{"id":13577,"date":"2023-09-10T10:24:39","date_gmt":"2023-09-10T08:24:39","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13577"},"modified":"2023-09-10T10:24:40","modified_gmt":"2023-09-10T08:24:40","slug":"das-hochspannungsnetz-der-ukraine-und-seine-bedeutung-fuer-den-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13577","title":{"rendered":"<strong>Das Hochspannungsnetz der Ukraine und seine Bedeutung f\u00fcr den Krieg<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p>Dominik A. Dahl. Stromnetze spielen eine wichtige strategische und machtpolitische Rolle. Das Netz der Ukraine ist f\u00fcr die EU und f\u00fcr Russland von Bedeutung. Warum Moskau es angreift.<\/p>\n<p>In der Geostrategie sind Erd\u00f6l und Erdgas seit rund 140 Jahren wichtige Faktoren. Im Gegensatz dazu galt Elektrizit\u00e4t eher als lokale volkswirtschaftliche Grundlage<!--more--> und als lukratives Investitionsobjekt. Mit der Osterweiterung von NATO und EU wuchs die strategische Bedeutung der international verbundenen Hochspannungsnetze in Europa und Asien. Mittlerweile werden Hochspannungsnetze als <a href=\"https:\/\/www.swp-berlin.org\/publikation\/geopolitik-des-stroms-netz-raum-und-macht\">eigenst\u00e4ndige Faktoren in der Geostrategie<\/a> und der Machtpolitik behandelt.<\/p>\n<p>In dieser Hinsicht war es nicht unbedeutend, als der ukrainische \u00dcbertragungsnetzbetreiber Ukrenergo am Morgen des 24. Februar 2022 die Ukraine vom russischen und zentralasiatischen Verbundnetz (IPS\/UPS) trennte. Der Schritt <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/wirtschaft\/Ukraine-will-Stromnetz-von-Russland-abkoppeln-article23133129.html\">war zuvor angek\u00fcndigt worden<\/a>; er sollte eine vorbereitende Ma\u00dfnahme sein, um das heimische Netz dauerhaft an den Verband Europ\u00e4ischer \u00dcbertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) anschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Gemeinsam mit dem Nachbarn Moldau wollte man diesen Weg beschreiten und sich aus dem russischen Einflussbereich l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Wenige Stunden nach der Trennung marschierte die russische Armee in der Ukraine ein. Offensichtlich hatte Moskau die Invasion auf ukrainisches Staatsgebiet als direkte Antwort auf die Trennung vorbereitet.<\/p>\n<p>\u00dcber 16 Millionen Farben machen das Bild echt | Zahlen, bitte!<\/p>\n<p><strong>Weitere Schritte nach Beginn der Milit\u00e4roperationen<\/strong><\/p>\n<p>Drei Tage befand sich das ukrainische Netz im Inselbetrieb, war also bislang nicht an das europ\u00e4ische angeschlossen und immer noch vom russischen getrennt. Am 27. Februar beantragte Ukrenergo dann die Notsynchronisation mit dem kontinentaleurop\u00e4ischen Verbundsystem UCTE. Der moldauische \u00dcbertragungsnetzbetreiber folgte einen Tag sp\u00e4ter. Am Tag darauf <a href=\"https:\/\/www.entsoe.eu\/news\/2022\/03\/01\/continental-europe-tsos-are-fully-committed-to-the-synchronisation-with-ukraine-and-moldova-power-systems\/\">erkl\u00e4rte der ENTSO-E<\/a>, man arbeite an der Synchronisation.<\/p>\n<p>Am 16. M\u00e4rz war die technische Synchronisierung beider L\u00e4nder mit dem europ\u00e4ischen Netz in Rekordzeit abgeschlossen. <a href=\"https:\/\/oesterreichsenergie.at\/aktuelles\/neuigkeiten\/detailseite\/notsynchronisierung-ukrainische-stromnetz-an-europa-angeschlossen\">Am 26. April wurde Ukrenergo<\/a> mit Beobachterstatus im ENTSO-E aufgenommen.