{"id":13572,"date":"2023-09-09T10:15:38","date_gmt":"2023-09-09T08:15:38","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13572"},"modified":"2023-09-09T10:15:40","modified_gmt":"2023-09-09T08:15:40","slug":"50-jahre-putsch-in-chile-das-ende-einer-illusion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13572","title":{"rendered":"<strong>50 Jahre Putsch in Chile: Das Ende einer Illusion<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Mike Gonzalez.<\/em><strong> 1970 gewann der Marxist Salvador Allende die Pr\u00e4sidentschaftswahl in Chile. Was mit gro\u00dfen Hoffnungen verbunden war, endete drei Jahre sp\u00e4ter in einem Blutbad.\u00a0Von\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Am 11. September 1973, um 8.45 Uhr, bombardierten Flugzeuge der Luftwaffe den Pr\u00e4sidentenpalast Moneda in Santiago de Chile. Der gew\u00e4hlte Pr\u00e4sident Salvador Allende<!--more--> sandte seine letzte Radiobotschaft aus einem Raum der Residenz. Kurze Zeit sp\u00e4ter starb er in den Tr\u00fcmmern des Geb\u00e4udes.<\/p>\n<p>Milit\u00e4rputsche wie dieser waren in Lateinamerika nichts Ungew\u00f6hnliches. Sie l\u00f6sten im Ausland in der Regel nur wenige Proteste aus. Der Putsch in Chile jedoch f\u00fchrte zu Demonstrationen auf der ganzen Welt. Er wurde zu einem zentralen Thema der politischen Debatte. Chile unter Allende hatte Anfang der 1970er Jahre vielen Linken als Zeichen der Hoffnung auf einen friedlichen Weg zum Sozialismus gegolten. Der Putsch begrub diese Hoffnung unter den Tr\u00fcmmern der Moneda.<\/p>\n<p><strong>Umschwung nach 1968<\/strong><\/p>\n<p>Die Pr\u00e4sidentschaftswahl von 1970 spiegelte den Umschwung wider, der nach <a href=\"https:\/\/editionaurora.de\/1968-eine-welt-in-aufruhr\/\">1968<\/a> \u00fcberall in der Luft lag. Die Gro\u00dfgrundbesitzer f\u00fchlten sich ebenso wie das Finanz- und Industriekapital immer st\u00e4rker bedroht. In ganz Lateinamerika versprachen Regierungen Reformen und Modernisierung, um einer Wiederholung der kubanischen Revolution von 1959 vorzubeugen.<\/p>\n<p>In Chile, wie \u00fcberall sonst, leisteten die m\u00e4chtigen Gro\u00dfgrundbesitzer an jeder Front Widerstand gegen die Landreformen. Des Wartens m\u00fcde, begannen Familien von Bauern und landlosen Arbeiterinnen, ungenutztes Land zu besetzen.<\/p>\n<p><strong>Landflucht und Streiks<\/strong><\/p>\n<p>Zudem trieb das Wirtschaftswachstum in den 1960er Jahren viele Menschen in die St\u00e4dte. Sie suchten vor allem in der Hauptstadt Santiago Arbeit. Es gab keine Unterk\u00fcnfte f\u00fcr sie. Sie nahmen Brachfl\u00e4chen in Beschlag, um behelfsm\u00e4\u00dfige Wohnungen zu errichten. Ganze Slumviertel, die Poblaci\u00f3nes, entstanden auf diese Weise. Ein Marsch von Studierenden aus dem ganzen Land auf die Hauptstadt 1969 war ein deutlicher Ausdruck der sich ver\u00e4ndernden Atmosph\u00e4re.<\/p>\n<p>In diesem Rahmen wuchs auch die Aktivit\u00e4t in der Arbeiterklasse. Vor dem Hintergrund einer \u00f6konomischen Krise und aus Entt\u00e4uschung \u00fcber die christdemokratische Regierung stieg die Anzahl der Streiks zwischen 1969 und 1970 stark an. Chile hatte bereits eine lange Gewerkschaftstradition und eine Geschichte sozialistischer Organisationen.<\/p>\n<p><strong>Sozialismus in Chile<\/strong><\/p>\n<p>In dieser Lage fand die Pr\u00e4sidentschaftswahl 1970 statt. Salvador Allende trat als Kandidat einer Koalition namens Unidad Popular (UP, Volkseinheit) an. Die UP bestand aus Sozialistischer Partei, Kommunistischer Partei und anderen kleinen Parteien. Allende kandidierte bereits zum vierten Mal.