{"id":13387,"date":"2023-07-27T11:24:32","date_gmt":"2023-07-27T09:24:32","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13387"},"modified":"2023-07-27T11:24:34","modified_gmt":"2023-07-27T09:24:34","slug":"vor-70-jahren-endete-der-dreijaehrige-koreakrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13387","title":{"rendered":"<strong>Vor 70 Jahren endete der dreij\u00e4hrige Koreakrieg<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Rainer Werning. <\/em>Nach Jahrzehnten japanischer Kolonialherrschaft \u00fcber Korea (1910-45) waren die Koreaner bei Kriegsende Mitte August 1945 in freudvoller Erwartung, endlich wieder die Geschicke ihres Landes in Freiheit und Selbstbestimmung zu gestalten. Doch es waren die beiden Siegerm\u00e4chte des Zweiten Weltkrieges, die USA und die Sowjetunion, die fortan<!--more--> auf der Koreanischen Halbinsel das Sagen hatten. Entlang des k\u00fcnstlich als Trennlinie gezogenen 38. Breitengrads kontrollierte fortan die Rote Armee den n\u00f6rdlichen Landesteil, w\u00e4hrend US-Truppen im S\u00fcden mittels einer Milit\u00e4rregierung herrschten. Was als B\u00fcrgerkrieg begann, eskalierte rasch zu einem \u201ehei\u00dfen\u201c Konflikt mit internationaler Beteiligung. W\u00e4hrend die USA Truppenverb\u00e4nde unter der Flagge der Vereinten Nationen zum Schutz ihres Vasallen Rhee Syngman befehligten, griffen chinesische Volksfreiwilligenverb\u00e4nde direkt in das Kriegsgeschehen zu Gunsten Kim Il-Sungs ein. Nach z\u00e4hen Verhandlungsrunden zwischen den Protagonisten kam es schlie\u00dflich am 27. Juli 1953 in dem unwirtlichen Ort Panmunjom zur Unterzeichnung eines Waffenstillstandsabkommens, das bis heute nicht in einen Friedensvertrag \u00fcberf\u00fchrt werden konnte!<\/p>\n<p>Unterschrieben wurde das Waffenstillstandsabkommen in Pr\u00e4senz zweier Milit\u00e4rs \u2013 von dem amerikanischen Generalleutnant William K. Harrison, jr. f\u00fcr das Kommando der Vereinten Nationen sowie General Nam Il f\u00fcr die Nordkoreanische Volksarmee und f\u00fcr ein chinesisches Freiwilligencorps. Als solches hatte die am 1. Oktober 1949 gegr\u00fcndete Volksrepublik China unter Mao Zedong ihre Interventionstruppen tituliert, um formell einen milit\u00e4rischen Konflikt mit den Vereinigten Staaten zu vermeiden. Erst sp\u00e4ter am Tag und getrennt signierten dann noch der US-General Mark W. Clark im Namen der Vereinten Nationen, Peng Teh-Huai, der Kommandant der chinesischen Truppen, sowie Marschall Kim Il-Sung als Oberkommandierender der Koreanischen Volksarmee das Abkommen. Der s\u00fcdkoreanische Pr\u00e4sident Rhee Syngman verweigerte seine Unterschrift unter das Panmunjomer Abkommen; er wollte bis zum \u201eSieg \u00fcber den Kommunismus\u201c weiterk\u00e4mpfen. Erst als Washington ihm umfangreiche Wirtschafts- und Finanzhilfen zusicherte, willigte Rhee \u2013 widerwillig zwar \u2013 ein, das Abkommen zu respektieren.<\/p>\n<p><strong>Verheerende Kriegsfolgen und Opferzahlen<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eIn der Zeit vom 25. Juni 1950 bis zum 27. Juli 1953 kamen nach konservativen westlichen Sch\u00e4tzungen \u00fcber 4,6 Millionen Koreaner ums Leben, einschlie\u00dflich drei Millionen Zivilisten im Norden und 500.000 Zivilisten im S\u00fcden der Halbinsel\u201c, <\/em>hie\u00df es in dem am 23. Juni 2001 in New York verk\u00fcndeten Urteil des <em>Korea International War Crimes Tribunal <\/em>unter dem Vorsitz des ehemaligen US-Justizministers Ramsey Clark.