{"id":13367,"date":"2023-07-24T15:28:30","date_gmt":"2023-07-24T13:28:30","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13367"},"modified":"2023-07-24T15:28:31","modified_gmt":"2023-07-24T13:28:31","slug":"ein-rueckblick-auf-die-wilden-streiks-1973-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13367","title":{"rendered":"<strong>Ein R\u00fcckblick auf die \u00bbwilden\u00ab Streiks 1973 in Deutschland<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Nuria Cafaro*:<\/em> In der Auseinandersetzung mit den wilden Streiks[<a href=\"https:\/\/www.labournet.de\/politik\/gw\/geschichte\/die-einzige-waffe-ist-der-streik-ein-rueckblick-auf-die-wilden-streiks-1973\/#fn2\">2<\/a>] 1973 werden meist zwei Arbeitsniederle\u00adgungen erinnert und h\u00e4ufig kontrastierend gegen\u00fcbergestellt: jene in den K\u00f6lner Fordwerken, die von der zeitgen\u00f6ssischen Presse rassistisch als T\u00fcrkenstreik diffamiert wurde, und der Streik bei Pierburg in Neuss, der von der weiblichen\u00a0\u2013 mehrheitlich migrantischen<!--more-->\u00a0\u2013 Beleg\u00adschaft initiiert wurde und vor allem deren spezifische Arbeitsbedingungen zum Gegenstand hatte. W\u00e4hrend ersterer die massive innerbetriebliche Spaltung\u00a0\u2013 die sowohl in Entsolidarisie\u00adrung zwischen deutschen und migrantischen Besch\u00e4ftigten als auch in eskalierender Entfrem\u00addung der migrantischen Kolleg:innen von den offiziellen Interessensvertretungsorganen be\u00adstand\u00a0\u2013 offenlegte und zun\u00e4chst vergr\u00f6\u00dferte, wurde letzterer zu einem der herausragenden Beispiele gelungener Solidarisierung, sexistischen und rassistischen Betriebshierarchien zum Trotz.<\/p>\n<p>Die beiden Streiks stehen dabei stellvertretend f\u00fcr \u00fcber 300 Arbeitsniederlegungen zwi\u00adschen Februar und September 1973, die au\u00dferhalb der offiziellen Tarifauseinandersetzungen stattfanden und an denen sich \u00fcber 275.000 Besch\u00e4ftigte beteiligten. Viele der spontanen Ar\u00adbeitsniederlegungen erlangten\u00a0\u2013 \u00fcber sowieso schon Interessierte hinweg\u00a0\u2013 jedoch kaum \u00d6f\u00adfentlichkeit. Dass sie unbeachtet verliefen, lag nicht nur im Interesse der Betriebsleitungen, die mangelhafte Arbeitsbedingungen verschleiern wollten, sondern h\u00e4ufig auch in dem der Streikenden selbst. Allein im August 1973 wurde unter der Beteiligung von ca. 80.000 Be\u00adsch\u00e4ftigten in \u00fcber hundert Betrieben wild gestreikt. Damit befanden sich mehr Betriebe im Ausstand als vier Jahre zuvor im Zuge der Septemberstreiks, die 69 Betriebe erfassten und ge\u00adwerkschaftlich autonome Arbeitsk\u00e4mpfe erstmals in der BRD als Massenph\u00e4nomen sichtbar machten (Birke 2005, S. 8; 2007, S.\u00a0216\u2005f., S. 287; <em>express<\/em>-Redaktion 1974, S.\u00a0124).<\/p>\n<p>Gestreikt wurde 1973 nicht nur in den bekannten Konzernen und gr\u00f6\u00dferen Betrieben der Automobilindustrie, auch Besch\u00e4ftigte einer Vielzahl von kleinen und mittleren Betrieben partizipierten an den Protesten. Obwohl die erh\u00f6hte Aufmerksamkeit f\u00fcr Arbeitsk\u00e4mpfe in diesem Jahr dazu gef\u00fchrt haben k\u00f6nnte, dass im Verh\u00e4ltnis zu anderen Jahren auch kleine Ausst\u00e4nde eher registriert wurden, kann davon ausgegangen werden, dass auch 1973 l\u00e4ngst nicht alle derartigen Arbeitsniederlegungen erfasst wurden und die tats\u00e4chliche Anzahl der Streiks noch \u00fcber den ingesamt 335[<a href=\"https:\/\/www.labournet.de\/politik\/gw\/geschichte\/die-einzige-waffe-ist-der-streik-ein-rueckblick-auf-die-wilden-streiks-1973\/#fn3\">3<\/a>] vom <em>express<\/em> verzeichneten liegt (<em>express<\/em>-Redaktion 1974; Birke 2007, S. 287; T\u00fcgel 2016, S. 77).