{"id":13580,"date":"2023-09-11T11:09:20","date_gmt":"2023-09-11T09:09:20","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13580"},"modified":"2023-09-11T11:09:21","modified_gmt":"2023-09-11T09:09:21","slug":"9-11-1973-in-chile-unter-us-anleitung-terror-gegen-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13580","title":{"rendered":"<strong>9\/11 1973 in Chile: Unter US-Anleitung: Terror gegen Demokratie<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Jorge Baradit. <\/em>Heute vor 50 Jahren, am 11. September 1973, wurde der chilenische Pr\u00e4sident Salvador Allende um 6.40 Uhr von seinen Mitarbeitern geweckt und \u00fcber seltsame Bewegungen in Valpara\u00edso informiert. Alfredo Joignant, Direktor der Kriminalpolizei, best\u00e4tigte, dass die Marine Truppen auf die Stra\u00dfe gebracht hat. Der Diplomat Marcos Orlando Letelier del Solar, versuchte<!--more--> verzweifelt, mit den Gener\u00e4len Montero, Pinochet und Leigh zu telefonieren, aber niemand antwortete. Er schaffte es, sich mit Vizeadmiral Patricio Carvajal Prado in Verbindung zu setzen, der ihn belog und sagte, er wisse von nichts\u2026 Im Folgenden wird der Verlauf des nachweislich US-gest\u00fctzten Putsches von den Morgenstunden des 11. Septembers bis zum letzten Atemzug von Salvador Allende nachgezeichnet.<\/p>\n<p>Um 7.20 Uhr waren die Stra\u00dfen von Santiago leer. Ab und zu h\u00f6rte man einen Mikrobus in der Ferne, der verschlafene Arbeiter zu ihren Arbeitspl\u00e4tzen brachte. Jemand schaute aus dem Fenster seiner Wohnung auf die Stadt, die erwachte. Es war noch nicht Morgengrauen, er schaute auf den Kalender, es war der 11. September. Vor ihm der H\u00fcgel San Crist\u00f3bal, unten das Viertel Providencia, wo sich die Salvador Allende befand. Der Mann g\u00e4hnte, kratzte sich am Kopf. Ein wei\u00dfer Fiat 125 fuhr mit 90 km\/h vorbei. Er runzelte die Stirn. Drei weitere passierten in rascher Folge, mit gleicher Geschwindigkeit. Er wusste es nicht, aber drinnen befand sich der Pr\u00e4sident der Republik mit einer Waffe in der Hand auf dem Weg zu seiner letzten Schlacht, umgeben von der GAP, seiner Gruppe pers\u00f6nlicher Freunde, die aus jungen Menschen in den Zwanzigern bestand.<\/p>\n<p>Fast zur gleichen Zeit starteten die Hawker Hunter Kampfjets von Concepci\u00f3n aus mit der Mission, Antennen von Radio-Sendern der Unidad Popular zu zerst\u00f6ren, \u00fcber Santiago zu kreisen und auf weitere Anweisungen zu warten, die sie noch nicht kannten.<\/p>\n<p>Meine Mutter weinte und umarmte mich auf dem Fu\u00dfboden des Hauses. Der Putsch hatte in Valpara\u00edso begonnen, dieses Erdbeben w\u00fcrde Zeit brauchen, um Santiago aufzuw\u00fchlen.<\/p>\n<p>Salvador Allende betrat die Moneda \u00fcber Treppen und G\u00e4nge, verteilte die Menschen an Fenstern und strategischen Punkten. Es waren etwa zwanzig Leibw\u00e4chter sowie achtzehn Detektive der chilenischen Kriminalpolizei, der einzigen Streitkraft, die der Verfassung und dem Pr\u00e4sidenten an jenem 11. September treu blieben. Man h\u00f6rte Schreie und Rennen auf den Holzb\u00f6den, T\u00fcren, die sich \u00f6ffneten, Befehle von den Erfahrensten. Manchmal, nach so langer Zeit des Wartens auf die Konfrontation, w\u00fcnschst du sie herbei, und die Aufregung f\u00fchlt sich gut an. Munition in Beuteln und Taschen. Sie h\u00f6rten L\u00e4rm in der Ferne, sie dachten, es seien Bomben, aber es waren die Explosionen der Hawker Hunter Sura-Raketen, die die Antennen von Radio Corporaci\u00f3n im Stadtviertel Florida zerst\u00f6rten. Alle waren auf ihren Posten und richteten die Maschinengewehre und Pistolen nach drau\u00dfen. Es waren Zivilisten, die eine Idee verteidigten. Die Moneda war wie gespickt mit kleinen Pistolen, die sich aus den \u00d6ffnungen streckten. Drau\u00dfen aber waren Panzer und Panzerf\u00e4uste, Kanonen und Kampfjets.<\/p>\n<p>Allende machte sich Sorgen um die Oberbefehlshaber, er glaubte immer noch, es sei nur ein Marineaufstand. \u201eArmer Pinochet\u201d, h\u00f6rten sie ihn sagen, \u201eSie m\u00fcssen ihn gefangen genommen haben.\u201c<\/p>\n<p>Mein Vater zog sich schnell an. Die Lastwagen waren weg. \u201cWo gehst du hin?