{"id":13526,"date":"2023-08-22T08:18:44","date_gmt":"2023-08-22T06:18:44","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13526"},"modified":"2023-08-22T08:18:45","modified_gmt":"2023-08-22T06:18:45","slug":"brief-eines-chinesischen-stahlarbeiters-ueber-seine-arbeitsbedingungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13526","title":{"rendered":"<strong>Brief eines chinesischen Stahlarbeiters \u00fcber seine Arbeitsbedingungen<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Stahlarbeiter aus China. Hier im Folgenden der Brief eines jungen chinesischen Stahlarbeiters an die <\/em>World Socialist Web Site<em> mit der Bitte um Ver\u00f6ffentlichung. Der Arbeiter schildert darin den erschreckenden Mangel an Sicherheitsvorkehrungen, der in seiner Fabrik vorherrscht.<\/em><!--more--><\/p>\n<p>* * *<\/p>\n<p>Bei meinem Vorstellungsgespr\u00e4ch f\u00fcr diesen Job f\u00fchrte mich eine Managerin zusammen mit anderen angehenden Arbeitern durch die Fabrik. Dann gab sie uns zehn Minuten Zeit, um die Sicherheitsrichtlinien durchzulesen. Das war und blieb die einzige Sicherheitsschulung, die wir erhielten. Sie teilte uns mit, dass unser Grundgehalt gerade mal 3.000 RMB (knapp 380 Euro) pro Monat betragen werde, und dass etwaige Pr\u00e4mien von der Produktionsleistung unseres Werks abh\u00e4ngen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Unser Vertrag bestand in einem leeren Blatt Papier. Die Fabrik hat ihre Bedingungen sp\u00e4ter hineingeschrieben, nachdem wir das Papier unterschrieben hatten. Wir k\u00f6nnen nicht einmal eine einzige Klausel unseres eigenen Vertrags einsehen.<\/p>\n<p>An unserem zweiten Tag bat die Fabrik die neuen Arbeiter, zuzuschauen, wie die erfahrenen Kollegen arbeiten, und ihnen zu helfen. Die meisten Arbeiten sind extrem gef\u00e4hrlich; Sicherheitsvorkehrungen existieren so gut wie nicht.<\/p>\n<p>Vor uns rollt der Rundstahl, auf Tausende von Grad erhitzt, auf seiner Stra\u00dfe heran, und wir m\u00fcssen ihn anstechen und auf eine andere Stra\u00dfe schieben. Ein \u00e4lterer Kollege erz\u00e4hlte mir, es sei schon vorgekommen, dass hei\u00dfe Stahlb\u00e4nder von der Schiene glitten und Arbeiter unter sich begruben. Die Fabrik hat jedoch l\u00e4ngs der Walzstra\u00dfen nur ein paar eher symbolische Absperrungen angebracht, die kaum von Nutzen sind. Immer noch m\u00fcssen Arbeiter direkt neben den Walzstra\u00dfen arbeiten.<\/p>\n<p>Die Disziplin in der Fabrik ist \u00e4u\u00dferst streng. Wenn einem Arbeiter aus Versehen ein Fehler unterl\u00e4uft, werden ihm zwei bis drei Tage Lohn abgezogen. Verursacht ein Arbeiter einen Schaden an der Fabrikanlage, muss er extra daf\u00fcr bezahlen. Auf dem Papier sollen wir acht Stunden pro Tag arbeiten. In der Realit\u00e4t m\u00fcssen wir eine halbe Stunde fr\u00fcher mit der Arbeit beginnen. Wird das Tagespensum nicht erreicht, m\u00fcssen wir \u00dcberstunden machen. Wenn man die Zeit f\u00fcr die Arbeitswege und das Wechseln der Arbeitskleidung mit einrechnet, verbringen wir jeden Tag mehr als 10 Stunden auf der Arbeit.<\/p>\n<p>Mein Mentor war jung, aber hatte schon seit Jahren in dieser Fabrik gearbeitet. Er hatte eine gro\u00dfe Narbe an seinem rechten Bein, weil er sich einmal an einem hei\u00dfen Stahlband verbrannt hatte.<\/p>\n<p>Bevor wir die t\u00e4gliche Arbeit beginnen, m\u00fcssen wir pr\u00fcfen, ob alle Ger\u00e4te und Instrumente ordnungsgem\u00e4\u00df funktionieren. Dazu m\u00fcssen wir zum h\u00f6chsten Punkt eines Ofens klettern, der eine Temperatur von etwa 1.300 \u00b0C h\u00e4lt, und in die Ofen\u00f6ffnung einsteigen, wo die Temperatur mehr als 55 \u00b0C betr\u00e4gt, um sicherzustellen, dass die Instrumente dort funktionieren.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem muss ich Rohre \u00f6ffnen, die mit einem hochgradig \u00e4tzenden und giftigen Fluorid angef\u00fcllt sind, um zu pr\u00fcfen, ob gen\u00fcgend von der Chemikalie darin enthalten ist. Die Fabrik verwendet Fluorid, um bestimmten Umweltstandards gerecht zu werden und um Geldstrafen zu vermeiden. Weil die Verschl\u00fcsse nicht richtig passen, stehen diese Rohre st\u00e4ndig offen. Man kann die giftige Chemikalie schon aus meterweiter Entfernung riechen. Wenn ich in ihrer N\u00e4he arbeiten muss, kann ich nicht atmen und muss beim Nachschauen jedes Mal die Luft anhalten.