<\/p>\n<p><strong>Die Streikwelle<\/strong><\/p>\n<p>Die Streikwelle begann im Februar 1973, kurz nachdem die IG Metall Tarifvertr\u00e4ge f\u00fcr die Metall- und Stahlindustrie geschlossen hatte. Diese waren in den Urabstimmungen zwar ange\u00adnommen worden, wurden aber von den Kolleg:innen deutlich missbilligt, wie sich anhand ei\u00adniger kurzer Proteststreiks ablesen l\u00e4sst, die unmittelbar auf die Bekanntgabe des Tarifergeb\u00adnisses reagierten (Birke 2007, S. 288). Zu den ersten Ausst\u00e4nden z\u00e4hlen jene der Arbeiter:in\u00adnen einer Schlossfabrik in Velbert und bei der Hoesch AG in Dortmund. Schon zu einem recht fr\u00fchen Zeitpunkt der Streikwelle\u00a0\u2013 im M\u00e4rz 1973\u00a0\u2013 wurde bei Mannesmann in Duisburg die Abschaffung der unteren Lohngruppen gefordert (Birke 2005, S. 7\u2005f.). Diese Forderung ist kennzeichnend f\u00fcr die Auseinandersetzungen 1973, weil sie die teils immense innerbetrieb\u00adliche Ungleichheit angreift und, wie die Pierburg-Frauen rund ein halbes Jahr sp\u00e4ter ein\u00addrucksvoll zeigten, gerade die Macht derjenigen demonstrierte, die diese Ungleichheit am st\u00e4rksten traf.<\/p>\n<p>\u00dcber die Fr\u00fchlings- und Sommermonate nahmen die spontanen Arbeitsniederlegungen zu, ereigneten sich dabei schwerpunktm\u00e4\u00dfig in Betrieben der Maschinenbau- und Automobilin\u00addustrie und hatten ihren Zenit im August. Jetzt wurde, parallel zu den bekannten Streiks in Neuss und K\u00f6ln, ebenfalls bei Opel in Bochum, bei Rheinstahl in Brackwede sowie in zahl\u00adreichen kleinen Betrieben, wie beispielsweise bei den Vereinigten Schl\u00fcsselwerken in Solin\u00adgen, wild gestreikt. Hier hatte man in einer nur sechsst\u00fcndigen Arbeitsniederlegung einen um eine D-Mark erh\u00f6hten Stundenlohn sowie eine Verringerung der geforderten Schichtleistung durchsetzen k\u00f6nnen (Arbeiterdiskussion 1973). Aber l\u00e4ngst nicht alle Arbeitsk\u00e4mpfe verliefen so erfolgreich: War es den Streikenden 1969 in fast allen F\u00e4llen sehr kurzfristig gelungen, Lohnerh\u00f6hungen durchzusetzen (Schneider 2000, S. 350; Birke 2007, S. 235-238), fiel die Er\u00adfolgsstatistik 1973 deutlich schlechter aus. Insgesamt reagierten die Unternehmensleitungen klassenbewusst und entschlossen auf die Konflikte. Sie griffen zu Aussperrungen, aktivierten Werksschutz und Polizei und waren durch die \u00bbRichtlinien f\u00fcr das Verhalten bei wilden Streiks\u00ab des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall gut vorbereitet (Rossmann 2023, S. 35).<\/p>\n<p>Die Streikenden nahmen in ihren jeweiligen K\u00e4mpfen h\u00e4ufig Bezug auf die Proteste in an\u00adderen Werken und betonten das gemeinsame Interesse. Zwar m\u00f6gen unzureichende Tarifab\u00adschl\u00fcsse und die Forderung nach einer besseren Lohnpolitik ein Ausl\u00f6ser der Proteste gewe\u00adsen sein, bedeutende Ursachen der Streikwelle finden sich aber in l\u00e4ngerfristigen Missst\u00e4n\u00adden. Auch hier dienen Pierburg und Ford als plakatives Beispiel: In beiden Betrieben war eine Unterschichtung der deutschen Belegschaft durch die Arbeitsmigrant:innen erfolgt, die L\u00f6hne waren\u00a0\u2013 besonders bei Pierburg\u00a0\u2013 im Hinblick auf