\u201d fragte meine Mutter. \u201cIch muss mich bei meiner Gewerkschaftsgruppe, der PEGA, melden\u201d, antwortete er, w\u00e4hrend er seine Schuhe anzog. Meine Mutter fing an, ihn anzuschreien, ob er verr\u00fcckt sei, dass man ihn t\u00f6ten w\u00fcrde, ob er denn die Schreie von Tamara und Omars T\u00f6chtern nicht geh\u00f6rt habe, als man die beiden wegbrachte. \u201cIch bin ein Mann, keine Maus\u201d, schrie mein Vater, aber das Weinen meiner Mutter machte uns Angst und meine Schwester und ich umklammerten seine Beine. Wir schrien. Dann umarmten wir vier uns gegenseitig. Meine Schwester erinnerte sich, dass die Hand meines Vaters sie so fest an sich gedr\u00fcckt hat, dass man hinterher noch den Abdruck sah. Wir vier standen weinend aneinandergedr\u00e4ngt. Dann entschied sich mein Vater f\u00fcr seine Familie und blieb. Wir gingen in die K\u00fcche, den am besten gesch\u00fctzten Ort im Haus, meine Mutter stellte den Teekessel auf und schaltete das Radio ein. Es war 8.40 Uhr morgens und die Nationalhymne erklang. W\u00e4hrend meine Mutter das Brot r\u00f6stete, drehte mein Vater die Lautst\u00e4rke auf. Eine barsche Stimme begann aus dem Lautsprecher zu dr\u00f6hnen.<\/p>\n<p><em>\u201cIm Hinblick auf <\/em><\/p>\n<p><em>Erstens: die \u00e4u\u00dferst schwere soziale und moralische Krise, in der sich das Land befindet. <\/em><\/p>\n<p><em>Zweitens: die Unf\u00e4higkeit der Regierung, das Chaos zu kontrollieren. <\/em><\/p>\n<p><em>Drittens: die st\u00e4ndige Zunahme paramilit\u00e4rischer Gruppen, die von den Parteien der Unidad Popular ausgebildet werden, was das chilenische Volk in einen unvermeidlichen B\u00fcrgerkrieg f\u00fchren w\u00fcrde. <\/em><\/p>\n<p><em>Haben die Streitkr\u00e4fte und Carabineros entschieden: <\/em><\/p>\n<p><em>Erstens: Der Pr\u00e4sident der Republik muss sein hohes Amt sofort an die Streitkr\u00e4fte und Carabineros Chiles \u00fcbergeben. <\/em><\/p>\n<p><em>Zweitens: Die Streitkr\u00e4fte und die Carabineros sind vereint, um die verantwortungsvolle Mission des Kampfes f\u00fcr die Befreiung der Heimat vom marxistischen Joch zu beginnen\u2026\u201d. <\/em><\/p>\n<p>In der Moneda konnte Allende es nicht glauben. Alle vereint?! Er allein gegen die gesamten Streitkr\u00e4fte?! Selbst der gute Pinochet, der ihm noch am Vortag die Treue geschworen hatte, hat ihn verraten?<\/p>\n<p>Dann rief er seine Partei an, aber in der Zentrale der Sozialistischen Partei herrschte ein totales Durcheinander, die Telefone antworteten nicht, die Befehle kamen nicht an, die Anweisungen kreuzten sich, die Pl\u00e4ne scheiterten. Der Putsch hatte noch nicht richtig begonnen und der Milit\u00e4rapparat der Partei funktionierte schon nicht mehr. Sie gaben den Befehl, Dokumente zu verbrennen und sich zur\u00fcckzuziehen, ohne dass eine Konfrontation begonnen hatte. Es gab viel Willen und Mut, aber wenig Waffen und keine klare F\u00fchrung.<\/p>\n<p>Allende rief den Massenbeauftragten der Gewerkschaftszentrale CUT an, um ihn zu fragen, was sie tun w\u00fcrden, wie eine m\u00f6gliche Verteidigung koordiniert werden w\u00fcrde, aber er fand ihn schlafend vor, er hatte keine Ahnung, was los war. Um 9.00 Uhr traf sich Altamirano mit dem Milit\u00e4rapparat der Partei, der die mangelnde Reaktionsf\u00e4higkeit der Gruppe beim Metallverarbeitungsbetrieb INDUMET beklagte. Die Organisation des Widerstandes war ein einziger Misserfolg.<\/p>\n<p>Gleichzeitig gab die Gewerkschaftszentrale CUT am Morgen ihre einzige Erkl\u00e4rung ab, die die Arbeiter alarmierte, die Fabriken und G\u00fcter zu besetzen und den Widerstand zu organisieren. Aber es stand nicht drin, wie, wo und wann.<\/p>\n<p>Allende erkannte, dass es keine organisierte Hilfe, keinen Volkswiderstand oder \u00e4hnliches geben w\u00fcrde. Eduardo \u00ab<em>Coco<\/em>\u00bb Paredes, chilenischer Arzt, Sozialist und Generaldirektor der Kriminalpolizei bot ihm einen Plan an: unter Feuerschutz zu den Fahrzeugen zu rennen, die ihn zur INDUMET und sp\u00e4ter zu irgendeiner Ortschaft bringen sollten, wo sie einen Widerstandsherd organisieren w\u00fcrden. Allende weigerte sich. Er war der Pr\u00e4sident und sein Platz war in der Moneda. Sp\u00e4ter bemerkte er, dass die im Palast stationierten Carabineros im Laufe des Morgens heimlich davongelaufen waren. Er beschwerte sich nicht, vielleicht hat er kaum merklich die F\u00e4uste geballt. Er befahl, die Palasttore zu schlie\u00dfen. Er hob seine AK-47 auf und traf die Entscheidung, denen zu widerstehen, die ihn angriffen. Der Kampf w\u00fcrde jeden Moment beginnen. Sie blickten aus den Fenstern, alles war still. Nat\u00fcrlich hatten sie Angst, aber sie w\u00fcrden bleiben.<\/p>\n<p>Das Warten war unertr\u00e4glich. Alle T\u00fcren waren geschlossen, nicht nur die des Palastes, sondern auch die des Dialogs, der Unterst\u00fctzung durch die Bev\u00f6lkerung, des Widerstandes. Konzentrische Ringe umgaben sie, sie waren allein in diesem Geb\u00e4ude Nummer 1805 im Zentrum des Vaterlandes, in diesem Kasten aus Ziegeln mit Mauern von einem Meter St\u00e4rke.