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese t\u00e4glichen Kontrollen gibt es keinerlei Schutz. Alles, was wir haben, sind ein Paar Thermohandschuhe und ein Helm.<\/p>\n<p>Eine Aufgabe in der Fabrik besteht darin, die F\u00f6rderb\u00e4nder zu bedienen und \u00fcber 200 Kilogramm schwere Kn\u00fcppel in den Ofen zu bef\u00f6rdern. Die F\u00f6rderb\u00e4nder sind alt, und oft l\u00f6sen sich die Ketten. Wenn die F\u00f6rderb\u00e4nder stecken bleiben, m\u00fcssen die Arbeiter die 200 Kilogramm schweren Kn\u00fcppel m\u00fchsam herausl\u00f6sen, um das Band wieder in Gang zu bringen.<\/p>\n<p>Eine Mittagspause gibt es nicht, aber zum Gl\u00fcck k\u00fcmmern sich die Kollegen selbst umeinander. Die Arbeiter wechseln sich ab, um Essen zu holen, damit wir bei der Arbeit nicht verhungern.<\/p>\n<p>In der Fabrik ist es sehr feucht und hei\u00df, wahrscheinlich \u00fcber 40\u02daC. Die riesigen Industrieventilatoren sind nicht in der Lage, die Hitze wegzublasen. Die Werksleitung stellt nur zu Beginn der Arbeit etwas Trinkwasser zur Verf\u00fcgung. Wenn man sp\u00e4ter w\u00e4hrend der Arbeit durstig wird, muss man daf\u00fcr extra bezahlen. Dabei m\u00fcssen wir, um einen Hitzschlag zu vermeiden, t\u00e4glich mehr als drei Liter Wasser trinken.<\/p>\n<p>Die Arbeiter sind sehr solidarisch und bereit, sich in ihrer Freizeit gegenseitig zu helfen. Aber jeder braucht auch Zeit zum Ausruhen. Ich habe meine Kollegen gefragt, was sie von den Arbeitsbedingungen halten. Aber sie sagten nur, man m\u00fcsse sich daran gew\u00f6hnen. Dennoch ist das Interesse der Arbeiter an Politik keineswegs gering.<\/p>\n<p>Wenn ich mit ihnen \u00fcber politische Themen diskutiere, sind sie vor allem an Geschichte sehr interessiert. Leider kann ich keine tiefer gehenden Diskussionen f\u00fchren. Die Kollegen z\u00f6gern, ihre eigene Meinung zu \u00e4u\u00dfern. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns noch nicht gut genug kennen.<\/p>\n<p>Die Fabrik ist sehr gut darin, subtile Man\u00f6ver anzuwenden, um die Einheit unter den Arbeitern aufzubrechen. Die Betriebsleitung l\u00e4sst zum Beispiel nicht zu, dass sich zu viele Arbeiter zusammenfinden und unterhalten. Sie setzen Geldstrafen und Pr\u00e4mien ein, um zu spalten und die Kontrolle zu behalten. Absichtlich werden widerspr\u00fcchliche Arbeitsvereinbarungen getroffen, um die Arbeiter gegeneinander auszuspielen. Das Management, das dies alles organisiert, arbeitet selbst in zur\u00fcckgezogenen, klimatisierten R\u00e4umen.<\/p>\n<p>Fast jeder Arbeiter, der unter solch gef\u00e4hrlichen Bedingungen arbeitet, hat schon irgendwo an seinem K\u00f6rper eine Narbe. Die Fabrik k\u00fcmmert sich nicht um die so genannte Produktionssicherheit. Jeden Monat kommt es zu Unf\u00e4llen, und die Fabrik reagiert darauf, indem sie den Arbeitern Geldstrafen auferlegt.<\/p>\n<p>Diese Bedingungen sind nicht nur in chinesischen Fabriken anzutreffen. Auch in Betrieben in Vietnam, Indien und Malaysia herrschen \u00e4hnliche Zust\u00e4nde. Arbeiter werden auf der ganzen Welt unmenschlich behandelt. Dies ist nicht einfach auf die Kriminalit\u00e4t dieses oder jenes r\u00fcckst\u00e4ndigen kapitalistischen Staates zur\u00fcckzuf\u00fchren. Diese schrecklichen Bedingungen sind ein Ergebnis des globalen kapitalistischen Systems, und jedes imperialistische und kapitalistische Land ist ein Glied in diesem System. Nur die proletarische Revolution im Weltma\u00dfstab kann die Arbeiterklasse und die ganze arbeitende Bev\u00f6lkerung von dieser Unterdr\u00fcckung befreien.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Blick in das Ansteel-Stahlwerk Bayuquan in Yingkou, nordostchinesische Provinz Liaoning, 2019 [AP Photo\/Olivia Zhang]<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2023\/08\/21\/dhyu-a21.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 22. August 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stahlarbeiter aus China. 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