<\/p>\n<p>Weiter hie\u00df es in diesem Verdikt:<\/p>\n<p><em>\u201eDie Beweise f\u00fcr die US-Kriegsverbrechen, die diesem Tribunal pr\u00e4sentiert wurden, lieferten Augenzeugenberichte und Dokumente \u00fcber Massaker an Tausenden Zivilisten, die von den US-amerikanischen Milit\u00e4rstreitkr\u00e4ften w\u00e4hrend des Krieges im S\u00fcden Koreas ver\u00fcbt wurden. Dar\u00fcber hinaus gab es erdr\u00fcckende Beweise der kriminellen, teils genozidm\u00e4\u00dfig betriebenen US-Politik im Norden Koreas, wo systematisch die meisten H\u00e4user und Geb\u00e4ude durch US-Artilleriefeuer und Luftangriffe in Schutt und Asche gelegt (\u2026) und ge\u00e4chtete Waffen sowie biologische und chemische Kampfmittel im Krieg gegen seine Bev\u00f6lkerung eingesetzt wurden (\u2026)\u201c <\/em><\/p>\n<p>Bereits in den ersten Kriegstagen evakuierte die US-Armee ganze D\u00f6rfer im S\u00fcden Koreas. So erging es auch in den sp\u00e4ten Julitagen des Jahres 1950 den Bewohnern von No Gun Ri. Dieser Ort, wenige Kilometer s\u00fcdlich der Stadt Taejon gelegen, und die angrenzenden Gebiete waren vor der Anlandung von US-Truppen am 7. September 1945 eine Hochburg des antijapanischen Widerstands gewesen. Soldaten des 7. US-Kavallerieregiments gruben sich am 26. Juli 1950 bei No Gun Ri auf einem mehrere Hundert Meter langen Frontabschnitt ein. Als sich am selben Tag ein Treck von 500 bis 600 Bewohnern umliegender D\u00f6rfer, die sich auf der Flucht vor anr\u00fcckenden nordkoreanischen Einheiten befanden, der US-amerikanischen Frontlinie n\u00e4herte, wurden die Fl\u00fcchtlinge von der Stra\u00dfe vertrieben. Die GIs wollten diese unbedingt f\u00fcr US-Milit\u00e4rfahrzeuge freihalten, und sie zwangen die Menschen, auf einen angrenzenden Bahndamm auszuweichen. Als die Fl\u00fcchtlinge dort rasteten, warfen pl\u00f6tzlich US-Kampfflugzeuge anstelle von Warnzetteln Bomben ab und feuerten MG-Salven auf den Konvoi. Etwa 100 Menschen kamen nach koreanischen Augenzeugenberichten allein nach mehrfachem Beschuss aus der Luft ums Leben. Die \u00dcberlebenden \u2013 haupts\u00e4chlich alte M\u00e4nner, Frauen und Kinder \u2013 fl\u00fcchteten sich in den Tunnel unter einer nahegelegenen Eisenbahnbr\u00fccke. Einige stapelten Leichen \u00fcbereinander, um Schutzw\u00e4lle zu errichten, w\u00e4hrend andere mit blo\u00dfen H\u00e4nden L\u00f6cher in den Boden gruben, um vor dem anhaltenden Kugelhagel Deckung zu suchen.<\/p>\n<p><strong>Kriege im Krieg<\/strong><\/p>\n<p>Erst Mitte der 1990er-Jahre wandten sich 30 \u00dcberlebende und Hinterbliebene des No Gun Ri-Massakers mit einer Petition an das sogenannte Kompensationskomitee der s\u00fcdkoreanischen Regierung in Seoul. Zun\u00e4chst bestritten sowohl s\u00fcdkoreanische als auch US-Milit\u00e4rbeh\u00f6rden kategorisch, dass es Vorf\u00e4lle wie in No Gun Ri \u00fcberhaupt gegeben hatte. Doch in den s\u00fcdkoreanischen Medien konnten sich die Opfer Geh\u00f6r verschaffen, bis am 30. September 1999 die Nachrichtenagentur <em>Associated Press<\/em> ihren Bericht \u00fcber No Gun Ri ver\u00f6ffentlichte und darin auch ein Dutzend US-Kriegsveteranen zu Wort kommen lie\u00df. Nunmehr war das Pentagon gefordert, sich zu den Ereignissen in No Gun Ri zu \u00e4u\u00dfern. Nach 15-monatiger Untersuchung kam der Generalinspekteur der US-Armee in seinem im Januar 2001 publizierten Abschlussbericht zu dem Ergebnis:<\/p>\n<p>\u201e<em>Was den Zivilisten in der N\u00e4he von No Gun Ri im sp\u00e4ten Juli 1950 widerfuhr, war eine tragische und zutiefst bedauernswerte Begleiterscheinung eines Krieges, der unvorbereiteten US-amerikanischen und s\u00fcdkoreanischen Streitkr\u00e4ften aufgezwungen worden war.