<\/p>\n<p>Die \u201eStra\u00dfe\u201c war still. Pl\u00f6tzlich konnte man in der Ferne die Raupenketten der heranrollenden Panzer h\u00f6ren und in der Ferne, unsichtbar hinter den Geb\u00e4uden, wurden Befehle geschrien. Allende setzte sich einen Stahlhelm auf. Der Arzt, der Republikaner, der Zivilist, der einen demokratischen Weg gegen die politischen Anf\u00fchrer suchte, die zeternd den bewaffneten Weg propagierten, sollte paradoxerweise derjenige sein, der eine Waffe nahm und diesen Weg mit Sch\u00fcssen verteidigte.<\/p>\n<p>Es sollten regierungstreue K\u00e4mpfer im Geb\u00e4ude der Arbeiterversicherung sein, aber keiner kam ihnen zu Hilfe. Statt\u00addessen positionierten sich die Scharfsch\u00fctzen der Armee auf den D\u00e4chern des Verteidigungsministeriums. Es soll Maschinengewehre in der Redaktion der Zeitung <em>\u201cLa Naci\u00f3n\u201d<\/em> gegeben haben, aber keiner der zugewiesenen Sch\u00fctzen erschien. Die Soldaten des Infanterieregimentes aus Buin aus der Provinz Maipo verschanzten sich hinter Erdh\u00fcgeln, die durch die Bauarbeiten der U-Bahnlinie entstanden waren. Panzerf\u00e4uste und Gewehre tauchten nie in den Regierungsgeb\u00e4uden auf. Die Panzer blockierten die angrenzenden Stra\u00dfen. Das Land f\u00e4rbte sich langsam olivgr\u00fcn.<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit erkannte Miguel Enr\u00edquez, Arzt, Politiker und Generalsekret\u00e4r der Bewegung der Revolution\u00e4ren Linken (MIR), dass er weder gen\u00fcgend Truppen noch Waffen erhalten hatte und beschloss, sich zur\u00fcckzuziehen. Die Sozialistische Partei hatte es geschafft, einhundertf\u00fcnfzig Widerstandsk\u00e4mpfer der GEO zu versammeln. Der Plan war, eine Milit\u00e4reinheit anzugreifen, Waffen zu beschaffen, sich im Stadtteil San Miguel zu verschanzen und von dort aus zur Moneda vorzusto\u00dfen, um sich den anderen Gruppen anzuschlie\u00dfen, die sich sicherlich gebildet haben w\u00fcrden, und dann die Putschisten zu zerschlagen. Nichts davon ist passiert. Hundert Arbeiter der Textilfirma SUMAR meldeten sich freiwillig, um Waffen zu erhalten und den Widerstand zu organisieren, aber niemand kam, um sie zu bewaffnen. Alles war gescheitert.<\/p>\n<p>Kurz vor 10.00 Uhr erschienen die Panzer von Brigadegeneral Javier Palacios Ruhmann mit ihren dr\u00f6hnenden Motoren auf der B\u00fchne des Geschehens, schwarzer Rauch kam aus ihren Luken und sie begannen eine Schie\u00dferei zur Begr\u00fc\u00dfung, die aus einigen alleinstehenden Geb\u00e4uden erwidert wurde. Einige Leibw\u00e4chter feuerten mit einem schweren Maschinengewehr aus dem Geb\u00e4ude f\u00fcr \u00d6ffentliche Arbeiten auf die Fahrzeuge. Die Panzer drehten ihre Gesch\u00fctzt\u00fcrme und belegten die W\u00e4nde der Geb\u00e4ude in alle Richtungen mit gro\u00dfkalibrigen Geschossen. Noch heute sind die L\u00f6cher in einigen Fassaden zu sehen. Das Ger\u00e4usch des Gewehrfeuers, der Schutt und die Schreie der Zivilisten kamen aus den Fenstern. Glas splitterte und fiel auf die Stra\u00dfe und zeigte an, dass die Schlacht um die Moneda begonnen hatte. Die Soldaten riefen sich gegenseitig Anweisungen zu, standen in Kiosken, an Ecken, rannten zu den Gr\u00e4ben, die von den Arbeiten der U-Bahn ausgehoben worden waren. Der Feind war oben. Alle Beamten, die an ihrem Arbeitsplatz angekommen waren, warfen sich auf den Boden und sch\u00fctzten sich vor den Kugeln, die in ihre B\u00fcros eindrangen und von den Decken abprallten. Allende befahl, sich von den Fenstern zu entfernen. Die Moneda und ihre Besetzer schlossen sich ein wie ein G\u00fcrteltier. Die Hawker Hunters Jets starteten im S\u00fcden von Santiago. Alle Akteure waren bereit; die B\u00fchne war das Zentrum der Hauptstadt, das Zentrum des Landes. Der Pr\u00e4sident war in seinem Sch\u00fctzengraben und verstand, dass ihm in seinem Bunker nur der Widerstand f\u00fcr die W\u00fcrde und die Geschichte blieb.