann wieder die Holl\u00e4nder losgeworden waren, gr\u00fcndete Pr\u00e4sident Sukarno das Land auf der Basis von Prinzipien, die sich aus den verschiedenen Ideologien des Landes herleiteten: Religion, Sozialismus, Nationalismus. Indonesien wollte einen eigenen Weg gehen und dabei als starke Stimme f\u00fcr den S\u00fcden sprechen. Zun\u00e4chst hatte Sukarno dabei die USA auf seiner Seite: \u201eDas au\u00dfenpolitische Establishment unter US-Pr\u00e4sident Truman betrachtete Sukarnos aufstrebendes Indonesien als Musterbeispiel f\u00fcr eine antikoloniale Bewegung, die hinreichend antikommunistisch war. Und so wurde der Name seiner Hauptstadt, Jakarta, zum Symbol f\u00fcr den Grundsatz der Toleranz gegen\u00fcber neutralen L\u00e4ndern der Dritten Welt.\u201c<\/p>\n<p>Doch das sollte sich bald \u00e4ndern. 1955 dr\u00e4ngte Sukarno auf die internationale B\u00fchne. Mit der Asien-Afrika-Konferenz in Bandung versuchte er, die L\u00e4nder des S\u00fcdens zu vereinen, und leitete so die Gr\u00fcndung der Blockfreien Staaten ein (Brasilien sa\u00df zumindest als Beobachter mit am Tisch). Wurde das Selbstbewusstsein Sukarnos zun\u00e4chst von den USA nur kritisch be\u00e4ugt, kippte diese Haltung nach Bandung, und ein immer st\u00e4rkerer Antikommunismus dr\u00e4ngte sich in die Au\u00dfenpolitik der USA. In Indonesien selbst entwickelte sich in der Zwischenzeit die Kommunistische Partei Indonesiens (PKI) zur Massenpartei und Pr\u00e4sident Sukarno \u00e4nderte seine ablehnende Haltung gegen\u00fcber den Kommunist*innen. Au\u00dfenpolitisch suchte er nun mehr R\u00fcckhalt bei der Sowjetunion. Ein undurchsichtiger Putsch, angeblich orchestriert von der PKI, wurde von General Suharto genutzt, um Sukarno zu entmachten \u2013 unterst\u00fctzt von den USA. Es folgte ein Exzess der Gewalt, der die PKI und ihre Unterst\u00fctzer*innen f\u00fcr immer vernichten sollte. \u201eDie Jakarta-Methode\u201c erz\u00e4hlt die Geschichte dieser Gewalt, die zwar in Jakarta besonders heftig eingesetzt wurde, aber bei weitem nicht nur Indonesien betraf, sondern auch lateinamerikanische Staaten.<\/p>\n<p>Der Autor Vincent Bevins landete eher zuf\u00e4llig als Auslandskorrespondent in Indonesien und erschrak, als er sich n\u00e4her mit dem Massenmord an Mitgliedern und Sympathisant*innen der PKI besch\u00e4ftigte. Einerseits im Alltag Indonesiens totgeschwiegen, sei der Konflikt dennoch omnipr\u00e4sent. Bevins Ziel war es, ein Buch zu schreiben, das die L\u00fccke zwischen historischen Aufarbeitungen und Popul\u00e4rliteratur schlie\u00dft.<\/p>\n<p>Seine Biografie liest sich wie die typische Laufbahn eines Elitestudenten, die sonst an der Wallstreet oder auf einem hochrangigen politischen Posten endet. Waterpolo-Spieler und dadurch Stipendiat an der Eliteuni Berkeley<a href=\"https:\/\/www.ila-web.de\/ausgaben\/467\/indonesien-m%C3%B6rderische-blaupause-f%C3%BCr-lateinamerika#footnote1_m7r6m8p\">1<\/a>, sp\u00e4ter London School of Economics, Auslandsaufenthalte in Berlin und S\u00e3o Paolo, dann Mitarbeit bei der Financial Times in London und sp\u00e4ter bei der Los Angeles Times. Und doch legt Bevins ein Buch vor, das schonungslos die Verbrechen w\u00e4hrend des Kalten Krieges aufarbeitet und den Finger in die Wunde legt, die zwar nicht mehr offen ist, aber auch nie richtig heilen konnte.