{"id":13592,"date":"2023-09-12T09:18:34","date_gmt":"2023-09-12T07:18:34","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13592"},"modified":"2023-09-12T09:18:35","modified_gmt":"2023-09-12T07:18:35","slug":"50-jahre-nach-putsch-in-chile-lehren-aus-dem-friedlichen-weg-zum-sozialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13592","title":{"rendered":"<strong>50 Jahre nach Putsch in Chile: Lehren aus dem \u201efriedlichen Weg zum Sozialismus\u201c<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Elizabeth Fern\u00e1ndez. <\/em><strong>Am 11. September 1973 putschte der chilenische General Augusto Pinochet. Die Regierung von Salvador Allende, die einen &#8222;friedlichen Weg zum Sozialismus&#8220; versprach, weigerte sich die Arbeiter:innenr\u00e4te zu bewaffnen, um den Putsch abzuwehren.<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcnfzig Jahre nach dem Putsch in Chile ist es wichtig, \u00fcber einen der kritischsten Momente<!--more--> im Klassenkampf der Geschichte des Landes nachzudenken. Dies damalige Zeit war gepr\u00e4gt von der reformistischen Erfahrung, die von einem gro\u00dfen Teil der chilenischen Linken getragen wurde, einschlie\u00dflich der Regierung der Unidad Popular (UP) von Salvador Allende. Die UP vertrat die These vom \u201echilenischen Weg zum Sozialismus\u201c.<\/p>\n<p>Es ist unerl\u00e4sslich, aus dieser Geschichte Lehren zu ziehen und Position zu beziehen. Der \u201echilenische Weg zum Sozialismus\u201c strebte eine friedliche \u00dcberwindung des Kapitalismus an, ohne direkte Konfrontation mit dem Staat und seinen repressiven Kr\u00e4ften.<\/p>\n<p>Die Wahl von Salvador Allende dr\u00fcckte zwar den Willen des Volkes aus, mittels Wahlen der kapitalistischen Politik und dem kapitalistischen Staat seine Interessen aufzuzwingen. Allerdings brodelte die politische und soziale Unruhe in der Bev\u00f6lkerung unter der Oberfl\u00e4che. St\u00e4ndig gab es Wellen des Klassenkampfes.<\/p>\n<p><strong>Die Bildung der \u201eCordones Industriales\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Diese Zusammenst\u00f6\u00dfe zwischen den Klassen begannen nicht mit dem Putsch vom September 1973. Vielmehr begannen sie wenige Tage nach der Wahl Allendes. Im November 1970 begannen die B\u00e4uer:innen und Arbeiter:innen von Panguipulli mit der Besestzung von 24 L\u00e4ndereien mit einer Fl\u00e4che von mehr als 36.000 Hektar. Ihre Forderung war die sofortige Enteignung. Der Grundbesitz in der Region wurde dadurch de facto abgeschafft. Im Oktober 1971 wurde der staatseigene Forstkomplex gegr\u00fcndet. Im Jahr 1971 wurden auch die Textilfabriken Yarur und Progreso von den Besch\u00e4ftigten unter Arbeiter:innenkontrolle gestellt. Sie prangerten an, dass die Eigent\u00fcmer:innen Waren horteten und einen Boykott durchf\u00fchrten, um die Wirtschaft zu sch\u00e4digen und damit das Ende der Regierung herbeif\u00fchren wollten.<\/p>\n<p>Im Juni 1972 f\u00fchrte eine Reihe lokaler K\u00e4mpfe in Cerrillos und Maip\u00fa in Santiago zur Bildung eines \u201ecord\u00f3n industrial\u201c (\u201eIndustrieg\u00fcrtel\u201c), einer Organisationsform \u00e4hnlich der Arbeiter:innenr\u00e4te, die als Embryos der Macht der Arbeiter:innen und der Massen fungierten und es der Arbeiter:innenklasse erm\u00f6glichten, sich in Aktionen zu vereinen und demokratische Entscheidungen an der Basis zu treffen. Sie forderten die \u00dcberf\u00fchrung der Unternehmen in gesellschaftliches Eigentum. Diese fungierten bis dahin als Monopole, die absichtlich G\u00fcter horteten, um k\u00fcnstliche G\u00fcterknappheit zu erzeugen und daf\u00fcr ihre Produktivit\u00e4t herunterfuhren.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter im Jahr 1972, entstanden in Santiago und anderen Regionen die \u201eCordones Industriales\u201c als territoriale Organisation von Arbeiter:innen aus verschiedenen Fabriken, die infolge des Aussperrungen der Bosse im Oktober besetzt worden waren. Sie erreichten eine direkte Koordinierung mit den Versorgungs- und Preisaussch\u00fcsse in den Armenvierteln (Juntas de Abastecimientos y Precios), die in verschiedenen Vierteln der Hauptstadt geschlossene Betriebe beschlagnahmten und die Preise \u00fcberwachten.