<\/p>\n<p>Ich stelle ihn mir voll beieinander vor, wie er klare Anweisungen erteilt und dabei scherzt. Ich sehe ihn in dem Bewusstsein, einen historischen Moment zu erleben, und wie er sich darauf vorbereitet, der Lage gewachsen zu sein. Mit beschleunigtem Herzschlag, die Haare zu Berge stehend, mit einer nat\u00fcrlichen Furcht \u2013 aber immer mit tadelloser Haltung \u2013 wie er gern zu sagen pflegte. Ich sehe ihn pl\u00f6tzlich nachdenklich, als er seine mehr als vierzig Jahre in der Politik Revue passieren l\u00e4sst. Vielleicht erinnert er sich an Gespr\u00e4che mit dem anarchistischen Schuhmacher Juan Demarchi w\u00e4hrend seiner Jugend in Valpara\u00edso, an Dialoge, die ihn f\u00fcr immer auf den Weg der linken Ideen brachten. Sein langer Werdegang, der Traum eines von den Herrschenden verlassenen Volkes, das er durch das gesamte 20. Jahrhundert zu f\u00fchren entschlossen war, um immer wieder aufs Neue zu versuchen, dieses Volk nach vorn zu bringen. Da waren Kundgebungen in abgelegenen D\u00f6rfern, bei denen die Bauern seine H\u00e4nde nahmen und ihn baten, sie nicht zu vergessen, nicht im Stich zu lassen. Vielleicht erinnerte er sich an den jetzt so fernen 4. September 1970, als die Armen glaubten, den Himmel ber\u00fchren zu k\u00f6nnen und dachten, dass das Ende ihres Leidens gekommen sei, als Salvador, ihr Genosse Pr\u00e4sident, zum ersten Mal die Moneda betrat. Und jetzt war er hier, mit einer Waffe in der Hand, um einen Tr\u00fcmmerhaufen zu verteidigen. Drau\u00dfen die Kriegsmaschinen, Tonnen von Eisen, Sprengstoff und Wut. Da legte er das Gewehr beiseite, atmete tief durch, nahm das Telefon, das ihn mit Radio Magallanes verband, und begann nach einer Pause zu seinem Land zu sprechen:<\/p>\n<p>\u201e<em>Mitb\u00fcrger.<\/em><\/p>\n<p><em>Dies wird sicherlich meine letzte Gelegenheit sein, dass ich mich an Sie wenden kann. Die Luftwaffe hat die Sendemasten von Radio Portales und Radio Corporaci\u00f3n bombardiert. <\/em><\/p>\n<p><em>Meine Worte enthalten keine Bitterkeit, jedoch Entt\u00e4uschung. Sie werden die moralische Strafe sein f\u00fcr diejenigen, die ihren Schwur verraten haben: Soldaten Chiles, designierte Oberbefehlshaber, Admiral Merino, der sich selbst ernannt hat, der Herr Mendoza, dieser niedertr\u00e4chtige General, der noch gestern der Regierung seine Treue und Ergebenheit bekundete und sich heute zum Generaldirektor der Carabineros ernannt hat. <\/em><\/p>\n<p><em>Angesichts dieser Tatsachen m\u00f6chte ich den Werkt\u00e4tigen nur sagen:<\/em><\/p>\n<p><em>Ich werde nicht zur\u00fccktreten!<\/em><\/p>\n<p><em>In eine Periode historischen \u00dcbergangs gestellt, werde ich die Treue des Volkes mit meinem Leben entgelten. Und ich sage Ihnen: Ich habe die Gewissheit, dass die Saat, die wir in das w\u00fcrdige Bewusstsein Tausender und aber Tausender Chilenen gepflanzt haben, nicht herausgerissen werden kann. Sie haben die Gewalt, sie k\u00f6nnen uns unterjochen. Aber die sozialen Prozesse kann man weder durch Verbrechen noch durch Gewalt aufhalten. Die Geschichte ist unser, sie wird von den V\u00f6lkern geschrieben. <\/em><\/p>\n<p><em>Werkt\u00e4tige meines Vaterlandes!<\/em><\/p>\n<p><em>Ich danke Ihnen f\u00fcr die stets bekundete Treue, f\u00fcr das Vertrauen, das Sie in einen <\/em><\/p>\n<p><em>Mann gesetzt haben, der nur die Verk\u00f6rperung der Sehnsucht nach Gerechtigkeit war, der sein Wort gab, Verfassung und Gesetze zu achten, und der dies auch in die Tat umsetzte. In diesem entscheidenden Moment, dem letzten, in dem ich mich an Sie wenden kann: M\u00f6gen Sie diese Lehre beherzigen. Das Auslandskapital, der Imperialismus, vereint mit der Reaktion, schufen das Klima, damit die Streitkr\u00e4fte mit ihrer Tradition brachen, die sie General Schneider lehrte und die Kommandeur Araya bekr\u00e4ftigte. Sie wurden Opfer des gleichen sozialen Sektors, der heute darauf aus ist, mit fremder Hilfe die Macht zur\u00fcckzuerobern, um so seinen Besitz und seine Privilegien zu verteidigen. <\/em><\/p>\n<p><em>Ich wende mich vor allem an die einfache Frau unseres Landes, an die B\u00e4uerin, die an uns glaubte, an die Arbeiterin, die noch mehr arbeitete, an die Mutter, die um unsere Sorge um die Kinder wusste. Ich wende mich an die Vertreter der wissenschaftlich-technischen Intelligenz unseres Landes, an all die Patrioten unter ihnen, die seit Tagen gegen die Verschw\u00f6rung der Berufsverb\u00e4nde arbeiten, jener Klassenverb\u00e4nde, die nur die Vorteile, die die kapitalistische Gesellschaft einigen wenigen einr\u00e4umt, verteidigen.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich wende mich an die Jugend, an die, die sangen, die sich mit Fr\u00f6hlichkeit und Kampfgeist einsetzten. Ich wende mich an die M\u00e4nner Chiles, die Arbeiter, Bauern, Intellektuellen, an diejenigen, die man verfolgen wird; denn in unserem Lande w\u00fctet der Faschismus schon seit vielen Stunden mit Terroranschl\u00e4gen, sprengt Br\u00fccken, blockiert Eisenbahnlinien und zerst\u00f6rt \u00d6l- und Gasleitungen.