<\/p>\n<p>Robert Moss, ein sp\u00e4terer Ghostwriter der britischen Premierministerin Margaret Thatcher, nannte Allendes Sieg \u00bbein kleines Erdbeben\u00ab. Tats\u00e4chlich hatte er nur 36 Prozent der Stimmen gewonnen. Bedeutsamer war, dass Allende sich offen als Marxist bekannt hatte. Er bezeichnete sich als Verfechter des \u00bbchilenischen Weges zum Sozialismus\u00ab.<\/p>\n<p>Dieser Weg folgte der \u00dcberzeugung, dass der Staat \u00fcber der Gesellschaft stehe. Seine Institutionen \u2013 die Richter, die Armee, die Gerichte, das Parlament \u2013 st\u00e4nden nicht unter Kontrolle der herrschenden Klasse. Allende glaubte fest daran, dass die anderen Parteien und Klassen die Wahlergebnisse respektieren w\u00fcrden. Sein Verst\u00e4ndnis von Sozialismus war die Reform der Gesellschaft von oben, durch die Institutionen des kapitalistischen Staates und mit der Zustimmung aller Klassen.<\/p>\n<p><strong>Der Weg \u00fcber das Parlament<\/strong><\/p>\n<p>Allende sagte in seiner ersten Rede vor dem Parlament nach seinem Amtsantritt 1971: \u00bbChile sieht sich selbst der Notwendigkeit gegen\u00fcber, einen neuen Weg zum Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft zu initiieren \u2013 unseren eigenen revolution\u00e4ren Weg, einen pluralistischen Weg\u2026 Chile ist heute die erste Nation auf Erden, die dazu berufen ist, dieses zweite Modell der Umwandlung zu einer sozialistischen Gesellschaft zu schaffen\u2026<\/p>\n<p>Skeptiker und Katastrophenbeschw\u00f6rer werden sagen, dass ein Parlament, das der herrschenden Klasse so gut gedient hat, nicht imstande ist, sich selbst in ein Parlament des chilenischen Volkes zu verwandeln. Sie haben auch gesagt, dass die Streitkr\u00e4fte und die nationale Polizei \u2026 nicht den Volkswillen in seiner Entscheidung unterst\u00fctzen werden, den Sozialismus in unserem Land aufzubauen. Diese Menschen \u00fcbersehen das patriotische Bewusstsein der Streitkr\u00e4fte und der nationalen Polizei, ihre Professionalit\u00e4t und ihren Gehorsam gegen\u00fcber der zivilen Herrschaft.\u00ab<\/p>\n<p>Dieses Konzept der Reform erkl\u00e4rt die Bedeutung, die der \u00bbchilenische Weg\u00ab damals hatte. Weltweit traten kommunistische und sozialistische Parteien f\u00fcr breite Wahlb\u00fcndnisse und einen parlamentarischen Weg zum Sozialismus ein. Sie behaupteten, die soziale Umwandlung k\u00f6nne ohne Konflikt zustande gebracht werden. F\u00fcr sie war Chile der Beweis, dass ein Marxist \u00fcber die Wahlurne an die Macht kommen k\u00f6nne.<\/p>\n<p><strong>Verstaatlichung und Landreform<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbMacht\u00ab bedeutete f\u00fcr Allende und seine UP-Verb\u00fcndeten, Schl\u00fcsselpositionen in einer Staatsmaschinerie einzunehmen, die sie als neutral definierten. Allendes erste Amtshandlung war es, die Kupferindustrie zu verstaatlichen. Diese brachte den Gro\u00dfteil der chilenischen Exporteinnahmen ein. Allendes \u00f6konomisches Programm basierte auf einer landesweiten Lohnerh\u00f6hung. Sie sollte den Konsum anregen und so die ganze Wirtschaft in Bewegung bringen.<\/p>\n<p>Eine Anzahl von Firmen, einschlie\u00dflich Fabriken und Banken in ausl\u00e4ndischem Besitz, wurde verstaatlicht, wenn auch bei weitem nicht in dem Ausma\u00df, das urspr\u00fcnglich angek\u00fcndigt worden war. Allende versprach, das lahmgelegte Landreform-Programm endlich durchzuf\u00fchren. Zugleich billigte er den Landbesitzern gro\u00dfz\u00fcgige Entsch\u00e4digungen zu. Er bestand darauf, dass alles \u00fcber die Gerichte laufen solle.