{"id":13590,"date":"2023-09-12T09:08:15","date_gmt":"2023-09-12T07:08:15","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13590"},"modified":"2023-09-12T09:08:17","modified_gmt":"2023-09-12T07:08:17","slug":"50-jahrestag-des-pinochet-putsches-vom-traum-zum-trauma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13590","title":{"rendered":"50. <strong>Jahrestag des Pinochet-Putsches: Vom Traum zum Trauma<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Hannes Hohn. <\/em>Am 11. September 1973 ging in Santiago de Chile der Pr\u00e4sidentenpalast, die Moneda, in Flammen auf. Das Milit\u00e4r unter General Pinochet putschte gegen den gew\u00e4hlten Pr\u00e4sidenten Salvador Allende und errichtete eine blutige Milit\u00e4rdiktatur.<\/p>\n<p>Der Putsch beendete die Hoffnung von Millionen Chilen:innen<!--more--> auf die Umgestaltung des Landes und auf die Einf\u00fchrung des Sozialismus. Stattdessen herrschte in Chile nun Friedhofsruhe. Fast alle demokratischen Rechte wurden von der Pinochet-Junta au\u00dfer Kraft gesetzt und Gewerkschaften und Streiks verboten. Die L\u00f6hne wurden halbiert, w\u00e4hrend sich die Arbeitszeit gleichzeitig erh\u00f6hte. Diese Folgen des Putsches verdeutlichen, in wessen Sinn und Auftrag der M\u00f6rder Pinochet handelte: in dem der Kapitalist:innen.<\/p>\n<p><strong>Die Unidad Popular<\/strong><\/p>\n<p>Im Dezember 1969 verabschiedete die Unidad Popular (UP) ein Programm, das verschiedene Reformen und die Verstaatlichung zentraler Wirtschaftsbereiche vorsah. Letztere betraf auch die US-amerikanischen Anteile von fast 50% am Hauptwirtschaftszweig Chiles, dem Kupferbergbau.<\/p>\n<p>Doch anders, als es viele noch heute glauben, war das Programm der UP kein revolution\u00e4r-sozialistisches. Ein solches h\u00e4tte beinhalten m\u00fcssen, den b\u00fcrgerlichen Staat (darunter auch den Gewaltapparat) zu zerschlagen und ihn durch Arbeiter:innenr\u00e4te und -milizen zu ersetzen. Ein solches Programm h\u00e4tte auch nicht bei der Verstaatlichung einiger Wirtschaftsbereiche stehen bleiben d\u00fcrfen; es h\u00e4tte auf die Enteignung der Bourgeoisie als Ganzes und die Einf\u00fchrung einer demokratischen, auf R\u00e4te basierenden\u00a0Planwirtschaft gerichtet sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das Programm der UP Allendes war, trotz seiner sozialistischen Phraseologie, ein b\u00fcrgerlich-demokratisches Programm.<\/p>\n<p>Die UP war ein (Wahl)B\u00fcndnis aus verschiedenen Parteien und Bewegungen, deren wichtigste Kr\u00e4fte die Sozialistische Partei (SP) und die stalinistische KP waren. Sie st\u00fctzte sich sozial v. a. auf die Mehrheit der Arbeiter:innenklasse und die l\u00e4ndliche Armut.<\/p>\n<p>Die Unidad Popular war keine zeitweilige, begrenzte Einheitsfront, sondern ein strategisches (Regierungs)B\u00fcndnis zwischen Parteien des Proletariats und offen b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4ften \u2013 auch wenn diese wie die \u201eRadikale Partei\u201c zahlenm\u00e4\u00dfig relativ bedeutungslos geworden waren.<\/p>\n<p>Damit diese \u2013 von Marxist:innen \u201eVolksfront\u201c genannte \u2013 Allianz \u00fcberhaupt zustande kommen konnte, war ein Programm n\u00f6tig, das strategische Zugest\u00e4ndnisse an die herrschende Klasse machte: den Erhalt des Privateigentums, soweit es nicht zum ausl\u00e4ndischen Gro\u00dfkapital geh\u00f6rte, und des b\u00fcrgerlichen Staatsapparats.<\/p>\n<p>Nicht der revolution\u00e4re Sturz des Kapitalismus, sondern der Versuch einer Auss\u00f6hnung der unvereinbaren Klasseninteressen von Proletariat und Bourgeoisie lag der Unidad Popular zugrunde.