{"id":13559,"date":"2023-09-07T11:08:42","date_gmt":"2023-09-07T09:08:42","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13559"},"modified":"2023-09-07T11:08:44","modified_gmt":"2023-09-07T09:08:44","slug":"kohei-saito-in-berlin-wo-gehts-hier-zum-degrowth-kommunismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13559","title":{"rendered":"<strong>Kohei Saito in Berlin: Wo geht\u2019s hier zum Degrowth Kommunismus?<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Roberto Lorca. <\/em><strong>Der japanische \u00d6komarxist Kohei Saito hat sein neues Buch in Berlin vorgestellt. Das Ziel seiner Arbeit ist es, die Fronten zwischen Degrowth und Marxismus aufzubrechen. Seine politische Formel daf\u00fcr ist der Begriff des Degrowth Kommunismus. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Der Saal war brechend voll, als sich am Dienstabend mehrere Hundert Menschen in der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin einfanden, um die Vorstellung des neuen Buches von Kohei Saito mit Anwesenheit des Autors zu verfolgen. Saito, der 2016 in Berlin promoviert hat, ist in den letzten Jahren zu so etwas wie einem Popstar innerhalb der marxistischen Teile der Akademie aufgestiegen. Einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr ist, dass sich sein Buch <em>Hitoshinsei no Shihonron<\/em> (dt. Kapital im Anthropoz\u00e4n) im Jahr 2020 \u00fcber 500.000 Mal in Japan verkauft hat und zu einem enormen Bestseller wurde. Die \u00dcbersetzung dieses Buches ist vor kurzer Zeit in Deutschland unter dem Titel <em>Systemsturz \u2014 Der Sieg der Natur \u00fcber den Kapitalismus<\/em> erschienen und wurde nun in Berlin vom Autor vorgestellt.<\/p>\n<p>Der Faden, der sich in Saitos B\u00fcchern nach seiner Dissertation wiederfinden l\u00e4sst, h\u00e4ngt mit den Begriff des sogenannten \u201eDegrowth Kommunismus\u201d zusammen. Saito hat mit diesem Schlagwort schon in seinem letzten Buch <em>Marx in the Anthropocene<\/em> seinen neuen Beitrag in der Marxforschung und in der Debatte um ein marxistisches Verst\u00e4ndnis der Klimakatastrophe auf den Punkt gebracht. Der Begriff h\u00e4ngt zusammen mit seiner Neu-Interpretation von Marx\u2019 letzter Vision einer post-kapitalistischen Gesellschaft: Marx sei am Ende seines Lebens n\u00e4mlich \u201eDegrowth Kommunist\u201c gewesen. Damit h\u00e4tte er sich von seiner vorherigen Position abgewendet, nach welcher es auch im Sozialismus noch die M\u00f6glichkeit eines nachhaltigen Wachstums geben k\u00f6nnte. Wachstum sei heute aber nicht l\u00e4nger nachhaltig, wie Saito auch auf der Veranstaltung wiederholt. Stattdessen argumentiert er f\u00fcr eine station\u00e4re (also nicht expandierende), demokratisch geplante und zirkul\u00e4re Wirtschaftsform, die in vielerlei Hinsicht eine h\u00f6here Form von vorkapitalistischen Gesellschaftstypen ist, nur auf der Grundlage der heutigen Entwicklung. Saito kommt zu diesem Schluss auf Grundlage seiner Mitarbeit an der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA), welche f\u00fcr die systematische Aufbereitung aller Exzerpte, Fragmente, Notizen und weiterer Schriftst\u00fccke von Marx und Engels verantwortlich ist. Im Rahmen dieser Arbeit bezieht Saito Quellen aus Marx letzten 15 Jahren seines Lebens ein, in welchen sich Marx intensiv mit verschiedenen Naturwissenschaften, wie Geologie, Botanik, Agronomie und Chemie besch\u00e4ftigt hat, aber auch mit verschiedenen ethnologischen Studien vorkapitalistischer Gesellschaften. Auf Grundlage der Verbindung dieser beiden Studienfelder habe Marx nach Erscheinen von Kapital Band I mit vielen seiner fr\u00fcheren Ansichten gebrochen und habe als letzte Vision der zuk\u00fcnftigen Gesellschaft einen Degrowth Kommunismus vor Augen gehabt.