{"id":13605,"date":"2023-09-15T12:17:35","date_gmt":"2023-09-15T10:17:35","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13605"},"modified":"2023-09-15T12:17:36","modified_gmt":"2023-09-15T10:17:36","slug":"nordkorea-ein-schmuddelkind-wird-75","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13605","title":{"rendered":"<strong>Nordkorea: Ein \u201eSchmuddelkind\u201d wird 75<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Rainer Werning. <\/em>Pj\u00f6ngjang, die Metropole der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK \u2013 Nordkorea), pr\u00e4sentierte sich am vergangenen Wochenende wieder einmal in Festtagsstimmung mit bis ins letzte Detail choreografierten Paraden und publicitytr\u00e4chtigem Auftritt ihrer politischen F\u00fchrung. Das Land beging den 75. Jahrestag seiner Staatsgr\u00fcndung am 9. September 1948<!--more--> durch Kim Il-Sung, dem Gro\u00dfvater des amtierenden Staatschefs Kim Jong-Un. Seit seinem Tod im Sommer 1994 ist Kim Il-Sung laut Verfassung der DVRK \u201eEwiger Pr\u00e4sident\u201c des Landes, weshalb das Pr\u00e4sidialamt abgeschafft ist. Anmerkungen jenseits \u201ewerteorientierter und regelbasierter Au\u00dfenpolitik\u201c.<\/p>\n<p><strong>Achtung unter Freunden<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Feierlichkeiten am vergangenen Wochenende sa\u00dfen Kim Jong-Un und seine Tochter auf einem Balkon \u00fcber dem ausladenden Kim-Il-Sung-Platz im Zentrum Pj\u00f6ngjangs, um die Paraden zu beobachten. Der russische Pr\u00e4sident Wladimir Putin hatte eine Gru\u00dfbotschaft \u00fcbermittelt, und eine chinesische Partei- und Regierungsdelegation unter der Leitung von Liu Guozhong, Mitglied des Politb\u00fcros des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas und Vizepremier des Staatsrats Chinas, f\u00fchrte Gespr\u00e4che mit dem Gastgeber, die laut Agenturberichten \u201ein einer herzlichen und freundlichen Atmosph\u00e4re\u201c stattfanden.<\/p>\n<p>In einem aktuellen Interview mit der russischen Nachrichtenagentur <em>TASS<\/em> brachte Alexander Mazegora, Moskaus Botschafter in Pj\u00f6ngjang, auch trilaterale Man\u00f6ver zwischen Russland, der Volksrepublik China und Nordkorea ins Gespr\u00e4ch. Dies sei, so der Botschafter, als gemeinsame Antwort auf die Milit\u00e4r\u00fcbungen der USA mit ihren Alliierten in der Region angebracht. Die Ansichten Russlands und Nordkoreas in internationalen Angelegenheiten stimmten fast vollst\u00e4ndig \u00fcberein, erkl\u00e4rte Mazegora. Die Grundlage daf\u00fcr ist in seinen Augen Pj\u00f6ngjangs <em>\u201ebedingungslose Unterst\u00fctzung der russischen Position zur Ukraine-Krise\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Es herrsche<em> \u201etaktisches und strategisches gegenseitiges Verst\u00e4ndnis\u201c <\/em>zwischen den beiden Seiten.<\/p>\n<p>So ist es nicht verwunderlich, dass in den Medien die Nachricht gehypt wird, es st\u00fcnde nach 2019 ein neuerliches Zusammentreffen von Putin und Kim in der russischen Stadt Wladiwostok kurz bevor. So das zutrifft, ginge es offensichtlich um Deals in puncto Waffen, Milit\u00e4rtechnologien sowie Lebensmittel und anderer G\u00fcter des t\u00e4glichen Bedarfs. Dass beide Seiten milit\u00e4risch n\u00e4her zusammenr\u00fccken, ist seit l\u00e4ngerer Zeit erkennbar. Ende Juli besuchte