<\/p>\n<p><strong>Z\u00fcgige Integration der Ukraine in den europ\u00e4ischen Strommarkt<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber bereits bestehende Interkonnektoren konnte innerhalb kurzer Zeit ein Energiehandel zwischen EU und Ukraine realisiert werden. Im gemeinsamen europ\u00e4ischen Strommarkt wurde erstmals am 30. Juni 2022 eine 100 Megawatt (MW) \u00dcbertragungskapazit\u00e4t angeboten \u00fcber die Verbindungsstelle zwischen der Ukraine und Rum\u00e4nien. Die handelbaren \u00dcbertragungskapazit\u00e4ten wurden seitdem mit Einbeziehung der Interkonnektoren Ukraine\u2013Slowakei, Ukraine\u2013Ungarn und Moldau\u2013Rum\u00e4nien schrittweise erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Der seit einigen Jahren unter dem Namen Energomost projektierte Interkonnektor zwischen Rzesz\u00f3w und Chmelnyzkyj wurde auf der 400-Kilovolt-Spannungsebene neu aufgebaut und am 27. April 2023 wieder in Betrieb genommen, obwohl dieser urspr\u00fcnglich von der polnischen Regierung nicht erw\u00fcnscht war.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.entsoe.eu\/news\/2023\/06\/21\/press-release-further-increase-in-the-trade-capacity-with-the-ukraine-moldova-power-system\/\">Derzeit l\u00e4uft der Stromhandel<\/a> mit Kapazit\u00e4ten von 1200 MW Import in das Stromnetz der Ukraine und von Moldau. Die Exportkapazit\u00e4t betr\u00e4gt 400 MW. F\u00fcr den grenz\u00fcberschreitenden Stromhandel sind diese Werte relativ gering im Vergleich zu den Austauschkapazit\u00e4ten zwischen den Marktgebieten der UCTE-Kernregion und viel geringer als die Erzeugungskapazit\u00e4t der Ukraine.<\/p>\n<p>Die z\u00fcgige Umsetzung der Synchronisation und der Marktintegration kann insbesondere verstanden werden als Demonstration der gro\u00dfen F\u00e4higkeiten und des guten Willens der Akteure der europ\u00e4ischen Stromm\u00e4rkte.<\/p>\n<p><strong>Die langj\u00e4hrige Vorgeschichte<\/strong><\/p>\n<p>Die sogenannte Notsynchronisation war ein Schritt zur geplanten Einbindung der Ukraine in den gemeinsamen europ\u00e4ischen Strommarkt. Wie der Westen und die Ukraine dabei vorgingen, wurde bereits vor dem Krieg im Jahr 2021 von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) <a href=\"https:\/\/www.swp-berlin.org\/publikation\/die-anbindung-der-ukraine-an-europas-stromsystem\">in einer Studie dargelegt<\/a>. Die Stiftung steht dem Bundeskanzleramt nahe.<\/p>\n<p>Aus dieser Studie stammen die Zitate der folgenden Stichpunkte:<\/p>\n<ul>\n<li>2005 unterzeichneten die EU und die Ukraine <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/energy\/sites\/ener\/files\/documents\/mou_strategic_energy_partnership_en.pdf\">ein Memorandum of Understanding<\/a> \u00fcber <em>&#8222;eine vollst\u00e4ndige Integration der Energiem\u00e4rkte der EU und Ukraine&#8220;, das &#8222;2016 erneut best\u00e4tigt wurde&#8220;<\/em>.<\/li>\n<li><em>&#8222;Im Juni 2017 unterzeichneten die Netzbetreiber der Ukraine (Ukrenergo) und Moldaus (Moldelectrica) mit dem Verband der europ\u00e4ischen Stromnetzbetreiber (ENTSO-E) eine [\u2026] Vereinbarung \u00fcber die k\u00fcnftige Stromanbindung.&#8220;<\/em> Darauf basierend gab Ukrenergo den Plan bekannt, im Winter 2021\/22 von IPS\/UPS zu entkoppeln und im Jahresverlauf 2023 mit UCTE zu synchronisieren.<\/li>\n<li><em>&#8222;Die USA und die Ukraine haben die Integration der Ukraine ins europ\u00e4ische Netz in ihrer <\/em><a href=\"https:\/\/www.state.gov\/u-s-ukraine-charter-on-strategic-partnership\/\"><em>Charta \u00fcber strategische Partnerschaft<\/em><\/a><em> erw\u00e4hnt.&#8220;<\/em><\/li>\n<li><em>&#8222;Als Kompensation f\u00fcr die Zur\u00fcckhaltung der USA, Sanktionen gegen Nord Stream 2 zu verh\u00e4ngen, hat sich Deutschland gegen\u00fcber Washington bereit erkl\u00e4rt, die Ukraine zu unterst\u00fctzen.