{"id":13482,"date":"2023-08-11T12:43:31","date_gmt":"2023-08-11T10:43:31","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13482"},"modified":"2023-08-11T12:43:32","modified_gmt":"2023-08-11T10:43:32","slug":"wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13482","title":{"rendered":"<strong>Wohin geht die Arbeit? Anmerkungen zur globalen Arbeiter:innenklasse<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Paula Varela &amp; Gast\u00f3n Guti\u00e9rrez Rossi.<\/em> Wieso uns nicht die Automatisierung die Arbeit raubt, wie das Wachstum der Dienstleistungs- und Logistikbranchen unsere Arbeitswelt ver\u00e4ndert und welche strategische Rolle die Arbeiter:innen in Pflege und Bildung haben k\u00f6nnen.<!--more--><\/p>\n<p>Als wir die Einladung der Zeitschrift Corsario Rojo erhielten, uns mit einem Artikel \u201e\u00fcber die Lage der Arbeiter:innenklasse weltweit\u201c zu beteiligen, stellte sich sofort eine Frage: Wie kann man ein so breites und vielf\u00e4ltiges Panorama mehr oder weniger interessant zusammenfassen, ohne in die Wiederholung von Weltbank- und IAO-Statistiken zu verfallen \u2013 die \u00fcbrigens f\u00fcr diejenigen unter uns, die die Arbeiter:innenklasse \u201eaus einer marxistischen Perspektive heraus\u201c betrachten, starke methodische Verzerrungen und theoretische Einschr\u00e4nkungen aufweisen? Wir fanden keine einfache Antwort, denn die \u201eKrise der Arbeit\u201c wird aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und ein R\u00f6ntgenbild der heutigen Arbeitswelt l\u00e4sst sich nicht auf die Erkl\u00e4rung eines einzigen empirischen Trends reduzieren, ohne in einseitige Betrachtungen zu verfallen.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund erschien uns angebracht, zun\u00e4chst zu unterscheiden, welche Elemente Teil des aktuellen prokapitalistischen Diskurses sind und daher falsche Debatten darstellen (zum Beispiel die Wiederkehr der Idee vom \u201eEnde der Arbeit\u201c) und welche wirklich neue Probleme aufwerfen. Dieser Artikel geht also einer Reihe von Debatten nach (unter Ber\u00fccksichtigung von kontextuellen, theoretischen und empirischen Argumenten) und kann als \u201ekleine Landkarte\u201c verstanden werden. Als ein Instrument, das dabei hilft, die St\u00e4rken und Schw\u00e4chen der heutigen Arbeiter:innenklasse theoretisch und empirisch zu untersuchen.<\/p>\n<p><strong>Das unendliche Lebewohl<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt Abschiede, die niemals enden. Der des Proletariats scheint einer davon zu sein. Zyklisch tauchen \u201eAbschiedsbotschaften\u201c von der Arbeiter:innenklasse auf<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a>. Immer wieder, und erst recht in Krisenzeiten des Kapitalismus, in denen es nicht viele Arbeitspl\u00e4tze gibt, tauchen verschiedene Erz\u00e4hlungen auf, die behaupten, dass die menschliche Arbeit tendenziell entbehrlich wird. Es gibt verschiedene M\u00f6glichkeiten, dies zu begr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Grob gesagt k\u00f6nnte man behaupten, dass es pessimistische und optimistische Narrative gibt. Erstere weisen darauf hin, dass der gegenw\u00e4rtige \u201eFinanzkapitalismus\u201c (auch Schuldenkapitalimus) zur Kapitalakkumulation nicht mehr die Ausbeutung der verf\u00fcgbaren Bev\u00f6lkerung erfordert und wir daher auf ein unausweichliches Szenario der Massenarbeitslosigkeit zusteuern. Dabei wird der \u201eAbschied vom Proletariat\u201c dadurch vollzogen, dass das Proletariat zu einer unbedeutenden Minderheit der Bev\u00f6lkerung wird und der Rest wird ein schwammiges Was-auch-immer (\u201eMultit\u00fcde\u201c, \u201emarginale Masse\u201c; \u201ePrekariat\u201c; \u201eneue Massen\u201c; und so weiter). Die andere Sichtweise betont, dass der Kapitalismus in seiner technologischen Entwicklung so weit fortgeschritten ist, dass die menschliche Arbeit durch neue Technologien ersetzt wird, die sie tendenziell abl\u00f6sen. Auch in diesem Szenario bewegten wir uns auf eine Gesellschaft der Massenarbeitslosigkeit zu, allerdings als Nebenprodukt eines \u201eFortschritts der Menschheit\u201c. Beide Narrative bieten eine Diagnose, der man nur Umverteilungsma\u00dfnahmen wie das Grundeinkommen entgegensetzen k\u00f6nnte, sowohl in rechts- wie linksgerichteten Perspektiven.<\/p>\n<p>Beginnen wir mit der Kritik an der Vorstellung vom Ende der Arbeit, indem wir einen Blick auf einige leicht verf\u00fcgbare empirische Daten werfen, denen zufolge wir uns nicht vor einem \u201eEnde der Arbeiter:innenklasse\u201c befinden.<\/p>\n<p>Wie Aaron Benanav in Erinnerung ruft, ist die Erwerbsbev\u00f6lkerung, sowohl die lohnabh\u00e4ngige als auch die nicht lohnabh\u00e4ngige, von 1980 bis 2018 (laut IAO) um 75 Prozent gewachsen, was bedeutet, dass mehr als 1,5 Milliarden Menschen auf den weltweiten Arbeitsm\u00e4rkten hinzugekommen sind<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a>, insgesamt also knapp 3,5 Milliarden Menschen. Auf der Grundlage dieser IAO-Daten weist Kim Moody darauf hin, dass etwa zwei Drittel von ihnen, das hei\u00dft etwas mehr als 2 Milliarden, zur Arbeiter:innenklasse geh\u00f6ren, die sich aus Lohnempf\u00e4ngern und \u201eSelbstst\u00e4ndigen\u201c oder \u201eArbeitnehmer:innen auf eigene Rechnung\u201c zusammensetzt<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a>. Nach Untersuchungen von Marcel van der Linden<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a> (ebenfalls auf der Grundlage der IAO) ist der Anteil der Menschen, die von ihrem Lohn leben, zwischen 1991 und 2019 niemals unter 44 Prozent gefallen, sondern im Gegenteil auf 55 Prozent der Erwerbsbev\u00f6lkerung angestiegen.<\/p>\n<p>Betrachtet man die j\u00fcngsten verf\u00fcgbaren Daten der IAO, so sch\u00e4tzt sie in ihrem Bericht vom Januar 2023, dass sich die \u201eglobale Erwerbsbev\u00f6lkerung\u201c auf etwas mehr als 3,6 Milliarden Menschen bel\u00e4uft (die IAO verwendet den Begriff \u201eArbeitskr\u00e4fte\u201c, der dem sogenannten Erwerbspersonenpotenzial entspricht) und sich aus 2,17 Milliarden M\u00e4nnern und 1,43 Milliarden Frauen zusammensetzt. Davon sind 3,39 Milliarden erwerbst\u00e4tig und 208 Millionen arbeitslos, also 5,8 Prozent der weltweiten Erwerbsbev\u00f6lkerung. Von den Erwerbst\u00e4tigen sind 1,96 Millionen Menschen informell besch\u00e4ftigt, was 58,4 Prozent ausmacht, und 214 Millionen leben in extremer Armut (das hei\u00dft mit weniger als 1,99 USD pro Tag), was etwa 6,4 Prozent der Erwerbst\u00e4tigen entspricht<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote5sym\"><sup>5<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Die Erwartung f\u00fcr das Jahr 2023 ist sehr schlecht: einerseits wird eine starke Verlangsamung des Besch\u00e4ftigungswachstums (das sich seit den Spitzenwerten der Arbeitslosigkeit w\u00e4hrend der Pandemie erholt hatte, auch wenn es nie das Niveau von 2019 erreicht hat) erwartet; andererseits wird prognostiziert, dass die neu geschaffenen Arbeitspl\u00e4tze das sehr hohe Ma\u00df an Informalit\u00e4t beibehalten werden, das wir in den letzten Jahren gesehen haben: 2022 waren 4 von 5 Arbeitspl\u00e4tzen f\u00fcr Frauen informell und 2 von 3 f\u00fcr M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Kurz gesagt, wenn wir diesen kurzen \u00dcberblick betrachten, scheint die Idee eines \u201eempirischen\u201c Verschwindens der Arbeiter:innenklasse unter keinem Gesichtspunkt haltbar zu sein. Damit ist die Debatte jedoch nicht beendet, sondern nur eingeleitet: Denn diese Arbeiter:innenklasse, die vor uns steht und zu der wir geh\u00f6ren, weist nicht die gleichen Merkmale der glorifizierten \u201eArbeiter:innenklasse der Nachkriegszeit\u201c auf, weil auch die Jahre des Booms in der Geschichte des Kapitalismus eine Ausnahme und nicht die Regel waren.<\/p>\n<p>Es gibt kein also Verschwinden der Arbeiter:innenklasse, aber eine \u201eKrise der Arbeit\u201c gibt es schon: weit verbreitete und wachsende Prekarit\u00e4t der Arbeit; fortschreitende Feminisierung der Arbeitskr\u00e4fte im Niedriglohnsektor; Zunahme von Unter- und \u00dcberbesch\u00e4ftigung; Fluktuation mit hoher Arbeitslosigkeit; Auswirkungen einiger technologischer Ver\u00e4nderungen, die die menschliche Arbeit nicht ersetzen, sie aber neuen Formen der Kontrolle und des Managements unterwerfen; und, als Folge dessen, die Ausbreitung der \u201eArmut trotz Arbeit\u201c als ein immer weiter verbreiteter Zustand sowohl in den peripheren als auch in den zentralen L\u00e4ndern, wenn auch in unterschiedlichem Ausma\u00df und Intensit\u00e4t.<\/p>\n<p>Gerade angesichts dieses Szenarios des Wandels bei\u00dft sich das hegemoniale Narrativ in den eigenen Schwanz, wenn es erkl\u00e4rt, dass Arbeit nicht mehr das sein wird, was sie nie wirklich war. Indem es die Nachkriegszeit verherrlicht und dabei ausschlie\u00dflich aus der Perspektive der fortgeschrittenen kapitalistischen L\u00e4nder schaut, wird die Unf\u00e4higkeit des Kapitalismus, \u201eanst\u00e4ndige\u201c Arbeitspl\u00e4tze zu schaffen, die periodisch hohen Arbeitslosenquoten, die Ausbreitung der Unterbesch\u00e4ftigung (neben anderen Indikatoren, die oft als Krise der \u201enormalen\u201c oder \u201etypischen\u201c Besch\u00e4ftigung angesehen werden) angeprangert, womit der Weg f\u00fcr eine weitere Verarmung geebnet werde.<\/p>\n<p>Mit der Pandemie wurde die zentrale Bedeutung dieser Probleme im Zusammenhang mit der Arbeit und den sozialen Ungleichheiten sehr deutlich. Gleichzeitig zeigte sich der Widerspruch zwischen dem \u201eunverzichtbaren\u201c Charakter, den die Ausbeutung einer bestimmten Arbeitskraft annimmt, und dem \u201eWegwerfcharakter\u201c, den die K\u00f6rper, die sie ver\u00fcben, erhalten. Es gibt kaum einen \u00f6ffentlichen Diskurs, der nicht irgendeine Diagnose \u00fcber \u201edie Arbeit\u201c im Allgemeinen stellt, um ihre \u201eunvermeidliche\u201c Degradierung zu rechtfertigen. Seitens der Arbeiter:innen wird st\u00e4ndig die enorme Ausweitung der Prekarisierung angeprangert (durch Streiks, Proteste und gewerkschaftliche Organisierung, wo dies bisher unm\u00f6glich schien). Das gleiche sieht man in den verschiedenen Prozessen der sozialen Mobilisierung, die sich nicht unbedingt als \u201eArbeiter:innenproteste\u201c darstellen, in denen die Arbeiter:innen aber den wichtigsten Teil bilden, der diesen K\u00e4mpfen Leben einhaucht: von den Gelbwesten in Frankreich, den Revolten von 2019 in Lateinamerika, den Streiks w\u00e4hrend der Pandemie in den USA und Europa bis zu den aktuellen Streiks in den USA, Europa (insbesondere in Gro\u00dfbritannien, Frankreich und Deutschland) und China.<\/p>\n<p><strong>Die Illusion der Automatisierung<\/strong><\/p>\n<p>Eine M\u00f6glichkeit, die Ausbreitung der Prekarit\u00e4t und das Fehlen ausreichender Arbeitspl\u00e4tze zu erkl\u00e4ren, besteht darin, sie der technologischen Dynamik zuzuschreiben, was diese zu einem unvermeidlichen Analysepunkt f\u00fcr die \u201eKrise der Arbeit\u201c macht. Seit etwas mehr als einem Jahrzehnt wird dieser neue Diskurs, den wir \u201edie Illusion der Automatisierung\u201c nennen, von Sozialtheoretiker:innen, Silicon-Valley-Unternehmer:innen, Zukunftsforscher:innen mit Bestsellern, Massenmedien und sogar von Politiker:innen aller Couleur (Liberale, christliche mitte-links Sektoren und einige Linksintellektuelle) gef\u00f6rdert. In Argentinien stellte das Buch von Eduardo Levy Yeyati Despu\u00e9s del trabajo. El empleo argentino en la cuarta Revoluci\u00f3n Industrial (dt. \u201eNach der Arbeit. Die argentinische Besch\u00e4ftigung in der vierten industriellen Revolution\u201c) eine Reihe von Behauptungen dar\u00fcber auf, warum eine Gesellschaft wie die unsrige von diesem technologischen Wandel nicht verschont bleibt. Unter anderem wies er darauf hin, dass nach Angaben der Weltbank 60 Prozent der Arbeitspl\u00e4tze in Argentinien in Zukunft mit einer Maschine oder einem Computerprogramm konkurrieren werden (ohne dass die empirische Grundlage f\u00fcr eine solche Prognose sehr klar w\u00e4re). Aber nicht nur die Berater des liberalen Wahlb\u00fcndisses Juntos por el Cambio (dt. \u201eGemeinsam f\u00fcr den Wandel\u201c) sind von diesem Diskurs beeinflusst. Auch einige Vertreter:innen der sogenannten \u201eeconom\u00eda popular\u201c teilen die Pr\u00e4missen dieser Prognose, wie man in Juan Grabois\u2018 La Clase Peligrosa (dt. \u201eDie gef\u00e4hrliche Klasse\u201c) sehen kann. Die Namen und B\u00fccher sind zahlreich, aber die Diagnose ist dieselbe: Sie besteht in der These, dass eine angebliche Beschleunigung des technologischen Wandels die Ursache f\u00fcr den Mangel an Arbeitspl\u00e4tzen sei, und sagt vorher, dass dies zum \u201eEnde der Arbeit\u201c, wie wir sie kennen, f\u00fchren werde. Eine Reihe von nicht immer genau definierten technologischen Ver\u00e4nderungen, die h\u00e4ufig unter dem Begriff \u201eDigitalisierung der Arbeit\u201c oder \u201eVierte Industrielle Revolution\u201c zusammengefasst werden, w\u00fcrden die menschliche Arbeit ersetzen: Robotisierung, Big Data, das Internet der Dinge, 3D-Druck, digitale Plattformen und, der Star am Firmament, \u201ek\u00fcnstliche Intelligenz\u201c. Auch wenn wir die Auswirkungen all dieser Entwicklungen auf die Arbeitswelt noch nicht in vollem Umfang absch\u00e4tzen k\u00f6nnen, wird es notwendig sein, sich dar\u00fcber klar zu werden, ob wir es wirklich mit einer Ver\u00e4nderung des Kapitalismus zu tun haben, die, wie die \u201ekalifornische Ideologie\u201c es sich vorstellt, die zentrale Bedeutung der Arbeit tendenziell verdr\u00e4ngen wird<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote6sym\"><sup>6<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Ein wirksamer Weg, diese Frage anzugehen, besteht darin, die konkreten Auswirkungen der \u201eAutomatisierung\u201c auf die Ersetzung von Arbeitskr\u00e4ften zu analysieren: Stimmt die Diagnose, dass uns ein \u201eEnde der Arbeit\u201c durch eine neue technologische Revolution bevorsteht, oder gibt es eine andere Ursache f\u00fcr den Abbau von Arbeitspl\u00e4tzen und die Arbeitslosigkeit?