<\/p>\n<p><strong>Initiativen von unten<\/strong><\/p>\n<p>Wenn wilde Landbesetzungen stattfanden, verurteilte Allende sie. Von unten kamen indessen immer mehr Initiativen, die auf eine ganz andere Interpretation der \u00bbMacht\u00ab schlie\u00dfen lie\u00dfen. Wenn die Grundbesitzer versuchten, Arbeiter zu zwingen, das Land zu verlassen, stie\u00dfen sie auf den Widerstand der Massen. Wenn Ladenbesitzer die Preise heraufsetzten oder schlossen, um die gehorteten Waren auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen, \u00f6ffneten \u00f6rtliche Verteilungskomitees die Gesch\u00e4fte wieder. Sie teilten die Waren den Bed\u00fcrfnissen entsprechend zu.<\/p>\n<p>Als einige Fabrikbesitzer versuchten, die Produktion zu verlangsamen oder Maschinerie insgeheim fortzuschaffen, hielten Arbeiterorganisationen sie auf. 1971 erreichte die Anzahl der Streiks ihren H\u00f6hepunkt. Belegschaften ergriffen die Initiative \u00fcber L\u00f6hne und Arbeitsbedingungen. In einigen Fabriken nahmen sie sogar die Kontrolle der Produktion in die eigene Hand.<\/p>\n<p><strong>Aufruf zur Zur\u00fcckhaltung<\/strong><\/p>\n<p>Mitte 1971 zeigten die Kommunalwahlen eine wachsende Unterst\u00fctzung f\u00fcr das Projekt der UP. Doch Allende rief dazu auf, angesichts wachsender Attacken der herrschenden Klasse Zur\u00fcckhaltung zu \u00fcben. Im November 1971 gingen Frauen der Ober- und Mittelschicht (und ihre Bediensteten) auf die Stra\u00dfe. Sie schwenkten leere Kocht\u00f6pfe, um die Lebensmittel-Engp\u00e4sse anzuprangern.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich aber hatten die leeren Regale, \u00fcber die sie sich beschwerten, ihre Ursache in der Hamsterei und dem Schwarzhandel ihrer eigenen Klasse. Der Protest zeigte, dass die herrschende Klasse ihr Selbstvertrauen langsam zur\u00fcckgewann. Allendes Antwort bestand darin, gegen\u00fcber der schwankenden, \u00e4ngstlichen Mittelklasse zu beteuern, dass ihre Interessen gesichert seien.<\/p>\n<p><strong>Angriffe auf die Linke<\/strong><\/p>\n<p>Der von Christdemokraten beherrschte Kongress enthob Innenminister Jos\u00e9 Toha im Januar 1972 \u00a0seines Amtes. Im selben Monat attackierte die Sozialistische Partei \u00f6ffentlich die Linke f\u00fcr ihre angebliche Ungeduld. Vier Monate sp\u00e4ter lie\u00df der kommunistische B\u00fcrgermeisters von Concepci\u00f3n Sch\u00fcsse auf eine Demonstration abfeuern.<\/p>\n<p>Im Juni wurde der Wirtschaftsminister, der f\u00fcr die Ausweitung der Verstaatlichung stand, entlassen. Die Strategie der UP, die auf zwei Kongressen in diesem Jahr angenommen wurde, unterst\u00fctzte eher die \u00bbConsolidaci\u00f3n\u00ab (Festigung) als das Fortschreiten. W\u00e4hrenddessen nahmen die Angriffe auf die Linke, insbesondere die \u00bbBewegung der revolution\u00e4ren Linken\u00ab (MIR) stark zu.<\/p>\n<p><strong>Vorbereitungen zum Sturz<\/strong><\/p>\n<p>Es lag nun an der Arbeiterklasse, das Versprechen auf Ver\u00e4nderung zu erf\u00fcllen, von dem sie dachte, die UP st\u00e4nde daf\u00fcr. Die Grenzen des \u00bbchilenischen Wegs zum Sozialismus\u00ab wurden \u2013 wie bei allen anderen parlamentarischen Strategien auch \u2013 von der herrschenden Klasse gezogen.