rassistische und sexistische Hierarchisie\u00adrung musterg\u00fcltig. Die Arbeitsbedingungen waren hart\u00a0\u2013 Ford K\u00f6ln, wo der Karosseriebau noch lange zur Arbeit \u00fcber Kopf zwang, war ber\u00fchmt f\u00fcr die Muskulatursch\u00e4den seiner Ar\u00adbeiter:innen\u00a0\u2013 und die Unterbringung in den betriebseigenen Wohnheimen unw\u00fcrdig. So \u00e4h\u00adnelten sich die Forderungen, die 1973 in den verschiedenen Betrieben gestellt wurden, und zielten meist auf effektive Lohnerh\u00f6hungen, die bessere Eingruppierung unterer Lohngrup\u00adpen, die Verringerung von Leistungsvorgaben und vereinzelt auf l\u00e4ngeren Urlaubsanspruch ab und hatten also nicht nur Lohnverbesserungen, sondern auch Aspekte der Humanisierung von Arbeit im Blick.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Proteste 1969 eine recht breite \u00f6ffentliche Unterst\u00fctzung erfuhren, f\u00fchrten die spontanen Streiks 1973 zu bedeutend mehr Polarisierung (T\u00fcgel 2016, S.\u00a076\u2005f). Wohl nicht zuletzt deshalb, weil sie auch als Form migrantischen Widerstands sichtbar wurden, der nicht so recht zu der den \u00bbGastarbeitern\u00ab zugedachten Rolle passen wollte und bis heute im \u00f6ffent\u00adlichen Geschichtsbewusstsein unterrepr\u00e4sentiert bleibt.<\/p>\n<p><strong>Migrantische Selbstorganisierung<\/strong><\/p>\n<p>An ihnen l\u00e4sst sich deutlich ablesen, was charakteristisch f\u00fcr die Streikwelle war: Sie tou\u00adchierte die innerbetrieblich implementierte und von der Arbeiter:innenbewegung bis heute ambivalent behandelte Abgrenzung zwischen besser gestellten Stammbelegschaften und pre\u00adk\u00e4r besch\u00e4ftigten Arbeitskr\u00e4ften, von denen 1973 (bis heute) besonders viele migrantisch und weiblich waren. Dabei markieren die Streiks nicht etwa den Beginn migrantischen Protests\u00a0\u2013 sie waren Teil einer langen widerst\u00e4ndigen Praxis, die Arbeits- und Mietk\u00e4mpfe sowie allt\u00e4g\u00adlichen Widerstand umfasste\u00a0\u2013, wohl aber den Punkt, an dem dieser Protest einem breiten bun\u00addesrepublikanischen Bewusstsein nicht l\u00e4nger verborgen bleiben konnte.<\/p>\n<p>F\u00fcr die heutige Auseinandersetzung sind deshalb nicht nur die Ereignisse selbst, sondern auch die bisherige Rezeption der Streiks interessant. Lange wurden sie vor allem von inter\u00adventionistischen Gruppen und innerhalb migrantischer Selbstorganisierung erinnert und als Teil der eigenen Traditionsgeschichte markiert. Aktivist:innen linker Gruppen haben den Streik zurecht auch als wichtige Demonstration (ehemaliger und potentieller) Mobilisierungs\u00adf\u00e4higkeit wachgehalten und gerade die sog. \u00bbzweite Generation\u00ab der im Rahmen der bundes\u00adrepublikanischen Anwerbeabkommen Migrierten griff im Zuge der eigenen Selbsterm\u00e4chti\u00adgungsprozesse auf die historischen Beispiele zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Das antirassistische Netzwerk Kanak Attak, das sich gegen ethnisierende Identit\u00e4tszu\u00adschreibungen organisierte, entdeckte die Streiks von 1973 als Teil der K\u00e4mpfe von Migran\u00adt:innen in der BRD wieder und machte die Thematisierung dieser widerst\u00e4ndigen Geschichte zu einem Teil ihrer eigenen Praxis. Betont wurde dabei insbesondere die Rolle rassistischer Spaltungen innerhalb der Arbeiter:innenbewegung. Vor allem der Pierburg-Streik wur\u00adde zudem Gegenstand filmischer und literarischer Verarbeitung,[<a href=\"https:\/\/www.labournet.de\/politik\/gw\/geschichte\/die-einzige-waffe-ist-der-streik-ein-rueckblick-auf-die-wilden-streiks-1973\/#fn4\">4<\/a>] eine wissenschaftliche Auf\u00adarbeitung der Streiks innerhalb der Geschichte der Arbeit nimmt zu und auch gewerkschaftli\u00adche Akteur:innen setzen sich zunehmend \u00f6ffentlich mit den Streiks auseinander.