<\/p>\n<p>Aaron Benanavs Automation and the Future of Work<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote7sym\"><sup>7<\/sup><\/a> befasst sich eingehend mit dem erneuerten und enthusiastischen Diskurs \u00fcber die \u201eAutomatisierung der Arbeit\u201c<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote8sym\"><sup>8<\/sup><\/a> und den wirtschaftlichen Trends, die eine globale Erwerbsbev\u00f6lkerung mit hoher Arbeitslosigkeit, prek\u00e4rer Unterbesch\u00e4ftigung und relativer \u00dcberbev\u00f6lkerung strukturieren.<\/p>\n<p>Sein Verdienst ist, dass er uns eine konkrete und theoretisch sehr fundierte Analyse liefert, die knapp zusammengefasst argumentiert, dass es keine empirischen Beweise gibt, die die Diagnose st\u00fctzen, dass die Automatisierung die menschliche Arbeit (sowohl in der Industrie als auch im Dienstleistungssektor) verdr\u00e4ngt und zu einer \u201etechnologischen Massenarbeitslosigkeit\u201c f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Bei der Untersuchung des Zusammenhangs zwischen technologischen Innovationen und der Entwicklung des Arbeitsmarktes stellt Benanav fest, dass der R\u00fcckgang der Nachfrage nach Arbeitskr\u00e4ften nicht auf einen Sprung in der technologischen Innovation zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, sondern auf die Einbettung dieser kontinuierlichen technologischen Ver\u00e4nderungen (die im Kapitalismus periodisch auftreten) in einen Kontext tiefgreifender wirtschaftlicher Stagnation<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote9sym\"><sup>9<\/sup><\/a>. Daher nimmt die geringe Nachfrage nach Arbeitskr\u00e4ften nicht die notwendige Form von Massenarbeitslosigkeit an, sondern zeigt sich als anhaltende Tendenz zu prek\u00e4rer Unterbesch\u00e4ftigung (mit anderen Erscheinungsformen in den zentralen L\u00e4ndern als in den peripheren L\u00e4ndern, aber unter der gleichen Tendenz des globalen Kapitalismus).<\/p>\n<p>F\u00fcr seine Argumentation nimmt Benanav einen Schl\u00fcsselindikator (Arbeitsproduktivit\u00e4t) und weist darauf hin, dass, wenn die Automatisierungstheoretiker:innen Recht h\u00e4tten, die Arbeitsproduktivit\u00e4t rasch steigen sollte. Das hei\u00dft, der Ersatz von Arbeiter:innen durch \u201eRoboter\u201c (oder neue Technologien) w\u00fcrde nicht nur eine Verringerung der Zahl der Betriebe mit Arbeiter:innen bedeuten, sondern sollte auch mit einem Anstieg der Arbeitsproduktivit\u00e4t in denselben Betrieben einhergehen (insbesondere in den st\u00e4rker automatisierten Betrieben wie der Automobilindustrie). Die in dem Buch aufgezeigte statistische Analyse zeigt jedoch, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Wir erleben eine Verlangsamung der Produktivit\u00e4t vor dem Hintergrund eines lang anhaltenden R\u00fcckgangs des Wirtschaftswachstums. Von 2010 bis 2020 verlangsamte sich die Produktivit\u00e4tsteigerung, das hei\u00dft, ihr Wachstum war langsamer als in der Vergangenheit. Die OECD-Statistiken zeigen, dass die Produktivit\u00e4t in den OECD-L\u00e4ndern langsamer w\u00e4chst als in fr\u00fcheren Perioden. Dies gilt f\u00fcr die USA, Deutschland und Japan, um nur die drei technologisch fortschrittlichsten Volkswirtschaften zu nennen, in denen die Produktivit\u00e4t am h\u00f6chsten ist. Die Wachstumsraten des verarbeitenden Gewerbes dieser L\u00e4nder und ihrer Volkswirtschaften insgesamt (ihr BIP) haben sich in diesem Jahrhundert bisher deutlich verlangsamt. Und dies sind genau die Jahre, f\u00fcr die die Prognosen eine neue technologische Revolution vorhersagen.<\/p>\n<p>Daher, so Benanav, m\u00fcssen wir die gegenteilige Schlussfolgerung zum Automatisierungsdiskurs ziehen: Wir leben nicht in einer \u00c4ra der beschleunigten Vernichtung von Arbeitspl\u00e4tzen durch qualitative technologische Fortschritte, sondern in einer \u00c4ra der verlangsamten Schaffung neuer Arbeitspl\u00e4tze infolge des geringen Wirtschaftswachstums.<\/p>\n<p>Die eigentliche Ursache f\u00fcr die Verlangsamung der Schaffung von Arbeitspl\u00e4tzen infolge der wirtschaftlichen Stagnation liegt im R\u00fcckgang der Investitionen und in der mangelnden Dynamik der Industrie infolge des neoliberalen Globalisierungsprozesses: Die weltweite Ausweitung der Produktionskapazit\u00e4ten f\u00fchrte zu \u00dcberkapazit\u00e4ten in der Industrie und zu Redundanzen im Handel. Dies f\u00fchrte zu einem Einbruch der Investitionsrate. Dies wurde von den etablierten \u00d6konom:innen versp\u00e4tet als \u201es\u00e4kulare Stagnation\u201c bezeichnet und von marxistischen Theoretiker:innen wie Robert Brenner schon seit einiger Zeit angemahnt. Es ist diese relative \u201eDeindustrialisierung\u201c in den Kernl\u00e4ndern, die die Erscheinungsformen der globalen Arbeiter:innenklasse ver\u00e4ndert hat. Deindustrialisierung wird im Allgemeinen als ein R\u00fcckgang des Anteils der in der verarbeitenden Industrie besch\u00e4ftigten Arbeitskr\u00e4fte definiert. Es handelt sich dabei immer um eine relative Gr\u00f6\u00dfe, denn Deindustrialisierung kann auch in L\u00e4ndern stattfinden, in denen die Gesamtzahl der Arbeitskr\u00e4fte schnell w\u00e4chst und sogar die Zahl der Arbeitskr\u00e4fte in der Industrie zunimmt, die jedoch nicht mit dem Gesamtwachstum der Erwerbsbev\u00f6lkerung Schritt h\u00e4lt. Die \u201eDeindustrialisierung\u201c ist also relativ zum st\u00e4rkeren Wachstum der Gesamtbev\u00f6lkerung, der Erwerbsbev\u00f6lkerung und der lohnabh\u00e4ngigen Bev\u00f6lkerung im Besonderen. In den Kernl\u00e4ndern ist allgemein ein absoluter R\u00fcckgang der Industriebesch\u00e4ftigung zu verzeichnen, w\u00e4hrend in anderen L\u00e4ndern in der Peripherie entweder der gleiche Prozess (wie in Lateinamerika) oder ein relativer R\u00fcckgang (Asien) zu beobachten ist.<\/p>\n<p>Die globalen Trends zeigen ein Szenario, das paradox erscheinen mag: Die alten Industriem\u00e4chte haben sich \u201edeindustrialisiert\u201c und die neuen industrialisierten Volkswirtschaften beginnen fr\u00fch mit der \u201eDeindustrialisierung\u201c (nach Angaben der IAO war der H\u00f6hepunkt in China im Jahr 2013: Der Anteil der Besch\u00e4ftigung im verarbeitenden Gewerbe an der Gesamtbesch\u00e4ftigung ging von 19,3 Prozent im Jahr 2013 auf 17,2 Prozent im Jahr 2018 zur\u00fcck). Aber insgesamt hat sich die Welt nicht in erheblichem Ma\u00dfe deindustrialisiert. Globale (und nicht l\u00e4nderspezifische) Statistiken zeigen, dass die massive Neukonfiguration der Lieferketten die Arbeitspl\u00e4tze im verarbeitenden Gewerbe \u201everstreuter\u201c verteilt<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote10sym\"><sup>10<\/sup><\/a>. Was bedeutet das? Dass Ver\u00e4nderungen im kapitalistischen Wertproduktionszyklus durch das \u201eOffshoring\u201c und \u201eOutsourcing\u201c von Aufgaben die Industrie im S\u00fcden (China, Indien und so weiter) mit komplement\u00e4ren Prozessen (industrielle oder technologische Montage und Logistik) verbinden, die in den Kernl\u00e4ndern enden. Wie Beverly J. Silver in einem mittlerweile klassischen Werk erl\u00e4utert, f\u00fchrten die \u201er\u00e4umlichen L\u00f6sungen\u201c, die die Kapitalisten im Zuge der \u201eGlobalisierung\u201c gefunden haben, auch zu Umstrukturierungen der Arbeitskr\u00e4fte<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote11sym\"><sup>11<\/sup><\/a>. Weit entfernt von einem \u201eWettlauf nach unten\u201c, bei dem die L\u00f6hne, die Arbeitsbedingungen und die k\u00e4mpferischen Aktionen der Arbeiter:innenbewegung abwechselnd zusammenbrechen, erleben wir einen ungleichm\u00e4\u00dfigen Prozess, bei dem neue Sektoren (Mega-Logistiklager), neue Arbeiter:innenklassen in den Schwellenl\u00e4ndern (Mega-Industrien in Asien) und die \u201eIndustrialisierung\u201c neuer Sektoren (die \u201eGesundheits- oder Bildungsindustrie\u201c) entstehen<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote12sym\"><sup>12<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Dieser uneinheitliche Trend wirkte sich in vielen L\u00e4ndern dadurch aus, dass die Erwerbsbeteiligung im verarbeitenden Gewerbe eines Landes zur\u00fcckging und sich die Arbeitskr\u00e4fte auf T\u00e4tigkeiten verlagerten, die statistisch gesehen unter der Kategorie \u201eDienstleistungen\u201c zusammengefasst werden.<\/p>\n<p><strong>Eine \u201eDienstleistungswirtschaft\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>Die Arbeitsstatistiken zeigen eine Ausweitung des \u201eDienstleistungssektors\u201c sowohl in den Kernl\u00e4ndern als auch in der kapitalistischen Peripherie: \u201eIn der gesamten Weltwirtschaft haben die mehr als drei Milliarden erwachsenen Arbeitskr\u00e4fte einen Wendepunkt erreicht, an dem mehr als die H\u00e4lfte im Dienstleistungssektor besch\u00e4ftigt ist\u201c<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote13sym\"><sup>13<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Diese Verdr\u00e4ngung erfolgte nicht aufgrund einer Expansion der \u201eDienstleistungswirtschaft\u201c als Ergebnis der Entstehung einer \u201epostindustriellen\u201c Gesellschaft (angeblich ein neues \u201ekognitives\u201c Verwertungssystem auf der Grundlage \u201eimmaterieller Arbeit\u201c). Im Gegenteil, das Versagen des industriellen Motors f\u00fchrt zu zwei unterschiedlichen, aber eng miteinander verkn\u00fcpften Ph\u00e4nomenen: Die Unterbesch\u00e4ftigung \u2013 ein weit verbreitetes Merkmal der Besch\u00e4ftigung im Dienstleistungssektor \u2013 nimmt zu, und die Arbeitslosigkeit steigt ebenfalls an, wenn auch in einem anderen zeitlichen Zusammenhang. Niedrige Wachstumsraten f\u00fchren zu hohen Unterbesch\u00e4ftigungsquoten und in Zeiten offener Krisen zu hohen Arbeitslosenquoten. Doch w\u00e4hrend die Arbeitslosigkeit insgesamt mehr oder weniger stabil bleibt, erfolgt die Abwanderung der Arbeitskr\u00e4fte in Form von Unterbesch\u00e4ftigung in den Kernl\u00e4ndern und \u201einformeller Arbeit\u201c in den L\u00e4ndern der Peripherie<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote14sym\"><sup>14<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Es gibt Autoren wie Jason Smith und Fred Moseley, die die Ausweitung der Dienstleistungen damit erkl\u00e4ren, dass in einem Szenario, in dem es den Kapitalist:innen nicht gelingt, die Kapitalakkumulation substanziell auszuweiten, die Automatisierung der \u201eproduktiven Arbeit\u201c \u2013 als Gegenst\u00fcck \u2013 \u201eunproduktive Arbeit\u201c an anderer Stelle erzeugt<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote15sym\"><sup>15<\/sup><\/a>. Andere Autoren, wie Kim Moody oder Ricardo Antunes, schlagen vor, diese Ausweitung gerade als einen Versuch zu sehen, die Krise der Rentabilit\u00e4t zu \u00fcberwinden. Sie erkl\u00e4ren das als einen Prozess der \u201eIndustrialisierung\u201c und der Ausweitung der \u201eLohnarbeit\u201c auf T\u00e4tigkeiten, die im Zusammenhang mit der Zirkulation (Logistik) und der sozialen Reproduktion (Gesundheit, Bildung und Pflege) stehen. Im Fall der Logistik spielen, wie wir gleich sehen werden, technologische Innovationen eine wichtige Rolle, insbesondere durch die Digitalisierung vieler Aufgaben und die zunehmende Komplexit\u00e4t des Produktionsprozesses.<\/p>\n<p>Abgesehen von der Offenheit der Debatte dar\u00fcber, was die Expansion des Dienstleistungssektors f\u00fcr die kapitalistische Wirtschaft insgesamt bedeutet, steht fest, dass das Vordringen des Kapitals in neue Sektoren von entscheidender Bedeutung f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der neuen Erscheinungsformen der Arbeiter:innenklasse ist.<\/p>\n<p><strong>Logistik: der neue Fluss der Arbeiter:innenklasse<\/strong><\/p>\n<p>Einer der wichtigsten Prozesse der Umgestaltung des Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten ist die sogenannte \u201elogistische Revolution\u201c. Diese \u201eKunst, Dinge zu bestimmten Zwecken zu bewegen\u201c, erlebte zun\u00e4chst mit dem Krieg in den 1960er Jahren und dann mit der Deregulierung des Welthandels in den 1980er Jahren einen Boom, der schlie\u00dflich die Warenzirkulation beschleunigte und eine neue globale Versorgungskette bildete, die eine unverzichtbare materielle Infrastruktur f\u00fcr die Globalisierung darstellt.