<\/p>\n<p>Diesen Preis zahlte Allende bereitwillig, obwohl \u00f6ffentlich bekannt war, dass die Rechte den Sturz der Regierung vorbereitete. Auf eine Terrorwelle Ende 1970 war ein Jahr relativer Ruhe gefolgt. Doch 1972 war es damit endg\u00fcltig vorbei. Trotzdem sah Allende in der Massenmobilisierung von unten eine Bedrohung f\u00fcr seine Regierung \u2013 und nicht ihre einzige St\u00fctze.<\/p>\n<p><strong>Arbeiterdemokratie in Chile<\/strong><\/p>\n<p>In Concepci\u00f3n brachte unterdessen eine Volksversammlung im Juli Delegierte von linken Parteien und Massenorganisationen zusammen, um eine unabh\u00e4ngigere Strategie zu diskutieren. Noch wichtiger war, dass die Schaffung des ersten Cord\u00f3n (Rat) zeigte, was Arbeiterdemokratie wirklich bedeutet. Der Cord\u00f3n brachte Fabrikarbeiter, Landarbeiterinnen, lokale Organisationen der Poblaci\u00f3nes und Verteilungskommitees zusammen. Er sollte die direkte Kontrolle \u00fcber lokale Angelegenheiten, \u00fcber Verteilung und in einigen F\u00e4llen \u00fcber die Produktion selbst aus\u00fcben.<\/p>\n<p>Wie die Sowjets, die 1917 die Grundlage der Arbeitermacht in Russland waren, wurden die Cord\u00f3nes von unten aufgebaut \u2013 ungeachtet der Feindseligkeit der Regierung. Im August griff die Polizei mit Billigung der Regierung eine Poblaci\u00f3n in Santiago an. Ihre Angst, die Unterst\u00fctzung der Mittelklassen zu verlieren, wurde wieder und wieder in der Serie von darauf folgenden Konfrontationen deutlich. Der Kampf erreichte deutlich eine neue Phase.<\/p>\n<p><strong>Sabotage durch Unternehmer<\/strong><\/p>\n<p>Der Oktober zeigte das am deutlichsten. In diesem Monat traten die Eigent\u00fcmer der Verkehrsgesellschaften und Speditionen in einen Unternehmerstreik. Chile war und ist zum Transport und zur Versorgung von Lkws und Bussen abh\u00e4ngig. Die Streikf\u00fchrer geh\u00f6rten zu der vom Faschismus beeinflussten Organisation Patria y Libertad (Vaterland und Freiheit), die in den unteren Mittelklassen verwurzelt war. Doch das Gros des chilenischen Transportwesens war einfach im Besitz von Gesch\u00e4ftsleuten mit anderen Interessen.<\/p>\n<p>Der Streik war eine Kriegserkl\u00e4rung der herrschenden Klasse, und die Arbeiterklasse antwortete sofort. Die Lkws wurden wieder zur\u00fcck auf die Stra\u00dfe geschafft. Gesch\u00e4fte, die geschlossen worden waren, wurden gewaltsam wieder ge\u00f6ffnet und die Waren demokratisch verteilt. Fabrikbesitzer, die versuchten, die Produktion zu stoppen, wurden aus den Werken geworfen und die Arbeit ging weiter. Zeitungen und Radiosender, die von ihren Besitzern geschlossen worden waren, wurden unter der Kontrolle der Belegschaften wieder er\u00f6ffnet. Dieser Kampf wurde von der Arbeiterklasse gewonnen, da sie unabh\u00e4ngig handelte.<\/p>\n<p><strong>Zwei M\u00e4chte<\/strong><\/p>\n<p>Zwischen der mobilisierten Kraft der herrschenden Klasse auf der einen Seite und der Antwort der Arbeiterklasse auf der anderen war die Regierung wie gel\u00e4hmt. Nun war es Allendes Hauptsorge, die Kontrolle zur\u00fcckzugewinnen. Und es war der b\u00fcrgerliche Staat, den er \u2013 gegen die Arbeiterklasse \u2013 zu seiner Unterst\u00fctzung mobilisierte. Er wandte sich an die Armee, um wieder Ordnung zu schaffen, indem er sich Gener\u00e4le ins Kabinett holte.