der russische Verteidigungsminister Sergei K. Schoigu Pj\u00f6ngjang, um anl\u00e4sslich des 70. Jahrestages der Unterzeichnung des Waffenstillstands am Ende des Koreakriegs an offiziellen Festlichkeiten teilzunehmen. Er wurde geradezu wie ein Popstar behandelt, und es ward dies der erste Besuch eines russischen Verteidigungsministers in Nordkorea seit dem Ende der Sowjetunion. Schoigu verfolgte dabei nicht nur die gro\u00dfe \u201eSiegesparade\u201c in Pj\u00f6ngjang, er besuchte gemeinsam mit Kim Jong-Un auch eine Ausstellung von nordkoreanischen Waffen. Kim und Schoigu sollen sich laut Agenturberichten zu milit\u00e4rischen Fragen ausgetauscht haben. Dabei sei es um den Schutz der Souver\u00e4nit\u00e4t, der Entwicklung und der Interessen beider L\u00e4nder vor dem Hintergrund der \u201eselbstherrlichen und willk\u00fcrlichen Praktiken der Imperialisten\u201c gegangen.<\/p>\n<p>Um angesichts mehrerer neuerlicher Gro\u00dfman\u00f6ver US-amerikanischer Truppenverb\u00e4nde mit s\u00fcdkoreanischen Einheiten auf der Halbinsel ein weiteres Zeichen der eigenen St\u00e4rke zu setzen, lie\u00df Nordkorea Mitte vergangener Woche sein erstes angeblich atomwaffenf\u00e4higes U-Boot vom Stapel. Beobachtern zufolge verf\u00fcgt es \u00fcber zehn Abschussrohre f\u00fcr ballistische Raketen. Die Ausr\u00fcstung der Marine mit Atomwaffen m\u00fcsse vorangetrieben werden, um US-amerikanischen und s\u00fcdkoreanischen Provokationen vorzubeugen, wurde Staatschef Kim Jong-Un am Freitag von der staatlichen nordkoreanischen Nachrichtenagentur <em>KCNA<\/em> zitiert.<\/p>\n<p>In all den Jahren folgte Pj\u00f6ngjangs Nomenklatura knallhart ihrer systemimmanenten Logik: Wenn schon nicht international geachtet, will die DVRK als selbsterkl\u00e4rte neunte Atommacht allein um des \u00dcberlebens willen auf Augenh\u00f6he ge\u00e4chtet sein.<\/p>\n<p><strong>Verachtung vonseiten der Feinde<\/strong><\/p>\n<p>\u201e<em>The Impossible State\u201c (\u201eDer unm\u00f6gliche Staat\u201c)<\/em> lautet der Titel des im Jahre 2013 in New York erschienenen Buches aus der Feder von Victor D. Cha. In diesem volumin\u00f6sen Opus, das nahezu 550 Seiten umfasst, begab sich der Autor auf Spurensuche in Sachen Nordkorea, dessen vergangene Geschichte und Zukunftsperspektiven den Hauptfokus seiner Abhandlung bilden. Victor Cha war ehemaliger nationaler au\u00dfenpolitischer Berater und als Direktor f\u00fcr asiatische Angelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat des Wei\u00dfen Hauses verantwortlich f\u00fcr Japan, Nord- und S\u00fcdkorea, Australien und Neuseeland. W\u00e4hrend der Amtszeit von George W. Bush (2001 bis 2009) diente er dem Pr\u00e4sidenten als Chefberater in puncto Nordkorea.<\/p>\n<p>Allein der Titel dieses Buches ist bezeichnend f\u00fcr die politische Position und Einstellung Washingtons vis-\u00e0-vis der Volksrepublik. Nichts h\u00e4tte man sich bereits seit Langem sehnlicher herbeigew\u00fcnscht als das Verschwinden der DVRK von der politischen Landkarte. Und unter vielen Nordkoreanern hat sich \u2013 vor allem nach dem desastr\u00f6sen Koreakrieg (1950 bis 1953) \u2013 ein Amerikabild ins Ged\u00e4chtnis gebrannt, das gepr\u00e4gt ist von der immensen Verw\u00fcstung des Landes. \u00dcberliefert sind Stellungnahmen von US-Bomberpiloten in jenen Tagen, da sich diese dar\u00fcber \u201ebeklagten\u201c, es g\u00e4be in Nordkorea \u201epartout keine Ziele\u201c mehr. Was seitens der USA und ihrer Verb\u00fcndeten als \u201ePolizeiaktion\u201c der UNO deklariert war, dauerte drei lange Jahre und forderte furchtbare Opfer: Dreieinhalb Millionen Koreaner und eine Million Chinesen verloren ihr Leben; fast drei Millionen Amerikaner taten Dienst in Korea, 36.914 von ihnen wurden get\u00f6tet, \u00fcber 100.000 verwundet.