<\/p>\n<p><strong>Triumph mit Schatten<\/strong><\/p>\n<p>Im September 1970 wurde sie mit 36,3 % st\u00e4rkste Kraft im Parlament und Salvador Allende (SP) zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt. Der Sieg der Unidad Popular beruhte jedoch weniger auf der Originalit\u00e4t ihres Volksfrontprogramms, sondern v. a. darauf, dass ihre sozialistischen Versprechungen den Erwartungen der Massen entsprachen.<\/p>\n<p>Seit Ende der 1960er war Chile in Unruhe. Die Wirtschaftskrise und die Verschlechterung der Lebenslage der Massen hatten Folgen: Proteste, Streiks und spontane Landbesetzungen nahmen zu. Die Arbeiter:innenklasse, die st\u00e4dtische und l\u00e4ndliche Armut waren in Bewegung geraten. Nicht verwunderlich also, dass die Massen ihre Hoffnungen auf eine grunds\u00e4tzliche Wende in \u201eihre\u201c vorhandenen Arbeiter:innenparteien, die\u00a0SP und die KP, projizierten. Als diese sich dann zur UP zusammenschlossen, schienen sie stark genug zu sein, \u201ealles zu wagen\u201c.<\/p>\n<p>Doch die siegreiche Unidad Popular hatte zwei Gesichter. Das eine stand f\u00fcr Reformen. Die Neuerungen fingen bei einem t\u00e4glichen Liter Milch f\u00fcr Chiles Kinder an und reichten bis zur Enteignung von US-Unternehmen.<\/p>\n<p>Doch die Kehrseite der Politik der UP und ihres Pr\u00e4sidenten Allende sollte bald alle Verbesserungen der ersten Periode der Volksfront in Gefahr bringen. Der alte b\u00fcrgerliche Staatsapparat n\u00e4mlich blieb bestehen, v. a. die Machtpositionen der Armee und der Sicherheitskr\u00e4fte blieben unangetastet \u2013 im Gegenzug f\u00fcr ihre \u201eLoyalit\u00e4t\u201c. Trotz aller Verstaatlichungen funktionierte die Wirtschaft immer noch auf kapitalistische Art und gro\u00dfe Bereiche der Wirtschaft \u2013 v. a. der in Chile gro\u00dfe Sektor der Klein- und Mittelbetriebe \u2013 blieben, wie sie waren.<\/p>\n<p>Um \u00fcberhaupt auf parlamentarischem Weg zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt zu werden, war Allende auf die Stimmen nicht nur der Volksfront (einschlie\u00dflich ihrer b\u00fcrgerlichen Komponenten) angewiesen, sondern auch auf jene der Christdemokrat:innen, der klassischen Partei der chilenischen \u201enationalen\u201c Bourgeoisie. Diese lies sich ihre Zustimmung mit grundlegenden Garantien der b\u00fcrgerlichen Legalit\u00e4t erkaufen \u2013 Unantastbarkeit der bestehenden staatlichen Institutionen (Justiz, Polizei, Armee), Verzicht auf die Bildung von Volksmilizen, Respekt vor den Rechten der b\u00fcrgerlichen Opposition (Privateigentum an den Medien; Freiheit ihrer Organisationen einschlie\u00dflich der faschistischen Patria y Libertad).<\/p>\n<p>Der von der Volksfront angestrebte Klassenkompromiss und die Zusicherungen an die chilenische Klein- und Mittelbourgeoisie schienen Allende und seinen UP- Partner:innen ein Garant daf\u00fcr zu sein, dass Wirtschaft, Staatsapparat und Armee sich verfassungskonform verhalten w\u00fcrden. Anfangs, als die Vertreter der alten Ordnung in der Defensive waren, schien das auch der Fall zu sein. Doch es sollte sich bald \u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Volksfront in der Krise<\/strong><\/p>\n<p>Die Anfangserfolge der UP zogen die Massen ebenso stark an, wie sie die Bourgeoisie abschreckten. Die b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4fte formierten sich. Die faschistische Bewegung Patria y Libertad (PyL = Vaterland und Freiheit) wurde zum Attraktionspol f\u00fcr alle, die dem Volksfrontprojekt \u00fcberhaupt den Garaus und alle Reformen und sozialen Errungenschaften r\u00fcckg\u00e4ngig machen wollten. Die PyL griff mit offenem Terror Arbeiter:innen und B\u00e4uer:innen, Gewerkschafter:innen und Linke an.<\/p>\n<p>Aufgeschreckt durch die Enteignung des US-Kapitals \u00fcbten die USA Druck auf den Kupferweltmarktpreis aus. Daraufhin verfiel dieser, wodurch Chile enorme Einnahmen entgingen. Zugleich wurden auf Druck der USA zugesagte Kredite zur\u00fcckgezogen. Auch die chilenischen Kapitalist:innen zogen ihr Kapital aus Chile ab.