<\/p>\n<p>Wir alle wissen, dass ein gro\u00dfer Teil der von uns konsumierten Waren entlang umfangreicher globaler Ketten produziert wird, die mit der Verlagerung der Produktion aus den entwickelten L\u00e4ndern des Nordens w\u00e4hrend der neoliberalen Globalisierung entstanden sind. In der Pandemie und mehr noch in der Zeit danach \u2013 die von einer \u201eVersorgungskrise\u201c und einer Krise der \u201eVersorgungsketten\u201c begleitet wurde \u2013 wurde die zentrale Bedeutung der Versorgungsketten f\u00fcr den globalen Handel deutlich. Dies f\u00fchrte vorhersehbarerweise auch zur Bildung neuer Sektoren der Arbeiter:innenklasse. Wir erleben derzeit einen Zyklus von Protesten und Organisierung, die in diesen Sektoren an Boden gewinnen: ein Prozess, der von den Hafenstreiks in Deutschland bis zu den Kampf- und Gewerkschaftsprozessen in den Amazon-Lagern in den USA und Europa (Gro\u00dfbritannien, Spanien, Deutschland und Frankreich) reicht.<\/p>\n<p>Eine der interessantesten \u00dcberlegungen zu den weiteren Auswirkungen dieses Prozesses auf die Arbeiter:innenklasse stammt unserer Ansicht nach von Kim Moody<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote16sym\"><sup>16<\/sup><\/a>. Seiner Analyse zufolge hat eine Reihe von produktiven, technologischen und organisatorischen Ver\u00e4nderungen eine \u201eLogistisierung des Kapitalismus\u201c (oder einen \u201elogistischen Kapitalismus\u201c) hervorgebracht, in dem globale Ketten zu einer unverzichtbaren Waffe geworden sind, um mit sinkenden Profitraten fertig zu werden. Im 21. Jahrhundert haben neue Transport-, Kommunikations-, Computerisierungs- und Datendigitalisierungstechnologien \u2013 wie Barcodes, GPS, EDI (elektronischer Datenaustausch), WMS-Software (Warehouse Management Systems) und RFID (Radio Frequency Identification Tagging) \u2013 es erm\u00f6glicht, die Bewegung von Waren \u2013 und Arbeiter:innen \u2013 zuverl\u00e4ssiger zu verfolgen und zu steuern sowie einen dynamischeren Fluss dieser G\u00fcter zu realisieren. Dies ist der Grund f\u00fcr die \u201eLogistikrevolution\u201c, bei der laut ihrem Guru Yossi Sheffi \u201edie physische Infrastruktur die Logistikinvestitionen dominiert\u201c und (gleichzeitig) \u201eeine Informationslieferkette parallel zu jeder physischen Lieferkette\u201c besteht. Wie Corsino Vela hervorhebt, ist die Logistik eine sehr technologieintensive Organisations- und Managementtechnik. Sie stellt fest:<\/p>\n<p>Aus betrieblicher Sicht hat die Logistik eine physische, materielle Dimension, die die Handhabung, den Transport und so weiter von Produkten umfasst. Aus der Sicht des Managements hat sie jedoch eine immaterielle Dimension der \u00dcbermittlung und Verwaltung von Informationen, die f\u00fcr die Erbringung der Dienstleistung und folglich f\u00fcr die Leistung des Unternehmens von entscheidender Bedeutung sind<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote17sym\"><sup>17<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Es ist diese \u201edoppelte Dimension\u201c (physisch und immateriell), die oft einseitig dargestellt wird, indem eine mystifizierte Lesart konstruiert wird, die die j\u00fcngste Periode der Digitalisierung so interpretiert, als ob es sich um den Aufstieg eines entmaterialisierten Flusses der Kapitalakkumulation handeln w\u00fcrde. Die Digitalisierung ist jedoch weit davon entfernt, immateriell zu sein, denn gerade sie hat eine verst\u00e4rkte (physische) Kontrolle der Arbeitskraft erm\u00f6glicht und die Methoden ihrer Verwaltung beschleunigt, so dass die Waren sich schneller bewegen k\u00f6nnen. Wer Ken Loachs brillanten Film Sorry, we missed you gesehen hat, kann den materiellen Charakter der \u201elogistischen Revolution\u201c in der Flasche, die dem Protagonisten als Urinal dient, deutlich erkennen. Wie Juan Sebasti\u00e1n Carbonell festgestellt hat, neigt das kapitalistische Narrativ \u00fcber das Logistikmanagement dazu, unsichtbar zu machen, dass sich hinter den Begriffen \u201ejust in time\u201c und \u201ezero stock\u201c nicht nur neue technologische Fortschritte verbergen (die sicherlich vorhanden sind), sondern auch neue Reihen von Arbeiter:innen, die einer intensiven Ausbeutung ausgesetzt sind<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote18sym\"><sup>18<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Dieser Prozess der Logistik wird von Moody als Teil des gesamten Produktionsprozesses (und nicht als Gegensatz zum Produktionskreislauf) betrachtet. In Anlehnung an Marx\u2018 Grundrisse und seine Analyse, dass \u201e[d]ie r\u00e4umliche Bedingung, die Bringung des Produkts auf den Markt, [\u2026] \u00f6konomisch betrachtet, in den Produktionsproze\u00df selbst [geh\u00f6rt]\u201c (MEW 42, S. 440), argumentiert der Autor, dass die Bewegung von Waren von ihrer Herstellung (oft im Globalen S\u00fcden) zu den Distributionsclustern auf der anderen Seite des Planeten nicht nur als Teil des kapitalistischen Produktionsprozesses betrachtet werden sollte, sondern dass ihre tiefere Bedeutung darin besteht, die Warenzirkulation zu beschleunigen, um die Umschlagszeit des Kapitals zu verk\u00fcrzen und die Profitrate neu zusammenzusetzen.<\/p>\n<p>Die technischen Ver\u00e4nderungen, die dieser Prozess mit sich bringt, fasst Moody in f\u00fcnf Schl\u00fcsselbereichen zusammen, in denen der \u201eLogistik-Kapitalismus\u201c, wie Marx sagte, \u201edie Vernichtung des Raums durch Zeit\u201c vorantreibt: 1) der Ausbau von Glasfaserkabeln (durch die 95 Prozent des Internetverkehrs zirkulieren); 2) der Aufstieg von Datenzentren; 3) die Vervielfachung und Umwandlung von Lager- und Vertriebszentren in moderne Logistikzentren; 4) die Verbreitung von 3PLs (siehe unten); 5) die Entwicklung einer entsprechenden materiellen Infrastruktur<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote19sym\"><sup>19<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>All diese materiellen Entwicklungen sind auf unterschiedliche Weise mit menschlicher Arbeit und ihren verschiedenen Kapazit\u00e4ten (Bau, technische Bedienung und so weiter) verbunden, ohne die es keine Zirkulation von Daten, Geld und Waren g\u00e4be. Au\u00dferdem werden sie von Konzernen wie den Internet-Service-Providern kontrolliert, die allein in den USA rund 250.000 Arbeiter:innen besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Betrachtet man die Lagerzentren, so stellt man fest, dass sich die dort verrichtete Arbeit von einer weitgehend unproduktiven Arbeit (in der die Lagerhaltung vorherrscht) zu einer aus marxistischer Sicht produktiven Arbeit gewandelt hat, in der \u201eCross-Docking\u201c und \u201ejust in time\u201c und damit die Mobilit\u00e4t der kapitalistischen Produktion herrschen. Die Ver\u00e4nderungen, die Wallmart dem Einzelhandel auferlegte, hatten gro\u00dfe Auswirkungen auf die gesamte Vertriebsbranche. Es ist kein Zufall, dass die Methoden der schlanken Produktion (Toyotismus) urspr\u00fcnglich von Taiichi Onos Beobachtung eines amerikanischen Supermarktes inspiriert wurden, in dem die Waren st\u00e4ndig in Bewegung waren.<\/p>\n<p>Eine weitere Innovation, die Moody als typisch f\u00fcr die Krise nach 2008 hervorhebt, ist das Aufkommen von \u201e3PL\u201c-Logistikunternehmen (Third Party Logistics Provider), die eine noch st\u00e4rkere Auslagerung des Logistikprozesses erm\u00f6glichen, den Gewinnr\u00fcckgang der Unternehmen, die sie beauftragen, abmildern, die Betriebskosten konzentrieren und ein gr\u00f6\u00dferes Risikomanagement \u00fcbernehmen (was auch mehr Kapital und Technologie erfordert).<\/p>\n<p>Der emblematische Fall, an dem all diese Ver\u00e4nderungen sehr deutlich zu erkennen sind, ist Amazon. Dieser Konzern ist dynamisch und agiert auf verschiedenen Stufenleitern, ist gleichzeitig ein Technologieunternehmen \u2013 es kontrolliert die H\u00e4lfte der globalen Cloud-Infrastruktur \u2013, ein f\u00fchrendes E-Commerce-Unternehmen, ein gro\u00dfes Logistikimperium \u2013 mit einer Schl\u00fcsselrolle in den so genannten \u201eglobalen Wertsch\u00f6pfungsketten\u201c \u2013 und schlie\u00dflich der zweitgr\u00f6\u00dfte Boss weltweit (2023 wird er sch\u00e4tzungsweise 1,3 Millionen Mitarbeiter:innen besch\u00e4ftigen und damit Wallmart \u00fcberholen). Die Lagerhallen des Unternehmens nehmen den Fabriken der Vergangenheit in mancher Hinsicht nicht viel: Die Besch\u00e4ftigten sind t\u00e4glich Erniedrigungen, Produktivit\u00e4tsdruck sowie Gesundheits- und Sicherheitsrisiken ausgesetzt. Aber sie stellen eine Rekonfiguration der Arbeiter:innenklasse dar: eine neue \u201eKonzentration\u201c der Arbeitskraft unter dem Dach der Logistikzentren; Einbeziehung von Technologie zur Automatisierung von Aufgaben und Kontrolle der Arbeitskr\u00e4fte (algorithmisches Management); Einsatz von technologischen Arbeitskr\u00e4ften im Rahmen von \u201eMikroarbeit\u201c (mit Amazon Mechanical Turk); und weitere Verelendung in ihrem Logistiknetzwerk im Einklang mit dem \u201ePlattformkapitalismus\u201c und der \u201eGig Economy\u201c.<\/p>\n<p>Obwohl sich Amazon als weltgr\u00f6\u00dfter Online-H\u00e4ndler bezeichnet und Jeff Bezos behauptet, es sei in Wirklichkeit ein Technologieunternehmen, glaubt Moody, dass das Unternehmen \u201edie stabilste Logistikinfrastruktur der Geschichte aufbaut\u201c. E-Commerce und technologische F\u00e4higkeiten werden durch logistische F\u00e4higkeiten zur wirtschaftlichen F\u00fchrung getrieben. Bezos, der weit von der Mythologie der Tech-Garage entfernt ist, nutzte alte Waffen wie Steuerhinterziehung, Abzocke von Lieferanten und vor allem die Unterdr\u00fcckung von Gewerkschaften. Mit dem gro\u00dfen Dotcom-Boom der 1990er Jahre sammelte er bis 2001 2,1 Milliarden Dollar ein (andere Tech-Unternehmen brachten in der Regel nicht mehr als 50 Millionen Dollar auf) und nutzte diese \u201eurspr\u00fcngliche Akkumulation\u201c, um das Herzst\u00fcck seiner Infrastruktur aufzubauen. Einerseits entwickelte er das \u201emoderne Lager\u201c (nach dem Vorbild von Wallmart, wo Waren ein- und ausgehen, ohne gelagert zu werden) und wandte Just-in-Time-Methoden an, die in \u201eEchtzeit\u201c durch Algorithmen, Handheld-Computer und RFID-Etiketten, Kiva-Roboter und F\u00f6rderb\u00e4nder unter strenger menschlicher Aufsicht gemessen werden. Auf der anderen Seite wurde der Big-Data-Betrieb, aus dem Amazon Web Services (AWS) hervorgehen sollte, gest\u00e4rkt, indem neue Ebenen der Vorhersage, Verfolgung, Koordination und Geschwindigkeit erreicht wurden. Das in der Transportbranche investierte Produktivkapital f\u00fcgt also durch die Arbeit der Besch\u00e4ftigten den Produkten Wert hinzu. Allein in den USA gibt es 350.000 Besch\u00e4ftigte, 100.000 Vertragsarbeiter:innen und 10.000 Softwarearbeiter:innen und wie bereits erw\u00e4hnt z\u00e4hlt Amazon weltweit 1,3 Millionen Besch\u00e4ftigte. Da die \u00fcberwiegende Mehrheit in seinem globalen Logistiksystem arbeitet, sind sie, wie Moody analysiert, Wertproduzent:innen: Es sind diese Arbeiter:innen (und nicht die Verbraucher:innen), die den unglaublichen Reichtum dieses Giganten begr\u00fcnden<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote20sym\"><sup>20<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Da die \u201eLieferzeit\u201c der wichtigste Faktor ist, um ihre Konkurrenten zu schlagen, wird die st\u00e4ndige Verbesserung der Methoden, der Technologie und der Infrastruktur in den Dienst der Verk\u00fcrzung dieser Zeit auf ein Minimum gestellt. Daher stehen die dort besch\u00e4ftigten Arbeitskr\u00e4fte unter enormem Druck und die Geschwindigkeit, mit der sie diesen Mehrwert produzieren (wie in jeder \u201eIndustrie\u201c), steht im Mittelpunkt der Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit. Dies hilft zu verstehen, warum die Arbeiter:innen bei den \u201eMake Amazon Pay\u201c-Streiktagen sagten: \u201eDies ist nicht nur ein Streik gegen Amazon, sondern auch ein Streik gegen eine neue Form der Ausbeutung\u201c.<\/p>\n<p>Dieser Prozess hat jedoch eine Kehrseite: Je engmaschiger die Lieferkette ist, desto anf\u00e4lliger ist ihr Logistiksystem f\u00fcr St\u00f6rungen. \u201eJust in time\u201c beseitigt die Abst\u00e4nde zwischen den Vorg\u00e4ngen und macht die gesamte Kette anf\u00e4lliger f\u00fcr den kleinsten R\u00fcckschlag. Dar\u00fcber hinaus erfordert das globale Logistiknetz hohe Investitionen in fixes Kapital. Dies stellt eine weitere Schwachstelle dar, denn, um Anwar Shaikh zu zitieren: \u201eKapitalintensive Industrien haben tendenziell auch hohe Fixkosten, die sie anf\u00e4lliger f\u00fcr die Auswirkungen von Bummelstreiks und Streiks machen\u201c.