&#8220;<\/em><\/li>\n<li><em>&#8222;Die Strom- und W\u00e4rmeproduktion des Landes ist von russischen Nuklearbrennst\u00e4ben ebenso abh\u00e4ngig wie von regelm\u00e4\u00dfigen Kohle- und Gaslieferungen aus Russland.&#8220;<\/em><\/li>\n<\/ul>\n<p>Auf der sicherheitspolitischen Ebene war allen beteiligten Seiten die von Boris Jelzin angek\u00fcndigte sogenannte rote Linie bekannt. &#8222;Moskau hat [\u2026] deutlich signalisiert, dass Bem\u00fchungen um eine st\u00e4rkere Integration mit Europa russische Gegenma\u00dfnahmen zur Folge haben k\u00f6nnen&#8220;. Offensichtlich war der Schwenk des ukrainisch-moldauischen Hochspannungsnetzes weg von IPS\/UPS hin zu UCTE ein Schritt \u00fcber die rote Linie.<\/p>\n<p><strong>Ukrenergo war insolvent<\/strong><\/p>\n<p>Im Laufe der Neuaufstellung des ukrainischen Energiesektors nach westlichem Vorbild war nach mehreren Entscheidungen durch die Verkhovna Rada beziehungsweise durch das Ministerkabinett ein Mechanismus entstanden, der gro\u00dfe Zahlungsstr\u00f6me aus der staatlichen Elektrizit\u00e4tswirtschaft in private H\u00e4nde leitete. Durch diesen Mechanismus war Ukrenergo in eine existenzgef\u00e4hrdende betriebswirtschaftliche Schieflage geraten, <a href=\"https:\/\/ua.energy\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Okrema-finansova-zvitnist-NEK-Ukrenergo-za-2021-rik_ANGL.pdf\">wie aus dem Gesch\u00e4ftsbericht hervorgeht<\/a>.<\/p>\n<p>Ukrenergo ist eine Aktiengesellschaft in Staatseigentum. Das Unternehmen ist gem\u00e4\u00df dem Prinzip des sogenannten Independent Service Provider aufgestellt, das bedeutet:<\/p>\n<ul>\n<li>Das Energieministerium beauftragt Ukrenergo, das Hochspannungsnetz zu warten, den Systembetrieb operativ durchzuf\u00fchren und die Systembilanz zu wahren.<\/li>\n<li>Zur Deckung der Betriebsaufw\u00e4nde zieht Ukrenergo Netznutzungsgeb\u00fchren von den Marktteilnehmern ein. Die Geb\u00fchren werden durch das Energieministerium festgelegt.<\/li>\n<li>Das Hochspannungsnetz ist Staatseigentum unter Verwaltung des Energieministeriums.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Im Regulierungsrahmen des Stromsektors galten ab 2019 folgende Regeln:<\/p>\n<ul>\n<li>Der Verbraucherpreis f\u00fcr Strom wird als nationaler Einheitspreis durch das Energieministerium festgelegt.<\/li>\n<li>Zur F\u00f6rderung von Windkraft und Photovoltaik ist dem Erzeuger eine Einspeiseverg\u00fctung garantiert. Diese geh\u00f6rt zu den h\u00f6chsten in Europa; sie ist jedenfalls h\u00f6her als der Verbraucherpreis. Die Einspeiseverg\u00fctung ist an den Euro gekoppelt.<\/li>\n<li>Gem\u00e4\u00df dem Prinzip des sogenannten Single Buyers beauftragt der Staat ein Unternehmen, die gesamte Erzeugung aus Windkraft und Photovoltaik von den privatwirtschaftlichen Erzeugern zum Preis in H\u00f6he der Einspeiseverg\u00fctung aufzukaufen und am Strommarkt wiederum zu verkaufen.<\/li>\n<li>Der Single Buyer wurde ebenfalls verpflichtet, Kompensation an privatwirtschaftliche Energieversorgungsunternehmen zu zahlen, wenn deren Beschaffungspreise am Strommarkt h\u00f6her sind als der Verbraucherpreis.