<\/p>\n<p>Die wilden Streiks von 1973 erfahren heute ein breiteres und verst\u00e4rktes Interesse, insbe\u00adsondere diejenigen von Frauen und Migrant:innen. Grund hierf\u00fcr ist nicht allein deren 50. Ju\u00adbil\u00e4um: Die Verschr\u00e4nkung von antirassistischen, feministischen und betrieblichen K\u00e4mpfen ger\u00e4t in den Debatten um \u00bbIntersektionalit\u00e4t\u00ab, \u00bbverbindende Klassenpolitik\u00ab und \u00bbDiversit\u00e4t der Ausbeutung\u00ab in den Blick,[<a href=\"https:\/\/www.labournet.de\/politik\/gw\/geschichte\/die-einzige-waffe-ist-der-streik-ein-rueckblick-auf-die-wilden-streiks-1973\/#fn5\">5<\/a>] Streikbewegungen\u00a0\u2013 betriebliche und feministische\u00a0\u2013 nehmen zu und sorgen daf\u00fcr, dass Arbeitsk\u00e4mpfe wieder st\u00e4rker in \u00f6ffentlichen Debatten auftauchen.<\/p>\n<p>Wenn wir uns heute mit hoffnungsgebenden historischen Ereignissen wie den 1973er Streiks befassen, dann deshalb, weil sie uns inspirieren und wir glauben, f\u00fcr heutige K\u00e4mpfe von ihnen lernen zu k\u00f6nnen. Aber was haben die gewerkschaftlichen und soziale Bewegungen bereits aus den K\u00e4mpfen gelernt und was bleibt noch aus?<\/p>\n<p><strong>Zwischen nationalstaatlicher Regulation und internationalistischer Solidarit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Die betriebliche Gewerkschaftsarbeit war eng mit dem Erfolg oder Misserfolg der Arbeits\u00adk\u00e4mpfe verbunden. An den so unterschiedlichen Verl\u00e4ufen der Streiks und den Beispielen Pierburg und Ford l\u00e4sst sich auch die Ambivalenz gewerkschaftlicher Migrationspolitik gut erkennen: Die Politik des DGB bewegte sich zwischen den Polen einer migrationskritischen Haltung, die einheimische Besch\u00e4ftigte vor Lohndr\u00fcckerei und potentieller Konkurrenz durch migrantische Arbeiter:innen bewahren sollte, und dem Grundsatz eines solidarischen Interna\u00adtionalismus. Ma\u00dfgeblich war im Hinblick auf die generelle Lenkung von Migrationsbewegun\u00adgen das Motiv der Regulation: Der DGB sprach sich gegen die Anwerbeabkommen und im Einklang mit den Arbeitgeberverb\u00e4nden Ende 1973 f\u00fcr den Anwerbestopp aus (Bojad\u017eijev 2012, S. 138, Trede 2015, S.\u00a043-53).<\/p>\n<p>Dennoch waren die Gewerkschaften wichtige Anlaufstellen f\u00fcr Arbeitsmigrant:innen und mitunter die ersten Institutionen, die Hilfestellungen und auch fr\u00fch Zeitungen f\u00fcr migranti\u00adsche Besch\u00e4ftigte boten. Die Organisierungsgrade von Migrant:innen waren gerade in der Metallindustrie hoch, aber eben auch: weitestgehend passiv. Bei Ford K\u00f6ln scheint es g\u00e4ngige Praxis gewesen zu sein, gleich bei Einstellung einen Mitgliedsantrag f\u00fcr die IG Metall zu er\u00adhalten, ohne \u00fcber Bedeutung und M\u00f6glichkeiten der Mitgliedschaft zu sprechen. Hinzu kam ein Betriebsverfassungsgesetz, das es Arbeiter:innen aus EWG-L\u00e4ndern erst ab 1964 erlaubte, Mitglied im Betriebsrat zu werden, Besch\u00e4ftigte mit anderen Staatsb\u00fcrgerschaften erhielten diese Teilhabem\u00f6glichkeit sogar erst mit der Reform des Betriebsverfassungsgesetzes 1972 (Trede 2015, S. 