<\/p>\n<p>Saito macht es relativ klar, dass seine ganze These eine politische Motivation hat. Er will, dass sich die Fronten zwischen Degrowthler:innen und Marxist:innen entspannen und eine Br\u00fccke zwischen beiden Lagern schlagen: \u201eDegrowth Communism is a political intervention\u201d, sagt Saito, die darauf abzielt, dass sich die traditionell existierenden gegenseitigen Vorbehalte zwischen den beiden Lagern abschw\u00e4chen. Saito kritisiert durchaus auf eine richtige Art und Weise, dass manche marxistische Str\u00f6mungen viel vom Degrowth zu lernen haben, und dass wir uns zum Beispiel von der Vorstellung einer Art Luxuskommunismus aus Gr\u00fcnden der Nachhaltigkeit verabschieden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Auch wenn Saitos Marx-Interpretation (wenigstens in der starken Lesart von <em>Marx in the Anthropocene<\/em>) auf wackeligen Beinen steht und dazu neigt einen komplett neuen Marx dort sehen zu wollen, wo dieser aus nachvollziehbaren Gr\u00fcnden sein Forschungsinteresse lediglich verschoben hat, um seinen nachwievor g\u00fcltigen theoretischen Rahmen zu erweitern, schw\u00e4cht das nicht automatisch Saitos Argumente und ihre politischen Implikationen.<\/p>\n<p>Eine gro\u00dfe Schw\u00e4che von Saito ist die Tatsache, dass er kein Angebot f\u00fcr den \u00dcbergang zum Degrowth Kommunismus macht. Es bleibt in seinen Werken bisher unklar, wie die durchaus guten Forderungen und Analysen, die er macht, nicht nur \u201efeelgood academia\u201c bleiben, sondern auch Realit\u00e4t werden k\u00f6nnen. An dieser Front bietet Saito leider wenig an. Die Frage vom Staat, von politischer Macht, von Organisierung und Klassenkampf ist in seinem Werk de facto unsichtbar. Das einzige, was irgendwie in die Richtung einer politischen Strategie geht, die er anbietet, ist die Hoffnung, dass sich durch eine Ausweitung von Formen des Gemeineigentums (er spricht von einer \u201eCommonification\u201d) auch schon im Kapitalismus das Bewusstsein der Menschen auf eine entscheidende Art \u00e4ndern k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Bei der Vorstellung seines Buches spricht Saito deswegen dann davon, dass er f\u00fcr eine \u201egradual transformation with a radical aim\u201c sei, f\u00fcr einen \u201eradical reformism\u201c, f\u00fcr \u201eRevolution\u00e4re Realpolitik\u201c. Diese Schlagw\u00f6rter sind auch in der Debatte um die Klimakatastrophe absolut nichts neues und aus von verschiedenen linksreformistischen Akteur:innen bekannt. Leider f\u00e4llt Saito damit hinter seine eigenen Analysen zur\u00fcck. W\u00e4hrend er \u00fcberzeugend darlegt, wieso der Kapitalismus unvereinbar ist mit einer nachhaltigen Gesellschaftsform, und im Gegenteil notwendig die Zerst\u00f6rung von Natur bef\u00f6rdert, dreht seine Schlussfolgerung diese Analyse auf den Kopf: Die systemische Notwendigkeit zur Zerst\u00f6rung der Natur k\u00f6nne aufgehoben werden, ohne das System als solches zu bek\u00e4mpfen. Diese politische Herangehensweise ist nicht nur falsch, sondern angesichts der Dringlichkeit der Lage auch fatal. Weder wird eine schrittweise Transformation des Kapitalismus die Probleme, vor denen wir stehen, l\u00f6sen, noch haben wir die Zeit darauf zu warten, dass der Kapitalismus sich \u00e4ndern wird.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen heute nicht f\u00fcr radikalen Reformismus, sondern f\u00fcr revolution\u00e4ren Optimismus agitieren. Daf\u00fcr, dass sich die Vision einer neuen Gesellschaft ohne Zerst\u00f6rung der Natur, Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung realisieren l\u00e4sst. Eine Gesellschaft, in der sich neue Vorstellungen und Formen von Reichtum entwickeln. Ein Reichtum, der nicht gemessen wird an dem Bruttoinlandsprodukt oder Konsumm\u00f6glichkeiten, sondern an der Entwicklung von Kunst, Kultur, F\u00e4higkeiten und freier Zeit. Ein Reichtum an unserer Entwicklung als Menschen, die durch die kapitalistische Gesellschaft in jeder Hinsicht blockiert wird. Eine solche Gesellschaft l\u00e4sst sich jedoch nicht im, durch oder mit dem Kapitalismus entwickeln, sondern nur im revolution\u00e4ren Kampf gegen ihn.<\/p>\n<p>Eine ausf\u00fchrliche Rezension des neuen Buches folgt in den n\u00e4chsten Wochen. Wer mehr Interesse an Saitos Ideen hat, wird im bald erscheinenden KGK-Magazin eine Kritik an Saitos <em>Marx in the Anthropocene<\/em> lesen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/kohei-saito-in-berlin-wo-gehts-hier-zum-degrowth-kommunismus\/\">klassegegenklasse.org&#8230;<\/a> vom 7. September 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roberto Lorca. Der japanische \u00d6komarxist Kohei Saito hat sein neues Buch in Berlin vorgestellt. Das Ziel seiner Arbeit ist es, die Fronten zwischen Degrowth und Marxismus aufzubrechen. 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