<\/p>\n<p><strong>Die Vorbereitungen der Rechten auf den Putsch<\/strong><\/p>\n<p>Bei all diesen Zusammenst\u00f6\u00dfen zwischen den Klassen war die Putschabsicht der Rechten und des Imperialismus offensichtlich. Sie starten mehrere Anl\u00e4ufe f\u00fcr einen Putsch, denen sich die Arbeiter:innenklasse und das arme Volk widersetzten. Dabei entstanden immer neue Organe der Massen, die versuchten die Knappheit und die Herausforderungen der Verwaltung der Produktion in der Landwirtschaft und den Fabriken zu l\u00f6sen. Die Rolle der Regierung und der Kommunistischen Partei in dieser Entwicklung bestand darin, die Auseinandersetzungen zwischen den Klassen abzuschw\u00e4chen und die Rolle des b\u00fcrgerlichen Staates zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Der 29. Juni war eine Generalprobe f\u00fcr einen Milit\u00e4rputsch, der als \u201eTanquetazo\u201c in die Geschichte einging. Er diente dazu, die Kr\u00e4fte des Widerstands zu messen, \u00fcber die die Regierung und ihre Anh\u00e4ngerschaft verf\u00fcgen k\u00f6nnten. Die Putschisten waren in einem Panzerregiment organisiert und hatten die direkte und \u00f6ffentliche Unterst\u00fctzung der Rechten. 400 Soldaten mit einem Dutzend gepanzerter Fahrzeuge st\u00fcrmten in das Zentrum von Santiago und umzingelten das Verteidigungsministerium. Allende st\u00fctzte sich daraufhin auf den Oberbefehlshaber der Armee, Carlos Prats. Nach dieser Aktion im Juni verlor Prats die Unterst\u00fctzung seiner Kolleg:innen in der Armee und trat im August im Wissen um den bevorstehenden Putsch zur\u00fcck. Nach der Niederlage des Putsches vom Juni zog die KP Chiles jedoch eine andere Schlussfolgerung: \u201eDie Pl\u00e4ne der Rechten, die Streitkr\u00e4fte in ein Partisanenabenteuer zu verwickeln, waren gescheitert\u201c. Gem\u00e4\u00df ihrer Vision und Hypothese eines \u201efriedlichen Weges\u201c war die Abwehr des Putschversuches der Beweis f\u00fcr \u201edie Solidarit\u00e4t der Institutionen\u201c, die nach ihrer Logik in der Lage waren, den Staatsstreich niederzuschlagen und die \u201eLoyalit\u00e4t\u201c der Streitkr\u00e4fte zu beweisen.<\/p>\n<p><strong>Die Gegenwehr der Arbeiter:innenbewegung<\/strong><\/p>\n<p>Die Arbeiter:innen hatten jedoch nicht das volle Vertrauen in die Streitkr\u00e4fte, sondern organisierten den Widerstand. In den ersten Julitagen fand die massivste Bewegung von Betriebs\u00fcbernahmen statt, mehr als 500 in wenigen Tagen. In vielen Versammlungen wurde beschlossen, die Produktion unter die Kontrolle der Arbeiter:innen zu bringen und die von der Exekutive ernannten Schlichter:innen zu vertreiben. Lastwagen wurden beschlagnahmt und f\u00fcr den Transport von Kolonnen von Arbeiter:innen und Anh\u00e4nger:innen der Bewegung verwendet.<\/p>\n<p>Im \u201eCord\u00f3n San Joaquin\u201c forderten die Arbeiter:innen des Textilunternehmens \u201eSumar\u201c Waffen: \u201eWir wollen nicht mit nacktem Oberk\u00f6rper ins Zentrum gehen\u201c. \u00dcberall im Land wurden die Cordones reaktiviert. \u201eJede Fabrik hatte ihr eigenes Verteidigungskomitee, dem es gelang, Schilde, Helme, brennbares Material und Steine f\u00fcr Barrikaden zu sammeln. Es ist vielleicht der revolution\u00e4rste Moment in der Geschichte Chiles. Das hei\u00dft, der Moment in dem die unterdr\u00fcckte Klasse die Macht der Kapitalist:innen mit ihren eigenen Methoden bek\u00e4mpft. Im Juli erlie\u00df die Regierung von Allende das R\u00fcstungskontrollgesetz, ein Mittel, um einer Reihe von konterrevolution\u00e4ren Aktionen der herrschenden Klasse einen legalen Deckmantel zu geben. Arbeitspl\u00e4tze wurden gest\u00fcrmt, die R\u00e4umlichkeiten der CUT (Gewerkschaftsbund der chilenischen Arbeiter:innen) und der Linken wurden angegriffen. Die Bev\u00f6lkerung und die Arbeiter:innen wurden durch die Waffen der Armee eingesch\u00fcchtert. Dies f\u00fchrte Ende Juli zu einem weiteren Streik der LKW-Fahrer:innen (die <a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.cl\/El-paro-patronal-y-de-camioneros-en-1972-y-la-respuesta-de-la-clase-trabajadora\">auf der Seite der Unternehmen und der