196). Mitbestimmungspielr\u00e4ume wurden in den Betrieben unterschiedlich be\u00adgriffen und ausgenutzt. Bei Ford waren fast alle Betriebsr\u00e4te Deutsche. Der migrantische Be\u00adtriebsrat Mehmet \u00d6zbagi, der bei der Betriebsratswahl 1972 auf Anhieb 31 Prozent der Stim\u00admen auf sich vereinen konnte, wurde trotz des eindeutigen Wahlergebnisses nicht freigestellt. Gerade der damalige BR-Vorsitzende Ernst L\u00fcck begegnete ihm\u00a0\u2013 und damit im Grunde sei\u00adnen migrantischen Kolleg:innen insgesamt\u00a0\u2013 \u00fcberheblich, paternalistisch und sprach \u00d6zbagi die f\u00fcr die Betriebsratsarbeit n\u00f6tige Qualifikation (und Zurechnungsf\u00e4higkeit) ab. Bei Pier\u00adburg hingegen hatten die Wahlen im Vorjahr einen bedeutenden Fortschritt gebracht: Etwa die H\u00e4lfte der Betriebsratsmitglieder waren Migrant:innen und die zuvor arbeitgebernahe BR-Mehrheit war abgew\u00e4hlt worden (\u00d6zt\u00fcrk 2022, S. 31). Die innerbetriebliche Solidarisierung mit den streikenden Frauen, der sich auch die deutschen Facharbeiter entschieden anschlos\u00adsen, und die transparente Informationspolitik des Betriebsrats machte\u00a0\u2013 neben dem grundle\u00adgenden Mut und Bewusstsein \u00fcber die eigene Machtposition der migrantischen Arbeiterin\u00adnen\u00a0\u2013 den Erfolg m\u00f6glich. Zudem st\u00e4rkte die Sympathie, die der Ortsvorstand der IG Metall offen f\u00fcr die Forderungen zeigte, den Kampf der Belegschaft.<\/p>\n<p>Auch die Eskalation und Entsolidarisierung, die den Streik bei Ford pr\u00e4gte, war Katalysa\u00adtor f\u00fcr viele Prozesse: Sie stie\u00df die Diskussion um die \u00bbHumanisierung\u00ab der Arbeit an und stellte die IG Metall vor Aufgaben, die sie nun unweigerlich als dringend erkennen musste. So wurde in Baden-W\u00fcrttemberg im Oktober 1973 die sogenannte Steink\u00fchlerpause durchge\u00adsetzt, von den Streiks gingen wichtige Impulse und Druck f\u00fcr Arbeitszeitverk\u00fcrzung und sechsw\u00f6chigen Urlaubsanspruch aus und die IG Metall erkannte die spezifischen Interessen von Migrant:innen und deren Einbindung in die Gewerkschaftsarbeit als bedeutenden Aufga\u00adbenbereich an. Seit 1983 k\u00f6nnen Migrant:innen in der IG Metall Aussch\u00fcsse gr\u00fcnden, als Gruppe Antr\u00e4ge an Gremien stellen und eigenst\u00e4ndig Konferenzen organisieren (Rossmann 2023, S. 39; \u00d6zt\u00fcrk 2022, S. 33, S. 98).<\/p>\n<p>Neben diesen Ver\u00e4nderungen machen vor allem die Schilderungen streikbeteiligter Mi\u00adgrant:innen, die aus den Arbeitsk\u00e4mpfen die Erfahrung von Selbsterm\u00e4chtigung und Wider\u00adstandsf\u00e4higkeit sch\u00f6pften, deutlich, warum auch die Erz\u00e4hlung des Fordstreiks keine Ge\u00adschichte einer Niederlage ist. Migrant:innen sind heute in der IG Metall weitaus besser einge\u00adbunden\u00a0\u2013 organisiert und repr\u00e4sentiert\u00a0\u2013 und die Migrationspolitik der Gewerkschaften ist auf Gleichstellung und Teilhabe ausgerichtet. Dabei f\u00e4llt allerdings auch ins Gewicht, dass Mi\u00adgrant:innen und Personen mit famili\u00e4rer Migrationsgeschichte heute h\u00e4ufig Teil der Fachar\u00adbeiter:innen und Stammbelegschaften in IG Metall-Betrieben (geworden) sind\u00a0\u2013 auch hierf\u00fcr ist Ford ein eindr\u00fcckliches Beispiel. Sie werden vor allem\u00a0\u2013 unter der realen Bedingung der Konzentration gewerkschaftlicher Kr\u00e4fte auf Stammbelegschaften\u00a0\u2013 in gr\u00f6\u00dferen Betrieben und bei guten Tarifvertr\u00e4gen organisiert. Diese Feststellung soll die bedeutende antirassisti\u00adsche Arbeit, die der DGB in den letzten Jahrzehnten beispielsweise in Kampagnen wie \u00bbMach meinen Kumpel nicht an!