<\/p>\n<p>Zwischen Oktober 1972 und Juli 1973 standen sich in Chile zwei M\u00e4chte gegen\u00fcber. Auf der einen Seite begab sich die UP-Regierung, von der Kommunistischen und der Sozialistischen Partei beherrscht, immer weiter in Abh\u00e4ngigkeit von ihren Verb\u00fcndeten in der herrschenden Klasse, insbesondere vom Milit\u00e4r. Auf der anderen Seite suchten neue Organisationen, die durch den Kampf selbst geradezu aus dem Boden schossen, nach einer neuen Strategie, die einer klaren, sozialistischen Linie folgen sollte. Hier lag die Verantwortung der Revolution\u00e4re \u2013, aber das h\u00e4tte einen entschiedenen Bruch mit den Reformisten und ihrem legalistischen Weg bedeutet.<\/p>\n<p><strong>Keine Bereitschaft zum Bruch<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Schl\u00fcsselmoment war die politische Aufgabe klar. Die Rechte hatte Blut geleckt, und die Regierung ersetzte ihren Wankelmut immer mehr durch Angriffe auf die Massenbewegung. Im Verlauf des Oktobers war eine Anzahl von Fabriken besetzt worden, um die Bem\u00fchungen ihrer Eigent\u00fcmer, die Produktion stillzulegen, aufzuhalten. Die Regierung forderte die Arbeiter auf, sie zur\u00fcckzugeben. Es gab erheblichen Widerstand.<\/p>\n<p>Von den Parteien der UP erhob nur die christliche linke Partei MAPU (Movimiento de Acci\u00f3n Popular Unitaria) Einspruch gegen die Anwesenheit des Milit\u00e4rs im Kabinett, und im Februar 1973 schlug der kommunistische Wirtschaftsminister die Reduzierung der verstaatlichten Sektoren der Wirtschaft und die R\u00fcckgabe aller besetzten Werke vor.<\/p>\n<p><strong>Streit in der Linken<\/strong><\/p>\n<p>Trotzdem z\u00f6gerten die Parteien der Linken, debattierten und zankten sich untereinander. Es wurde ein koordinierendes Komitee f\u00fcr die Cord\u00f3nes gebildet, welches haupts\u00e4chlich von Mitgliedern der Sozialistischen Partei geleitet wurde; das war zumindest der Keim f\u00fcr eine nationale Herrschaft. Aber die anderen Organisationen der Linken, so z. B. die MIR (Movimiento de Izquierda Revolucionaria), bauten in sektiererischer Konkurrenz parallele Organisationen auf.<\/p>\n<p>Die F\u00fchrer des Koordinationskomitees der Cord\u00f3nes blieben in der Sozialistischen Partei und erkl\u00e4rten, sie seien dabei, diese von unten zu ver\u00e4ndern. Und tats\u00e4chlich unterst\u00fctzte die MIR bei der Parlamentswahl im M\u00e4rz sozialistische Kandidaten, die noch in der UP waren. Die UP gewann die Wahl und vergr\u00f6\u00dferte ihren Stimmanteil unter den Arbeitern \u2013 und benutzte das neue Vertrauen in sie, um im April den n\u00e4chsten Angriff auf die Linke zu unternehmen.<\/p>\n<p><strong>Neue Formen der Organisation<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcberall traten neue Formen der Organisation und der Herrschaft in Erscheinung. Eine spontane Volksversammlung trat tagelang in Villa Constituci\u00f3n zusammen; viele neue Cord\u00f3nes wurden gegr\u00fcndet. All das geschah im Zusammenhang mit einer sich vertiefenden Wirtschaftskrise. Embargos gegen chilenische Exporte, das Ausbleiben ausl\u00e4ndischer Investitionen und die Flucht des einheimischen Kapitals versch\u00e4rften diese noch.<\/p>\n<p>Patricio Aylwin, der neue F\u00fchrer der Christdemokraten und sp\u00e4tere Pr\u00e4sident Chiles, trat \u00f6ffentlich f\u00fcr eine \u00bbPolitik der verbrannten Erde\u00ab ein, f\u00fcr die Unterminierung der Regierung mit wirtschaftlichen und politischen Mitteln. Die Schl\u00e4gerkommandos der Rechten waren auf der Stra\u00dfe aktiv. Am 29. Juni wurde ein Putschversuch einer Milit\u00e4reinheit schnell niedergeschlagen \u2013, aber er war ganz klar eine Probe f\u00fcr weitere milit\u00e4rische Aktionen.