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der Single Buyer ist also in jedem Fall zu Minusgesch\u00e4ften gezwungen. Falls er am Markt zu Preisen in H\u00f6he der Einspeiseverg\u00fctung erfolgreich anbietet, ist der resultierende Marktpreis viel h\u00f6her als der Verbraucherpreis. Dann muss er Kompensationszahlungen an die Energieversorger leisten. Andernfalls bietet der Single Buyer am Markt zum Verbraucherpreis an, also unterhalb seines Beschaffungspreises. Die Rolle des Single Buyer oblag zun\u00e4chst der ukrainischen Stromb\u00f6rse und wurde nach einigen Jahren auf ein anderes Staatsunternehmen \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Ab dem Jahr 2019 war Ukrenergo verpflichtet, unverk\u00e4ufliche Energiemengen des Single Buyer zum Preis in H\u00f6he der Einspeiseverg\u00fctung zu \u00fcbernehmen. Die Deckungsl\u00fccke in Ukrenergos Zahlungsbilanz f\u00fcr Wind und Photovoltaik war umgerechnet gr\u00f6\u00dfer als 750 Millionen Euro im Jahr 2020 und 2021 gr\u00f6\u00dfer als 210 Millionen Euro. Solche Fehlbetr\u00e4ge sind untragbar f\u00fcr ein Unternehmen, das gewisserma\u00dfen keine Verm\u00f6genswerte hat. Ukrenergo war in den Jahren 2020 und 2021 zahlungsunf\u00e4hig. Die Summe der Verbindlichkeiten wuchs Jahr f\u00fcr Jahr weiter an.<\/p>\n<p>Angesichts dieser Lage f\u00fchrte die ukrainische Regierung zahlreiche Ma\u00dfnahmen durch.<\/p>\n<ul>\n<li>Die Einspeiseverg\u00fctung wurde verringert und der Verbraucherpreise wurde erh\u00f6ht.<\/li>\n<li>Die Deckungsl\u00fccke des Single Buyer wurde verringert durch regelm\u00e4\u00dfige Zahlungen aus Ertr\u00e4gen der staatlichen Energieunternehmen Energoatom und Ukrhydroenergo.<\/li>\n<li>Der Staat b\u00fcrgte gegen\u00fcber ukrainischen Banken in Krediten f\u00fcr Ukrenergo im Volumen von umgerechnet etwa 300 Millionen Euro.<\/li>\n<li>Im November 2021 begab Ukrenergo unter Staatsb\u00fcrgschaft eine zu 6,875 Prozent verzinste Anleihe \u00fcber 825 Millionen US-Dollar an der britischen B\u00f6rse, London Stock Exchange.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Durch diese Ma\u00dfnahmen wurde erreicht, dass Ukrenergo zum Jahresende 2021 alle Forderungen fristgem\u00e4\u00df bedienen konnte. Das gro\u00dfe Leck in der Zahlungsbilanz war geflickt; die Schulden nahmen nicht weiter zu. Allerdings war klar, dass Ukrenergo unter den Anfang 2022 gegebenen Umst\u00e4nden die Kredite und die Anleihe niemals tilgen konnte.<\/p>\n<p>Im Sommer 2022, also nach der Synchronisation mit UCTE, wurden die Ertragsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Ukrenergo durch Verdoppelung beziehungsweise Versechsfachung der Netznutzungsgeb\u00fchren so angepasst, dass das Unternehmen die Kredite und die Anleihe voraussichtlich bedienen k\u00f6nnen wird.<\/p>\n<p><strong>Lagebild im ukrainischen Hochspannungsnetz<\/strong><\/p>\n<p>In der SWP-Studie hei\u00dft es:<\/p>\n<p>Mitte November 2021 zeichnet sich eine besonders prek\u00e4re Situation ab: Knappe Kohle- und Gasspeicherst\u00e4nde k\u00f6nnten es Russland erm\u00f6glichen, die Energieversorgungssicherheit der Ukraine auf eine ernste Probe zu stellen, indem es nur geringe Mengen Gas liefert. Das hat in der Ukraine bereits zu Diskussionen \u00fcber eine Wiederaufnahme von Stromimporten aus Belarus gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Seitdem hat sich die Lage wesentlich verschlechtert. Beispielsweise sind seit der Besch\u00e4digung des Kachowka-Staudamms im Juni 2023 Kraftwerke im S\u00fcdosten bis auf Weiteres nicht mehr betriebsf\u00e4hig. Im Jahr 2021 leisteten sie in Summe knapp <a href=\"https:\/\/zeitschrift-osteuropa.de\/site\/assets\/files\/52991\/oe230105.pdf\">30 Prozent der ukrainischen Erzeugung<\/a>.<\/p>\n<p>Zu den Kraftwerken geh\u00f6ren: Das Kernkraftwerk Saporischschja (etwa 5700 MW), das mit Gas und Kohle befeuerte Heizkraftwerk Saporischschja (etwa 3600 MW) und das Laufwasserkraftwerk Kachowka (etwa 330 MW).