\u00ab geleistet hat, nicht schm\u00e4lern. In anderen Bereichen aber, in denen Migrant:innen heute (zeitweise) angestellt und \u00bbausgeliehen\u00ab werden, sind sowohl Organisie\u00adrungs- als auch Repr\u00e4sentationsgrad noch immer schlecht.<\/p>\n<p><strong>\u00bbUnterschichtung\u00ab\u00a0\u2013 Die Gegenwart der Streiks von 1973<\/strong><\/p>\n<p>Sp\u00e4testens mit Beginn der Corona-Pandemie wurde offen einsehbar, was in bestimmten Bran\u00adchen Usus ist: Migrant:innen arbeiten noch immer unter strukturell schlechteren Bedingun\u00adgen, sind unsicherer besch\u00e4ftigt, leisten k\u00f6rperlich sch\u00e4dlichere Arbeit, erhalten geringere L\u00f6hne und haben weniger Mitbestimmungsressourcen. Obwohl vor allem die Forderung nach der Einwanderung (hoch)qualifizierter Personen pr\u00e4sent ist, arbeiten Migrant:innen in der BRD noch immer \u00fcberdurchschnittlich h\u00e4ufig im Niedriglohnsektor. Eine Unterschichtung findet auch heute\u00a0\u2013 unter anderen Bedingungen und in teils anderen Bereichen\u00a0\u2013 statt. Bei\u00adspielhaft sind die rum\u00e4nischen und bulgarischen Arbeiter:innen, die w\u00e4hrend der Pandemie Spargel stachen und Fleischproduktion erm\u00f6glichten\u00a0\u2013 unter Arbeitsbedingungen, die selbst in b\u00fcrgerlichen Kreisen auf Emp\u00f6rung stie\u00dfen.<\/p>\n<p>Das Problem hat sich also in gewisser Weise verlagert, mit der zus\u00e4tzlichen Schwierigkeit, dass Migrant:innen heute h\u00e4ufig in Branchen und Betrieben arbeiten, in denen der gewerk\u00adschaftliche Organisationsgrad niedrig ist und die zust\u00e4ndigen Gewerkschaften finanziell und ressourcentechnisch weniger stark sind als die IG Metall. Ein Fehler w\u00e4re es, auf den nach\u00addr\u00fccklichen Versuch, (migrantische) prek\u00e4r Besch\u00e4ftigte zu organisieren, zu verzichten und dabei erneut einen Teil der Arbeiter:innenschaft aus dem (Selbst-)Vertretungsanspruch auszu\u00adklammern. Dass in solchen Bereichen Mobilisierungskraft liegen kann, zeigen Bewegungen wie \u00bbLiefern am Limit\u00ab sowie die wilden Streiks der letzten Jahre (z.B. Spargelstecher:innen in Bornheim, Rider in Berlin), deren Protest bisher sichtbarer von der FAU aufgegriffen wur\u00adde und ohne institutionalisierte Organisation im R\u00fccken in ihrer Schlagkraft begrenzt bleiben wird.<\/p>\n<p>Um dem Anspruch, Migrant:innen nicht erneut \u00bbals Akteure au\u00dfen vor zu halten\u00ab, sondern \u00bbsie\u00a0\u2013 und die Frage der Klassenzusammensetzung\u00a0\u2013 zum Ausgangspunkt gewerkschaftlicher Politik zu machen\u00ab (Bojad\u017eijev 2012: S. 138), gerecht zu werden, k\u00f6nnte es hilfreich sein, in\u00adnerhalb des DGB Ressourcen entlang politischer Schwerpunktsetzungen so zu verteilen, dass Gewerkschaften wie der NGG ausreichend Mittel zur Organisierung von Arbeitsmigrant:in\u00adnen zur Verf\u00fcgung stehen. Damit w\u00e4re weder die gewerkschaftliche Arbeit in den bisherigen Schwerpunktbetrieben noch die Organisationsmacht industrieller und \u00f6ffentlicher Stammbe\u00adlegschaften in Frage gestellt, wohl aber der Einsicht Folge geleistet, dass dies allein nicht aus\u00adreicht. Eine Lehre aus den K\u00e4mpfen von 1973 besteht au\u00dferdem darin, internationale Vernet\u00adzungen und Absprachen Gewerkschafts- und Betriebsaktiver auszubauen; ein gutes Beispiel hierf\u00fcr ist die Arbeit des Internationalen gewerkschaftlichen Arbeitskreises K\u00f6ln.