<\/p>\n<p>Die Folge davon waren leere Staatskassen. Dem versuchte die Regierung durch das Anwerfen der Geldpresse zu begegnen, was verst\u00e4rkte Inflation zur Folge hatte. Die wirtschaftliche Flaute bewirkte, dass sich immer gr\u00f6\u00dfere Teile der Mittelschichten und des Kleinb\u00fcrger:innentums von der UP ab- und der b\u00fcrgerlichen Opposition zuwandten. Zugleich \u00fcbten sie auf den Staatsapparat und die Armee immer gr\u00f6\u00dferen Druck aus, Allende zu st\u00fcrzen \u2013 ein Milit\u00e4rputsch wurde immer wahrscheinlicher.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst jedoch gingen nicht Soldaten, sondern (klein)b\u00fcrgerliche Frauen auf die Stra\u00dfe und protestierten auf demagogische Weise mit leeren T\u00f6pfen gegen den Mangel, den sie selbst allerdings weniger versp\u00fcrten als die Lohnabh\u00e4ngigen und die Armut auf dem Land. Dann \u2013 ab Oktober 1972 \u2013 streikten die Kleinkapitalist:innen, besonders die Fuhrunternehmer:innen und legten das ganze Land lahm.<\/p>\n<p>Begleitet wurden diese dramatischen Ereignisse durch Komplotte und Intrigen hinter den Kulissen. Eine reaktion\u00e4re Allianz von CIA, US State Departement, PyL, Gener\u00e4len und hohen Staatsbeamten plante Mordanschl\u00e4ge gegen Allende, boykottierte die UP-Politik, terrorisierte Arbeiter:innen und B\u00e4uer:innen, ermordete linke Aktivist:innen und selbst regierungstreue Gener\u00e4le.<\/p>\n<p>Im Juni 1973 schlie\u00dflich verhinderten zehntausende Proletarier:innen einen von der Reaktion geplanten Marsch auf Santiago. Diese Monate der Unruhe vor dem Sturm deuteten un\u00fcbersehbar auf die nahe Entscheidungsschlacht hin. Allende und die UP jedoch hielten weiter an ihren Illusionen von Klassenkompromiss und Verfassungstreue fest.<\/p>\n<p>Die Volksfront hatte ihr Reform-Pulver bald verschossen und geriet immer st\u00e4rker unter Druck. Auch die Massen wurden nun mit Allendes Reformen zunehmend unzufriedener, ohne jedoch mit der UP politisch zu brechen.<\/p>\n<p>Die Landreform wurde nicht konsequent umgesetzt, wodurch viele Landlose oder Landarme nicht gen\u00fcgend Fl\u00e4che bekamen, um davon existieren bzw. mit gr\u00f6\u00dferen Betrieben konkurrieren zu k\u00f6nnen. Die Landbev\u00f6lkerung griff deshalb zu spontanen Besetzungen und bildete gegen die reaktion\u00e4r-faschistischen Terrorbanden der Reichen Selbstschutzorgane.<\/p>\n<p>Wirtschaftskrise, Inflation und die von den (Transport)Kapitalisten erzeugte Versorgungskrise rief auch die Arbeiter:innenklasse auf den Plan. Sie verlangte nicht nur energische Ma\u00dfnahmen gegen die Unternehmerboykotte von der Regierung. Sie organisierte sich auch selbst in betrieblichen und Wohngebietskomitees, sie bildete Milizen (die tw. bewaffnet waren), sie besetzte Betriebe und \u00fcbte die Kontrolle aus \u2013 zum Schluss \u00fcber fast 1.000 Unternehmen!<\/p>\n<p>Wie reagierte Allendes \u201eRegierung des Volkes\u201c auf diese Ans\u00e4tze von Selbstorganisation und -bewaffnung der Massen?<\/p>\n<p>Sie verurteilte die \u201elinksradikalen\u201c Aktionen und rief zur \u201eM\u00e4\u00dfigung\u201c auf, um die B\u00fcrgerlichen nicht aufzuschrecken und zu noch gr\u00f6\u00dferem Widerstand zu ermuntern. Dabei tat sich die \u201ekommunistische\u201c Partei besonders negativ hervor. Die PyL wurde nicht energisch bek\u00e4mpft. Polizei und Armee wurden gegen Arbeiter:innen und B\u00e4uer:innen eingesetzt, die \u201everfassungswidrig\u201c Unternehmen oder Land besetzt oder sich bewaffnet hatten.<\/p>\n<p>Trotz aller rhetorischen Aufforderungen Allendes an die Massen, die Unidad Popular zu verteidigen, behinderte er real alles, was gegen die Reaktion n\u00f6tig gewesen w\u00e4re. Gegen die Mobilisierungen der Reaktion und deren Putsch-Vorbereitungen gab es nur ein Mittel: Mobilisierung der Arbeiter:innen und der Landarmut.