<\/em><\/p>\n<p><em>Demgegen\u00fcber steht das Schweigen derjenigen, die die Verpflichtung gehabt h\u00e4tten, dagegen vorzugehen. Die Geschichte wird sie richten! Sicherlich wird Radio Magallanes zum Schweigen gebracht, und der ruhige Klang meiner Stimme wird nicht zu Ihnen gelangen. Das macht nichts. Sie werden mich weiter h\u00f6ren, ich werde immer unter Ihnen sein, zumindest die Erinnerung an mich, an einen w\u00fcrdigen Menschen, der der Sache des werkt\u00e4tigen Volkes die Treue hielt. Das Volk muss sich verteidigen, aber es soll sich nicht opfern. Das Volk darf sich nicht unterjochen und qu\u00e4len lassen, aber es kann sich auch nicht erniedrigen lassen.<\/em><\/p>\n<p><em>Werkt\u00e4tige meines Vaterlandes!<\/em><\/p>\n<p><em>Ich glaube an Chile und seine Zukunft. Andere nach mir werden diese bitteren und dunklen Augenblicke \u00fcberwinden, in denen der Verrat versucht, sich durchzusetzen. Sie sollen wissen, dass eher fr\u00fcher als sp\u00e4ter freie Menschen auf breiten Stra\u00dfen marschieren werden, um eine bessere Gesellschaft aufzubauen.<\/em><\/p>\n<p><em>Es lebe Chile! Es lebe das Volk! Es leben die Werkt\u00e4tigen! Dies sind meine letzten Worte. Ich habe die Gewissheit, dass mein Opfer nicht umsonst sein wird. Ich habe die Gewissheit, dass es zumindest eine moralische Lektion sein wird, die die Feigheit und den Verrat strafen wird.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Es war 10.15 Uhr. Das Land hat die Stimme von Salvador Allende nie mehr live geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Der Kampf w\u00fcrde jeden Moment beginnen. Der Offizier der Eskorte von Allende, Juan Seoane, rief seine sechzehn sogenannten \u201eDetektive\u201c zusammen und sagte ihnen, dass er den Pr\u00e4sidenten nicht im Stich lassen, ihnen aber Handlungsfreiheit geben w\u00fcrde. Sie alle antworteten einstimmig, dass sie bei ihm bleiben w\u00fcrden, um im Palast zu sterben. Jeder wusste, dass der Kampf ungleich war. Die meisten waren sehr junge Menschen, viele hatten Familien au\u00dferhalb dieser Mauern. Allende bot ihnen an, den Palast zu verlassen, aber niemand bewegte sich.<\/p>\n<p>Um 10.30 Uhr brach das Eis, als ein Panzer zum Feuern angewiesen wurde und mit gro\u00dfkalibrigem Maschinengewehr in den ersten Stock der Moneda schoss.<\/p>\n<p>Alle warfen sich zu Boden, Glas splitterte, die Innenw\u00e4nde wurden von Projektilen durchsiebt, der Stuck platzte ab, die M\u00f6bel zersplitterten, Gobelins und Gem\u00e4lde gingen zu Bruch. Die Belagerten schleppten sich zu den Fenstern und begannen, zwischen dem Kalkstaub und dem Pulvergeruch der Waffen nach au\u00dfen zu schie\u00dfen. Im Radio der Putschisten setzte sich Pinochets schrille Stimme gegen die ruhigeren Stimmen der Admir\u00e4le und Gener\u00e4le der Luftwaffe durch. Nach und nach \u00fcbernahm er die Kontrolle \u00fcber die Situation, nach und nach begann er, der laute und grobe F\u00fchrer zu werden, wie wir ihn sp\u00e4ter kennen lernten. \u201cBedingungslose Kapitulation, bedingungslose Kapitulation\u201d, schrie er per Funk, w\u00e4hrend ein Schwarm von Kugeln im Zentrum von Santiago in alle Richtungen flog und die Moneda wie eine Wolke von Fliegen umgab.<\/p>\n<p>Aus dem Regierungspalast bat man telefonisch darum, die sechs Frauen, darunter zwei T\u00f6chter des Pr\u00e4sidenten, aus dem Geb\u00e4ude zu lassen. Beatriz Allende konnte sich nie verzeihen, dass sie ihren Vater verlassen hatte. Jahre sp\u00e4ter beging sie in Kuba Selbstmord. Die Offiziere akzeptierten, aber Pinochet schrie, dass sie mit der Verz\u00f6gerungstaktik aufh\u00f6ren und sich ergeben sollten, um sie aus dem Land zu vertreiben. Leigh wollte unbedingt bombardieren, aber den Flugzeugen ging der Treibstoff aus und sie mussten zur\u00fcckfliegen und auftanken. Leigh war emp\u00f6rt, er hatte sich vor den anderen Truppenteilen l\u00e4cherlich gemacht.<\/p>\n<p>Ein frontaler Bodenangriff wurde beschlossen, bei dem sich Panzer entlang der Teatinos-Stra\u00dfe, der Alameda und dem Constituci\u00f3nsplatz bewegten. Ihre Geschosse hinterlie\u00dfen riesige L\u00f6cher in den jahrhundertealten Mauern des Regierungspalastes. Detektiv Luis Henr\u00edquez lief durch die G\u00e4nge zu einer Stelle, von der er auf die Truppen schie\u00dfen konnte und sah, wie Allende an einem Fenster liegend eine Stellung der Putschisten mit seiner Maschinenpistole unter Feuer nahm. Der Demokrat, der sein ganzes Leben lang f\u00fcr einen friedlichen Weg zum Sozialismus gek\u00e4mpft hatte, musste sein Amt mit Sch\u00fcssen verteidigen.