Armee<\/a> standen, Anm. d. \u00dcbersetzers). Die Reaktion der Arbeiter:innen besa\u00df die selbe Dynamik wie in fr\u00fcheren Gelegenheiten: Betriebe wurden zunehmend besetzt und die Kontrolle \u00fcber den Vertrieb und den Handel wurde verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Die Rolle der Streitkr\u00e4fte wurde immer deutlicher als ein Instrument im Dienste der Konterrevolution. All diese Ereignisse zeigen, dass der Putsch nicht vom Himmel fiel. Der chilenische Weg zum Sozialismus konnte nicht \u201efriedlich\u201c oder au\u00dferhalb der Dynamik des Klassenkampfes mit Zusammenst\u00f6\u00dfen, Schlachten und K\u00e4mpfen verlaufen. Der Widerstand gegen den Putsch kann nicht innerhalb der begrenzten M\u00f6glichkeiten agieren, die im Rahmen des b\u00fcrgerlichen Staates zur Verf\u00fcgung stehen. Salvador Allende und seine Volksfront betrachteten die Macht \u00fcber den Staat als Selbstzweck. Der Widerstand h\u00e4ngt auch davon ab, wie stark die Reaktion auf diese Abfolge von Putschversuchen ist. Die Arbeiter:innenklasse antwortete mit ihren Methoden und Organisationen, aber die Politik, die dominierte, war die der Regierung der Volksfront, die versuchte, die organisierten Arbeiter:innen zu beschwichtigen, womit sie aber schlie\u00dflich den Rechten den Boden bereitete, indem sie die Arbeiter:innenorganisationen und die \u201eCordones industriales\u201c angriff.<\/p>\n<p><strong>Der 11. September 1973<\/strong><\/p>\n<p>Die vorbereitenden Ma\u00dfnahmen f\u00fcr den Putsch wurden im Juli getroffen. Allende reagierte im August mit der Ernennung weiterer Gener\u00e4le zu Staatsministern und positionierte die Streitkr\u00e4fte zunehmend als Garanten der Ordnung. Gleichzeitig organiserten die Gener\u00e4le im Schatten den Putsch. Armando Cruces, Anf\u00fchrer des Cord\u00f3n Industrial Vicu\u00f1a Mackenna, erkl\u00e4rte aus der proletarischen Perspektive folgendes: \u201eDie Milit\u00e4rs in der Regierung sind, wie schon im Oktober 1972, eine Garantie f\u00fcr die Bosse\u201c. Ab Juli 1973 erkl\u00e4rten die Christdemokraten (DC), dass die UP-Regierung verfassungswidrig sei, weil sie die Selbstorganisation, die durch die Besetzung von Fabriken und die Ausweitung von Organen des Volkes wie den Cordones entstanden war, nicht mit Waffengewalt unterdr\u00fcckte.<\/p>\n<p>Am 4. September 1973, anl\u00e4sslich des dritten Jahrestages des Wahlsieges der UP, fand in der Hauptstadt Santiago die gr\u00f6\u00dfte Demonstration in der Geschichte Chiles im 20. Jahrhundert statt. Den Aufzeichnungen zufolge mobilisierten sich mehr als eine Million Arbeiter:innen. Jedoch hatten die Arbeiter:innen innerhalb der UP keinen Verb\u00fcndeten. Die W\u00fcrfel waren am 11. September bereits gefallen. Dennoch gab es eine Bereitschaft zum Widerstand, wie bei den bewaffneten Auseinandersetzungen gegen die Armee in den Fabriken von Sumar und in der Siedlung La Legua. Es gab einen Plan der Cordones, in das Stadtzentrum einzudringen. Trotz dieses heldenhaften Widerstands gab es keinen Aufruf der UP oder der KP Chiles zum Widerstand gegen den Staatsstreich.<\/p>\n<p>Die Errichtung einer Milit\u00e4rdiktatur unter dem Kommando der vier Teilstreitkr\u00e4fte bedeutete die blutige Unterdr\u00fcckung der Arbeiter:innenbewegung und vor allem der Avantgarde, die sich um die Cordones industriales, Gewerkschaften und Parteien organisierten. Die Folgen des von der Milit\u00e4rdiktatur errichtete wirtschaftliches, politisches und soziales Modell, das den neuen kapitalistischen Monopolen zugute kam, erfahren die Arbeiter:innen Chiles noch heute am eigenen Leib.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Angriff auf den Regierungssitz La Moneda in Santiago am 11. September 1973. Foto: santiagonostalgico \/ Flickr.com<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/50-jahre-nach-putsch-in-chile-lehren-aus-dem-friedlichen-weg-zum-sozialismus\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 12. September 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elizabeth Fern\u00e1ndez. Am 11. September 1973 putschte der chilenische General Augusto Pinochet. 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