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Diese offizielle Darstellung Washingtons wurde allerdings durch ein Dokument widerlegt, das der Historiker Sahr Conway-Lanz 2006 im US-Nationalarchiv entdeckt hatte. Es handelte sich um ein Schreiben des damaligen US-Botschafters in S\u00fcdkorea, John J. Muccio, vom 26. Juli 1950. Darin unterrichtete der Botschafter das U.S. State Department \u00fcber eine \u201enotwendige\u201c Entscheidung der 8. US-Armee in Korea, die in den USA zu negativen Reaktionen f\u00fchren k\u00f6nnte. Adressat dieses Briefes von Muccio war Dean Rusk, der damals als stellvertretender Au\u00dfenminister f\u00fcr Ostasien zust\u00e4ndig war und w\u00e4hrend des Vietnamkrieges selbst zum Chef des State Department avancierte. Muccio sprach von einem \u201esehr ernsten Problem\u201c, das zunehmend \u201eauch das Milit\u00e4r herausfordere\u201c. Die durch Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me verstopften Stra\u00dfen und Zufahrtwege behinderten die eigenen Milit\u00e4rfahrzeuge. Au\u00dferdem bef\u00fcrchtete man, dass sich unter den Fl\u00fcchtlingen nordkoreanische Agenten bef\u00e4nden.<\/p>\n<p><strong>\u201eFl\u00fcchtlinge werden erschossen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Sodann verwies Muccio auf ein tags zuvor (25. Juli) stattgefundenes Treffen zwischen ihm, dem Kommandeur der 8. US-Armee einschlie\u00dflich deren Sicherheitsdienst, Mitarbeitern des s\u00fcdkoreanischen Innenministeriums und des Ministeriums f\u00fcr soziale Angelegenheiten sowie dem Direktor der Nationalpolizei. Kernpunkt dieses Treffens war die Order:<\/p>\n<p><em>\u201eN\u00e4hern sich Fl\u00fcchtlinge n\u00f6rdlich der US-Linien, werden Warnsch\u00fcsse abgefeuert. R\u00fccken sie dennoch weiter vor, werden sie erschossen.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Mittlerweile sind mindestens 60 solcher Massaker vor und hinter den Frontlinien des Krieges bekannt und dokumentiert. Was immer die kombinierten US- und UN-Truppen an Stellungen nicht halten konnten, wurde in die Luft gesprengt, um der gegnerischen Seite nichts in die H\u00e4nde fallen zu lassen.<\/p>\n<p>Als sogenannte <em>Freiwilligenverb\u00e4nde des chinesischen Volkes<\/em> ab dem 25. November 1950 zugunsten Nordkoreas in das Kriegsgeschehen eingriffen, sch\u00fcrte das erst recht eine antikommunistische Pogromstimmung in S\u00fcdkoreas Regierung unter Pr\u00e4sident Rhee Syngman. Mehrere Zehntausend Menschen fielen Rhees H\u00e4schern zum Opfer. Das wiederum verst\u00e4rkte Guerillaaktivit\u00e4ten hinter den Frontlinien, die Mitte Januar 1951 ihren H\u00f6hepunkt erreichten. Das US-Oberkommando sch\u00e4tzte die Zahl der Aufst\u00e4ndischen auf 30.000 bis 35.000 Personen. Um sie auszuschalten, erfanden die Milit\u00e4rstrategen die <em>\u201eOperation Rattent\u00f6ter\u201c<\/em>. Dessen Kommando ward dem seinerzeit sch\u00e4rfsten antikommunistischen Haudegen und erstem Viersternegeneral S\u00fcdkoreas, General Paik Sun-Yup, \u00fcbertragen.