<\/p>\n<p>An gegenseitigen Attacken bitterster Art hat es nie gemangelt. US-Pr\u00e4sident George W. Bush beispielsweise nannte Kim Jong-Il, den Vater des amtierenden nordkoreanischen Staatschefs, einen \u201ePygm\u00e4en\u201c \u2013 was in Pj\u00f6ngjang die Retourkutsche provozierte, die USA seien \u201eeine Nation von Kannibalen\u201c und \u201e(befallen) von moralischer Lepra\u201c. Und Ex-Pr\u00e4sident Donald J. Trump schwadronierte w\u00e4hrend seiner Rede vor der UN-Vollversammlung im Herbst 2017 von \u201eder Vernichtung Nordkoreas\u201c samt \u201edes Raketenmanns Kim\u201c. Was Trump und den so Gescholtenen nicht daran hinderte, sich Mitte Juni 2018 pers\u00f6nlich zu einem wahrlich historischen Gipfel im s\u00fcdostasiatischen Stadtstaat Singapur zu treffen! Dies verleitete den langj\u00e4hrigen CIA-Mitarbeiter und Washingtons fr\u00fcheren Botschafter in S\u00fcdkorea, Donald P. Gregg, bereits vor Jahren zu dem Statement:<\/p>\n<p>\u201e<em>Die USA verf\u00fcgen \u00fcber keine koh\u00e4rente Politik vis-\u00e0-vis Nordkorea. In Washington ist lediglich eine Haltung gegen\u00fcber der Volksrepublik erkennbar. Und diese ist gespeist aus Hass.\u201c <\/em><\/p>\n<p><strong>Koloniale Verm\u00e4chtnisse<\/strong><\/p>\n<p>Nach langj\u00e4hriger japanischer Kolonialherrschaft (1910 bis 1945) widerfuhr Korea aufgrund seiner geostrategischen Lage das uns\u00e4gliche \u201ePech\u201c, als Kolonie nun auch noch \u2013 anstelle des Aggressors Japan \u2013 geteilt worden zu sein! Die Siegerm\u00e4chte des Zweiten Weltkrieges, die USA und die Sowjetunion, hatten sich n\u00e4mlich darauf verst\u00e4ndigt, das ostasiatische Land zun\u00e4chst treuh\u00e4nderisch zu verwalten \u2013 und das entlang einer sprichw\u00f6rtlich am Rei\u00dfbrett gezogenen Linie entlang des 38. Breitengrads, die seinerzeit im US-State Department ersonnen ward. S\u00fcdlich davon hatten die USA und n\u00f6rdlich davon die Sowjetunion das Sagen.<\/p>\n<p>Schroffe Konflikte waren programmiert, die schlie\u00dflich im Sommer 1950 zum Bruderkrieg f\u00fchrten, der rasch internationalisiert und erst drei Jahre sp\u00e4ter lediglich mit einem Waffenstillstandsabkommen enden sollte. In S\u00fcdkoreas Metropole wurde nach dem Kriegsende seitens der US-amerikanischen Milit\u00e4rregierung <em>(USAMGIK)<\/em> der eigens aus dem Exil eingeflogene antikommunistische Hardliner Rhee Syngman als F\u00fchrungsperson installiert, w\u00e4hrend im Norden Kim Il-Sung, einer von zahlreichen antijapanischen Partisanen, zur politischen Leitfigur avancierte \u2013 freilich mit tatkr\u00e4ftiger Unterst\u00fctzung seitens des sowjetischen Generaloberst Terenti F. Schtykow. Dieser hatte nicht nur die Befreiung Nordkoreas vom japanischen Kolonialjoch beaufsichtigt; er fungierte 1945 bis 1948 de facto auch als Chef der dort stationierten Roten-Armee-Besatzungstruppen und sodann bis 1950 als Moskaus erster Botschafter in der DVRK. Unter Schtykows \u00c4gide gelang Kim Il-Sung der Aufstieg zur politischen Macht, und es war der sowjetische General, der auch ma\u00dfgeblich am Entwurf der ersten nordkoreanischen Verfassung sowie an der Durchf\u00fchrung einer umfassenden Agrarreform im Fr\u00fchjahr 1946 beteiligt war.