<\/p>\n<p>Die Panzer feuerten ihre Kanonen auf Mauern und Fenster ab. Jede Explosion ersch\u00fctterte die W\u00e4nde, Staub rieselte, Lampen fielen herab, M\u00f6bel wurden verschoben. Mehr als f\u00fcnfzig Granaten schlugen ein und verursachten Br\u00e4nde sowie Sch\u00e4den am Gem\u00e4uer.<\/p>\n<p>Die Ohren schmerzten, der Brandgeruch begann sich bis in den zweiten Stock auszubreiten. Allende, seine Leibwache und die Detektive liefen durch die G\u00e4nge, um aus den Fenstern zu schie\u00dfen und den Eindruck zu erwecken, als g\u00e4be es mehr Leute, als sie in Wirklichkeit waren. Heute ist es das Bild, mit dem die meisten von uns gelernt haben zu leben, aber in jenem Moment sahen die Chilenen mit Unglauben und Schrecken den Regierungspalast, der von Panzern, Maschinengewehren und Gewehren angegriffen wurde. Es war ein Kampf, der nicht in den Ebenen oder in einem Teil unserer W\u00fcste stattfand, sondern mitten in der Hauptstadt. Eine regul\u00e4re Armee, unsere Armee, mit ihrer enormen, von uns selbst bezahlten Feuerkraft griff sechzig Chilenen an, darunter den Pr\u00e4sidenten der Republik, die im Regierungs-geb\u00e4ude Schutz suchten. Der L\u00e4rm war unertr\u00e4glich, das Bild war unertr\u00e4glich.<\/p>\n<p>Von der Moneda aus forderten sie ein Gespr\u00e4ch mit den Putschgener\u00e4len; sie sagten, ein Treffen sei unumg\u00e4nglich. Pinochet schrie hysterisch, dass er nichts von Parlamentariern h\u00f6ren wolle, er wollte bedingungslose Kapitulation. Er war ver\u00e4rgert \u00fcber Leighs Versp\u00e4tung. Er schlug im Radio vor, Allende aus dem Land zu bringen: \u201cDas Angebot bleibt\u2026 aber das Flugzeug st\u00fcrzt ab, Alter, wenn es fliegt\u201d, scherzte er. Pinochet f\u00fchlte sich immer sicherer und \u00fcbernahm im Laufe des Vormittags fluchend die Kontrolle \u00fcber einen Putsch, den er nicht selbst vorbereitet hatte.<\/p>\n<p>Es war 11.45 Uhr. Im Inneren des Palastes h\u00f6rte man ein immer st\u00e4rker werdendes Ger\u00e4usch, das dann mit einem Tosen am Himmel \u00fcber ihren K\u00f6pfen hinweg ging: Kampfjets. \u201eIch glaube nicht, dass sie es wagen\u201d, sagte jemand. \u201eEs macht keinen Sinn\u201d, sagte ein anderer.<\/p>\n<p>Der Anflug der Hawker Hunter in niedriger H\u00f6he ersch\u00fctterte alles, das Glas zitterte, die Bilder vibrierten an den W\u00e4nden und alle blickten instinktiv nach oben.<\/p>\n<p>\u201eSchnell, in den Keller!\u201c schrien sie, und es begann ein wildes Rennen, um Schutz zu suchen.<\/p>\n<p>Die l\u00e4rmenden Hawker Hunter machten ihre Stabilisierungsman\u00f6ver von S\u00fcden nach Norden und durchbrachen die Schallmauer. Das Get\u00f6se lie\u00df die Leute an Bomben denken. Die Flugzeuge teilten sich in einer Parabelbahn, eines von ihnen drehte sich zur Seite und flog nach S\u00fcden Richtung Palast. Es kam schr\u00e4g nach unten und schoss auf der H\u00f6he der Metro-Station Mapocho seine Sura-Raketen ab, die am Haupttor der Moneda explodierten und es in einen Feuerball h\u00fcllten. Die Raketen des zweiten Flugzeugs fielen auf D\u00e4cher und in G\u00e4rten und verursachten ein schreckliches Get\u00f6se.<\/p>\n<p>Im Inneren des Palastes brach Chaos aus, Schockwellen liefen durch das Geb\u00e4ude, man sah umher geschleuderte K\u00f6rper, Rauch, Staub und Feuer, w\u00e4hrend sich die Jets Richtung S\u00fcden entfernten. Es war der zweite Kampfeinsatz der chilenischen Luftwaffe in ihrer Geschichte, und zum zweiten Mal richtete er sich gegen die eigenen Landsleute, beide Eins\u00e4tze an einem Septembertag. Unglaublich. Die Jets drehten um und griffen das Geb\u00e4ude erneut an, diesmal mit ihren Maschinengewehren. Die Geschosse durchdrangen die D\u00e4cher und schlugen in das Holz sowie die Fliesen der hundertj\u00e4hrigen B\u00f6den ein, alles eingeh\u00fcllt in schwarzen Rauch, den der Sprengstoff erzeugt hatte. Unglaublich.<\/p>\n<p>Um 12.05 Uhr nahm eine Kamera im ehemaligen Hotel Carrera den Moment auf, als die Nationalflagge vor der Moneda in Flammen aufging und verschwand, verschluckt von orangefarbenen Feuerzungen. Drau\u00dfen konnte man von \u00fcberall in Santiago die Explosionen h\u00f6ren und die schwarze Rauchs\u00e4ule \u00fcber dem Stadtzentrum sehen, wie ein Vorzeichen f\u00fcr die Gewalt, die von den neuen Beh\u00f6rden zu erwarten war. Im Inneren des Palastes kamen alle aus ihren Stellungen hervor, bedeckt mit Kalk, Staub und mit Pfeifger\u00e4uschen in den Ohren. Sie f\u00fchlten sich schwindelig und sie riefen sich gegenseitig. Unter ihnen war Allendes pers\u00f6nliche Sekret\u00e4rin Miria Contreras, la Payita, die sich versteckt hatte, um nicht mit dem Rest der Frauen die Moneda