<\/p>\n<p>Die besetzten Betriebe und L\u00e4ndereien h\u00e4tten zu Organisationszentren von betrieblichen und lokalen R\u00e4ten und Milizen werden und diese regional und landesweit zentralisiert werden m\u00fcssen. Anders als in der russischen oder auch in der deutschen Revolution gab es jedoch in Chile nie eine zentralisierte R\u00e4testruktur, die als Gegenmachtzentrum zur Staatsmacht h\u00e4tte fungieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Diese h\u00e4tte den Widerstand gegen die Konterrevolution landesweit organisieren, die Arbeiter:innen und B\u00e4uer:innen bewaffnen und mittels ihrer bewaffneten Macht den b\u00fcrgerlichen Staat \u2013 v.a. die Armee \u2013 zerschlagen oder zumindest eine reale Gegenmacht\u00a0 organisieren k\u00f6nnen und m\u00fcssen. Gegen den Wirtschaftsboykott gab es nur einen Weg: Enteignung der gesamten Bourgeoisie und Einf\u00fchrung einer demokratisch geplanten Wirtschaft.<\/p>\n<p><strong>Politik der Linken<\/strong><\/p>\n<p>Obwohl einige linke Organisationen, besonders die MIR (Bewegung der Revolution\u00e4ren Linken) Elemente dieser Strategie verfolgten, fehlte es an einer politischen Partei, die bereits vor 1973 ein revolution\u00e4res Programm in die Vorhut der Arbeiter:innenklasse h\u00e4tte tragen k\u00f6nnen und deshalb im entscheidenden Moment stark genug gewesen w\u00e4re, die F\u00fchrung in der Revolution zu \u00fcbernehmen. Die MIR, zu denen auch die \u201eTrotzkist:innen\u201c des Vereinigten Sekretariats (VS) geh\u00f6rten, pendelte aber zwischen opportunistischer Anpassung an die UP und revolution\u00e4rer Politik.<\/p>\n<p>So charakterisierte die MIR die Volksfront in den ersten Monaten als \u201erevolution\u00e4re Volksregierung\u201c. Das war die UP aber trotz unbestreitbarer materieller Verbesserungen f\u00fcr die Massen nie. Die UP war keine \u201eArbeiter:innen- und B\u00e4uer:innenregierung\u201c, die sich gegen den Kapitalismus wandte und sich auf Machtorgane der Klasse st\u00fctzte, sondern eine, wenn auch durchaus linke b\u00fcrgerliche Regierung, die selbst ein Bollwerk gegen die Revolution der Massen bildete.<\/p>\n<p>Die Politik der MIR in den ersten Monaten der Volksfront f\u00fchrte aber dazu, dass die Illusionen der Massen in die Regierung Allende best\u00e4rkt und nicht bek\u00e4mpft wurden. Wenn selbst die \u201erevolution\u00e4re Linke\u201c die Volksfront als \u201erevolution\u00e4re Regierung\u201c betrachtete \u2013 wozu brauchten die Massen dann R\u00e4te und eine Arbeiter:innen- und B\u00e4uer:innenregierung? Erst als sich die Volksfront direkt gegen die Arbeiter:innen wandte, \u00e4ndert die MIR ihre Politik \u2013 aber auch das nur inkonsequent.<\/p>\n<p>Zudem hinderte sie ihre strategische Ausrichtung am Guevarismus daran, die Arbeiter:innenklasse als historisches Subjekt der Revolution zu begreifen und systematisch in diesem Milieu zu arbeiten. Die MIR war im wesentlichen eine Organisation, die unter Student:innen und unter der B\u00e4uer:innenschaft verankert war, kaum jedoch im chilenischen Proletariat, das von SP und KP dominiert wurde.<\/p>\n<p><strong>Das Ende<\/strong><\/p>\n<p>Schon im Sommer 1973 war die UP-Regierung fast handlungsunf\u00e4hig. Es gab eine Doppelmachtsituation. Hier die Massen mit wenigen Machtmitteln, ohne landesweite Gegenmachtorgane und ohne konsequente revolution\u00e4re F\u00fchrung hinter der Regierung Allende; dort die Reaktion, die den Staatsapparat und die Armee beherrschte und zu allem entschlossen war. Die UP unter Allende war keine Speerspitze der Massen gegen den drohenden Putsch, sie wollte noch vermitteln, als es die Entscheidung zu erzwingen galt!