<\/p>\n<p>Die \u201eJakarta-Methode\u201c \u2013 so nennt Vincent Bevins das Schema, dem die Regierungen der USA und ihrer Verb\u00fcndeten folgten: Ein linksgerichteter Pr\u00e4sident wird von rechten Gener\u00e4len gest\u00fcrzt, nachdem es zuvor einen kommunistischen Putsch gegeben haben soll. Es werden autorit\u00e4re Regime gebildet und Schauergeschichten \u00fcber die Kommunist*innen verbreitet, die Jahr f\u00fcr Jahr wiederholt werden, um jegliche Opposition zu unterdr\u00fccken. Fast zeitgleich wurde diese Methode in Brasilien und Indonesien angewendet, 1964 und 1965. In Indonesien f\u00fchrte dieses Vorgehen zu Millionen von Toten. In Brasilien wurden, trotz Terrors, weniger Menschen ermordet. Indonesien, zuvor eine globale Stimme des Antiimperialismus mit der gr\u00f6\u00dften kommunistischen Partei au\u00dferhalb Chinas und Russlands, wurde zu einem halbwegs stillen Steigb\u00fcgelhalter der USA. Und auch in Brasilien konsolidierte sich die Milit\u00e4rdiktatur, und die Entwicklung schlug einen \u00e4hnlichen Weg ein: \u201eBeide Regime standen unter dem Einfluss der Modernisierungstheorie. Und beide L\u00e4nder erfuhren ein Wirtschaftswachstum. Das kam zwar fast ausschlie\u00dflich einer kleinen Elite zugute, aber die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts war das, was f\u00fcr ausl\u00e4ndische Investoren z\u00e4hlte, und deren Gegenwart lie\u00df sich wiederum als Erfolgsgeschichte verkaufen. Und hier wie dort hatten die L\u00e4nder stabile Regierungen, zusammengesetzt aus lokalen Machthabern, die ihre Legitimit\u00e4t aus einer brasilianischen oder indonesischen Vergangenheit sch\u00f6pfen konnten. So erschienen sie der eigenen Bev\u00f6lkerung und der Welt nicht zu offensichtlich als Handlanger Washingtons.\u201c W\u00e4hrend der Vietnamkrieg den meisten Menschen bekannt ist, wird \u00fcber Indonesien fast gar nicht berichtet, obwohl hier ein wohl wichtigerer Sieg im Kalten Krieg erreicht wurde.<\/p>\n<p>Der brasilianische Putsch hatte auch Einfluss auf das Machtverh\u00e4ltnis innerhalb Lateinamerikas. Au\u00dfenpolitisch st\u00fctzte Brasilien nun rechtsradikale Bewegungen und Diktatoren, wie Bevins anhand des Beispiels Chiles belegt. Dabei wird der Begriff \u201eJakarta\u201c zur Todesdrohung: \u201eOpera\u00e7\u00e3o Yakarta\u201c, \u201eYakarta viene\u201c, \u201ePlan Jakarta\u201c, alles Chiffren f\u00fcr den Plan, linksgerichtete Menschen massenhaft umzubringen. In Chile skandierten die faschistischen Gruppen \u201eYakarta viene\u201c (Jakarta kommt) oder spr\u00fchten es an die H\u00e4user ihrer Gegner*innen.<\/p>\n<p>Bevins Buch erz\u00e4hlt die Zusammenh\u00e4nge der internationalen Anti\u00ad\u00adkommunistischen Bewe\u00adgung und welche Aus\u00adwirkungen die unterschiedlichen Ereignisse aufeinander hatten: Guatemala, Ghana, Kuba, Vietnam, um nur ein paar der Schaupl\u00e4tze zu nennen, die Bevins anrei\u00dft. Dabei ist sein Stil anekdotenhaft, die \u201eJakarta-Methode\u201c gleicht einem \u2013 sehr brutalen und hoffnungslosen \u2013 Thriller. Bevins benennt die Zahlen, 500\u2009000 bis eine Million (oder noch mehr) Ermordete in Indonesien. Die gro\u00dfe St\u00e4rke des 400 Seiten langen Buches ist aber, dass es Protagonist*innen begleitet und ihre Lebensgeschichte erz\u00e4hlt. Da ist beispielsweise Francisca. 