verlassen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Im Zentrum von Santiago gab es einen Moment der Stille. Nur die Moneda war zu h\u00f6ren, knisternd im Feuer, geschw\u00e4rztes Holz, ein rauchendes Herz. Weiter n\u00f6rdlich, im Haus des Pr\u00e4sidenten der Republik, in der Tom\u00e1s-Moro-Stra\u00dfe, empfingen Maschinengewehrgarben der Leibgarde Allendes die Carabineros, die das Haus im Sturm erobern wollten. Die Nachbarn suchten nach den am besten gesch\u00fctzten R\u00e4umen und warfen sich ver\u00e4ngstigt unter die Betten. Kugeln drangen in einige H\u00e4user ein. Mindestens zwanzig Leibw\u00e4chter bewachten das Gel\u00e4nde. Hortensia Bussi, die Frau des Pr\u00e4sidenten, hatte sich unter einen Tisch aus massivem Holz gefl\u00fcchtet, als das Get\u00f6se der aus dem Zentrum heranfliegenden Jets zu h\u00f6ren war.<\/p>\n<p>Die Schie\u00dfereien, die Jets, die \u00fcber das Haus hinwegfegten, eine Geschossgarbe von schwerem Kaliber ging durch die Decke und durchschlug den Boden der R\u00e4ume. Die Leibw\u00e4chter riefen Befehle und versuchten zu verhindern, dass die Carabineros durch einen ungesch\u00fctzten Zugang hineingelangten. Die Jets kehrten zur\u00fcck und der erste feuerte seine Raketen ab, aber er traf das Krankenhaus der Streitkr\u00e4fte. Im Laufe der Jahre wurde bekannt, dass der Pilot, der das Ziel verfehlt hatte, der Sohn des Putschistengenerals Gustavo Leigh war. Das zweite Flugzeug landete einen Volltreffer, und das Dach einschlie\u00dflich eines Teiles der W\u00e4nde wurde mit einem ohrenbet\u00e4ubenden L\u00e4rm in die Luft gesprengt.<\/p>\n<p>Hortensia Bussi sch\u00fctzte sich unter dem Tisch und der pers\u00f6nliche Fahrer Allendes, Carlos Tello, arbeitete sich in dem Schutt zu ihr vor, um sie an der Hand zu nehmen und durch eine Seitent\u00fcr aus dem Haus zu bringen. Er nutzte die Verwirrung aus, setzte sie ins Auto und fuhr mit hoher Geschwindigkeit durch die Stra\u00dfen voller Polizeikontrollen zur mexikanischen Botschaft, wo man sie aufnahm und ihr Asyl gew\u00e4hrte.<\/p>\n<p>Es war 13.00 Uhr. In der Firma INDUMET empfing die politische Kommission der MIR unter der Leitung von Miguel Enr\u00edquez unter Jubel die Waffen, die Joignant ihnen geschickt hatte. Zusammen mit Arnoldo Cam\u00fa, dem juristischen Berater der Allende-Regierung von der Sozialistischen Partei, planten sie trotz ihrer geringen Zahl die Rettung von Allende, als sie von Carabineros eingekreist wurden: es gab eine Schie\u00dferei mit einigen Verwundeten, aber sie konnten fliehen. Sie sahen ein, dass sie nicht gen\u00fcgend Kr\u00e4fte hatten, um Allende zu retten und gingen in die Illegalit\u00e4t. Die Kommunistische Partei (KPCh) wiederum berichtete, dass es keine Armeeabteilung gab, die der Regierung gegen\u00fcber loyal geblieben war. Man schloss die Diskussion ab und ordnete den totalen R\u00fcckzug an.<\/p>\n<p>In der Moneda war die Verzweiflung gro\u00df. Seoane erhielt einen Anruf von der Kriminalpolizei:<\/p>\n<p><em>\u201cSagen Sie dem Pr\u00e4sidenten, dass die Lage vom Milit\u00e4r beherrscht wird. Alles ist verloren.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Nichts hatte funktioniert. Niemand war gekommen, um sie zu retten. Es gab keine Kolonnen von Arbeitern. Es gab keine M\u00f6glichkeit zu reagieren. Alles war verloren. Das politische Projekt war am Boden zerst\u00f6rt. Der Journalist Augusto Olivares, genannt \u201cPerro\u201c, (Hund) zog sich an einen Ort zur\u00fcck, an dem er allein sein konnte und weinte. Er sa\u00df auf dem Boden, entmutigt, setzte die Uzi (automatische Maschinenpistole) an seine Schl\u00e4fe und schoss. Alle rannten hin, als sie die Sch\u00fcsse h\u00f6rten. Dr. Jir\u00f3n hielt den zertr\u00fcmmerten Kopf. Olivares qu\u00e4lte sich f\u00fcr einige Augenblicke und starb. Allende kam angerannt, sah seinen Freund blut\u00fcberstr\u00f6mt und zeigte sich zum ersten Mal vor aller Augen offensichtlich angeschlagen. Dort lag der Leichnam von alledem.<\/p>\n<p>In unserem Haus h\u00f6rten wir Radio. Ich verstand nicht viel, ich war vier Jahre alt, aber meine Mutter weinte. Etwas H\u00e4ssliches war im Kommen.<\/p>\n<p>Es gab einige unregelm\u00e4\u00dfige, kleinere Feuergefechte an verschiedenen Punkten Santiagos, einschlie\u00dflich der kubanischen Botschaft in Pocuro bei Valpara\u00edso, weitere in anderen Regionen, in Valpara\u00edso und Concepci\u00f3n, einige Schie\u00dfereien in Antofagasta. Es gab nie kubanische Guerillas, keine sowjetischen Arsenale, keine paramilit\u00e4rischen Gruppen, die an schweren Waffen ausgebildet worden waren und auch keine der anderen Alptr\u00e4ume, mit denen uns die Strategen des Terrors geschreckt hatten. Aber das war nicht mehr wichtig.