<\/p>\n<p>Weil Geschichtsbewusstsein zu entwickeln hei\u00dft, L\u00f6sungen nicht auswendig zu lernen, sondern in konkreten Kampfbedingungen des Gestern und des Heute Allgemeing\u00fcltiges in seinen Besonderheiten zu erkennen und f\u00fcr heutige Bedingungen nutzbar zu machen, k\u00f6nnen und sollten die Streiks von 1973 uns auch f\u00fcr die Organisierung von Saisonkr\u00e4ften, Ridern und T\u00f6nnies-Arbeiter:innen eine Hilfe sein. Optimistisch stimmt dabei, dass auch das zuneh\u00admende Interesse an historischen Streikbewegungen zu einem Klima beitr\u00e4gt, in dem Arbeits\u00adk\u00e4mpfe und Streiks zu einer greifbaren Option werden.<\/p>\n<p>Zum Thema siehe auch <a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10002\">https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10002<\/a>: <strong>Ford-Streik 1973: \u00bbEs w\u00e4re das falsche Signal, auf den Staat zu h\u00f6ren\u00ab<\/strong><\/p>\n<p><em>#Titelbild: Von der IG Metall und dem Betriebsrat verraten: Die streikenden Arbeiter bei Ford in K\u00f6ln Ende August 1973. imago images\/Klaus Rose<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Artikel von Nuria Cafaro erschienen in <\/em><\/strong><a href=\"https:\/\/www.labournet.de\/express\/\"><strong><em>express \u2013 Zeitung f\u00fcr sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit<\/em><\/strong><\/a><strong><em> Ausgabe 7-8\/2023<\/em><\/strong><\/p>\n<p>* \u2002Nuria Cafaro arbeitet beim K\u00f6lner Frauengeschichtsverein zur Geschichte der Selbst\u00adorganisierung von Migrantinnen, macht Stadtrundg\u00e4nge zur Migrationsgeschichte von Frauen und promoviert an der Uni K\u00f6ln zu Arbeitsk\u00e4mpfen in Italien, Frankreich und Westdeutschland um 1968.<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Ford-IG-Metall-Vertrauensleuteversammlung in der Flora-Gastst\u00e4tte am Sonntag, dem 9. September 1973.<\/li>\n<\/ul>\n<p>2) \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Verwendung des Begriffes \u00bbwilder Streik\u00ab wird zu Recht kritisiert. Mit ihm kann sich der illegali\u00adsierende Sinn fortschreiben, der ihm durch Polizei und Arbeitgeber gegeben wurde. Au\u00dferdem birgt er gerade in Bezug auf migrantische K\u00e4mpfe die Gefahr, exotisierend zu wirken. Verst\u00e4ndlicherweise haben sich Zeitzeug:innen der Streiks 1973 \u00fcber diese Bezeichnung und seine Bedeutungszuschreibung beschwert. Da andere Begriffe wie \u00bbspontane Arbeitsniederlegung\u00ab dem Geschehenen auch nicht zwingend gerecht werden (keineswegs waren solche Streiks immer spontan, ohne Vorbereitung), wird der Begriff wilder Streik hier im Sinne eines Quellenbegriffs verwendet.<\/p>\n<p>3) \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Witich Rossmann spricht sogar von 440 \u00bbwilden\u00ab Streiks (Rossmann 2023, S. 34).<\/p>\n<p>4) \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Hermann Spix: Elephteria oder die Reise ins Paradies\u00a0\u2013 Roman der Arbeitenden; Berichte der Betroffenen\u00a0\u2013 Literatur der Arbeitswelt, 1975; G\u00fcn Tank: Die Optimistinnen. Roman unserer M\u00fctter, Frankfurt am Main 2022; Edith Marcello\/David Wittenberg: Ihr Kampf ist unser Kampf<\/p>\n<p>5) \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ein praktisches Beispiel hierf\u00fcr sind die gemeinsamen Streiktage von Klimaaktivist:innen und \u00d6PNV-Besch\u00e4ftigten im Fr\u00fchjahr diesen Jahres.