{"id":13364,"date":"2023-07-21T17:41:56","date_gmt":"2023-07-21T15:41:56","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13364"},"modified":"2023-07-21T17:41:57","modified_gmt":"2023-07-21T15:41:57","slug":"massenstreiks-gegen-lohnverlust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13364","title":{"rendered":"<strong>Massenstreiks gegen Lohnverlust<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter St\u00e4uber. <\/em><strong>Zehntausende Besch\u00e4ftigte haben in Gro\u00dfbritannien die Arbeit niedergelegt. Eisenbahner ebenso wie Call-Center-Angestellte und Uni-Dozenten.<\/strong><\/p>\n<p>Am Dienstagmorgen meldete der britische \u00d6lkonzern BP, dass er im zweiten Quartal dieses Jahres einen Gewinn von fast sieben Milliarden Pfund (8,3 Milliarden Euro) gemacht<!--more--> hat; es ist der h\u00f6chste Profit seit 14 Jahren. Wenig sp\u00e4ter berichtete das Forschungsinstitut National Institute of Economic and Social Research, dass die Inflation in Gro\u00dfbritannien noch vor Jahresende elf Prozent erreichen werde \u2013 n\u00e4chstes Jahr werde die Teuerung in \u00bbastronomische H\u00f6hen\u00ab klettern. Millionen der \u00e4rmsten Haushalte werden davon am st\u00e4rksten getroffen werden, schreibt das Institut. Dies ist der Hintergrund, vor dem die derzeitige Streikwelle in Gro\u00dfbritannien zu verstehen ist: Exorbitante Profite auf der einen Seite, eine tiefe und sich verschlimmernde soziale Krise auf der anderen.<\/p>\n<p>In diesem Sommer d\u00fcrfte es die gr\u00f6\u00dfte Streikbewegung seit Jahrzehnten geben. In den vergangenen Monaten haben 40\u2009000 Eisenbahner von der Gewerkschaft RMT die Schienen im ganzen Land mehrere Tage lang lahmgelegt, zwei weitere Gewerkschaften wollen sich nun den Streiks anschlie\u00dfen. Zudem sind Postbeamte, Strafverteidiger und Unidozenten in den Ausstand getreten. Letzte Woche haben die Call-Center-Angestellten vom Telekom-Konzern BT zum ersten Mal \u00fcberhaupt die Arbeit niedergelegt. In mehreren Regionen und St\u00e4dten sind weitere kleinere Konflikte im Gang. Auch \u00c4rzte, Hebammen, Lehrer und andere Angestellte im \u00f6ffentlichen Sektor haben Streikabstimmungen in Aussicht gestellt.<\/p>\n<p>Es ist vor allem die Lohnfrage, die die Streikwelle antreibt. Die rapide steigenden Preise f\u00fcr Lebensmittel, Energie und Treibstoff \u2013 die Inflation liegt derzeit bei \u00fcber neun Prozent \u2013 strapazieren die Geldb\u00f6rsen der Briten von Woche zu Woche mehr, aber ihre Einkommen hinken weit hinterher. Laut der nationalen Statistikbeh\u00f6rde sind die Reall\u00f6hne im Fr\u00fchjahr im Durchschnitt um 2,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gefallen \u2013 noch nie seit es Messungen gibt, sind die Einkommen so stark eingebrochen. Das alles folgt auf mehr als ein Jahrzehnt stagnierender L\u00f6hne.<\/p>\n<p>Gleichzeitig schreiben gro\u00dfe Konzerne dicke Profite. Die Gewerkschaft Unite hat errechnet, dass die Gewinne der gr\u00f6\u00dften aktiennotierten Unternehmen seit 2019 um \u00fcber 70 Prozent gestiegen sind. Insbesondere Energiekonzerne schwimmen derzeit in Geld: Centrica, das Mutterunternehmen des Energieanbieters British Gas, meldete einen Profit von 1,3 Milliarden Pfund in den ersten sechs Monaten 2022; im letzten Jahr waren es noch 262 Millionen Pfund. \u00bbDiese horrenden Profite sind eine Beleidigung f\u00fcr die Millionen von Erwerbst\u00e4tigen, denen steigende Stromrechnungen zu schaffen machen\u00ab, sagte Frances O\u2019Grady, Generalsekret\u00e4rin des Gewerkschaftsdachverbands TUC. \u00d6konomen verweisen zudem darauf, dass die Inflation unter anderem von genau diesen Profiten angetrieben wird \u2013 und nicht von den Lohnforderungen der Arbeitst\u00e4tigen.