<\/p>\n<p><strong>Allende gegen Streikende<\/strong><\/p>\n<p>Immer noch sah die Regierung jedoch die Arbeiterklasse als Hauptbedrohung ihrer Existenz an. Die Kupferbergleute in El Teniente, die st\u00e4rksten und k\u00e4mpferischsten Gewerkschafter im Land, wurden von Allende angegriffen. Er verlangte von ihnen, einen geringeren Tariflohn zu akzeptieren, als in ihren Vertr\u00e4gen festgesetzt war. Sie lehnten das ab und traten in den Streik \u2013, woraufhin sie von allen Organisationen der Linken als reaktion\u00e4r verurteilt wurden.<\/p>\n<p>Die Rechte nutzte die Gelegenheit, sich mit den Streikenden solidarisch zu erkl\u00e4ren. Dabei hatten diese Bergleute nur ihren Lebensstandard und ihre Rechte gegen eine Regierung verteidigt, die sie nicht l\u00e4nger vertrat. Unter solchen Umst\u00e4nden h\u00e4tten sie die aufrichtige Unterst\u00fctzung der Linken verdient. Stattdessen wurden sie mit Stra\u00dfensperren des Milit\u00e4rs konfrontiert, als sie nach Santiago marschierten, w\u00e4hrend die Linke stillhielt.<\/p>\n<p><strong>Milit\u00e4rs im Kabinett<\/strong><\/p>\n<p>Das Ende kam nicht \u00fcberraschend. Im Juli riefen die Spediteure, die Unternehmer und andere einen \u00bbunbegrenzten Streik aus, um die Regierung zu st\u00fcrzen\u00ab. Wieder antwortete die Arbeiterklasse \u2013 und wieder prangerte ihr F\u00fchrung sie f\u00fcr die Schaffung \u00bbparalleler\u00ab Organisationen an. Die MIR rief im Juli zum bewaffneten Aufstand auf. Ein oder zwei Wochen darauf\u00a0warnte sie dann davor, unabh\u00e4ngig von den \u00bbtraditionellen\u00ab Organisationen zu handeln.<\/p>\n<p>Anfang August berief Allende weitere Milit\u00e4rs ins Kabinett, w\u00e4hrend Sozialisten und Gewerkschafter bereits \u00fcberall im Land verhaftet wurden. Als Sozialisten in der Marine und in der Luftwaffe \u00f6ffentlich davor warnten, dass Vorbereitungen f\u00fcr einen Putsch im Gange sind, bedankte sich Allende bei ihnen f\u00fcr ihren Patriotismus und \u00fcbergab sie den Milit\u00e4rgerichten. Einige in der Linken wandten sich an die Masse der einfachen Soldaten in der Armee. Die Armee spaltet sich jedoch nur, wenn eine starke und unabh\u00e4ngige Arbeiterorganisation existiert, die darauf vorbereitet ist, die Macht zu \u00fcbernehmen und den Staat zu zerschlagen. Eine solche war aber nicht aufgebaut worden.<\/p>\n<p><strong>Atmosph\u00e4re der Niederlage<\/strong><\/p>\n<p>Als das Milit\u00e4r dann am <a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/chile-allende-pinochet-putsch-september-1973\/\">11. September<\/a> zuschlug, war niemand \u00fcberrascht. Ein oder zwei Tage zuvor hatte die Kommunistische Partei noch ein Plakat ver\u00f6ffentlicht: \u00bbNein zur Gewalt von links und rechts\u00ab.<\/p>\n<p>Als die Armee die Macht \u00fcbernahm, wurde den Mitgliedern gesagt, sie sollten nach Hause gehen und \u00bbweitere Instruktionen abwarten\u00ab. Es kamen aber keine weiteren Instruktionen. Bereits die letzte Demonstration vor dem Putsch aus Anlass von Allendes Wahlsieg drei Jahre zuvor war durch eine Atmosph\u00e4re der Niederlage gepr\u00e4gt. Der Kampf war schon verloren.<\/p>\n<p><strong>Selbstvertrauen der Herrschenden<\/strong><\/p>\n<p>Revolution\u00e4re Situationen warten nicht auf die Entscheidungen von Revolution\u00e4ren. Die Waagschale wird sich zu der Klasse hin neigen, die am entschlossensten ist, die Macht zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>In Chile handelte die herrschende Klasse mit Selbstvertrauen, um ihre Interessen zu verteidigen. Sie nahm in Kauf, dass die chilenische Arbeiterklasse k\u00e4mpfen w\u00fcrde. Doch sie wusste auch, dass deren politische F\u00fchrung entwaffnet war.