<\/p>\n<p>Rhee Syngman hatte am 15. August 1948 endg\u00fcltig die Teilung Koreas besiegelt, als er die Republik Korea (ROK \u2013 S\u00fcdkorea) ausrief. Knapp vier Wochen sp\u00e4ter zog Kim Il-Sung nach und proklamierte in Pj\u00f6ngjang die DVRK. S\u00fcdkorea war als antikommunistischer \u201eFrontstaat\u201c par excellence ein Hort der Reaktion, einstige projapanische Kollaborateure blieben dort unbehelligt und die politische Legitimation Rhees blieb stets gering. Kim indes konnte sich immerhin als Nationalist und antijapanischer Partisanenk\u00e4mpfer pr\u00e4sentieren, dem Zeitzeugen volksnahe und charismatische F\u00fchrungsqualit\u00e4ten bescheinigten.<\/p>\n<p>Mit den jeweiligen Staatsgr\u00fcndungen hatten sich die sozialpolitischen Konflikte auf der Halbinsel derma\u00dfen versch\u00e4rft, dass bewaffnete Auseinandersetzungen immer h\u00e4ufiger stattfanden. Was urspr\u00fcnglich als Klassenkampf begann, wuchs sich sukzessiv zum B\u00fcrgerkrieg aus und entfaltete eine Eskalationsdynamik durch die Internationalisierung des Krieges als <em>Koreakrieg.<\/em> An ihm waren von 1950 bis 1953 22 L\u00e4nder entweder mit Kampftruppen oder mit medizinischen Einheiten zur Unterst\u00fctzung S\u00fcdkoreas unter der Flagge der Vereinten Nationen, wiewohl unter US-Oberkommando, beteiligt. Auf Seiten Nordkoreas k\u00e4mpften <em>Freiwilligenverb\u00e4nde<\/em> der chinesischen Volksarmee sowie eine nicht genau bekannte Zahl sowjetischer Piloten. W\u00e4hrend ausl\u00e4ndische Truppen die DVRK nach dem Krieg verlie\u00dfen, verblieben UN-Verb\u00e4nde und US-Truppen (aktuell 28.500 Mann) bis heute ununterbrochen in S\u00fcdkorea \u2013 ein Anachronismus ohnegleichen! Und es ist ein US-amerikanischer Viersternegeneral (aktuell General Paul J. LaCamera), der als unzeitgem\u00e4\u00dfer Prokonsul im gut 60 Kilometer s\u00fcdlich der s\u00fcdkoreanischen Metropole Seoul gelegenen Hauptquartier Camp Humphreys residiert, der zurzeit weltweit gr\u00f6\u00dften US-Milit\u00e4rbasis au\u00dferhalb des nordamerikanischen Kontinents.<\/p>\n<p>So zerst\u00f6rerisch der Koreakrieg war und bis heute immer noch eines Friedensvertrags harrt (!), so aufgeheizt aggressiv blieb seitdem das bilaterale Klima zwischen Seoul und Pj\u00f6ngjang \u2013 was nicht ausschloss, dass es zwischenzeitlich kurze Phasen der Entspannung gab, f\u00fcr die beispielsweise S\u00fcdkoreas Pr\u00e4sident Kim Dae-Jung als Architekt einer sogenannten \u201eSonnenscheinpolitik\u201c im Dezember 2000 der Friedensnobelpreis zuerkannt wurde.