<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Arbeiterdiskussion. Zeitung der DKP Solingen, 22.8.1973.<\/li>\n<li>Birke, Peter: 60 Pfennig nicht genug. Muss eine Mark. Wilde Streiks und Gewerkschaften in der Bundesrepublik, 1967-1973, Hattingen 2005.<\/li>\n<li>Ders.: Wilde Streiks im Wirtschaftswunder. Arbeitsk\u00e4mpfe, Gewerkschaften und soziale Be\u00adwegungen in der Bundesrepublik und D\u00e4nemark, Frankfurt am Main 2007.<\/li>\n<li>Bojad\u017eijev, Manuela: Die windige Internationale. Rassismus und die K\u00e4mpfe der Migration, M\u00fcnster 2012.<\/li>\n<li>Express: Spontane Streiks 1973\u00a0\u2013 Krise der Gewerkschaftspolitik, Offenbach 1974.<\/li>\n<li>Rossmann, Witich: Verhandlungs- versus Aufstandslogik. Wilder Streik bei Ford 1973,<br \/>\nin: So\u00adzialismus, H. 7\/8 (2023), S. 34-41.<\/li>\n<li>Schneider, Michael: Kleine Geschichte der Gewerkschaften. Ihre Entwicklung in Deutschland von den Anf\u00e4ngen bis heute, Bonn 2000.<\/li>\n<li>Trede, Oliver: Zwischen Misstrauen, Regulation und Integration. Gewerkschaften und Arbeitsmigration in der Bundesrepublik und in Gro\u00dfbritannien in den 1960er und 70er Jahren, Paderborn 2015.<\/li>\n<li>T\u00fcgel, Nelli: Streik, Solidarit\u00e4t, Selbsterm\u00e4chtigung? Aushandlungsprozesse im Umfeld des wilden Streiks bei den K\u00f6lner Fordwerken 1973 und des Besetzungsstreiks bei Krupp in Duisburg-Rheinhausen 1987\/88, in: Arbeit\u00a0\u2013 Bewegung\u00a0\u2013 Geschichte 1\/2016,<br \/>\nS. 73\u00a0\u2013 90.<\/li>\n<li>\u00d6zt\u00fcrk, Nihat (Hg.): Etappen, Konflikte und Anerkennungsk\u00e4mpfe der Migration. Mit Fotos von Manfred Vollmer, Gernot Huber, Segej Lepke und vielen anderen. Berlin 2022.<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.labournet.de\/politik\/gw\/geschichte\/die-einzige-waffe-ist-der-streik-ein-rueckblick-auf-die-wilden-streiks-1973\/\"><em>labournet.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 24. Juli 2023 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nuria Cafaro*: In der Auseinandersetzung mit den wilden Streiks[2] 1973 werden meist zwei Arbeitsniederle\u00adgungen erinnert und h\u00e4ufig kontrastierend gegen\u00fcbergestellt: jene in den K\u00f6lner Fordwerken, die von der zeitgen\u00f6ssischen Presse rassistisch als T\u00fcrkenstreik diffamiert wurde, und &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":13368,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,5],"tags":[25,29,87,39,72,26,22,11,49,17],"class_list":["post-13367","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-international","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitskaempfe","tag-arbeitswelt","tag-deutschland","tag-feminismus","tag-gewerkschaften","tag-politische-oekonomie","tag-rassismus","tag-repression","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13367","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13367"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13367\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13369,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13367\/revisions\/13369"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/13368"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13367"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13367"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13367"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}