<\/p>\n<p><strong>Gezielter Terror<\/strong><\/p>\n<p>Es gab nichts besonders Brutales oder Au\u00dfergew\u00f6hnliches an der herrschenden Klasse Chiles, im Gegenteil. Das Land galt als vergleichsweise stabil f\u00fcr lateinamerikanische Verh\u00e4ltnisse. Dennoch wurde der Putsch zum Inbegriff f\u00fcr Blutb\u00e4der. Das Milit\u00e4rregime lie\u00df Tausende ermorden und Zehntausende foltern, einkerkern und verbannen.<\/p>\n<p>Bezeichnenderweise traf die Unterdr\u00fcckung vor allem die Aktivistinnen und Aktivisten an der Basis, die Anf\u00fchrerinnen in den Poblaci\u00f3nes und die militanten Arbeiter. Sie waren die wirkliche Bedrohung f\u00fcr die Herrschenden, viel eher als die B\u00fcrokraten und politischen F\u00fchrer, die am Ende bewiesen, dass sie lieber einen Kompromiss eingehen, als ihre Versprechen denjenigen gegen\u00fcber zu erf\u00fcllen, die sie an die Macht gebracht hatten.<\/p>\n<p>Die herrschende Klasse Chiles reagierte wie jede andere herrschende Klasse, die das Schreckgespenst der Arbeitermacht kurz erblickt hat. Sie versuchte, planm\u00e4\u00dfig die ganze Erfahrung auszurotten und alle zu ermorden, die den aufstrebenden Kampf der chilenischen Arbeiterklasse gef\u00fchrt hatten.<\/p>\n<p><strong>Schlussakt in Chile<\/strong><\/p>\n<p>Der Putsch in Chile war der Schlussakt eines brutalen Klassenkampfs, der mit einer massiven Niederlage der Arbeiterklasse endete. Die vorherrschende Antwort der Linken weltweit war die, dass Allende die Errichtung des parlamentarischen Sozialismus viel zu schnell betrieben habe. Doch in Wahrheit f\u00fchrten sein Schwanken und seine Attacken auf die Arbeiterklasse zur Niederlage.<\/p>\n<p>Es dauerte 17 Jahre, bis der F\u00fchrer des Putsches, General Augusto Pinochet, sein Amt niederlegte \u2013, aber der brutale Neoliberalismus, den er einf\u00fchrte, wurde erst von der <a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/warum-chile-ueber-eine-neue-verfassung-abstimmt\/\">Massenbewegung<\/a> im letzten Herbst wirklich herausgefordert.<\/p>\n<p>Die Lehren von Chile geh\u00f6ren zu unserer Bewegung \u2013 und sie ergeben sich aus dem Ende einer Illusion: Ein Machtkampf, der nicht auf die unabh\u00e4ngige Organisation der Arbeiterklasse baut und der keine Strategie f\u00fcr die Unterwerfung des Staates hat, ist nicht zu gewinnen.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Pinochet und Kissinger bei einem Treffen 1976. <\/em><em>Quelle:<\/em><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Reuni\u00f3n_Pinochet_-_Kissinger_(2).jpg\"><em>Ministerio de Relaciones Exteriores de Chile<\/em><\/a><em> Lizenz:<\/em><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/2.0\/cl\/deed.en\"><em>CC BY 2.0 CL<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/chile-1970-1973-das-ende-einer-illusion\/\"><em>marx21.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 9. September 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mike Gonzalez. 1970 gewann der Marxist Salvador Allende die Pr\u00e4sidentschaftswahl in Chile. Was mit gro\u00dfen Hoffnungen verbunden war, endete drei Jahre sp\u00e4ter in einem Blutbad.\u00a0Von\u00a0<br \/>\nAm 11. 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