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund muss den riesigen Konzentrationen von Arbeiter:innen in Logistik-Clustern, die in jedem Land verstreut sind, besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, insbesondere in den Gro\u00dfst\u00e4dten und in den Verteilungszentren um Flugh\u00e4fen und H\u00e4fen. Manche meinen zu Recht, dass es sich dabei um eine Art Verl\u00e4ngerung der industriellen Arbeitswelt in logistischer Form handelt. Trotz der Unterschiede zur traditionellen Fabrikarbeit handelt es sich zweifelsohne um eine Erweiterung der manuellen Lohnarbeit, wie die vorangegangenen Analysen zeigen. Die Arbeit in diesen Lagern beinhaltet f\u00fcr Zehntausende von Arbeiter:innen eine Organisationsform der Arbeitskr\u00e4fte, die als \u201ealgokratisch\u201c bezeichnet wird: weil der Algorithmus den gesamten Prozess steuert \u2013 unter Verwendung von Automatisierung, Robotik und KI \u2013 und es dem Unternehmen erm\u00f6glicht, die Zahl der Arbeitskr\u00e4fte (nach oben oder unten) synchron mit den Schwankungen der Online-Nachfrage zu regulieren.<\/p>\n<p>Unter dem Slogan \u201eWir sind keine Roboter\u201c prangern die Lagerarbeiter:innen dieses Regime an. Gleichzeitig haben sich die Tech-Arbeiter:innen von Amazon f\u00fcr Klimagerechtigkeit eingesetzt und daf\u00fcr, dass das Unternehmen keine Technologien (wie Gesichtserkennung) an die CIA, ICE (US-Grenzschutz), das Milit\u00e4r und die Polizei liefert. Hier liegt ein Schl\u00fcssel, um \u00fcber die M\u00f6glichkeiten dieses neuen Sektors der Arbeiter:innenklasse nachzudenken: Die Verbindung zwischen dem Technologiesektor (Cloud-Betreiber), den Logistikzentren (Lagerh\u00e4user) und dem Liefernetzwerk (Vertrieb) wird zu einem zentralen Faktor bei der Begr\u00fcndung seiner strukturellen Macht und seiner F\u00e4higkeit, Streiks an wichtigen Engp\u00e4ssen (Abschaltung von Websites, des Zugangs zur Cloud oder von Logistiksystemen) zu verursachen. Der diesem Sektor innewohnende Widerspruch, der in der Notwendigkeit besteht, die Zirkulation durch r\u00e4umliche Konzentration (gro\u00dfe Lager in st\u00e4dtischen Randgebieten) und in Form einer unpers\u00f6nlichen Macht des Kapitals (komplexe Algorithmen, Maschinen und Technologie), hinter der menschliche Arbeit steht, permanent zu reduzieren (\u201eVernichtung des Raums durch die Zeit\u201c), ist gleichzeitig seine Anf\u00e4lligkeit: periodische Unterbrechungen durch menschliche Arbeit. Diese F\u00e4higkeit, den Profitkreislauf zu durchbrechen, hat die Positionsmacht gro\u00dfer Gruppen von wertsch\u00f6pfenden Arbeiter:innen nicht nur in Transport- und Logistiklagern, sondern in allen Phasen der Produktion und Zirkulation des Kapitals und zwischen den beiden Arbeitsbereichen gest\u00e4rkt<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote21sym\"><sup>21<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p><strong>Das \u201ePlatforming\u201c der Arbeit<\/strong><\/p>\n<p>Nach der Finanzkrise von 2008 erlebte die Welt den internationalen Aufstieg der gro\u00dfen digitalen Unternehmen, besser bekannt als GAFAM (Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft), und eine Expansion von Plattformunternehmen, die eine Vielzahl an wirtschaftlichen Austauschen abdecken. In den lateinamerikanischen L\u00e4ndern haben diese Plattformen in den letzten zehn Jahren allm\u00e4hlich Einzug gehalten und mit der Covid-19-Pandemie (und den Schlie\u00dfungen von Einrichtungen und Isolierungsma\u00dfnahmen) ist ihre Pr\u00e4senz im \u00f6ffentlichen Raum, um den Austausch von Waren und Dienstleistungen zu erm\u00f6glichen, immer gr\u00f6\u00dfer geworden. Am sichtbarsten sind die Liefer- (Rappi und Glovo in Lateinamerika, Lieferando oder Gorillas in Deutschland) und Mobilit\u00e4tsplattformen (Uber, Cabifi, und so weiter), aber sie sind nicht die einzigen. Auch wenn sie weniger Beachtung finden, gibt es eine Reihe von geistigen T\u00e4tigkeiten (Unterrichten, Programmieren, Transkription und so weiter) und sozialen Reproduktionsaufgaben (Pflege-, Reinigungs- und Hausarbeit und andere), die derzeit \u00fcber Plattformen vermittelt werden.<\/p>\n<p>Zur Beschreibung dieser neuen Beziehung zwischen Kapital und Arbeit werden h\u00e4ufig verschiedene Neologismen und Begriffe verwendet: \u201eUberisierung\u201c, \u201eGig Economy\u201c, \u201eAmazonisierung\u201c, \u201ePlattformkapitalismus\u201c, \u201e\u00dcberwachungskapitalismus\u201c, \u201eSilikonisierung des Lebens\u201c und andere. Diesen Begriffen ist der Versuch gemeinsam, die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt zu erkl\u00e4ren. Doch w\u00e4hrend einige davon dem Narrativ entsprechen, das dieselben Unternehmen von sich selbst konstruieren, oder den Illusionen begeisterter \u201eSelbstst\u00e4ndiger\u201c \u2013 einer Kategorie, die die Lohnarbeit versteckt, indem sie ihre \u201eAutonomie\u201c postuliert \u2013, zielen andere darauf ab, die kritischen Aspekte des Ph\u00e4nomens und seine negativen Folgen zu betonen, wie die Verbreitung von Arbeitspl\u00e4tzen ohne Rechte und unter despotischer Kontrolle.<\/p>\n<p>Eine der ersten kritischen Darstellungen ist die von Nick Srnicek entwickelte Analyse des \u201ePlattformkapitalismus\u201c. Demnach ist der \u201ePlattformkapitalismus\u201c kein neues \u201ekognitives\u201c Verwertungsregime (wie es die neo-operaistische Vision von Tiziana Terranova sein k\u00f6nnte), sondern ein Zyklus von Investitionen kapitalistischer Unternehmen, die in einem Kontext anhaltender wirtschaftlicher Stagnation durch die Verarbeitung massiver Daten und die Ausbeutung verf\u00fcgbarer und billiger Arbeitskr\u00e4fte im Kontext hoher Unterbesch\u00e4ftigungs- und Arbeitslosenquoten nach Profiten streben.<\/p>\n<p>Was sind Plattformen? Es handelt sich um digitale Infrastrukturen, die als Vermittler zwischen zwei oder mehreren Gruppen (oder Nutzer:innen) fungieren<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote22sym\"><sup>22<\/sup><\/a>. Sie k\u00f6nnen auch als \u201eWerkzeuge zur Zusammenf\u00fchrung von Arbeitsangebot und \u2013nachfrage\u201c definiert werden<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote23sym\"><sup>23<\/sup><\/a>. Und sie stellen eine neue Art der Verbindung zwischen Arbeiter:innen und Kapitalist:innen dar, indem sie die zentrale Rolle des Unternehmens bei der allgemeinen Festlegung der Arbeitsbedingungen, der Bezahlung von Aufgaben und der Kontrolle der Arbeitszeit durch Just-in-Time-Managementmethoden unsichtbar machen.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig davon, ob man lieber von der \u201ePlattformisierung der Arbeit\u201c<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote24sym\"><sup>24<\/sup><\/a> oder der \u201eUberisierung\u201c<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote25sym\"><sup>25<\/sup><\/a> spricht, besteht unter den kritischen Studien zur Arbeitswelt ein Konsens \u00fcber die negativen Folgen, die diese Form der Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse mit sich bringt. Alle oder fast alle Arbeitspl\u00e4tze, die heute \u00fcber Plattformen ausge\u00fcbt werden, gab es schon vorher, der Unterschied besteht darin, wie sie in einer neuartigen Organisationsform ausgef\u00fchrt werden, bei der die digitale Technologie die Beziehungen zwischen dem Unternehmen (oder der \u201ePlattform\u201c), den Arbeiter:innen und den Verbraucher:innen vermittelt.<\/p>\n<p>Plattformgesteuerte Arbeit<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote26sym\"><sup>26<\/sup><\/a> bezieht sich auf Aufgaben, die bereits in anderer Form existierten (Fahrer, Post- oder Kurierdienste, Fast Food und so weiter), die nun unter einer neuen Form der Arbeitsorganisation ausgef\u00fchrt werden<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote27sym\"><sup>27<\/sup><\/a>. Dabei \u00fcbernehmen die Arbeiter:innen das Risiko der Aufgabe und stellen ihre eigenen Arbeitsmittel zur Verf\u00fcgung (Mobiltelefone, Fahrr\u00e4der, Autos und so weiter), w\u00e4hrend sich das Unternehmen durch die Architektur seiner digitalen Infrastruktur die Kontrolle \u00fcber den kommerziellen Austauschprozess und den Arbeitsprozess vorbeh\u00e4lt. Dies erleichtert die Anwendung der Logik der \u201eJust in time\u201c-Aufgaben, die einer starken algorithmischen Kontrolle unterliegen (zum Beispiel Echtzeitzugriff auf den Standort und die Position des Arbeiters und so weiter) auf den Arbeitsprozess.<\/p>\n<p>Plattformen scheinen das Verh\u00e4ltnis zwischen Arbeiter:innen und Bossen aufzul\u00f6sen, da sie keine \u201eArbeitspl\u00e4tze\u201c anbieten, sondern \u201eAufgaben\u201c an \u201eMitarbeiter:innen\u201c vergeben, die mit den Apps verbunden sind, die im besten Fall formal als \u201eunabh\u00e4ngige\u201c Arbeiter:in registriert sind und oft an die Grenzen der offenen Arbeitsinformalit\u00e4t sto\u00dfen. In diesem Sinne stellt der Status der digitalen Arbeiter:innen als \u201eunabh\u00e4ngige\u201c Auftragnehmer:innen, \u201eKollaborateur:innen\u201c oder \u201eSelbstst\u00e4ndige\u201c einen Bruch mit den \u201eklassischen\u201c Arbeitsbeziehungen zwischen Bossen und Arbeiter:innen dar. Das erm\u00f6glicht den Plattformen, fast die gesamte Belegschaft auszulagern, die unter der Figur der \u201eMitarbeiter:innen\u201c subsumiert wird und dabei die Rechte einer abh\u00e4ngigen Besch\u00e4ftigung verliert (Zahlung eines Mindestlohns, medizinische und andere Arten von Urlaub, Versicherung gegen Berufsrisiken, vertraglicher Schutz, Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge und so weiter). Aus diesem Grund erscheint die \u201ePlattformisierung der Arbeit\u201c in den Statistiken oft als unsichtbar oder wird in Kategorien wie Selbst\u00e4ndige oder Freiberufler:innen aufgel\u00f6st. Bislang gibt es keine spezifischen quantitativen Erhebungen, die es erlauben, das weltweite Volumen der Arbeiter:innen in Plattformunternehmen vollst\u00e4ndig zu erfassen. Nach Angaben der IAO lag die Zahl der aktiven Plattformen, die virtuelle und\/oder physische Arbeit (nur Transport- und Lieferdienste) anbieten, im Jahr 2010 bei 142 und stieg bis Januar 2021 auf mehr als 777 an<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote28sym\"><sup>28<\/sup><\/a>. Es wird gesch\u00e4tzt, dass weltweit etwa 70 Millionen Menschen \u00fcber eine Plattform einen Job gefunden haben. Einigen verf\u00fcgbaren Sch\u00e4tzungen zufolge arbeiten derzeit weniger als 4 Prozent der weltweiten Erwerbsbev\u00f6lkerung f\u00fcr diese Plattformen. Am h\u00f6chsten ist die Zahl im Vereinigten K\u00f6nigreich, wo bis zu 12 Prozent der Arbeitskr\u00e4fte die Erfahrung der \u201eUberisierung\u201c gemacht haben.<\/p>\n<p>Wenn wir \u00fcber ihre Bedeutung f\u00fcr L\u00e4nder der Peripherie nachdenken, in denen ein gro\u00dfer Teil der \u201einformellen Arbeitspl\u00e4tze\u201c konzentriert ist, die laut IAO 61 Prozent der weltweit Besch\u00e4ftigten ausmachen, stimmen die ersten Analysen darin \u00fcberein, dass Plattformen T\u00e4tigkeiten ver\u00e4ndern oder absorbieren, die fr\u00fcher zwischen prek\u00e4rer Formalit\u00e4t und informeller Arbeit schwankten. Ursula Huws<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote29sym\"><sup>29<\/sup><\/a> weist darauf hin, dass die Ausbreitung von Plattformen im globalen S\u00fcden parasit\u00e4r auf bereits bestehende Praktiken in der informellen Wirtschaft zur\u00fcckgreift. Die Beziehung zwischen Plattformarbeit und Informalit\u00e4t hat mehrere Autor:innen dazu veranlasst, davor zu warnen, unkritisch Konzepte zu importieren, die f\u00fcr andere Breitengrade konstruiert wurden, und zu glauben, dass wir Zeug:innen einer Ausweitung und Verallgemeinerung von Prozessen der Informalit\u00e4t auf die Arbeitsm\u00e4rkte des Nordens seien. In gewisser Weise war diese Tendenz, die Merkmale der peripheren Besch\u00e4ftigung als neue Regel der Prekarit\u00e4t auf globaler Ebene zu \u00fcbernehmen, bereits bei Srnicek vorhanden, dessen Diagnose lautete, dass die Krise von 2008 das Entstehen neuer \u00dcberschussbev\u00f6lkerungen und eine Schw\u00e4chung der Arbeitsm\u00e4rkte mit einem impliziten Anstieg der Informalit\u00e4t der Arbeit bedeuten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Dies \u00e4ndert nichts an der Tatsache, dass die \u201ePlattformisierung der Arbeit\u201c ein neuartiger Prozess ist, der zwar in vorangegangene Prozesse der Informalit\u00e4t eingeschrieben ist und diese vertieft, aber auch substanzielle Ver\u00e4nderungen mit sich bringt, die \u00fcber diese hinausgehen. Man k\u00f6nnte sagen, dass er eine prek\u00e4re Nutzung der verf\u00fcgbaren Arbeitskr\u00e4fte mit entscheidenden Unterschieden in der Art der sozialen Beziehungen verbindet, die er im Vergleich zum typischen Szenario der \u201eInformalit\u00e4t\u201c in Lateinamerika mit sich bringt. Die Plattformen machen die Besch\u00e4ftigung prek\u00e4r, aber gleichzeitig erweitern sie die Vorherrschaft des kapitalistischen Marktes \u00fcber den \u201eAustausch von N\u00e4he\u201c (auf der Grundlage von Freundschaft, Gemeinschaft, Verwandtschaft und so weiter)<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote30sym\"><sup>30<\/sup><\/a> und verbinden verstreute Arbeitskr\u00e4fte \u00fcber digitale Infrastrukturen, die die (vermeintlich) \u201eunsichtbaren F\u00e4den\u201c, die die Unternehmen \u00fcber diese neuen Formen der Arbeit haben, erweitern. Der Einsatz fortschrittlicher Technologien im Dienste dieser Arbeitsprozesse erm\u00f6glicht lockere und unsichere Arbeitsbeziehungen zu einer intermittierenden Belegschaft und impliziert gleichzeitig eine starke algorithmische Kontrolle \u00fcber eben diese \u201eunabh\u00e4ngige\u201c Arbeit unter Bedingungen, die es vor der Einf\u00fchrung der Plattformen nicht gab.