<\/p>\n<p>\u201e<strong>Sozialismus in den eigenen Farben\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Bereits um die Jahreswende 1990\/1991 hatten Nord- und S\u00fcdkorea einen Auss\u00f6hnungs- und Normalisierungsvertrag ausgehandelt, der den beiderseitigen Austausch in den Bereichen Kultur, Wirtschaft und Politik vorsah und gemeinsame Besuchsprogramme erm\u00f6glichen sollte. Die Vertragsunterzeichnung fiel allerdings in eine f\u00fcr Nordkorea \u00fcberaus bedeutsame Umbruchphase. In Berlin war die Mauer gefallen, der Zusammenbruch der Sowjetunion und anderer realsozialistischer Regime in Osteuropa stand bevor. F\u00fcr Pj\u00f6ngjang bedeutete die Politik von <em>Glasnost <\/em>und <em>Perestrojka<\/em> in der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow nichts Gutes. Man witterte eine \u2013 so w\u00f6rtlich \u2013 \u201eideologische Kontaminierung\u201c und zog kurzerhand die im Ausland befindlichen beziehungsweise dorthin beorderten Kader und Techniker ab und schickte sie wieder nach Hause.<\/p>\n<p>Auf die Umbruchphase in Osteuropa reagierte Pj\u00f6ngjang auf seine Weise; es schottete sich gegen\u00fcber der (westlichen) Au\u00dfenwelt ab, setzte st\u00e4rker als zuvor auf ideologische Erziehung und Kampagnen, entwarf das Konzept des \u201eSozialismus in den eigenen Farben\u201c und propagierte den \u201estarken und gedeihenden Staat\u201c. Neben den Entwicklungen in der Sowjetunion und in Osteuropa gab es in der Volksrepublik selbst auch schwerwiegende innen- und wirtschaftspolitische Probleme. Die abrupte Umstellung des Handels auf Devisenbasis, immense R\u00fcstungsausgaben (etwa 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts) sowie komplette Ernteausf\u00e4lle in Folge verheerender Naturkatastrophen f\u00fchrten in einigen Regionen zu akuter Hungersnot und das Land nahezu in den Ruin.<\/p>\n<p>Trotzdem kollabierte das Land entgegen der Prognosen vieler sogenannter Experten internationaler Denkfabriken nicht. Einerseits untersch\u00e4tzten diese die Zusammensetzung und das mit Bedacht austarierte Machtgef\u00fcge der politisch dominanten F\u00fchrungsschicht. Zum anderen trug Pj\u00f6ngjangs zelebrierte <em>Dschutsche- (Juche-)Ideologie<\/em>, seine Variante einer autozentrierten Entwicklung und das Besinnen auf die eigenen Kr\u00e4fte, mit dazu bei, sich weder eng an Moskau oder an Beijing angelehnt zu haben. In der sino-sowjetischen Auseinandersetzung um die F\u00fchrungsrolle in der internationalen kommunistischen und Arbeiterbewegung in den fr\u00fchen 1960er-Jahren steuerte Pj\u00f6ngjang einen au\u00dfenpolitischen Kurs der \u00c4quidistanz, was ihm mitunter den Vorwurf des \u201eZentrismus\u201c eintrug.<\/p>\n<p>Seit 1994 schwelt ein Konflikt um Nordkoreas Nuklearprogramm, der zumindest bis zum Jahr 2000 deeskaliert werden konnte. W\u00e4hrend Pj\u00f6ngjang sich zu Abstrichen bereit erkl\u00e4rte, erhielt es im Gegenzug Sicherheitsgarantien im Rahmen eines bilateral mit Washington ausgehandelten <em>\u201eRahmenabkommens\u201c (\u201eAgreed Framework\u201c).<\/em> Ende Oktober 2000 weilte sogar die bis dahin h\u00f6chstkar\u00e4tige US-Delegation unter Leitung von Au\u00dfenministerin Madeleine Albright zur Staatsvisite in Pj\u00f6ngjang. Gastgeber Kim Jong-Il, der Sohn des Staatsgr\u00fcnders und Vater des amtierenden Staatschefs, zeigte sich zuversichtlich, den Atomstreit beilegen zu k\u00f6nnen. Selbst \u00fcber ein m\u00f6gliches Treffen zwischen US-Pr\u00e4sident Clinton und Kim Jong-Il wurde seinerzeit verhandelt, das dann aber wegen der Eskalation im pal\u00e4stinensisch-israelischen Konflikt \u2013 so die offizielle Begr\u00fcndung \u2013 abgesagt wurde.