<\/p>\n<p><strong>\u201eOperation Rattent\u00f6ter\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Ende Januar 1952 verk\u00fcndete der Oberbefehlshaber in Korea, General Matthew B. Ridgway, der zwischenzeitlich den exzentrischen General Douglas MacArthur abgel\u00f6st hatte, den Erfolg dieser Operation:<\/p>\n<p><em>\u201eNahezu 20.000 Freisch\u00e4rler \u2013 Banditen und organisierte Guerilleros \u2013 wurden get\u00f6tet oder gefangen genommen. Damit war diese Irritation ein f\u00fcr alle Mal beendet.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Doch noch bis Ende 1952 war die Guerilla im S\u00fcdwesten Koreas, in den Chiri-Bergen, sehr aktiv. F\u00fcr das <em>Magazin Life<\/em> verfasste die Fotografin Margaret Bourke-White im Dezember ein Feature mit dem Titel \u201eDer grausame, geheime Krieg in Korea\u201c<em>.<\/em> Frau Bourke-White interviewte Aufst\u00e4ndische, unter ihnen auch couragierte Frauen:<\/p>\n<p><em>\u201eEinige der Aufst\u00e4ndischen wechselten die Fronten und schlossen sich den Roten an. Tausende Nordkoreaner waren auch darunter, denen es gl\u00fcckte, sich von ihren Einheiten abzusetzen, als die UN-Truppen den Belagerungsring durchbrachen, der um die s\u00fcdliche Hafenstadt Busan gelegt worden war. Andere Aufst\u00e4ndische kamen aus dem Norden, wo sie die Frontlinien der Alliierten \u00fcberwanden. Insgesamt handelte es sich also um eine Truppe, die nie \u00fcber zwei Jahre lang den um sie herumtobenden Krieg und die harschen Bedingungen in gebirgigem Terrain \u00fcberlebt h\u00e4tte, w\u00e4re sie nicht von der Bev\u00f6lkerung versorgt und unterst\u00fctzt worden.\u201c <\/em><\/p>\n<p><strong>Keine Friedenssignale in Sicht<\/strong><\/p>\n<p>Auch sieben Dekaden nach dem Ende des Koreakrieges ist eine Friedensregelung auf der Koreanischen Halbinsel nicht in Sicht. Die Fronten zwischen den Protagonisten bleiben verh\u00e4rtet \u2013 allen zwischenzeitlichen Ann\u00e4herungen zum Trotz, was den franz\u00f6sischen Publizisten Renaud Lambert in seinem j\u00fcngsten Essay \u201eS\u00fcdkoreanische Szenen\u201c in der deutschsprachigen Juliausgabe von <em>Le Monde diplomatique<\/em> zu der Feststellung verleitete:<\/p>\n<p><em>\u201eEin weiteres Relikt aus dem Koreakrieg (1950-1953): Im Fall eines bewaffneten Konflikts untersteht die s\u00fcdkoreanische Armee dem US-Generalstab. Kein Wunder, dass oft gesagt wird, S\u00fcdkorea sei weniger ein Land mit einem US-St\u00fctzpunkt in der Mitte, sondern eher ein US-St\u00fctzpunkt mit einem Land.\u201c (S. 8) <\/em><\/p>\n<p>Titelbild: Joshua Davenport\/shutterstock.com<\/p>\n<p><strong><em>Dr. Rainer Werning<\/em><\/strong> ist u.a. Co-Autor dieser beiden B\u00fccher, die er zusammen mit dem deutsch-koreanischen Soziologen und Philosophen Prof. Dr. Song sowie der Koreanistik-Professorin Picht verfasste:<\/p>\n<ul>\n<li>Du-Yul Song &amp; Rainer Werning (2012): <em>Korea: Von der Kolonie zum geteilten Land.<\/em> Wien: Promedia Verlag<\/li>\n<li>Rainer Werning &amp; Helga Picht (2018): <em>Brennpunkt Nordkorea: Wie gef\u00e4hrlich ist die Region? Berichte, Daten und Fakten.<\/em> Berlin: edition berolina<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101705\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 27. Juli 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rainer Werning. Nach Jahrzehnten japanischer Kolonialherrschaft \u00fcber Korea (1910-45) waren die Koreaner bei Kriegsende Mitte August 1945 in freudvoller Erwartung, endlich wieder die Geschicke ihres Landes in Freiheit und Selbstbestimmung zu gestalten. 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