<\/p>\n<p>Entgegen der anf\u00e4nglichen Annahme hat die Organisierung in diesen Sektoren jedoch Fahrt aufgenommen. Wie Jamie Woodcock berichtet, haben sich die Arbeitsk\u00e4mpfe der Plattformarbeiter:innen in verschiedenen Teilen der Welt verallgemeinert<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote31sym\"><sup>31<\/sup><\/a>. Sie tun dies angesichts eines neuartigen Problems: der Verbreitung von Vertr\u00e4gen als Scheinselbstst\u00e4ndige (klassischer Betrug zur Umgehung von Vorschriften) und der Auferlegung von Akkordarbeit oder Bezahlung nach Aufgabe, aber auf neue Art und Weise. In Bezug auf Liefer- und Transportarbeiter:innen weist Woodcock darauf hin, dass das Ziel von Pay-per-Delivery-Plattformen darin besteht, die Bezahlung f\u00fcr unproduktive Zeit zu eliminieren, da die Arbeitskr\u00e4fte in den Intervallen zwischen den Lieferungen nicht direkt gebraucht werden, auch wenn sie zur Deckung der Nachfrage verf\u00fcgbar sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Unter Berufung auf Marx erkl\u00e4rt der Autor diesen Anstieg des Mehrwerts durch eine Analogie:<\/p>\n<p>\u201eDer Kapitalist kann nun der Arbeit einen gewissen Mehrwert entziehen, ohne ihr die f\u00fcr ihre eigene Erhaltung notwendige Arbeitszeit zu gew\u00e4hren. Er kann jede Regelm\u00e4\u00dfigkeit in der Besch\u00e4ftigung aufheben und je nach Bequemlichkeit, Laune und Interesse des Augenblicks den gr\u00f6\u00dften \u00dcberschuss an Arbeit mit relativem oder absolutem Stillstand der Arbeit abwechseln lassen\u201c<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote32sym\"><sup>32<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Daher findet man diese Arbeiter:innen h\u00e4ufig vor Restaurants oder in \u201eWartezentren\u201c, wo sie auf eine Bestellung warten, ohne f\u00fcr diese verlorene Zeit bezahlt zu werden. So wie die \u201eJust-in-Time\u201c-Methode die Logistik ver\u00e4ndert hat, um die Arbeitskosten erheblich zu senken, versuchen die Plattformen, die Kosten drastisch zu senken und nur f\u00fcr die Zeit zu bezahlen, die sie als konkrete Arbeitszeit ansehen. Diese r\u00e4umliche Logik von Uber und Konsorten ist als \u201eJust-in-Place\u201c-Besch\u00e4ftigung bekannt.<\/p>\n<p>Entlohnte soziale Reproduktionsarbeit: weiblich und wachsend.<\/p>\n<p>Innerhalb des Dienstleistungssektors ist eine der am st\u00e4rksten gewachsenen Branchen die der entlohnten sozialen Reproduktion, die die allgemeinen Merkmale der Dienstleistungen und die besonderen Merkmale der sozialen Reproduktionsarbeit aufweist. Die allgemeinen Merkmale sind, dass es sich um einen niedrigproduktiven und arbeitsintensiven Sektor handelt. Die besonderen Merkmale bestehen darin, dass es sich um einen au\u00dferordentlich feminisierten Sektor mit niedrigen L\u00f6hnen handelt, insbesondere wenn man die hohe Qualifikation ber\u00fccksichtigt, die f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil dieser Arbeit erforderlich ist (Bildung, Gesundheit und Pflege). Dieser letzte Punkt ist wichtig zu betonen, weil es eine R\u00fcckkopplung zwischen dem feminisierten Charakter der sozialen Reproduktionsarbeit, ihren niedrigen L\u00f6hnen und der Entqualifizierung ihrer Aufgabe durch den Staat und den Markt gibt<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote33sym\"><sup>33<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Diese Abwertung steht in direktem Zusammenhang mit dem Stellenwert der gesellschaftlichen Reproduktionsarbeit in kapitalistischen Gesellschaften. Wie von sozialistischen Feministinnen in der \u201eHausarbeitsdebatte\u201d im Rahmen der Zweiten Feministischen Welle in den 1970er Jahren mit gro\u00dfer Sch\u00e4rfe analysiert wurde, ist die generationen\u00fcbergreifende Arbeit der Produktion und Reproduktion von Arbeitskraft (und damit des Lebens, das sie tr\u00e4gt) eine Arbeit, die ebenso notwendig (f\u00fcr die Akkumulation von Kapital) wie \u00f6konomisch und sozial entwertet ist. Diese Entwertung beruht auf dem st\u00e4ndigen Bedarf des Kapitals an Arbeitskraft zur Ausbeutung sowie auf der Notwendigkeit, diese Arbeitskraft so billig wie m\u00f6glich zu produzieren und zu reproduzieren, um die Gewinnspannen f\u00fcr die Erzeugung von Mehrwert zu maximieren. Der private Charakter der Produktion und Reproduktion von Arbeitskraft im Haushalt, der sich auf die unbezahlte Arbeit von Frauen st\u00fctzt, die diese Arbeit gr\u00f6\u00dftenteils verrichten, ist die wichtigste Methode, mit der der Kapitalismus versucht, seinen Bedarf an billiger Arbeitskraft zu decken. Rassifizierung, Migration und Enteignung sind weitere M\u00f6glichkeiten, die Arbeitskraft zu verbilligen.<\/p>\n<p>Aber wie Lise Vogel in ihrem 1983 geschriebenen Buch Marxismus und Frauenunterdr\u00fcckung<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote34sym\"><sup>34<\/sup><\/a> dargelegt hat, wird die Arbeit der gesellschaftlichen Reproduktion nicht nur in unbezahlter Form im Haushalt, sondern auch in bezahlter oder angestellter Form in \u00f6ffentlichen Einrichtungen des Gesundheits-, Bildungs- und Pflegebereichs geleistet. Vierzig Jahre nach der Ver\u00f6ffentlichung von Vogels Buch und im Zuge einer neoliberalen Offensive k\u00f6nnen wir hinzuf\u00fcgen, dass diese Art von Arbeit zunehmend in privaten Unternehmen geleistet wird, die die so genannte \u201eBildungs- und Gesundheitsindustrie\u201c bilden, neue Nischen der Kapitalakkumulation. Wenn diese Art von unentbehrlicher Arbeit auf bezahlter Basis verrichtet wird, folgt sie den Mustern der entwerteten Arbeit (auch wenn sie von M\u00e4nnern oder intergeschlechtlichen Personen verrichtet wird). Es sind diese bezahlten Sektoren (sowohl im \u00f6ffentlichen als auch im privaten Sektor), die in den letzten Jahren ein anhaltendes Wachstum zu verzeichnen haben und sogar Konzentrationen von Arbeiter:innen bilden, die der verarbeitenden Industrie oder den Logistikzentren wenig nachstehen. So sind im Krankenhaus von Posadas (einem der wichtigsten in der Provinz Buenos Aires) derzeit mehr als 5.000 Personen besch\u00e4ftigt und im Krankenhaus von Castro Rend\u00f3n (dem wichtigsten in der Provinz Neuqu\u00e9n) sind nach Angaben der Krankenhausverwaltung 2.500 Personen besch\u00e4ftigt. Die Berliner Charit\u00e9 besch\u00e4ftigt berlinweit sogar \u00fcber 18.000 Personen, das Universit\u00e4tsklinikum der Ruhr-Universit\u00e4t in Bochum \u00fcber 15.000.<\/p>\n<p>Es gibt drei Elemente, die es notwendig machen, sich auf diesen Sektor zu konzentrieren, wenn man \u00fcber die neue Erscheinungsform der Arbeiter:innenklasse nachdenkt. Das erste ist, wie wir bereits gesagt haben, dass er eine wachsende Zahl von Arbeiter:innen konzentriert. In Argentinien bel\u00e4uft sich die Zahl der Besch\u00e4ftigten im Gesundheits- und Bildungswesen laut EPH-Daten aus dem 3. Quartal 2022 auf 2,6 Millionen Arbeiter:innen. Im deutschen Gesundheitswesen waren 2022 etwa 6 Millionen Arbeiter:innen besch\u00e4ftigt, davon 75 Prozent Frauen. Weitere 2,5 Millionen Arbeiter:innen waren 2018 im deutschen Bildungswesen angestellt.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote35sym\"><sup>35<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Zweitens steht dieser Sektor im Zentrum dessen, was Nancy Fraser als \u201eKrise der sozialen Reproduktion\u201c<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote36sym\"><sup>36<\/sup><\/a> bezeichnet hat, als (grundlegender) Aspekt der Krise des neoliberalen Kapitalismus. Im Gegensatz zu einigen Auffassungen, die sich bei der sozialen Reproduktion nur auf die h\u00e4usliche oder gemeinschaftliche Sph\u00e4re konzentrieren, erlaubt Frasers Perspektive, die Krise der sozialen Reproduktion in den drei Sph\u00e4ren zu denken, die die M\u00f6glichkeit der Reproduktion des Lebens der Arbeiter:innen bestimmen: die Sph\u00e4re der Lohnarbeit, weil ein gro\u00dfer Teil der Reproduktion der Arbeitskr\u00e4fte durch die G\u00fcter und Dienstleistungen erfolgt, die auf dem Markt durch L\u00f6hne erworben werden; die Sph\u00e4re der staatlichen Politiken, die auf die soziale Reproduktion durch Bildungs-, Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen abzielen; und die Sph\u00e4re der unbezahlten Arbeit im Haushalt oder in den Gemeinschaften, in denen vor allem Frauen die (fast unm\u00f6glich zu erf\u00fcllende) Verantwortung tragen, das Leben der Familienmitglieder zu gew\u00e4hrleisten. Kurz gesagt, um \u00fcber die Krise der sozialen Reproduktion nachzudenken, ist es notwendig, die Vorg\u00e4nge in der Produktionssph\u00e4re mit denen in der Reproduktionssph\u00e4re zu verkn\u00fcpfen und dabei jede dichotomische Sichtweise zu vermeiden, die sie unabh\u00e4ngig voneinander macht oder fetischisiert. Wenn wir diese drei miteinander verbundenen Ebenen betrachten, stellen wir fest, dass sich alle drei derzeit in einer Krise befinden und dass die \u00f6ffentlichen und privaten Institutionen, die sich der sozialen Reproduktion widmen (und die Frauen, die dort arbeiten), im Zentrum dieser Krise stehen. Die K\u00e4mpfe im Gesundheitswesen (wie die Gesundheitsstreiks in Spanien und Frankreich, der National Health Service (NHS) in Gro\u00dfbritannien und so weiter) und im Bildungswesen (wie die in Portugal oder der \u201eTeachers\u2018 Spring\u201c in den Vereinigten Staaten), die in den letzten Jahren stattgefunden haben, sind Ausdruck dieser Krise. Und wir k\u00f6nnen ohne Zweifel sagen, dass diese Krise auch einer der Ausl\u00f6ser f\u00fcr das Entstehen der Neuen Feministischen Welle war. Die Pandemie versch\u00e4rft diese Krise, insbesondere im Bereich der Gesundheit, indem sie den Widerspruch zwischen der Unverzichtbarkeit der gesellschaftlichen Reproduktionsarbeit und ihrer wirtschaftlichen und sozialen Entwertung brutal offenlegt. Der Slogan, den die Gesundheitsarbeiterinnen der Provinz Neuqu\u00e9n in dem gro\u00dfen Kampf des Sektors im Jahr 2021 gepr\u00e4gt haben, ist eine gro\u00dfartige Synthese dieses Widerspruchs: \u201eSie nennen uns unverzichtbar, aber sie behandeln uns als Wegwerfartikel\u201c.<\/p>\n<p>Das dritte Element besteht darin, dass es auf der Grundlage des oben Dargelegten m\u00f6glich ist, die sozio-reproduktive Stellung der Arbeiter:innen der entlohnten sozialen Reproduktion als eine \u201estrategische Position\u201c im Sinne von John Womack<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote37sym\"><sup>37<\/sup><\/a> zu betrachten, das hei\u00dft eine Position, die sich aus der Arbeit ergibt, die die Arbeiter:innen verrichten. Aber im Gegensatz zu dem, was Womack betrachtet, liegt der Schl\u00fcssel hier nicht in der \u00f6konomisch-technischen Bedeutung dieser Arbeit, sondern in der sozio-reproduktiven Zentralit\u00e4t dieser Arbeit<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote38sym\"><sup>38<\/sup><\/a>v. Die Arbeiter:innen der entlohnten sozialen Reproduktion verf\u00fcgen zwar nicht \u00fcber die \u201eArbeiter:innenmacht\u201c, die Produktion an bestimmten Punkten zu unterbrechen, doch besitzen sie eine andere Art von \u201eArbeiter:innenmacht\u201c, die sich aus ihrer F\u00e4higkeit ergibt, die Bedingungen f\u00fcr die Reproduktion des Lebens der Arbeiter:innen als Ganzes direkt zu beeinflussen. Im Gegensatz zur strukturellen Macht<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote39sym\"><sup>39<\/sup><\/a>, wie sie von E.O. Wright<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote40sym\"><sup>40<\/sup><\/a> und Beverly Silver<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote41sym\"><sup>41<\/sup><\/a> definiert wurde, ergibt sich die Quelle der Arbeiter:innenmacht nicht ausschlie\u00dflich aus ihrer Position im wirtschaftlich-produktiven System. Im Gegenteil, die strukturelle Macht der Arbeiter:innen im Gesundheits-, Bildungs- und Pflegebereich (um nur die wichtigsten Zweige der lohnabh\u00e4ngigen sozialen Reproduktion zu nennen) wurde als gering oder kaum vorhanden betrachtet, da ein Streik entweder am Arbeitsplatz (Schule, Krankenhaus oder Pflegeheim) oder in der gesamten Branche keine gr\u00f6\u00dfere St\u00f6rung oder Einschr\u00e4nkung der Kapitalakkumulation zur Folge hat (er f\u00fchrt bestenfalls zu einer St\u00f6rung der Akkumulation eines einzelnen Kapitalisten in einer privaten Einrichtung der sozialen Reproduktion). Dies hat dazu gef\u00fchrt, dass die Arbeiter:innen in diesen Sektoren im Allgemeinen im Vergleich zu den Arbeiter:innen in strategischen Industrien oder in der Logistik als wenig kampfkr\u00e4ftig gelten. Es ist jedoch nicht mehr die Stellung im wirtschaftlich-produktiven System, in der sich diese Arbeiter:innen befinden, sondern ihre Rolle als die Bedingung der M\u00f6glichkeit dieses Systems, der ihnen Feuerkraft verleiht. Wir sprechen von der Reproduktion der Arbeitskraft als M\u00f6glichkeitsbedingung f\u00fcr die Akkumulation des Kapitals und von der Gefahr ihrer Unterbrechung. Darin liegt die besondere Stellung der Arbeiter:innen und folglich die Quelle ihrer Klassenmacht: Die Arbeit, die das Leben produziert und reproduziert, produziert und reproduziert dabei die wertvollste Ware f\u00fcr das Kapital, die Arbeitskraft.