<\/p>\n<p>Die Ukraine steht in der Herausforderung, den elektrischen Energiebedarf landesweit \u00fcberhaupt zu decken. Dazu kommt die neue Aufgabe, Leistungsfl\u00fcsse \u00fcber weite Distanzen in die s\u00fcd\u00f6stliche Region zu \u00fcbertragen, wozu ein landesweit funktionierendes Hochspannungsnetz notwendig ist.<\/p>\n<p><strong>Das Hochspannungsnetz als Grundlage f\u00fcr Kriegf\u00fchrung in der Ukraine<\/strong><\/p>\n<p>Die Kontrolle \u00fcber ein funktionierendes Hochspannungsnetz ist ebenfalls notwendig, um in einem gro\u00dfen Fl\u00e4chenland wie der Ukraine weitr\u00e4umige Kriegskampagnen f\u00fchren zu k\u00f6nnen und zugleich das zivile und wirtschaftliche Leben einigerma\u00dfen aufrechtzuerhalten. Via Hochspannungsnetz k\u00f6nnen umk\u00e4mpfte Gebiete aus weiter Ferne mit Energie versorgt werden. Ohne Hochspannungsnetz m\u00fcsste eine Notstromversorgung in umk\u00e4mpften Gebieten entweder vorrangig den milit\u00e4rischen oder den zivilen Verbrauch decken; beides zugleich w\u00fcrde die Notstrom- und Kraftstofflogistik \u00fcberfordern. Diese Notwendigkeit gilt f\u00fcr alle Konfliktparteien gleicherma\u00dfen.<\/p>\n<p>Durch die synchrone Kopplung des ukrainischen Hochspannungsnetzes an UCTE wurde eine wichtige Voraussetzung f\u00fcr die l\u00e4ngerfristige Kriegf\u00fchrung der NATO-Verb\u00fcndeten in der Ukraine erf\u00fcllt. Daraus wiederum resultierte eine konkrete Zunahme der milit\u00e4rischen Bedrohung f\u00fcr Russland.<\/p>\n<p>Die zuverl\u00e4ssige Verf\u00fcgbarkeit des Hochspannungsnetzes ist jedoch fragil. Die <a href=\"https:\/\/ua.energy\/about_us\/\">Freileitungen des Hochspannungsnetzes<\/a> (220 bis 750 kV) unter Betrieb von Ukrenergo erstrecken sich \u00fcber 19.000 Kilometer und sind in 103 Schaltanlagen verbunden. Der physische Schutz dieser Installationen erfordert eine landesweite Abdeckung der Lufthoheit und eine zuverl\u00e4ssige Abwehr von Infiltration, wozu die NATO-Verb\u00fcndeten in der Ukraine bisher jeweils nicht in der Lage waren.<\/p>\n<p>In der umk\u00e4mpften Region spielen Laufwasserkraftwerke, die noch einsetzbar sind, eine entscheidende Rolle. Solche Kraftwerke erm\u00f6glichen die weitr\u00e4umige Energie\u00fcbertragung, weil sie die lokale Spannung im Hochspannungsnetz steuerbar stabilisieren. Ferner kann mit einem solchen Kraftwerk das Hochspannungsnetz nach einer Sicherheitsabschaltung wieder auf stabile Betriebsspannung gebracht werden, damit anschlie\u00dfend mit weiteren Erzeugungsanlagen die Versorgung wiederhergestellt werden kann. Anlagen mit solchen F\u00e4higkeiten sind unersetzlich und unbedingt zu sch\u00fctzen. Beispielsweise liegt <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/features\/Ukrainer-durchbrechen-russische-Hauptverteidigungslinie-9291346.html\">das Laufwasserkraftwerk Saporischschja<\/a> (etwa 1550 MW) in einem Brennpunkt der Kriegf\u00fchrung.<\/p>\n<p><strong>Lage und Handlungsm\u00f6glichkeiten der Konfliktparteien<\/strong><\/p>\n<p>EU-Europa, allen voran deutsche Politiker, haben immer wieder die bedingungslose und unbegrenzte Unterst\u00fctzung der Ukraine verk\u00fcndet. Unter Ber\u00fccksichtigung der im vorliegenden Artikel genannten Gesichtspunkte ist es dringend notwendig, dass EU-Europa die externen Versorgungsbedarfe der Ukraine quantifiziert. Weiterhin ist der klugen Diplomatie dringend geboten, Rahmenbedingungen zu formulieren und die externe Unterst\u00fctzung zu begrenzen, weil erst dann eine systematische operative Planung der kommenden Monate m\u00f6glich wird.