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt: 2000 war ein f\u00fcr Korea bedeutsames Jahr. Im Sommer fand der erste innerkoreanische Gipfel in Pj\u00f6ngjang statt. Auf der Halbinsel standen die Zeichen auf Entspannung, zumal auch und gerade die EU dort Flagge zeigten. Der damalige EU-Ratsvorsitzende, Schwedens Premier G\u00f6ran Persson, sowie EU-Au\u00dfenkommissar Chris Patten und der EU-Beauftragte f\u00fcr Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik, Javier Solana, reisten nach Pj\u00f6ngjang und Seoul, um den innerkoreanischen Dialog ausdr\u00fccklich gutzuhei\u00dfen. Nordkorea nahm derweil volle diplomatische Beziehungen mit mehreren westlichen L\u00e4ndern auf \u2013 darunter ab M\u00e4rz 2001 auch mit der Bundesrepublik Deutschland. Dar\u00fcber hinaus stornierte Pj\u00f6ngjang die Produktion und Ausfuhr aller Raketen mit einer Reichweite von mehr als 500 Kilometern. In zwei strategischen Fragen \u2013 in der Atompolitik und bei den ballistischen Raketen \u2013 kamen sich Pj\u00f6ngjang und Washington so nahe, dass nicht nur ein Konsens zustande kam, sondern die gesamte Sicherheitsarchitektur in der Region davon zu profitieren schien. Washington lockerte sogar einige Wirtschaftssanktionen und setzte sich f\u00fcr erh\u00f6hte Hilfslieferungen an die Volksrepublik ein.<\/p>\n<p>All diese vielversprechenden Avancen wurden mit dem Amtsantritt von US-Pr\u00e4sident George W. Bush buchst\u00e4blich \u00fcber Nacht zur Makulatur. F\u00fcr ihn z\u00e4hlte die DVRK zur \u201eAchse des B\u00f6sen\u201c. Vor allem die von Bush angezettelten Feldz\u00fcge gegen Afghanistan und Irak lie\u00dfen in Pj\u00f6ngjang die Alarmglocken schrillen. Dort reklamierte man fortan f\u00fcr sich das \u201eRecht auf den Besitz des gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Abschreckungspotenzials\u201c. Im Klartext: Das eigene Atomprogramm wurde ausgeweitet und das Raketenarsenal betr\u00e4chtlich aufgestockt, modernisiert und wiederholt getestet.<\/p>\n<p>Apropos Bedrohungsfaktor auf der Koreanischen Halbinsel beziehungsweise wer bedroht da eigentlich wen? Der oben erw\u00e4hnte US-Viersternegeneral LaCamera ist in Personalunion Oberkommandierender der <em>United States Forces Korea (USFK), <\/em>des<em> Kommandos der Vereinten Nationen (United Nations Command \u2013 UNC) <\/em>sowie des<em> ROK\/U.S. Combined Forces Command (CFC) <\/em>\u2013 mit momentan noch immer auf s\u00fcdkoreanischem Boden stationierten 28.500 US-Soldaten. Im Kriegsfall gar w\u00e4ren die s\u00fcdkoreanischen Streitkr\u00e4fte ebenfalls seinem Befehl untergeordnet! Da hat Pj\u00f6ngjang wahrlich allen Grund, dem Ziehvater und Zuchtmeister einer \u201ewerteorientierten und regelbasierten Ordnung\u201c zu misstrauen.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: LMspencer\/shutterstock.com<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103762\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 15. September 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rainer Werning. Pj\u00f6ngjang, die Metropole der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK \u2013 Nordkorea), pr\u00e4sentierte sich am vergangenen Wochenende wieder einmal in Festtagsstimmung mit bis ins letzte Detail choreografierten Paraden und publicitytr\u00e4chtigem Auftritt ihrer politischen F\u00fchrung. 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