<\/p>\n<p>Es ging nur noch um Wochen oder Tage. Doch Allende sch\u00fcrte weiter die Illusion der Verfassungstreue, er mobilisiert die Massen nicht und lullte sie mit seinen demokratischen Beschw\u00f6rungen im Angesicht der Gefahr ein.<\/p>\n<p>Als dann am 11. September die Moneda bombardiert wurde, blieb Allende mutig auf seinem Posten und rief das Volk noch einmal zur \u201eVerteidigung der Revolution auf\u201c. Doch trotz des verzweifelten Widerstands vieler Arbeiter:innen, gelang es dem Milit\u00e4r Dank seiner \u00dcberlegenheit und des rigorosen Terrors bald, das Land vollst\u00e4ndig zu kontrollieren. Die Massen waren von der Volksfront zu lange demobilisiert und demoralisiert worden, als dass sie den Schl\u00e4gen des Milit\u00e4rs h\u00e4tten standhalten k\u00f6nnen. Zudem fehlte eine einheitliche politische und milit\u00e4rische F\u00fchrung in Form einer revolution\u00e4ren Partei.<\/p>\n<p>Das chilenische Proletariat bezahlte einen hohen Blutzoll f\u00fcr die Illusionen ihrer Volksfront-F\u00fchrer:innen. Nicht nur Pr\u00e4sident Allende kam um. Zehntausende \u2013 Linke, Gewerkschafter:innen, Arbeiter:innen, B\u00e4uer:innen \u2013 wurden von der Soldateska get\u00f6tet, verhaftet oder mussten ins Exil gehen. Auf Allendes \u201ehalbe Revolution\u201c folgte eine ganze Konterrevolution.<\/p>\n<p>Allendes Versuch, die gegens\u00e4tzlichen Klasseninteressen von Proletariat und Bourgeoisie wie Feuer und Wasser miteinander zu vers\u00f6hnen endete damit, dass die Volksfront selbst verdampfte.<\/p>\n<p>Die bittere chilenische Erfahrung ist keine Ausnahme. Seit Mitte der 1930er war die Volksfrontstrategie die vorherrschende Strategie aller stalinistischen Parteien. Ihr lag die Idee zugrunde, dass die Revolution auf zwei separate Phasen \u201everteilt\u201c sei. In der Praxis hie\u00df das, den \u00dcbergang von der b\u00fcrgerlich-demokratischen Phase zur sozialistischen bewusst zu blockieren, der Bourgeoisie grunds\u00e4tzliche Zugest\u00e4ndnisse zu machen und die Massen zur\u00fcckzuhalten \u2013 zugunsten der Illusion, dass der Klassengegner sich loyal verhalten w\u00fcrde. Doch dieser politische K\u00f6nigsweg des Stalinismus als \u201eAlternative\u201c zur Konzeption der Permanenten Revolution, erwies sich ohne Ausnahme immer nur als Sackgasse, als Weg in eine blutige Niederlage.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2023\/09\/11\/50-jahrestag-des-pinochet-putsches-vom-traum-zum-trauma\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 12. September 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hannes Hohn. Am 11. September 1973 ging in Santiago de Chile der Pr\u00e4sidentenpalast, die Moneda, in Flammen auf. Das Milit\u00e4r unter General Pinochet putschte gegen den gew\u00e4hlten Pr\u00e4sidenten Salvador Allende und errichtete eine blutige Milit\u00e4rdiktatur.<br \/>\nDer &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":13584,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7,5],"tags":[25,29,87,74,10,85,18,71,22,42,83,4,46],"class_list":["post-13590","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitskaempfe","tag-arbeitswelt","tag-brasilien","tag-breite-parteien","tag-chile","tag-imperialismus","tag-lateinamerika","tag-politische-oekonomie","tag-sozialdemokratie","tag-stalinismus","tag-strategie","tag-usa"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13590","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13590"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13590\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13591,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13590\/revisions\/13591"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/13584"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13590"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13590"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13590"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}