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus weisen Gesundheits- und Bildungseinrichtungen eine Reihe von Merkmalen auf, die unbedingt hervorgehoben werden m\u00fcssen, wenn man \u00fcber das Potenzial dieses Sektors von Arbeiter:innen nachdenkt. Einerseits ein von Beverly Silver hervorgehobenes Merkmal, das von entscheidender Bedeutung ist, n\u00e4mlich die Unm\u00f6glichkeit der Verlagerung dieser Art von Arbeitsstrukturen. Bekanntlich war in den letzten Jahren einer der am h\u00e4ufigsten genutzten Mechanismen angesichts eines Arbeiter:innenstreiks (haupts\u00e4chlich als Drohung, aber auch als Praxis) die Verlagerung: die Fabrik oder Dienstleistung, um die gek\u00e4mpft wurde, wurde in eine andere Stadt, ein anderes Land oder sogar einen anderen Kontinent verlegt<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote42sym\"><sup>42<\/sup><\/a>. Einige Arbeitsstrukturen lassen sich leichter (das hei\u00dft billiger) ins Ausland verlagern als andere: Ein Callcenter kann verlagert und innerhalb einer Woche eingerichtet werden, eine Autoteilefabrik nicht. Ein Krankenhaus oder eine Schule k\u00f6nnen nicht ausgelagert werden, da es sich um Strukturen handelt, deren Zweck (die Reproduktion der Arbeitskr\u00e4fte) an ihren Standort (den Wohnort der Arbeitskr\u00e4fte) gebunden ist. Im Falle des Gesundheitswesens erfordert ihre Einrichtung au\u00dferdem umfangreiche Investitionen in die Infrastruktur, was insbesondere im privaten Sektor einen zentralen Kostenfaktor darstellt, der bei der Konfrontation von Kapital und Arbeit zu ber\u00fccksichtigen ist.<\/p>\n<p>Andererseits stellt auch die soziale Reproduktionsarbeit eine entscheidende Grenze f\u00fcr die Automatisierung von Aufgaben. Diese Schwierigkeit f\u00fcr die Automatisierung h\u00e4ngt mit den Merkmalen der spezifischen Arbeit, den hohen Qualifikationen, die sie erfordert (worauf wir bereits hingewiesen haben), und den spezifischen Merkmalen dieser Qualifikationen zusammen, zu denen affektive und f\u00fcrsorgliche F\u00e4higkeiten geh\u00f6ren, die von Maschinen (zumindest bis jetzt) nicht nachgeahmt werden k\u00f6nnen. Dies bedeutet auch, dass die Arbeiter:innen, die sie aus\u00fcben, nicht so leicht austauschbar sind, denn ein Lehrer oder Lehrerin, ein Krankenpfleger oder Krankenschwester bzw. ein Sozialarbeiter oder Sozialarbeiterin kann nicht in einem Semester ausgebildet werden. Kurzum, es handelt sich um eine Art von Arbeitskr\u00e4ften, die im Falle eines Klassenkonflikts weder durch eine Maschine noch durch Sektoren arbeitsloser oder verf\u00fcgbarer Arbeitskr\u00e4fte (wenn diese nicht die erforderlichen Qualifikationen besitzen) leicht ersetzt werden k\u00f6nnen<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote43sym\"><sup>43<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist es wichtig, die territoriale Ausdehnung und den vernetzten Charakter dieser Ausdehnung hervorzuheben. Betrachten wir den Bildungssektor im Besonderen. Im Gegensatz zu dem, was wir oben f\u00fcr den Gesundheitssektor dargelegt haben, schafft es der Bildungsbereich nicht, gro\u00dfe Arbeitsstrukturen mit einer hohen Konzentration von Arbeiter:innen zu errichten. Diese Tatsache, die als Schw\u00e4che angesehen werden kann, hat jedoch eine Kehrseite: Ihre Organisation umfasst kleine oder mittelgro\u00dfe Einrichtungen, die \u00fcber das gesamte Stadtgebiet verstreut sind. Jedes Viertel (um eine flexible Ma\u00dfeinheit zu verwenden) verf\u00fcgt \u00fcber eine Bildungseinrichtung. Diese Einrichtungen sind jedoch nicht v\u00f6llig voneinander isoliert: Die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung der Besch\u00e4ftigten sind gleich oder sehr \u00e4hnlich<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote44sym\"><sup>4<\/sup><\/a>; der konkrete Inhalt ihrer Arbeit (und die daraus resultierenden Reibungen) sind ebenfalls gleich; die Probleme der Gemeinschaft, die in den Schulen zum Ausdruck kommen, wirken ebenfalls als gemeinsame Elemente (mit Heterogenit\u00e4ten je nach Gebiet). Mit anderen Worten, es handelt sich um ein Netz von Einrichtungen, die durch Arbeitsbedingungen, Entlohnung, konkrete Arbeit und Probleme, die die Gemeinschaft als Ganzes betreffen, miteinander verbunden sind. Doch im Gegensatz zu einer Fabrikhalle oder einem Flie\u00dfband verf\u00fcgt das Klassenzimmer immer noch \u00fcber ein hohes Ma\u00df an Autonomie (trotz der Belagerung durch standardisierte Bewertungen und Systeme zur \u00dcberwachung der Arbeit der Lehrer:innen). Dies erm\u00f6glicht es, dass jedes dieser Netzwerk-Terminals (die Schulen) aus R\u00e4umen mit einer gewissen Autonomie besteht, die in bestimmten Momenten des Bildungsprozesses R\u00e4ume der Basispolitisierung sein k\u00f6nnen. Diese Merkmale erm\u00f6glichen in den F\u00e4llen, in denen die kollektive Aktion die Richtung der Koordination einschl\u00e4gt, lokale oder regionale Bildungsstreiks mit einer starken gemeinschaftlichen Wirkung. Im Gegensatz zu einigen Arbeiter:innenk\u00e4mpfen, die leicht isoliert und sogar f\u00fcr den Rest der Gemeinschaft unsichtbar sind, erm\u00f6glicht diese netzartige Struktur die Planung gemeinsamer, vernetzter Aktionen, die als Gegentrend zur Isolation als Strategie zur Unterdr\u00fcckung des Kampfes wirken.<\/p>\n<p>Dies bringt uns zum letzten und f\u00fcr unsere Diskussion vielleicht wichtigsten Merkmal: die Tatsache, dass die Institutionen, in denen diese Arbeit verrichtet wird, in Zeit und Raum die Bed\u00fcrfnisse der Arbeiter:innen als Lohnempf\u00e4nger:innen mit den Bed\u00fcrfnissen der Arbeiter:innen als Klasse, die von der Arbeit lebt, das hei\u00dft der Arbeiter:innenklasse als Ganzes (und nicht nur ihres Lohnempf\u00e4ngeranteils), verbinden, und zwar aufgrund der Merkmale der Arbeit, die das Leben produziert und reproduziert. Die Institutionen der gesellschaftlichen Reproduktion sind \u201eamphibische\u201c Territorien und damit potenzielle Knotenpunkte der Artikulation von Produktion und Reproduktion. Und das kann h\u00f6chst brisant sein, denn es er\u00f6ffnet die M\u00f6glichkeit einer Gegentendenz zu korporatistischen K\u00e4mpfen (die die Mehrheitsstrategie der Gewerkschaftsorganisationen sind) und deren Ersetzung durch die Debatte \u00fcber die Organisation von Klassenk\u00e4mpfen, die im Gegenteil Forderungen in sektoren\u00fcbergreifender Weise artikulieren.<\/p>\n<p><strong>Schlussfolgerungen<\/strong><\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend m\u00f6chten wir einige Definitionen anf\u00fchren, um diese Anmerkungen zur globalen Arbeiter:innenklasse zusammenzufassen. Nat\u00fcrlich umfasst dieser \u00dcberblick nicht alle Merkmale, geschweige denn alle Probleme, mit denen die Arbeiter:innenklasse (und wir) konfrontiert sind. Wenn dies der Fall w\u00e4re, w\u00e4re es unvermeidlich, \u00fcber die Ver\u00e4nderungen bei den Migrationsprozessen, die \u00dcberschneidung von Prekarisierung und Rassifizierung, die Zunahme neuer Formen unfreier Arbeit, die (gewaltsam) fortschreitende Enteignung einheimischer V\u00f6lker und Gemeinschaften, die Mechanismen der Marginalisierung sexueller Vielfalt zu sprechen. Wir machten jedoch einen bescheidenen Versuch, mit empirischen, kontextuellen und theoretischen Argumenten einige der Merkmale zu er\u00f6rtern, die unsere Klasse pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>In erster Linie und angesichts der Beharrlichkeit des Narrativs vom Ende der Arbeit (in den Medien, der Intelligenzia und den politischen Sektoren, nicht nur auf der Rechten), muss festgestellt werden, dass dieses Narrativ nicht mit den empirischen Daten auf globaler Ebene \u00fcbereinstimmt: Es gibt kein Verschwinden der Arbeiter:innenklasse, sondern eine tiefgreifende \u201eKrise der Arbeit\u201c, die sich in der weit verbreiteten und zunehmenden Prekarit\u00e4t der Arbeit, der fortschreitenden Feminisierung der Arbeitskr\u00e4fte im Niedriglohnsektor, der Zunahme von Unter- und \u00dcberbesch\u00e4ftigung und der Fluktuation mit einer hohen Arbeitslosenquote ausdr\u00fcckt; die Auswirkungen bestimmter technologischer Ver\u00e4nderungen, die die menschliche Arbeit zwar nicht ersetzen, sie aber neuen Formen der Kontrolle und des Managements des Verh\u00e4ltnisses zwischen Kapital und Arbeit unterwerfen; und, als Folge des oben Gesagten, die Ausbreitung der \u201eWorking Poor\u201c als ein immer weiter verbreiteter Zustand sowohl in den peripheren als auch in den zentralen L\u00e4ndern, wenn auch in unterschiedlichem Ausma\u00df und Intensit\u00e4t.<\/p>\n<p>Zweitens, dass diese globalen Trends (wenn auch mit unterschiedlichen Merkmalen je nach Land und Region) nicht auf die \u201eDigitalisierung der Arbeit\u201c oder die \u201evierte industrielle Revolution\u201c zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, wie dies oft in der so genannten \u201eIllusion der Automatisierung\u201c zum Ausdruck kommt, sondern auf die Einbettung technologischer Ver\u00e4nderungen (die im Kapitalismus periodisch auftreten) in den Kontext einer tiefgreifenden wirtschaftlichen Stagnation.<\/p>\n<p>Drittens m\u00fcssen im Zusammenhang mit dieser Krise des Kapitalismus bestimmte Dynamiken analysiert werden, die von zentraler Bedeutung zu sein scheinen. Die wichtigste ist die Ausdehnung des Dienstleistungssektors, die nicht Ausdruck eines neuen \u201ekognitiven\u201c Verwertungsregimes auf der Grundlage der \u201eimmateriellen Arbeit\u201c ist, sondern die Folgen des geringen Wirtschaftswachstums zum Ausdruck bringt. Unabh\u00e4ngig davon, ob man, wie einige Autor:innen betonen, die Dienstleistungen als einen Sektor betrachtet, der in der Lage ist, die von der Industrie verdr\u00e4ngten Arbeitskr\u00e4fte (in abgeschw\u00e4chter Form) zu absorbieren, oder ob man sie als neue Nischen f\u00fcr die Produktion von Mehrwert betrachtet (als eine dynamische \u201eIndustrialisierung\u201c und \u201eEntlohnung\u201c der Dienstleistungen), geht ihr starkes Wachstum mit einer Zunahme der Unterbesch\u00e4ftigung und der damit verbundenen Verarmung der Arbeiter:innen einher.<\/p>\n<p>Viertens, dass dieses Wachstum der Dienstleistungen eine Reihe von Widerspr\u00fcchen mit sich bringt, die unbedingt hervorgehoben (und analysiert) werden m\u00fcssen, wenn man \u00fcber die neue Erscheinungsweise der Arbeiter:innenklasse nachdenkt. Zwei dieser Widerspr\u00fcche m\u00f6chten wir besonders hervorheben: Die entscheidende Bedeutung dessen, was manche \u201edie logistische Revolution\u201c nennen. Weit entfernt von jeder vereinfachenden Interpretation (die davon ausgeht, dass wir es mit dem Aufstieg eines entmaterialisierten Flusses der Kapitalakkumulation zu tun haben) impliziert das Wachstum der Logistik eine doppelte Dimension (physisch und immateriell) im Dienste der extremen Forcierung der \u201er\u00e4umlichen L\u00f6sung\u201c als Teil des Produktionsprozesses. Aber diese \u201eL\u00f6sung\u201c (immer aus der Sicht des Kapitals) erzeugt wiederum enorme Konzentrationen in logistischen Clustern, die den \u201eklassischen\u201c Fabrikkonzentrationen in nichts nachstehen, und die diese Arbeiter:innen in einen Schl\u00fcsselsektor f\u00fcr das Nachdenken \u00fcber K\u00e4mpfe und Widerst\u00e4nde verwandelt. Der andere widerspr\u00fcchliche Prozess, der mit den Dienstleistungen verbunden ist, ist die sogenannte \u201ePlattformisierung\u201c der Arbeit, die ebenfalls kein neues Regime der \u201ekognitiven\u201c Inwertsetzung darstellt, sondern ein neues Regime der Verwaltung der Arbeitskr\u00e4fte, das auf algorithmischer Kontrolle, dem Bruch des \u201eklassischen\u201c Verh\u00e4ltnisses zwischen Arbeiter:innen und Kapitalist:innen und dadurch der Vertiefung und Schaffung neuer Formen der informellen Arbeit ohne Rechte beruht.<\/p>\n<p>F\u00fcnftens gibt es einen Trend, der festgestellt wurde (obwohl er mehr Aufmerksamkeit erfordert), n\u00e4mlich die Zunahme der stark feminisierten Arbeit im Bereich der bezahlten sozialen Reproduktion (Gesundheit, Bildung, Pflege) im Kontext einer Krise der sozialen Reproduktion als herausragendes Merkmal der globalen kapitalistischen Krise. Ob in seiner \u00f6ffentlichen Version (durch K\u00fcrzungen und Anpassungspl\u00e4ne defizit\u00e4r) oder in seiner privaten Version (umgewandelt in eine \u201eGesundheits- und Bildungsindustrie\u201c), dieser Sektor konzentriert immer mehr Arbeiter:innen und stellt das dar, was wir einen \u201esozio-reproduktiven\u201c Standort nennen, der als \u201estrategische Position\u201c betrachtet werden kann, nicht wegen seiner wirtschaftlich-technischen Zentralit\u00e4t (wie zum Beispiel der Logistik), sondern wegen seiner F\u00e4higkeit, die Bedingungen f\u00fcr die Reproduktion des Lebens der Arbeiter:innen insgesamt direkt und damit indirekt die Kapitalakkumulation zu beeinflussen. Die Pandemie war ein starker Ausdruck f\u00fcr die zentrale Bedeutung dieser stark feminisierten Arbeit.