<\/p>\n<p>Die USA agierten bisher sehr schlau und konnten mit guten Deals f\u00fcr sich eine derzeit komfortable Lage erreichen. Die USA boten der Ukraine eine Energiesicherheit, die tats\u00e4chlich von EU-Europa bereitgestellt wird. Die USA boten Deutschland das Ende der Blockade gegen die Nordstream-Pipelines, jedoch ist die Leistungserbringung mit der Sprengung der Gasleitungen mittlerweile entfallen.<\/p>\n<p>Internationale Finanzakteure realisierten bereits Gewinne aus Preissteigerungen der Energy-Commodity-M\u00e4rkte, auf denen sie in gro\u00dfem Umfang in Futures und in Lieferanten investiert waren beziehungsweise sind. Diese Akteure haben Interesse daran, in der Ukraine eine Regierung zu stabilisieren, welche die von Ukrenergo aufgenommene Anleihe bei F\u00e4lligkeit im Jahr 2026 bedienen wird.<\/p>\n<p>Im weiteren Verlauf w\u00e4re es lukrativ, die Ukraine zu einem Paradies f\u00fcr institutionelle Investoren zu entwickeln. Der (Wieder-)Aufbau der bis dato staatlichen Netzinfrastruktur der Ukraine wird Investitionen in Milliardenumfang erfordern. Die Zinsen daf\u00fcr sind relativ hoch, und das Ausfallrisiko ist wegen Staatsb\u00fcrgschaften relativ gering.<\/p>\n<p>Russland hat einen wirkm\u00e4chtigen Hebel in der Hand, da sie vermutlich jederzeit in der Lage sind, Aufwand, Kosten und Kollateralsch\u00e4den der Kriegf\u00fchrung in der Ukraine zu erh\u00f6hen, indem die Funktion des ukrainischen Hochspannungsnetzes gezielt unterbrochen wird. Dann w\u00e4ren die Nato-Verb\u00fcndeten gezwungen, die Daseinsf\u00fcrsorge gegen\u00fcber der Bev\u00f6lkerung der Ukraine aufzugeben, um dort weiter Krieg f\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Angesichts dieser abschreckenden Eskalationspotentiale muss jedermann klar sein: Nominelle Streitkr\u00e4fte der NATO-Verb\u00fcndeten d\u00fcrfen im Ukrainekrieg keinesfalls die russische Souver\u00e4nit\u00e4t ernsthaft bedrohen. Welchen Sinn hat also die offensive Kriegf\u00fchrung der Nato-Verb\u00fcndeten im Ukrainekrieg, wenn ihre Truppen dort keine substanziellen, offensiven Erfolge erzielen d\u00fcrfen?<\/p>\n<p>&#8222;The billions shift from side to side<\/p>\n<p>and the wars go on with brainwashed pride<\/p>\n<p>[Guns &#8217;n&#8216; Roses, Civil War]&#8220;<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/features\/Das-Hochspannungsnetz-der-Ukraine-und-seine-Bedeutung-fuer-den-Krieg-9299833.html?seite=all\"><em>telepolis.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 10. September 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dominik A. Dahl. Stromnetze spielen eine wichtige strategische und machtpolitische Rolle. Das Netz der Ukraine ist f\u00fcr die EU und f\u00fcr Russland von Bedeutung. Warum Moskau es angreift.<br \/>\nIn der Geostrategie sind Erd\u00f6l und Erdgas seit &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":13578,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[41,22,27,19],"class_list":["post-13577","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-europa","tag-politische-oekonomie","tag-russland","tag-ukraine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13577","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13577"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13577\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13579,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13577\/revisions\/13579"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/13578"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13577"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13577"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13577"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}