1926 geboren, durchlebt sie sowohl die Kolonialzeit der Holl\u00e4nder als auch die Besetzung Indonesiens durch Japan, ehe sie in den Niederlanden studiert. Zur\u00fcck in Jakarta bewegt sie sich im Umfeld der PKI (der Kommunistischen Partei Indonesiens) und arbeitet f\u00fcr den Afro-Asiatischen Journalistenverband. Nach dem Putsch landet Francisca f\u00fcr vier Monate ohne Begr\u00fcndung im Gef\u00e4ngnis, bis ihr einflussreicher Vater es schafft, sie freizukaufen. Irgendwann wurde deutlich, dass ihr Mann, Journalist bei der PKI-Zeitung Harian Rakyat, nicht mehr auftauchen w\u00fcrde, vermutlich wurde er get\u00f6tet. Francisca erfuhr gesellschaftliche \u00c4chtung. 1968 floh sie in die Niederlande. Sie erfuhr \u00fcberrumpelt, dass kommunistische und sozialdemokratische Parteien in Europa erlaubt waren, w\u00e4hrend man in Indonesien daf\u00fcr umgebracht wurde \u2013 f\u00fcr sie ganz klar Rassismus. Das Buch endet mit ihrer Geschichte in Amsterdam. Sie ist mittlerweile \u00fcber 90 Jahre alt und immer noch in Gruppen aktiv, die die Geschichte des indonesischen Massenmordes aufkl\u00e4ren wollen.<\/p>\n<p>Auch einige der Auftraggeber der Massenmorde werden von Bevins pers\u00f6nlich vorgestellt: allen voran Frank Wisner, der in Europa erfolglos versuchte, Albanien zu destabilisieren, ehe er die CIA gr\u00fcndete und Geheimoperationen auf der ganzen Welt durchf\u00fchrte. W\u00e4hrend in Indonesien der Putsch tobte, nahm er sich das Leben. Seine Nachfolger f\u00fchrten indes seine Ideen in Indonesien weiter. Zeitweise lesen sich die gesammelten Anekdoten absurd. Vor dem Putsch wurde auf alle erdenklichen Weisen versucht, Sukarno zu delegitimieren, so weit, dass amerikanische Agenten einen Pornofilm drehten, der den Pr\u00e4sidenten in Verruf bringen sollte: Letztlich sah ihm das Double aber einfach nicht \u00e4hnlich genug.<\/p>\n<p>Das traurige Ende des Buches beschreibt, wie Indonesien einst als ein Land voller Hoffnungen f\u00fcr einen eigenen Entwicklungsweg stand. Dieses Land ist f\u00fcr immer ausgel\u00f6scht. In seinen Interviews legt Bevins darauf Wert, dass die Menschen nicht nur nach ihrer Folter befragt werden. Auch wenn dies wichtig sei, so w\u00fcrde man dadurch vor allem die Heftigkeit kritisieren, aber nicht die grundlegende M\u00f6glichkeit, demokratisch gew\u00e4hlte Regierungen mit Gewalt in Diktaturen zu verwandeln. Stattdessen fragt er die Menschen nach ihren fr\u00fcheren Hoffnungen f\u00fcr Indonesien und wie viel davon \u00fcbrig ist: fast nichts. Viele der Menschen beschreiben, dass das Indonesien, was damals ihre Heimat war, nicht mehr existiert. Dass die Personen, die diese Hoffnungen teilten, zumindest noch einmal geh\u00f6rt werden, daf\u00fcr sorgt das Buch \u201eDie Jakarta-Methode\u201c.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Unterst\u00fctzer der PKI bei bei einer Wahlkampfveranstaltung in Indonesien 1955. Die Partei hatte \u00fcber drei Millionen Mitglieder. <\/em>Quelle:<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/Category:Partai_Komunis_Indonesia?uselang=de#\/media\/File:Election_supporters_for_PKI.jpg\">kotawates<\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.ila-web.de\/ausgaben\/467\/indonesien-m%C3%B6rderische-blaupause-f%C3%BCr-lateinamerika\"><em>ila-web.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 18. Juli 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Steffens. Vincent Bevins beschreibt in \u201eDie Jakarta-Methode\u201c den brutalen au\u00dfenpolitischen Antikommunismus der USA im 20. 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