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich haben all diese oben genannten Sektoren, die eine neue Erscheinungsweise der Arbeiter:innenklasse bilden (Kaufh\u00e4user, Logistik, Apps, soziale Reproduktion), zusammen mit den \u201ealten Sektoren\u201c (Produktion, Transport, Energie, \u00f6ffentliche Verwaltung) in verschiedenen L\u00e4ndern (mit unterschiedlicher Intensit\u00e4t und Ergebnissen) Prozesse des Kampfes und der Organisierung durchgemacht. Einige von ihnen hat man schon lange nicht mehr gesehen, wie die neue Generation in den USA, die den Aufbau von Gewerkschaften als ein Ziel ansieht, f\u00fcr das es sich zu k\u00e4mpfen lohnt, oder die \u201ewilden Streiks\u201c, die in verschiedenen L\u00e4ndern Europas stattgefunden haben, wie der massive \u201eKampf der Renten\u201c gegen Macron und der beispiellose \u201eMega-Streik\u201c in Gro\u00dfbritannien.<\/p>\n<p>Obwohl wir diese Prozesse in diesem Artikel nur erw\u00e4hnen, halten wir es f\u00fcr unerl\u00e4sslich, sie im Lichte von zwei Gewissheiten zu analysieren. N\u00e4mlich, dass die Ver\u00e4nderungen der letzten Jahrzehnte in der Tat eine andere Arbeiter:innenklasse hervorgebracht haben, die nicht mit \u201eNostalgie f\u00fcr das, was nie passiert ist\u201c betrachtet werden kann, das hei\u00dft mit der Forderung nach einer R\u00fcckkehr zu einer \u201eklassischen\u201c Arbeiter:innenklasse der Nachkriegszeit, die in Wirklichkeit eine historische Ausnahme war. Und dass diese Neukonfiguration \u201eneue Arbeitskr\u00e4fte\u201c hervorgebracht hat, die zwar zersplittert sind, aber gemeinsame Merkmale aufweisen, die durch die Globalisierung entstanden sind. Ob diese Kr\u00e4fte der Dreh- und Angelpunkt f\u00fcr eine subjektive Neuzusammensetzung der Arbeiter:innenbewegung sein k\u00f6nnen (oder nicht), wird durch die Aktionen der Arbeiter:innen \u201egetestet\u201c werden m\u00fcssen. Denn die sogenannte Krise der Arbeit ist letztlich die Krise der Lebens- und Reproduktionsbedingungen der Klasse, die im Kapitalismus von der Arbeit lebt. Ihre \u00dcberwindung wird daher die Aufgabe der Arbeiter:innen selbst sein.<\/p>\n<p>Der vorliegende Artikel von Gast\u00f3n Guti\u00e9rrez Rossi und Paula Varela ist die \u00dcbersetzung <a href=\"http:\/\/kalewche.com\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/3-RossiVarela-Hacia-donde-va-el-trab.pdf\">eines spanischen Aufsatzes<\/a>, der urspr\u00fcnglich in der Zeitschrift Corsario Rojo Nr. 2 ver\u00f6ffentlicht wurde. Diese und andere Ausgaben des Magazins sind auf der Kalewche-Website zu finden.<\/p>\n<p>Fu\u00dfnoten<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote1anc\">1<\/a>.Die aktuelle Diskussion ist nicht neu. Sie erscheint wie eine Wiederbelebung einiger Themen, die in den 1980er und 1990er Jahren im Zusammenhang mit den Arbeiten von Andr\u00e9 Gorz und Jeremy Rifkin heftig diskutiert wurden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote2anc\">2<\/a>. Aaron Benanav, La automatizaci\u00f3n y el futuro del trabajo, Madrid, Traficantes de Sue\u00f1os, 2021, S. 86.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote3anc\">3<\/a>. Kim Moody, La clase trabajadora global en la reorganizaci\u00f3n del capitalismo, verf\u00fcgbar unter <a href=\"https:\/\/www.iade.org.ar\/noticias\/la-clase-trabajadora-global-en-la-reorganizacion-del-capitalismo\">https:\/\/www.iade.org.ar\/noticias\/la-clase-trabajadora-global-en-la-reorganizacion-del-capitalismo<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote4anc\">4<\/a>. Marcel van der Linden, La clase obrera ha muerto. \u00a1Larga vida a la clase obrera!, Interview mit Nicolas Allen, in: Jacobin Am\u00e9rica Latina, Nr. 4, 2021.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote5anc\">5<\/a>. World Employment and Social Outlook, Trends 2023, IAO, S. 138.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote6anc\">6<\/a>. C\u00e9dric Durand, Tecnofeudalismo. Cr\u00edtica de la econom\u00eda digital, Avellaneda, La Cebra y Kaxilda, 2021. Manchmal muss man gar nicht so weit gehen, um zu sehen, dass menschliche Arbeit unersetzlich ist. Vor einigen Tagen erkl\u00e4rte das Times-Magazin, dass die \u201ek\u00fcnstliche Intelligenz\u201c von ChatGPT urspr\u00fcnglich schon vor Jahren h\u00e4tte ver\u00f6ffentlicht werden k\u00f6nnen, aber das h\u00e4tte die Unzul\u00e4nglichkeiten des Algorithmus offenbart. Um die Antworten zu pr\u00e4zisieren, hat die KI die Mehrheitsmeinungen in Netzwerkforen (YouTube, Twitter, Facebook und so weiter) aus dem Internet entnommen und da die Ideen, die \u00fcberwiegend kursieren, unfehlbar die Ideen der herrschenden Klassen sind, kamen rassistische, sexistische, klassen- und fremdenfeindliche Vorurteile zum Vorschein. Die L\u00f6sung bestand darin, die Fehlerbehebung an ein kalifornisches Unternehmen auszulagern, das in Kenia lebende digitale Arbeiter:innen besch\u00e4ftigt hat, die diese Fehler identifizieren, korrigieren und den Algorithmus korrekt neu trainieren sollten. Jeff Bezos, der Tycoon, dem Amazon geh\u00f6rt, bezeichnet diese Verfahren oft als \u201ek\u00fcnstliche\u201c Produktion von \u201eK\u00fcnstlicher Intelligenz\u201c. Es ist die Realit\u00e4t von Hunderttausenden von \u201eMikroarbeiter:innen\u201c hinter einer riesigen Plattform\u00f6konomie. Siehe Phil Jones, Work without the Worker, London\/New York, Verso, 2021; und Antonio Casilli, Esperando a los robots, Investigaci\u00f3n sobre el trabajo del clic, Santiago de Chile, LOM, 2022.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote7anc\">7<\/a>. Erscheint auf Englisch seit 2020 bei Verso. Spanische Ausgabe erh\u00e4ltlich: Spanien, Traficantes de Sue\u00f1os, 2021. Benanav ist eine f\u00fchrende Stimme in einem neuen \u201e\u00d6kosystem\u201c kritischer Theorien, die versuchen, die Verbindung zwischen Technologien und der Zukunft der Arbeit im heutigen Kapitalismus zu re-politisieren. Seine Doktorarbeit widmete er einer globalen Geschichte der Arbeitslosigkeit zwischen 1949 und 2010, unter der Leitung von Robert Brenner und mit Kommentaren von Perry Anderson. Seine bevorstehende Ver\u00f6ffentlichung ist angek\u00fcndigt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote8anc\">8<\/a>. Der Begriff \u201eAutomatisierung\u201c wurde erstmals 1946 verwendet, als der Vizepr\u00e4sident von Ford darauf hinwies, dass neue computergest\u00fctzte Maschinen in der Automobil-, Stahl- und Erd\u00f6lindustrie Arbeit einsparten. Seit den 1950er Jahren ist in den USA ein Prozess des Verlusts von Industriearbeitspl\u00e4tzen zugunsten von Dienstleistungen (Bildung, Gesundheitswesen, Regierung, Finanzwesen, Restaurants, Einzelhandel und \u201eUnternehmensdienstleistungen\u201c) Teil der \u00f6ffentlichen Diskussion. 1964 stellte James Boggs fest: \u201eWenn schwarze Arbeiter:innen einst die Pachtfarmen und Jim Crow verlassen konnten, um Fabrikarbeit zu finden, k\u00f6nnen die Vertriebenen jetzt nirgendwo mehr hingehen\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote9anc\">9<\/a>. Offensichtlich ist die Ersetzung von Arbeitskraft durch Technologie (von \u201elebendiger Arbeit\u201c durch \u201etote Arbeit\u201c, wie Marx es ausdr\u00fcckte) in einem systemischen Sinn eine Konstante der kapitalistischen Produktionsweise. Und es ist diese Konstante, die hinter den \u201eendlosen Abschieden vom Proletariat\u201c steckt. Bereits seit dem 19. Jahrhundert haben Charles Babbage und Andrew Ure automatische Fabriken vorausgesehen und Marx misst diesem Problem im Kapital und anderen Werken gro\u00dfe Bedeutung bei.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote10anc\">10<\/a>. J. Felipe und A. Mehta, Deindustrialization? A global perspective, in: Economics Letters, 2016.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote11anc\">11<\/a>. Beverly J. Silver, Fuerzas del trabajo. Los movimientos obreros y la globalizaci\u00f3n desde 1870, Madrid, Akal, 2003.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote12anc\">12<\/a>. Beverly J. Silver, La (re) formaci\u00f3n de la clase obrera, in: Jacobin Am\u00e9rica Latina, Nr. 4, 2021.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote13anc\">13<\/a>. A. Benanav, \u201eAutomation Isn\u2019t the Cause of Unemployment \u2013 Capitalism Just Can\u2019t Generate Enough Jobs\u201c, Interview mit Daniel Finn, unter: <a href=\"https:\/\/jacobin.com\/2023\/02\/automation-unemployment-capitalism-jobs-post-scarcity-stagnation\">https:\/\/jacobin.com\/2023\/02\/automation-unemployment-capitalism-jobs-post-scarcity-stagnation<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote14anc\">14<\/a>. Wie Mike Davis in Planeta de ciudades miseria (2007) meisterhaft analysiert hat, ging der \u00dcbergang zu einer st\u00e4rkeren Verst\u00e4dterung in den meisten L\u00e4ndern der kapitalistischen Peripherie nicht mit einem begleitenden Industrialisierungsprozess einher, was zur Entstehung riesiger Kontingente von \u201einformellem Proletariat\u201c und \u201e\u00fcbersch\u00fcssiger\u201c Arbeit f\u00fchrte. Das IAO-Konzept der Informalit\u00e4t ist ein Begriff, der von dualistischen Annahmen und der nie bewiesenen Behauptung gepr\u00e4gt ist, dass die kapitalistische Entwicklung in der Lage sein wird, die \u00fcbersch\u00fcssige Bev\u00f6lkerung zu absorbieren. Auf der anderen Seite setzt der Begriff der \u201eeconom\u00eda popular\u201c ebenfalls einen extremen Dualismus voraus, demzufolge es eine \u201eandere\u201c Wirtschaft g\u00e4be, bei der die Verbindungen zum kapitalistischen System als Ganzes nicht eindeutig sind. Im Gegenteil, um \u00fcber diesen Prozess nachzudenken, ziehen wir es vor, die Marxschen Begriffe wie \u201eReservearmee\u201c und \u201erelative \u00dcberbev\u00f6lkerung\u201c wieder aufzugreifen. In diesem Zusammenhang siehe. R. Donaire, Subocupaci\u00f3n y trabajo temporario. Expresiones de la repulsi\u00f3n de poblaci\u00f3n desde la producci\u00f3n en los pa\u00edses de capitalismo avanzado, in: Lavboratorio, Nr. 31, 2021.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote15anc\">15<\/a>. Jason E. Smith, Smart machines and Service Work. Automation in an Age of Stagnation, London, Reaktion Books, 2020.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote16anc\">16<\/a>. Kim Moody ist der Gr\u00fcnder von Labor Notes und ein Spezialist f\u00fcr Arbeitsstudien. Zu seinen j\u00fcngsten Werken geh\u00f6ren On New Terrain. How Capital Is Reshaping the Battleground of Class War (2017); Tramps and Trade Unions Travelers: Internal Migration and Organized Labor in Gilded Age America 1870-1900 (2019) und Breaking the impasse: Electoral Politics, Mass Action, and the New Socialist Movement in the United States (2022).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote17anc\">17<\/a>. Corsino Vela, Capitalismo terminal. Anotaciones a la sociedad implosiva, Madrid, Traficantes de Sue\u00f1os, 2018, S. 144.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote18anc\">18<\/a>. Juan Sebasti\u00e1n Carbonell, Le futur du travail, Paris, \u00c9ditions Amsterdam, 2022.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote19anc\">19<\/a>. Kim Moody, Motion and Vulnerability in Contemporary Capitalism. The Shift to Turnover Time, in: Historical Materialism, Bd. 30, Nr. 3, 2022, S. 47-78.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote20anc\">20<\/a>. In diesem Punkt unterscheidet sich Amazon unter den GAFAMs durch einen hohen Anteil an Hand- und Kopfarbeiter:innen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass dies die einzige Quelle seiner Profite ist, da es am Wettbewerb zwischen den digitalen Giganten um die Aufteilung der globalen Masse des Mehrwerts durch Mechanismen zur Maximierung der Profitabilit\u00e4t teilnimmt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote21anc\">21<\/a>.In dem Artikel \u00bfUna nueva clase obrera industrial? Desaf\u00edos para interrumpir a Amazon en Alemania (dt. \u201eEine neue industrielle Arbeiter:innenklasse? Herausforderungen f\u00fcr die St\u00f6rung von Amazon in Deutschland\u201c) schl\u00e4gt Nantina Vgontzas eine Diskussion vor, um dar\u00fcber nachzudenken, wie die beiden wichtigsten Formen der Macht, die Industriearbeiter:innen im 20. Jahrhundert hatten, funktionieren: \u201ePositionsmacht\u201c, das hei\u00dft die Macht, die sich aus ihrer Position in der Wirtschaft ergibt und die es ihnen erm\u00f6glicht, die Produktion von Waren f\u00fcr den Weltmarkt zu st\u00f6ren, und \u201eassoziative Macht\u201c, das hei\u00dft die F\u00e4higkeit, kollektive Bindungen und Organisationen (Gewerkschaften, Parteien und so weiter) zu schaffen, durch die sie historisch ihre Positionsmacht aktiviert haben. Sie zeigt M\u00f6glichkeiten und Grenzen auf. In: Jake Alimahomed-Wilson und Ellen Reese (Hrsg.), The cost of free shipping: Amazon in the global economy, London, Pluto Press, 2020. Hier eine Rezension des Werkes: <a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/El-capitalismo-de-Amazon-y-los-cambios-en-la-composicion-de-la-clase-trabajadora\">https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/El-capitalismo-de-Amazon-y-los-cambios-en-la-composicion-de-la-clase-trabajadora<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote22anc\">22<\/a>.Nick Srnicek, Capitalismo de plataformas, Buenos Aires, Caja Negra, 2018, S. 45.