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Artikel<\/p>\n<p>Viele Britinnen und Briten stehen denn auch hinter der wachsenden Streikbewegung. Ende Juni, als der Eisenbahnerstreik in vollem Gang war, ergab eine Umfrage, dass 45 Prozent der Befragten die Gewerkschafter unterst\u00fctzen, demgegen\u00fcber waren 37 Prozent gegen den Streik. Letzte Woche, als zehntausende RMT-Angestellte erneut einen Tag lang die Arbeit niederlegten, sah man erneut solide Unterst\u00fctzung an den Streikposten. \u00bbEs ist eigentlich recht \u00fcberraschend\u00ab, sagte eine BBC-Reporterin, die aus der englischen Stadt Leicester \u00fcber den Bahnstreik berichtete. \u00bbObwohl viele Leute frustriert sind, weil sie nicht reisen konnten, habe ich keine einzige Person getroffen, die den Streik verurteilt hat.\u00ab<\/p>\n<p>Dennoch scheint die britische Regierung zu einer Konfrontation mit der Arbeiterbewegung entschlossen. Liz Truss, die aussichtsreichste Kandidatin f\u00fcr die Nachfolge von Boris Johnson, griff tief in die Kiste der uralten Tory-Slogans, als sie letzte Woche klagte: \u00bbDie militanten Gewerkschaften nehmen die \u00d6ffentlichkeit in Geiselhaft.\u00ab Truss hat bereits ein neues Gesetz angek\u00fcndigt, das in wichtigen Sektoren, etwa dem Transportwesen, die Beibehaltung eines minimalen Betriebs vorschreiben w\u00fcrde \u2013 Streik hin oder her. Das w\u00fcrde die Wirkung von Ausst\u00e4nden enorm verringern und Gewerkschaften massiv schw\u00e4chen.<\/p>\n<p>Mick Lynch, der wortgewandte Generalsekret\u00e4r der RMT, sprach vom \u00bbgr\u00f6\u00dften Angriff auf die B\u00fcrgerrechte seit der Legalisierung von Gewerkschaften im Jahr 1871.\u00ab Aber die Arbeiterbewegung hat \u00fcberhaupt nicht vor, klein beizugeben. Lynch hat bereits mit einem Generalstreik gedroht, falls das Anti-Streik-Gesetz tats\u00e4chlich vorgelegt w\u00fcrde. Es w\u00e4re der erste seit fast hundert Jahren: 1926 traten die britischen Lohnabh\u00e4ngigen zum ersten und bislang letzten Mal in den Generalstreik, Ausl\u00f6ser waren niedrigere L\u00f6hne und schlechtere Arbeitsbedingungen der Bergarbeiter \u2013 er endete mit einer Niederlage f\u00fcr die Gewerkschaften.<\/p>\n<p>Dass viele Lohnabh\u00e4ngigen in Gro\u00dfbritannien zu einer solchen Eskalation bereit w\u00e4ren, daran gibt es wenig Zweifel. Zumal sich bereits gezeigt hat, dass Arbeitsniederlegungen durchaus wirkungsvoll sein k\u00f6nnen, auch die Ank\u00fcndigung: Die Angestellten von British Airways im Flughafen Heathrow etwa sagten im Juli einen geplanten Streik ab, nachdem das Unternehmen ihren Lohnforderungen weitgehend stattgegeben hatte.<\/p>\n<p>Auch anderweitig zeigen sich Briten bereit zu zivilem Ungehorsam: Die Kampagne \u00bbDon\u2019t Pay\u00ab hat sich zum Ziel gesetzt, mindestens eine Million Menschen dazu zu bringen, ab 1. Oktober schlicht keine Energierechnungen mehr zu bezahlen, aus Protest gegen die exorbitanten Kosten. Es ist ein Verbraucherstreik nach dem Vorbild der Kampagne gegen die Kopfsteuer im Jahr 1990, die sogenannte Poll Tax. Bislang haben sich bereits 75\u2009000 Leute der \u00bbDon\u2019t Pay\u00ab-Bewegung angeschlossen. In den kommenden Wochen k\u00f6nnten es deutlich mehr werden \u2013 die Kampagne scheint derzeit Wind in den Segeln zu haben. Ein Blick in die Geschichte d\u00fcrfte die Teilnehmer optimistisch stimmen: Der Widerstand gegen die Poll Tax vor 30 Jahren f\u00fchrte nicht nur dazu, dass die Steuer am Ende verworfen wurde \u2013 die Kampagne leistete zudem einen entscheidenden Beitrag zum Sturz von Premierministerin Margaret Thatcher.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Streikposten w\u00e4hrend des Arbeitskampfs der Bahn-Besch\u00e4ftigten Ende Juni in London. Foto: IMAGO\/ZUMA Wire<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1165895.grossbritannien-massenstreiks-gegen-lohnverlust.html\"><em>nd-aktuell.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 21. Juli 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter St\u00e4uber. Zehntausende Besch\u00e4ftigte haben in Gro\u00dfbritannien die Arbeit niedergelegt. 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