<\/p>\n<p>Niemand wei\u00df, was Allende in diesen Minuten dachte, als er den Leichnam seines Freundes sah, die Moneda in Flammen, das Land bezwungen und der Traum zerst\u00f6rt. Er akzeptierte die Kapitulation. Er bat sie, eine Reihe zu bilden, um hinauszugehen, die Payita zuerst und er am Ende. Palacios befahl, das Feuer zu stoppen und r\u00fcckte mit Truppen gegen die Moneda vor. Sie kamen durch die halboffene T\u00fcr der Morand\u00e9-Stra\u00dfe Nr. 80.<\/p>\n<p>Pinochet bat unterdessen um ein Treffen aller Oberbefehlshaber der Teilstreitkr\u00e4fte. Als sie ihn aufforderten, ins Zentrum der Stadt zu kommen, antwortete er: \u201cNein, hier oben\u201d, im Stadtteil Pe\u00f1alol\u00e9n, wo sein Hauptquartier war. So etablierte er seine Vormachtstellung. Am Ende der Aktionen setzte Pinochet seine Position als Oberbefehlshaber der m\u00e4chtigsten Truppe des Landes durch und auf wundersame Weise sich selbst als Anf\u00fchrer eines Prozesses, den andere begonnen hatten.<\/p>\n<p>Au\u00dferhalb der Moneda ebbte die Schie\u00dferei ab, wurde schwach und schw\u00e4cher. Allende organisierte die Kapitulation und bat alle, Ruhe zu bewahren. Es gab kein Licht in den G\u00e4ngen. Die Niederlage war total, viel zu schnell. Sie lastete als gro\u00dfe B\u00fcrde auf den Schultern von allen. Das Gas brannte in den Augen, sie verteilten Masken. Die Detektive im ersten Stock wurden gefangen genommen. Einer von ihnen kam herauf und schrie, dass das Milit\u00e4r bereits das Geb\u00e4ude betreten habe. Allende befahl allen, ihre Waffen niederzulegen und einer nach dem anderen hinunter zu gehen. Er selbst lie\u00df sich zur\u00fcckfallen. Alle dachten, er w\u00fcrde versuchen, als Letzter herauszukommen. Der Pr\u00e4sident betrat den Saal der Unabh\u00e4ngigkeit, w\u00e4hrend der Rest mit erhobenen H\u00e4nden zu den Soldaten hinabstieg, die unten auf sie warteten.<\/p>\n<p>Die Unidad Popular war am Ende. Allende wollte nicht zulassen, dass sie ihn als Troph\u00e4e ausstellten. Er wollte sich nicht dem\u00fctigen lassen, er vertrat ein ganzes Volk, das an ein Projekt der sozialen Gerechtigkeit geglaubt hatte. Umzingelt in einem Raum, allein im Rauch eines Landes in Flammen, das bald zu bluten beginnen w\u00fcrde, entschied er, dass er ihnen nicht den Triumph g\u00f6nnen w\u00fcrde, ihn besiegt zu sehen. Es gab nichts mehr, wohin man sich zur\u00fcckziehen konnte, man konnte nur noch in die Geschichte eingehen.<\/p>\n<p>Salvador Allende, geboren in Santiago, in einem Viertel unweit von hier, setzte sich in einen Sessel, er nahm seine AK-47, legte sie an das Kinn und nachdem er wer wei\u00df was gedacht hatte, nachdem er wer wei\u00df welche Bilder gesehen hatte, dr\u00fcckte er ab. Die Sch\u00fcsse t\u00f6teten ihn sofort und bespritzen die Gobelins an den W\u00e4nden mit Blut. Seine Geschichte explodierte ausgehend von seinem Kopf. Er war ihnen entkommen, sie haben ihn nicht gefasst.<\/p>\n<p>In meinem Haus umarmte mein Vater meine Mutter und schrie: \u201cSie haben Chicho get\u00f6tet. Diese Hurens\u00f6hne haben ihn get\u00f6tet!\u201c, und diese Szene brannte sich als siedend hei\u00dfes Tattoo in mein Ged\u00e4chtnis ein. Es war alles vorbei.<\/p>\n<p>Auszug aus dem Buch: \u201eDas Ende eines Traumes oder der Putsch gegen die Regierung von Salvador Allende\u201c (Titel im Spanischen: La Dictadura). Das Buch ist\u00a0<a href=\"http:\/\/allende-und-das-ende-eines-traumes.de\/\">unter diesem Link bestellbar<\/a>.<\/p>\n<p><em>Anmerkung der Redaktion: Das Buch, in Chile ein Bestseller, fand in Deutschland keinen Verleger, sodass sich der Lateinamerikanist Helmut Sonnenst\u00e4dt dazu entschloss, es in Eigenregie und mit Hilfe ehemaliger Kommilitonen des renommierten Rostocker Lateinamerika-Instituts (sp\u00e4ter Sektion Lateinamerikawissenschaften) zu \u00fcbersetzen und herauszugeben.<\/em><\/p>\n<p>Titelbild: Museo de la Memoria y los Derechos Humanos de Santiago de Chile, Fotograf: Chas Gerretsen<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103650\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 11. September 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jorge Baradit. Heute vor 50 Jahren, am 11. September 1973, wurde der chilenische Pr\u00e4sident Salvador Allende um 6.40 Uhr von seinen Mitarbeitern geweckt und \u00fcber seltsame Bewegungen in Valpara\u00edso informiert. 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