<\/p>\n<ol start=\"23\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote23anc\">23<\/a>. Jamie Woodcock und Mark Graham, The Gig Economy. A critical Introduction, Cambridge, Polity Press, 2020, S. 242.<\/li>\n<\/ol>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote24anc\">24<\/a>.Ludmila Ab\u00edlio, Henrique Amorim und Rafael Grohmann, Uberiza\u00e7\u00e3o e plataformiza\u00e7\u00e3o do trabalho no Brasil: conceitos, processos e formas, in: Sociologias, Porto Alegre, Jahrgang 23, Nr. 57, Mai-August 2021.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote25anc\">25<\/a>.R. Antunes, O Privil\u00e9gio da Servid\u00e3o, S\u00e3o Paulo, Boitempo, 2018.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote26anc\">26<\/a>.Pablo M\u00edguez, Trabajo y valor en el capitalismo contempor\u00e1neo: reflexiones sobre la valorizaci\u00f3n del conocimiento, Los Polvorines, Universidad Nacional de General Sarmiento, 2020.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote27anc\">27<\/a>.Es k\u00f6nnen zwei Arten von Plattformarbeit unterschieden werden: \u201elokalisiert in einer bestimmten Geografie\u201c und \u201eCloud-Arbeit\u201c (Woodcock und Graham, 2020). Wir untersuchen hier nicht die Arbeit innerhalb von Plattformen, die von komplexen Programmierjobs bis hin zu prek\u00e4ren Mikroarbeitspl\u00e4tzen auf globaler Ebene reicht. Ebenso wenig befassen wir uns mit Theorien \u00fcber die \u201edigitale Arbeit\u201c der Nutzer:innen (Srnicek, 2021).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote28anc\">28<\/a>.IAO, World Economic and Social Outlook. Die Rolle digitaler Arbeitsplatformen f\u00fcr die Transformation der Arbeitswelt, 2021.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote29anc\">29<\/a>.Ursula Huws, The algorithm and the city: platform labour and the urban environment, in: Work Organisation, Labour &amp; Globalisation, Bd. 14, Nr. 1, 2020.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote30anc\">30<\/a>.Matthieu Montalban, Vincent Frigant und Bernard Jullien, Platform economy as a new form of capitalism: a regulationist research programme, in Cambridge Journal of Economics, vol. 43\/4, 2019, S. 805-824.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote31anc\">31<\/a>.Jamie Woodcock, The fight against platform capitalism: an inquiry into the global struggles of the gig economy, Londres, University of Westminster Press, 2021.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote32anc\">32<\/a>.Zitiert nach Woodcock, S. 687.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote33anc\">33<\/a>.Interessant ist, dass diese Arbeit oft als gering qualifiziert angesehen wird, obwohl sie im Gegenteil eine Reihe von F\u00e4higkeiten erfordert, deren Erwerb viel Zeit in Anspruch nimmt. Ein gro\u00dfer Teil dieser Ausbildung findet zu Hause statt (und ist Teil der allgemeinen Reproduktion der Arbeitskraft, die unterschiedliche Qualifikationen f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen entwickelt) und unterliegt dem, was Daniele Kergoat die \u201eNaturalisierung der Qualifikationen von Frauen\u201c nennt (das hei\u00dft die Auffassung, dass bestimmte erworbene Qualifikationen in der Tat \u201enat\u00fcrlich\u201c und daher weniger wertvoll seien). Ein anderer wichtiger Teil findet jedoch in formalen Bildungseinrichtungen statt, deren Qualifikationen vom Staat selbst (und vom Markt) abgewertet werden: Lehrer:innenausbildungsst\u00e4tten, Schulen f\u00fcr Krankenschwestern oder Gesundheitsassistent:innen und generell Einrichtungen, in denen therapeutische Begleiter:innen, Sozialarbeiter:innen und Pflegekr\u00e4fte ausgebildet werden. Auf diese Weise werden die Charakteristika der Dienstleistungsarbeit durch die Feminisierung dieser Art von Besch\u00e4ftigung vertieft, die nicht nur eine wirtschaftliche Abwertung, sondern auch eine Abwertung in Bezug auf die soziale Anerkennung mit sich bringt. Siehe D. Kergoat, De la relaci\u00f3n social de sexo al sujeto sexuado, in: Revista Mexicana de Sociolog\u00eda, Jahrgang 65, Nr. 4, Okt.-Dez. 2003.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote34anc\">34<\/a>.Die Neuauflage des Buches bei Historical Materialism enth\u00e4lt eine ausgezeichnete einf\u00fchrende Studie von Susan Ferguson und David McNally. Im Jahr 2022 erschienen die franz\u00f6sische und die brasilianische Ausgabe von Vogels Buch. Die spanische Ausgabe wird noch in diesem Jahr erscheinen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote35anc\">35<\/a>.Daten f\u00fcr Argentinien von der Arbeiter:innenbeobachtungsstelle unserer Schwesterzeitung La Izquierda Diario, unter: <a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/Observatorio-Despidos-durante-la-Pandemia\">https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/Observatorio-Despidos-durante-la-Pandemia<\/a>. Die Angaben zu Deutschland sind Bildung in Deutschland 2020 \u2013 Ein indikatorengest\u00fctzter Bericht mit einer Analyse zu Bildung in einer digitalisierten Welt (S. 53) und dem Statistischen Bundesamt entnommen und wurden in der deutschen \u00dcbersetzung hinzugef\u00fcgt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote36anc\">36<\/a>.N. Fraser, The contradictions of capital and care, in: New Left Review, Nr. 100, 2016, S. 111-132.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote37anc\">37<\/a>.J. Womack, Posici\u00f3n estrat\u00e9gica y fuerza obrera. Hacia una nueva historia de los movimientos obreros, Mexiko, FCE, 2008.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote38anc\">38<\/a>.Dies ist wichtig, weil Womack selbst einr\u00e4umt, dass es andere strategische Positionen gibt, die nichts mit Arbeit zu tun haben: \u201eEs ist auch kein Argument gegen die Idee (eher die h\u00e4ufige Tatsache), dass es strategische Positionen in kulturellem, moralischem, sozialem, kommerziellem, politischem, rechtlichem und anderem Sinne gibt, sowie Strategien, die auf der Grundlage dieser Positionen entwickelt werden\u201c (a.a.O., S. 51). Diese anderen Positionen sind jedoch weder exklusiv f\u00fcr die Arbeiter:innenklasse als solche, noch h\u00e4ngen sie mit der konkreten Arbeit zusammen, die sie verrichten, sondern werden mit anderen Klassen geteilt. Dasselbe k\u00f6nnte man von der \u201einstitutionellen Macht\u201c, der \u201esozialen Macht\u201c und der \u201eZirkulationsmacht\u201c im Rahmen des Machtressourcenansatzes sagen. Was wir hier hervorheben wollen, ist, dass die sozio-reproduktive Macht eine Macht der Arbeiter:innen als solche ist, die sich aus der von ihnen geleisteten Arbeit und der F\u00e4higkeit dieser Arbeit ergibt, die Bedingungen der sozialen Reproduktion der Gemeinschaft direkt zu beeinflussen. Aus diesem Grund kann sie unter dem Gesichtspunkt der strategischen Position betrachtet werden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote39anc\">39<\/a>.Stefan Schmalz betrachtet in seinem Artikel Los recursos de poder para la transformaci\u00f3n sindical (Nueva Sociedad, Nr. 272, 2017) das, was er als \u201eReproduktionsmacht\u201c bezeichnet, als eine Form der strukturellen Macht \u2013 ebenso wie die \u201eZirkulationsmacht\u201c \u2013 und wendet es auf jede:n Arbeiter:in an, der:die soziale Reproduktionsaufgaben wahrnimmt, ohne zu unterscheiden, ob er oder sie diese in Institutionen oder zu Hause ausf\u00fchrt. Dieses Konzept hat unserer Meinung nach jedoch zwei Schw\u00e4chen. Erstens wird der Begriff der strukturellen Macht so weit gefasst, dass er von der Stellung der Arbeiter:innen im Produktionssystem abgekoppelt wird: Die Macht der Bewegung ist beispielsweise eine Ressource, die sowohl von Arbeiter:innen als auch von Kapitalist:innen genutzt werden kann. Ein Beispiel daf\u00fcr sind die Stra\u00dfenblockaden der Bosse in der Landwirtschaft in Argentinien, um mit dem Staat \u00fcber die H\u00f6he der einbehaltenen Steuern zu verhandeln. Zweitens l\u00f6st er die spezifischen Merkmale der sozio-reproduktiven Macht, die sich aus der besonderen Stellung dieser Lohnempf\u00e4nger:innen als solche ergeben, nicht im produktiven, sondern im sozio-reproduktiven System in einem etwas abstrakten Begriff der strukturellen Macht auf. Wie wir weiter unten sehen werden, ist das, was hier als \u201esozio-reproduktive Macht\u201c bezeichnet wird, nicht nur direkt mit den Merkmalen der konkreten Arbeit verbunden, die von jeder:m Arbeiter:in verrichtet wird, sondern auch mit der kollektiven Form, die diese Arbeit in den Einrichtungen (Krankenh\u00e4user, Schulen, Pflegeheime und so weiter) annimmt, in denen sie geleistet wird.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote40anc\">40<\/a>.E. O. Wright, Working class power, capitalist class interest, and class compromise, in: American Journal of Sociology, Nr. 105, Bd. 4, 2000, S. 957-1002.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote41anc\">41<\/a>.Beverly J. Silver, Forces of Labor. Workers\u2018 Movements and Globalization since 1870, University of Cambridge, 2003.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote42anc\">42<\/a>.Wie Beverly J. Silver in der Auseinandersetzung mit einseitigen Ansichten \u00fcber Offshoring scharfsinnig hervorhob, bedeutet jedes Offshoring, dass die Beziehung zwischen Kapital und Arbeit an einen anderen Ort verlagert wird, und damit auch die Arbeiter:innenbewegung. Siehe a.a.O., Anmerkung 41.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote43anc\">43<\/a>.In diesem Sinne unterscheidet sich der Sektor der entlohnten sozialen Reproduktion von anderen Dienstleistungssektoren, in denen, wie Jason Smith hervorhebt, die Nicht-Automatisierung mit einer reinen Kosten-Nutzen-Rechnung zusammenh\u00e4ngt: Wenn Arbeit reichlich vorhanden und billig ist, ist die Automatisierung zur Besetzung prek\u00e4rer Arbeitspl\u00e4tze nicht rentabel. \u201eWenn die Entscheidung, ob ein Kapitalist Maschinen einsetzt, davon abh\u00e4ngt, ob die Kosten f\u00fcr die in der Maschine vergegenst\u00e4ndlichte Arbeit niedriger sind als die Kosten f\u00fcr die Arbeit, die sie ersetzt, dann kann ein drastischer R\u00fcckgang der L\u00f6hne in der Tat ausschlaggebend f\u00fcr die Entscheidung eines Unternehmers sein, keine Maschinen einzusetzen, selbst wenn er es wollte\u201c (Jason Smith, Smart Machines and Service Work: Automation in an Age of Stagnation, London, Reaktion Books, 2020, S. 132, eigene \u00dcbersetzung). Im Gegensatz zu diesem von Smith aufgezeigten Trend ist eines der in den letzten Jahren in verschiedenen L\u00e4ndern beobachteten Ph\u00e4nomene das Vorhandensein unbesetzter Stellen (sowohl im Gesundheits- als auch im Bildungswesen), die aufgrund des Mangels an verf\u00fcgbaren Arbeitskr\u00e4ften nicht besetzt werden. Dieses Ph\u00e4nomen hat mit den niedrigen L\u00f6hnen in diesem Sektor zu tun, was dazu f\u00fchrt, dass qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte f\u00fcr die Aufgaben der bezahlten sozialen Reproduktion lieber andere, besser bezahlte Arbeitspl\u00e4tze annehmen. Nach Angaben des Royal College of Nursing (RNC) in England w\u00e4hrend des historischen Streiks im Dezember 2022 gibt es in England 47.000 unbesetzte Stellen in der Krankenpflege aufgrund der \u201eschlechten Bezahlung\u201c. Diese Tatsache wird zynisch ausgenutzt, oft zugunsten von Anpassungsprogrammen der Regierungen zur K\u00fcrzung von Diensten oder Zeitfenstern in \u00f6ffentlichen Einrichtungen, was den Trend zur Privatisierung und das Wachstum der Gesundheits-, Bildungs- und Pflegebranche als Nische f\u00fcr die Kapitalakkumulation verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/#sdfootnote44anc\">44<\/a>.Im Falle Argentiniens beispielsweise hat jeder Bezirk sein eigenes Lehrer:innenstatut, das die Bildungst\u00e4tigkeit in diesem Gebiet regelt. Der Kern dieser Gesetze ist jedoch f\u00fcr alle Bezirke gleich, da er auf nationaler Ebene in der Gesetzgebung festgelegt wird.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-die-arbeit-anmerkungen-zur-globalen-arbeiterinnenklasse\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 11. August 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paula Varela &amp; Gast\u00f3n Guti\u00e9rrez Rossi. 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